in Washington ankam, war der General nach Manassas unterwegs; er zog
ihm daher mit dem Rindfleisch nach, kam aber zu spät. Nun folgte er
ihm nach Nashville, von Nashville nach Chatanooga, von Chatanooga nach
Atlanta -- einholen konnte er ihn jedoch nicht. In Atlanta nahm er
einen neuen Anlauf und zog auf dem ganzen Marsch nach der Meeresküste
hinter Sherman drein. Wieder kam er um einige Tage zu spät; da er aber
erfuhr, der General habe sich in der ›Quaker-City‹ nach dem Heiligen
Lande eingeschifft, ging er nach Beirut unter Segel, überzeugt, er
werde das andere Schiff einholen können. In Jerusalem angekommen,
erhielt er die Nachricht, der General sei nicht mit der ›Quaker-City‹
abgesegelt, sondern nach der Prairie aufgebrochen, um gegen die
Indianer zu kämpfen. Er kehrte daher nach Amerika zurück und zog in
das Felsengebirge. Nach achtundsechzigtägiger, mühseliger Wanderung
durch die Prairie, nur noch vier Meilen von Shermans Hauptquartier
entfernt, fiel er den Indianern in die Hände, die ihn mit dem Tomahawk
erschlugen, ihm die Kopfhaut abzogen und sich des Rindfleischs
bemächtigten. Sie nahmen das ganze, bis auf ein Faß, welches Shermans
Armee eroberte. Der kühne Reisende erfüllte also sogar im Tode noch
seinen Kontrakt, wenigstens zum Teil. In seinem Testament, das er wie
ein Tagebuch führte, vermachte er den Kontrakt seinem Sohn Bartholomäus
W. Dieser schrieb die folgende Rechnung auf -- dann starb er:
_Rechnung für die Ver. Staaten._
_In Rechnung für _John Wilson Mackenzie_ von New Jersey, jetzt
verstorben, 30 Fass_
_eingepökeltes Rindfleisch für General _Sherman_
à 100 Dollars_ _3000 Doll._
_Reisespesen und Transport des
Fleisches_ _14000 Doll._
-------------
_Summa 17000 Doll._
_Den Betrag empfangen zu haben bescheinigt_
.................................
Bei seinem Ableben hinterließ er den Kontrakt dem Wm. J. Martin,
welcher sich bemühte, die Summe zu erheben, aber darüber starb und
seine Forderung an Barker J. Allen vermachte. Auch dieser erhielt bei
seinen Lebzeiten keine Bezahlung und hinterließ die Schriftstücke Anson
G. Rogers, der bei seinem Versuch, den Betrag einzukassieren, eben bis
zum neunten Rechnungsführer gelangt war, als der Tod, der alles zum
Abschluß bringt, ungerufen erschien und ihm die ferneren Verhandlungen
abschnitt. Die Papiere hinterließ er einem Verwandten in Connecticut,
Namens Vengeance Hopkins, welcher es vier Wochen und zwei Tage aushielt
und unerhörten Erfolg hatte, denn fast wäre er bis zum zwölften
Rechnungsführer gelangt. Er vermachte den Kontrakt testamentarisch
seinem Onkel, der Freudenreich Johnson hieß. Aber Freudenreich ertrug
es nicht lange. Seine letzten Worte waren: »Ich sterbe gern -- weinet
nicht über mich!« Und er starb wirklich gern, der arme Mann. Nach
seinem Tode erbten noch sieben andere Leute Kontrakt und Rechnung,
die alle bald starben. So kamen die Papiere zuletzt in meinen Besitz.
Ich erhielt sie von meinem Verwandten Betlehem Hubbard aus Indiana,
der schon lange einen Groll gegen mich hegte. Auf seinem Totenbette
schickte er aber nach mir, verzieh mir alles, und übergab mir mit
Thränen in den Augen den Rindfleisch-Kontrakt.
Dies ist die Vorgeschichte desselben, bis zu der Zeit, da er mein
Eigentum wurde. Jetzt will ich den Versuch machen, mich angesichts
der ganzen Nation wegen meines Anteils an der Sache zu rechtfertigen.
Mit dem Kontrakt und der Rechnung über Reisespesen und Transport der
gelieferten Ware begab ich mich zu dem Präsidenten der Vereinigten
Staaten.
»Was wünschen Sie, mein Herr,« fragte er mich. Ich erwiderte:
»Majestät, etwa am 10. Oktober des Jahres 1861 schloß John Wilson
Mackenzie aus Rotterdam in der Grafschaft Chemung im Staate New
Jersey, jetzt verstorben, mit der Regierung der Vereinigten Staaten
einen Kontrakt ab, nach welchem er dem General Sherman dreißig Faß
eingepökeltes Rindfleisch -- --«
Hier fiel er mir ins Wort, freundlich, aber mit fester Stimme, und
entließ mich. Am nächsten Tage machte ich dem Staatssekretär meine
Aufwartung.
»Ihr Begehr, mein Herr?« fragte dieser.
»Königliche Hoheit,« begann ich, »etwa am 10. Oktober des Jahres 1861
schloß John Wilson Mackenzie aus Rotterdam in der Grafschaft Chemung im
Staate New Jersey, jetzt verstorben, mit der Regierung der Vereinigten
Staaten einen Kontrakt ab, nach welchem er dem General Sherman dreißig
Faß eingepökeltes Rindfleisch -- --«
»Genug, mein Herr -- genug, sage ich! Wir haben in diesem Ministerium
nichts mit Kontrakten über Rindfleisch zu schaffen.« Ich wurde
hinauskomplimentiert. Nachdem ich mir die Sache reiflich überlegt
hatte, stattete ich tags darauf dem Marineminister einen Besuch ab. Der
sagte: »Rasch, mein Herr, bringen Sie Ihr Anliegen vor; lassen Sie mich
nicht warten!«
»Königliche Hoheit,« sagte ich, »etwa am 10. Oktober des Jahres 1861
schloß John Wilson Mackenzie aus Rotterdam in der Grafschaft Chemung im
Staate New Jersey, jetzt verstorben, mit der Regierung der Vereinigten
Staaten einen Kontrakt ab, nach welchem er dem General Sherman dreißig
Faß eingepökeltes Rindfleisch -- --«
Weiter kam ich nicht. Auch ihn gingen die Rindfleischlieferungen für
General Sherman nichts an. Ich dachte, das sei doch eine recht kuriose
Regierung! Es hatte ja fast den Anschein, als habe sie überhaupt keine
Lust, das Rindfleisch zu bezahlen. Am nächsten Tage ging ich zum
Minister des Innern.
»Kaiserliche Hoheit,« sagte ich, »etwa am 10. Oktober des --«
»Sparen Sie sich die Mühe, mein Herr,« fuhr er auf; »ich habe schon von
Ihnen gehört. Machen Sie, daß Sie mit Ihrem niederträchtigen Kontrakt
aus dem Hause kommen. Mit der Verproviantierung der Armeen hat das
Ministerium des Innern durchaus nichts zu thun.«
Ich entfernte mich; aber jetzt war ich wirklich aufgebracht. So
leichten Kaufs sollten sie mich nicht los werden; ich nahm mir vor,
jedes Departement dieser gottlosen Regierung heimzusuchen, bis das
Geschäft mit dem Kontrakt geordnet sei. Entweder wollte ich das Geld
einkassieren oder das Leben lassen bei dem Versuch, wie alle meine
Vorgänger. Ich ging dem Generalpostmeister zu Leibe, ich belagerte das
Ackerbauministerium, ich lauerte dem Sprecher des Repräsentantenhauses
auf. Sie alle hatten nichts mit den Armeelieferungen von Rindfleisch zu
schaffen. Darauf wandte ich mich an den Vorsitzenden des Patentamts.
»Hochwohlgeborene Excellenz,« sagte ich, »etwa am -- --«
»Zum Henker, sind Sie mit Ihrem verfluchten Rindfleisch-Kontrakt
endlich auch hierher gelangt! Ich versichere Sie, werter Herr, uns
gehen weder die Armeelieferungen etwas an, noch Ihr Kontrakt.«
»O, das kann jeder sagen -- -- _irgend jemand_ muß das Fleisch doch
bezahlen! Die Sache wird jetzt auf der Stelle ins reine gebracht,
sonst lege ich Beschlag auf dies alte Patentamt, mit allem was darin
ist.«
»Aber bester Herr! --«
»Es ist mir alles einerlei. Das Patentamt ist verpflichtet, das
Rindfleisch zu bezahlen. Darauf bestehe ich. Alle Ausreden sind
umsonst; ich wanke und weiche nicht vom Platze, bis das Patentamt
bezahlt hat.«
[Illustration]
Die weiteren Einzelheiten thun nichts zu der Sache. Sie endete in einer
Prügelei und das Patentamt behielt die Oberhand. Aber etwas hatte ich
bei der Gelegenheit doch erfahren, was mir Vorteil brachte, nämlich,
daß, wenn ich zur richtigen Behörde gehen wolle, ich mich an das
Schatzamt wenden müsse. Ich begab mich dorthin und wartete drittehalb
Stunden, dann ward ich beim ersten Lord der Schatzkammer vorgelassen.
»Alleredelster, würdigster und hochgeschätztester Signor,« sagte ich,
»etwa am 10. Oktober des Jahres 1861 schloß John Wilson Macken -- --«
»Nicht weiter, mein Herr -- ich weiß, ich weiß! Gehen Sie zum ersten
Rechnungsführer.«
Das that ich und er schickte mich zum zweiten Rechnungsführer. Der
schickte mich zum Oberregistrator der Abteilung für Pökelfleisch. Das
fing doch an geschäftsmäßig auszusehen! Er ging die Bücher durch,
auch alle noch ungehefteten Akten, fand aber den Rindfleisch-Kontrakt
nirgends eingetragen und schickte mich zum zweiten Registrator. Auch
dieser sah seine Bücher und Papiere durch, aber ohne Erfolg. Jetzt
schöpfte ich neuen Mut und kam im Lauf der Woche bis zum sechsten
Registrator der Pökelfleisch-Abteilung. In der zweiten Woche machte ich
die Abteilung für Schuldforderungen durch, in der dritten erledigte ich
die Abteilung für unerfüllte Kontrakte und faßte Fuß in der Abteilung
für unbezahlte Rechnungen. Dort waren meine Erkundigungen schon nach
drei Tagen zu Ende.
Es gab jetzt nur noch einen Ort, wo ich nachfragen konnte. Ich
belagerte den Kommissionär für Bagatellsachen. Das heißt, er selbst war
nicht da, ich hielt mich an einen Schreiber. In dem Zimmer befanden
sich sechzehn wunderhübsche Damen, welche die Bücher führten, und
sieben Schreiber von wohlgefälligem Aeußern, die ihnen zeigten, wie sie
es machen müßten. Die jungen Damen wandten den Kopf und lächelten über
ihre Schultern nach oben, die Schreiber lächelten zu ihnen hinab und
es ging so lustig her, wie wenn die Glocke zur Hochzeit läutet. Zwei
oder drei andere Schreiber, welche die Zeitung lasen, sahen mich mit
scharfen Blicken an, fuhren aber fort zu lesen und niemand sprach ein
Wort. An solche Zuvorkommenheit und bereitwillige Bedienung war ich
aber in meiner ereignisreichen Laufbahn schon gewöhnt, da ich sie seit
dem Tage, als ich das erste Bureau der Pökelfleisch-Abteilung betrat,
bis ich das letzte verließ, um mich in die Abteilung für Bagatellsachen
zu begeben, bei allen Schreibergehilfen der Registratoren angetroffen
hatte. Durch viele Uebung war ich schon so weit gekommen, daß ich, von
meinem Eintritt ins Bureau an, bis zu dem Augenblick, daß der Schreiber
mich anredete, auf einem Bein stehen konnte, ohne dasselbe mehr als
zwei- oder höchstens dreimal zu wechseln.
Jetzt stand ich hier, bis ich das Bein viermal gewechselt hatte. Dann
sagte ich zu einem der Schreiber, welche lasen:
»Erlauchter Bummler, wo ist der Großtürke?«
»Was meinen Sie, mein Herr? Wen meinen Sie? -- Wenn Sie den Bureauchef
meinen -- der ist ausgegangen.«
»Wird er heute noch den Harem besuchen?«
Der junge Mann sah mich eine Weile grimmig an und vertiefte sich dann
wieder in seine Zeitung. Aber das kümmerte mich nicht, ich kannte
die Art dieser Schreiber und wußte, daß Hoffnung für mich vorhanden
sei, wenn er eher fertig wurde, als die neuen Zeitungen aus New
York eintrafen. Er war jetzt schon bei dem vorvorletzten Tageblatt
angekommen. Nach einer Weile hatte er alles durchgelesen, dann gähnte
er und fragte nach meinem Begehr.
»Weltberühmter und hochverehrter Staatsmann, etwa am 10. --«
»Ah, Sie sind der Mann mit dem Rindfleisch-Kontrakt. Geben Sie mir Ihre
Papiere.«
Er nahm sie in Empfang und wühlte dann lange Zeit in seinen
Bagatellsachen herum. Endlich fand er die Nordwestpassage, oder
was für mich dasselbe bedeutete, den lange verlorenen Vermerk über
den Rindfleisch-Kontrakt -- die Klippe, an welcher so viele meiner
Vorgänger gescheitert waren, ohne sie je zu erreichen. Meine Rührung
war groß und doch frohlockte ich im Herzen -- denn ich lebte ja noch.
Ich sagte mit bewegter Stimme:
»Geben Sie mir das Dokument! Die Regierung wird jetzt sicherlich die
Schuld abtragen.«
Er bedeutete mir jedoch, ich solle mich gedulden, es sei vorher noch
etwas zu erledigen.
»Wo ist jener John Wilson Mackenzie?« fragte er.
»Tot.«
»Wann ist er gestorben?«
»Gestorben ist er überhaupt nicht -- man hat ihn totgeschlagen.«
»Wie das?«
»Mit einem Tomahawk erschlagen.«
»Wer hat ihn mit dem Tomahawk erschlagen?«
»Natürlich doch ein Indianer. Sie glaubten doch nicht, der
Superintendent einer Sonntagsschule hätte es gethan?«
»Nein. Also ein Indianer war es?«
»Jawohl.«
»Sein Name?«
»Sein Name? -- Ich werde doch nicht seinen Namen wissen sollen!«
»_Name_ unbedingt erforderlich. Wer hat denn gesehen, daß er mit dem
Tomahawk erschlagen wurde?«
»Das weiß ich nicht.«
»Sie selbst waren also nicht zugegen?«
»Nein -- wie Sie an meinen Haaren sehen können.«
»Woher wissen Sie denn, daß Mackenzie tot ist?«
»Weil er zu jener Zeit wirklich gestorben und seitdem auch tot
geblieben ist, wie ich allen Grund habe zu glauben. Ja, ich weiß es
ganz bestimmt.«
»Wir müssen Beweise haben. Ist der Indianer zur Stelle?«
»Natürlich nicht.«
»Den müssen Sie herbeischaffen. Haben Sie den Tomahawk hier?«
»Bewahre, ich denke gar nicht daran.«
»Sie müssen den Tomahawk beibringen und ihn uns zusamt dem Indianer
vorführen. Wenn sich hierdurch Mackenzies Tod beweisen läßt, haben Sie
sich an die Kommission zu wenden, welche eingesetzt ist, um schwebende
Forderungen zu prüfen. Vielleicht kommt dann Ihre Sache so in den Zug,
daß Ihre Kinder die Bezahlung der Rechnung noch erleben und das Geld
verzehren können. Aber vor allem muß der Tod jenes Mannes bewiesen
werden. Uebrigens kann ich Ihnen gleich noch sagen, daß die Regierung
die Transport- und Reisespesen des seligen Mackenzie nimmermehr
bezahlen wird. _Möglicherweise_ wird sie das Faß Pökelfleisch
bezahlen, welches Shermans Soldaten erobert haben, wenn Sie auf
Schadenersatz klagen und der Kongreß Ihre Forderung anerkennt; aber die
neunundzwanzig Faß, welche die Indianer aufgegessen haben, wird sie
Ihnen nicht bezahlen.«
»Demnach hätte ich nur hundert Dollars zu beanspruchen und selbst
diese sind mir nicht sicher! Und das nach Mackenzies endlosem Hin- und
Herreisen mit dem Pökelfleisch in Europa, Asien und Amerika, nach allen
Beschwerden, Prüfungen und Plackereien, die er erduldet hat, nach dem
Hinsterben so vieler Unschuldiger, die bei dem Versuch, die Rechnung
einzukassieren, ums Leben gekommen sind! Junger Mann, warum hat mir der
Oberregistrator der Pökelfleisch-Abteilung das nicht gleich gesagt?«
»Er wußte nicht, daß Ihr Anspruch begründet war.«
»Warum hat es mir der zweite, der dritte nicht gesagt -- warum erfuhr
ich es in keiner einzigen der Abteilungen und Unterabteilungen?«
»Weil man nirgends etwas davon wußte. Bei uns geschieht alles nach dem
Geschäftsgang. Dem sind Sie gefolgt und haben in Erfahrung gebracht,
was Sie zu wissen wünschten. Es ist das der beste Weg. Er ist ganz
ordnungsmäßig, man kommt dabei sehr langsam, aber sehr sicher zum Ziel.«
»Jawohl, zum sichern Tode. Dahin hat er die meisten der Unsrigen
geführt. Ich fühle, daß es auch mit mir zu Ende geht. -- Junger Mann,
Sie lieben jenes fröhliche Geschöpf da drüben mit den sanften,
blauen Augen und dem Federhalter hinter dem Ohr -- ich sehe das
an Ihren schmachtenden Blicken. Sie wünschen sie zu heiraten --
aber Sie sind arm. Hier -- strecken Sie die Hand aus, hier ist der
Rindfleisch-Kontrakt! Wohlan, nehmt euch, seid glücklich! Gott segne
euch, meine Kinder!«
* * * * *
Das ist alles, was ich von dem großen Rindfleisch-Kontrakt weiß, der
so viel Aufsehen in der Welt gemacht hat. Der Schreiber, dem ich ihn
abgetreten habe, ist gestorben. Was weiter aus dem Kontrakte und
seinen spätern Besitzern geworden ist, vermag ich nicht zu sagen. Nur
soviel weiß ich, daß, wenn jemand lange genug am Leben bleibt, um
seine Sache durch das ganze Umständlichkeitsamt in Washington hindurch
zu verfolgen, er zuletzt, nach vieler Mühe, Arbeit und Verzögerung,
das herausfinden wird, was er am ersten Tage hätte erfahren können,
wenn der Geschäftsgang im Umständlichkeitsamt so geschickt und
zweckentsprechend geregelt wäre, wie in jedem großen kaufmännischen
Institut.
Der gestohlene weiße Elefant.
I.
Die folgende merkwürdige Geschichte wurde mir von einem Manne erzählt,
den ich zufällig auf der Eisenbahn kennen lernte. Er war ein alter Herr
von mehr als siebzig Jahren, dessen gutmütiges Gesicht und aufrichtiges
Wesen jedem seiner Worte den unverkennbaren Stempel der Wahrhaftigkeit
aufdrückte. Er sagte:
Sie wissen, welche Verehrung der königliche weiße Elefant von Siam
bei der Bevölkerung jenes Landes genießt. Sie wissen, daß er den
Königen geweiht ist, daß nur Könige ihn besitzen dürfen und daß er in
einer Hinsicht selbst den Königen überlegen ist, indem er nicht bloß
geehrt, sondern auch angebetet wird. Nun gut; als sich vor fünf Jahren
Streitigkeiten über die Grenzlinie zwischen Britisch-Indien und Siam
erhoben, stellte sich alsbald heraus, daß Siam unrecht hatte. So wurde
denn die Sache rasch und zur Zufriedenheit des Vertreters von England
geregelt. Teils zum Zeichen seiner Dankbarkeit, teils auch wohl, um
jede noch etwa vorhandene Spur von Mißstimmung auf englischer Seite zu
verwischen, beabsichtigte der König von Siam der Königin Viktoria ein
Geschenk zu senden -- nach orientalischen Begriffen der einzig sichere
Weg, einen Feind zu beschwichtigen. Dieses Geschenk sollte nicht nur
ein königliches, sondern auch in jeder Beziehung einzig sein. Was
konnte sich dazu besser eignen, als ein weißer Elefant? Da ich eine
angesehene Stellung im indischen Zivildienst einnahm, ward ich der Ehre
gewürdigt, Ihrer Majestät das Geschenk zu überbringen. Man rüstete
für mich und meine Dienerschaft nebst den Wärtern des Elefanten ein
Schiff aus. Ich gelangte zur gehörigen Zeit im Hafen von New York an
und brachte meinen königlichen Schutzbefohlenen in einem prächtigen
Quartiere zu Jersey City unter. Wir mußten notgedrungen einige Zeit
rasten, bevor wir die Reise fortsetzten, denn die Kräfte des Tieres
verlangten Schonung.
Vierzehn Tage lang ging alles gut -- dann begannen meine Nöte. Der
weiße Elefant war gestohlen worden! Man hatte mich mitten in der Nacht
aufgeweckt und von dem entsetzlichen Verlust benachrichtigt. Ich war
einige Augenblicke außer mir vor Schreck und Angst; dann wurde ich
ruhiger und sammelte meine fünf Sinne. Ich sah bald, welchen Weg ich
einzuschlagen hatte -- für einen vernünftigen Menschen konnte es in
der That nur einen geben. Trotz der späten Stunde eilte ich sogleich
nach New York und ließ mich von einem Schutzmann nach dem Hauptquartier
der Geheimpolizei führen. Ich langte noch zur rechten Zeit an, gerade
als der Chef, der berühmte Inspektor Blunt, im Begriff war, nach
Hause zu gehen. Er war ein Mann von mittlerer Größe und gedrungenem
Körperbau. Schon sein Anblick flößte mir Hoffnung und Vertrauen ein.
Wenn er in tiefes Nachdenken versunken war, hatte er eine Art, die
Brauen zusammenzuziehen und sich mit dem Zeigefinger nachdenklich
auf die Stirn zu klopfen, die mich sofort überzeugte, es mit keiner
gewöhnlichen Persönlichkeit zu thun zu haben. Ich trug ihm meine Sache
vor: sie brachte ihn nicht im geringsten aus der Fassung; ja -- machte
sichtlich nicht mehr Eindruck auf seine eherne Selbstbeherrschung, als
wenn es sich um einen gestohlenen Hund handelte. Er wies mir einen Sitz
an und sagte ruhig:
»Bitte, lassen Sie mich ein wenig nachdenken.«
Indem er das sagte, setzte er sich an seinen Schreibtisch und stützte
den Kopf auf die Hand. Einige Schreiber arbeiteten am andern Ende des
Zimmers; das Kratzen ihrer Federn war das einzige Geräusch, das ich
während der nächsten sechs oder sieben Minuten hörte. Mittlerweile
blieb der Inspektor in tiefe Gedanken versunken; endlich erhob er
das Haupt, und in den festen Zügen seines Gesichts lag etwas, was
mir anzeigte, daß sein Gehirn seine Schuldigkeit gethan habe und
daß sein Plan fertig sei. Er sprach -- seine Stimme war leise und
eindringlich --:
»Kein gewöhnlicher Fall das! Jeder Schritt muß vorsichtig geschehen;
jeder Schritt muß sicher gemacht werden, bevor der nächste gewagt wird.
Und die Sache muß verschwiegen bleiben -- tiefes, unverbrüchliches
Geheimnis. Sprechen Sie mit niemand darüber, nicht einmal mit den
Reportern; ich will dafür sorgen, daß sie nur erfahren und berichten,
was meinen Zwecken dient.« Er schellte; ein Jüngling erschien.
»Alarich, sagen Sie den Reportern, sie sollen vorläufig dableiben.«
Der Jüngling verschwand. »Und nun zur Sache -- und das systematisch.
In meinem Beruf kann man es zu nichts bringen, ohne strenge und genaue
Methode.«
Er ergriff eine Feder und legte sich einen Bogen Papier zurecht. »Nun!
-- der Name des Elefanten?«
»Hassan Ben Ali Ben Selim Abdallah Mohamed Moisé Alhammal
Jamtsetjejeebhoy Dhulepp Sultan Ebu Bhudpoor.«
»Sehr gut. Rufname?«
»Jumbo.«
»Sehr gut. Geburtsort?«
»Die Hauptstadt von Siam.«
»Eltern lebend?«
»Nein -- tot.«
»Hatten sie noch andere Nachkommenschaft?«
»Nein, er war der einzige Sohn.«
»Gut! diese Personalien genügen für diese Rubrik. Und nun, bitte,
beschreiben Sie den Elefanten und lassen Sie keine Einzelheit
aus, sei sie auch noch so unbedeutend -- d. h. unbedeutend von
_Ihrem_ Gesichtspunkt aus. Für Leute meines Berufs _giebt_ es keine
unbedeutenden Einzelheiten.«
Ich _beschrieb_ und er schrieb _nieder_; als ich zu Ende war, sagte er:
»Hören Sie zu und berichtigen Sie mich, wenn ich einen Fehler gemacht
habe.«
Er las wie folgt:
»Höhe 19 Fuß; Länge von der Stirn bis zum Schwanzansatz 26 Fuß;
Länge des Rüssels 16 Fuß; Länge des Schwanzes 6 Fuß; Totallänge
einschließlich Rüssel und Schwanz 48 Fuß; Länge der Stoßzähne 9½ Fuß;
Ohren, im Verhältnis zu diesen Dimensionen; Fußspur gleicht der Spur
eines Fasses, das man im Schnee aufrecht stellt; Farbe des Elefanten
ein schmutziges Weiß; hat in jedem Ohr ein Loch von der Größe eines
Tellers zum Einhängen von Schmucksachen; besitzt in hohem Grade die
Gewohnheit, Gaffer mit Wasser zu bespritzen und mit seinem Rüssel
nicht nur Leute, mit denen er bekannt ist, sondern selbst Fremde zu
mißhandeln; hat eine Narbe unter der Achselhöhle, hinkt ein wenig auf
dem rechten Hinterbein und hatte, als er gestohlen wurde, auf dem
Rücken einen Turm mit Sitzen für fünfzehn Personen und eine Satteldecke
aus Goldbrokat von der Größe eines gewöhnlichen Teppichs.«
Das Signalement war tadellos; der Inspektor schellte, händigte Alarich
die Beschreibung ein und sagte:
»Lassen Sie sogleich fünfzigtausend Exemplare von diesem Signalement
drucken und per Bahn an alle Polizeiämter und Pfandleiher in
Nordamerika versenden.« Alarich zog sich zurück. »So, damit wären wir
fertig. Nun muß ich eine Photographie des gestohlenen Eigentums haben.«
Ich gab ihm eine; er betrachtete sie kritisch und sagte:
»Sie muß genügen, da wir keine bessere haben; aber er hat den Rüssel
aufgerollt und in den Mund gesteckt. Das ist schade, denn es kann
leicht irre führen, weil er natürlich den Rüssel für gewöhnlich nicht
so trägt.« Er schellte.
»Alarich, lassen Sie sogleich fünfzigtausend Abdrücke dieser
Photographie anfertigen und mit dem Signalement versenden.«
Alarich ging, um seine Befehle zu vollziehen. Der Inspektor sagte:
»Man wird natürlich eine Belohnung aussetzen müssen. Wie hoch meinen
Sie?«
»Welche Summe würden Sie mir raten?«
»Vorerst würde ich sagen -- nun, fünfundzwanzigtausend Dollars. Es ist
eine verwickelte und schwierige Arbeit; es giebt tausend Gelegenheiten
zum Entkommen und zum Verbergen. Diese Diebe haben überall Freunde und
Helfershelfer.« -- --
»Lieber Himmel, wissen Sie denn, wer sie sind?«
Das kluge Gesicht, geübt im Verbergen der Gedanken und Gefühle, verriet
mir nicht das mindeste, ebensowenig die vollkommen ruhig geäußerte
Erwiderung:
»Lassen Sie's gut sein! Vielleicht weiß ich's, vielleicht auch nicht.
Wir gewinnen gewöhnlich einen ziemlich deutlichen Hinweis auf die
Thäter aus der Art und Weise, wie sie zu Werk gehen und aus der Größe
ihres Raubes. Wir haben es hier nicht mit einem Taschendieb oder
Uhrenabzwicker zu thun, darauf können Sie Gift nehmen -- dieser
Gegenstand wurde von keinem Anfänger ›aufgehoben‹. Aber, was ich sagen
wollte, in Anbetracht der vielen Reisen, die gemacht werden müssen,
und des Eifers, mit dem die Diebe ihre Spuren verwischen werden,
mögen fünfundzwanzigtausend Dollars fast zu wenig sein; doch kann man
immerhin damit anfangen.«
So einigten wir uns denn über diese Summe für den Anfang. Dann sagte
der Inspektor, dem nichts entging, was nur irgendwie als Fingerzeig
dienen konnte:
»Es giebt in der Polizeigeschichte Fälle, die beweisen, daß Verbrecher
durch Eigentümlichkeiten in ihrer Geschmacksrichtung entdeckt worden
sind. Sagen Sie, was frißt Ihr Elefant, und wieviel?«
»_Was_ er frißt? -- einfach alles! Er frißt einen Menschen, er frißt
eine Bibel -- er frißt alles, was zwischen Mensch und Bibel liegt.«
»Gut, wirklich sehr gut, aber zu allgemein. Ich brauche Details --
Details haben in unserem Berufe allein Wert. Also, die Menschen
betreffend: wie viele davon wird er, wenn sie frisch sind, zu einer
Mahlzeit oder -- sagen wir -- während eines Tages verzehren?«
»Er wird keinen großen Unterschied machen, ob frisch oder nicht; und
ich denke, daß fünf Menschen eine gewöhnliche Mahlzeit für ihn sind.«
»Sehr gut -- fünf Menschen; wir wollen das notieren. Welche Rassen hat
er am liebsten?«
»In dieser Beziehung ist er nicht sehr wählerisch. Er zieht Bekannte
vor, hat aber keinerlei Voreingenommenheit gegen Fremde.«
»Sehr gut -- nun zu den Bibeln. Wie viele Bibeln würde er zu einer
Mahlzeit brauchen?«
»Eine ganze Auflage.«
»Das ist kaum genau genug. Meinen Sie die gewöhnliche Oktavbibel oder
die illustrierte Familienbibel?«
»Ich glaube nicht, daß ihm an den Illustrationen viel liegen würde --
d. h. er wird sie nicht höher schätzen als einfachen Druck.«