Die gewöhnliche Oktavbibel wiegt etwa zwei und ein halbes Pfund,
während die Großquartbibel mit den Illustrationen von Doré zehn
bis zwölf Pfund wiegt. Wieviel Dorébibeln würde er wohl auf einmal
verzehren?«
»Man sieht, daß Sie den Elefanten nicht kennen, sonst würden Sie nicht
fragen. Er frißt ganz einfach soviel, als man ihm giebt.«
»Gut, drücken Sie es in Dollars und Cents aus; wir müssen uns bestimmt
fassen. Die Dorébibel kostet hundert Dollars pro Exemplar, in
Juchtenleder gebunden ...«
»Er würde für etwa fünfzigtausend Dollars brauchen -- sagen wir, eine
Auflage von fünfhundert Exemplaren.«
»So, das ist genauer; ich will's notieren. Also, er frißt gerne
Menschen und Bibeln -- das hätten wir! Was frißt er sonst? Ich brauche
Details.«
»Hat er keine Bibeln, so frißt er Backsteine; hat er keine Backsteine,
so frißt er Flaschen; hat er keine Flaschen, so frißt er Kleider; hat
er keine Kleider, so frißt er Katzen; hat er keine Katzen, so frißt
er Austern; er frißt ferner Schinken, Zucker, Pasteten, Kartoffeln,
Kleie, Heu, Hafer und besonders Reis, denn damit wurde er hauptsächlich
aufgezogen, kurzum er frißt alles, was er kriegen kann.«
»Sehr gut. Gewöhnliche Menge zu einer Mahlzeit?«
»Nun, so zwischen sieben und acht Zentner.«
»Und er säuft -- --«
»Alles was flüssig ist: Milch, Wasser, Schnaps, Syrup, Kastoröl,
Kamphergeist, Karbolsäure -- es ist unnütz, auf Einzelheiten
einzugehen; was Ihnen Flüssiges einfällt, notieren Sie getrost.«
»Sehr gut. Quantität?«
»Notieren Sie acht bis fünfundzwanzig Hektoliter -- sein Durst
schwankt, sein Appetit wenig.«
»Das sind alles sehr bemerkenswerte Anhaltspunkte, und sehr dienlich zu
seiner Aufspürung.«
[Illustration]
Er schellte.
»Alarich, senden Sie Kapitän Burns herein.«
Burns erschien; Inspektor Blunt enthüllte ihm die ganze Angelegenheit
Punkt für Punkt. Dann sagte er in der klaren, entschiedenen Weise eines
Mannes, der sich seinen Plan genau vorgezeichnet hat und ans Befehlen
gewöhnt ist:
»Kapitän Burns, weisen Sie die Detektivpolizisten Jones, Davis, Halsey,
Bates und Hackett an, den Elefanten aufzuspüren.«
»Sehr wohl, Sir.«
»Weisen Sie die Detektivpolizisten Moses, Dakin, Murphy, Rogers,
Tupper, Higgins und Bartholomey an, die Diebe aufzuspüren.«
»Sehr wohl, Sir.«
»Senden Sie eine starke Wache -- eine Wache von dreißig auserlesenen
Leuten mit einer Ablösung von dreißig Mann -- an den Ort, wo der
Elefant gestohlen wurde; sie sollen dort scharfe Wache halten Tag
und Nacht und niemand -- Reporter ausgenommen -- ohne schriftliche
Ermächtigung von mir in die Nähe kommen lassen.«
»Sehr wohl, Sir.«
»Verteilen Sie Detektivs in gewöhnlicher Kleidung auf den Bahnhöfen,
Dampfschiffen und Landungsdepots und auf allen Wegen, die aus
Jersey City führen, mit dem Befehle, alle verdächtigen Personen zu
durchsuchen.«
»Sehr wohl, Sir.«
»Versehen Sie alle diese Leute mit der Photographie und dem Signalement
des Elefanten und instruieren Sie dieselben, alle Züge und abgehenden
Fahrzeuge genau zu visitieren.«
»Sehr wohl, Sir.«
»Wenn der Elefant gefunden werden sollte, so ergreife man ihn und
benachrichtige mich telegraphisch.«
»Sehr wohl, Sir.«
»Lassen Sie mich sogleich benachrichtigen, wenn eine Spur gefunden
werden sollte -- Fußspuren oder dergleichen.«
»Sehr wohl, Sir.«
»Erlassen Sie einen Befehl an die Hafenpolizei, fleißig am Ufer zu
patroullieren.«
»Sehr wohl, Sir.«
»Senden Sie Detektivs in gewöhnlicher Kleidung mit allen Bahnzügen ab
-- nördlich bis Kanada, westlich bis Ohio, südlich bis Washington.«
»Sehr wohl, Sir.«
»Stellen Sie Sachverständige in allen Telegraphenämtern auf; dieselben
sollen auf alle Telegramme achten und sich die chiffrierten Depeschen
entziffern lassen.«
»Sehr wohl, Sir.«
»Lassen Sie dieses alles mit der äußersten Heimlichkeit ausführen --
hören Sie, mit der undurchdringlichsten Heimlichkeit.«
»Sehr wohl, Sir.«
»Rapportieren Sie mir pünktlich zur gewöhnlichen Stunde.«
»Sehr wohl, Sir.«
»Nun können Sie gehen!«
»Sehr wohl, Sir« -- und fort war er.
Inspektor Blunt war einen Augenblick still und nachdenklich, dann ließ
das Feuer in seinen Augen nach und verlosch. Hierauf wandte er sich zu
mir und sagte in ruhigem Ton:
»Ich rühme mich nicht gern, es ist das nicht meine Sache; aber wir
werden den Elefanten finden.«
Ich schüttelte ihm warm die Hand und dankte ihm -- der Dank kam von
Herzen. Je mehr ich von dem Manne gesehen hatte, desto mehr schätzte
und bewunderte ich ihn, desto mehr staunte ich über die mysteriösen
Wunder seines Berufs. Dann trennten wir uns für die Nacht und ich ging
nach Hause -- mit viel leichterem Herzen als ich gekommen war.
II.
Am nächsten Morgen stand alles haarklein in den Zeitungen, sogar mit
Zusätzen -- bestehend aus Detektiv A.'s, Detektiv B.'s und Detektiv
N. N.'s ›Theorie‹ in Bezug auf die Ausführung des Diebstahls, auf die
Person der Diebe und auf die Richtung, in der sie mit ihrer Beute
entflohen waren. Es waren elf solcher Theorien zu lesen, welche alle
Möglichkeiten erschöpften, ein Beweis, was für verständige Denker
die Geheimpolizisten sind. Nicht zwei von den elf Theorien stimmten
überein oder glichen sich auch nur halbwegs, außer in einem einzigen
auffallenden Punkt, in dem alle elf Theorien einander gleich waren.
Obgleich nämlich die Rückwand des Gebäudes herausgerissen und die
einzige Thüre verschlossen geblieben war, stellten alle elf Theorien
die Behauptung auf, daß der Elefant nicht durch jene Bresche, sondern
auf irgend einem andern (noch unentdeckten) Wege entfernt worden sei,
und daß die Diebe jene Oeffnung nur gemacht hätten, um die Polizei irre
zu führen. Daran würde ich oder irgend ein anderer Laie vielleicht nie
gedacht haben, die Detektivs aber hatten den Umstand auch nicht einen
Augenblick verkannt. So war das einzige Moment, hinter dem ich kein
Geheimnis vermutet hatte, gerade dasjenige, worin ich am weitesten
fehlgegangen war. Alle elf Theorien nannten die vermutlichen Diebe,
keine zwei aber dieselben; die Totalsumme der verdächtigen Personen war
siebenunddreißig. Die verschiedenen Zeitungen schlossen alle mit der
wichtigsten Ansicht von allen -- der des Inspektors Blunt. Dieselbe
lautete im Auszug wie folgt:
»Der Chef weiß, wer die zwei Hauptthäter sind -- nämlich Brick Duffy
und der ›rote‹ McFadden. Zehn Tage vor der Ausführung des Diebstahls
wußte er bereits, daß derselbe versucht werden würde, und hat sich
in aller Stille daran gemacht, diese zwei notorischen Spitzbuben zu
verfolgen; unglücklicherweise aber ging in der fraglichen Nacht ihre
Spur verloren, und ehe man sie wieder auffinden konnte, war der Vogel
-- das heißt der Elefant -- ausgeflogen.
»Duffy und McFadden sind die verwegensten Schurken in der ganzen
Verbrecherzunft; der Chef hat Grund zu der Annahme, daß sie die Männer
sind, die letzten Winter in einer bitterkalten Nacht den Ofen aus der
Polizeiwache stahlen, infolgedessen sich vor Tagesanbruch der Chef und
sämtliche Geheimpolizisten in ärztlicher Behandlung befanden; -- einige
wegen erfrorener Füße, andere wegen erfrorener Hände, Ohren, Nasen und
anderer Körperteile.«
Als ich die erste Hälfte dieser Theorie las, war ich mehr als je
erstaunt über den wunderbaren Scharfsinn des seltenen Mannes: er sah
nicht nur alles Gegenwärtige mit klaren Augen, auch das Zukünftige
entschleierte sich vor seinem Blicke. Ich begab mich alsbald in sein
Bureau und sagte ihm, ich bedauere nur, daß er jene Spitzbuben nicht
habe festnehmen lassen, wodurch das ganze Unheil verhütet worden wäre;
aber seine Antwort war kurz und bündig:
»Es ist nicht unseres Amtes, das Verbrechen zu verhindern, sondern es
zu bestrafen. Das können wir aber erst, nachdem es begangen worden ist.«
Ich bemerkte, daß die Heimlichkeit, mit der wir zu Werk gegangen, durch
die Zeitungen verletzt worden sei, nicht nur alle Thatsächlichkeiten,
sondern auch alle unsere Anhaltspunkte und Absichten seien enthüllt
und selbst alle verdächtigen Personen namhaft gemacht worden --
letztere würden sich jetzt ohne Zweifel maskieren oder ihre geheimen
Schlupfwinkel aufsuchen.
»Sie sollen's nur!« sagte der Inspektor. »Sie werden bald merken, daß,
wenn ich es auf sie abgesehen habe, meine Hand auf sie niederfallen
wird, so unfehlbar wie die Hand des Schicksals. Was die Zeitungen
anbelangt, so müssen wir mit ihnen rechnen: Ruhm, Reputation,
fortwährende öffentliche Erwähnung -- sind des Geheimpolizisten
täglich Brot. Er muß seine Entdeckungen veröffentlichen, sonst glaubt
man, daß er keine macht; er muß seine Theorie veröffentlichen, es
giebt nichts Seltsameres und Ueberraschenderes, als die Theorie eines
Polizisten, und nichts trägt ihm so viel Bewunderung und Hochachtung
ein; wir müssen unsere Pläne veröffentlichen, denn die Zeitungen
bestehen darauf, und wir können es ihnen nicht abschlagen, ohne sie
zu beleidigen. Wir müssen dem Publikum zeigen, was wir thun, damit es
nicht glaubt, daß wir nichts thun. Es ist viel angenehmer, wenn eine
Zeitung schreibt: ›Inspektor Blunts geniale und ungewöhnliche Theorie
lautet wie folgt,‹ als wenn sie einen unfreundlichen oder -- was noch
schlimmer -- sarkastischen Artikel bringt.«
»Ich verkenne das Zwingende dieser Gründe nicht. -- In einem Teil Ihrer
Bemerkungen in den Morgenzeitungen fiel mir auf, daß Sie mit Ihrer
Ansicht über einen gewissen untergeordneten Punkt zurückhielten.«
»Ja, das thun wir stets; es macht immer Effekt. Uebrigens hatte ich mir
über jenen Punkt eine Ansicht noch gar nicht gebildet.«
Ich deponierte bei dem Inspektor eine beträchtliche Geldsumme zur
Bestreitung der laufenden Ausgaben und setzte mich dann nieder, um auf
Nachrichten zu warten; jeden Augenblick konnten Telegramme einlaufen.
Inzwischen blätterte ich die Zeitungen und unser Zirkularsignalement
nochmals durch und entdeckte, daß anscheinend unsere 25000 Doll.
Belohnung nur für Detektivpolizisten ausgesetzt waren. Ich war der
Meinung gewesen, jeder solle sie bekommen, der den Elefanten auffinden
würde. Der Inspektor klärte mich auf:
»Meine Geheimen werden den Elefanten auffinden, die Belohnung _muß_
daher an die rechte Adresse gelangen. Wenn andere Leute das Tier
fänden, so wäre das nur dadurch möglich, daß sie die Polizisten
ausspionieren und aus Kenntnissen und Beobachtungen der Polizisten,
welche sie sich zu eigen gemacht, Vorteil ziehen; an der Berechtigung
der Polizei zu der Belohnung könnte das nichts ändern. Eine solche
Belohnung ist dazu da, die Männer, welche dieser Art von Arbeit ihre
Zeit und ihren ausgebildeten Scharfsinn widmen, anzuspornen, nicht
aber dem ersten besten in den Schoß zu fallen, der zufällig einen Fang
gemacht hat.«
Das war sicher nur recht und billig. Auf einmal begann der
Telegraphenapparat in der Ecke zu ticken, das Resultat war folgende
Depesche:
»=Flower-Station=, New York: 7.30 Vorm.
Habe eine Spur. Fand eine Reihe tiefer Spuren, die über eine
benachbarte Farm führen. Folgte ihnen eine halbe Stunde
östlich ohne Resultat; der Elefant ging wahrscheinlich
westlich. Werde ihm jetzt in jener Richtung nachspüren.
Darley, Detektiv.«
»Darley ist einer unserer tüchtigsten Polizisten,« sagte der Inspektor.
»Wir werden bald mehr von ihm hören.«
[Illustration]
Telegramm Nr. 2 kam.
»=Barkers=, New Jersey: 7.40 Vorm.
Eben angekommen. Glasfabrik hier während der Nacht erbrochen
und 800 Flaschen entwendet. Wasser in größerer Menge erst fünf
Meilen von hier zu haben. Werde dahin aufbrechen. Elefant
wahrscheinlich durstig. Flaschen waren leer.
Baker, Detektiv.«
»Auch das ist vielversprechend,« sagte der Inspektor. »Ich sagte Ihnen,
seine Begierden würden keine schlechten Fingerzeige sein.«
Weitere Telegramme:
»=Taylorville=, Long Island: 8.15 Vorm.
Ein Heuschober in der Nähe verschwand während der Nacht --
wahrscheinlich aufgefressen. Fand eine Spur und verfolge sie
eilig.
Hubbard, Detektiv.«
»Was er für Sprünge macht!« sagte der Inspektor. »Ich wußte, daß wir
ein schwieriges Stück Arbeit vor uns hätten; aber wir werden ihn
deshalb doch kriegen.«
»=Flower-Station=, New York: 9 Vorm.
Verfolgte die Spuren über eine Stunde westlich -- sind groß,
tief und ausgezackt. Bin eben einem Farmer begegnet, der sagte,
es seien keine Elefantenfußstapfen; sagt, es seien Löcher von
den Bäumchen, die er letzten Winter aus dem gefrorenen Grunde
ausgrub. Ich bitte um Verhaltungsbefehle bezüglich weiterer
Schritte.
Darley, Detektiv.«
»Aha, ein Helfershelfer der Diebe! Die Sache wird ernst!« sagte der
Inspektor und diktierte folgendes Telegramm an Darley:
»Verhaften Sie den Mann und zwingen Sie ihn, seine Komplizen
zu nennen. Verfolgen Sie die Spuren weiter -- bis zum Stillen
Ozean, wenn's sein muß.
Inspektor Blunt.«
Nächstes Telegramm:
»=Coney-Point=, Pennsylvania: 8.45 Vorm.
Bureau der Gasanstalt hier während der Nacht erbrochen und die
unbezahlten Gasrechnungen von drei Monaten gestohlen. Fand eine
Spur und verfolge sie.
Murphy, Detektiv.«
»Himmel!« rief der Inspektor; »sollte er Gasrechnungen verzehren?«
»Wahrscheinlich aus Dummheit.« --
Darauf kam nachstehendes aufregendes Telegramm:
»=Ironville=, New York: 9.30 Vorm.
Soeben angekommen. Stadt in Aufregung. Elefant kam hier durch,
früh 5 Uhr. Einige sagen, er ging östlich, andere sagen
westlich, einige nördlich, andere südlich -- keiner aber
weiß etwas Genaueres zu berichten. Er tötete ein Pferd; ich
verschaffte mir ein Stück davon -- für alle Fälle. Tötete es
mit seinem Rüssel; schließe aus der Wunde, daß er von links
schlug. Aus der Lage des Pferdes schließe, daß der Elefant
nordwärts, die Berkley-Bahn entlang, reiste. Hat 4½ Stunden
Vorsprung; folge aber sogleich seiner Spur.
Hawes, Detektiv.«
Ich konnte meine Freude nicht zurückhalten. Der Inspektor blieb so
ruhig wie eine Statue. Er schellte gelassen.
»Alarich, senden Sie Kapitän Burns zu mir.«
Burns erschien.
»Wieviel Mann sind reisefertig?«
»Sechsundneunzig, Sir.«
»Senden Sie dieselben sogleich nach Norden; sie sollen sich längs der
Berkley-Bahnlinie nördlich von Ironville konzentrieren.«
»Sehr wohl, Sir.«
»Sie sollen ihre Bewegungen mit der äußersten Heimlichkeit ausführen.
Sobald andere von den Leuten frei werden, sollen sie sich fertig
machen!«
»Sehr wohl, Sir.«
»Sie können gehen.«
»Sehr wohl, Sir.«
Gleich darauf kam ein weiteres Telegramm:
»=Sage-Corners=, New York: 10.30 Vorm.
Eben angelangt. Elefant kam 8.15 hier durch. Alle bis auf einen
Polizisten entkamen aus der Stadt. Elefant wollte anscheinend
nicht nach dem Polizisten, sondern nach einem Laternenpfahl
schlagen, traf aber beide. Verschaffte mir ein Stück von dem
Polizisten, um es für alle Fälle zu behalten.
Stumm, Detektiv.«
»Der Elefant hat sich also gegen Westen gewendet,« sagte der Inspektor.
»Es wird ihm aber nichts helfen, denn meine Leute sind über die ganze
Gegend zerstreut.«
Das nächste Telegramm besagte:
»=Glovers=: 11.15.
Eben angelangt. Stadt verlassen, ausgenommen von Kranken
und Greisen. Elefant kam durch vor dreiviertel Stunden.
Die Anti-Mäßigkeits-Massen-Versammlung tagte; er steckte
seinen Rüssel durchs Fenster hinein und spritzte alles voll
Zisternenwasser. Einige schluckten das Wasser -- starben
seitdem; mehrere ertranken. Detektivs Croß und O'Shaugnessy
passierten die Stadt, gingen aber südlich und verfehlten so
den Elefanten. Ganze Gegend auf viele Stunden im Umkreis voll
Entsetzen -- Leute fliehen aus ihrer Heimat. Allenthalben
stoßen sie auf den Elefanten; viele werden getötet.
Brant, Detektiv.«
Ich hielt kaum meine Thränen zurück, so traurig stimmte mich dieses
Gemetzel, der Inspektor aber sagte nur:
»Sie sehen, wir umringen ihn. Er fühlt unsere Nähe; er hat sich wieder
gegen Osten gewendet.«
Es harrten unserer bereits neue beängstigende Nachrichten. Der
Telegraph meldete:
»=Hoganport=: 12.19 Nachm.
Eben angelangt. Elefant kam vor einer halben Stunde hier durch,
jähen Schrecken verbreitend; wütete durch die Straßen; zwei
Arbeiter gingen vorüber -- tötete den einen, der andere entkam.
Bedauern allgemein.
O'Flaherty, Detektiv.«
»Nun ist er mitten unter meinen Leuten,« sagte der Inspektor. »Jetzt
ist kein Entrinnen für ihn möglich!«
Eine Anzahl anderer Telegramme lief dazwischen ein von Detektivs, die
über New Jersey und Pennsylvanien zerstreut waren. Aus zerstörten
Fabriken, Scheunen und Sonntagsschulbibliotheken wiesen sie die Spur
des Elefanten mit an Sicherheit grenzenden Ausdrücken nach.
Der Inspektor sagte:
»Ich wollte, ich könnte mit ihnen verkehren und sie nach Norden
dirigieren, aber das ist unmöglich. Ein ›Geheimer‹ geht nur dann zum
Telegraphenamt, wenn er seinen Bericht absendet; man weiß nie, wo man
ihn fassen kann.«
Nun kam folgende Depesche:
»=Bridgeport=, Connecticut: 12.15 Nachm.
Barnum[2] bietet Doll. 4000 jährlich für ausschließliches
Recht, Elefant als wandernde Reklame zu benützen, von jetzt an
bis ihn Detektivs auffinden. Will Zirkusplakate auf ihn kleben.
Verlangt umgehende Antwort.
Boggs, Detektiv.«
[2] Barnum, der bekannte Schaubudenbesitzer und Meister in der
Kunst der Reklame.
»Das ist doch zu lächerlich!« rief ich aus.
»Ja freilich,« sagte der Inspektor. »Herr Barnum, der sich für so
gewitzigt hält, kennt mich offenbar nicht -- aber ich kenne ihn.«
Dann diktierte er folgende Antwortdepesche:
»Herrn Barnums Anerbieten abgelehnt. Entweder Doll. 7000 oder
nichts.
Inspektor Blunt.«
»So. Wir werden nicht lange auf Antwort zu warten brauchen. Herr Barnum
ist nicht zu Hause; er ist gewöhnlich auf dem Telegraphenamt, wenn es
einen Handel gilt. Vor drei Uhr --«
»Abgemacht. -- P. T. Barnum.«
So unterbrach der tickende Telegraphenapparat. Ehe ich mir einen Vers
machen konnte auf diesen ungewöhnlichen Zwischenfall, leitete folgende
Depesche meine Gedanken in ein anderes und sehr betrübendes Fahrwasser:
»=Bolivia=, New York: 12.50 Nachm.
Elefant kam hier an aus dem Süden und passierte den Wald um
11.50, er sprengte einen daherkommenden Leichenzug auseinander
und verminderte die Leidtragenden um zwei. Bürger feuerten
einige Schüsse aus einem kleinen Böller auf ihn ab und flohen
dann. Detektiv Burke und ich langten zehn Minuten später aus
dem Norden an, hielten aber ein paar Vertiefungen fälschlich
für Fußstapfen und verloren so ziemlich viel Zeit; endlich
aber kamen wir auf die rechte Spur und verfolgten sie bis zu
den Wäldern. Wir krochen nun auf Händen und Knieen vorwärts,
verfolgten die Spur mit scharfem Auge und gelangten so ins
Gebüsch. Burke war voraus. Unglücklicherweise hatte das Tier
angehalten, um auszuruhen; Burke, der, auf die Spur erpicht,
die Augen auf den Boden geheftet hatte, stieß plötzlich, ehe er
die Nähe des Elefanten gewahr wurde, gegen dessen Hinterbeine.
Burke sprang sogleich auf die Füße, ergriff den Schwanz und
rief freudig aus: ›ich beanspruche die Be -- --‹, kam aber
nicht weiter, denn ein einziger Schlag mit dem mächtigen Rüssel
streckte den braven Burschen tot nieder. Ich floh zurück,
aber der Elefant wandte sich um und verfolgte mich bis an den
Rand des Gehölzes in schrecklicher Eile; ich wäre unrettbar
verloren gewesen, wenn nicht zufällig der Rest des Leichenzuges
dem Tiere in den Weg gekommen wäre und seine Aufmerksamkeit
abgelenkt hätte. Erfahre soeben, daß von jenem Leichenzug
nichts mehr vorhanden ist; schadet nichts, Stoff genug für
andere vorhanden. Elefant mittlerweile wieder verschwunden.
Mulrooney, Detektiv.«
Wir hörten keine weiteren Neuigkeiten außer von den eifrigen und
zuversichtlichen Detektivs, die über New Jersey, Pennsylvanien,
Delaware und Virginia zerstreut waren -- sie folgten alle frischen und
vielversprechenden Spuren -- bis kurz nach 2 Uhr nachmittags folgendes
Telegramm ankam:
»=Baxter-Centre=: 2.15 Nachm.
Elefant hier gewesen, über und über mit Zirkusplakaten beklebt;
zerstreute ein Methodisten-Revivalmeeting[3] und erschlug und
verletzte viele, die eben im Begriffe waren, ein besseres
Leben anzufangen. Bürger pferchten ihn ein und stellten eine
Wache auf. Als Detektiv Brown und ich ankamen, betraten wir
die Umzäunung und schritten zur Feststellung der Identität des
Elefanten an der Hand der Photographie und des Signalements.
Alle Zeichen stimmten genau, ausgenommen eines, das wir nicht
sehen konnten -- die Narbe unter der Achselhöhle. Um sich
darüber zu vergewissern, kroch Brown unter das Tier, -- er
lag im nächsten Augenblick mit zerschmetterter Hirnschale am
Boden. Alle flohen, so auch der Elefant, der mit viel Effekt
nach rechts und links um sich schlug. Entkam, ließ aber starke
Blutspuren von Böllerschußwunden zurück. Wiederauffindung
gewiß. Brach südwärts durch einen dichten Wald; ich ihm
unverzüglich nach.
Brent, Detektiv.«
[3] Religiöse Versammlung von Wanderpredigern, meist auf
offenem Felde abgehalten.
[Illustration]
Dies war das letzte Telegramm. Gegen Abend sank ein Nebel auf alles
herab -- so dicht, daß man auf drei Schritte Entfernung nicht das
geringste unterscheiden konnte. Er hielt die ganze Nacht über an. Die
Dampfboote und selbst die Omnibusse mußten ihre Fahrt einstellen.
III.
Am nächsten Morgen waren die Zeitungen ebenso voll von Theorien wie am
vorhergehenden; sie brachten ausführlich alle uns bekannten tragischen
Ereignisse, dazu noch eine Menge weiterer telegraphischer Berichte,
die sie von ihren Korrespondenten erhalten hatten. Spalte auf Spalte
begegnete ich herzzerreißenden Artikelüberschriften. Der Grundton
derselben war stets derselbe; etwa wie folgt:
»_Der weiße Elefant ist los! Er schreitet weiter auf seinem
verhängnisvollen Marsche! Ganze Ortschaften verlassen von den
entsetzten Einwohnern! Furcht und Schrecken gehen vor ihm her, Tod und
Verwüstung folgen ihm. Diesen nach die Detektivs. Scheunen verwüstet.
Werkstätten beraubt. Ernten verzehrt. Oeffentliche Versammlungen
gesprengt, begleitet von Blutscenen, die nicht zu beschreiben sind!
Berichte von vierunddreißig der ausgezeichnetsten Detektivpolizisten!
Bericht des Inspektors Blunt!_«
»Ah!« rief Inspektor Blunt, der Erregung nahe; »das ist prächtig!
Das ist die größte Leistung, die je eine polizeiliche Organisation
vollbracht hat. Die Welt wird davon sprechen.«
Für mich aber gab es keine Freude; mir war zu Mute, als ob ich
alle diese blutigen Verbrechen begangen hätte und der Elefant mein
unverantwortliches Werkzeug wäre. Und wie die Unfallliste angewachsen
war! In einem Orte hatte er sich in »eine Wahl gemischt und fünf
Agitatoren getötet.« Er hatte dieser That die Vernichtung zweier
armer Teufel folgen lassen -- armer O'Donohue, armer Mc Flannigan! --
die »erst am Tage vorher in der Heimat der Unterdrückten aller Länder
eine Zuflucht gefunden hatten und im Begriffe waren, zum erstenmale
das kostbare Recht amerikanischer Bürger an der Urne auszuüben,
als sie niedergeschmettert wurden von der mitleidslosen Hand der
Geißel Siams.« An einem anderen Orte hatte er »einen verrückten
Sensationsprediger niedergerannt, der eben für die nächste Saison
seine heroischen Angriffe auf den Tanz, das Theater und ähnliches
Teufelswerk vorbereitete.« In einem dritten Orte hatte er »einen
Blitzableiteragenten erschlagen.« Und so ging die Liste weiter und
wurde immer blutiger und herzzerreißender. Sechzig Personen hatte
er getötet, zweihundertundvierzig verwundet. Alle Berichte legten
vollgültiges Zeugnis ab von der Thätigkeit und dem hingebenden
Eifer der Detektivs, und alle schlossen mit der Bemerkung, daß
»dreimalhunderttausend Bürger und vier Detektivs das schreckliche Wesen
sahen, sowie daß er zwei von letzteren ums Leben brachte.«