Nur mit Angst hörte ich von neuem das Ticken des Telegraphenapparates;

es regnete förmlich Depeschen, aber glücklicherweise rechtfertigte ihr

Inhalt meine Befürchtungen nicht. Es stellte sich bald heraus, daß jede

Spur des Elefanten verloren war: der Nebel hatte es ihm ermöglicht,

sich unbemerkt ein gutes Versteck zu suchen. Telegramme von Punkten,

die lächerlich weit entfernt waren, berichteten, daß man zu der und

der Stunde eine ungeheure trübe Masse durch den Nebel habe schimmern

sehen! es sei das »unzweifelhaft der Elefant gewesen!« Diese trübe

ungeheure Masse hatte man in New Haven, in New Jersey, in Pennsylvania,

im Staate New York, in Brooklyn und sogar in der City von New York

selbst gesehen! Immer aber war die trübe ungeheure Masse rasch wieder

verschwunden, ohne eine Spur zu hinterlassen. Jeder von den Hunderten

über diese ungeheure Landstrecke zerstreuten Detektivs sandte

stündlich seinen Rapport, und jeder hatte eine Spur, verfolgte sie und

war dem Elefanten dicht auf den Fersen.

Aber der Tag verging ohne weiteres Resultat. Ebenso der nächste Tag.

Der dritte desgleichen.

Die Zeitungsberichte mit ihren nichtssagenden Thatsachen, ihren Spuren,

die zu nichts führten, und ihren blendenden, sinnverwirrenden Theorien

fingen an langweilig zu werden.

Auf den Rat des Inspektors verdoppelte ich die Belohnung.

Vier weitere eintönige Tage folgten; dann kam ein schwerer Schlag für

die armen geplagten Detektivs -- die Zeitungen lehnten es ab, ihre

Konjekturen zu drucken, und sagten kühl: Laßt uns in Ruhe.

Vierzehn Tage nach dem Verschwinden des Elefanten erhöhte ich auf des

Inspektors Rat die Belohnung auf 75000 Dollars. Es war das eine große

Summe; aber ich wollte lieber mein ganzes Vermögen opfern, als mein

Ansehen bei der Regierung einbüßen. Jetzt, da die Detektivs in Nöten

waren, begannen die Zeitungen über sie herzufallen und die beißendsten

Sarkasmen gegen sie zu schleudern. Das war Futter für die Bänkelsänger!

Sie kostümierten sich als Detektivs, und führten auf der Bühne die Jagd

nach dem verlorenen Elefanten auf. Die Karikaturenzeichner entwarfen

Skizzen von Detektivs, die das Land mit Feldstechern absuchten, während

der Elefant hinter ihrem Rücken ihnen Aepfel aus den Taschen holte, und

machten das Wappenzeichen der Detektivs -- ein weitgeöffnetes Auge mit

der Devise: »_Wir schlafen nie_« -- auf alle mögliche Weise lächerlich.

Die Luft war geschwängert mit Sarkasmen.

Aber einen Mann gab es, der bei alledem ruhig, gelassen und

unerschüttert blieb -- es war jenes eichenfeste Herz, der Inspektor

Blunt. Sein kühnes Auge senkte sich nie, seine heitere Zuversicht

wankte nie; er wiederholte nur:

»Laßt sie spotten; wer zuletzt lacht, lacht am besten.«

Meine Bewunderung für den Mann grenzte an Vergötterung. Ich war

stets an seiner Seite. Sein Bureau war ein qualvoller Aufenthalt für

mich geworden und wurde es täglich mehr; doch solange er es dort

aushalten konnte, war auch ich entschlossen zu bleiben -- solang als

irgend möglich. So kam ich denn regelmäßig und blieb -- zu jedermanns

Verwunderung. Es war mir oft, als müsse ich davonlaufen; wenn ich dann

aber in jenes ruhige und anscheinend leidenschaftslose Antlitz blickte,

hielt ich wieder stand.

Etwa drei Wochen nach dem Verschwinden des Elefanten war ich eines

Morgens eben im Begriff zu sagen: ich werde die Segel streichen und

mich zurückziehen müssen, als der große Detektiv diesen feigen Gedanken

wieder zurückscheuchte, indem er einen neuen meisterhaften Schachzug

vorschlug -- nämlich, mit den Dieben einen Kompromiß zu schließen.

Die Fruchtbarkeit der Erfindungsgabe dieses Mannes überstiegen alles,

was ich je erlebt, und das will etwas sagen, war ich doch mit den

auserlesensten Geistern der Welt in Berührung gekommen. Er sagte, er

sei der besten Zuversicht, daß er für 100000 Dollars einen Kompromiß

schließen und den Elefanten wieder erlangen könne. Ich sagte, ich würde

am Ende die Summe auftreiben können; aber was sollte mit den armen

Detektivs werden, die so wacker gearbeitet hatten?

Er entgegnete:

»Bei Kompromissen bekommen sie stets die Hälfte.«

Das beseitigte meinen einzigen Einwand, und so schrieb denn der

Inspektor zwei Noten wie folgt:

»Werte Frau, -- Ihr Gatte kann sich viel Geld machen (und das

ganz ohne Gefahr vor dem Strafgesetz), wenn er sich sogleich

bei mir einfinden will.

Chef Blunt.«

Von diesen beiden Noten sandte er die eine durch seinen vertrauten

Boten an die ›wohlgeborene Frau‹ Brick Duffys, die andere an die

›wohlgeborene Frau‹ des roten McFadden.

Innerhalb einer Stunde kamen folgende beiliegende Antworten zurück.

»Sie alter Narr! Brick Duffy ist gestorben, schon vor zwei

Jahren.

Bridget Mahoney.«

»Chef-Nachteule, -- der rote McFadden ist gehangen und im

Himmel seit achtzehn Monaten. Jeder Esel außer einem Detektiv

weiß das.

Mary O'Hooligan.«

»Ich hatte das lange vermutet,« sagte der Inspektor; »es beweist mir

nur die nie irrende Schärfe meines Instinkts.«

Sobald ein Mittel sich als erfolglos erwies, war er nie um ein anderes

verlegen. Er schrieb sogleich ein Inserat für die Morgenblätter, von

dem ich eine Abschrift aufbewahre --

»A. -- xwblv. 142 N. Tjnd -- fz 328 wmlg. Ozpo, --; 2 m! ogw. Mum.«

»Lebt der Dieb noch,« erklärte mir der Inspektor, »so wird ihn das

sicher an den gewöhnlichen Rendezvousplatz bringen.« Es sei dies ein

Platz, wo alle geschäftlichen Angelegenheiten zwischen Detektivs und

Verbrechern abgemacht werden. Die gesuchte Begegnung solle in der

nächsten Nacht um zwölf Uhr stattfinden. Bis dahin war nichts zu thun;

ich verließ also ohne Verzug und dankbaren Herzens das Bureau.

Um elf Uhr in der nächsten Nacht legte ich 100000 Dollars in die

Hände des Inspektors, und gleich darauf verabschiedete er sich,

die heldenmütige alte ungetrübte Zuversicht in seinen Augen. Eine

fast unerträglich lange Stunde schlich zu Ende, da hörte ich seinen

willkommenen Tritt, erhob mich keuchend und wankte ihm entgegen. Wie

seine schönen Augen im Triumph glänzten! Er sagte --:

»Wir haben einen Vergleich geschlossen! Die Spötter werden morgen ein

anderes Lied singen! Folgen Sie mir!«

Er ergriff eine brennende Kerze und schritt voran, hinab in das

ungeheure gewölbte Erdgeschoß, wo fortwährend sechzig Detektivs

schliefen und wo jetzt etwa zwanzig Karten spielten, um sich die Zeit

zu vertreiben. Ich folgte ihm auf den Fersen. Er schritt rasch hinab an

das düstere, ferne Ende des Platzes, und in dem Augenblick, da ich in

der dicken Stickluft ohnmächtig umsank, strauchelte und fiel er über

die ausgestreckten Gliedmaßen eines mächtigen Körpers, und ich hörte

ihn gerade noch beim Hinfallen ausrufen:

»Unser edler Beruf ist gerechtfertigt. Hier ist Ihr Elefant!«

Ich wurde in das Bureau hinaufgetragen und mit Karbolsäure wieder

zum Bewußtsein gebracht. Die ganze Detektivmannschaft schwärmte

herein, und es folgte eine Siegesfeier, wie ich noch keine erlebt

hatte. Die Reporter wurden geholt, der Champagner floß in Strömen,

Toaste wurden ausgebracht, die Händedrücke und Beglückwünschungen

waren enthusiastisch und wollten kein Ende nehmen. Der Chef war

natürlich der Held des Tages, und sein Glück war so vollständig und

es war mit so viel Ausdauer, Würde und Bravour verdient worden, daß

es mich beglückte, Zeuge desselben zu sein, obgleich ich dastand als

ein heimatloser Bettler; -- denn mein unschätzbarer Schutzbefohlener

war _tot_ und ich meiner Stellung im Dienste meines Vaterlandes

verlustig, weil ich unmöglich den übeln Schein, als habe ich das in

mich gesetzte hohe Vertrauen durch eine sorglose Ausführung meines

Auftrags getäuscht, von mir abzuwenden vermochte. Manches beredte Auge

bezeugte seine hohe Bewunderung für den Chef, und manches Detektivs

Stimme murmelte: »Seht ihn an, den König der Profession -- gebt ihm nur

die Spur von einer Spur, -- und es bleibt nichts vor ihm verborgen.«

Die Teilung der 50000 Dollars machte viel Vergnügen; als sie vollzogen

war, hielt der Chef, während er seinen Anteil in die Tasche steckte,

eine kleine Rede, in der er sagte: »Genießt das Geld, denn ihr habt

es verdient; und mehr als das -- ihr habt unserem schönen Berufe

unsterblichen Ruhm erworben.«

Ein Telegramm langte an, folgenden Inhalts: --

»=Monroe, Michigan=: 10. -- Nachm.

Zum erstenmal seit drei Wochen erreichte ich eben ein

Telegraphenamt. Folgte jenen Fußstapfen zu Pferde durch die

Wälder, etwa zweihundert Meilen bis hieher; sie werden täglich

stärker, größer und frischer. Quälen Sie sich nicht unnötig ab

-- ehe acht Tage verflossen sind, habe ich den Elefanten -- auf

mein Wort!

Darley, Detektiv.«

Der Chef brachte drei Hochrufe aus auf »Darley, einen der feinsten

Köpfe unter der Mannschaft,« in welche sämtliche Anwesende begeistert

einstimmten; dann ließ er an Darley telegraphieren, er möge heimkehren

und seinen Anteil an der Belohnung in Empfang nehmen.

* * * * *

So endete jene wunderbare Episode von dem gestohlenen Elefanten.

Die Zeitungen waren am nächsten Tage wieder voll Anerkennung -- mit

einer nichtssagenden Ausnahme. Ein Blatt schrieb nämlich: »Groß ist

der Detektiv! Er mag im Auffinden eines kleinen Gegenstandes, wie

es ein verlorener Elefant ist, ein wenig langsam sein -- er mag ihn

drei Wochen lang den ganzen Tag verfolgen und des Nachts neben seinem

verwesenden Kadaver schlafen, aber er wird ihn endlich finden, --

sobald er nur den Mann, der den Elefanten verloren hat, dahin bringt,

ihm den Platz zu zeigen.«

Der arme Hassan war auf ewig für mich verloren. Die Böllerschüsse

hatten ihn tödlich verwundet. Er war im Nebel an jenen düsteren Platz

gekrochen; und dort, umgeben von seinen Feinden und fortwährend in

Gefahr entdeckt zu werden, war er dahingeschwunden vor Hunger und

Leiden, bis der Tod ihn erlöste.

Der Kompromiß kostete mich 100000 Dollars; meine Auslagen für die

Detektivs betrugen weitere 42000 Dollars; ich bewarb mich nie wieder

um eine Anstellung im Dienste meiner Regierung; ich bin ein ruinierter

Mann und ein unstäter Wanderer auf Erden -- aber meine Bewunderung für

jenen Mann, den ich für den größten Geheimpolizisten halte, welchen die

Welt hervorgebracht hat, bleibt unvermindert bis auf diesen Tag und

wird so bleiben bis an mein seliges Ende.

* * * * *

[Der Verleger kann nicht umhin, zur Ehrenrettung der

Geheimpolizisten auf die genialen Thaten derselben, wie sie in

den _Kriminal- und Detektivromanen_ von _Green_, _Hawthorne_,

_Lynch_ und _Doyle_ zum glänzenden Ausdruck kommen, zu

verweisen.]

Die Geschichte des Hausierers.

Der arme, melancholisch blickende Fremde! Es lag etwas in seiner

demütigen Miene, seinem müden Blick, seinen abgeschabten, ehemals

feinen Kleidern, das mein Mitleid erregte. Ich bemerkte eine Mappe

unter seinem Arm, wie sie Kolporteure und Hausierer zu tragen pflegen.

Nun, diese Leute flößen einem stets Interesse ein. Bevor ich mich

dessen versah, war ich -- ganz Ohr und Teilnahme -- im Anhören seiner

Lebensgeschichte versunken. Sie lautete ungefähr wie folgt:

»Meine Eltern starben, als ich noch ein kleines, unschuldiges Kind war.

Mein Onkel Ithuriel gewann mich lieb und nahm mich an Kindesstatt an.

Er war mein einziger Verwandter in der weiten Welt; er war so gut und

großmütig und dabei reich. Er erzog mich im Schoß des Ueberflusses.

Alle meine Wünsche, die mit Geld zu befriedigen waren, wurden erfüllt.

»Nachdem ich auf der Universität studiert, ging ich mit zweien meiner

Diener -- meinem Kammerdiener und meinem Lakai -- auf Reisen in fremde

Länder. Vier Jahre lang flatterte ich auf sorglosen Schwingen in den

prächtigen Gefilden der Fremde umher, -- wenn Sie diese Sprache ihrem

ergebenen Diener gestatten wollen, dessen Zunge stets poetisch gestimmt

war; ja ich darf kühnlich also zu Ihnen sprechen, denn Ihre Augen

verraten mir, daß auch in Ihren Adern das Feuer der holden Poesie

glüht. In jenen fernen Landen schwelgte ich in der ambrosischen Speise,

welche der Seele, dem Geiste, dem Herzen frommt. Was aber vor allen

Dingen und am kräftigsten an meinen angeborenen ästhetischen Geschmack

appellierte, war der dort unter den Reichen herrschende Brauch,

Sammlungen von eleganten und kostbaren Seltenheiten und hübschen

Liebhabereien anzulegen; und in einer verhängnisvollen Stunde versuchte

ich es, in meinem Onkel Ithuriel Gefallen an dieser ausgezeichneten

Beschäftigung zu erwecken.

[Illustration]

»Ich schrieb und erzählte ihm von der äußerst umfangreichen

Muschelsammlung eines Herrn, von eines andern ausgezeichneter Sammlung

von Meerschaumpfeifen, von eines dritten wunderbarer Sammlung von

unentzifferbaren Autographen, eines vierten unschätzbarer Sammlung von

chinesischem Porzellan, eines fünften bezaubernder Briefmarkensammlung

-- und so weiter und so weiter. Bald trugen meine Briefe Frucht: mein

Onkel begann sich nach dem Gegenstand für eine Sammlung umzusehen. Sie

wissen wohl, wie leidenschaftlich bald die Pflege einer Liebhaberei

wird; die seinige wurde bald ein rasendes Fieber. Er begann sein großes

Schweinegeschäft zu vernachlässigen; bald darauf zog er sich ganz von

demselben zurück, und aus einem bequemen Lebemann wurde ein toller

Raritätenjäger. Sein Reichtum war ungeheuer, und er sparte ihn nicht.

Zuerst versuchte er es mit Kuhglocken. Er legte eine Sammlung an, die

fünf große Säle füllte und alle Arten von solchen Glocken, von der

Urzeit bis zur Gegenwart, in sich schloß -- bis auf _eine_. Diese eine

-- eine Antike und das einzige noch vorhandene Exemplar dieser Art

-- war im Besitz eines andern Sammlers, dem mein Onkel enorme Summen

dafür bot -- vergebens. Sie können sich denken, was notwendigerweise

folgte. Ein wahrer Sammler legt bekanntlich einer Sammlung, die nicht

vollständig ist, nicht den mindesten Wert bei: sein glühendes Herz

erkaltet, er verkauft seinen Schatz und wendet seinen Sinn einem andern

Gebiet zu, das unausgebeutet zu sein scheint.

»So machte es auch mein Onkel. Er versuchte es dann mit Ziegelsteinen.

Nachdem er eine umfangreiche und äußerst interessante Sammlung davon

angelegt hatte, stellte sich die alte Schwierigkeit ein. Mit blutendem

Herzen verkaufte er seine abgöttisch geliebte Sammlung an einen

früheren Bierbrauer, der den fehlenden Ziegel besaß. Dann versuchte

er es mit steinernen Aexten und anderen Geräten des urweltlichen

Menschen, entdeckte aber bald, daß die Fabrik, wo sie gemacht wurden,

andere Sammler ebensowohl versorgte wie ihn selbst. Er versuchte es

mit aztekischen Inschriften und ausgestopften Walfischen -- wieder

ein Mißerfolg, nach unglücklichen Mühen und Kosten. Denn als seine

Sammlung endlich vollständig schien, kam ein ausgestopfter Walfisch

aus Grönland und eine aztekische Inschrift aus der Cundurangogegend in

Mittelamerika an, die alle früheren Exemplare gänzlich in den Schatten

stellten. Mein Onkel beeilte sich, diese edlen Kleinodien für sich zu

gewinnen: er bekam den ausgestopften Walfisch, ein anderer Sammler

aber die Inschrift. Eine echte Cundurango aber ist, wie Sie vielleicht

wissen, ein Besitz von so köstlichem Wert, daß ein Sammler, wenn er sie

einmal erlangt hat, eher von seiner Familie sich trennt, als von ihr.

So verkaufte denn mein Onkel aus; er sah seine Lieblinge scheiden auf

Nimmerwiedersehen und sein kohlschwarzes Haar wurde weiß wie Schnee in

einer einzigen Nacht.

»Nun wartete er und überlegte; er wußte, daß eine weitere Enttäuschung

ihm das Leben kosten könnte. Er war entschlossen, das nächstemal Dinge

zu wählen, bei welchen die Konkurrenz weniger zu fürchten war. Er

überlegte lange und reiflich; dann machte er sich noch einmal ans Werk

-- diesmal, um eine Sammlung von Echos zu gewinnen.«

»Von was?« rief ich erstaunt.

»Von Echos, mein Herr. Sein erster Kauf war ein Echo in Georgia,

das viermal wiederhallte, sein nächster ein sechsfaches Echo in

Maryland, sein nächster ein dreizehnfaches in Maine, sein nächster ein

neunfaches in Kansas, sein nächster ein zwölffaches Echo in Tennessee,

das er billig bekam, weil es sozusagen baufällig war, denn ein Teil

des Felsens, der es zurückwarf, war herabgefallen. Er glaubte es

mit einem Aufwand von einigen Tausend Dollars reparieren lassen und

durch Aufmauerung des Felsens die Repetierfähigkeit verdreifachen

zu können; aber der Architekt, der die Arbeit übernahm, hatte nie

zuvor ein Echo gebaut, und so verdarb er es denn gänzlich. Bevor er

es verpfuschte, antwortete es wie ein keifendes Marktweib, nachher

aber taugte es höchstens noch für ein Taubstummenasyl. Nun, nächstdem

kaufte er eine Partie kleiner doppelläufiger Echos in verschiedenen

Staaten und Territorien; man gewährte ihm 20% Rabatt, weil er die ganze

Partie nahm. Dann kaufte er ein Echo, das wie eine Kruppsche Kanone

knallte; es kostete ein Heidengeld, das kann ich Ihnen sagen. Sie

müssen nämlich wissen, daß auf dem Echomarkt die Preisskala ansteigt

wie die Karatskala bei den Diamanten; im Handel gelten auch dieselben

Ausdrücke für das eine wie das andere. Ein einkarätiges Echo ist nur

zehn Dollars über den Preis des Grundes und Bodens, auf dem es ruht,

wert, ein zweikarätiges oder doppelläufiges Echo ist dreißig Dollars

darüber wert, ein fünfkarätiges über neunhundert, ein zehnkarätiges

dreizehntausend Dollars. Meines Onkels Echo in Oregon, welches er das

›Echo des großen Pitt‹ nannte, war ein Kleinod von zweiundzwanzig

Karaten und kostete zweihundertsechzehntausend Dollars -- man gab ihm

das Land drein, denn es war zweihundert Stunden von einer Niederlassung

entfernt.

»Nun, während dieser Zeit war mein Lebensweg ein Rosenpfad. Ich bewarb

mich um die einzige und liebliche Tochter eines englischen Grafen und

wurde geliebt bis zur Raserei. In ihrer teuren Nähe schwamm ich in

einem Meer der Wonne. Da man wußte, daß ich der alleinige Erbe meines

Onkels sei, den man auf fünf Millionen Dollars schätzte, gaben die

Eltern um so bereitwilliger ihre Zustimmung. Sowohl ihnen wie mir war

es unbekannt geblieben, daß mein Onkel unter die Sammler gegangen war

-- wenigstens wußten wir nicht, daß er anders als ganz nebenbei sammle.

»Die Wolken zogen sich indes über meinem unschuldigen Haupt zusammen.

Jenes göttliche Echo, das seitdem durch die ganze Welt als der große

Koh--i--noor oder Berg der Wiederholungen bekannt wurde, war entdeckt

worden: es war ein fünfundsechzigkarätiger Edelstein. Aeußerte man

nur ein Wort, so antwortete es einem fünfzehn Minuten lang, wenn das

Wetter windstill war. Aber siehe da, zu gleicher Zeit machte mein

Onkel die Entdeckung, daß ein zweiter Echosammler vorhanden war. Die

beiden beeilten sich, den unvergleichlichen Kauf abzuschließen. Das

Grundstück bestand aus zwei kleinen Hügeln mit einem seichten Thal

dazwischen, hinten in den Ansiedelungen des Staates New York. Beide

Männer kamen zu gleicher Zeit an Ort und Stelle an, doch wußte keiner,

daß der andere auch da war. Das Grundstück mit dem Echo gehörte nicht

einem Manne allein; ein gewisser Williamson Bolivar Jarvis besaß den

einen Hügel, den anderen ein gewisser Harbison J. Bledso; das Thal

bildete die Grenzlinie. Während nun mein Onkel Jarvis' Hügel für drei

Millionen zweihundertundfünfundachtzigtausend Dollars kaufte, erwarb

sein Konkurrent Bledsos Hügel für etwas über drei Millionen.

»Keiner von den beiden Männern war mit diesem geteilten Eigentumsrecht

zufrieden, doch wollte keiner seinen Anteil an den andern verkaufen und

schließlich schritt jener andere Sammler -- mit einer Böswilligkeit,

wie sie nur ein Sammler gegen einen Mitmenschen und Kollegen fühlen

kann -- dazu, seinen Hügel abzutragen!

»Also, da er das Echo selbst nicht erlangen konnte, wollte er es auch

keinem andern gönnen. Alle Vorstellungen meines Onkels waren vergeblich.

»Es gelang ihm zwar einen Aufschubsbefehl gegen seinen Konkurrenten zu

erwirken, der letztere appellierte jedoch und brachte die Sache vor

eine höhere Instanz. Sie führten den Prozeß weiter bis zum obersten

Gerichtshof der Vereinigten Staaten. Es entstand ein heilloser

Wirrwarr. Zwei von den Richtern waren der Ansicht, ein Echo sei

persönliches Eigentum. Obwohl nicht greifbar, sei es doch käuflich

und verkäuflich und daher ein besteuerbarer Gegenstand; zwei andere

Richter meinten, ein Echo sei ein Liegenschaftsobjekt, weil es offenbar

am Grund und Boden hafte und nicht beweglich sei; andere Richter

behaupteten, ein Echo sei überhaupt kein Eigentum.

»Es wurde schließlich entschieden, daß ein Echo ein Eigentumsobjekt

sei; daß die beiden Prozessierenden getrennte und unabhängige

Eigentümer der beiden Hügel, aber gemeinsame Inhaber des Echos

seien: es stehe deshalb dem Beklagten vollkommen frei, seinen Hügel

abzutragen, da er ihm allein gehöre, aber er müsse eine Kaution von

drei Millionen Dollars stellen als Ersatz für den Schaden, den meines

Onkels halber Anteil an dem Echo erleiden könnte. Im weiteren verbot

das Urteil meinem Onkel, ohne die Erlaubnis des Gegners, dessen Hügel

zur Weckung des Echos zu benützen; er dürfe dazu nur seines eigenen

Hügels sich bedienen; könne er unter diesen Umständen seinen Zweck

nicht erreichen, so sei das sehr bedauerlich, aber der Gerichtshof

könne daran nichts ändern. In derselben Weise wurde der Gegner in Bezug

auf diesen Punkt beschieden. Sie können sich denken, was nun geschah.

Keiner von beiden wollte dem andern die Einwilligung zur Benützung

seines Eigentums geben, und so mußte das berühmte und erhabene Echo auf

seine Bethätigung verzichten; seit jenem Tage gleicht das wertvolle

Besitztum einer verzauberten Prinzessin, die auf Erlösung harrt.

»Eine Woche vor meinem Hochzeitstage, während ich noch in einem Meer

der Wonne schwamm und der hohe Adel von Fern und Nah zur Verherrlichung

des Ereignisses sich versammelte, traf die Nachricht von dem Tode

meines Onkels und zugleich die Abschrift seines Testaments, das mich

zu seinem alleinigen Erben einsetzte, ein. Er war dahin -- ach! mein

teurer Wohlthäter war nicht mehr: der Gedanke daran belastet mein

Herz noch heute, nach so langer Zeit. Ich händigte das Testament dem

Grafen, meinem Schwiegervater, ein, da ich es meiner Thränen wegen

nicht lesen konnte. Der Graf las es und sagte dann finster: ›Nennen Sie

das Reichtum, Sir? Das kann man nur in Ihrem schwindelhaften Amerika.

Sie sind nichts weiter als der alleinige Erbe einer umfangreichen

Sammlung von Echos, wenn man das eine Sammlung nennen kann, was weit

und breit über das ganze amerikanische Festland zerstreut ist. Und

das ist nicht alles, Sir; Sie stecken bis über die Ohren in Schulden;

nicht ein Echo unter der ganzen Partie, auf dem keine Hypothek ruhte.

Ich bin nicht hartherzig, Sir, aber ich muß das Interesse meines

Kindes wahren. Wenn Sie nur _ein_ Echo hätten, das Sie mit Recht Ihr

Eigentum nennen könnten, wenn Sie nur ein Echo hätten, das frei wäre

von Lasten, so daß Sie sich mit meinem Kinde dorthin zurückziehen und

es durch unverdrossenen Fleiß kultivieren und verbessern könnten, so

würde ich nicht nein sagen; aber ich kann mein Kind an keinen Bettler

verheiraten. Verlasse ihn, mein Liebling! Und Sie, Sir, nehmen Sie Ihre

hypothekenbelasteten Echos und gehen Sie mir für immer aus den Augen.‹

»Meine edle Cölestine klammerte sich in Thränen, mit liebenden Armen

an mich und schwor, sie wolle gerne, ja mit tausend Freuden die Meine

werden, auch wenn ich nicht _ein_ Echo in der Welt hätte. Aber es

durfte nicht sein; wir wurden auseinander gerissen -- sie, um innerhalb

eines Jahres sich langsam zu Tode zu härmen -- ich, um allein mich

hinzuschleppen auf des Lebens langem, beschwerlichem Pfad, täglich,

stündlich betend um die Erlösung, die uns wieder vereinen soll in einem

himmlischen Reich. Und nun, mein Herr, wenn Sie so freundlich sein

wollen, die Karten und Pläne in meiner Mappe anzusehen; ich kann Ihnen

gewiß ein Echo billiger ablassen, als irgend jemand. Dieses hier zum

Beispiel, welches meinen Onkel vor dreißig Jahren zehn Dollars kostete

und eines der entzückendsten in Texas ist, will ich Ihnen für -- --«

Skizzenbuch · 第 10 / 19 段