der alte Tumultuant angerichtet hatten und sagte: »Das ist eine böse
Geschichte -- eine sehr böse Geschichte. Die Flasche mit dem flüssigen
Leim ist zerbrochen, sechs Fensterscheiben, ein Spucknapf und zwei
Leuchter in Stücke geschlagen. Aber das ist noch lange nicht das
Schlimmste. Der Ruf des Blattes hat gelitten -- und wie ich fürchte
für alle Zeit. Zwar ist die Nachfrage größer gewesen als jemals, noch
nie ist eine so starke Auflage verkauft worden, nie zuvor hat das
Blatt solche Berühmtheit erlangt -- aber man will doch nicht wegen
Verrücktheit berühmt sein und mit Geistesschwäche Geld erwerben! Ich
versichere Sie, Freund, so wahr ich ein ehrlicher Mann bin, drunten
sitzen die Leute auf den Zäunen und wimmeln in der Straße, um zu
warten, ob sie etwas von Ihnen zu sehen bekommen, weil sie Sie für
verrückt halten. Das können sie auch mit gutem Grund, nachdem sie
Ihre Artikel gelesen haben, die eine Schande für die ganze Presse
sind. Wie in aller Welt sind Sie nur auf den Einfall gekommen, daß
Sie imstande wären, ein solches Blatt zu redigieren? Sie scheinen ja
nicht einmal von den ersten Anfangsgründen der Landwirtschaft eine
Ahnung zu haben. Sie sprechen von einer Furche und einer Furt, als
sei es ein und dasselbe; Sie reden von einer Mauserzeit der Kühe,
und empfehlen den Iltis als Haustier, weil er voll Mutwillen sei und
ein trefflicher Rattenfänger. Ihre Bemerkung, daß die Seeschnecken
still zu liegen pflegen, wenn man ihnen Musik vormacht, war ganz und
gar überflüssig. Seeschnecken lassen sich überhaupt nicht aus ihrer
Ruhe bringen, sie liegen immer still und die Musik ist ihnen völlig
gleichgültig. Sagen Sie nur um des Himmels willen, Freund, haben Sie
etwa die Unwissenheit zu Ihrem Berufsstudium gemacht? Dann hätten Sie
sich heute den Doktorhut erworben in allen Ehren. Etwas Aehnliches
ist mir noch nicht vorgekommen. Ihre Bemerkung, daß die Roßkastanie
sich als Handelsartikel einer stets wachsenden Gunst erfreut, ist ganz
dazu angethan, das Blatt zu Grunde zu richten. Ich bitte Sie, das Amt
niederzulegen und Ihrer Wege zu gehen. Ich habe schon viel zu lange
Ferien gehabt. Einen Genuß hätte ich doch nicht mehr davon, besonders
wenn Sie meinen Platz inne haben und ich in beständiger Angst schweben
müßte, was Sie den Leuten zunächst empfehlen würden. Wenn ich daran
denke, daß Sie unter dem Titel ›Landschaftsgärtnerei‹ über Austernbänke
geschrieben haben, möchte ich aus der Haut fahren. -- Machen Sie, daß
Sie fortkommen! Für nichts in der Welt würde ich wieder in die Ferien
gehen. O, warum haben Sie mir nur nicht gesagt, daß Sie von der
Landwirtschaft nicht das mindeste wissen!«
»Was wollen Sie denn eigentlich, Sie Maiskolben, Sie Krautkopf, Sie
Rübensprößling?! Schämen Sie sich Ihrer unverständigen Worte. Seit
vierzehn Jahren arbeite ich als Redakteur und noch niemals, das
versichere ich Ihnen, habe ich gehört, daß man besondere Kenntnisse
haben müsse, um eine Zeitung zu redigieren. Wer schreibt denn die
Theaterkritiken für die Tagesblätter zweiten Ranges? Irgend ein
gelehrter Schuster oder Apothekerlehrling, der von der Schauspielkunst
nicht mehr und nicht weniger versteht, als ich von der Landwirtschaft.
Wer bespricht die Bücher? Menschen, die nie eins geschrieben haben.
Wer schreibt die größten Leitartikel über Staatsfinanzen? Diejenigen,
welche die schönste Gelegenheit gehabt haben, gar nichts davon zu
erfahren. Wer verfaßt die Berichte über den Indianerkrieg? Herren, die
ein Wigwam nicht von einem Tamtam unterscheiden können, die nie in den
Fall gekommen sind, mit einem Tomahawk um die Wette zu laufen oder
irgend einem Glied ihrer Familie Pfeile auszuziehen, um ein Lagerfeuer
anzumachen. Wer schreibt die Aufforderung zur Mäßigkeit und jammert
über die verführerische Flasche? -- Burschen, die keinen nüchternen
Atemzug mehr thun werden, bis sie im Grabe liegen. Wer redigiert meist
die landwirtschaftlichen Blätter -- Sie Runkelrübe? -- Wer anders als
verdorbene Redakteure städtischer Zeitungen, oder Menschen, die mit dem
Poetenhandwerk kein Glück haben, mit Schauerdramen schlechte Geschäfte
machen und ihre gelben Eisenbahnromane nicht anbringen können. Die
werfen sich zuletzt auf die Landwirtschaft, um noch eine Zeitlang dem
Armenhaus zu entrinnen. Wollen _Sie_ mich etwa über das Redaktionswesen
belehren? Das habe ich durchgemacht von A bis Z; und ich kann Ihnen
sagen: je weniger ein Mensch weiß, um so größer ist das Geschrei, das
er macht und der Gehalt, den er bezieht. Beim Himmel -- wäre ich nur
unwissend statt gebildet, und unverschämt statt schüchtern gewesen, ich
hätte mir einen Namen erwerben können in dieser kalten, selbstsüchtigen
Welt! Herr, ich nehme meinen Abschied. Nachdem ich so behandelt worden
bin, wie Sie mich behandelt haben, bin ich ganz bereit zu gehen.
Meiner Pflicht habe ich genügt und meinen Kontrakt erfüllt, soweit man
es mir gestattet hat. Ich versprach, Ihr Blatt interessant zu machen
für alle Klassen -- das habe ich gethan. Ich sagte, ich könne Ihren
Absatz auf zwanzigtausend Exemplare bringen -- das wäre geschehen,
wenn Sie mir noch vierzehn Tage Zeit gelassen hätten. Obendrein würde
ich Ihnen die beste Klasse von Lesern verschafft haben, die sich ein
landwirtschaftliches Blatt nur wünschen kann -- kein einziger Landmann
darunter, nicht ein Mensch, der einen Wassermelonenbaum von einer
Pfirsichranke unterscheiden könnte. _Sie_ verlieren bei diesem Bruch,
Sie Pastetengewächs -- nicht ich. Gehorsamer Diener!«
* * * * *
Dann ging ich.
Herrn Blokes ›Eingesandt‹.
[Illustration]
Unser verehrter Freund, Herr John William Bloke aus Virginia-City,
trat gestern abend spät in unser Bureau ein, wo ich als zweiter
Redakteur thätig war. Sein Gesicht war schmerzentstellt. Mit dem
Ausdruck herzzerreißenden Jammers, unter schweren Seufzern legte er das
nachfolgende ›Eingesandt‹ auf das Pult und wandte sich mit abgemessenem
Schritt dem Ausgang zu. An der Thür hielt er inne, schien mit Gewalt
seine Gefühle zu bemeistern, nickte dann nach seinem Manuskript hin und
hauchte, in Thränen ausbrechend, mit zitternder Stimme die Worte:
»Einer meiner Freunde! ach, entsetzlich!«
Sein Kummer rührte mich so sehr, daß ich ganz vergaß ihn zurückzurufen,
um ihm Trost zuzusprechen, bis er fort und es zu spät war. Das Blatt
befand sich schon in der Presse, aber da ich wußte, daß unser Freund
der Veröffentlichung seiner Mitteilung große Wichtigkeit beilegte und
hoffte, es würde seinem kummervollen Herzen einen traurigen Genuß
bereiten, dasselbe im Druck vor Augen zu haben, ließ ich sofort die
Maschine anhalten und den Artikel in unsere Spalten einfügen.
»_Entsetzlicher Unglücksfall._
Gestern abend 6 Uhr, als Herr William Schuyler, ein alter,
ehrenhafter Bürger aus South-Park seine Wohnung verließ, um
sich in die untere Stadt zu begeben, wie es seit Jahren seine
Gewohnheit ist, von der er nur im Frühling 1850 für kurze
Zeit eine Ausnahme machte, als er genötigt war, wegen einer
Verletzung das Bett zu hüten, die er sich bei dem Versuch
zugezogen, ein durchgegangenes Pferd aufzuhalten, indem er
kopfloser Weise mit heftigen Geberden hinter ihm drein schrie,
ein Verfahren, welches das Tier, selbst einen Augenblick
früher, unfehlbar erschreckt statt aufgehalten haben würde, und
das, obgleich für ihn unheilvoll genug, doch noch entsetzlicher
gemacht wurde durch den Umstand, daß seine Schwiegermutter
zur Stelle war und Augenzeugin des traurigen Ereignisses
sein mußte, während sie doch möglicherweise, wenn auch nicht
mit Sicherheit anzunehmen, ebenso gut anderswo Umschau nach
Unglücksfällen hätte halten können, was übrigens gar nicht in
ihrer Natur lag, vielmehr gerade im Gegenteil, wie ihre eigene
Mutter gesagt haben soll -- Gott hab' sie selig, sie starb
vor ungefähr drei Jahren im sechsundachtzigsten Jahr in der
gewissen Hoffnung einer seligen Auferstehung, denn sie war eine
christliche Frau, sozusagen ohne Falsch und ohne Vermögen, was
dem großen Brand anno 1849 zuzuschreiben ist, der ihr sämtliche
Habe einäscherte. Aber so geht es im Leben! Diese schauervolle
Begebenheit möge uns allen zur Warnung dienen und uns
anspornen, so gut zu leben, daß wir, wenn es einst ans Sterben
geht, wissen, was wir zu thun haben. Die Hand aufs Herz! Wir
wollen von heute an aufrichtig und ernst danach streben, die
verhängnisvolle Flasche zu meiden.
(=Morgenausgabe der California.=)«
Der Chefredakteur ist hier gewesen und hat einen wahren Höllenlärm
vollführt. Er raufte sich das Haar, stieß die Möbel in alle Ecken und
schimpfte auf mich, als wäre ich ein Taschendieb. Er sagte, jedesmal,
wenn mir auch nur auf eine halbe Stunde die Redaktion des Blattes
überlassen bliebe, ließe ich mich vom ersten besten Wickelkind oder
Tollhäusler überlisten. Er besteht darauf, daß Herrn Blokes unseliger
Artikel der tollste Mischmasch ohne Sinn und Verstand ist, aus dem der
Leser nicht das geringste erfährt. Es sei ein Unsinn gewesen, deswegen
den Satz zu ändern.
Das hat man davon, wenn man gutherzig ist. Wäre ich auch so ungefällig
und teilnahmslos wie gewisse Leute, ich hätte Herrn Bloke einfach
gesagt, zu so später Stunde würden keine Mitteilungen mehr angenommen.
Aber nein! Sein thränenreicher Schmerz rührte mein weiches Gemüt und
mit Freuden ergriff ich die Gelegenheit, seinen Kummer ein wenig zu
lindern. Schnell einige Eingangszeilen zu dem Artikel geschrieben
und fort damit in die Druckerei ohne weiter zu untersuchen! Und was
ernte ich für meine Gutthat? Nichts als Scheltworte und allerliebste
Ehrentitel.
Nun will ich aber doch den Artikel einmal selbst lesen und sehen, ob
all der Spektakel begründet ist. Sollte es der Fall sein, dann wehe dem
Verfasser! --
* * * * *
Ich habe es gelesen und muß in der That gestehen, daß es zuerst etwas
konfus erscheint. Aber ich probiere es noch einmal.
* * * * *
Ich habe es zum zweitenmal durchgegangen -- es scheint verwirrter denn
je.
* * * * *
Ich habe es nun fünfmal durchgelesen, aber ich will verdammt sein,
wenn ich auch nur eine Silbe davon verstehe. Es verträgt keine nähere
Untersuchung. Man kann keine Klarheit hineinbringen. Erfahren wir etwa,
was aus William Schuyler geworden ist? Nur gerade unser Interesse
für ihn wird geweckt -- dann wird er fallen gelassen. Wer ist denn
dieser William Schuyler überhaupt? In welchem Teil von South-Park
lebt er eigentlich? Er verließ seine Wohnung um sechs Uhr -- ist er
aber auch in der unteren Stadt angekommen und ist ihm irgend etwas
zugestoßen? Ist _er_ es vielleicht, der mit dem ›entsetzlichen
Unglücksfall‹ etwas zu thun hat? Wenn man den Wust von Einzelheiten
in dem Artikel bedenkt, sollte man doch auch wirklich etwas mehr
daraus erfahren können. Aber man erfährt nichts, es macht alles nur
noch dunkler. War Herrn Schuylers Beinbruch vor fünfzehn Jahren der
›entsetzliche Unglücksfall‹, welcher Herrn Bloke in unaussprechlichen
Jammer versetzte und ihn veranlaßte zur Nachtzeit hier anzurücken
und den Betrieb zu stören, damit die Welt doch ja sogleich von dem
interessanten Umstand in Kenntnis gesetzt würde? Oder bezieht sich der
›entsetzliche Unglücksfall‹ vielleicht auf die Mutter von Schuylers
Schwiegermutter und ihr verlorenes Vermögen? Oder sollte ihr vor drei
Jahren eingetretener Tod gemeint sein? (obgleich sich keine Andeutung
findet, daß derselbe durch einen Unglücksfall herbeigeführt wurde.)
Um es kurz zu fassen: Worin bestand der ›entsetzliche Unglücksfall‹?
Warum schrie der Eselskopf von Schuyler unter heftigen Geberden hinter
dem durchgebrannten Pferde her, wenn er es aufhalten wollte? Und wie
zum Henker konnte er von einem Pferde umgeworfen werden, das schon an
ihm vorbei war? Was sollen wir uns ›zur Warnung dienen lassen‹ und wie
sollen wir uns aus diesem Schriftstück voll Unbegreiflichkeiten eine
Lehre ziehen? Was kann vor allem die ›verhängnisvolle Flasche‹ damit
zu thun haben? Es ist gar nicht gesagt, daß Schuyler ein Trunkenbold
gewesen, oder daß seine Frau oder seine Schwiegermutter oder das
Pferd sich dem Trunk ergeben hätten -- wozu also die Erwähnung der
›verhängnisvollen Flasche‹? -- Mir scheint fast, daß, wenn nur Herr
Bloke selbst die ›verhängnisvolle Flasche‹ gemieden hätte, so würde er
gar nicht in solche Aufregung über diesen widersinnigen, eingebildeten
Unglücksfall geraten sein. Ich habe dieses alberne ›Eingesandt‹ mit
seinen scheinbaren Wahrscheinlichkeiten wieder und wieder gelesen, bis
es mir ganz wirr im Kopfe war, und doch habe ich nichts herausgebracht.
Es muß allerdings ein Unglücksfall irgend welcher Art stattgefunden
haben, aber es ist unmöglich festzustellen, wen er betroffen hat oder
was geschehen ist. So schwer es mir wird, es scheint mir Pflicht,
zu verlangen, daß wenn Herrn Blokes Angehörige wieder etwas mit
Unglücksfällen zu thun haben, er seinem Bericht jedenfalls einige
aufklärende Notizen beifüge, damit man aus dem Unfall einigermaßen klug
werden kann und erfährt, wer der Betroffene ist. Lieber würde ich schon
seine sämtlichen Verwandten auf dem Totenbette sehen, als noch einmal
bis an den Rand des Wahnsinns gebracht zu werden, in dem Bestreben, ein
ähnliches Machwerk wie das obige zu entziffern.
Zeitungswesen in Tennessee.
Der Arzt riet mir zur Wiederherstellung meiner Gesundheit den
Aufenthalt in einem milderen Klima an; ich ging daher nach dem Süden
und bekam in Tennessee eine Stelle als Hilfsredakteur bei der Zeitung
›Morgenrot und Kriegsgeschrei von Johnson County.‹
[Illustration]
Als ich mich zur Arbeit im Bureau einstellte, fand ich den
Chefredakteur auf einem dreibeinigen Stuhl hintenüber gerekelt, die
Füße auf einem Tisch von Tannenholz. Ein zweiter solcher Tisch stand
noch im Zimmer und ein ebenso wackeliger Stuhl davor; beide waren halb
begraben unter Haufen von Zeitungsblättern nebst Fetzen und Bogen von
Manuskripten. Ferner befanden sich noch daselbst ein hölzerner mit
Sand gefüllter Spucknapf, in welchem Zigarrenstummel und ausgedienter
Kautabak lagen, und ein Ofen, dessen Thür nur noch an einer Angel
hing. Der Chefredakteur trug einen langschößigen schwarzen Tuchrock,
weißleinene Beinkleider und niedere, glänzend gewichste Stiefel, ein
Hemd mit altmodischem steifem Stehkragen und gefälteltem Einsatz,
einen großen Siegelring und ein karriertes Halstuch, dessen Zipfel
herabhingen. Die Tracht stammte etwa aus dem Jahre 1848. Er rauchte
eine Zigarre, suchte nach einem Wort und fuhr sich dabei in die Haare,
daß ihm die Locken zu Berge standen. Nach seinem grimmigen Blick zu
urteilen, mußte er gerade einen besonders beißenden Leitartikel unter
der Feder haben. Er sagte mir, ich solle die Tageszeitungen durchgehen
und was mir aus ihrem Inhalt interessant scheine, kurz zusammenfassen
und zu einer ›Rundschau in der Presse von Tennessee‹ verarbeiten. Ich
schrieb nun folgenden Artikel:
=Rundschau in der Presse von Tennessee.=
»Was die _Eisenbahn von Ballyhack_ betrifft, so ist die
Redaktion des Wochenblatts ›Erdbeben‹ offenbar in einem
Irrtum befangen. Es liegt keineswegs in der Absicht der
Gesellschaft, Buzzardville seitwärts liegen zu lassen. Der
Ort gilt im Gegenteil für einen der wichtigsten Punkte auf der
ganzen Strecke und man hat durchaus nicht den Wunsch, daß er
unberücksichtigt bleibt. Die Herren vom ›Erdbeben‹ werden das
Mißverständnis natürlich mit Vergnügen berichtigen.«
»Der geistvolle Redakteur des ›Donnerkeil und Schlachtrufs der
Freiheit‹, John W. _Blossom_ von Higginsville, ist gestern in
unserer Stadt angekommen und im Van Burenhaus abgestiegen.«
»Wir bemerken, daß unser Kollege vom ›Morgengeheul‹ in
Mud-Spring die irrtümliche Ansicht vertritt, daß die _Wahl
Van Werters_ keine feststehende Thatsache sei. Er wird jedoch
höchst wahrscheinlich seinen Mißgriff schon selbst entdeckt
haben, bevor wir ihn hierdurch auf denselben aufmerksam machen.
Unvollständige Wahlberichte mögen ihn zu seiner falschen
Annahme verleitet haben.«
»Es freut uns, mitteilen zu können, daß die Stadt
_Blathersville_ mit einigen New Yorker Herren in Verhandlung
steht, welche es übernehmen wollen, ihre fast grundlosen
Straßen durch ein _Nicholsonsches Pflaster_ passierbar zu
machen. Das ›Tägliche Hurra‹ empfiehlt diese Maßregel mit
großem Geschick und Nachdruck und scheint den schließlichen
Erfolg zuversichtlich zu erwarten.«
Ich übergab mein Manuskript dem Chefredakteur zur Annahme, Abänderung
oder Vernichtung. Er warf einen Blick darauf und seine Stirn umwölkte
sich. Mit unheilverkündendem Gesichtsausdruck überlas er die Seite;
es mußte irgend etwas nicht in Richtigkeit sein, das ließ sich leicht
erkennen. Plötzlich sprang er auf und rief:
»Himmeldonnerwetter! Halten Sie das für die Art, wie man die
Lumpenkerle behandeln muß? Glauben Sie etwa, meine Abonnenten würden
sich solche Milchsuppe auftischen lassen? Her mit der Feder!«
Noch nie habe ich eine Feder so boshaft kratzen und streichen hören
oder so erbarmungslos durch die Haupt-, Zeit- und Eigenschaftswörter
eines Nebenmenschen fahren sehen. Während er noch so recht bei
der Arbeit war, schoß jemand nach ihm durch das offene Fenster und
verunstaltete mir das rechte Ohr.
»Aha,« rief er, »das ist der Smith, der Halunke vom ›Moralischen
Vulkan‹; den habe ich schon gestern erwartet.« Er riß einen
Seemannsrevolver aus dem Gürtel und feuerte. Sein Gegner stürzte, in
die Hüfte getroffen, zu Boden. Smith war eben daran gewesen zu zielen,
um einen zweiten Schuß abzugeben, dieser ging nun vorbei und traf einen
Unbeteiligten -- nämlich _mich_. Nur ein Finger abgeschossen.
Der Chefredakteur fuhr hierauf fort auszustreichen und
dazwischenzuschreiben. Eben war er damit zu Ende, als eine Handgranate
durch das Ofenrohr herabschoß und den Ofen in tausend Stücke
zertrümmerte. Sonst richtete sie keinen weitern Schaden an, außer daß
sich ein Splitter verirrte und mir ein paar Zähne ausschlug.
»Der Ofen wird gar nicht mehr zu gebrauchen sein,« sagte der
Chefredakteur.
Ich versetzte, das sei auch meine Meinung.
»Na, einerlei -- bei dem Wetter können wir ihn entbehren. Ich kenne den
Kerl schon, der das gethan hat. Der entgeht mir nicht. -- Hier, sehen
Sie, in diesem Ton muß man reden, wenn man solche Artikel schreibt.«
Ich nahm das Manuskript, in dem so viel ausgestrichen und eingeschaltet
war, daß seine eigene Mutter es nicht wiedererkannt haben würde, hätte
es eine gehabt. Es lautete jetzt folgendermaßen:
=Rundschau in der Presse von Tennessee.=
»Die ausbündigen Lügenmäuler vom ›Erdbeben‹ sind offenbar
beflissen, dem edlen und hochherzigen Volk abermals eine ihrer
niederträchtigen und gotteslästerlichen Unwahrheiten in betreff
der erhabensten Erfindung des neunzehnten Jahrhunderts, der
_Eisenbahn nach Ballyhack_, aufzubinden. Den Gedanken, man
würde Buzzardville seitwärts liegen lassen, haben sie in ihrem
eigenen, vermoderten Gehirn ausgeheckt. Wir raten ihnen, die
Lüge schleunigst hinunterzuwürgen, wenn sie nicht wollen, daß
man ihrem schlotterigen Knochengerippe die Haut durchgerbt, wie
sie es verdienen.«
»Der Schafskopf vom ›Donnerkeil und Schlachtruf für Freiheit‹,
_Blossom aus Higginsville_, ist wieder hier, um sich im Van
Buren-Haus zu mästen und vollzusaugen.«
»Wir hören, daß der blödsinnige Schurke vom ›Morgengeheul‹
in Mud-Spring mit seiner gewohnten Fertigkeit im Lügen
die Nachricht verbreitet, daß _Van Werters Wahl_ nicht
durchgegangen ist. -- Die Presse hat den heiligen Beruf, die
Wahrheit zu verbreiten, dem Irrtum zu steuern, zu erziehen,
zu bilden, die öffentliche Moral und Sitte zu heben und zu
verfeinern, das Volk sanfter, tugendhafter, wohlthätiger und
in jeder Beziehung weiser, besser und glücklicher zu machen;
aber dieser schändliche Halunke entwürdigt sein hohes Amt
fortgesetzt, indem er Lügen, Verleumdungen, Aufhetzungen und
Gemeinheiten umherstreut.«
»Blathersville beabsichtigt sich _Nicholsonsches Pflaster_
anzuschaffen. Ein Gefängnis und ein Armenhaus thäten weit
eher not. Welcher Wahnsinn -- ein Pflaster in einem lumpigen
Ort mit zwei Schnapsbrennereien, einer Schmiede und dem
›Täglichen Hurra‹, diesem Senfpflaster von einer Zeitung! Das
alte Kriechtier, der Buckner, welcher das ›Hurra‹ herausgiebt,
kräht schon seinen gewöhnlichen Blödsinn über das Pflaster in
die Welt hinaus und bildet sich ein, was er sagt hätte irgend
welchen Menschenverstand.«
»Sehen Sie, so muß man's machen -- gepfeffert und zur Sache. Von einer
Schreiberei ohne Kraft und Saft wird mir's ganz übel.«
Währenddem flog ein Ziegelstein durchs Fenster, das krachend
zersplitterte, und traf mich mit aller Wucht in den Rücken. Ich schob
meinen Stuhl aus der Schußlinie und begann zu fühlen, daß ich im Wege
sei.
Der Chef sagte: »Das muß wohl der Oberst sein, den ich schon seit zwei
Tagen erwarte. Gleich wird er herauf kommen.«
Er irrte sich nicht. Schon im nächsten Augenblick erschien der Oberst
mit einer Dragonerpistole an der Thür.
»Mein Herr,« sagte er, »habe ich die Ehre, mit dem Prahlhans zu reden,
der diesen erbärmlichen Plunder verfaßt?«
»Jawohl, mein Herr. Nehmen Sie Platz -- aber vorsichtig, der Stuhl hat
ein Bein verloren. Ich habe wohl das Vergnügen, das Lügenmaul, Oberst
Blatherskite Tecumseh bei mir zu sehen?«
»Ganz recht, mein Herr. Wir haben noch ein Hühnchen mit einander zu
pflücken, und wenn es Ihre Zeit erlaubt, fangen wir gleich an.«
»Ich bin gerade bei einem Artikel über den erfreulichen ›Fortschritt
der geistigen und moralischen Entwicklung in Amerika‹ -- aber das eilt
nicht. Nur immer zu!«
Beide Pistolen knallten zu gleicher Zeit los. Die Kugel des Obersten
raubte dem Chef eine Haarlocke und drang dann in den fleischigen
Teil meines Schenkels. Dem Oberst war ein Stück der linken Schulter
weggeschossen. Sie feuerten zum zweitenmal, schossen aber vorbei, nur
ich erhielt meinen Anteil -- einen Schuß in den Arm. Die dritte Ladung
verwundete beide Herren leicht und mir ward ein Knöchel angeschossen.
Hierauf äußerte ich, es käme mir unzart vor, noch länger bei dieser
Privatangelegenheit zugegen zu sein; ich wolle lieber hinausgehen und
einen Spaziergang machen. Aber die Herren baten mich sitzen zu bleiben,
und versicherten, ich sei ihnen durchaus nicht im Wege.
Sie unterhielten sich nun über die Wahlen und den Ausfall der Ernte,
während sie wieder luden, und ich begab mich daran, meine Wunden zu
verbinden. Darauf fingen sie von neuem mit Eifer zu feuern an und jeder
Schuß traf -- doch muß ich bemerken, daß von sechs Kugeln fünf auf
meine Rechnung kamen. Die sechste brachte dem Obersten eine tödliche
Wunde bei, worauf er mit seinem Humor bemerkte, er wolle uns jetzt
einen Guten Morgen wünschen, da er Geschäfte in der Stadt habe. Dann
fragte er nach der Wohnung des Leichenbesorgers und entfernte sich.
[Illustration]
Der Chefredakteur wendete sich nun zu mir und sagte: »Ich erwarte
Gäste zu Tische und muß mich jetzt zurecht machen. Sie thun mir wohl
den Gefallen, unterdessen die Korrektur zu lesen und die Besucher zu
empfangen.«
Bei dem Gedanken an die Besucher ward mir etwas bange zu Mute; aber
mir fiel nichts ein, was ich erwidern konnte, so betäubt war ich noch
von dem Knattern der Pistolenschüsse, das mir fortwährend in den Ohren
klang.
Er fuhr fort: »Jones wird um drei Uhr hier sein -- walken Sie ihn
tüchtig durch. Gillespie kommt vielleicht noch früher -- werfen Sie
ihn zum Fenster hinaus. Ferguson trifft wahrscheinlich gegen vier Uhr
ein -- schlagen Sie ihn tot. Für heute ist das alles, glaube ich. Wenn
Sie Zeit übrig haben, schreiben Sie einen fulminanten Artikel gegen
die Polizei; geben Sie dem Oberinspektor ein paar tüchtige Hiebe. --
Die Knüttel liegen unter dem Tisch, die Pistolen in der Schublade,
der Schießbedarf dort in der Ecke, Leinwand und Verbandzeug im Fach
des Schreibtisches. Wenn Ihnen etwas zustößt, gehen Sie zu Lancet,
dem Wundarzt, hinunter. Er macht Anzeigen in unserm Blatt und wir
begleichen die Rechnungen tauschweise.«