Fort war er. Mir schauderte. -- Nach Verlauf von drei Stunden hatte

ich so entsetzliche Gefahren bestanden, daß alle Seelenruhe und

Heiterkeit von mir gewichen war. Gillespie hatte sich eingefunden und

_mich_ aus dem Fenster geworfen; Jones war pünktlich gekommen, als ich

mich aber anschickte, ihn durchzuwalken, nahm er mir die Arbeit ab.

Bei dem Zusammenstoß mit einem Unbekannten, der nicht auf der Liste

stand, hatte ich mein Haar mit samt der Kopfhaut verloren. Ein anderer

Fremder, der sich Thompson nannte, ließ mich als Trümmerhaufen und

Lumpenbündel zurück. Zuletzt sah ich mich voll Verzweiflung in einen

Winkel getrieben und durch eine wütende Rotte von Zeitungsschreibern,

Gaunern, Politikern und Strolchen belagert, die alle in wilder Raserei

tobten, fluchten und ihre Waffen über meinem Haupte schwangen,

bis die ganze Luft von blitzendem Stahle flimmerte. Schon war ich

im Begriff, meine Stelle bei der Zeitung aufzugeben, als der Chef

eintrat, begleitet von einer Schar schwärmerischer Freunde und

Anhänger. Nun entstand ein Auftritt, der jeder Beschreibung spottet,

ein Blutbad und Gemetzel, das keine Federpose, keine Stahlfeder zu

schildern vermag. Die Leute wurden erschossen, erdolcht, zerstückt,

in die Luft gesprengt und aus dem Fenster geworfen. Auf einen kurzen

Wirbelsturm von entsetzlichen Flüchen folgte noch ein wahnsinniger,

wirrer Kriegstanz -- und alles war vorüber. Nach fünf Minuten herrschte

Totenstille; der grimme Chef und ich saßen allein da und überschauten

die blutigen Trümmer, welche die Diele ringsumher bedeckten.

Er sagte: »Es wird Ihnen hier schon gefallen, wenn Sie sich erst an die

Stelle gewöhnt haben.«

»Sie werden mich wohl entschuldigen müssen,« entgegnete ich.

»Vielleicht würde ich es nach einer Weile dahin bringen, daß Ihnen

meine Schreibweise gefiele; sobald ich die Sprache gelernt hätte,

könnte es mir bei einiger Uebung wohl nicht fehlen. Aber, offen

gestanden, hat eine so kräftige Ausdrucksweise auch allerhand Nachteile

und man wird bei der Arbeit zu häufig unterbrochen. Sie sehen das

selbst. Eine kernige Schreibart mag viel zur geistigen Förderung der

Leser beitragen, aber man lenkt dadurch die öffentliche Aufmerksamkeit

zu sehr auf sich, und das ist mir unbehaglich. Wenn ich so oft

gestört werde, wie heute, kann ich nicht mit Gemütsruhe schreiben.

Die Stelle wäre mir sonst ganz angenehm, aber ich mag nicht allein

im Bureau bleiben, um die Besucher zu empfangen. Ich gestehe zwar,

daß die Erfahrungen, welche man dabei macht, neu und gewissermaßen

recht unterhaltend sind, aber es geht doch nicht ganz nach Recht und

Billigkeit zu. Ein Herr feuert nach Ihnen durch das Fenster und schießt

mich zum Krüppel; eine Granate platzt zu Ihrem Vergnügen im Ofenrohr

und die Ofenthür fliegt mir an den Kopf; ein Freund besucht Sie, um

mit Ihnen Komplimente auszutauschen und sprenkelt mir die Haut mit so

vielen Kugellöchern, daß sie kaum mehr zusammenhält. Dann, während

Sie zum Mittagessen gehen, kommt Jones mit seinem Knüttel, Gillespie

wirft mich aus dem Fenster, Thompson reißt mir die Kleider vom Leibe

und ein völlig Unbekannter zieht mir mit solcher Unbefangenheit die

Kopfhaut ab, als wären wir längst mit einander vertraut. Gleich darauf

kommen noch sämtliche Schurken der Umgegend, erschrecken mich zu Tode

mit ihren gräßlichen Kriegstänzen und drohen, mir mit ihren Tomahawks

vollends den Garaus zu machen. Alles in allem habe ich in meinem ganzen

Leben noch nicht so viele Aufregungen durchgemacht wie heute. Sonst

habe ich nichts gegen Sie; im Gegenteil, die ruhige Art und Weise, mit

der Sie den Besuchern Ihre Ansicht auseinandersetzen, gefällt mir;

aber wie gesagt, mir ist sie ungewohnt. Das Herz der Südländer ist so

ungestüm, sie sind zu freigebig in ihrer Gastfreundschaft gegen den

Fremdling. Die Artikel, welche ich heute geschrieben habe und in deren

kalte Sätze Ihre Meisterhand alle Glut des Zeitungsstils von Tennessee

hineingegossen hat, werden abermals einen ganzen Hornissenschwarm

aufstören. Die Redakteure werden sich haufenweise auf uns stürzen

und vor Hunger jemand zum Frühstück verspeisen wollen. Deshalb sage

ich Ihnen Lebewohl. Ich wünsche dem Festmahl nicht beizuwohnen.

Meiner Gesundheit wegen habe ich mich in den Süden begeben -- meiner

Gesundheit wegen muß ich machen, daß ich wieder fortkomme. Das

Zeitungswesen in Tennessee ist zu aufregend für mich.«

Hierauf trennten wir uns unter beiderseitigem Bedauern und ich suchte

mir eine Wohnung im Hospital.

Ein Berichterstatterstück.

Jawohl, meine verehrten Herrschaften, zu jener Zeit gab es im Staate

Nevada betriebsame Zeitungen, das kann ich Sie versichern.

Mein Hauptnebenbuhler in der Presse war Boggs von der ›Union‹, ein ganz

vorzüglicher Berichterstatter.

Alle drei oder vier Monate betrank er sich einmal ein wenig, aber er

war im allgemeinen kein unvorsichtiger oder leidenschaftlicher Trinker,

wenn er sich auch gern dann und wann einen kleinen Spitz holte.

In einer Beziehung hatte er entschieden etwas vor mir voraus; ihm stand

nämlich stets der monatliche Schulbericht zur Verfügung und mir nicht,

weil der Direktor der Volksschule mein Blatt, den ›Fortschritt‹, nicht

leiden konnte.

Um die Zeit, da der Bericht gewöhnlich erschien, machte ich mich einmal

an einem Winterabend auf, kummervoll überlegend, wie ich ihn mir

verschaffen solle.

Ich war nur wenige Schritte gegangen, als ich in der fast

menschenleeren Straße auf Boggs stieß, den ich fragte, wohin er wolle.

»Den Schulbericht holen.«

»Dann komme ich mit.«

»Nicht doch, Verehrtester, das wäre vergebliche Mühe.«

»So -- meinen Sie?«

Eben trug der Kellner der nahen Schenkwirtschaft eine Bowle voll

dampfenden Punsches an uns vorbei und Boggs sog den Wohlgeruch mit

gierigen Zügen ein. Sehnsüchtigen Blickes folgte er dem Träger und sah

ihn die Treppe zum Bureau des ›Fortschritt‹ hinaufsteigen.

»Schade,« sagte ich, »daß Sie mir nicht zu dem Schulbericht verhelfen

können; da das aber nun einmal unmöglich ist, will ich sehen, ob ich

nicht in der Redaktion der ›Union‹ einen Abzug bekomme, nachdem der

Bericht gesetzt ist. Ich glaube es zwar nicht, aber man kann's doch

versuchen. Gute Nacht!«

»Warten Sie noch einen Augenblick. Meinetwegen will ich den Bericht

holen und dann eine Weile oben bei den Jungens sitzen bleiben, bis Sie

ihn abgeschrieben haben. Kommen Sie nur mit zum Direktor.«

»Das nenne ich einmal vernünftig gesprochen. Also vorwärts.«

Wir trabten einige Straßen weiter durch den Schnee, erhielten

den Bericht und bald war das kurze Schriftstück in unserm Bureau

abgeschrieben.

Boggs that sich derweil an dem Punsch gütlich.

Nachdem ich ihm das Manuskript zurückgegeben, gingen wir beide wieder

fort, weil es uns noch an einer Leichenschau fehlte.

Um vier Uhr morgens, als unser Blatt in der Presse war, und wir wie

gewöhnlich zur Erholung ein Konzert veranstalteten -- denn einige von

den Setzern waren gute Sänger, andere spielten hübsch die Guitarre und

das gräßliche Instrument: die Ziehharmonika, -- kam der Besitzer der

›Union‹ mit großen Schritten herein und fragte, ob wir nicht wüßten,

was aus Boggs und dem Schulbericht geworden sei.

Wir teilten ihm den Sachverhalt mit und rückten dann alle aus, um nach

dem Missethäter zu suchen.

In einer Schenkstube fanden wir ihn, mit einer alten Blechlaterne in

der einen Hand und dem Schulbericht in der andern, auf dem Tische

stehen und einem Haufen ›angeheiterter‹ Bergleute eine Rede darüber

halten, wie gottlos und ungerecht es sei, die öffentlichen Gelder für

Volksunterricht zu verschleudern, während Hunderte von Arbeitern, die

sich's redlich sauer werden ließen, buchstäblich wegen Mangels an

Whiskey verdursten müßten.

Er hatte diesen Leuten stundenlang bei einer herrlichen Kneiperei

Gesellschaft geleistet.

Wir schleppten ihn fort und brachten ihn zu Bette.

[Illustration]

Natürlich konnte der Schulbericht in der ›Union‹ nicht erscheinen und

Boggs machte mich dafür verantwortlich, obwohl ich doch weder gewünscht

noch beabsichtigt hatte, dies zu veranlassen und es mir von Herzen leid

that, daß ihm jenes Mißgeschick zugestoßen war.

Aber wir blieben trotzdem auf ganz freundschaftlichem Fuße.

An dem Tage, als der Schulbericht abermals fällig war, schickte uns

der Eigentümer des Tennessee-Bergwerks einen Einspänner mit der Bitte,

dorthin zu fahren, sein Besitztum in Augenschein zu nehmen und es in

der Zeitung zu besprechen -- kein ungewöhnliches Verlangen und eins,

dem wir immer mit Vergnügen nachkamen, wenn uns dazu ein Einspänner

geliefert wurde, denn wir machten ebenso gern Spazierfahrten als andere

Leute.

In das ›Bergwerk‹, ein 90 Fuß tiefes Loch im Boden, konnte man nur

gelangen, wenn man sich an einem Tau festhielt und mittelst einer Winde

herabgelassen wurde.

Die Arbeiter mußten wohl gerade irgend wohin zum Essen gegangen sein.

Ich war nicht stark genug, um einen Menschen von Boggs' Körpergewicht

hinabzuwinden, so nahm ich denn eine unangezündete Kerze zwischen die

Zähne, machte in das Ende des Taues eine Schlinge für meinen Fuß, bat

Boggs die Winde festzuhalten, auch ja nicht einzuschlafen und schwang

mich hinaus über den Schacht.

Ich erreichte den Boden desselben wohlbehalten, wenn auch etwas

schmutzig und mit geschundenen Ellenbogen, zündete die Kerze an,

untersuchte die Felswand, steckte verschiedene Proben des Gesteins in

die Tasche und rief dann Boggs zu, mich wieder hinauf zu ziehen.

Keine Antwort.

Bald darauf erschien oben in der Rundung ein Kopf, vom Tageslicht

beleuchtet, und eine Stimme schallte herab:

»Sind Sie ganz fertig?«

»Jawohl -- winden Sie nur tapfer zu.«

»Ihnen ist doch nicht unbehaglich zu Mute?«

»Gar nicht.«

»Könnten Sie vielleicht ein Weilchen warten?«

»O ja -- ich habe keine besondere Eile.«

»Nun -- dann leben Sie wohl!«

»Wie so? -- wo wollen Sie hin?«

»Den Schulbericht holen.«

Das that er denn auch.

Ich blieb eine Stunde da unten und setzte die Bergleute sehr in

Erstaunen, als sie beim Aufwinden statt eines Kübels voll Steine einen

Menschen am Tau hängen fanden. Dann begab ich mich nach Hause, fünf

Meilen weit, zu Fuß und bergan.

Am nächsten Morgen fehlte bei uns der Schulbericht -- aber die ›Union‹

brachte ihn.

Allgemeine Antwort an Schriftsteller oder solche, die es werden wollen.

Wenn jemand die Redaktion einer Zeitung oder eines Journals übernimmt,

so schicken ihm allerhand Leute, die sich der Schriftstellerei

befleißigen, sofort ihre Manuskripte zu und bitten ihn um sein Urteil

über ihre Erzeugnisse. Nachdem er in acht bis zehn Fällen diesem

Verlangen entsprochen hat, nimmt er schließlich seine Zuflucht zu

einer allgemeinen Predigt, die er in sein Blatt einrückt, um allen

spätern _Briefstellern_ kund zu thun, daß dies ein für allemal seine

Antwort ist. Auf dieser Stufe meiner litterarischen Laufbahn bin ich

jetzt auch angelangt; ich höre auf, denen, die sich bei mir Rat holen

wollen, privatim zu schreiben und mache mich an die Ausarbeitung meiner

öffentlichen Predigt.

Da die betreffenden Zuschriften alle denselben Inhalt haben und

nur dem Wortlaut nach verschieden sind, so lasse ich hier als

Durchschnittsbeispiel den letzten Brief folgen, welchen ich erhalten

habe:

»An Herrn Mark Twain, Wohlgeboren.

Den 3. Oktober.

Geehrter Herr!

Ich bin ein junger Mann, der eben die Schule verlassen hat und

im Begriff steht, ins Leben einzutreten. Wohin ich aber auch

sehe, finde ich keine Beschäftigung, die mir so recht gefällt.

Ist das Schriftstellerleben leicht und einträglich, oder ist

es wirklich ein so saures Brot, wie man immer sagt? Es _muß_

doch bequemer sein als viele, ja als die meisten Berufsarten;

mich drängt es unwiderstehlich, mich darauf zu werfen. Mag

es biegen oder brechen, ich will mein Glück damit versuchen,

will schwimmen oder untersinken, triumphieren oder erliegen.

Wie hat man es denn aber anzufangen, wenn es einem in der

Litteratur glücken soll? -- Fürchten Sie sich ja nicht, mir

die Sache genau so darzustellen, wie sie ist. Im schlimmsten

Fall würde mein Vorhaben eben mißlingen, und davor ist man

doch niemals geschützt. Ich habe an die juristische Laufbahn

gedacht, auch an fünf oder sechs andere Berufsarten, aber

überall fand ich die gleichen Uebelstände, -- alles überfüllt,

vollgepfropft, immer mehr Angebot als Nachfrage, der Erfolg

ein Ding der Unmöglichkeit, weil es viel zu viele Hände giebt

und zu wenig Arbeit. Aber ich _muß_ etwas ergreifen, und da

suche ich denn mein Heil bei der Litteratur. Eine innere

Stimme sagt mir, daß dies das rechte Feld für meine Begabung

ist, wenn ich überhaupt Talent dazu habe. Ich lege einige

Proben bei. Bitte, lesen Sie dieselben und teilen Sie mir Ihre

aufrichtige, unparteiische Meinung mit. Und dann noch eins --

ich bedaure, Ihnen beschwerlich fallen zu müssen, aber erinnern

Sie sich daran, daß Sie selbst einmal ein junger Anfänger

gewesen sind und verschaffen Sie mir Arbeit für eine Zeitung.

Sie stehen mit vielen Redaktionen in Verbindung und ich bin

gänzlich unbekannt. Auch bitte ich Sie, mir möglichst günstige

Bedingungen auszuwirken; ich weiß wohl, daß ich zuerst nicht

auf hohe Bezahlung rechnen kann, aber, wie viel meinen Sie, daß

man für Artikel wie die beifolgenden ungefähr fordern könnte?

Ich habe noch eine Menge dergleichen in meiner Mappe; wenn Sie

diese unterbringen und es mich wissen lassen, kann ich Ihnen

andere schicken, die ganz ebenso gut, vielleicht sogar besser

sind.

Einer baldigen Antwort u. s. w.

Ihr ergebener u. s. w.«

Ich will Ihnen offen und ehrlich antworten. Ob, was ich zu sagen habe,

von großem Werte für Sie sein wird, oder ob Sie finden werden, daß es

sich der Mühe lohnt, meine Ratschläge zu befolgen, sind Dinge, deren

Entscheidung ich mit Freuden Ihrem eigenen Urteil überlasse.

Zunächst enthielt Ihr Brief mehrere Fragen, die jeder nur nach eigener

Lebenserfahrung endgültig beantworten kann. Diese Fragen übergehe ich

einfach und erwidere Ihnen Folgendes:

1. Daß die Litteratur, das geistliche Amt, die Medizin, die

Jurisprudenz und alle andern Berufsarten ins Stocken geraten sind und

nicht die erwünschten Fortschritte machen, daran ist nicht Mangel an

Arbeit schuld, sondern Mangel an Arbeitskräften. Wenn jemand Ihnen

das Gegenteil versichert, so sagt er eine Unwahrheit. Wollen Sie

prüfen, ob meine Behauptung richtig ist, so versuchen Sie doch einmal,

einen Redakteur, Berichterstatter, Verwalter, Werkführer, Handwerker,

Gewerbebeflissenen oder Künstler, der in seinem Fach Hervorragendes

leistet, für irgend eine Arbeit zu gewinnen! Sie werden finden, daß

der Mann schon eine Stelle hat und überreichlich beschäftigt ist. Er

ist nüchtern, fleißig, tüchtig und zuverlässig und die Nachfrage nach

ihm hört nicht auf. Keinen Tag hat er frei, außer durch besondere

Berücksichtigung von seiten seines Arbeitgebers, der städtischen

Verwaltung oder des Publikums im allgemeinen. Können Sie aber Faulenzer

brauchen, Tagediebe, Halbgebildete, Leute ohne Ehrgeiz, leichtsinnige

oder bequeme Redakteure, Berichterstatter, Anwälte, Aerzte und

Handwerker, so wenden Sie sich wohin Sie wollen. Von _der_ Sorte sind

Millionen zu haben, man findet sie überall und braucht nur die Hand

auszustrecken.

2. Ich werde mich wohl hüten, über den litterarischen Wert Ihrer

Erzeugnisse eine Meinung abzugeben. Das Publikum ist der einzige

Kritiker, dessen Urteil überhaupt etwas gilt. Sie brauchen mir das

nicht aufs Wort zu glauben; denken Sie nur einmal einen Augenblick

darüber nach und entscheiden Sie selbst. Hätten z. B. Sylvanus Cobb

oder T. S. Arthur Ihnen ihre Erstlings-Manuskripte unterbreitet,

so würden Sie mit Thränen in den Augen gesagt haben: Nein, bitte,

schreiben Sie nichts mehr! -- Und Sie sehen doch, wie beliebt ihre

Sachen sind. Wäre es Ihnen überlassen worden, Sie hätten vielleicht

gesagt, der ›Marmorfaun‹ sei langweilig und das ›Verlorene Paradies‹

nicht erheiternd genug; aber beide haben guten Absatz, wie Sie wohl

wissen. Viele Leute, die klüger und besser waren als Sie, haben vor

kaum zwei Jahrhunderten geringschätzig von Shakespeare gesprochen,

der alte Herr hat sie indessen alle überlebt. Darum will und kann

ich nicht über Ihre Schriftstellerei zu Gericht sitzen. Wenn ich Sie

nach bestem Wissen und Gewissen lobte, könnte ich dem Publikum auf

die Dauer die entsetzlichste Langeweile aufbürden; wenn ich Sie nach

bestem Wissen und Gewissen für unbrauchbar erklärte, würde ich der Welt

möglicherweise einen noch unerkannten und unentwickelten Dickens oder

Shakespeare rauben.

3. Ich schrecke vor der Aufgabe zurück, Ihnen schriftstellerische

Arbeiten zu verschaffen, für welche Sie Honorar beanspruchen. Sobald

Ihre Leistungen selbst den Beweis geliefert haben, daß sie wirklich

wertvoll sind, werden Sie nie mehr herumzugehen brauchen, um nach

litterarischer Beschäftigung zu suchen. Sie werden alle Hände voll zu

thun bekommen und mehr Grütze im Kopf nötig haben, als Ihnen vielleicht

jemals zur Verfügung steht, um nur die Hälfte der Arbeit zu verrichten,

die man Ihnen antragen wird. Will der angehende Schriftsteller den

Beweis beibringen, daß er wirklich etwas Gutes zu leisten vermag, so

weiß ich ein ganz einfaches Mittel, ein vollkommen sicheres Verfahren,

um diesen Zweck zu erreichen: er schreibe so lange ohne Bezahlung,

bis ihm jemand Honorar anbietet. Wird ihm im Lauf von drei Jahren

kein Honorar angeboten, so darf er dies mit vollem Vertrauen als ein

Zeichen betrachten, daß ihn die Natur zum Holzhacker bestimmt hat.

Wenn er auch nur ein Körnchen Weisheit besitzt, wird er sich mit Würde

zurückziehen und den ihm vom Himmel verordneten Beruf ergreifen.

* * * * *

Ein Verfahren, wie ich es hier schildere, haben Leute wie Charles

Dickens und andere hervorragende Schriftsteller befolgen müssen; aber

meinem Klienten wird es schwerlich zusagen. Der junge, angehende

Litterat ist ein sehr, sehr sonderbares Geschöpf. Er weiß, daß, wenn

er Klempner werden wollte, der Meister von ihm ein Zeugnis über sein

seitheriges sittliches Betragen verlangen und ihm das Versprechen

abfordern würde, wenigstens drei -- vielleicht sogar vier Jahre -- bei

ihm in der Lehre zu bleiben. Er müßte im ersten Jahre die Werkstatt

fegen, Wasser holen, Feuer anzünden und in der Pause lernen, wie

man die Oefen schwärzt. Zum Lohn für alle diese Dienste erhielte

er seine Kost und zwei billige Anzüge. Im zweiten Jahre käme die

Unterweisung im Handwerk an die Reihe, und als Wochenlohn würde ihm

ein Dollar ausgezahlt, im dritten Jahr zwei, im vierten drei Dollars.

Als ausgelernter Klempner könnte er dann wöchentlich fünfzehn bis

zwanzig, vielleicht auch dreißig Dollars verdienen; zu einem Wochenlohn

von fünfundsiebzig Dollars würde er es aber niemals bringen. Bei

jedem andern Handwerk, für das er sich entscheidet, muß er dieselbe

langwierige und schlecht bezahlte Lehrlingszeit durchmachen. Advokat

oder Doktor zu werden ist aber noch hundertmal schwerer, denn da erhält

er nicht nur während der ganzen Lehrzeit keinen Lohn, sondern er hat

noch eine große Summe für seinen Unterricht zu bezahlen und genießt das

Vorrecht, sich selbst beköstigen und kleiden zu dürfen.

Das alles weiß der angehende Litterat und hat doch die Dreistigkeit

sich zur Aufnahme in die Schriftstellergilde zu melden und seinen

Teil von ihren hohen Ehren und Einkünften zu verlangen, ohne zur

Rechtfertigung für seine Anmaßung auch nur eine zwölfmonatliche

Lehrzeit nachweisen zu können. Er würde nur unschuldsvoll lächeln,

wollte man ihm zumuten, ohne vorherige Anweisung selbst das einfachste

kleine Blechnäpfchen anzufertigen. Aber, ohne Kenntnis der Grammatik,

phrasenhaft, weitschweifig und mit den verschrobenen Begriffen von

Welt und Menschen, die er sich auf irgend einem Neste im Hinterwald

angeeignet hat, getraut sich der unwissende Gelbschnabel, die

Feder, diese gefährliche Waffe, zur Hand zu nehmen, um damit die

gewaltigen Mächte, Handel, Finanzen, Krieg und Politik aufs Geratewohl

anzugreifen. Wenn es nicht so traurig wäre, würde es einfach lächerlich

sein. Der arme Junge wagt sich ohne bestandene Lehrzeit nicht in die

Klempnerwerkstatt hinein, aber er scheut sich nicht, mit ungeübter

Hand ein Werkzeug zu ergreifen und zu führen, welches Königsthrone zu

stürzen, Religionen zu ändern und das Wohl oder Wehe ganzer Völker zu

entscheiden vermag.

Wenn der Verfasser jenes Briefes für die Zeitungen, die in der

Nachbarschaft seines Wohnorts erscheinen, unentgeltlich schreiben will,

so ist hundert gegen eins zu wetten, daß er so viele Aufträge erhält,

als er unter dieser Bedingung nur irgend übernehmen kann. -- Stellt

sich dann heraus, daß seine Schreibereien wirklich etwas wert sind, so

finden sich sicherlich eine Menge Leute, die ihm Geld dafür anbieten.

Zum Schluß will ich ihm als ernste und wohlgemeinte Ermutigung noch

einmal die Thatsache zu Gemüte führen, daß annehmbare und lesenswerte

Schriftsteller höchst selten sind. Sowohl Buchhändler als Herausgeber

von Zeitungen suchen unablässig nach ihnen und zwar mit solchem Eifer,

daß sie sich bei dem Geschäft keinen Augenblick Rast oder Ruhe gönnen.

Antworten auf Zuschriften.

I.

An einen Moral-Statistiker.

Behalten Sie Ihre statistischen Notizen ein andermal für sich! Ich habe

das ganze Bündel genommen und mir die Pfeife damit angezündet. Leute

von Ihrem Schlage sind mir verhaßt. Sie rechnen fortwährend aus, wie

sehr ein Mensch seiner Gesundheit schadet, wie sehr er seine Denkkraft

schwächt und wie viele elende Dollars und Cents er vergeudet, wenn er

sich zweiundneunzig Jahre lang den verderblichen Genuß des Rauchens

gestattet, der ebenso verderblichen Gewohnheit des Kaffeetrinkens

fröhnt, gelegentlich eine Partie Billard spielt, bei Tische ein Glas

Wein trinkt u. s. w. u. s. w. Und Sie zählen sich immer an den Fingern

her, wie viele Frauen der gefährlichen Mode, weite Reifröcke zu tragen,

zum Opfer gefallen und verbrannt sind u. s. w.

Immer sehen Sie nur die _eine_ Seite der Frage. Sie sind blind gegen

die Thatsache, daß die meisten alten Männer in Amerika rauchen und

Kaffee trinken, obgleich sie nach Ihrer Theorie alle jung gestorben

sein sollten, daß rüstige alte Engländer Wein trinken und am Leben

bleiben, daß dicke alte Holländer sowohl tüchtig trinken als rauchen

und doch die ganze Zeit über nur immer älter und wohlbeleibter

werden. Auch kümmern Sie sich nie darum, wie viel Behagen, Erholung

und Vergnügen der Mensch im Lauf seines Lebens vom Rauchen hat (was

zehnmal soviel wert ist als das Geld, welches er sparen würde, wenn er

es bleiben ließe), und fragen gar nicht danach, was für eine ungeheure

Menge von Wohlsein dem Menschen in seiner Lebenszeit verloren geht,

wenn er, -- wie Ihresgleichen -- nicht raucht.

Natürlich können Sie Geld sparen, wenn Sie sich fünfzig Jahre lang jene

kleinen lasterhaften Genüsse versagen, aber was wird Ihnen das nützen,

wozu können Sie das Geld gebrauchen? Es kann Ihre arme sündhafte

Seele doch nicht ewig selig machen. Nützlich verwendet wird das Geld

nur, wenn es uns in diesem Leben Genuß und Behagen verschafft; für

Sie, der Sie ein abgesagter Feind von Genuß und Behagen sind, hat es

daher keinerlei Zweck, Schätze aufzuhäufen. Sagen Sie nur nicht, Sie

fänden es besser, das Geld für gute, gesunde Speisen auszugeben, Werke

der Barmherzigkeit zu thun und sich an Traktätchen-Gesellschaften

zu beteiligen. Sie wissen recht gut, daß Leute von Ihrer Sorte, die

keine kleinen menschlichen Schwächen haben, nie einen Cent verschenken

und sich die Nahrung so knapp zumessen, daß sie immer hohlwangig und

hungrig aussehen. Sie getrauen sich ja bei Tage kaum zu lachen, aus

Furcht, irgend ein armer Teufel, der Sie bei guter Laune sieht, möchte

den Versuch machen, Ihnen einen Dollar abzuborgen. In der Kirche

liegen Sie auf den Knieen und vergraben Ihr Gesicht in das Kissen,

wenn der Klingelbeutel herankommt, und dem Steuerbeamten geben Sie nie

den vollen Betrag Ihres Einkommens an. Das alles wissen Sie recht gut

selber, nicht wahr? -- Nun also -- wozu sollten Sie Ihr erbärmliches

Leben bis in ein armseliges, welkes Alter ausdehnen? Was nützt es

Ihnen, Geld zusammenzuscharren, das doch völlig wertlos für Sie ist?

Kurz und gut, warum legen Sie sich nicht lieber hin und sterben,

anstatt fort und fort den Versuch zu machen, andere Leute mit Ihrer

abscheulichen Moralstatistik zu verführen, ebenso ›tugendhaft‹ und

unausstehlich zu werden wie Sie? Ich für meine Person billige die

Verschwendung nicht und treibe selbst keine; aber ich hege das größte

Mißtrauen gegen einen Menschen, der gar keine kleinen Schwächen hat und

wünsche deshalb nichts mehr von Ihnen zu hören.

II.

An einen jungen Schriftsteller.

Skizzenbuch · 第 6 / 19 段