ihr Phosphorgehalt Gehirn erzeugt. Insofern haben Sie ganz recht.
Aber zu einer Entscheidung der Frage, wieviel Sie davon essen müssen,
kann ich Ihnen nicht verhelfen -- wenigstens nicht mit Sicherheit.
Wenn der Probeaufsatz, den Sie einschicken, dem entspricht, was Sie
im Durchschnitt leisten können, so sollte ich denken, daß für jetzt
ein paar Walfische genügen würden. Es brauchten nicht gerade die
allergrößten Walfische zu sein, sondern eine gute, gesunde Mittelsorte.
III.
An einen verschmähten Liebhaber.
Herr Higgins in Los Angeles schreibt mir: »Mein Leben ist verfehlt. Ich
habe sie bis zum Wahnsinn geliebt und angebetet; sie aber hat sich kalt
von mir abgewendet und ihr Herz einem andern geschenkt. Raten Sie mir,
was soll ich thun?«
_Antwort._ Schenken Sie Ihr Herz auch einer andern -- oder mehreren,
wenn genug zu haben sind. Thun Sie auch alles, was in Ihrer Macht
steht, um Ihre frühere Flamme unglücklich zu machen. In Romanen findet
man die abgeschmackte Vorstellung verbreitet, daß ein verschmähter
Liebhaber sich um so glücklicher fühlt, je glücklicher seine Geliebte
mit einem andern ist. Glauben Sie nur ja nicht an solchen Unsinn.
Je mehr das Mädchen Ursache hat zu beklagen, daß es nicht Ihre Frau
geworden ist, um so behaglicher wird Ihnen dabei zu Mute sein. Das
klingt nicht poetisch, ist aber eine höchst vernünftige Regel.
IV.
An Arthur Augustus.
Nein, da haben Sie unrecht. Das ist wohl die Art, wie man einen
Pflasterstein oder einen Tomahawk schleudert, aber für einen
Blumenstrauß eignet sie sich weniger; Sie könnten dabei leicht einmal
jemand Schaden anthun. Einen Strauß hält man mit den Blumen nach
unten, faßt ihn bei den Stengeln und wirft ihn dann im Bogen. Haben
Sie je mit der Wurfscheibe gespielt? Gerade so muß man's machen. Die
Sitte, ungeheuere massive Bouquets von der Größe und Schwere eines
preisgekrönten Kohlkopfs aus den schwindelnden Höhen der Galerie
hinabzuwerfen, ist höchst gefährlich und tadelnswert. Wissen Sie, was
vorgestern abend in der Musikakademie geschehen ist? -- Eben hatte
die Signorina das wundervolle Lied ›Des Sommers letzte Rose‹ zu Ende
gesungen, da kam ein solcher Schmiedehammer aus dem Blumengeschlecht
durch die mit Beifallssturm erfüllte Luft herniedergesaust. Hätte sie
nicht eine schnelle Wendung nach rechts gemacht, so würde er sie wie
einen Schindelnagel in die Bretter der Bühne hineingehämmert haben.
Natürlich wurde der Strauß in guter Absicht geworfen, aber hätten Sie
etwa die Zielscheibe sein mögen? Glauben Sie mir -- eine aufrichtig
gemeinte Artigkeit wird von einer Dame stets dankbar empfunden, so
lange man nicht versucht, sie damit zu Boden zu schmettern.
V.
Einer jungen Mutter.
Sie denken also, ein kleines Kind sei allezeit ein Ausbund von
Schönheit und eine Quelle ewiger Freude? Die Idee ist zwar ansprechend,
aber wie mir scheint nicht ganz neu. Jede Kuh denkt dasselbe von ihrem
Kalbe. Vielleicht denkt es die Kuh auf weniger anmutige Art, aber
sie denkt es doch und ich rechne es der Kuh zur Ehre an. Wir alle
schätzen dieses rührende mütterliche Gefühl, wo wir es auch finden,
sei es im Hause der Pracht und des Reichtums oder im niedern Kuhstall.
Aber wirklich, verehrte Frau, genau betrachtet, finde ich, daß Ihre
Behauptung sich nicht in allen Fällen als stichhaltig erweist. Man kann
ein schmutziges Kind, dem nicht rechtzeitig die Nase geputzt wird,
nicht mit gutem Gewissen für einen Ausbund von Schönheit erklären, und
da das früheste Kindesalter höchstens drei kurze Jahre umfaßt, kann
ein kleines Kind unmöglich eine ›ewige‹ Freude sein. Es schmerzt mich,
daß ich genötigt bin, zwei Drittteile Ihres schönen Ausspruchs mit
einem einzigen Satz zu vernichten, aber bei meiner verantwortlichen
Stellung als Redakteur darf ich Ihnen nicht gestatten, das Publikum mit
wohlklingenden Redensarten zu täuschen und in die Irre zu führen.
Ich kenne ein kleines Kind weiblichen Geschlechts in dieser Stadt,
das achtzehn Monate alt ist und außer stande vierundzwanzig Stunden
hintereinander eine Quelle der Freude zu sein -- von ›ewig‹ gar nicht
zu reden! Es ergeht sich in den merkwürdigsten Absonderlichkeiten und
besitzt einen Appetit, wie er mir noch nicht vorgekommen ist. Ich will
hier aufzählen, was dieses Kind an einem einzigen Tage sich alles
ganz allein ausgedacht, vorgenommen und ausgeführt hat, ohne Anraten
und Hilfe seiner Mutter oder einer andern Person. Auch bemerke ich,
daß sich meine sämtlichen Angaben durch beschworene Zeugenaussagen
bestätigen lassen.
Das Kind begann damit, ein Dutzend große Pillen samt der Schachtel
zu verzehren, dann fiel es die Treppe hinunter und stand mit einer
dicken blauroten Beule an der Stirn wieder auf, um sich sofort
nach anderer Unterhaltung und Zerstreuung umzusehen. Es fand eine
Glasbrosche mit Messingverzierung, zerbrach erst das Glas, verspeiste
es und verschluckte dann das Messing. Hierauf trank es wohl ein
Dutzend Eßlöffel voll starken Kampferspiritus und etwa zwanzig Tropfen
Laudanum; wäre mehr dagewesen, es hätte noch mehr getrunken. Dann
legte es sich auf den Rücken und steckte sich einen Spazierstock
mit silbernem Knopf vier bis fünf Zoll weit in den Hals hinab, wo
er so fest saß, daß die Mutter die größte Mühe hatte, ihn wieder
herauszuziehen, ohne ein Stück von dem Kinde selbst mit herauszureißen.
Dann verspürte es wieder Hunger nach Glas, brach ein paar Weingläser
entzwei und begann die Scherben zu verzehren; daß es sich dabei
verschiedene Male schnitt, machte ihm nichts aus. Ferner aß es eine
Menge Butter, Salz, Pfeffer und Zündhölzchen; immer abwechselnd einen
Löffel voll Butter, einen voll Salz, einen voll Pfeffer und drei
oder vier Hölzchen. Nun wusch es sich den Kopf mit Seife und Wasser,
aß die übrige Seife auf und trank soviel von dem Seifwasser, als
es unterbringen konnte. Darauf spazierte es hinaus, faßte die Kuh
vertraulich am Schwanz und erhielt von derselben einen Schlag mit dem
Huf, daß es einen Purzelbaum schoß. Wenn diese ›Quelle der Freude‹ im
Lauf des Tages gerade nichts anderes vorhatte, vertrieb sie sich die
Zeit damit, auf Stühle und Tische zu klettern, herabzufallen und sich
regelmäßig dabei weh zu thun. Trotz ihrer Jugend kann sie einzelne
Wörter schon ganz deutlich aussprechen und da sie auch in anderer
Hinsicht nicht hinter dem Berge hält, sondern dreist auf alles losgeht,
eröffnet sie die Unterhaltung mit jedem Fremden, sei er männlichen oder
weiblichen Geschlechts mit derselben Formel: »Wie geht's Jim?«
[Illustration]
Da ich mit den Eigenheiten der Kinder im allgemeinen nicht vertraut
bin, habe ich vielleicht Dinge als etwas Außergewöhnliches geschildert,
die jedem, der in der Kinderstube Bescheid weiß, höchst alltäglich
erscheinen. Indessen kann ich doch nicht glauben, daß dies wirklich
der Fall ist, und wiederhole daher nochmals, daß mein Bericht über die
Thaten dieses Kindes vollkommen mit der Wahrheit übereinstimmt; sollte
irgend jemand hieran zweifeln, so kann ich ihm das Mädchen vorführen.
Ich will mich auch dafür verbürgen, daß es alles verschlingen wird,
was man ihm giebt (einen Amboß möchte ich allenfalls ausnehmen), und
überall hinunterfallen, wo man es hinsetzt.
Aber ich sehe, daß ich zu weit von meinem Gegenstand abschweife,
deshalb will ich nur noch einmal die Ueberzeugung aussprechen, daß
nicht jedes kleine Kind ein Ausbund von Schönheit und eine Quelle
ewiger Freude ist.
VI.
An einen gelehrten Fragesteller.
Ein Arithmetikus aus Virginia in Nevada schreibt: »Ich studiere mit
Begeisterung Mathematik und finde es recht verdrießlich, daß mein
Fortschritt unaufhörlich durch geheimnisvolle, technische Ausdrücke der
Gelehrten gehemmt wird. Wollen Sie mir nicht gefälligst sagen, worin
der Unterschied zwischen Geometrie und Conchologie besteht?«
_Antwort_: Bleiben Sie mir vom Leibe mit Ihren arithmetischen Rätseln,
mir ist der Kopf ohnehin von einem Schnupfen eingenommen, der mich
halb tot macht. Hätten Sie den Ausdruck von Hohn sehen können, der
noch vor einem Augenblick meine Gesichtszüge verdüsterte und sofort
vom Mittelpunkt aus durch mein letztes Niesen nach allen Seiten hin
gesprengt wurde, wie ein zersplittertes Spiegelglas, Sie würden diese
schimpfliche Frage schwerlich niedergeschrieben haben.
Die Conchologie ist eine Wissenschaft, die nichts mit der Mathematik zu
thun hat; sie bezieht sich einzig und allein auf Schaltiere. Damit soll
aber nicht gesagt sein, daß ein Mann, welcher Austerschalen für ein
Gasthaus öffnet, oder sich einer Wageschale bedient, Schalen mit Milch
füllt, oder Eierschalen ausbläst, ein Student der Conchologie ist --
diese feine sarkastische Bemerkung wird an einer so hohlen Hirnschale
wie die Ihrige wohl verschwendet sein. Nun vergleichen Sie einmal
die Conchologie und die Geometrie mit einander, da werden Sie sehen,
was der Unterschied ist und die Antwort auf Ihre Frage finden. Aber
martern Sie mich nicht wieder mit Ihren arithmetischen Greueln, bis Sie
hören, daß ich meinen Schnupfen losgeworden bin. Mich erfüllt in diesem
Augenblick der bitterste Haß gegen Sie, weil Sie mich auf solche
Weise nörgeln und quälen, während ich vor Wut nur niesen und meine
Taschentücher zu Atomen zerschnauben kann. Seien Sie froh, daß Sie
nicht im Bereich meiner Nase sind. Es wäre mir eine wahre Genugthuung,
Sie mit einem kolossalen Nieser in alle Winde zu blasen.
Kandidatenfreuden.
Vor ein paar Monaten wurde ich im großen Staate New York von der Partei
der Unabhängigen als Kandidat für den Gouverneursposten aufgestellt.
Meine Gegenkandidaten waren John T. Smith und Blank J. Blank. Diesen
Herren gegenüber glaubte ich erheblich im Vorteil zu sein -- ich
erfreute mich nämlich eines guten Rufes. Wenn sie aber -- das konnte
man leicht aus den Zeitungen ersehen -- je gewußt hatten, was es heißt,
einen fleckenlosen Namen zu tragen, so war diese Zeit längst vorüber.
Offenbar hatten sie sich in den letzten Jahren mit den schändlichsten
Verbrechen ganz vertraut gemacht. Aber während ich mich noch insgeheim
an dem Bewußtsein meiner Ueberlegenheit ergötzte, lauerte schon ein
trübes Unbehagen im Hintergrunde meiner Seele und nagte an den Wurzeln
meines Glücks. Mich quälte der Gedanke, daß nun mein Name fortwährend
in Verbindung mit demjenigen solcher Menschen genannt werden würde.
Meine Unruhe darüber wuchs von Tag zu Tage. Endlich schrieb ich es
meiner Großmutter. Ihre Antwort traf ein und lautete sehr bestimmt wie
folgt:
»Du hast nie in deinem Leben das geringste gethan, dessen du dich zu
schämen brauchtest, nicht das geringste. Nun wirf einen Blick in die
Zeitungen, lies und erkenne, was für Charaktere die Herren Smith und
Blank sind und dann prüfe dich, ob du willens bist, dich so weit zu
erniedrigen, daß du mit ihnen den öffentlichen Wettbewerb um ein Amt
aufnimmst.«
[Illustration]
Mir ganz aus der Seele gesprochen! Ich verbrachte eine schlaflose
Nacht; aber wie ich's mir auch überlegte, zurücktreten konnte ich nicht
mehr, ich war meinen Wählern gegenüber gebunden und mußte den Kampf
fortsetzen. Als ich beim Frühstück mechanisch die Zeitung überblickte,
stieß ich auf den folgenden Artikel, und, ehrlich gestanden, hat mich
noch nie im Leben etwas dermaßen verblüfft:
»_Meineid._ -- Da nun Herr M. Twain öffentlich als Kandidat für
den Gouverneursposten auftritt, wird er sich vielleicht zu einer
Erklärung herbeilassen, wie es kam, daß er im Jahre 1863 zu Wakawak
in Cochinchina von vierunddreißig Zeugen des Meineids überführt
wurde. Der Zweck dieses Meineids war, eine arme eingeborene Witwe
und ihre hilflosen Kinder der elenden kleinen Bananenpflanzung zu
berauben, welche ihnen in ihrer Not und Verlassenheit allein Nahrung
und Unterhalt gewährte. Herr Twain ist es sich selbst und dem großen
Volke schuldig, um dessen Stimmen er sich bewirbt, diese Angelegenheit
aufzuklären. Wird er es thun?« --
Ich meinte, mich rühre der Schlag vor Entsetzen. Eine so grausame und
herzlose Beschuldigung! Cochinchina hatte ich nie gesehen und von
Wakawak niemals gehört. Ich hätte eine Bananenpflanzung nicht von
einem Känguruh unterscheiden können. Ich war ratlos, von Sinnen, wußte
mir nicht zu helfen! So verging der Tag, ohne daß ich einen Entschluß
faßte. Am nächsten Morgen brachte dieselbe Zeitung folgende kurze Notiz:
»_Bezeichnend._ -- Herr Twain hüllt sich, wie man bemerkt, über den
Cochinchina-Meineid in ein vielsagendes Schweigen.«
Während des ganzen Wahlkampfes wurde ich, beiläufig gesagt, von dieser
Zeitung nie anders erwähnt, als mit dem Beifügen: »Der schändliche,
meineidige Twain.«
* * * * *
Die ›Gazette‹ brachte nun zunächst folgendes:
»_Anfrage._ -- Wird der neue Gouverneurskandidat die Güte haben, einige
seiner Mitbürger, die ihre Stimmen nicht leichtsinnig abgeben wollen,
über einen geringfügigen Umstand aufzuklären? Wie kam es, daß seine
Schlafgenossen in Montana dann und wann kleine Wertsachen verloren,
die jedesmal an Herrn Twains Person oder in seinem ›Koffer‹ (einem
Zeitungsblatt, in welches er seine Habseligkeiten einzuwickeln pflegte)
vorgefunden wurden, bis man sich endlich veranlaßt fühlte, ihm zu
seinem eigenen Besten eine freundliche Verwarnung zu erteilen? Man
theerte und federte ihn, ließ ihn auf einem Balken reiten und gab ihm
schließlich den Rat, an dem Platz, den er gewöhnlich im Lager einnahm,
eine bleibende Lücke zu lassen. Wird er dem Rate folgen?« --
Konnte man sich etwas ausgeklügelt Boshafteres vorstellen, zumal ich
zu keiner Zeit meines Lebens in Montana gewesen bin?
Von da ab nannte mich dieses Journal nie anders als den ›Montana-Dieb
Twain.‹
Ich kam so weit, daß ich mich fast fürchtete, eine Zeitung in die Hand
zu nehmen; ungefähr wie jemand, der eine wollene Decke, die er nötig
braucht, aufheben möchte, aber eine Klapperschlange darunter vermutet.
Eines Tages las ich folgendes:
»_Der Lügner ist entlarvt!_ -- Durch die beschworenen Aussagen der
Herren Michael O'Flanagan, Snub Rafferty und Catty Mulligan aus
Five-Points und Water-Street[1] wurde festgestellt, daß Herrn Mark
Twains schändliche Behauptung, als wäre der verstorbene Großvater
unseres edlen Bannerträgers Blank J. Blank wegen Straßenraubs gehängt
worden, eine gemeine, aus der Luft gegriffene Lüge ist. Für tugendhafte
Männer ist es eine niederschmetternde Erfahrung, daß man zu solchen
unehrenhaften Mitteln greifen kann, um einen politischen Erfolg zu
erringen, daß man sich nicht scheut, die Toten noch im Grabe zu
beschimpfen und auf ihren geachteten Namen Verleumdungen zu häufen.
Wenn wir an den Schmerz denken, den diese elende Lüge den unschuldigen
Verwandten und Freunden des Verewigten bereitet haben muß, sind wir
fast versucht, das betrogene und beleidigte Publikum zu schneller, wenn
auch ungesetzmäßiger Rache gegen den Verleumder aufzustacheln. Aber
nein -- überlassen wir ihn den Qualen eines gepeinigten Gewissens! --
Sollte jedoch der Fall eintreten, daß das Publikum, von Leidenschaft
übermannt, in blinder Wut dem Verleumder körperliche Mißhandlungen
zufügte, so liegt es auf der Hand, daß kein Schwurgericht die Thäter
für schuldig erklären, kein Richter sie strafen könnte.«
[1] Eine berüchtigte Gegend New Yorks, wo viel irisches
Gesindel wohnt.
Der geschickt abgefaßte Schlußsatz bewirkte, daß ich noch in derselben
Nacht in größter Eile aus dem Bette und zur Hinterthür hinausflüchten
mußte, während das ›betrogene und beleidigte‹ Publikum vor dem Hause
wütete und tobte wie brandende Meereswogen, in seiner gerechten
Entrüstung beim Kommen Möbel und Fenster zerschlug und beim Gehen so
viel von meinem Eigentum mitnahm, als es tragen konnte. Und doch kann
ich meine Hand auf die Bibel legen und versichern, daß ich Herrn Blanks
Großvater niemals verleumdet habe. Ja noch mehr -- ich hatte bis zu
jener Stunde seinen Namen nicht einmal nennen hören.
Gelegentlich will ich nur erwähnen, daß das Journal, welchem
obige Mitteilung entstammt, mich von nun an immer als ›Twain, den
Leichenschänder‹ bezeichnete.
* * * * *
Der nächste Zeitungsartikel, der meine Aufmerksamkeit erregte, lautete
wie folgt:
»_Ein netter Kandidat!_ -- Herr Mark Twain, der gestern abend bei der
Volksversammlung der Unabhängigen eine donnernde Rede halten sollte,
glänzte durch Abwesenheit. Ein Telegramm seines Arztes meldete, daß
er von einem durchgegangenen Gespann zu Boden geworfen worden sei
und an einem doppelten Beinbruch in großen Schmerzen darniederliege,
und so weiter, und so weiter, noch ein ganzer Haufen ähnlichen
Unsinns. Die Unabhängigen gaben sich alle Mühe, die elende Notlüge
hinunterzuschlucken und zu thun, als ahnten sie den eigentlichen Grund
der Abwesenheit jenes Verworfenen nicht, den sie zu ihrem Bannerträger
erkoren haben. _Gestern abend sah man einen gewissen Menschen im
Zustand viehischer Betrunkenheit_ in Herrn Twains Hotel hineintaumeln!
Es ist unbedingt Pflicht für die Unabhängigen, zu beweisen, daß dieses
zum Tier entwürdigte Geschöpf nicht Mark Twain selbst gewesen ist.
Jetzt endlich sind sie gefangen -- hier giebt es kein Entrinnen! Im
Donnerton ruft die Volksstimme: _Wer war der Mensch?_« --
* * * * *
Unglaublich, völlig unglaublich, daß es wirklich mein Name war, den man
mit diesem schmachvollen Verdacht in Verbindung brachte! Waren doch
drei Jahre über mein Haupt dahingegangen, seit ich einen Tropfen Ale,
Bier, Wein oder überhaupt ein geistiges Getränk angerührt hatte.
Es zeigt, wie abgestumpft ich schon mit der Zeit geworden war, daß ich
es ohne Schmerz ertragen konnte, mich in der nächsten Nummer dieses
Journals ganz selbstverständlich als Herr ›~Delirium Tremens Twain~‹
erwähnt zu finden, obgleich ich sicher sein konnte, daß das Blatt mit
unwandelbarer Eintönigkeit fortfahren werde, mich bis ans Ende so zu
bezeichnen.
Unter den Postsachen, welche ich täglich erhielt, begannen jetzt
anonyme Briefe eine große Rolle zu spielen. Die Form derselben war
meistens folgende:
»Wie war's denn mit die alte Bettelfrau, die Sie von Ihrer
Dürschwölle mit Fußdritte wegjachten?
Pol Pry.«
Dann weiter: --
»Sie haben Dahten gethan, welche niemand bewußt sind wie mir.
Rücken Sie nur ein bar Batzen raus an Ihren Ergebenen oder Sie
sollen durch die Zeitungen was hören von
Handy Andy.«
So ungefähr lauteten sie. Auf Wunsch könnte ich damit fortfahren, bis
der Leser übergenug hat.
Bald darauf ›überführte‹ mich das bedeutendste republikanische
Journal einer großartigen Bestechung und das demokratische Hauptblatt
bezüchtigte mich eines niederträchtigen Erpressungsversuches. Auf diese
Weise erwarb ich zwei neue Titel: ›Twain, der elende Verführer‹ und
›Twain, der schändliche Räuber.‹
Inzwischen verlangte man mit solchem Toben eine ›Antwort‹ auf alle die
entsetzlichen Beschuldigungen, die gegen mich laut geworden waren, daß
die Redakteure und die Führer meiner Partei behaupteten, es wäre mein
politischer Ruin, wollte ich länger bei meinem Schweigen verharren. Wie
um ihr Verlangen noch dringender zu machen, erschien schon am nächsten
Tage folgendes in einer Zeitung:
»_Seht einmal den Menschen an!_ -- Der Kandidat der Unabhängigen
schweigt noch immer, weil er nicht zu reden wagt. Alle gegen ihn
erhobenen Anschuldigungen sind vollauf bewiesen worden und sein
fortgesetztes, beredtes Schweigen hat deren Wahrheit genug bestätigt,
so daß er nunmehr für alle Zeit überführt dasteht. -- Ihr Unabhängigen,
seht ihn euch einmal an, euern Kandidaten! Seht den verruchten
Meineidigen, den Montana-Dieb, den Leichenschänder! Betrachtet euch
euern ~Delirium Tremens~, den elenden Verführer, den schändlichen
Räuber! Schaut ihn an -- genau und gründlich -- und dann sagt, ob ihr
mit gutem Gewissen einem Schurken eure Stimme geben könnt, der sich
durch seine entsetzlichen Verbrechen eine so grauenvolle Auswahl von
Ehrentiteln erworben hat und es nicht wagt, den Mund aufzuthun, um auch
nur einen einzigen von sich zu weisen.«
[Illustration]
Ich sah keine Möglichkeit, mir die Sache zu ersparen, und so machte
ich mich denn tief gedemütigt daran, eine ›Antwort‹ auf den Wust von
grundlosen Beschuldigungen und boshaften Lügen vorzubereiten. Aber
ich brachte diese Aufgabe nicht zu stande. Schon am folgenden Morgen
erschien nämlich eine neue gräßliche Geschichte in einem Blatt; mit
abscheulicher Erfindungsgabe beschuldigte man mich allen Ernstes, ein
Irrenhaus nebst sämtlichen Insassen niedergebrannt zu haben, weil
es die Aussicht vor meinem Hause versperre. Dies versetzte mich in
Todesschrecken. -- Ferner sollte ich noch meinen Onkel vergiftet haben,
um sein Vermögen an mich zu bringen, und man bestand heftig darauf, das
Grab müsse geöffnet werden. Es trieb mich an den Rand der Verzweiflung.
Als nun noch die Anklage folgte, ich hätte als Pfleger des Findelhauses
meine zahnlosen, altersschwachen Verwandten angestellt, um die Kost
zu bereiten -- da begann ich zu wanken, und die Sinne schwanden mir.
Schließlich setzte man der empörenden Verunglimpfung, die der Parteihaß
mir angethan, noch die Krone auf, indem man neun zerlumpte Kinder, in
allen Farbenschattierungen, die kaum laufen gelernt hatten, abrichtete,
bei einer öffentlichen Versammlung auf die Rednertribüne zu stürzen,
sich an mich zu drängen und mich Papa zu nennen.
Das gab den Ausschlag. Ich strich die Flagge und ergab mich. Zum
Wahlkampf im Staate New York bei Besetzung des Gouverneurpostens
reichten meine Kräfte nicht aus. Ich sandte meinen Verzicht auf die
Kandidatur ein und unterzeichnete mich in der Bitterkeit meines Herzens
Ihr ergebener
ehemaliger Ehrenmann,
aber jetzt S.M. -- M.D. -- L.Sch. -- D.T. -- E.V. u. S.R.
_Mark Twain_.
Der große Rindfleisch-Kontrakt.
Mit so wenig Worten wie möglich will ich der Nation über meine
Beteiligung an einer Sache berichten, welche die öffentliche Meinung in
hohem Grade beschäftigt und viel böses Blut erregt hat.
Die traurige Angelegenheit ist von den Zeitungen der alten und der
neuen Welt mit den schrecklichsten Uebertreibungen und Verzerrungen
dargestellt worden; für alle Thatsachen, welche ich anführe, finden
sich aber -- das kann ich versichern -- mehr als genügende urkundliche
Beweise in den Staatsarchiven der Union vor. Der Verlauf der Sache war
ursprünglich folgender:
John Wilson Mackenzie aus Rotterdam in der Grafschaft Chemung im Staate
New Jersey, jetzt verstorben, schloß etwa am 10. Oktober 1861 mit der
Regierung der Vereinigten Staaten einen Kontrakt ab, nach welchem er
dem General Sherman dreißig Faß eingepökeltes Rindfleisch zu liefern
hatte.
Nun gut.
[Illustration]