»Ich -- ich -- war eben dabei, da fiel mir ein, auszurechnen, wie viel

zwölfmal dreizehn ist und --«

(Fzt, -- bum! -- bum! -- bumerumbum! -- bang! -- krach!)

»O, wir sind verloren, rettungslos verloren. Wie konntest du so etwas

versäumen, bei solch einem Wetter!«

»Aber es war ja noch nicht so ein Wetter. Es war kein Wölkchen

am Himmel. Wie konnte ich ahnen, daß wegen einer so kleinen

Unterlassungssünde all dies Gerumpel und Gepolter losgehen würde? Und

ich meine, es ist gerade nicht hübsch von dir, so viel Aufhebens davon

zu machen, da du doch weißt, daß es so selten vorkommt. Vorher habe ich

es nie versäumt, nie seit dem großen Erdbeben, an dem ich schuld war.«

»Mortimer, wie du sprichst! Hast du das gelbe Fieber vergessen?«

»Meine Liebe, du legst mir immer das gelbe Fieber zur Last, und

ich meine doch, das ist ganz sinnlos. Wie soll denn ein kleines

Frömmigkeitsvergehen von mir so weithin wirken? Das Erdbeben will ich

meinetwegen auf mich nehmen, weil es in der Nachbarschaft stattfand,

aber ich will mich hängen lassen, wenn ich verantwortlich sein soll für

jedes lumpige --«

(Fzt, bum, bum, belum, bum, bang!)

»O Gott, o Gott, gewiß hat es irgendwo eingeschlagen. Wir werden keinen

Tag mehr erleben, und dann, wenn wir nicht mehr sind, kann es dir eine

Genugthuung sein, zu wissen, daß dein gottloses Gerede -- Mortimer!«

»Nun, was ist wieder los?«

»Deine Stimme klingt, wie wenn -- Mortimer, stehst du wirklich vor dem

offenen Kamin?«

»Das ist allerdings mein Verbrechen in diesem Augenblick.«

»Geh' augenblicklich davon weg. Es scheint, du bist entschlossen,

Vernichtung über uns alle zu bringen. Weißt du nicht, daß es keinen

besseren Leiter für den Blitz giebt, als ein offenes Kamin? -- Wo bist

du nun hingegangen?«

»Da ans Fenster.«

»O, um Gottes willen, hast du den Verstand verloren? Geh' weg von dort,

augenblicklich! Die kleinsten Kinder wissen, daß es lebensgefährlich

ist, während eines Gewitters am Fenster zu stehen. Lieber, Guter, ich

weiß, ich erlebe keinen Tag mehr -- Mortimer?«

»Ja!«

»Was ist das für ein Rascheln?«

»Ich bin's.«

»Was thust du denn?«

»Ich bemühe mich, das obere Ende meiner Unterbeinkleider zu finden.«

»Schnell, wirf das Zeug weg. Du wirst doch nicht diese Kleidungsstücke

bei einem solchen Wetter anziehen wollen? Du weißt doch, daß allen

Autoritäten zufolge wollene Stoffe den Blitz anziehen. O, Liebster,

Bester, ist es nicht genug, daß man aus natürlichen Ursachen stets in

Lebensgefahr schwebt? Und du thust alles Erdenkbare, was die Gefahr

vermehren kann. -- So singe doch nicht! Wie kannst du auf den Einfall

kommen?«

»Nun, was kann denn das schaden?«

»Mortimer, ich habe dir einmal, habe dir hundertmal gesagt, daß Singen

Schwingungen in der Atmosphäre verursacht, die den Zug des elektrischen

Stroms unterbrechen und -- um alles in der Welt, wozu machst du die

Thür auf?«

»Gerechter Himmel, Weib, ist auch dabei Gefahr?«

»Gefahr? Der Tod ist dabei. Jeder, der irgend darauf geachtet hat,

weiß, daß einen Luftzug verursachen geradezu den Blitz herbeiziehen

heißt. Du hast sie nur halb zugemacht, schließe sie fest und mach'

schnell, oder wir sind alle verloren. O, es ist etwas Fürchterliches,

bei einem solchen Wetter mit einem Wahnwitzigen eingeschlossen zu sein.

Mortimer, was thust du?«

»Nichts, ich drehe eben den Wasserhahn auf, dieses Zimmer ist zum

Ersticken dumpf, ich muß mir Gesicht und Hände netzen.«

»Du hast scheints den letzten Rest deines Verstandes verloren. Wo der

Blitz einen andern Gegenstand _ein_mal trifft, schlägt er fünfzigmal

ins Wasser. Drehe schnell zu. O, Lieber, ich sehe schon, daß nichts auf

dieser Welt uns retten kann, ich glaube, daß -- -- Mortimer, was war

das?«

»Es war ein verfl... es war ein Bild, hab's heruntergestoßen.«

»Dann stehst du also hart an der Wand? Eine unerhörte Unvorsichtigkeit.

Weißt du nicht, daß es keinen besseren Leiter für den Blitz giebt, als

eine Wand! Mach', daß du davon weg kommst. -- Und eben warst du auch

wieder nahe daran zu fluchen. O, wie kannst du so verzweifelt gottlos

sein, während deine Familie in solcher Gefahr schwebt? Mortimer, hast

du ein Federbett herthun lassen, wie ich dich gebeten habe?«

»Nein, hab's vergessen.«

»Vergessen? Es kann dich dein Leben kosten. Hättest du jetzt ein

Federbett, um es in die Mitte des Zimmers zu breiten und dich darauf zu

legen, so wärst du völlig in Sicherheit. Komm' hier herein -- schnell,

ehe du noch weitere tolle Streiche machen kannst.«

Ich versuchte es, aber die Kammer vermochte uns beide bei geschlossener

Thüre nicht zu fassen, wenn wir nicht ersticken wollten. Ich schnappte

eine Weile nach Luft, dann stürzte ich hinaus. Meine Frau rief:

»Mortimer, es muß etwas zu deiner Rettung geschehen, gieb mir das

deutsche Buch, das auf dem Kaminsims liegt, und ein Licht, -- aber

steck' es nicht an. In dem Buche finden sich einige Ratschläge.«

Ich holte das Buch auf Kosten einer Vase und anderer zerbrechlicher

Sachen. Meine Frau schloß sich mit ihrem Licht ein, worauf ich einen

Augenblick Ruhe hatte, dann rief sie heraus: »Mortimer, was war das?«

»Nur die Katze.«

»O, Jammer. Fang' sie und sperr' sie in den Waschschrank ein. Rasch,

lieber Schatz. Die Katzen sind voll Elektrizität, ich bekomme gewiß

noch weiße Haare bei den furchtbaren Gefahren dieser Nacht.«

Ich vernahm wieder das unterdrückte Schluchzen, sonst würde ich weder

Hand noch Fuß geregt haben zu einem solchen Beginnen in der Dunkelheit,

nämlich über Stühle und alle Arten von Hindernissen, die meist sehr

hart und scharfkantig waren, auf die Katze Jagd zu machen. Endlich war

es mir gelungen, Mieze in den Schrank zu schließen, freilich auf Kosten

von über 400 Dollars an zerbrochenen Möbeln und Schienbeinen. Dann

drang es dumpf aus dem Kämmerchen:

»In dem deutschen Buche steht, es sei bei einem Gewitter am sichersten,

sich mitten im Zimmer auf einen Stuhl zu stellen, -- die Stuhlbeine

müssen durch Nichtleiter isoliert werden, d. h. du mußt die Stuhlbeine

auf Sturzbecher von Glas stellen -- (Fzt, -- bum, bam, krach). O, höre

doch. Eile dich, Mortimer, ehe du getroffen wirst.«

Es gelang mir, die Gläser zu finden, es waren die letzten vier. Alle

andern hatte ich zusammengeschlagen. Ich isolierte die Stuhlbeine und

bat um weitere Verhaltungsmaßregeln.

»Mortimer, dann heißt es: ›Während eines Gewitters entferne man

Metalle, wie z. B. Uhren, Ringe, Schlüssel von sich und halte sich auch

nicht an solchen Stellen auf, wo viele Metalle beieinander liegen, oder

mit andern Körpern verbunden sind, wie an Herden, Oefen, Eisengittern

u. dgl.‹ Verstehst du das, Mortimer? Heißt das, daß man Metalle bei

sich behalten muß, oder fern von sich halten?«

»Ja, ich weiß auch nicht recht, es kommt mir etwas unklar vor, ich

kenne die Sprache nicht so genau. Wenn ich das Deutsch recht verstehe,

so scheint es mir zu besagen, daß man Metall an sich haben soll.«

»Ja, so muß es wohl sein, das sagt ja der gesunde Menschenverstand. Es

wirkt wie beim Blitzableiter, weißt du. Setz' deinen Feuerwehrhelm auf,

Mortimer, der ist fast ganz aus Metall.«

Ich holte ihn und setzte ihn auf, -- ein recht schweres, plumpes und

unbequemes Ding, in einer heißen Nacht in einem dumpfen Zimmer. War

mir doch schon mein Nachtgewand mehr Bekleidung, als ich eigentlich

bedurfte.

»Mortimer, ich glaube, dein Unterleib bedarf auch eines Schutzes,

willst du nicht so gut sein und deinen Bürgerwehrsäbel umschnallen?«

Ich willfahrte.

»Jetzt, Mortimer, mußt du noch etwas zum Schutz deiner Füße haben,

bitte, schnalle deine Sporen an.«

Ich that es, ohne ein Wort zu sagen, und hielt meine gute Laune

aufrecht, so gut ich konnte.

»Mortimer, es heißt in dem deutschen Buche weiter: ›Das Gewitterläuten

ist sehr gefährlich, weil die Glocke selbst, sowie der durch das Läuten

veranlaßte Luftzug und die Höhe des Turmes den Blitz anziehen könnten;‹

Mortimer, heißt das, daß es gefährlich sei, die Kirchenglocken während

eines Gewitters nicht zu läuten?«

»Ja, es sieht so aus. -- Wenn dies das Partizip der Vergangenheit im

Nominativ Singularis ist, -- und das scheint mir so --; ja, ich denke,

es heißt, daß in Anbetracht der Höhe des Kirchturms und in Ermangelung

von Luftzug es sehr gefährlich sein würde, während eines Gewitters die

Glocken nicht zu läuten, -- und außerdem, siehst du nicht, daß gerade

der Ausdruck -- --«

»Schon gut, Mortimer, verliere die kostbare Zeit nicht mit Reden, hole

die große Tischglocke, sie ist gerade dort auf dem Vorplatz. Geschwind,

lieber Mortimer, wir sind beinahe in Sicherheit; o mein Bester, ich

glaube, wir kommen diesmal noch davon.«

Unsere kleine Sommerwohnung steht oben auf einer Hügelreihe, die

über ein Thal hineinschaut. Mehrere Bauernhäuser sind in unserer

Nachbarschaft, das nächste 3--400 Yards entfernt.

[Illustration]

Als ich auf dem Isolierstuhle stehend, die schreckliche Glocke sieben

oder acht Minuten lang geläutet hatte, wurden unsere Läden plötzlich

von außen aufgerissen und eine Laterne fuhr blendend an das Fenster,

während eine Stimme also sprach: »Was in aller Welt ist hier los?«

Das Fenster war voll von menschlichen Köpfen und die Köpfe voll von

Augen, welche mein Nachtgewand, mit der kriegerischen Ausrüstung

darüber, wild anstierten. Ich ließ die Glocke sinken, sprang verwirrt

vom Stuhl herunter und sagte:

»Es ist nichts los, gute Freunde; nur eine kleine Störung wegen des

Gewitters; ich habe mich bemüht, den Blitz abzuhalten.«

»Gewitter? Blitz? Ei, Herr Mc Williams, haben Sie den Verstand

verloren? Es ist eine schöne sternenhelle Nacht, keine Spur von

Gewitter.«

Ich schaute hinaus und war so erstaunt, daß ich eine Zeit lang kein

Wort herausbrachte. Dann sagte ich:

»Ich begreife das nicht, wir sahen das Zucken der Blitze ganz deutlich

durch die Vorhänge und Läden und hörten den Donner.«

Die Leute legten sich nach einander auf den Boden und wälzten sich vor

Lachen, -- zwei lachten sich zu Tode.

Einer von den Ueberlebenden bemerkte: »Aber, daß Sie nicht daran

dachten, ihre Läden aufzumachen und einmal auf den hohen Hügel dort

hinauf zu sehen! Was Sie hörten, waren Kanonenschüsse, was Sie sahen,

war das Feuer derselben. Wissen Sie, der Telegraph hat gerade um

Mitternacht die Kunde gebracht, daß Cleveland ernannt ist, und darum

die ganze Geschichte.«

* * * * *

»Ja, Herr Twain, wie ich gleich zu Anfang sagte,« bemerkte Herr Mc

Williams zum Schluß, »die Vorschriften, um die Menschen vor Blitzschlag

zu bewahren, sind so vortrefflich und so zahllos, daß es mir

schlechterdings unbegreiflich ist, wie irgend jemand es fertig bringt

getroffen zu werden.«

Mit diesen Worten raffte er sein Bündel und seinen Schirm zusammen und

stieg aus, denn der Zug war an seinem Wohnort angekommen.

Ueber frühreife Kinder.

Alle kleinen Kinder scheinen heutzutage die lästige und naseweise

Angewohnheit zu haben, bei jeder Gelegenheit schlaue Aeußerungen

zu thun, besonders in Zeiten, da sie ganz stillschweigen sollten.

Nach den Witzworten dieser Art zu urteilen, welche im Durchschnitt

veröffentlicht werden, müssen die Kinder der jüngsten Generation

förmlich blödsinnig sein. Und ihre Eltern stehen ihnen an Dummheit

sicherlich nur wenig nach, denn durch sie werden meist jene kindischen

Albernheiten -- die Geistesblitze, wie sie uns aus den Zeitschriften

entgegenleuchten -- zur allgemeinen Kenntnis gebracht.

Man argwöhnt vielleicht, daß Neid oder Groll aus mir spricht, wenn ich

mich hierüber so sehr ereifere; ich muß auch wirklich gestehen, daß

mir ärgerlich ist zu hören, wieviele gescheite Kinder es heute auf

der Welt giebt, weil es mich daran erinnert, wie selten _ich_ etwas

Witziges gesagt habe, solange ich noch klein war. Zwei- oder dreimal

habe ich es versucht, aber es fand keinen Anklang. Meine Angehörigen

erwarteten nicht, geistreiche Bemerkungen von mir zu hören; überraschte

ich sie damit, so wurde ich entweder vorlaut gescholten oder ich

bekam Schläge. Mich überläuft eine Gänsehaut und das Blut erstarrt

mir in den Adern, wenn ich bedenke, was wohl aus mir geworden wäre,

hätte ich mich unterstanden, in Gegenwart meines Vaters einige von

den schlauen Aeußerungen zu thun, welche man in unserer Zeit von

vierjährigen Kindern erzählt. Mir einfach bei lebendigem Leibe die Haut

über die Ohren zu ziehen, wäre ihm, einem solchen Sünder gegenüber, als

verbrecherische Milde und Verletzung seiner Pflicht erschienen. Dem

strengen ernsten Mann war alles vorlaute Wesen ein Greuel; hätte er von

mir solche gescheite Dinge gehört, wie sie andere Kinder sagen, es wäre

mein Tod gewesen. Ja, er würde mich sicherlich umgebracht haben, falls

nämlich noch Zeit dazu gewesen wäre. Aber das ist zweifelhaft, denn ich

hätte natürlich aus Vorsicht zuerst eine Dosis Strychnin genommen und

dann meine witzige Aeußerung gethan.

Ueber _eine_ Bemerkung, die ich in meiner frühsten Kindheit machte --

es war nicht einmal ein Witzwort -- wäre es beinahe zu einem ernsten

Zerwürfnis zwischen meinem Vater und mir gekommen. Das trug sich

nämlich so zu: Eines Tages unterhielten sich meine Eltern mit Onkel,

Tante und mehreren Freunden darüber, welchen Namen man mir geben solle.

Ich lag da, beschäftigt verschiedene Gummiringe zu probieren, um die

besten auszuwählen, weil ich es satt hatte, mir die kommenden Zähnchen

an anderer Leute Fingern durchzubeißen, und nach einem Gegenstand

trachtete, mit dessen Hilfe ich dies Geschäft rasch zu Ende führen und

dann etwas Neues beginnen könne. Man weiß ja, was für eine Quälerei es

ist, sich die Zähne am Finger der Amme durchzubeißen, oder welche Mühe

man hat und wie man sich den Rücken fast zerbricht, wenn man die eigene

große Zehe dazu benützen will. Wer hat nicht dabei schon die Geduld

verloren und seine Zähne ins Pfefferland gewünscht, noch ehe ihre

ersten Spitzchen durchguckten? -- Mir ist's, als wäre das alles erst

gestern geschehen.

Doch, ich will nicht weiter abschweifen. Also -- ich lag da und wählte

mir meine Gummiringe; als dabei mein Blick zufällig die Uhr traf, fiel

mir ein, daß ich in einer Stunde und fünfundzwanzig Minuten gerade

zwei Wochen alt sein würde. Ach, wie wenig hatte ich noch gethan, um

die Wohlthaten zu verdienen, mit denen man mich so verschwenderisch

überhäufte!

Jetzt hörte ich, wie der Vater sagte: »Abraham ist ein guter Name; mein

Großvater hieß Abraham.«

»Jawohl,« erwiderte die Mutter, »mir ist Abraham für einen seiner

Zunamen ganz recht.«

Ich wollte auch meine Meinung abgeben: »Abraham gefällt dem

Unterzeichneten,« sagte ich.

Da runzelte der Vater die Stirn, aber meine Mutter machte ein ganz

vergnügtes Gesicht und die Tante rief: »Hört nur den lieben kleinen

Schelm!«

»Isaak ist ein guter Name,« fuhr mein Vater fort, »auch Jakob könnten

wir wählen.«

»Gewiß,« stimmte die Mutter bei, »bessere Namen giebt es gar nicht. Wir

wollen ihn auch Isaak und Jakob nennen.«

»Einverstanden,« sagte ich, »mit Isaak und Jakob bin ich zufrieden und

verbleibe ganz der Ihrige. Bitte, gebt mir doch einmal die Klapper her;

ich kann nicht den ganzen Tag an Gummiringen kauen.«

Keine Seele machte sich Notizen von meinen Aeußerungen zum Zweck der

Veröffentlichung. Das sah ich und that es selber, sonst wären sie

gänzlich verloren gegangen. Statt daß man mich liebevoll ermuntert

hätte, wie es bei andern Kindern geschieht, die sich geistig aufgeweckt

zeigen, strafte mich der Vater mit einem Zornesblick, die Mutter sah

ängstlich und bekümmert aus und auch die Tante schien zu meinen,

ich hätte mir zu viel herausgenommen. Voll Ingrimm biß ich meinen

Gummiring entzwei und zerschlug verstohlen die Klapper auf dem Kopf des

Kätzchens, doch sagte ich nichts.

»Der allerbeste Name ist Samuel,« begann mein Vater von neuem.

Da wußte ich, daß ein Sturm im Anzug sei, den nichts abwenden könne.

Ich legte meine Klapper hin, ließ des Onkels silberne Uhr über den Rand

der Wiege fallen, desgleichen die Kleiderbürste, das hölzerne Hündchen,

meine Zinnsoldaten, das Reibeisen und sonstige Gegenstände, mit welchen

ich für gewöhnlich meine Untersuchungen und Beobachtungen anstellte,

oder ein angenehmes Geräusch hervorbrachte -- gelegentlich zerschlug,

zerbrach und zertrümmerte ich sie auch, wenn es galt, mir eine gesunde

Bewegung zu machen. Dann zog ich mein Röckchen an, setzte mein Mützchen

auf, nahm die kleinen Schuhe in eine Hand, das Stück Lakritze in die

andere und kletterte auf den Fußboden hinunter.

»Mag daraus werden was will,« dachte ich bei mir, »ich bin bereit.«

Mit lauter, fester Stimme sagte ich nun: »Vater, das ist unmöglich --

den Namen Samuel kann ich nicht tragen.«

»Wie, mein Sohn?«

»Wirklich, Vater, ich kann es nicht.«

»Warum nicht?«

»Ich habe eine unbezwingliche Abneigung dagegen.«

»Das ist unverständig, mein Sohn. Viele große und gute Männer hießen

Samuel.«

»Davon ist mir kein Beispiel bekannt.«

»Was? War nicht Samuel, der Prophet, groß und gut?«

»Hm! Nicht so besonders.«

»Aber, mein Sohn! Der Herr rief ihn doch mit seiner eigenen Stimme.«

»Jawohl, aber er mußte ihn ein paarmal rufen, bis er endlich kam.«

Damit ergriff ich die Flucht, und der strenge alte Mann lief mir nach.

Um die Mittagsstunde des nächsten Tages holte er mich ein, und als

unsere Zusammenkunft vorüber war, hatte ich richtig den Namen Samuel

erhalten, dazu eine Tracht Schläge und manche nützliche Belehrung

obendrein. Nachdem mein Vater die Sache auf diese Weise ausgeglichen

hatte, war sein Zorn beschwichtigt. Gut, daß ich Vernunft annahm, sonst

hätte unsere Uneinigkeit leicht zu einem unheilbaren Bruch führen

können.

[Illustration]

Was würde mir aber mein Vater -- nach diesem Vorfall zu urteilen

-- wohl angethan haben, wenn jemals eine von den schwächlichen

Albernheiten aus meinem Munde gekommen wäre, welche als Aeußerungen

gescheiter zweijähriger Kinder jetzt im Druck erscheinen? -- Ich bin

überzeugt, daraus wäre ein Fall des Kindsmords in unserer Familie

entstanden.

Staatswirtschaft.

»Die Staatswirtschaft,« schrieb ich, »ist die Grundlage einer jeden

guten Regierung. Die weisesten Männer aller Jahrhunderte haben diesem

Gegenstand stets --«

Hier wurde ich durch die Meldung unterbrochen, daß ein Fremder unten

sei, der mich zu sprechen wünsche. Ich folgte dem Ruf, trat vor ihn hin

und fragte nach seinem Begehr. Dabei war ich aus allen Kräften bemüht,

die in mir gärenden staatswirtschaftlichen Gedanken festzuhalten und

ihnen weder die Zügel schießen zu lassen noch zu dulden, daß sie sich

im Geschirr verwickelten. Heimlich wünschte ich jedoch, der Fremde läge

auf dem Grunde des Meeres und auf ihm eine Ladung Getreide. Ich war

wie im Fieber; er blieb völlig kühl. Es thue ihm leid mich zu stören,

sagte er, aber er habe im Vorbeigehen bemerkt, daß ich auf meinem Haus

ein paar Blitzableiter brauchen könne. »Nun -- und --« sagte ich, »was

weiter, was wollen Sie?« Er entgegnete, er wolle nichts weiter, nur

würde er die Blitzableiter gern bei mir anbringen.

Es ist noch nicht lange, daß ich einen eigenen Haushalt führe, bisher

habe ich immer in Hotels und Kosthäusern gewohnt. Natürlich wollte

ich aber vor einem Fremden von meiner Unerfahrenheit nichts merken

lassen und als gewiegter Hausbesitzer auftreten: das wird jedermann

begreiflich finden. Ich sagte daher mit ernster Miene, es sei schon

längst meine Absicht gewesen, sechs oder acht Blitzableiter bei mir

anbringen zu lassen, allein -- der Fremde fuhr zusammen und sah mich

fragend an, aber ich verlor die Fassung nicht. Wenn ich Fehler machte,

sollte er mir meine Unkenntnis wenigstens nicht im Gesicht lesen.

Er sagte, es würde ihm lieber sein, mich zum Kunden zu haben, als

irgend einen andern in der ganzen Stadt. »Schon gut,« versetzte ich

und stand eben im Begriff mich wieder an die Verfolgung meines großen

Gegenstands zu begeben, als er mich zurückrief und erklärte, erst müsse

er genau wissen, wie viele Spitzen ich zu haben wünsche, an welchen

Teilen des Hauses er sie anbringen solle und welcher Art von Stangen

ich den Vorzug gäbe. Das war eine schöne Klemme für jemand, der erst

so kurze Zeit verantwortlicher Hausbesitzer ist; aber ich hielt mich

wacker, und er merkte mir höchst wahrscheinlich nicht einmal an, daß

ich ein Neuling sei. Er solle acht Spitzen anbringen, sagte ich,

sämtlich auf dem Dach, und Stangen von der besten Qualität nehmen.

Die gewöhnliche Ware, lautete seine Antwort, könne er für zwanzig

Cent liefern, gekupferte für fünfundzwanzig, mit Zink plattierte und

spiralförmig gebogene für dreißig Cent den Fuß. Letztere würden jedem

Blitzstrahl Halt gebieten, wohin er auch unterwegs sei, »seine Wirkung

unschädlich machen und seinen weiteren Fortgang apokryph.« Ich sagte

›apogryph‹ wäre kein schlechtes Wort, da es aus heiliger Quelle stamme,

aber, ohne der Philologie zu nahe zu treten, zöge ich die spiralförmig

gebogenen Blitzableiter vor und würde diese Sorte nehmen. Hierauf

erwiderte er, man _könne_ zwar im Notfall mit zweihundertfünfzig Fuß

auskommen; wenn die Arbeit aber ordentlich gemacht werden solle, so

daß sie als die beste in der Stadt gelten, Gerechte und Ungerechte

befriedigen werde und jedermann zwingen einzugestehen, er habe noch nie

eine symmetrischere und hypothetischere Aufstellung von Blitzableitern

gesehen, seit er das Licht der Welt erblickt -- dann würde er, um

diesen Zweck zu erreichen, sicherlich vierhundert Fuß verbrauchen

müssen. Doch wolle er nicht auf seinem Kopf bestehen und gewiß sein

Möglichstes thun. »So nehmen Sie denn vierhundert,« sagte ich, »und

machen Sie die Arbeit wie Sie wollen, nur halten Sie mich nicht länger

auf.« Nachdem ich ihn glücklich los geworden, brauchte ich eine halbe

Stunde, um meine staatswirtschaftlichen Gedanken wieder da anzuknüpfen,

wo ich sie gelassen hatte und sie weiter zu spinnen, wie folgt:

»nicht nur die reichsten Schätze ihres Geistes zugewandt,

sondern auch ihre Lebenserfahrung und ihre Kenntnisse. Die

großen Lichter der Handelsgesetzgebung, der Völkerverbrüderung

und der verschiedensten Lebensordnungen in allen Jahrhunderten,

allen Kulturen, allen Nationen, von ~Zoroaster~ bis auf ~Horace

Greeley~, sind bemüht gewesen --«

Hier wurde ich wieder unterbrochen und gebeten, hinunterzukommen,

weil der Blitzableitermann noch ein Anliegen habe. Ich eilte zu ihm,

während in mir die mächtigsten Gedanken wogten und wallten und sich in

so majestätische Worte kleideten, daß jedes derselben in einer langen

Prozession von Silben einherzog, die schwerlich in weniger als fünfzehn

Minuten vorüber sein konnte. Wieder befand ich mich in fieberhafter

Aufregung ihm gegenüber, während er sanft und ruhig blieb. Er hatte die

beschauliche Stellung des Kolosses von Rhodus angenommen; mit einem Fuß

stand er auf meiner neugepflanzten Tuberose, mit dem andern auf dem

Stiefmütterchenbeet, die Hände in die Hüften gestemmt, die Hutkrempe

ins Gesicht gezogen, ein Auge zugekniffen und das andere mit kritischem

und bewunderndem Blick auf meinen größten Schornstein gerichtet. Ein

solches Schauspiel zu betrachten, sagte er, sei die höchste Lebenslust.

»Gestehen Sie selbst,« wandte er sich zu mir, »haben Sie je etwas von

so entzückendem landschaftlichem Reiz gesehen, als acht Blitzableiter

auf einem einzigen Schornstein?« Ich erwiderte, ich könne mich nicht

gerade auf einen Anblick besinnen, der diesen überträfe, worauf er

bemerkte, daß es nach seiner Ansicht auf Erden nichts gäbe, was

sich an Naturschönheiten damit vergleichen ließe -- ausgenommen der

Niagarafall. Um mein Haus zu einer vollkommenen Augenweide zu machen,

brauche man nur noch die andern Schornsteine etwas auszuschmücken,

damit der ganze ~coup d'oeil~ sich zu einer Harmonie entwickele, die

geeignet sei, die Aufregung, in welche man durch den ersten ~coup

d'état~ versetzt werde, einigermaßen zu mildern.

[Illustration]

Skizzenbuch · 第 2 / 19 段