»Einen Augenblick, bitte!« sagte ich. »Mein Freund, ich habe heute

vor lauter Hausierern noch keine Minute Ruhe gehabt. Ich habe eine

Nähmaschine gekauft, die ich nicht brauchte; ich habe eine Landkarte

gekauft, die voller Fehler ist; ich habe eine Uhr gekauft, die nicht

gehen will; ich habe Mottengift gekauft, das die Motten jeder andern

Nahrung vorziehen; ich habe eine endlose Menge nutzloser Erfindungen

gekauft, und jetzt bin ich dieser Thorheit satt. Ich möchte keines

von Ihren Echos auch nur geschenkt. Ich bin auf jeden wütend, der mir

Echos zum Verkauf anbietet. Sehen Sie dieses Gewehr? Nun packen Sie

Ihre Sammlung zusammen und sputen Sie sich; lassen Sie es nicht zum

Blutvergießen kommen.«

Aber er lächelte nur -- ein melancholisches, sanftes Lächeln -- und zog

weitere Pläne heraus. Sie kennen die Geschichte; hat man einmal einem

Hausierer die Thür geöffnet, so zieht man immer den kürzeren.

Nach Verfluß einer unerträglichen Stunde waren wir handelseinig. Ich

kaufte zwei doppelläufige Echos in gutem Zustand, ein drittes bekam

ich drein, das, wie er sagte, unverkäuflich sei, weil es nur Deutsch

spräche. »Es war einst vollkommen polyglott,« sagte er, »hat aber

irgendwie den größten Teil seiner Sprachfertigkeit eingebüßt.«

Eine wahre Geschichte.

(Gerade so wiedererzählt wie ich sie gehört habe.)

Es war im Sommer, zur Dämmerstunde. Wir saßen alle unter dem Vordach

des Landhauses, Tante Rahel in bescheidener Ehrerbietung etwas tiefer

wie wir auf den Stufen, denn sie war unsere Magd und eine Farbige. Von

hohem Wuchs und gewaltigem Körperbau, hatte sie trotz ihrer sechzig

Jahre ihre alte Kraft bewahrt und ihr Augenlicht war noch ungeschwächt.

Der braven, lustigen Seele war das Lachen so natürlich wie einem Vogel

das Singen. Wie gewöhnlich nach beendetem Tagewerk stand sie auch jetzt

wieder im Feuer, das heißt, sie wurde unbarmherzig geneckt, und das

machte ihr großes Vergnügen. Sie brach wieder und wieder in schallendes

Gelächter aus und wenn sie keinen Atem mehr hatte, hielt sie ihren Kopf

mit beiden Händen fest und schüttelte sich im Uebermaß der Wonne und

des Entzückens.

»Tante Rahel,« sagte ich zu ihr, als sie dies wieder einmal that,

»wie kommt es, daß du sechzig Jahre alt geworden bist und gar nichts

Trauriges erlebt hast?«

Da war ihr Lachkrampf vorüber; sie schwieg einen Augenblick, sah über

die Schulter nach mir hin und alle Fröhlichkeit war von ihr gewichen.

»Ist das Ihr Ernst, Mista Charles?« fragte sie.

Das überraschte mich sehr und mir verging die scherzhafte Stimmung.

[Illustration]

»Je nun,« entgegnete ich betroffen, »ich dachte -- das heißt, ich

meinte nur, -- du könntest doch unmöglich jemals Kummer gehabt haben.

Noch nie habe ich einen Seufzer von dir gehört, und wenn ich dich sehe,

lachst du immer übers ganze Gesicht.« Sie drehte sich jetzt vollends

herum und sah mich mit großer Ernsthaftigkeit an.

»Ich -- keinen Kummer? -- Hören Sie Mista Charles, ich erzählen will

alles und dann sagen Sie sich's selber. Ich bin geboren unter Sklaven,

ganz da unten und weiß alle Dinge von die Sklaverei, weil ich selbst

gewesen eine. Nun also, mein Alter -- das heißt mein Mann -- der war

lieb und gut zu mir, wie Mista zu seiner eigenen Frau. Sieben Kinder

wir haben gehabt und sie geliebt haben wie Mista liebt seine Kinder.

Sie schwarz gewesen, aber uns' Herrgott können nicht machen Kinder so

schwarz, daß ihre eigene Mutter sie nicht liebt und für nichts in der

ganzen Welt hergeben will.

»Nun, Mista Charles, groß geworden ich bin im alten Virginien, aber

meine Mutter, sie stammte aus Maryland. -- Mein' Seel', wenn die in

Zorn geriet, das schrecklich war; sie konnte den Leuten die Pelz

waschen, daß die Haare flogen. Wenn sie so recht im Harnisch war, dann

sie hatte immer bloß eine Wort, die sie sagte. Sie reckte hoch sich in

der Höhe, stemmte die Fäuste in die Seite und sagte: ›Na, wartet, ich

das werd' euch lehren! Ihr denkt wohl, ich stamm' aus 'nem Bettelsack

und wollt mich narren, ihr Lumpenpack? Ich bin von die alte blaue Henne

ihr Hühnchen, daß ihr's wißt!‹ -- Sehen Sie, so Leute sich nennen,

die in Maryland sind geboren und sind stolz darauf. Ja, ja, sie sagte

das immer, und ich vergeß' es mein Lebtag nicht, weil sie sagte es so

oft und auch einmal, als mein kleiner Henry sich hatte einer Loch in

die Kopf gefallen, gerade auf der Stirn und seine Handgelenk blutig

gerissen -- o schrecklich! Und die Nigger, sie kamen nicht gleich

herbeigeflogen, das Kind zu helfen. Da war meine Mutter furchtbar böse

und sie trat vor sie hin und sagte: ›Na wartet, ihr Nigger, ich das

werd' euch lehren! Ihr denkt wohl, ich stamm' aus 'nem Bettelsack und

wollt mich narren, ihr Lumpenpack? Ich bin von die alte blaue Henne ihr

Hühnchen, daß ihr's wißt!‹ Dann trieb sie sie alle aus die Küche 'raus

und verband die Kind selbst. Da hab' ich mich das angewöhnt, und wenn

der Aerger über mich kommt, sag' ich auch das Wort von meine Mutter.

»Nun also, mit der Zeit, meine alte Missis[4] sagt einmal, mit ihr wär'

alles aus, sie muß verkaufen ihre Platz und alle Nigger. Wie ich aber

höre, daß sie uns wollte verkaufen auf dem Markt in Richmond -- o du

meine Güte, das Schrecken! Ich wußte ja, was der Glocke hat geschlagen.«

[4] Herrin.

(Tante Rahel war allmählich im Eifer ihrer Erzählung

aufgestanden; ihre große Gestalt ragte jetzt über uns hinaus

und hob sich schwarz und deutlich ab vom Sternenhimmel.)

»Sie legten uns in Ketten und stellten uns auf eine Tritt so hoch wie

der Vordach. Und die Leute standen herum, viele Haufen. Sie kamen da

'rauf und besahen uns von vorn und von hinten, sie drückten unser Arme,

machten uns stehen und gehen und sagten dann: der ist zu alt, der taugt

nichts mehr. Der ist lahm. Der ist nicht viel wert. Und sie verkauften

mein alter Mann und führten ihn weg. Dann fangen sie an und verkaufen

meine Kinder und nehmen sie fort. Ich laut heule, aber die Mann sagt:

Laß deine verdammte Gewinsel, und schlägt mich mit sein Hand auf meine

Mund. Wenn alle fort sind bis auf mein kleiner Henry, ich presse ihn

ganz fest an meine Brust und trete hin und schrei: ›den ihr dürft nicht

nehmen mit, nein, nein, wer ihn anrührt, den schlagen ich tot.‹ Aber

mein kleiner Henry, er spricht mir ins Ohr: ›Ich thu weglaufen, und

dann arbeiten ich und kaufen dich los.‹ Gott segne die Kind, es war

immer so gut! -- Und das Kerle, sie kommen und nehmen ihn, aber ich sie

packen und reißen sie die Kleider vom Leibe und schlage sie mit meine

Kette über die Kopf. Sie haben's tüchtig wiedergegeben mir, freilich --

aber was kümmerten mich das!

»Na also, mein Alter war fort und meine Kinder -- meine ganzen sieben

Kinder -- und sechs davon habe ich nie wieder mit Augen gesehen bis

zum heutigen Tag -- zweiundzwanzig Jahr letzte Ostern. Mich kaufte

ein Mann aus Newbern und hat gebracht mich dorthin. Dann vergehen

die Jahre und der Krieg kommt. Mein Massa[5] war ein Oberst von die

Konförderierte und ich Köchin in seine Familie. Wie aber die Unioner

kommen und einnehmen die Stadt, sind sie alle fortgelaufen und mich

allein gelassen haben mit die andern Nigger in Massas großes Haus. Nun

die großen Offiziers von die Unioner sind eingezogen und haben mich

gefragt, will ich kochen vor ihnen. ›Na Herrje, freilich,‹ sage ich,

›zu was wär' ich sonst da?‹

[5] Herr.

»Das sind keine so kleine Offiziers gewesen, nein, von die

allergrößten, und wie die ihre Soldaten 'rumschwenken ließen! Der

General zu mir sagt, ich soll die Kommando haben über das Küche und

alle rausjagen, die sich mengen wollen in meinen Sachen. ›Nur nicht

fürchten dich,‹ sagte er, ›du bist jetzt unter guten Freunden.‹

»Na, ich denken bei mir, wenn mein kleiner Henry Gelegenheit gefunden

zum Fortlaufen, so ist er natürlich nach das Norden. Und eine Tag ich

gehe ins Wohnzimmer, wo die großen Offiziers sind, mache eine Knix

und fange an zu erzählen von mein kleiner Henry, und sie hörten meine

traurige Geschichte zu, gerade als ob ich eins von die weiße Leut'

wär'. Und ich sage: ›Weswegen ich komme, das ist, weil, wenn er ist

fortgelaufen und nach das Norden, wo die Herrens herauskommen, sie

ihn haben vielleicht gesehen und können mir sagen, wo ich ihn finden

wieder. Er ganz klein ist und hat eine Narben am linken Handgelenk und

oben auf die Stirn.‹ Dann machten sie betrübte Gesicht und der General

fragt: ›Wie lange ist es her, seit man dir dein Kind genommen hat?‹

Und ich sage: ›Dreizehn Jahr.‹ ›Dann ist er jetzt nicht mehr klein,‹

antwortet der General, ›er ist ein Mann.‹

»Daran ich hatt' vorher nie noch gedacht, er war für mich noch immer

die kleine Junge, mir war nie eingefallen, daß er gewachsen und groß

geworden sein muß. Aber nun ich es verstand. Keiner von den Offiziers

war ihm begegnet und sie konnten mir nicht helfen. Aber die ganze Zeit,

ohne daß ich's wußte, vor vieler Jahr, war mein Henry schon fort nach

das Norden und war ein Barbier, der für eigener Rechnung arbeiten that.

Wie aber der Krieg kam, da hat er gesagt: ›Jetzt ich laß das scheren

und gehe meine alte Mutter zu suchen, wenn es nicht schon tot ist.‹

So verkauft er sein Sach' und geht hin, wo sie Soldaten werben und

verdingt sich als Bursche bei die Oberst. Nun er marschiert überall

mit durch allen Schlachten, sein alte Mutter zu finden, erst er war bei

eine Offizier, dann bei eine andere, bis er ist gezogen durch das ganze

Süden. Aber von das alles wußt' ich nicht ein Sterbenswort. Wie ich's

sollt' auch wissen?

»Nun, eine Abend hatten wir großer Soldatenball. Die Soldaten in

Newbern immerzu wollten tanzen und jubeln, und sie tanzten oft und oft

in meine Küche, weil die ist so arg groß. Nun wissen Sie, mir gar nicht

das gefiel, weil ich diente die Offiziers, und es ärgerte mich zu sehen

die gemeine Soldaten ihre Sprünge machen in meine Küche. Aber ich blieb

immer dabei und sah nach das Rechte und wenn sie trieben es zu arg und

ich einen Zorn kriegte, dann 'raus mit sie aus meine Küche -- hast du

nicht gesehen!

»Also einemal -- Freitag abend -- da kam eine ganze Bataillon von das

Nigger-Regiment, das die Wache hatte beim Haus -- die Haus war der

Hauptquartier, wissen Sie. Da kocht alles inwendig bei mir. Ich bin

im hellen Zorn und nur warte drauf, daß sie was thun, daß ich könnte

drunter hineinfahren. Und sie walzten und sprangen herum, heisahopsasa

-- und ich schwoll und schwoll vor Wut. Nicht lange, so kommt da ein

junger Springinsfeld von Nigger gesegelt daher, den Arm um seine gelbe

Tänzerin; die drehen und schwingen sich im Kreise, rund, rund, rund,

daß einem ganz wirbelig wird, sie anzusehen. Und als sie dicht vor mir

sind, da hopsen sie erst auf eine Fuß, dann auf die andere und lachen

über meine große rote Kopftuch und treiben ihren Spaß. Da ich fahre

auf sie los und sage: ›Macht, daß ihr fortkommt ihr, ihr Gesindel!‹ Da

wird das Gesicht von der junge Nigger auf einmal ernst, aber nur eine

Augenblick, dann war er wieder lustig und lachte wie zuvor. Indem kommt

eine ganze Bande Nigger herein, die wo die Musik machen und immer so

vornehm thun. Aber sobald sie das an die Abend versuchen, fahre ich

auf sie ein. Sie lachten und da es wurde noch ärger. Die andern Nigger

fangen auch an lachen und nun ich war wie ein Feuerbrand. Ich reckte

mich in der Höhe, so -- gerade wie jetzt -- fast bis an die Decke,

stemmte die Fäuste in die Seite und sagte: ›Na, wartet, ihr Nigger, ich

das werd' euch lehren. Ihr denkt wohl, ich stamm' aus 'nem Bettelsack

und wollt mich narren, ihr Lumpenpack? Ich bin von die alte blaue Henne

ihr Hühnchen, daß ihr's wißt!‹ Da stand die junge Mann stocksteif da,

die Augen nach das Decke, als ob er was vergessen hätt' und sich nicht

mehr erinnern könnt'. Ich aber gehe den Niggers zu Leibe, wie eine

richtige General, und sie nehmen Reißaus und drängen nach die Thür. Und

wie die junge Mann rausgeht, hör' ich, wie er zu einen andern Nigger

sagt: ›Jim‹, sagt er, ›geh' mal hin und sag' die Hauptmann, ich würd'

morgen früh um acht zur Hand sein; aber ich hab' was auf dem Herzen,

schlafen ich kann heute nacht nicht mehr, geh, laß mich allein.‹

»Das war um 1 Uhr in die Nacht, und wie es sieben Uhr schlug, war ich

auf und hantierte herum, den Offiziers zu machen das Frühstück. Wie

ich mich nun zu die Ofen bücke -- grade als wär' Ihr Fuß die Ofen --

und die Thüre aufmache mit meine Hand und zurückstoße sie -- wie jetzt

Ihre Fuß -- und die Pfanne mit das heiße Backwerk in die Hand halte und

aufstehen will -- da sehe ich ein schwarzes Gesicht sich vor meines

hinschieben und mir in die Augen schauen -- grade wie ich jetzt ansehe

Sie -- ich rühre mich nicht und gucke und gucke nur in einem fort --

so -- bis die Pfanne zu zittern anfängt -- und auf einmal -- da wußt'

ich's. Die Pfanne liegt am Boden und ich packe ihn an der linken Hand,

schiebe den Aermel zurück -- grade so, wie ich's mache mit Sie, und

dann kommt das Stirn an die Reihe und ich streiche seine Haar zurück,

so -- und ›Junge,‹ sag ich, ›wenn du nicht mein Henry bist, wie du

kommst zu die Narbe am Handgelenk und die Schramme auf die Stirn?

-- Der Herrgott im Himmel gepriesen sei, ich habe meine Herzensjunge

wieder!‹

* * * * *

»Ja, ja, ich hab' Kummer gehabt -- aber auch Freude, Mista Charles --

auch Freude!«

Die Liebe des schönen Alonzo Fitz Clarence und der schönen Rosannah

Ethelton.

I.

Es war am Morgen eines bitterkalten Wintertages. Die Stadt Eastport im

Staate Maine lag unter tiefem, frisch gefallenem Schnee begraben. Das

gewöhnliche geschäftige Treiben auf den Straßen fehlte; weit und breit

auf denselben nichts als eine weiße Decke und entsprechende Stille. Die

Trottoirs waren nur noch lange, tiefe Gräben mit steilen Schneehügeln

zu beiden Seiten. Hie und da konnte man das schwache, ferne Kratzen

einer hölzernen Schaufel vernehmen und ein flüchtiges Bild von einer

entfernten, schwarzen Gestalt erhaschen, die sich bückte und in einem

jener Gräben verschwand, um im nächsten Augenblick wieder aufzutauchen,

mit einer Bewegung, die das Herausschaufeln von Schnee verriet. Aber

man mußte rasch blicken, denn jene schwarze Gestalt verweilte nicht,

sondern ließ bald die Schaufel fallen und lief auf das Haus zu, wobei

sie mit den Armen um sich warf, um sich zu wärmen. Ja, es war zu bitter

kalt, als daß ein Schneeschaufler oder sonst jemand lange draußen

bleiben konnte.

Bald darauf verdüsterte sich der Himmel: der Wind hatte sich erhoben

und wirbelte in heftigen ungleichen Stößen ganze Wolken pulverigen

Schnees in die Höhe und nach allen Seiten. Unter der Wucht dieser

Windstöße legten sich große weiße Schneehügel wie Gräber quer über die

Straßen; einen Augenblick später bettete sie ein anderer Windstoß in

anderer Richtung, wobei er einen feinen Sprühregen Schnees von ihren

spitzen Kämmen fegte, wie eine frische Brise den Schaum von den Wogen

spritzt; einem dritten Stoß gefiel es, den Platz so glatt zu fegen wie

einen Tisch. Das war Tändelei, das war Spiel; aber daß es keiner von

diesen Windstößen unterließ, einen Haufen Schnee in die Trottoirgräben

zu werfen, das gehörte offenbar zum Geschäft.

Alonzo Fitz Clarence saß in seinem behaglichen und eleganten kleinen

Empfangszimmer, in einem blauseidenen, mit Aufschlägen und Säumen von

karmoisinrotem Sammet besetzten Schlafrock. Die Ueberreste seines

Frühstücks standen vor ihm, und das zierliche und kostbare Tischzeug

fügte der Anmut, Schönheit und dem Reichtum der Ausstattung des Zimmers

noch einen weiteren harmonischen Reiz bei. Ein lustiges Feuer prasselte

im Kamin.

Ein wütender Windstoß ließ die Fenster erzittern, und eine große

Schneewoge rollte gegen sie, wenn man so sagen darf. Der hübsche junge

Mann murmelte:

»Das bedeutet -- keinen Ausgang heute! Nun meinetwegen. Aber wie

steht's mit der Unterhaltung? Mutter ist ja ganz recht, Tante Susanne

ebenso; aber diese beiden kann ich immer haben. An einem so bösen Tag

bedarf es eines neuen Interesses, eines frischen Elements, um die

stumpfe Schneide der Gefangenschaft zu schärfen. Eine hübsche Phrase --

hat aber keinen Sinn! Man will ja die Schneide der Gefangenschaft nicht

geschärft haben, sondern gerade das Gegenteil.«

Er blickte auf seine hübsche französische Stutzuhr.

»Die Uhr geht wieder falsch; sie weiß kaum je, was die Zeit ist, und

wenn sie es weiß, lügt sie mich an, was auf dasselbe hinausläuft. --

Alfred!«

Keine Antwort.

[Illustration]

»Alfred! Ein guter Diener, aber ebenso unzuverlässig wie die Uhr.«

Alonzo berührte den Knopf einer elektrischen Leitung in der Wand,

wartete ein Weilchen und berührte ihn dann nochmals; hierauf wartete er

wieder einige Augenblicke und sagte endlich:

»Ohne Zweifel ist die Batterie nicht in Ordnung; nun ich aber einmal

darauf aus bin, will ich auch herauskriegen, wie viel Uhr es ist.«

Er schritt zu einem Sprachrohr in der Ecke und rief ›Mutter!‹ mit

zweimaliger Wiederholung.

»Es hilft nichts. Auch der Mutter Batterie geht nicht. Kann niemand

drunten auf die Beine bringen -- das ist klar.«

Er setzte sich vor einem Pult aus Rosenholz nieder, lehnte sein Kinn

gegen dessen linke Kante und sprach, gleichsam gegen den Fußboden

gewendet: »Tante Susanne!«

Eine leise, angenehme Stimme antwortet: »Bist du's, Alonzo?«

»Ja. Ich bin zu faul und fühle mich zu behaglich, um die Stiege

hinabzugehen; ich bin in größter Not und kann scheints, keine Hilfe

herbeirufen.«

»Du lieber Himmel, was giebt's?«

»Genug, -- das kann ich dir sagen!«

»O, lasse mich nicht in Ungewißheit, Lieber. Was ist's denn?«

»Ich möchte wissen, wie viel Uhr es ist.«

»Du unartiger Junge; du hast mich recht in Schrecken gejagt! Ist das

alles?«

»Alles -- auf Ehre. Beruhige dich; sage mir die Zeit und empfange

meinen Segen.«

»Gerade fünf Minuten nach neun Uhr. Keine Ursache zum Danken -- behalte

deinen Segen.«

»Danke schön, Tantchen. Er würde mich nicht gerade ärmer gemacht haben,

und dich nicht so reich, daß du ohne andere Mittel leben könntest.«

Er stand auf und murmelte: »Gerade fünf Minuten nach neun Uhr,« und

stellte sich seiner Uhr gegenüber. »Ah,« sagte er, »du machst deine

Sache besser wie gewöhnlich. Du gehst nur um vierunddreißig Minuten

falsch. Warte ... Warte ... Dreiunddreißig und einundzwanzig ist

vierundfünfzig; viermal vierundfünfzig ist zweihundertsechsunddreißig;

eins ab, bleibt zweihundertfünfunddreißig. So ist's recht.«[6]

[6] Tante und Neffe, welche also per Telephon verkehren, sind

weit auseinander: _sie_ in San Francisco, er in einer Stadt

des Ostens, daher die Zeitdifferenz.

Der Uebers.

Er drehte die Uhrzeiger vorwärts, bis sie fünfundzwanzig Minuten auf

Eins zeigten und sagte: »Nun sieh, ob du nicht eine Zeit lang richtig

gehen kannst ... sonst werde ich dir kommen!«

Er setzte sich wieder vor das Pult und sagte: »Tante Susanne!«

»Ja, Lieber.«

»Gefrühstückt?«

»Gewiß, vor einer Stunde schon.«

»Sehr beschäftigt?«

»Nein -- nähe bloß ein wenig. Warum?«

»Gesellschaft bei dir?«

»Nein, aber ich erwarte solche um halb zehn Uhr.«

»Wollte, ich auch. Ich fühle mich einsam und möchte mit jemand

plaudern.«

»Nun gut, so plaudere mit mir.«

»Ja, aber ich hab' 'was ganz Privates!«

»Sei unbesorgt! -- plaudre frisch drauf los; es ist außer mir niemand

da.«

»Ich weiß fast nicht, ob ich es wagen soll, aber --«

»Aber was? Sprich nur! Du weißt, Alonzo, daß du mir vertrauen kannst --

du weißt es.«

»Bin überzeugt, Tante; aber die Sache ist sehr ernst; sie berührt mich

sehr nahe -- mich und die ganze Familie -- selbst die ganze Gemeinde.«

»O, Alonzo, sage mir's! Ich werde nie ein Wort davon laut werden

lassen. Um was handelt es sich?«

»Soll ich's wagen ...«

»O bitte, thu's! Ich habe dich so lieb und kann dir ganz nachfühlen.

Sage mir alles -- vertraue mir! Was hast du auf dem Herzen?«

»Das Wetter!«

»Zum Kuckuck mit dem Wetter! Ich weiß nicht, wie du's übers Herz

bringen kannst, mir so mitzuspielen, Lon.«

»Nun, nun, lieb' Tantchen, es thut mir leid -- wirklich, bei meiner

Treu, ich will's nicht wieder thun. Vergiebst du mir?«

»Meinetwegen, ich sollte es freilich nicht thun; denn du hältst mich

doch wieder zum Besten, sobald ich diesen Streich vergessen habe.«

»Nein, gewiß nicht -- mein Wort darauf. Aber solch ein Wetter, o, solch

ein Wetter! Man muß seine Lebensgeister künstlich aufrecht erhalten.

Schneeig, windig, stürmisch und bitterkalt, alles auf einmal! Wie ist

das Wetter bei euch?«

»Warm, regnerisch und trübselig. Es wimmelt auf den Straßen von

Regenschirmen, und von dem Ende jedes Fischbeins ergießt sich ein

Strom. Der Behaglichkeit wegen brennt ein Feuer in meinem Kamin,

und damit es nicht so warm wird, sind die Fenster offen. Aber es

ist umsonst: nichts kommt herein als der linde Hauch des Dezember,

geschwängert von den Düften der Blumen, welchen die Außenwelt gehört

und die sich ihres wonnigen Lebens freuen, während der Geist des

Menschen niedergeschlagen ist, die ihm entgegenleuchten in bunter

Pracht, während seine Seele in Sack und Asche gekleidet ist und sein

Herz brechen möchte.«

Alonzo öffnete die Lippen, um zu sagen: »Du solltest das drucken und

einrahmen lassen,« unterließ es aber, als er seine Tante mit einer

andern Person sprechen hörte. Er trat ans Fenster und schaute hinaus

auf das winterliche Straßenbild. Der Sturmwind trieb den Schnee

wütender als je vor sich her; die Fensterläden wurden lärmend hin- und

hergeworfen; ein verirrter Hund mit gesenktem Kopf und eingezogenem

Schweif drängte seinen zitternden Körper gegen eine windgeschützte

Mauer, Obdach und Schutz suchend; ein junges Mädchen watete knietief

durch die Schneehaufen; sie hatte das Gesicht vom Winde abgewandt, und

die Kaputze ihres Regenmantels flatterte von hinten über ihren Kopf.

Alonzo schauderte und er sagte mit einem Seufzer: »Lieber Kotpfützen

und schwüler Regen, und aufdringliche Blumen, als das!«

Er wandte sich vom Fenster ab, machte einen Schritt und blieb dann

in lauschender Haltung stehen. Die schwachen, sanften Töne eines

wohlbekannten Liedes schlugen an sein Ohr. Er blieb mit vorwärts

gebeugtem Kopf stehen und sog die Melodie ein, -- weder Hand noch Fuß

rührte sich, er atmete kaum. Dem Vortrag des Liedes fehlte etwas;

unserem Alonzo aber schien das kein Fehler, sondern eher ein weiterer

Reiz zu sein. Dieser Fehler bestand in einem auffallenden Sinken der

Stimme bei der dritten bis siebenten Note des Refrains oder Chors des

Liedes. Als der Gesang zu Ende war, holte Alonzo tief Atem und sagte:

»Ah, nie zuvor habe ich ›~In the Sweet By-and-By~‹ so schön singen

hören!«

Er schritt rasch zum Pult, horchte einen Augenblick und sagte dann

leise und vertraulich: »Tantchen, wer ist denn diese göttliche

Sängerin?«

»Es ist der Besuch, den ich erwartete. Bleibt einen bis zwei Monate bei

mir. Will dich ihr vorstellen, -- Fräulein ...«

»Um Gottes willen, warte einen Augenblick, Tante Susanne! Du überlegst

doch auch gar nicht.«

Er flog in sein Schlafzimmer und kehrte einen Augenblick später,

merklich in seiner äußeren Erscheinung verändert, wieder, indem er

schnippisch bemerkte: »Bei Gott, sie würde mich diesem Engel in meinem

himmelblauen Schlafrock da, mit den feuerroten Aufschlägen, vorgestellt

haben. Die Weiber denken doch nie, wenn sie einmal im Eifer sind.«

Er eilte zu dem Pult, blieb stehen und rief halblaut: »Nun, Tante, bin

ich fertig,« worauf er sich mit all der einschmeichelnden Eleganz, die

ihm zu Gebote stand, lächelnd verbeugte.

»Sogleich! -- Fräulein Rosannah Ethelton, darf ich Ihnen meinen

liebsten Neffen, Herrn Alonzo Fitz Clarence vorstellen? So! Ihr seid

beide artige Kinder, und so will ich euch denn vertrauen und allein

beisammen lassen, derweil ich einiges fürs Haus besorge. Setzen Sie

sich, Rosannah; setze dich, Alonzo. Adieu; ich werde bald wieder da

sein.«

Alonzo hatte sich währenddessen immerzu verbeugt und unsichtbaren

jungen Damen unsichtbare Sitze angewiesen, jetzt aber setzte er sich

selbst, indem er zu sich sagte: »Na, das nenn' ich Glück! Nun mögen die

Winde sausen und der Schnee wehen und die Himmel finster drein blicken!

Was ficht's mich an!«

Skizzenbuch · 第 11 / 19 段