»O, du ungeduldiger Mann! Ich habe niemand hier als meinen guten alten

Onkel, einen früheren Missionar -- niemand als ihn und seine Frau. Es

würde mir so von Herzen lieb sein, wenn deine Mutter und deine Tante

Susanne -- --«

»_Unsere_ Mutter und _unsere_ Tante Susanne, meine Rosannah!«

»Ja, _unsere_ Mutter und _unsere_ Tante Susanne -- ich will gerne so

sagen, wenn es dir recht ist; es wäre mir so lieb, wenn sie bei der

Trauung zugegen wären.«

»Ich möchte es auch. Wie wär's, wenn du an Tante Susanne

telegraphiertest? Wie lange würde es dauern, bis sie käme?«

»Der Dampfer geht übermorgen von San Francisco ab und ist acht Tage

unterwegs; sie würde also am 31. März hier sein.«

»Dann bestimme den 1. April, teuerste Rosannah!«

»Ums Himmels willen, Alonzo, da würden wir ja zu Aprilnarren!«

»Wir würden dann jedenfalls die glücklichsten, welche die Sonne jenes

Tages auf dem ganzen weiten Erdenrund bescheint; was ficht's uns also

an? Sage am 1. April, Teure.«

»Nun denn, von Herzen gern, der 1. April soll es sein.«

»Wie herrlich! Bestimme auch die Stunde, Rosannah.«

»Ich liebe den Morgen mit seiner Frische und Heiterkeit. Paßt es dir um

acht Uhr morgens, Alonzo?«

»Die schönste Stunde des Tages -- da sie dich zu der meinigen macht.«

Es folgte eine Pause, während welcher ein Ton hörbar war, als

ob körperlose Geister Küsse austauschten; dann sagte Rosannah:

»Entschuldige mich nur für einen Augenblick, Lieber; ich muß einen

Besuch erwarten, drüben im andern Zimmer.«

Das junge Mädchen eilte in das Besuchszimmer und nahm an einem Fenster

Platz, das die Aussicht auf eine schöne Landschaft gewährte. Zur

Linken konnte man das hübsche Nuuanathal, eingesäumt von einer üppigen

Fülle tropischer Blumen und graziöser Kokospalmen, überschauen;

die anstoßenden niederen Hügel waren in das leuchtende Grün von

Zitronen- und Orangenbäumen gekleidet; die geschichtlich berühmte

Schlucht drüben, in welche der erste Kamehameha seine dem Untergange

geweihten Feinde hineintrieb, hatte wahrscheinlich ihre grausige

Geschichte vergessen, denn wie gewöhnlich am Mittag wölbte sich eine

Anzahl von Regenbogen über ihr. Gerade vor dem Fenster sah man die

wunderlich gebaute Stadt und hie und da eine Gruppe von dunkelfarbenen

Eingeborenen, die sich des fast unerträglich heißen Wetters freuten;

und weitab zur Rechten lag der ruhelose Ozean, der seine weiße Mähne im

Sonnenscheine schüttelte.

Rosannah saß wartend da, in ihrem leichten weißen Gewand, und fächelte

ihr erregtes und erhitztes Gesicht; endlich steckte ein halbnackter,

mit einem Cylinderhut bedeckter Kanakenknabe den Kopf zur Thür herein

und meldete: »Herr aus 'Friesko!«[8]

[8] Abkürzung für San Francisco.

»Weise ihn herein,« sagte das Mädchen, indem sie sich aufrichtete und

eine entschiedene Haltung annahm. Herr Sidney Algernon Burley trat

ein, von Kopf bis zu Fuß in blendendes Weiß, d. h. in die leichteste

und weißeste irische Leinwand gekleidet. Er trat rasch heran, aber das

Mädchen machte eine Bewegung mit der Hand und warf ihm einen Blick

zu, der ihn plötzlich stehen bleiben ließ. Sie sagte kalt: »Ich bin

hier, wie ich versprach. Ich glaubte Ihren Versicherungen, gab ihrem

ungestümen Drängen nach und sagte, ich würde den Tag bestimmen. Ich

bestimme den 1. April um acht Uhr des morgens. Und nun gehen Sie.«

»O, meine Teuerste, wenn die Dankbarkeit einer Lebenszeit -- --«

»Kein Wort mehr. Erlassen Sie mir Ihren Anblick und jeden Verkehr mit

Ihnen bis zu jener Stunde. Nein -- keine Bitten; ich will es so haben.«

Als er fort war, sank sie erschöpft in einen Stuhl, denn die lange

Belagerung des Kummers, die sie ausgehalten, hatte ihre Kraft

geschwächt. Gleich darauf sagte sie: »Mit knapper Not entkommen! Wenn

er eine Stunde früher gekommen wäre, -- -- es schaudert mich, wenn ich

daran denke! Denken zu müssen, daß es mit mir dahin gekommen wäre,

daß ich mir einbildete, dieses betrügerische, dieses falsche, dieses

verräterische Ungeheuer zu lieben! O, er soll seine Schurkerei bereuen!«

Wir wollen diese Geschichte jetzt rasch zu Ende führen, denn es ist nur

weniges noch zu sagen. Am 2. April enthielt der Honoluluer ›Anzeiger‹

folgende Notiz:

»_Verheiratet._ -- Dahier, per Telephon, gestern früh um acht

Uhr, durch den hochwürdigen Herrn Nathan Hays, unter Assistenz des

hochwürdigen Herrn Nathaniel Davis zu New York, Herr Alonzo Fitz

Clarence von Eastport in Maine, mit Fräulein Ethelton von Portland

in Oregon. Zugegen war Frau Susanne Howland von San Francisco, eine

Freundin der Braut, gegenwärtig zu Gast bei Herrn und Frau Hays,

dem Onkel und der Tante der Braut. Auch Herr Sidney Algernon Burley

von San Francisco war zugegen, blieb aber nicht bis zum Schluß der

Trauungsfeierlichkeit. Kapitän Hawthornes hübsche und geschmackvoll

dekorierte Yacht wartete im Hafen, und die glückliche Braut und ihre

Freunde brachen gleich darauf zu einem Ausflug nach Lahaina und

Haleakala auf.«

[Illustration]

Die New Yorker Zeitungen vom selben Datum enthielten folgende Notiz:

»_Verheiratet._ -- Dahier, gestern, per Telephon, um halb drei Uhr in

der Frühe, durch den hochw. Herrn Nathaniel Davis, unter Assistenz

des hochw. Herrn Nathan Hays zu Honolulu, Herr Alonzo Fitz Clarence

von Eastport in Maine und Fräulein Rosannah Ethelton von Portland in

Oregon. Die Eltern und mehrere Freunde des Bräutigams waren zugegen.

Nachdem die Gesellschaft ein festliches Frühstück genossen und sich bis

gegen Sonnenaufgang vergnügt unterhalten, brach sie zu einem Ausflug

nach dem Aquarium auf, da des Bräutigams Gesundheitszustand keine

ausgedehntere Reise zuläßt.«

Gegen das Ende jenes denkwürdigen Tages waren Herr und Frau Alonzo

Fitz Clarence in ein zärtliches Gespräch über die Vergnügungen ihrer

beiderseitigen Hochzeitsausflüge vertieft, als plötzlich die junge Frau

ausrief: »O Lonny, ich vergaß ganz! Ich that, was ich mir vorgenommen.«

»Was, Geliebte?«

»Ich machte _ihn_ zum Aprilnarren! Und ich sagte es ihm auch! O, es

war eine reizende Ueberraschung! Da stand er, schmorend in einem

schwarzen Anzug, während das Thermometer oben zur Röhre hinauswollte,

in Erwartung der Trauung. Du hättest die Miene sehen sollen, die er

machte, als ich es ihm ins Ohr flüsterte! Ach, seine Verruchtheit hatte

mir viel Herzeleid gebracht und manche Thräne erpreßt; aber in jenem

Augenblick war alles quitt. Das Gefühl der Rache wich gänzlich aus

meinem Herzen und ich lud ihn ein zu bleiben und sagte, ich habe ihm

alles vergeben; aber er wollte nicht. Er schwur, sich grimmig zu rächen

und unser Leben zu einem Fluch für uns zu machen. Aber das _kann_ er

nicht, mein Teuerster, nicht wahr?«

»Niemals in dieser Welt, meine Rosannah,« antwortete Alonzo innig. --

* * * * *

Tante Susanne, die Großmutter in Oregon, das junge Paar und ihre

Mutter zu Eastport sind alle glücklich, während ich dies schreibe, und

werden es wohl auch bleiben. Tante Susanne holte die Braut von den

Sandwichsinseln ab, begleitete sie über den amerikanischen Kontinent

und hatte das Glück, die entzückte Begegnung zweier sich anbetender

Ehegatten mitanzusehen, die bis dahin einander nie gesehen hatten.

Ein Wort über den nichtswürdigen Burley, dessen verruchte Ränke

beinahe die Herzen unseres lieben jungen Paares gebrochen und ihr

Leben elend gemacht hätten, wird genügen. Bei einem Anfall auf einen

verkrüppelten und hilflosen Arbeiter, der ihm, wie er sich einbildete,

eine geringfügige Beleidigung angethan hatte, zersprang sein Revolver

und tötete ihn auf der Stelle.

Die kapitolinische Venus.

Erstes Kapitel.

(Ort der Handlung: das Atelier eines Künstlers in Rom.)

»O George, wie liebe ich dich!«

»Meine Mary, mein geliebtes Herz, ich weiß es. Warum ist dein Vater so

unerbittlich?«

»George, er meint es gut, aber ihm ist die Kunst eine Thorheit;

er versteht nur den Spezereihandel. Er meint, ich würde bei dir

verhungern.«

»Verwünscht sei seine Klugheit! Warum bin ich nicht ein geldmachender,

herzloser Gewürzkrämer, statt eines gottbegabten Bildhauers -- der

nichts zu essen hat!«

»Verzage nur nicht, mein George! -- Alle seine Vorurteile werden

schwinden, sobald du erst einmal fünfzigtausend Dollars erworb -- --«

»Fünfzigtausend Teufel! -- Kind, ich bin mein Kostgeld noch

schuldig!« --

Zweites Kapitel.

(Ort der Handlung: eine Wohnung in Rom.)

»Geehrter Herr, alles Reden ist unnütz. Ich habe nichts gegen Sie; aber

ich kann meine Tochter nicht an ein Ragout von Liebe, Kunst und Hunger

verheiraten -- und sonst haben Sie, glaube ich, nichts zu bieten.«

»Mein Herr, ich bin arm, ich leugne es nicht. Aber hat denn der Ruhm

keinen Wert? Der Senator Belem Fyoodle von Arkansas sagt, daß meine

neue Statue der Amerika ein treffliches Werk der Bildhauerkunst ist und

er die Ueberzeugung hegt, mein Name werde noch einmal berühmt werden.«

»Leeres Geschwätz! Was versteht der Esel aus Arkansas davon? -- Auf

den Marktpreis Ihrer marmornen Vogelscheuche kommt es an. Sechs Monate

haben Sie daran herumgemeißelt und jetzt giebt Ihnen keiner hundert

Dollars dafür. Nein, mein Herr. Weisen Sie mir fünfzigtausend Dollars

vor und Sie können meine Tochter haben -- andernfalls heiratet sie den

jungen Simper. Sie haben sechs Monate Zeit, die Summe herbeizuschaffen.

-- Guten Morgen, mein Herr.« --

* * * * *

»Ach, ich Unglücklicher!«

Drittes Kapitel.

(Ort der Handlung: das Atelier.)

»O John, Freund meiner Knabenjahre! Ich bin der unseligste der

Menschen.«

»Ein Einfaltspinsel bist du!«

»Nichts bleibt mir, das ich lieben könnte, als meine Statue der Amerika

-- und ach! selbst sie zeigt kein Mitgefühl für mich in ihren kalten

Gesichtszügen -- so schön und so herzlos!«

»Du bist ein Narr!«

»O John!«

»O Unsinn! -- Hast du nicht gesagt, du hättest sechs Monate Zeit, um

das Geld zusammen zu bringen?«

»Spotte nicht meiner Qual, John. Wenn ich sechs Jahrhunderte hätte, was

würde es mir nützen? Was könnte es einem armen Schlucker ohne Namen,

ohne Kapital, ohne Freunde helfen?«

»Hasenfuß, Kindskopf, Feigling, der du bist! Sechs Monate, um die Summe

herbeizuschaffen, und fünf sind genug!«

»Bist du von Sinnen?«

»Sechs Monate -- Zeit die Fülle! überlasse mir's -- ich verschaffe sie

dir.« --

»Was sprichst du, John? Wie in aller Welt willst du eine so ungeheure

Summe für mich auftreiben?« --

»Das laß meine Sorge sein, du darfst dich gar nicht hineinmischen!

Willst du die ganze Sache in meine Hände legen? Willst du geloben, dich

allem zu unterwerfen, was ich thue? Willst du mir schwören, alle meine

Handlungen gut zu heißen?«

»Mir schwindelt -- es wird mir schwarz vor den Augen -- aber -- ich

schwöre!«

Hierauf ergreift John einen Hammer und schlägt der Amerika mit der

größten Ruhe die Nase ab. Er holt noch einmal aus und zwei ihrer

Finger liegen auf dem Boden; noch ein Streich und von dem einen Ohr

fliegt ein Stück ab; noch einer und eine Reihe Zehen sind zertrümmert

und abgehauen; ein letzter Hammerschlag und das linke Bein, vom Knie

abwärts, liegt als Trümmerhaufen da.

John nimmt seinen Hut und geht.

* * * * *

George starrt dreißig Sekunden lang sprachlos auf die verstümmelte

Greuelgestalt, die vor ihm steht, dann wälzt er sich in Krämpfen am

Boden.

[Illustration]

Bald darauf kehrt John mit einem Wagen zurück, ladet den Künstler mit

dem gebrochenen Herzen, sowie die Statue mit dem gebrochenen Bein

auf und fährt in aller Gemütsruhe leise pfeifend davon. Den Künstler

schafft er nach dessen Wohnung, fährt mit der Statue weiter und

verschwindet mit ihr die ~Via Quirinalis~ hinunter.

Viertes Kapitel.

(Ort der Handlung: das Atelier.)

»Heute um zwei Uhr sind die sechs Monate um. O Höllenqual! Mein Leben

ist vernichtet! Ich wollte, ich wäre tot! Gestern nicht zu Nacht

gegessen -- heute kein Frühstück! Ich wage mich in kein Speisehaus

hinein. Aber hungrig bin ich -- o, still davon! -- Mein Schuster

plagt mich bis aufs Blut -- mein Schneider liegt mir in den Ohren --

mein Hauswirt mahnt mich zu zahlen. Wie elend bin ich! John habe ich

seit jenem entsetzlichen Tage nicht wieder gesehen. _Sie_ lächelt mir

zärtlich zu, wenn wir uns auf einer der Hauptstraßen begegnen, aber auf

den grausamen Wink ihres Vaters mit dem Kieselherzen muß sie gleich

nach der andern Seite sehen. -- Horch! Wer klopft an der Thür? Wer

verfolgt mich schon wieder? Gewiß dieser boshafte Halunke, der Schuster

-- Herein!«

* * * * *

»Ach -- Glück und Segen über Ew. Hoheit! Der Himmel beschütze Ew.

Gnaden. Ich habe Dero neue Stiefel gebracht. -- Bitte -- von Bezahlung

ist gar nicht die Rede -- damit hat es keine Eile -- nicht die

allergeringste; ich werde stolz sein, wenn der gnädige Herr mich auch

fernerhin mit seiner Kundschaft beehren will -- ergebenster Diener --

empfehle mich unterthänigst.«

»Er bringt die Stiefel selbst! Braucht keine Bezahlung! Empfiehlt

sich mit einem Kratzfuß wie für eine Majestät. Wünscht meine fernere

Kundschaft! Steht denn das Ende der Welt bevor? Was bei allen --

Herein!«

»Verzeihung, Signore, aber ich bringe Ihren neuen Anzug zum --«

»Herein!!«

»Bitte tausendmal um Entschuldigung, wenn ich störe, gnädiger

Herr. Ich habe die Reihe schöner Zimmer im unteren Stock für Sie

hergerichtet. Dieses elende Loch paßt ja durchaus nicht für --«

»Herein!!!«

»Ich komme Ihnen zu melden, daß Ihr Kredit in unserem Bankhause, der

leider seit einiger Zeit unterbrochen war, in durchaus befriedigender

Weise aufs neue wieder eröffnet ist. Wir stehen mit Vergnügen zu Ihren

Diensten, welchen Betrag Sie auch zu entnehmen wünschen --«

»Herein!!!!«

»Mein wackerer Junge! Sie ist die Deinige! Sogleich wird sie hier sein.

Nimm sie, heirate sie, liebe sie, seid glücklich! Gott segne euch

beide. Hurra! Hoch!«

»Herein!!!!!«

»O George, mein Geliebter, wir sind gerettet!«

»O Mary, mein teures Herz, wir sind gerettet! Aber, bei meiner Seele --

ich weiß weder warum noch wie!« --

Fünftes Kapitel.

(Ort der Handlung: ein Kaffeehaus in Rom.)

Mehrere amerikanische Herren sitzen beisammen. Einer derselben

liest und übersetzt aus dem Wochenblatt: ~Il Slangwhanger di

Roma~ den folgenden Artikel:

_Wunderbare Entdeckung._

»Vor etwa sechs Monaten kaufte Herr John Smith, ein Amerikaner,

seit einigen Jahren in Rom wohnhaft, für eine unbedeutende

Summe ein kleines Stück Land in der Campagna, gerade hinter

dem Grabmal der Familie Scipio, von dem Eigentümer, einem

bankerotten Verwandten der Prinzessin Borghese. Hierauf begab

sich Herr Smith zum Minister der öffentlichen Angelegenheiten

und ließ das Grundstück auf einen armen amerikanischen Künstler

Namens George Arnold übertragen, indem er erklärte, er thäte

das als Vergütung und Ersatz für einen baren Schaden,

welchen er vor langer Zeit zufällig an Herrn Arnolds Eigentum

angerichtet habe. Auch fügte er hinzu, er wolle, um den Herrn

völlig zufrieden zu stellen, verschiedene Verbesserungen auf

dem Grundstück für eigene Rechnung ausführen lassen.

Vor vier Wochen nun, bei Gelegenheit einer notwendigen

Umgrabung auf dem Grundstück, förderte Herr Smith die

herrlichste antike Statue zu Tage, welche jemals den reichen

Kunstschätzen Roms hinzugefügt worden ist. Es war eine

wundervolle Frauengestalt, die, obgleich auf traurige Weise im

Erdboden von dem Moder der Jahrhunderte beschädigt, dennoch

jedes Auge durch ihre hinreißende Schönheit entzücken muß.

Die Nase, das linke Bein vom Knie an, ein Ohr, zwei Finger

einer Hand, sowie die Zehen des rechten Fußes fehlen; im

übrigen ist die edle Gestalt aber wunderbar gut erhalten. Die

Regierung sandte sofort eine Wache ab, um Beschlag auf die

Statue zu legen und setzte eine Kommission von Kunstkennern,

Altertumsforschern und Kirchenfürsten ein, um ihren Wert

abzuschätzen und die Höhe der Entschädigung zu bestimmen,

welche dem Besitzer des Grund und Bodens gebühre, auf dem sie

gefunden worden. Bis zum gestrigen Abend herrschte über die

ganze Angelegenheit das tiefste Geheimnis und die Kommission

hielt ihre Sitzungen bei verschlossenen Thüren. Schließlich war

einstimmig festgestellt, daß die Statue eine Venus sei und von

einem unbekannten aber hochbegabten Künstler aus dem dritten

Jahrhundert vor Christo herrühre. Sie ward für das tadelloseste

Kunstwerk erklärt, das die Welt je gesehen hat.

Um Mitternacht erfolgte die Schlußberatung, in welcher die

Venus auf die ungeheure Summe von zehn Millionen Franken

geschätzt ward. Da nach römischem Gesetz und Brauch der

Staat zur Hälfte Eigentümer aller in der Campagna gefundenen

Kunstschätze ist, so hat die Regierung weiter nichts zu thun,

als Herrn Arnold fünf Millionen Franken zu zahlen und dauernden

Besitz von der schönen Statue zu nehmen. Heute morgen wird die

Venus auf das Kapitol geschafft und dort bleibend aufgestellt

werden. Am Nachmittag begiebt sich darauf die Kommission

zu Herrn Arnold, um ihm eine Anweisung für die päpstliche

Schatzkammer zu übergeben, welche auf die fürstliche Summe von

fünf Millionen Franken in Gold lautet.«

_Chor von Stimmen_: »Ein unerhörtes Glück. So etwas ist noch gar nie

dagewesen!«

_Eine Stimme_: »Meine Herren, ich schlage vor, daß wir sofort eine

amerikanische Aktiengesellschaft gründen zur Erwerbung von Landbesitz

und Ausgrabung von Bildwerken. Für rechtzeitiges Steigen und Fallen der

Papiere sollen unsere New Yorker Börsenagenten Sorge tragen.«

_Alle_: »Einverstanden!«

[Illustration]

Sechstes Kapitel.

(Ort der Handlung: das römische Kapitol.)

(Zehn Jahre später.)

»Teure Mary, dies ist die berühmteste Statue der Welt, die gefeierte

›kapitolinische Venus‹, von der du so viel gehört hast. Da steht sie --

ihre kleinen Schäden sind restauriert, (das heißt ausgeflickt) durch

die angesehensten römischen Künstler. Die bloße Thatsache, daß sie an

einer so edlen Schöpfung jene bescheidenen Ausbesserungen vorgenommen

haben, wird ihrem Namen Glanz verleihen, so lange die Erde steht. Wie

sonderbar kommt er mir doch vor -- dieser Ort! Einen Tag vor dem, wo

ich zuletzt, vor zehn glücklichen Jahren, hier stand, -- war ich kein

reicher Mann. Gott bewahre! Ich besaß nicht einen roten Heller. Und

doch hatte ich mein redlich Thun dabei, daß Rom in den Besitz dieses

größten Werkes antiker Kunst gelangt ist, welches die Welt kennt.«

»Die angebetete, die gefeierte kapitolinische Venus! Und wie hoch

schätzte man ihren Wert -- auf zehn Millionen Franken, nicht wahr?«

»Ja -- _jetzt_.«

»Aber, George, sie ist auch göttlich schön!«

»Jawohl -- doch nichts gegen das, was sie war, ehe der treffliche John

Smith ihr das Bein zerbrach und die Nase abschlug. Erfindungsreicher

Smith! -- erleuchteter Smith! -- edler Smith! Urheber all unseres

Glücks! -- -- -- Aber Mary, um des Himmels willen, horch! -- Weißt du,

was das Röcheln bedeutet? -- Das Kleine hat den Keuchhusten und du

bringst es hierher! Wirst du denn niemals lernen auf Kinder acht geben?«

Schluß.

Die kapitolinische Venus steht noch auf dem Kapitol zu Rom und ist

immer noch das bezauberndste und berühmteste antike Kunstwerk,

dessen die Welt sich rühmen kann. Wenn der Leser jemals das Glück

haben sollte, davor zu stehen und in das übliche Entzücken darüber

auszubrechen, so möge ihn diese wahre und geheime Geschichte ihres

Ursprungs bei dem Genuß nicht stören.

Wer aber von dem ›Versteinerten Menschen‹ liest, der bei Syracuse im

Staate New York oder anderswo ausgegraben worden ist, der sei auf

seiner Hut. Will der Barnum, der ihn dort eingegraben hat, ihn für eine

Unsumme verkaufen, so soll er sich damit an den Papst wenden.

* * * * *

_Anmerkung._ Obige Skizze wurde zu einer Zeit geschrieben,

als der Schwindel mit dem ›Versteinerten Menschen‹ in Amerika

Aufsehen erregte.

Mehr Glück als Verstand.

(Anm. Dies ist keine erfundene Geschichte. Ein Geistlicher,

der vor vierzig Jahren Lehrer an der englischen Kriegsschule

in Woolwich war, hat sie mir erzählt und sich für die Wahrheit

verbürgt. -- M. T.)

Es war in London bei dem Festmahl, das zu Ehren einer der wenigen

großen militärischen Berühmtheiten der Gegenwart gegeben wurde, welche

England besitzt. Den wahren Namen und Titel dieses Kriegshelden und

Inhabers der höchsten Orden verschweige ich aus Gründen, welche jedem

sofort einleuchten werden. Ich will ihn Generallieutenant Arthur

Scoresby nennen.

Welcher Reiz doch in einem berühmten Namen liegt! Dort saß der Mann in

Fleisch und Blut, von dem ich viel tausendmal gehört hatte, seit jenem

Tage vor über dreißig Jahren, als der Glanz seines Ruhmes plötzlich

von einem Schlachtfeld der Krim bis zu den Sternen emporstieg, um nie

wieder zu verblassen! Ich verwandte kein Auge von dem Halbgott; sein

Anblick war mir wie eine wahre Herzenserquickung, ich konnte mich nicht

satt an ihm sehen. Nichts entging meiner scharfen Beobachtung: ich sah

die Ruhe, die Zurückhaltung, den edlen Ernst seines Antlitzes, die

biedere Redlichkeit, die sich in seinem ganzen Wesen ausprägte. Dabei

schien er weder ein Bewußtsein von seiner eigenen Größe zu haben, noch

zu bemerken, wie viele bewundernde Blicke auf ihn gerichtet waren,

mit wie tiefer, aufrichtiger, liebevoller Verehrung die Herzen der

Versammelten ihm entgegenschlugen.

[Illustration]

Zu meiner Rechten saß ein alter Bekannter von mir. Er war jetzt

Pfarrer, hatte jedoch nicht immer ein geistliches Amt bekleidet,

sondern sein halbes Leben als Lehrer in der Militärschule zu Woolwich

und im Feldlager zugebracht. In seinen Augen schimmerte ein seltsam

verschleierter Glanz, als er sich jetzt zu mir herabbog und auf den

Helden deutend, dem die Feier galt, mir verstohlen zuflüsterte:

»Im Vertrauen gesagt -- er ist ein Dummkopf, wie es keinen zweiten

giebt.«

Dieses Urteil überraschte mich aufs höchste. Wäre es über Napoleon,

Sokrates oder Salomo gefällt worden, mein Staunen hätte nicht größer

sein können. An der Wahrheitsliebe des Pfarrers zweifelte ich keinen

Augenblick, auch wußte ich, daß er große Menschenkenntnis besaß. Daher

stand es für mich sofort mit unumstößlicher Sicherheit fest, daß sich

die Welt in betreff dieses Helden im Irrtum befinden müsse: er war

wirklich ein Dummkopf. Mich interessierte nur noch, zu wissen, wie der

Pfarrer ganz allein und auf eigene Hand dies Geheimnis entdeckt habe.

Ich beschloß, mich bei nächster Gelegenheit danach zu erkundigen.

Einige Tage später that ich das und der Pfarrer erzählte folgendes:

»Vor vierzig Jahren war ich als Lehrer an der Militärschule zu Woolwich

und hörte in der Abteilung, bei welcher sich der junge Scoresby befand,

dem Probeexamen zu. Mit aufrichtigem Mitleid bemerkte ich, daß,

während seine Klassengefährten kluge und richtige Antworten gaben,

er sozusagen _gar nichts_ wußte. Er machte den Eindruck eines guten,

freundlichen, harmlosen und liebenswürdigen jungen Menschen und es war

mir höchst peinlich, ihn mit der größten Unbefangenheit Antworten geben

zu hören, die eine wahrhaft beispiellose Unwissenheit und Dummheit

verrieten. Voll innigem Mitgefühl sagte ich mir, daß er zwar beim

Examen bestimmt durchfallen müsse, es aber doch menschenfreundlich

wäre ihm beizustehen, damit seine Niederlage ihn nicht völlig zu Boden

schmettere.

»So nahm ich ihn denn besonders vor und entdeckte, daß er mit Cäsars

Geschichte einigermaßen vertraut war; da er im übrigen gar nichts

wußte, machte ich mich ans Werk und trichterte ihm, im Schweiße meines

Angesichts, ein Dutzend Antworten auf die herkömmlichen Fragen über

Cäsar ein. Und mit Hilfe dieser ganz oberflächlichen Einpaukerei --

sollte man sich so etwas vorstellen -- bestand er nicht nur sein Examen

glänzend, sondern erntete noch Lobsprüche obendrein, während andere,

die tausendmal mehr wußten als er, einfach durchfielen. Ein merkwürdig

glücklicher Zufall, wie er vielleicht im Laufe eines Jahrhunderts

nicht zum zweitenmal vorkommt, hatte nämlich gewollt, daß keine Frage

an ihn gerichtet wurde, auf welche ich ihm die Antwort nicht eingepaukt

hatte.

»So ging es auch mit den übrigen Fächern; ich lieh ihm meine

Hilfe, denn ich hatte Erbarmen mit ihm, wie eine Mutter mit ihrem

schwächlichen Kinde -- und siehe da -- jedesmal rettete er sich wie

durch ein Wunder vor dem Untergang.

Skizzenbuch · 第 13 / 19 段