Während die jungen Leute sich nun in die Bekanntschaft hineinplaudern,

nehmen wir uns die Freiheit, das Schönere und Holdere der beiden

genauer zu betrachten. Sie saß allein, in anmutiger Ungezwungenheit,

in einem reich möblierten Gemach, welches offenbar das Empfangszimmer

einer feinen und reichen Dame war. Neben einem niederen, bequemen

Sessel stand ein zierliches Arbeitstischchen, auf dem sich ein

phantastisch gestickter flacher Korb erhob, aus dessen offenem

Deckel sich Stickgarn von verschiedenen Farben, Litzen und Bänder

hervordrängten und in nachlässiger Fülle herabhingen. Auf einem üppigen

Sofa, das mit einem weichen indischen, aus schwarzen und goldenen Fäden

gewebten, und von anderen Fäden in gedämpfteren Farben durchschossenen

Stoffe überzogen war, lag eine noch unfertige Straminarbeit, einen

in reichen Farben prangenden Blumenstrauß darstellend. Die Hauskatze

schlief gerade auf diesem Kunstwerk. In einem Bogenfenster stand eine

Staffelei mit einem unvollendeten Gemälde, Palette und Pinsel lagen

auf einem Stuhle daneben. Bücher, wohin man sah: Robertsons Predigten,

Tennyson, Moody und Sankey, Hawthorne, Longfellow, Kochbücher,

Gebetbücher, Stickmusterbücher, nicht zu vergessen alle Arten von

Büchern über Renaissancemöbel und Majolikas. Auch ein Piano war da mit

einem Stoß Musikalien daneben. An den Wänden hing eine Menge Bilder,

andere standen auf Kaminsims und Eckbrettern, und wo sich ein Plätzchen

dazu fand, waren plastische Figuren, altmodischer Nippsachen-Krimskrams

und besonders viel seltenes und kostbares chinesisches Porzellan

aufgestellt. Das Bogenfenster ging auf einen Garten, aus dem fremde und

einheimische Blumen und blühende Sträucher hervorstrahlten.

[Illustration]

Aber das holde junge Mädchen war das reizendste, was dieser Wohnsitz

drinnen und draußen dem Auge bieten konnte: zartgeformte Züge von

griechischem Schnitte, ihre Gesichtsfarbe der reine Schnee einer Lilie,

auf die von einem scharlachfarbenen Gartennachbar ein schwacher Abglanz

fällt; große, sanfte blaue Augen, mit langen, geschweiften Wimpern

befranst; im Gesicht die Treuherzigkeit eines Kindes und die Sanftmut

eines Rehes; der hübsche Kopf mit goldglänzendem Haar verschwenderisch

reich gekrönt; eine geschmeidige und doch wohlgerundete Gestalt, die in

jeder Haltung und Bewegung von natürlicher Anmut erfüllt war.

Ihr Anzug und Schmuck zeigte jene ausgesuchte Harmonie, die nur von

einem feinen natürlichen, durch Kultur vervollkommneten Geschmack

kommen kann. Ihr Kleid war von einfachem, magentafarbenen Tüll,

der Quere nach geschnitten und gekreuzt von drei Reihen hellblauer

Falbeln; der Ueberwurf von dunkelrotbraunem Tarlatan, mit Stickereien

von scharlachfarbenem Atlas; kornfarbige Polonaise ~en panier~, mit

Perlmutterknöpfen und Silberschnüren besetzt, nach hinten aufgenommen

und mit Litzen von lederfarbenem Sammet befestigt; Schöße von

lavendelfarbenem Rips, mit Valenzienner Spitzen ausgeputzt; Krawatte

von kastanienfarbenem Sammet, mit zarter Rosaseide eingefaßt; Halstuch

von einem einfachen dreifaltigen, in der Wolle gefärbten Gewebe von

gedämpftem Safrangelb; Korallenarmbänder und Halskette mit Medaillon;

Haarschmuck von Vergißmeinnicht und Maiblümchen, die sich zahlreich um

eine edle Calla drängten.

Das war alles; doch selbst in diesem schlichten Anzug war sie göttlich

schön; was müßte sie erst gewesen sein, wenn geschmückt zum Fest oder

Ball?

Ahnungslos, daß wir sie dieser Besichtigung unterzogen, hatte sie

mittlerweile eifrig mit Alonzo geplaudert. Rasch enteilten die Minuten,

und noch immer plauderten sie. Endlich aber blickte sie zufällig empor

und sah auf die Uhr. Ein tiefes Erröten durchschoß ihre Wangen und sie

rief aus:

»Und nun adieu, Herr Fitz Clarence; ich muß jetzt gehen!«

Sie sprang mit solcher Hast von ihrem Stuhl empor, daß sie kaum des

jungen Mannes Abschiedsgruß hörte. Strahlend von Anmut und Schönheit

stand sie da und schaute verwundert auf die anklagende Uhr; dann

öffneten sich ihre vollen Lippen und sie sagte zu sich:

»Fünf Minuten über elf! Fast zwei Stunden, und es schienen keine

zwanzig Minuten zu sein. Du lieber Himmel, was wird er von mir denken!«

In demselben Augenblicke starrte Alonzo auf seine Uhr und sagte dann zu

sich:

»Fünfunddreißig Minuten über zwei Uhr! Fast zwei Stunden, und ich

glaubte, es wären keine zwei Minuten! Am Ende schwindelt die Uhr

wieder? Fräulein Ethelton! Nur einen Augenblick, bitte. Sind Sie noch

hier?«

»Ja, aber bitte schnell! muß sogleich gehen.«

»Möchten Sie so freundlich sein, mir zu sagen, wie viel Uhr es ist?«

Das Mädchen errötete wieder und sagte leise für sich: »Es ist geradezu

grausam, mich zu fragen!« und gab dann laut und mit bewundernswert

gespielter Gleichgültigkeit zur Antwort: »Fünf Minuten über elf.«

»So? ich danke Ihnen! Sie müssen also jetzt wirklich gehen?«

»Ja.«

»Das thut mir leid.«

Keine Antwort.

»Fräulein Ethelton!«

»Nun?«

»Sie -- Sie sind noch da, nicht wahr?«

»Ja; aber bitte, beeilen Sie sich. Was wollten Sie sagen?«

»Nun, ich -- nun, nichts Besonderes. Es ist so einsam hier. Es ist

viel verlangt, ich weiß es; aber möchten Sie wohl bald wieder mit mir

plaudern -- das heißt, wenn es Ihnen nicht unangenehm ist?«

»Ich weiß nicht -- aber ich will mich besinnen -- ich denke, ja.«

»O, tausend Dank! Fräulein Ethelton? ... O weh, sie ist fort, und da

sind die schwarzen Wolken und der wirbelnde Schnee und die stürmischen

Winde wieder! Aber sie sagte _adieu_! Sie sagte nicht Guten Morgen,

sie sagte adieu! ... Die Uhr ging also doch recht. Wie blitzbeschwingt

diese zwei Stunden waren!«

Er setzte sich nieder, blickte eine Weile träumerisch in das Feuer,

seufzte dann tief auf und sagte:

»Wie wunderbar! Vor zwei Stündchen noch war ich ein freier Mann, und

jetzt ist mein Herz in San Francisco!«

Um dieselbe Zeit saß Rosannah Ethelton, mit einem Buche in der Hand,

in der Fensternische ihres Schlafzimmers und blickte zerstreut hinaus

über die regnerischen Seen, die das ›goldene Thor‹ (Hafen von San

Francisco) wuschen, und flüsterte für sich: »Wie ganz anders er doch

ist als der arme Burley mit seinem leeren Kopf und seinem einzigen

komödiantenhaften Talent der Nachäffung.«

II.

Vier Wochen später unterhielt Herr Sidney Algernon Burley eine

fröhliche Frühstücksgesellschaft in einem prächtigen Salon auf

Telegraph Hill mit einigen köstlichen Nachahmungen der Stimmen und

Gebärden gewisser beliebter Schauspieler, gewisser Litteraten aus San

Francisco und Bonanzaer Granden.[7] Er war eine elegante Erscheinung,

und -- abgesehen von einem unbedeutenden Schielen -- ein hübscher

Mensch. Er schien sehr guter Stimmung zu sein, trotzdem blickte er von

Zeit zu Zeit voll unruhiger Erwartung nach der Thüre. Endlich erschien

ein Lakai, welcher der Frau vom Hause eine Botschaft brachte, worauf

die Dame verständnisvoll mit dem Kopf nickte. Das schien Burleys

Erwartung ein Ende zu machen; seine Lebhaftigkeit nahm nach und nach ab

und sein Gesicht einen niedergeschlagenen Ausdruck an.

[7] Besitzer von großen Farmen, sogenannten ›Bonanzafarmen‹.

Anm. des Uebers.

Die Gesellschaft entfernte sich, als es an der Zeit war, und er blieb

allein mit der Hausfrau, zu der er sagte:

»Es kann kein Zweifel mehr sein: sie weicht mir aus, sie entschuldigt

sich fortwährend. Wenn ich sie nur sehen, nur einen Augenblick mit ihr

sprechen könnte -- aber diese Ungewißheit --«

»Vielleicht ist ihr scheinbares Ausweichen bloßer Zufall. Gehen Sie in

das kleine Empfangszimmer droben und warten Sie einen Augenblick. Ich

muß rasch einen häuslichen Auftrag geben, der mir eben einfällt, und

will dann auf ihr Zimmer gehen. Sie wird sich gewiß bestimmen lassen,

Sie zu empfangen.«

Herr Burley ging die Stiege hinauf in der Absicht, das kleine

Empfangszimmer aufzusuchen; als er aber an ›Tante Susannes‹ Boudoir

vorüberging, dessen Thüre ein wenig offen stand, hörte er ein ihm

wohlbekanntes fröhliches Lachen; so ging er denn ohne anzuklopfen

und unangemeldet hinein. Ehe er aber seine Nähe bemerklich machen

konnte, hörte er Worte, die ihm schwer auf die Seele fielen und sein

Blut erkalten machten. Er hörte vor dem Telephon eine Stimme sagen:

»Liebste, es ist angekommen, es ist da.«

Dann hörte er Rosannah Ethelton, die mit dem Rücken gegen ihn stand,

antworten: »Das deinige auch, Teuerster!«

Er sah ihre vorgebeugte Gestalt sich noch tiefer herabbeugen; er hörte

sie etwas küssen -- nicht bloß einmal, sondern wieder und wieder! Seine

Galle kochte in ihm. Die herzbrechende Unterredung wurde fortgesetzt:

»Rosannah, ich wußte, daß du schön sein müßtest; aber dein Bild

übertrifft meine Ahnung: ich bin völlig geblendet!«

»Alonzo, es macht mich überglücklich, daß du das sagst. Ich weiß

zwar, daß es nicht wahr ist; aber ich bin trotzdem dankbar, daß du es

glaubst! Ich wußte, daß du edle Züge haben müßtest, aber die Anmut und

Majestät der Wirklichkeit machen die Schöpfung meiner Phantasie zu

einem armseligen Schattenbild.«

Burley hörte wieder jenen prasselnden Schauer von Küssen.

»Ich danke dir, meine Rosannah! Die Photographie schmeichelt mir, aber

daran mußt du nicht denken. -- Mein Schätzchen?«

»Ja, Alonzo?«

»Ich bin so glücklich, Rosannah.«

»O, Alonzo. Jetzt weiß ich, was Liebe ist. Ich schwebe in einem

prächtigen Wolkenland, in einem grenzenlosen Himmel zauberhaften und

sinnberauschenden Entzückens.«

»O, meine Rosannah! -- denn du bist ja mein, nicht wahr?«

[Illustration]

»Ganz, o, ganz dein, Alonzo, jetzt und immerdar! Den ganzen Tag

hindurch und in meinen nächtlichen Träumen höre ich immer ein Lied,

dessen holder Refrain lautet: Alonzo Fitz Clarence, Alonzo Fitz

Clarence zu Eastport im Staate Maine!«

»Verwünscht sei er! -- ich habe jetzt wenigstens seine Adresse!«

brüllte Burley innerlich und eilte fort.

Hinter dem ahnungslosen Alonzo aber stand plötzlich seine Mutter, ein

Bild des Staunens. Sie war vom Kopf bis zu den Füßen in Pelze gehüllt,

so daß außer Augen und Nase nichts von ihr zu sehen war. Sie stand

da, wie eine gute Allegorie des Winters, über und über mit feinen

Schneeflocken bestreut.

Hinter der ahnungslosen Rosannah stand Tante Susanne, ein zweites Bild

des Staunens. Sie war eine gute Allegorie des Sommers, denn sie war

leicht gekleidet und kühlte sich mit einem Fächer das heiße Gesicht.

Beiden Frauen standen Freudenthränen in den Augen.

»Haha!« rief Frau Fitz Clarence aus, »das erklärt, weshalb dich seit

sechs Wochen niemand aus deinem Zimmer zu bringen vermochte, Alonzo!«

»Aha!« rief Tante Susanne aus, »jetzt weiß ich, weshalb Sie in den

letzten sechs Wochen eine Einsiedlerin waren, Rosannah!«

[Illustration]

Die jungen Leute waren im Nu auf den Füßen, und standen betreten da,

wie Schmuggler von Gold und Juwelen, die man beim Handwerk ertappt hat.

»Sei gesegnet, mein Sohn! Ich bin glücklich in eurem Glück. Komm' in

deiner Mutter Arme, Alonzo!«

»Sei gesegnet, Rosannah, um meines lieben Neffens willen. Komm' in

meine Arme!«

Die Herzen schwammen in Wonne auf Telegraph Hill und in Eastport Square.

An beiden Orten wurden Diener gerufen. Dem einen wurde der Befehl

gegeben: »Wirf noch mehr Walnußbaumholz ins Feuer und bringe mir ein

siedheißes Glas Glühwein.« Dem andern wurde der Auftrag erteilt:

»Lösche das Feuer und bringe mir zwei Palmblattfächer und eine Flasche

Eiswasser.«

Dann wurden die jungen Leute weggeschickt, und die beiden älteren

setzten sich nieder, um die angenehme Ueberraschung zu besprechen und

Heiratspläne zu entwerfen.

Einige Minuten vorher stürzte Herr Burley aus dem Hause auf Telegraph

Hill, ohne jemandem zu begegnen oder von jemand förmlichen Abschied

zu nehmen. In unbewußter Nachahmung einer bekannten Stelle in einem

Melodrama zischte er zwischen den Zähnen hervor: »Sein soll sie niemals

werden! Ich hab's geschworen! Ehe die Natur ihren Winterhermelin

abgelegt haben wird, um den Smaragdschmuck des Frühlings anzulegen,

soll sie mein sein!«

III.

Ein paar Wochen später. -- Drei oder vier Tage lang empfing Alonzo

alle paar Stunden den Besuch eines sehr schmuck und gottesfürchtig

aussehenden Geistlichen, der auf einem Auge schielte; nach seiner

Visitenkarte war er der hochwürdige Melton Hargrave aus Cincinnati.

Er sagte, er habe sich ›seiner Gesundheit wegen‹ von der Seelsorge

zurückgezogen; wenn er gesagt hätte: ›wegen seiner Kränklichkeit‹,

würde ihn sein gesundes Aussehen und sein kräftiger Körperbau stark

Lügen gestraft haben. Er stellte sich als Erfinder einer Verbesserung

an Telephonen vor, der durch Verkauf des bezüglichen Patents sich

seinen Lebensunterhalt zu verdienen hoffte. »Heutzutage,« sagte er,

»kann jeder, der Lust hat, einen Telegraphendraht anzapfen, welcher ein

Lied oder ein Konzert aus einem Staate in einen andern leitet, sein

eigenes Telephon daranhängen und diebisch jene Musik anhören, während

sie vorübergleitet. Meine Erfindung wird dem ein Ende machen.«

»Nun,« antwortete Alonzo, »was kann dem Eigentümer der Musik daran

liegen, wenn ihm der Diebstahl nichts schadet?«

»Nichts,« sagte der Hochwürdige.

»Nun, also?« sagte Alonzo fragend.

»Angenommen aber,« antwortete der Hochwürdige, -- »angenommen, daß

statt der Musik, die im Vorübergleiten gestohlen werden kann, der Draht

Liebeszärtlichkeiten geheimster und heiligster Natur aussendet?«

Alonzo schauderte vom Scheitel bis zur Zehe. »Mein Herr, ich verstehe,

Ihre Erfindung ist unbezahlbar; ich muß sie haben -- um jeden Preis.«

Aber die Erfindung, welche aus Cincinnati bestellt war, wollte nicht

eintreffen. Alonzo verging vor Ungeduld: der Gedanke, daß Rosannahs

liebe Worte von irgend einem elenden Neugierigen geteilt würden,

war ihm eine Folter. Der Hochwürdige kam häufig und beklagte den

Verzug und sprach von Maßregeln, die er getroffen, um die Ankunft zu

beschleunigen. Das war ein kleiner Trost für Alonzo.

Eines Vormittags stieg der Hochwürdige die Treppe hinan und klopfte

an Alonzos Thür: es erfolgte keine Antwort. Er trat ein, blickte

forschend umher und eilte dann zum Telephon. Die ausnehmend sanften

fernen Töne des ›~Sweet By-and-By~‹ fluteten durch das Instrument. Die

Sängerin nahm wie gewöhnlich die fünf Noten, die den beiden ersten im

Chor folgten, um einen halben Ton zu tief, als der Hochwürdige sie --

in einer Stimme, welche diejenige Alonzos täuschend, nur mit einem

entfernten Anflug von Ungeduld, nachahmte -- plötzlich unterbrach:

»Mein Schatz?«

»Ja, Alonzo?«

»Bitte, singe das in dieser Woche nicht mehr, -- probiere etwas

Modernes.«

Ein leichter Schritt, wie er zu einem glücklichen Herzen paßt, wurde

jetzt auf der Treppe hörbar, worauf der Hochwürdige teuflisch lächelnd

rasch Zuflucht hinter den schweren Falten der sammetnen Fenstervorhänge

suchte. Alonzo trat ein, flog zum Telephon und sagte:

»Liebste Rosannah, wollen wir zusammen singen?«

»Etwas _Modernes_?« gab sie mit sarkastischer Bitterkeit zurück.

»Ja, wenn dir's recht ist!«

»Singen Sie's selbst, wenn es Ihnen beliebt!«

Dieses schnippische Wesen verblüffte und verletzte den jungen Mann. Er

sagte: --

»Rosannah, das sah dir nicht ähnlich.«

»Ich denke, es steht mir ebenso wohl an, als Ihre höfliche Rede Ihnen

anstand, Herr Fitz Clarence.«

»Herr Fitz Clarence! Rosannah, es lag nichts Unhöfliches in meinen

Worten.«

»O, wirklich! Dann habe ich Sie natürlich falsch verstanden und muß Sie

demütig um Verzeihung bitten, ha -- ha -- ha! Ohne Zweifel sagten Sie:

›Singe es _heute_ nicht mehr.‹«

»Singe heute -- _was_ nicht mehr?«

»Natürlich das Lied, das Sie erwähnten. Wie begriffsstutzig wir

plötzlich sind!«

»Ich erwähnte gar kein Lied.«

»O, wirklich nicht?«

»Nein, wirklich nicht!«

»Ich sehe mich zu der Bemerkung gezwungen, daß Sie es _thaten_!«

»Und ich sehe mich nochmals zu der Erklärung gezwungen, daß ich's

_nicht_ that.«

»Eine zweite Grobheit! Das genügt, mein Herr. Ich werde Ihnen nie

vergeben: alles ist aus zwischen uns.«

Dann hörte man ein verhaltenes Schluchzen. Alonzo sagte hastig:

»O, Rosannah, nimm diese Worte zurück! Dahinter steckt ein

schreckliches Geheimnis, irgend ein entsetzliches Mißverständnis. Im

vollen Ernst und ganz aufrichtig gesagt, ich habe nichts von einem

Lied erwähnt. Ich möchte dich um alles in der Welt nicht verletzen ...

Rosannah, Liebste? ... O, sprich mit mir, ich bitte dich!«

Es folgte eine Pause; dann hörte Alonzo des Mädchens Schluchzen wie

aus weiter Ferne; sie hatte sich vom Telephon zurückgezogen. Er erhob

sich mit einem schweren Seufzer und eilte aus dem Zimmer, vor sich

hinmurmelnd: »Ich muß meine Mutter aufsuchen. Sie wird ihr hoffentlich

die Ueberzeugung beibringen, daß ich sie nicht verletzen wollte.«

Eine Minute später krümmte sich der Ehrwürdige über das Telephon, wie

eine Katze, welche die Wege ihrer Beute kennt. Er brauchte nicht lange

zu warten; nach einigen Minuten hörte man eine sanfte, bereuende, von

Thränen zitternde Stimme sagen:

»Lieber Alonzo, ich hatte unrecht; du kannst etwas so Grausames nicht

gesagt haben. Es muß jemand gewesen sein, der deine Stimme im Scherz

oder aus Bosheit nachahmte.«

Der Hochwürdige antwortete kalt in Alonzos Stimme:

»Sie haben gesagt, daß alles zwischen uns vorüber ist; und so sei es.

Ich verschmähe Ihre angebotene Reue und verachte Sie!«

Dann entfernte er sich, strahlend vor Triumph, um nie mehr mit seiner

vorgeblichen Telephonverbesserung zurückzukehren.

Vier Stunden später kam Alonzo, der seine Mutter bei Bekannten hatte

suchen müssen, zurück. Sie riefen ihre Angehörigen in San Francisco

an, aber es erfolgte keine Antwort. Sie warteten und warteten am

sprachlosen Telephon.

Endlich, als in San Francisco die Sonne unterging, drei und eine halbe

Stunde nach der Dämmerung in Eastport, erfolgte eine Antwort auf den

oft wiederholten Ruf: ›Rosannah!‹

Aber ach! es war Tante Susannes Stimme, die sprach:

»War den ganzen Tag nicht zu Hause; bin eben heimgekehrt. Will sie

sogleich aufsuchen.«

Die Harrenden warteten zwei -- fünf -- zehn Minuten; dann kamen in

erschrockenem Ton folgende verhängnisvolle Worte: --

»Sie ist fort, und ihr Gepäck mit ihr, um eine auswärtige Freundin

zu besuchen, wie sie den Dienstboten sagte. Auf dem Tisch in ihrem

Zimmer aber fand ich eine Notiz mit den Worten: ›Ich bin gegangen;

forscht mir nicht nach; mein Herz ist gebrochen; ihr werdet mich nimmer

wiedersehen. Sagt ihm, ich werde immer an ihn denken, wenn ich mein

armes ›~Sweet By-and-By~‹ singe, nie aber an die unfreundlichen Worte,

die er darüber gesprochen.‹ So lautet ihre Mitteilung. Alonzo, Alonzo,

was hat das zu bedeuten? Was ist geschehen?«

Alonzo aber saß blaß und starr da wie eine Leiche. Seine Mutter zog

die sammetnen Vorhänge zurück und öffnete ein Fenster. Die kalte Luft

erfrischte den Leidenden, und er erzählte seiner Tante seine trübselige

Geschichte. Mittlerweile besichtigte seine Mutter eine Visitenkarte,

die auf dem Fußboden zum Vorschein gekommen war, als sie die Vorhänge

zurückzog. Auf der Karte stand: Sidney Algernon Burley, San Francisco.

»Der Schurke!« rief Alonzo und stürzte hinaus, um den falschen

Hochwürdigen zu suchen und zu vernichten. Die Karte erklärte alles,

denn die Liebenden hatten im Verlaufe ihrer gegenseitigen Bekenntnisse

einander alles erzählt von den Liebsten, die sie je gehabt, und

all ihre Mängel und Schwächen unbarmherzig verdammt -- das ist bei

Liebenden so Brauch: es hat einen eigenen Reiz für sie, und er kommt

gleich nach dem des Girrens und Schnäbelns.

IV.

Während der nächsten zwei Monate ereignete sich viel. Es war bald

kund geworden, daß Rosannah (die arme duldende Waise!) weder zu

ihrer Großmutter zu Portland in Oregon zurückgekehrt war, noch

ihr irgendwelche Nachricht gesandt hatte, außer einer Abschrift

der leidvollen Notiz, die sie in dem Hause auf Telegraph Hill

zurückgelassen hatte. Wer ihr auch ein Obdach gewährte, -- wenn

sie noch lebte, -- war ohne Zweifel von ihr beredet worden, ihren

Aufenthalt nicht zu verraten, denn alle Versuche, sie aufzufinden,

waren mißlungen.

[Illustration]

Gab Alonzo sie auf? Keineswegs. Er sagte bei sich: »Sie wird jenes

holde Lied singen, wenn sie schwermütig ist; ich werde sie finden.« Und

so nahm er seinen Reisesack und ein tragbares Telephon und schüttelte

den Schnee seiner Vaterstadt von seinen Füßen und ging hinaus in die

Welt. Er wanderte weit und breit hin und her und durch viele Staaten;

wieder und wieder blickten Fremde erstaunt auf einen abgezehrten,

blassen, melancholischen Mann, der mühevoll an winterlichen und

einsamen Orten eine Telegraphenstange erklomm, dort traurig eine Stunde

saß mit dem Ohr an einem kleinen Kästchen, dann seufzend herabkam und

müde weiterwanderte. Manchmal wurde auf ihn geschossen, weil man ihn

für verrückt und gefährlich hielt. Seine Kleider wurden von Kugeln

zerfetzt und er selber am Ende schwer verletzt; aber er ertrug alles

geduldig.

So verflossen langsam sieben Wochen, und endlich ergriffen ihn einige

Menschenfreunde und brachten ihn in eine Privatirrenanstalt zu New

York. Er wehklagte nicht, denn alle seine Kraft war dahin, und mit ihr

aller Mut und alle Hoffnung. Der Oberaufseher trat ihm mitleidig seine

eigenen behaglichen Gemächer, Wohn- und Schlafzimmer ab und pflegte ihn

mit liebender Hingebung.

Nach Verlauf einer Woche war der Patient imstande, zum erstenmale das

Bett zu verlassen. Er lag, auf Kissen gestützt, bequem auf dem Sofa

und lauschte den Klagelauten der frostigen Märzwinde und dem dumpfen

Ton der Fußtritte auf der Straße drunten, -- denn es war etwa sechs

Uhr abends, und New York ging von der Arbeit heim. Er hatte ein helles

Feuer und zur Erhöhung der Behaglichkeit zwei Studierlampen, und so war

es warm und behaglich drinnen, wenn auch draußen frostig und rauh.

Ein schwaches Lächeln glitt über Alonzos Antlitz bei dem Gedanken,

daß seine Streifereien aus Liebe ihn in den Augen der Welt zu einem

Verrückten gemacht hatten, und er wollte eben seinen Gedankengang

weiter verfolgen, als eine schwache, holde Melodie -- sozusagen ein

Tonschatten, so fern und dünn schien sie -- an sein Ohr schlug. Seine

Pulse hörten auf zu schlagen; er lauschte mit offenen Lippen und

verhaltenem Atem. Das Lied tönte weiter -- er harrte, lauschte, erhob

sich langsam und unbewußt aus seiner Rückenlage und rief endlich

frohlockend aus:

»Sie ist's! sie ist's! O, die göttlichen, um einen halben Ton zu tiefen

Noten!«

Er schleppte sich begierig zu der Ecke, aus der die Töne kamen, riß

einen Vorhang auf die Seite und entdeckte ein Telephon. Er beugte sich

darüber, und als die letzte Note erstarb, brach er in den lauten Ausruf

aus:

»O, dem Himmel sei Dank, endlich gefunden! Sprich mit mir, teuerste

Rosannah! Das qualvolle Geheimnis ist enthüllt; es war der schurkische

Burley, der meine Stimme nachahmte und dich mit unverschämter Rede

beleidigte!«

Es folgte eine atemlose Pause, für den wartenden Alonzo ein

Menschenalter; dann kam ein schwacher Laut, der sich zur Rede formte:

»O, sage diese köstlichen Worte nochmals, Alonzo!«

»Sie sind die Wahrheit, die reinste Wahrheit, meine Rosannah, und du

sollst den Beweis haben, glänzenden und vollen Beweis!«

»O, Alonzo, bleibe bei mir! Verlasse mich keinen Augenblick! Laß mich

fühlen, daß du mir nahe bist! Sage mir, daß wir nie wieder getrennt

sein sollen! O, diese glückliche Stunde, diese gesegnete, denkwürdige

Stunde!«

»Wir wollen sie uns ins Gedächtnis einprägen, meine Rosannah; jedes

Jahr, wenn die Uhr diese Stunde schlägt, werden wir sie mit Dankgebeten

feiern, unser ganzes Leben lang.«

»Das wollen wir, Alonzo, -- ja, das wollen wir!«

»Vier Minuten nach sechs Uhr abends, meine Rosannah, soll hinfort -- --«

»Zwölf Uhr dreiundzwanzig Minuten nachmittags -- --«

»Ei, Rosannah, mein Schatz, wo bist du denn?«

»In Honolulu auf den Sandwichsinseln. Und wo bist du? Bleibe bei mir;

verlasse mich keinen Augenblick! Ich könnt' es nicht ertragen. Bist du

daheim?«

»Nein, Teure, ich bin in New York -- ein Patient in ärztlicher

Behandlung.«

Ein qualvoller Schrei drang in Alonzos Ohr, es klang wie das scharfe

Summen einer verletzten Fliege: die Reise von ein paar tausend Meilen

hatte die Kraft des Lautes abgeschwächt. Alonzo sagte rasch:

»Beruhige dich, mein Kind. Es ist nichts; ich werde bereits wieder

gesund durch die Heilkraft deiner holden Nähe. -- Meine Rosannah!«

»Ja, Alonzo? O, wie du mich erschreckt hast! Fahre fort.«

»Bestimme den Hochzeitstag, Rosannah!«

Es folgte eine kleine Pause; dann antwortete eine schüchterne, leise

Stimme: »Ich erröte -- aber vor Freude, vor Glück. Möchtest du es gerne

bald haben?«

»Noch in dieser Nacht, Rosannah! nur nicht das Wagnis eines weiteren

Verzuges! Warum nicht gleich? -- noch in dieser Nacht, in diesem

Augenblick!«

Skizzenbuch · 第 12 / 19 段