Als ich ihn fragte, ob er seine Art sich auszudrücken aus Büchern habe,

die ich mir vielleicht irgendwo aus einer Leihbibliothek verschaffen

könne, lächelte er wohlgefällig und meinte, solche Redeweise lasse sich

nicht aus Büchern lernen. Nur wer mit dem Blitz vertraut sei, dürfe

es wagen, sich ungestraft solcher Unterhaltungsform zu bedienen. Dann

machte er einen ungefähren Anschlag und versicherte, wenn noch acht

Blitzableiter über das Dach verteilt würden, so ließe sich mein Zweck

wohl erreichen; mit fünfhundert Fuß des Leitungsmaterials dächte er

auszukommen. Bei den ersten acht hätte er sich nämlich etwas verrechnet

-- nur um eine Kleinigkeit, etwa um hundert Fuß, genau könne er es noch

nicht angeben. Ich sagte ihm, ich sei in schrecklicher Eile und wünsche

das Geschäft schnell abzumachen, um wieder an meine Arbeit zu kommen.

Da entgegnete er: »Einen Augenblick habe ich wohl daran gedacht, die

acht Blitzableiter anzubringen und dann ruhig meiner Wege zu gehen.

Mancher würde vielleicht an meiner Stelle so gehandelt haben, aber

ich sagte mir: Nein, ich kenne den Mann nicht und lieber möchte ich

sterben, als einen Fremdling ins Unglück stürzen. Auf dem Haus sind

noch nicht genug Blitzableiter und ich rühre mich nicht vom Platz, bis

ich ihm das gesagt habe und also gethan, was ich wünschte, daß man mir

in demselben Falle thäte. -- Fremdling, meine Pflicht ist erfüllt! Wenn

der recalcitrante und dephlogistische Himmelsbote Ihr Haus trifft,

so -- --«

»Schon gut, schon gut,« rief ich; »pflanzen Sie die andern acht auch

auf -- verwenden Sie meinetwegen noch fünfhundert Fuß spiralförmig

gebogene Leitungsstangen; thun Sie, was Sie nicht lassen können;

stillen Sie Ihr Sehnen, aber gestatten Sie Ihren Gefühlen nur so weit

freien Lauf, als Sie mit dem Wörterbuch reichen können. Wenn wir uns

jetzt genügend verständigt haben, möchte ich wieder an meine Arbeit

gehen.«

Nun sitze ich schon seit einer vollen Stunde hier und versuche meinen

Gedankengang da wieder aufzunehmen, wo ich zuletzt unterbrochen wurde;

jetzt endlich ist es mir gelungen; ich fahre also fort:

»diesen großen Gegenstand zu bezwingen, aber selbst die

Geistesmächtigsten unter ihnen haben einen würdigen Gegner

an ihm gefunden, der sich nach jeder Niederlage nur um so

mutiger erhebt. Der berühmte Confucius sagte, lieber wollte er

ein tüchtiger Staatsmann sein, als Polizeipräsident. Cicero

hat häufig den Ausspruch gethan, daß die Staatswirtschaft

die größte Wirtschaft sei, welche der Mensch imstande sei zu

betreiben, und selbst unser Greeley hat im allgemeinen mit

Nachdruck angedeutet, daß _Staats_ --«

Hier ließ mich der Blitzableitermann wieder abrufen und ich ging in

einem Gemütszustand hinunter, der an Ungeduld grenzte. Er sagte, daß er

untröstlich sei, mich noch einmal stören zu müssen -- weit lieber wäre

er gestorben. Aber, wenn ihm eine Arbeit übertragen sei, von der man

erwarte, daß er sie ordentlich und kunstgerecht ausführe und er nach

Vollendung des Werkes, im Begriff sich seiner so wohl verdienten Ruhe

und Erholung hinzugeben, noch einen betrachtenden Blick darauf werfe

und zu seinem Schrecken gewahr werde, daß alle Berechnungen nicht genau

genug gewesen seien und daß das Haus, für welches er ein persönliches

Interesse fühle, falls ein Gewitter losbrechen sollte, dastehen

werde, ohne auf der Welt einen andern Schutz zu haben als sechzehn

Blitzableiter auf dem Dach, ja dann -- --

»Kein Wort mehr,« schrie ich in wahnsinniger Erregung, »warum pflanzen

Sie nicht hundertfünfzig auf? Zehn Stück auf die Küche, ein Dutzend

auf die Scheune, ein paar auf die Kuh, einen auf die Köchin! Spicken

Sie das ganze unselige Gebäude damit, bis es aussieht wie ein großes,

zinkplattiertes, spiralförmig gewundenes, an den Spitzen versilbertes

Stachelschwein. Fort ans Werk! Verbrauchen Sie das sämtliche

verfügbare Material, und wenn Sie keine Blitzableiter mehr haben,

stecken Sie Kolbenstangen auf, Ladestöcke, Wagendeichseln, Meßstangen

-- kurz alles, was Ihren schrecklichen Hunger nach künstlichen

Landschaftsbildern zu stillen vermag, damit mein tobendes Gehirn und

meine gemarterte Seele endlich Ruhe und Erlösung finden.«

Völlig ungerührt, lächelte das eiserne Geschöpf nur freundlich,

streifte sich die Manschetten vorsorglich zurück und sagte, jetzt wolle

er sich dahinter machen, daß es eine Art habe.

Seitdem sind drei Stunden vergangen und mir scheint, ich habe mich noch

immer nicht genügend beruhigt, um mich aufs neue der Staatswirtschaft,

meinem hohen Thema, wieder zuzuwenden. Ich kann jedoch dem Wunsch

nicht widerstehen, wenigstens einen Versuch zu machen, denn von der

ganzen Weisheit der Welt liegt meinem Herzen nichts so nahe und nichts

beschäftigt meinen Verstand so sehr.

»--_wirtschaft des Himmels beste Gabe für die Menschheit sei_.

Als der lockere, aber begabte Byron zu Venedig im Exil war,

soll er die Bemerkung gemacht haben, daß, wenn ihm gestattet

wäre zurückzukehren und sein vergeudetes Leben von vorn

anzufangen, er seine klaren und nüchternen Stunden nicht dazu

verwenden wolle, leichtsinnige Reime zu schmieden, sondern

Aufsätze über Staatswirtschaft zu schreiben. Washington liebte

diese herrliche Wissenschaft, Namen wie Baker, Beckwith,

Judson, Smith sind auf ewige Zeiten damit verbunden. Sogar der

unsterbliche Homer sagt in dem neunten Buch seiner Iliade:

~Fiat justitia, ruat coelum

Post mortem unum, ante bellum

Hic jacet hoc, ex-parte res

Politicum e-conomico est.~

Der Gedankenreichtum des alten Dichters, verbunden mit der

glücklichen Wahl der Worte, in die er seine erhabenen Bilder

kleidet, haben diese Verse vor allen andern berühmt gemacht,

welche jemals --«

»Schweigen Sie, sage ich -- kein Wort weiter! -- Her mit Ihrer Rechnung

und dann verschwinden Sie auf ewige Zeiten aus meinem Gesichtskreis. --

Neunhundert Dollars? -- Ist das alles? -- Nun gut, auf diese Anweisung

hier wird Ihnen jedes achtbare Bankhaus in Amerika Zahlung leisten.

-- Aber was bedeutet denn der Volksauflauf unten auf der Straße? --

Nach den Blitzableitern wollen die Leute schauen? Du meine Güte! Haben

sie denn noch nie im Leben Blitzableiter gesehen? -- ›Noch nie einen

solchen Haufen auf einem Dach,‹ sagen Sie, wenn ich Sie recht verstehe.

Da muß ich doch einmal hinuntergehen und mir die Menschen betrachten,

die eine solche Unkenntnis öffentlich zur Schau tragen.«

* * * * *

_Drei Tage später._ Wir sind alle in einem Zustand völliger

Erschöpfung. Unser Haus, das wie ein Stachelschwein von Blitzableitern

starrte, war vierundzwanzig Stunden lang der Gegenstand allgemeinen

Staunens und das einzige Stadtgespräch. Die Theater standen leer,

denn ihre neuesten scenischen Erfindungen konnten es bei weitem

nicht mit meinen Blitzableitern aufnehmen. Tag und Nacht war unsere

Straße von Zuschauern belagert; viele fuhren sogar vom Lande herein,

um das Schauspiel zu genießen. Endlich am zweiten Tage kam uns

glücklicherweise ein Gewitter zu Hilfe. Kaum begann der Blitz auf mein

Haus loszugehen, als sich, sozusagen, sämtliche Bänke und Galerien

im Handumdrehen leerten. Fünf Minuten später war im Umkreis einer

halben Meile von meinem Besitztum kein einziger Zuschauer mehr zu

erblicken. In den ferner gelegenen hohen Häusern jedoch drängte sich

Kopf an Kopf an den Fenstern, auf den Dächern und überall. Das war

auch nicht zu verwundern, denn alle Sternschnuppenfälle und glänzenden

Feuerwerke eines Menschenalters zusammengenommen und gleichzeitig in

einer ungeheuern Feuergarbe vom Himmel herab gegen ein schutzloses

Dach losgelassen, hätten nicht die großartige pyrotechnische Wirkung

erzielen können, durch welche mein Haus, mitten in der Dunkelheit,

die während des Unwetters herrschte, wie mit Strahlenglanz umleuchtet

war. Innerhalb vierzig Minuten schlug der Blitz -- ich habe es genau

gezählt -- siebenhundertvierundsechzigmal in mein Grundstück ein,

jedesmal angelockt durch einen der getreuen Blitzableiter. Er glitt an

dem spiralförmig gewundenen Eisen entlang und schoß in den Boden, bevor

er noch selbst recht wußte, wie ihm geschah. Während dieses ganzen

Bombardements wurde mir nur eine einzige Schieferplatte zertrümmert und

zwar deshalb, weil sämtliche Blitzableiter der Nachbarschaft in ein

und demselben Augenblick alle Blitze, die sie gesammelt hatten, auf

uns übertrugen. Seit Anbeginn der Welt war ein ähnliches Schauspiel

nie gesehen worden. Während eines ganzen Tages und einer Nacht konnte

kein Mitglied meiner Familie den Kopf aus dem Fenster strecken, ohne

daß ihm das Haar ausgerissen und er so glatt rasiert wurde, wie eine

Billardkugel; daß sich eins von uns hinausgewagt hätte, davon war schon

gar nicht die Rede. Endlich wurde aber doch die entsetzliche Belagerung

aufgehoben, weil auch keine Spur von Elektrizität mehr in den Wolken

über uns vorhanden war, soweit meine unersättlichen Blitzableiter

reichen konnten.

Sofort machte ich einen Ausfall, sammelte eine Schar unerschrockener

Arbeiter um mich, und kein Bissen Brot kam über unsere Lippen, kein

Schlaf in unsere Augen, bevor wir nicht das ganze Gebäude seiner

schrecklichen Stachelrüstung entkleidet hatten. Nur drei Blitzableiter

blieben auf dem Hause, einer auf der Küche, und einer auf dem

Scheunendach, wo sie noch heutigen Tages zu sehen sind. Erst als

dieses geschehen war, wagten die Leute es wieder, unsere Straße zu

betreten. Beiläufig will ich hier noch bemerken, daß ich während jener

entsetzlichen Zeit meinen Aufsatz über die Staatswirtschaft nicht

weiter geschrieben habe. Selbst jetzt sind mir Kopf und Nerven noch so

angegriffen, daß ich die Arbeit nicht wieder aufnehmen kann.

* * * * *

_Für Liebhaber._ -- Leute, welche dreitausendzweihundert und

elf Fuß der besten, zinkplattierten, spiralförmig gewundenen

Blitzableiterstangen und sechzehnhunderteinunddreißig versilberte

Spitzen verwenden können -- alles in leidlichem Zustande und obgleich

durch den Gebrauch stark abgenutzt, doch für jeden gewöhnlichen Fall

zu benützen -- mögen sich zum Abschluß des Geschäfts an den Verfasser

dieses Buches wenden. --

Es ist gefährlich im Bette zu liegen.

»Auch ein Unfallversicherungsbillet?« fragte der Mann am Schalter.

»Nein,« entgegnete ich nach kurzem Ueberlegen, »nein, ich glaube nicht.

Heute fahre ich den ganzen Tag mit der Eisenbahn. Aber -- warten Sie

einmal -- morgen bin ich nicht auf Reisen. Geben Sie mir eins für

morgen.«

Der Mann sah mich verblüfft an. Dann sagte er:

»Aber die Versicherung ist ja gerade gegen Unfälle. Und wenn Sie mit

der Eisenbahn reisen --«

»Da habe ich keine Furcht. Man läuft nur Gefahr, wenn man zu Hause

bleibt und im Bette liegt.«

Ich hatte mich über diese Angelegenheit gründlich unterrichtet. Im

vergangenen Jahr war ich zwanzigtausend Meilen, hauptsächlich mit der

Eisenbahn gefahren, vor zwei Jahren hatte ich fünfundzwanzigtausend

Meilen zurückgelegt, teils mit dem Dampfboot, teils mit der Eisenbahn,

vor drei Jahren nahe an zehntausend Meilen, ausschließlich mit der

Eisenbahn. Wollte ich noch alle die verschiedenen kleinen Reisen in

Anschlag bringen, die ich im Laufe der drei letzten Jahre bald hierhin

bald dorthin unternommen habe, so würden zusammen wohl sechzigtausend

Meilen herauskommen, -- und das alles ohne einen Unfall.

Eine Zeitlang dachte ich jeden Morgen bei mir: »Na, bis jetzt bin

ich noch immer gut weggekommen, um so größer ist aber auch die

Wahrscheinlichkeit, daß ich diesmal etwas abkriegen werde. Ich will

schlau sein und mir ein Unfallbillet lösen.« Aber so oft ich das

that -- jedesmal zog ich eine Niete und legte mich am Abend mit

heilen Knochen und ohne daß mir ein Glied ausgerenkt war, zu Bette.

Schließlich bekam ich diese tägliche Plackerei satt und kaufte mir nur

noch Unfallbillete, die auf einen Monat gültig waren. Ich sagte mir:

»Wenn man ein ganzes Bündel von dreißig Stück auf einmal kauft, können

es doch unmöglich lauter Nieten sein.«

Aber ich irrte mich. In dem ganzen Haufen war nicht _ein_ Gewinn.

Täglich las ich von Eisenbahnunfällen -- sie lagerten wie ein Nebel

über der ganzen Zeitungsatmosphäre, aber niemals kam etwas davon auf

mein Teil. Ich mußte mir eingestehen, daß ich in dem Unfallgeschäft

viel Geld verthan hatte und für mich nichts herausgekommen war. Mein

Argwohn erwachte; ich begann mich nach jemand umzusehen, der bei dieser

Lotterie einen Treffer gezogen hatte. Zwar fand ich viele Leute, die

ihr Geld darin anlegten, aber keinen Menschen, der je einen Unfall

gehabt oder einen Cent damit verdient hatte. Nun kaufte ich keine

Unfallbillete mehr, sondern begab mich ans Rechnen und kam zu einem

erstaunlichen Ergebnis: _Die Gefahr lag nicht im Reisen, sondern im

Zuhausebleiben._

Ich verschaffte mir statistische Berichte und fand zu meiner

Ueberraschung, daß nach all den fettgedruckten Zeitungsüberschriften,

welche Eisenbahnunfälle ankündigten, noch nicht einmal dreihundert

Menschen während der letzten zwölf Monate wirklich ihr Leben durch

solche Unfälle verloren hatten. Die Eriebahn war die mörderischste

auf der ganzen Liste. Sie hatte sechsundvierzig oder sechsundzwanzig

Menschen umgebracht -- ich erinnere mich nicht mehr genau an die Zahl,

nur soviel weiß ich, daß sie doppelt so groß war, als auf jeder andern

Bahn. Doch fiel mir dabei sofort ein, daß die Eriebahn eine ungeheure

Länge hat und den größten Geschäftsbetrieb von allen Bahnen des

Landes; da ist es leicht begreiflich, daß sie noch einmal soviele Tote

aufweisen kann als die übrigen.

Als ich weiter rechnete, fand ich, daß zwischen New York und Rochester

auf der Eriebahn täglich acht Personenzüge hin- und zurückfahren,

also zusammen sechzehn, welche durchschnittlich sechstausend Reisende

befördern. Das beträgt in sechs Monaten etwa eine Million -- soviel als

New York Einwohner hat. Nun denn: die Eriebahn tötet von ihrer Million

zwischen dreizehn und dreiundzwanzig Personen in sechs Monaten, und

in der gleichen Zeit sterben von der in New York wohnenden Million

dreizehntausend in ihren Betten!

Mich überlief eine Gänsehaut, die Haare standen mir zu Berge. »Wie

entsetzlich!« rief ich aus. »Nicht das Reisen auf der Eisenbahn bringt

die Menschen in Gefahr, sondern daß sie sich den totbringenden Betten

anvertrauen. Nie wieder will ich in einem Bette schlafen!«

Hiernach wird es der Leser nur natürlich finden, daß ich dem

Billetverkäufer am Schalter die obenerwähnte Antwort gab. Mit den

Betten, vor denen mir graut, will ich es nicht noch einmal versuchen;

für mich sind die Eisenbahnen gut genug.

Auch ist mein Rat für jedermann: Bleibt so wenig zu Hause wie irgend

möglich; aber wenn ihr einmal durchaus zu Hause bleiben müßt, dann

kauft euch ein Paket Versicherungsbillete und legt euch nachts nicht

schlafen. Man kann gar nicht vorsichtig genug sein.

Die Moral dieses Aufsatzes ist, daß Leute, die sich nicht die Mühe

geben nachzudenken, ganz unbilligerweise über die Eisenbahnverwaltung

der Vereinigten Staaten murren. Wenn wir uns überlegen, daß das ganze

Jahr hindurch, Tag und Nacht, mehr als vierzehntausend Eisenbahnzüge

der verschiedensten Art, mit Menschen beladen, deren Leben oder Tod

in ihrer Gewalt ist, durch die Lande donnern und jagen, so werden wir

uns nicht _darüber_ wundern, daß sie dreihundert menschliche Wesen in

einem Jahre umbringen, sondern vielmehr _darüber_, daß ihnen nicht

dreihundert mal dreihundert zum Opfer fallen.

Brüder, knipst ein!

Darf ich den gefälligen Leser bitten, einen Blick auf nachstehende

Verse zu werfen und mir zu sagen, ob er etwas besonders Gefährliches

darin entdecken kann?

»Schaffner, knips' ein das Fahrpapier,

Zahlt die Taxe der Passagier.

Acht-Cents-Fahrt ein blau' Papier,

Sechs-Cents-Fahrt ein gelb' Papier,

Drei-Cents-Fahrt ein rot' Papier.

Zahlt die Taxe der Passagier,

Knips' ein, knips' ein das Fahrpapier!«

_Chor der Schaffner_:

»Zahlt die Taxe der Passagier,

Brüder knipst ein das Fahrpapier!«

Kürzlich stieß ich zufällig in einem Tageblatt auf dies Reimgebimmel

und las es ein paarmal durch. Augenblicklich war ich davon wie

besessen; es schwirrte mir beim Frühstück fort und fort durch den Kopf

und als ich meine Serviette zusammenlegte, wäre ich nicht imstande

gewesen zu sagen, ob ich etwas gegessen hatte oder nicht.

Ich trat nun an das Schreibpult, um mein Tagewerk zu beginnen, wie ich

es mir schon am vergangenen Abend vorgesetzt hatte. In dem Roman, an

welchem ich schrieb, war ich gerade bei einer erschütternden Tragödie

angekommen. Ich griff nach der Feder, um den blutigen Auftritt zu

schildern, aber ich dachte nichts als: »Schaffner, knips' ein das

Fahrpapier.« Eine Stunde lang kämpfte ich aus allen Kräften dagegen an,

allein umsonst.

»Acht-Cents-Fahrt ein blau' Papier. Sechs-Cents-Fahrt ein gelb'

Papier u. s. w. u. s. w.« summte es mir im Kopf ohne Rast und Ruh.

Von Arbeiten konnte keine Rede sein, das lag auf der Hand. Ich gab

es auf und schlenderte in der Stadt umher, aber bald merkte ich, daß

meine Füße nach dem Takt jenes Reimgeklingels marschierten. Auf die

Länge ward mir das unerträglich; ich änderte meinen Schritt, allein

das half nichts. Die Verse paßten sich sofort der neuen Gangart an und

verfolgten mich nach wie vor.

[Illustration]

Ich kehrte um und ertrug das Leiden zu Hause den Vormittag über, es

quälte mich beim Mittagessen, welches ich mechanisch und ohne Genuß

verzehrte, den ganzen Abend hindurch bimmelte es mir in den Ohren, ich

ging voll Jammer zu Bett, und während ich mich ruhelos hin und her

warf, wälzten sich mir immer wieder die Verse durch das Hirn, bis ich

gegen Mitternacht wie wahnsinnig aufsprang und zu lesen versuchte.

Aber die Buchstaben tanzten vor meinen Augen und alles was ich sah

war: »Schaffner, knips' ein das Fahrpapier.« Bei Sonnenaufgang hatte

ich den Verstand verloren und meine Angehörigen horchten mit Staunen

und Bekümmernis auf meinen Blödsinn. »Knips' ein, o, knips' ein das

Fahrpapier,« faselte ich immer von neuem.

Zwei Tage später, am Sonnabend morgen, erhob ich mich -- eine

jammervolle Ruine -- schwankend vom Lager. Ich suchte den Pfarrer N.,

meinen werten Freund auf, um mit ihm, wie wir verabredet hatten, einen

Spaziergang von zehn Meilen nach dem Talcott-Turm zu unternehmen. Er

sah mich mit großen Augen an, lieh jedoch seiner Verwunderung keine

Worte. Wir machten uns auf den Weg. Der Pfarrer sprach und sprach und

sprach, wie es seine Gewohnheit ist. Ich erwiderte keine Silbe, ich

hörte nichts.

»Mark, bist du krank?« fragte mein Freund endlich, als wir eine Meile

gegangen waren. »Du siehst entsetzlich abgehärmt und angegriffen aus.

Thu' mir doch die Liebe und sprich einmal ein Wort.«

Mit trübseliger Miene versetzte ich eintönig: »Schaffner, knips' ein

das Fahrpapier -- Zahlt die Taxe der Passagier.«

Der Pfarrer starrte mich verwirrt an:

»Ich verstehe nicht recht, was das heißen soll, Mark. Mir scheint, was

du da sagst, ist weder außergewöhnlich noch besonders betrübend --

und doch -- es lag vielleicht an deinem Ton -- klangen die Worte so

sterbenstraurig, wie mir im Leben noch nichts vorgekommen ist. Was hast

du nur?«

Aber ich hörte längst nichts mehr. Ich war schon in weiter Ferne, bei

der nicht endenwollenden, unabwendbaren »Acht-Cents-Fahrt ein blau'

Papier. -- Sechs-Cents-Fahrt ein gelb' Papier -- Drei-Cents-Fahrt ein

rot' Papier -- Zahlt die Taxe der Passagier -- Knips' ein, knips' ein

das Fahrpapier.« -- Was während der übrigen neun Meilen geschehen ist,

weiß ich nicht.

Plötzlich jedoch legte mir der Pfarrer die Hand auf die Schulter und

schrie mich an:

»Wach' auf, wach' auf, ich beschwöre dich! Du schläfst ja mit offenen

Augen. Dort liegt der Turm vor uns; ich habe mich taub, blind und

stumm geredet und du giebst keine Antwort. Sieh dich doch um in der

herrlichen Herbstlandschaft. Schau' hin und weide deine Blicke daran.

Du bist weit gereist und hast die gepriesensten Naturschönheiten mit

eigenen Augen gesehen. Nun sage einmal deine Meinung -- was hältst du

von diesem Landschaftsbild?«

Ich seufzte tief und murmelte: »Sechs-Cents-Fahrt ein gelb' Papier --

Drei-Cents-Fahrt ein rot' Papier -- Zahlt die Taxe der Passagier --

Knips' ein, knips' ein das Fahrpapier.« Der Pfarrer stand still und sah

mich lange mit ernsten, teilnahmvollen Blicken an.

»Mark,« sagte er endlich, »ich kann aus der Sache nicht klug werden.

Sind das dieselben Worte wie vorhin? -- Sie klingen ganz unverfänglich

und doch bricht es mir fast das Herz, sie dich sagen zu hören. --

Knips' ein, knips' ein das Fahrpapier -- war es nicht so?«

Ich fing von vorn an und sagte Zeile für Zeile her, während mein Freund

mit wachsendem Interesse zuhörte.

»Aber, das ist ja ein wahres Reimgebimmel,« rief er vergnügt, »es

klingt einem in den Ohren wie Musik, alles paßt und klappt so hübsch.

Ich glaube, das muß sich leicht behalten lassen. Bitte, sage es noch

einmal, dann kann ich es sicher auswendig.«

Ich wiederholte die Reime und der Pfarrer sprach sie nach. Das erste

Mal machte er noch einen kleinen Fehler, den ich verbesserte, das

zweite und dritte Mal ging es aber ohne Anstoß. Mir war plötzlich eine

Zentnerlast vom Herzen gefallen; das niederträchtige Geklingel plagte

mich nicht länger, mein gemartertes Hirn kam endlich zur Ruhe und ein

wonniges Gefühl des Friedens zog in meine Brust; ich hätte jauchzen und

singen mögen. Wirklich stimmte ich auch eine halbe Stunde lang ein Lied

nach dem andern an, während wir nach Hause marschierten. Meine Zunge,

die wie gelähmt gewesen war, fand nun die Sprache wieder und der lange

eingedämmte Redefluß sprudelte und strömte mir unaufhaltsam über die

Lippen. Glückselig und jubilierend ließ ich ihm freien Lauf, bis er

endlich versiegte. Beim Abschied schüttelte ich dem Freunde herzlich

die Hand.

»Das war einmal ein schöner Spaziergang,« rief ich, »und wie herrlich

haben wir uns unterhalten! Aber, da fällt mir ein -- du hast ja seit

zwei Stunden kein Sterbenswort mehr gesagt. So sprich doch etwas.«

Der Pfarrer sah mich mit glanzlosen Augen an und murmelte eintönig und,

wie mir schien, ganz unbewußt:

»Knips' ein, knips' ein das Fahrpapier -- Zahlt die Taxe der Passagier.«

Mich überlief es siedend heiß. »Der arme Mensch,« dachte ich bei mir,

»der arme Mensch! Jetzt hat es ihn gepackt.«

Mehrere Tage vergingen, ohne daß ich mit meinem Freunde zusammentraf.

Am Dienstag-Abend kam er jedoch in mein Zimmer geschlichen, wo er matt

und trostlos auf einen Stuhl niedersank. Er war bleich und abgezehrt,

nur noch ein Schatten von seinem früheren Selbst.

Skizzenbuch · 第 3 / 19 段