»Mark,« sagte er, und hob den müden Blick zu mir empor, »das war eine

Unglücksstunde, in der ich jene heillosen Reime lernte. Sie haben mich

seitdem Tag und Nacht verfolgt, gleich bösen Geistern. Alle Qualen

der Hölle habe ich erduldet, seit wir uns zuletzt sahen. Am Sonnabend

wurde ich telegraphisch nach Boston berufen. Ein lieber, alter Freund

von mir war gestorben und ich sollte ihm die Leichenrede halten. Ich

benutzte den Nachtzug; die Predigt dachte ich mir unterwegs im Kopfe

zurechtzulegen. Aber ich kam nur bis zu den Eingangsworten; der Zug

ging ab, die Räder begannen ihr Gerassel -- klack, klack -- klack,

klack, klack -- und sofort paßten sich die abscheulichen Reime dieser

Begleitung an. Wohl eine Stunde saß ich da und sagte Silbe für Silbe

zu dem klack, klack, klack der Eisenbahn her, bis ich so abgearbeitet

und totmüde war, als hätte ich den ganzen Tag Holz gehackt. Mein Kopf

schmerzte zum Zerspringen, ich glaubte wahnsinnig werden zu müssen.

Rasch eilte ich nach dem Schlafwagen und kleidete mich aus. Kaum aber

hatte ich mich auf das Lager gestreckt, so fing die Geschichte von

neuem an: ›Klack, klack, klack -- Acht-Cents-Fahrt -- klack, klack,

klack -- Ein blau' Papier -- klack, klack, klack -- Sechs-Cents-Fahrt

-- klack, klack, klack -- Ein gelb' Papier und so weiter, und so

weiter -- Zahlt die Taxe der Passagier.‹ Schlafen? -- Ja, Prosit! Ich

war fast für das Tollhaus reif, als der Zug in Boston ankam. Frage

mich nicht nach der Leichenfeier. Ich that mir übermenschlichen Zwang

an, aber jeder einzige Satz war von innen und außen übersponnen und

durchwoben mit: ›Brüder, knipst ein das Fahrpapier -- Zahlt die Taxe

der Passagier.‹ Das allerschrecklichste dabei war jedoch, daß ich meine

Rede ganz in dem hüpfenden Rhythmus der entsetzlichen Reime hielt. Bald

sah ich thatsächlich, daß verschiedene Zuhörer wie geistesabwesend

im Takt dazu nickten. Ja, du magst mir's glauben oder nicht, Mark,

noch bevor ich zu Ende war, wiegte die ganze Trauerversammlung, der

Leichenbestatter und alle übrigen im feierlichen Verein mit dem Kopfe

hin und her. Kaum hatte ich das letzte Wort gesprochen, so floh ich,

wie vom Wahnsinn getrieben, in die Sakristei. Dort traf ich aber

zum Unglück mit einer alten unverheirateten Tante des Verstorbenen

zusammen, die zu spät gekommen war, um der kirchlichen Feier

beizuwohnen.

»›Ach, er ist tot, er ist tot,‹ schluchzte sie tiefbetrübt, ›und ich

habe ihn nicht einmal mehr gesehen vor seinem Ende!‹

»›Ja,‹ sagte ich, ›er ist tot -- er ist tot -- er ist tot -- o, wird

denn diese Qual niemals aufhören!‹

»›Sie haben ihn also auch geliebt, wie ich?‹

»›Geliebt, -- wen?‹

»›Den seligen Georg -- meinen teuern Neffen.‹

»›Ach -- _den_. Jawohl -- jawohl -- freilich, freilich. Knips' ein,

knips' ein -- ach, das Elend bringt mich noch um.‹

»›Dank, Ehrwürden, tausend Dank für die Trostesworte. Auch _mir_

schlägt der Verlust eine tiefe Wunde. Sie waren wohl bei ihm in den

letzten Augenblicken?‹

»›Letzte Augenblicke -- bei wem?‹

»›Nun bei dem geliebten Verstorbenen.‹

»›Ja so -- o ja -- ich glaube wohl -- ich weiß nicht. Gewiß -- ich war

da -- ich war da!‹

»›Wie beneide ich Sie um dieses Glück. Was sprach er denn noch -- o,

teilen Sie mir seine Abschiedsworte mit!‹

»›Er sagte -- er sagte -- o mein Kopf, mein Kopf, mein Kopf! Nichts,

gar nichts sagte er als: Knips' ein, knips' ein das Fahrpapier! --

Seien Sie barmherzig, Verehrteste; ich beschwöre Sie, dringen Sie

nicht weiter in mich, überlassen Sie mich meinem Wahnsinn, meinem

Jammer, meiner Verzweiflung. -- Sechs-Cents-Fahrt, ein gelb' Papier --

Drei-Cents-Fahrt, ein rot' Papier -- nein, länger ertrage ich es nicht

-- Zahlt die Taxe der Passagier.‹«

Mein Freund schwieg erschöpft und sah mich wohl eine Minute lang mit

stieren Blicken an.

»Mark,« stieß er endlich mühsam heraus, »bin ich denn ganz verloren?

Du erwiderst kein Wort, du giebst mir keine Hoffnung! Ach, ich sehe es

ein, mir kann niemand helfen; Worte vermögen mir keinen Trost mehr zu

geben -- mein Geschick ist unabwendbar. Eine innere Stimme sagt mir,

daß meine Zunge verdammt ist, in alle Ewigkeit nach dem unsinnigen

Reimgebimmel hin und her zu pendeln. Da -- da kommt es schon wieder:

Acht-Cents-Fahrt, ein blau' Papier -- Sechs-Cents-Fahrt, ein gelb'

Papier -- --«

Schwächer und schwächer klang seine Stimme, bis er endlich in einen

wohlthätigen Starrkrampf verfiel, der ihn auf eine kurze Frist seinen

Qualen entrückte.

Wie aber rettete ich ihn schließlich vor dem Irrenhause? Ich reiste mit

ihm nach der ersten besten Universität und ließ ihn seine Last und Pein

auf die armen, nichtsahnenden Studenten abladen, welche die Reime mit

gierigen Ohren einsogen. Fragt mich nicht, in welchem Zustand sie sich

dort jetzt befinden. Die Folgen sind zu trostlos, als daß ich sie zu

schildern vermöchte.

Was mich trieb, dies alles niederzuschreiben, war nur die edle Absicht,

dich, lieber Leser, zu warnen. Solltest du je irgendwo auf jene

unheilvollen Verse stoßen, so fliehe sie -- fliehe sie wie die Pest! --

Ein geheimnisvoller Besuch.

Der erste Mensch, welcher mich aufsuchte, nachdem ich mich in der

Stadt niedergelassen hatte, war ein Herr, der sich damit einführte,

daß er sagte, er sei Taxator und stehe mit der Abteilung für innere

Einkünfte der Vereinigten Staaten in Verbindung. Ich sagte, ich hätte

nie von diesem Geschäftszweig gehört, sei aber trotzdem sehr erfreut

ihn zu sehen und bäte ihn, Platz zu nehmen. Er setzte sich. Mir fiel

gerade nichts Besonderes ein, womit ich ihn unterhalten konnte, aber

ich bedachte, daß, wer einem Hauswesen vorstehen will, auch die

Pflicht hat, gesprächig, liebenswürdig und entgegenkommend zu sein. In

Ermangelung von etwas anderm fragte ich ihn also, ob er seinen Laden in

unserer Nachbarschaft eröffnen werde.

Er bejahte dieses, ohne jedoch, wie ich gehofft hatte, von selbst

zu erwähnen was er verkaufe, und ich wollte doch nicht neugierig

erscheinen.

Also versuchte ich es mit der Frage: »Geht das Geschäft gut?« und er

erwiderte: »Hm, so so.«

Darauf sagte ich, wir würden bei ihm vorsprechen und wenn man uns in

seinem Hause ebenso gut bediene wie in andern, so wollten wir ihm

unsere Kundschaft zuwenden.

Er antwortete, sein Etablissement würde uns unzweifelhaft genügen. Ihm

sei wenigstens noch nie jemand vorgekommen, der einen andern Vertreter

seines Faches aufgesucht hätte, nachdem er einmal mit ihm verhandelt

habe.

Das klang ziemlich selbstbewußt, aber abgesehen von der natürlichen

Schlechtigkeit, die uns allen im Gesicht geschrieben steht, sah der

Mann ganz ehrlich aus.

Ich erinnere mich nicht mehr _wie_ es zuging, aber allmählich tauten

wir auf und kamen in Fluß, das heißt unsere Unterhaltung, und nun ging

es wie ein aufgezogenes Uhrwerk.

Es wurde geredet, geredet, geredet -- wenigstens meinerseits, und

gelacht, gelacht, gelacht -- wenigstens seinerseits. Aber während

der ganzen Zeit hatte ich die Geistesgegenwart nicht verloren,

meine natürliche Schlauheit war auf ›vollen Dampf‹ gesetzt, wie die

Maschinisten sagen. Ich war entschlossen alles zu erfahren, was sein

Geschäft anging, trotz der dunkeln Antworten, die er gab, und zwar

dachte ich es aus ihm herauszubekommen, ohne daß er es selbst gewahr

wurde. Ich wollte ihn in eine tiefe, tiefe Falle locken, ihm alles

über mein eigenes Geschäft erzählen und ihn dadurch so erwärmen

und zutraulich machen, bis er nicht umhin konnte, mir ausführliche

Mitteilungen über _sein_ Geschäft zu machen, ehe er noch merkte, um was

es mir zu thun war. »Du ahnst nicht, mein Sohn,« dachte ich bei mir

selbst, »mit welchem schlauen Fuchs du es zu thun hast!«

»Können Sie wohl raten,« sagte ich, »wie viel ich im vergangenen Winter

und Frühling mit meinen Vorlesungen eingenommen habe?«

»Nein, gewiß nicht -- und wenn mein Kopf daran hinge! Erlauben Sie --

etwa zweitausend Dollars, wie? -- Aber nein, nein -- so viel können Sie

nicht verdient haben. Sagen wir siebzehnhundert.«

»Haha! das hab' ich mir gedacht! Meine Einnahmen für

Vorlesungen letzten Winter und diesen Frühling betrugen

vierzehntausendsiebenhundertundfünfzig Dollars. Was sagen Sie dazu?«

»Ja, das ist ja unglaublich, ganz unglaublich! Das werde ich mir

merken. Und Sie meinten, das sei noch nicht einmal alles?«

»Alles! -- kein Gedanke! Dazu kam noch mein Gehalt beim ›Täglichen

Kriegsruf‹ auf vier Monate, ungefähr -- ungefähr -- nun was würden Sie

sagen, wenn ich es auf achttausend Dollars angäbe?«

»Was ich sagen würde? -- Je nun -- daß ich wohl auch in solchem Meer

des Ueberflusses schwimmen möchte. Achttausend -- das will ich mir

merken! Und das ist alles noch nicht genug, Sie Glückspilz! Wenn ich

Sie recht verstehe, haben Sie noch andere Einnahmen gehabt?«

»Hahaha! natürlich. Wir stehen erst beim Anfang sozusagen. Nun kommt

noch mein Buch ›Unschuld auf Reisen‹ -- Preis drei Dollars fünfzig

Cents bis fünf Dollars, je nach dem Einband. Sehen Sie mir ins

Auge und hören Sie: Während der letzten fünftehalb Monate -- ganz

abgesehen von allem was vorher verkauft worden ist -- nur während

der letzten fünftehalb Monate haben wir fünfundneunzigtausend

Exemplare von dem Buch abgesetzt. Fünfundneunzigtausend! Denken

Sie einmal! Durchschnittlich vier Dollars das Exemplar, das macht

vierhunderttausend Dollars, mein Freund -- und ich bekomme die Hälfte!«

»Alle Wetter! Ich will das aufschreiben. Vierzehn -- sieben -- fünf --

acht -- zweihundert -- Summa sagen wir -- meiner Treu, die Gesamtsumme

macht ungefähr zweihundertdreizehn- oder vierzehntausend Dollars. Ist

das möglich?«

»Möglich? Wenn irgend ein Fehler dabei ist, so habe ich zu wenig

angegeben. Zweihundertvierzehntausend bar ist mein diesjähriges

Einkommen, wenn ich überhaupt rechnen kann.«

Jetzt stand der Herr auf um zu gehen. Mich überfiel der peinliche

Gedanke, ob ich am Ende meine Enthüllungen umsonst gemacht habe.

Noch dazu hatte ich mich durch seine laute Bewunderung verführen

lassen, die Beträge recht ansehnlich zu vergrößern. Aber, nein, im

letzten Augenblick überreichte mir der Herr ein großes Couvert mit

der Bemerkung, daß es seine Geschäftsanzeige enthalte, die mir jeden

gewünschten Aufschluß geben könne, er würde stolz sein, einen Mann von

so ungeheuerm Einkommen zum Kunden zu haben. Früher habe er gedacht,

daß es mehrere wohlhabende Herren in der Stadt gäbe, aber sobald

er geschäftlich mit ihnen in Verbindung getreten sei, habe es sich

gezeigt, daß sie kaum genug besäßen, um davon leben zu können. Es sei

wirklich eine solche Ewigkeit her, seit er einen reichen Mann von

Angesicht gesehen, mit ihm gesprochen, und ihm die Hand gereicht habe,

daß er sich kaum enthalten könne, mir um den Hals zu fallen -- ich

würde ihn unendlich glücklich machen, wenn ich ihm die Erlaubnis gäbe,

mich zu umarmen.

[Illustration]

Das gefiel mir so gut, daß ich nicht versuchte Widerstand zu leisten,

sondern dem biedern Fremdling gestattete, die Arme um meinen Hals zu

schlingen und ein paar beruhigende Thränen zu vergießen, die mir den

Nacken herabrieselten. Dann ging er seiner Wege.

Sobald er fort war, öffnete ich das Couvert mit seiner ›Anzeige‹. Ich

studierte sie aufmerksam vier Minuten lang, dann rief ich die Köchin

herauf und sagte:

»Bitte, halten Sie mich -- ich falle in Ohnmacht -- Marie kann

unterdessen die Pfannkuchen umwenden.«

Als ich wieder zur Besinnung gekommen war, schickte ich nach dem

nächsten Schnapsladen und mietete mir um Wochenlohn einen Mann, der

sich aufs Fluchen verstand, damit er die ganze Nacht aufsitzen und

jenen Fremden verwünschen sollte, und mich am Tage manchmal dabei

ablösen, wenn ich nicht weiter wußte.

Er war aber auch ein ganz abgefeimter Schurke. Seine ganze

Geschäftsanzeige bestand aus weiter nichts als einem niederträchtigen

Steuerzettel -- einer Kette von unverschämten Fragen über meine

Privatangelegenheiten, die beinahe vier engbedruckte Folioseiten

einnahmen. Fragen, die mit so erstaunlicher Spitzfindigkeit

zusammengesetzt waren, daß die ältesten Leute nicht herausgefunden

hätten, was sie bedeuten sollten. Fragen, die so eingerichtet waren,

daß man sein Einkommen ungefähr viermal so hoch angeben mußte, als es

in Wirklichkeit war, aus lauter Angst, man könne eine Lüge beschwören.

Ich suchte nach einem Ausweg, aber es schien keinen zu geben.

Gleich die erste Frage paßte so vollkommen auf meinen Fall, wie ein

Regenschirm auf einen Ameisenhaufen, wenn man ihn aufspannt:

»Wie hoch beliefen sich Ihre Einnahmen im vergangenen Jahr aus

Ihrem Handel, Geschäft oder Beruf, gleichviel wo Sie denselben

betrieben haben?«

Und diese Frage zog dreizehn andere von ebenso eindringlicher Art nach

sich, von denen die bescheidenste Aufschluß darüber verlangte, ob ich

einen Betrug oder Straßenraub verübt hätte oder durch Brandstiftung und

andere geheime Erwerbsquellen zu Vermögen gelangt sei, das bei meiner

Antwort auf Nr. 1 nicht mit angegeben wäre.

Es war klar, daß der Fremde mir Gelegenheit gegeben hatte, mich zu

blamieren. Dies lag so sehr auf der Hand, daß ich ausging und mir

noch einen Mann zum Fluchen mietete. Der Fremde hatte mich mit seinen

Schmeicheleien verführt, ein Einkommen von zweihundertvierzehntausend

Dollars anzugeben. Gesetzmäßig waren tausend davon steuerfrei, das

war der einzige Abschlag, den ich entdecken konnte, und das war doch

nur ein Tropfen im Ozean. Bei den gesetzlichen fünf Prozent mußte ich

der Regierung die Summe von zehntausendsechshundertfünfzig Dollars

Einkommensteuer bezahlen.

(Ich will hier gleich bemerken, daß ich es nicht gethan habe.)

Ich bin mit einem sehr begüterten Manne bekannt, der einen Palast

bewohnt und eine wahrhaft fürstliche Tafel hält, dessen Ausgaben ganz

enorm sind und der doch kein Einkommen hat, wie ich oft an seinen

Steuerzetteln gesehen habe. Zu diesem begab ich mich in meiner Not. Er

nahm meine schreckliche Liste von Einnahmen zur Hand, setzte sich die

Brille auf, tauchte die Feder ein, und -- ehe ich mich's versah, war

ich ein Bettler. Es geschah auf die einfachste Weise von der Welt und

ward durch die Geschicklichkeit, mit der er den Paragraphen ›Abzüge‹

benützte, ganz leicht zu stande gebracht. Er setzte meine Staats- und

meine städtischen Steuern auf so und so viel fest, meine Verluste

durch Schiffbruch, Feuer u. s. w. auf so und so viel; Verluste beim

›Verkauf von Landbesitz‹ -- ›Verkauf von Viehstand‹ -- ›Zahlungen für

Miete des Anwesens‹ -- ›Ausbesserungen, Umbauten, Zinsvergütung‹ --

›schon vorher besteuerter Gehalt als Offizier der Armee, der Flotte u.

s. w. u. s. w.‹ und dergleichen mehr. Aus jedem dieser Punkte wußte

er ganz erstaunliche Abzüge herauszuschlagen. Als er fertig war und

mir das Blatt hinreichte, sah ich auf den ersten Blick, daß während

des ganzen Jahres meine Einnahme, das heißt der Gewinn dabei, nur

zwölfhundertfünfzig Dollars vierzig Cent betragen hatte.

»Dazu kommt,« sagte er, »daß tausend Dollars steuerfrei sind. Gehen Sie

jetzt aufs Steueramt und beschwören Sie dies Dokument, dann bezahlen

Sie Steuern von zweihundertfünfzig Dollars.«

(Während er sprach, zog sein Söhnchen, der kleine Willy, einen

Zweidollarschein aus des Vaters Westentasche und verschwand

damit. Ich möchte _alles_ wetten, daß der Junge _auch_ sein

Einkommen falsch angeben würde, wenn mein fremder Herr ihn

morgen besuchte.)

»Machen Sie die Abzüge immer auf diese Art?« fragte ich, »auch wenn Sie

Ihre eigenen Steuern berechnen?«

»Natürlich, das versteht sich von selbst. Wenn unter der Rubrik

›Abzüge‹ nicht jene elf tröstlichen Klauseln ständen, müßte ich ja

alljährlich an den Bettelstab kommen, nur um diese verhaßte, schlechte,

geldgierige und tyrannische Regierung zu unterstützen.«

Dieser Herr gehört zu den allerbesten und solidesten Männern der

Stadt, zu den Männern von moralischem Gewicht, von kaufmännischer

Ehrenhaftigkeit, von zweifelloser, unantastbarer Zuverlässigkeit --

folglich unterwarf ich mich seinem Urteil. Ich begab mich auf das

Steueramt -- und da stand ich, unter den Augen meines fremden Herrn,

die mich schwer anklagten, und beschwor eine Lüge nach der andern, eine

Schlechtigkeit nach der andern, bis meine Seele zolldick mit Meineiden

überzogen war, und ich meine Selbstachtung auf ewige Zeiten verloren

hatte.

Aber was schadet's? Thun denn nicht Tausende der reichsten und

stolzesten, der gerechtesten und gefeiertsten Männer in Amerika

alljährlich dasselbe? -- --

Redakteur und Berichterstatter.

Wie ich ein landwirtschaftliches Blatt herausgab.

Als ich aushilfsweise die Redaktion einer landwirtschaftlichen Zeitung

übernahm, that ich es nicht ohne bange Zweifel. Wenn jemand, der

gewohnt ist auf dem Lande zu leben, plötzlich ein Schiff befehligen

sollte, würde er wohl auch seine Besorgnis dabei haben. Ich befand mich

jedoch in Verhältnissen, bei denen mir der Gehalt von Wichtigkeit war.

Als daher der ständige Redakteur der Zeitung mir anbot, ihn während der

Ferien zu vertreten, ging ich auf seine Bedingungen ein und nahm seine

Stelle.

Wieder bei der Arbeit zu sein, war ein köstliches Gefühl, und ich

schrieb die ganze Woche hindurch mit unablässigem Vergnügen. Nachdem

alles in der Presse war, wartete ich einen Tag lang in großer Spannung

auf irgend ein Anzeichen, daß meine Bemühung die Aufmerksamkeit des

Publikums erregt habe. Bei Sonnenuntergang verließ ich das Bureau und

sah, daß eine Gruppe von Männern und Knaben, die sich am Fuß der Treppe

versammelt hatten, sobald ich erschien, wie auf gemeinsamen Antrieb

auseinanderstob, um mich durchzulassen. »Das ist er!« hörte ich sie zu

einander sagen. Der Vorfall war mir natürlich sehr schmeichelhaft. Am

nächsten Morgen bemerkte ich eine ähnliche Gruppe an der Treppe; auch

vereinzelt und zu zweien standen die Leute vor dem Hause und drüben auf

der andern Seite der Straße, mich mit großem Interesse beobachtend. Als

ich näher kam, zerstreuten sie sich und wichen zurück, doch hörte ich

noch, wie ein Mann sagte:

»Seht nur mal seine Augen an.« -- Ich that, als wüßte ich nicht, was

ich für Aufsehen machte, doch freute ich mich im stillen darüber und

nahm mir vor, es meiner Tante zu schreiben.

Während ich die wenigen Treppenstufen hinaufstieg und mich der Thür

näherte, vernahm ich fröhliche Stimmen und schallendes Gelächter. Beim

Eintreten gewahrte ich einen Augenblick zwei junge Männer, die wie

Landwirte aussahen; sobald sie meiner ansichtig wurden, erbleichten

sie, machten lange Gesichter und sprangen plötzlich mit einem großen

Krach zum Fenster hinaus. Darüber verwunderte ich mich sehr.

Etwa eine halbe Stunde später trat ein alter Herr mit lang

herabwallendem Bart und feinen, aber strengen Gesichtszügen bei mir

ein. Ich forderte ihn auf, Platz zu nehmen, und er setzte sich, schien

jedoch etwas auf dem Herzen zu haben. Er nahm den Hut ab, stellte ihn

auf den Boden und holte ein rotseidenes Taschentuch heraus, sowie ein

Exemplar unserer Zeitung.

[Illustration]

Das Blatt legte er auf seine Kniee und fragte, während er sich die

Brille mit dem Taschentuch putzte: »Sind Sie der neue Redakteur?«

Ich bejahte dies.

»Haben Sie schon früher ein landwirtschaftliches Blatt redigiert?«

»Nein,« erwiderte ich, »dies ist mein erster Versuch.«

»Das dachte ich mir. Haben Sie die Landwirtschaft praktisch betrieben?«

»Nein, ich glaube nicht.«

»Ein gewisser Instinkt hat mir das gesagt,« meinte der alte Herr,

setzte seine Brille auf und maß mich über dieselbe hinweg mit strengen

Blicken, wobei er die Zeitung in ein bequemes Format zusammenfaltete.

»Ich will Ihnen vorlesen, was diesen Instinkt bei mir erweckt hat. Es

war die folgende Bemerkung. Hören Sie, ob sie aus Ihrer Feder stammt:

»_Rüben_ sollte man niemals pflücken, weil ihnen das schadet.

Es ist viel besser, einen Knaben auf den Baum klettern, und sie

herunterschütteln zu lassen.«

Nun, was sagen Sie dazu -- denn ich bin fest überzeugt, Sie haben es

geschrieben!«

»Was soll ich denn sagen? Ich glaube es ist gut und verständig. Ohne

Zweifel werden alljährlich im Umkreis dieser Stadt viele Millionen

Scheffel Rüben verdorben, weil man sie in halbreifem Zustand abpflückt,

während, wenn man sie durch einen Knaben vom Baum schütteln ließe --«

»Warum nicht gar von Ihrer Großmutter? Rüben wachsen doch nicht auf

Bäumen.«

»O, wirklich thun sie das nicht! Wer hat denn schon gesagt, daß sie da

wüchsen? -- Es war ja natürlich bildlich gemeint, nur bildlich! Jeder,

der überhaupt Sinn und Verstand hat, muß doch gleich wissen, daß ich

meinte, der Knabe sollte die Ranke schütteln.«

Der alte Mann schnellte von seinem Sitze in die Höhe, zerriß die

Zeitung in kleine Stücke, stampfte mit dem Fuß darauf, zerschlug

allerlei Gegenstände mit seinem Stock und sagte, so viel wie ich, wüßte

auch eine Kuh. Dann ging er hinaus und warf die Thür hinter sich ins

Schloß. Bei diesem Benehmen kam mir der Gedanke, es müsse etwas sein

Mißfallen erregt haben. Da ich aber nicht wußte, was ihn verdrossen

habe, konnte ich ihm auch nicht helfen.

Bald nachher kam ein langer, hagerer Mensch zur Thür hereingeschossen.

Spärliche Locken hingen ihm bis auf die Schultern herab und sein

Gesicht war in allen Höhen und Tiefen mit den stacheligen Bartstoppeln

einer ganzen Woche bedeckt. Er blieb zuerst regungslos stehen und

legte den Finger auf den Mund, dann beugte er sich lauschend vor. Kein

Geräusch ließ sich hören. Noch immer horchte er. Als alles still blieb,

drehte er den Schlüssel um, schlich behutsam auf den Zehen näher zu

mir heran und stellte sich in gemessener Entfernung vor mich hin. Eine

Weile forschte er mit großem Interesse in meinen Zügen, nahm dann ein

zusammengefaltetes Exemplar unseres Blattes aus der Brusttasche und

sagte:

»Sehen Sie hier -- das haben Sie geschrieben. Lesen Sie es mir vor --

rasch! Befreien Sie mich, Herr! Ich leide entsetzlich.«

Ich las was folgt, und während meine Lippen Satz für Satz aussprachen,

schien er sich zusehends erleichtert zu fühlen; die starren Muskeln

verloren ihre Spannung, die ängstliche Besorgnis wich aus seinem

Gesicht und Friede und Ruhe verbreiteten sich über seine Züge, wie

lindes Mondlicht über eine öde Landschaft.

»Der _Guano_ ist ein schöner Vogel, aber es bedarf großer

Sorgfalt, wenn man ihn aufziehen will. Man darf ihn nicht

früher als im Juni und nicht später als im September bei uns

einführen. Im Winter muß er an einen warmen Ort gebracht

werden, um seine Jungen ausbrüten zu können.«

»Augenscheinlich werden wir mit unserer _Getreideernte_ dies

Jahr im Rückstand bleiben. Der Landmann wird daher wohl daran

thun, die Maiskolben und Buchweizenkuchen schon im Juli statt

im August zu pflanzen.«

»_Vom Kürbis._ Dies ist eine Lieblingsbeere der Eingeborenen

von Neuengland. Bei der Bereitung von Obstkuchen zieht man sie

dort zu Lande sogar der Stachelbeere vor. Sie ist vorteilhafter

als die Himbeere zum Füttern der Kühe, da sie mehr füllt und

stopft und ganz ebenso nahrhaft ist. Der Kürbis ist die einzige

eßbare Abart der Familie Orangenpflanze, die im Norden gedeiht,

ausgenommen die Melone und der Türkenbund. Man pflanzt ihn

jedoch jetzt weniger häufig unter dem Buschwerk im Vordergarten

an, da man allgemein die Ansicht hegt, daß der Kürbis kein Baum

ist, welcher Schatten giebt.«

»Jetzt, bei Eintritt des warmen Wetters, beginnt der

_Gänserich_ zu laichen und --«

In höchster Aufregung trat der Zuhörer dicht vor mich hin, schüttelte

mir die Hand und sagte:

»Schön, schön -- das genügt. Jetzt weiß ich, daß ich bei richtigem

Verstande bin, denn Sie haben es gerade so gelesen wie ich, Wort

für Wort. Aber Fremdling, als ich es heute morgen zum erstenmal

las, sagte ich zu mir: ›Nun und nimmermehr hätte ich es für möglich

gehalten, trotzdem meine Verwandten mich so streng bewachten, aber

jetzt glaube ich selbst, daß ich verrückt bin.‹ Dabei stieß ich ein

Geheul aus, das man zwei Meilen weit hören mußte, und lief fort, um

jemand totzuschlagen. Ich wußte ja, daß es früher oder später dazu

kommen würde und wollte lieber gleich damit anfangen. Erst las ich

noch einmal einen Ihrer Paragraphen durch, dann brannte ich mein Haus

nieder und brach auf. Mehreren Leuten habe ich Arme und Beine entzwei

geschlagen, und einen Menschen auf einen Baum gejagt, wo ich ihn

kriegen kann, sobald ich will. Beim Vorbeigehen dachte ich aber erst

einmal bei Ihnen vorzusprechen, um meiner Sache auch ganz sicher zu

sein. Jetzt habe ich mir nun Gewißheit verschafft und ich sage Ihnen,

es ist ein Glück für den Burschen, der auf dem Baume sitzt. Ich hätte

ihn unfehlbar auf dem Rückwege umgebracht. Leben Sie wohl, leben Sie

wohl! Sie haben mir eine schwere Last von der Seele genommen. Da mein

Verstand Ihren landwirtschaftlichen Artikel hat aushalten können, wird

er jetzt jeden Puff vertragen. Noch einmal, bester Herr, leben Sie

wohl!«

Mir war wegen der Körperverletzungen und Brandstiftungen, mit welchen

der Mensch sich unterhalten hatte, etwas unbehaglich zu Mute, da ich

nicht umhin konnte mir einzugestehen, daß ich gewissermaßen daran

beteiligt sei. Doch konnte ich diesen Gedanken nicht lange nachhängen,

denn der ständige Redakteur trat jetzt ins Zimmer.

Er sah trübselig, verlegen und niedergeschlagen aus.

Skizzenbuch · 第 4 / 19 段