Sie mischte einen Trank aus Sirup, Scheidewasser, Terpentin

Anmerkungen zur Transkription

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter und

kursiver Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua

gesetzter Text ist ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so

dargestellt=.

Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des

Buches.

Mark Twains

ausgewählte

Humoristische Schriften

Illustriert von =H. Schrödter= u. =Albert Richter=

Dritter Band

Skizzenbuch

[Illustration]

Stuttgart

Verlag von Robert Lutz

1907

Skizzenbuch

Von

Mark Twain

Illustriert von =H. Schrödter=

Stuttgart

Verlag von Robert Lutz

1907

Alle Rechte vorbehalten.

Druck von A. Bonz' Erben in Stuttgart.

Inhalt.

Seite

Meine Uhr 7

Einiges über Barbiere 12

Wie ein Schnupfen kuriert wird 19

Kinderkrankheiten 25

Frau Mac Williams beim Gewitter 35

Ueber frühreife Kinder 45

Staatswirtschaft 50

Es ist gefährlich im Bette zu liegen 60

Brüder, knipst ein! 64

Ein geheimnisvoller Besuch 72

Redakteur und Berichterstatter:

Wie ich ein landwirtschaftliches Blatt herausgab 79

Herrn Blokes ›Eingesandt‹ 88

Zeitungswesen in Tennessee 92

Ein Berichterstatterstück 102

Allgemeine Antwort an Schriftsteller oder solche,

die es werden wollen 106

Antworten auf Zuschriften 112

Kandidatenfreuden 121

Der große Rindfleischkontrakt 130

Der gestohlene weiße Elefant 141

Die Geschichte des Hausierers 170

Eine wahre Geschichte 179

Die Liebe des jungen Alonzo Fitz Clarence und

der schönen Rosannah Ethelton 187

Die kapitolinische Venus 216

Mehr Glück als Verstand 226

Wie der Verfasser in Newark angeführt wurde 234

Schonend beigebracht 237

Trinksprüche:

Auf die Weiber 239

Auf die Säuglinge 242

Der selige Benjamin Franklin 247

Wohlthun trägt Zinsen:

Der wohlwollende Schriftsteller 252

Der dankbare Gatte 254

Ueber Tagebücher 258

Ueber das Briefschreiben 261

Gedankentelegraphie 265

Prinzenverehrung 280

Die 1000000 Pfund-Note 285

Meine Uhr.

Meine schöne neue Uhr ging nun schon anderthalb Jahre weder vor noch

nach, sie war kein einziges Mal stehen geblieben und an dem Werk war

nichts zerbrochen. Nunmehr galt mir ihr Urteil über die Tageszeit

für völlig untrüglich, ihre Lebenskraft und ihr Knochenbau für

unzerstörbar. Aber endlich ließ ich sie eines Abends doch ablaufen.

Ich trauerte darüber, als sei dies Versehen ein Vorbote von kommendem

Unheil und Mißgeschick. Erst allmählich wurde meine Stimmung wieder

heiterer, ich zog die Uhr auf, stellte sie nach Gutdünken und schlug

mir alle abergläubischen Gedanken und trüben Ahnungen aus dem Sinn.

Am nächsten Morgen trat ich in den Laden des ersten Uhrmachers der

Stadt, um meine Uhr genau nach richtiger Zeit zu stellen. Der Herr nahm

sie mir aus der Hand, um dies Geschäft für mich zu besorgen.

»Sie geht vier Minuten nach,« sagte er dabei, »der Regulator muß

vorgerückt werden.«

Ich versuchte ihn daran zu hindern, versuchte ihm begreiflich zu

machen, daß der Gang der Uhr unübertrefflich sei. Vergebens -- der

Kohlkopf in Menschengestalt sah nur das _eine_: die Uhr ging vier

Minuten nach und der Regulator _mußte_ vorgestellt werden. Ich bat und

flehte, er solle es nicht thun, ich sprang in meiner Seelenpein um ihn

herum, aber alles umsonst. Mit kaltblütiger Grausamkeit vollbrachte er

die schändliche That.

[Illustration]

Von da an begann meine Uhr zu laufen -- schneller und schneller, Tag

für Tag. Innerhalb einer Woche geriet sie in ein wahres Fieber, ihr

Puls stieg bis auf hundertundfünfzig Grad im Schatten. Noch ehe zwei

Monate zu Ende waren, hatte sie alle Uhren der Stadt weit hinter sich

gelassen und war vierzehntehalb Tage vor dem Kalender voraus. Noch hing

das bunte Oktoberlaub an den Bäumen und sie tummelte sich schon mitten

im Novemberschnee. Die Zahltage für die Hausmiete, für alle fälligen

Rechnungen und sonstigen Schulden kamen in so wahnsinniger Hast näher,

daß ich mir schier kaum mehr zu helfen wußte. So brachte ich sie denn

zum Uhrmacher, um sie regulieren zu lassen. Dieser fragte mich, ob

sie schon jemals repariert worden sei. Als ich das mit dem Bemerken

verneinte, es sei noch nicht nötig gewesen, glitt ein boshaftes Lächeln

über seine Züge. Gierig öffnete er die Uhr, guckte hinein, klemmte

sich ein Ding ins Auge, das aussah wie ein kleiner Würfelbecher, und

betrachtete das Räderwerk genau.

»Sie muß gereinigt und geölt werden,« sagte er, »und außerdem

reguliert; -- fragen Sie in einer Woche wieder nach.«

Gereinigt, geölt und reguliert war meine Uhr; aber nun ging sie

schrecklich langsam, ihr Ticken klang wie Grabgeläute. Ich versäumte

alle Eisenbahnzüge, hielt keine meiner Verabredungen ein und kam wegen

Verspätung um mein Mittagessen. Allmählich machte meine Uhr aus drei

Tagen vier; zuerst wurde es bei mir gestern, dann vorgestern, dann

letzte Woche; ich geriet immer weiter ins Hintertreffen und konnte mich

nicht mehr in die jetzige Welt finden.

Wieder begab ich mich zum Uhrmacher. Er nahm in meinem Beisein die Uhr

ganz auseinander und sagte, der Cylinder sei ›gequollen‹, in drei Tagen

könne er ihn aber wieder auf das richtige Maß bringen.

Hierauf ging die Uhr im Durchschnitt gut, aber auch nur im

Durchschnitt. Den halben Tag lang raste sie wie im Donnerwetter unter

fortwährendem Schnarren, Quieken, Schnauben und Schnaufen, so daß ich

vor dem Lärm meine eigenen Gedanken nicht hören konnte. Keine Uhr im

ganzen Lande hätte vermocht sie einzuholen in ihrem tollen Lauf. Den

Rest des Tages blieb sie allmählich immer mehr zurück und trödelte

derart, daß sie ihren ganzen Vorsprung einbüßte und sämtliche Uhren

ihr wieder nachkamen. _Einmal_ in vierundzwanzig Stunden war sie aber

ganz auf dem richtigen Fleck und gab die Zeit genau an. Dies hielt

sie pünktlich ein und niemand hätte daher behaupten können, sie thue

weniger als ihre Pflicht und Schuldigkeit, oder mehr.

An die Tugend einer Uhr stellt man jedoch höhere Ansprüche, als daß

sie nur im Großen und Ganzen richtig geht. Ich trug sie daher abermals

zum Uhrmacher. Er sagte, der Hauptzapfen wäre zerbrochen, und ich

sprach ihm meine Freude darüber aus, daß der Schaden nicht größer sei.

Offen gestanden hatte ich noch nie etwas von einem Hauptzapfen gehört,

aber ich wollte mich doch einem Fremden gegenüber nicht unwissend

zeigen. Der Zapfen ward ausgebessert, aber das half nur wenig. Die Uhr

ging jetzt eine Weile und dann blieb sie wieder eine Weile stehen,

ganz nach ihrem Belieben. Jedesmal, wenn sie losging, that sie einen

Rückschlag wie eine Muskete. Ein paar Tage lang wattierte ich mir die

Brusttasche aus, schließlich trug ich die Uhr aber zu einem andern

Uhrmacher. Der zerpflückte sie in lauter einzelne Stücke, drehte die

Trümmer vor seinem Vergrößerungsglas hin und her und meinte, es müsse

an der Hemmung etwas nicht in Ordnung sein. Das besserte er aus und

setzte die Uhr wieder zusammen. Nun ging sie gut -- nur alle zehn

Minuten schlossen sich die Zeiger wie eine Schere und machten die Runde

gemeinsam weiter.

Der Weiseste unter den Menschenkindern würde von solcher Uhr nicht

herauskriegen können, was die Glocke geschlagen hat. Ich ging also

wieder hin, um dem Uebelstand abhelfen zu lassen. Jetzt meinte der

Mensch, der Kristall sei verbogen und die Spiralfeder krumm, auch

müsse ein Teil des Werkes neu gefüttert werden. Alle diese Schäden

beseitigte er und meine Uhr ließ nun nichts zu wünschen übrig, nur dann

und wann, nachdem sie etwa acht Stunden regelmäßig gegangen war, geriet

bei ihr inwendig alles in Bewegung, so daß sie zu summen begann wie

eine Biene und die Zeiger sich stracks so flink im Kreise drehten, daß

man sie nicht mehr unterscheiden konnte, sie sahen aus wie ein zartes

Spinngewebe auf dem Zifferblatt. In sechs oder sieben Minuten hatte sie

die ganzen nächsten vierundzwanzig Stunden durchwirbelt, dann gab es

einen Krach und sie stand still. Mit schwerem Herzen ging ich wieder zu

einem andern Uhrmacher und sah wie er das Werk auseinander nahm. Dabei

rüstete ich mich, ein Kreuzverhör mit ihm anzustellen, denn das Ding

ging mir jetzt über den Spaß. Ursprünglich hatte die Uhr zweihundert

Dollars gekostet und ich mußte jetzt für Reparaturen zweitausend bis

dreitausend ausgegeben haben. Während ich so dastand und dem Manne

zusah, kam er mir plötzlich bekannt vor. Nein, ich irrte mich nicht

-- der Uhrmacher war ein früherer Dampfbootmaschinist und zwar nicht

einmal ein guter. Er betrachtete alle Teile sorgfältig, gerade wie

die andern Uhrmacher auch, und fällte dann seinen Urteilsspruch mit

derselben Zuversicht.

Er sagte: »Sie macht zu viel Dampf -- wir müssen den stellbaren

Schraubenschlüssel an das Sicherheitsventil hängen!«

Ich schlug ihm auf der Stelle den Schädel ein und ließ ihn auf meine

Kosten beerdigen.

Mein Onkel William -- Gott hab' ihn selig! -- pflegte zu sagen, ein

gutes Pferd sei ein gutes Pferd, bis es einmal durchgegangen wäre,

und eine gute Uhr eine gute Uhr, bis sie den Reparierern in die Hände

fiele. Er zerbrach sich oftmals den Kopf, was denn eigentlich aus allen

verdorbenen Kesselflickern, Büchsenmachern, Schustern, Grobschmieden

und Maschinisten in der Welt schließlich würde -- aber niemand konnte

ihm je Auskunft geben. --

Einiges über Barbiere.

Alle Dinge sind dem Wechsel unterworfen, ausgenommen die Barbiere, die

Gewohnheiten der Barbiere und die Umgebung der Barbiere. Diese ändern

sich nie. Was man erlebt und erfährt, wenn man zum erstenmal eine

Barbierstube betritt, das erlebt und erfährt man später in allen andern

Barbierstuben, bis an das Ende seiner Tage.

* * * * *

Heute morgen ließ ich mich wie gewöhnlich barbieren. Ein Mann kam von

der Jonesstraße auf die Thür zu, als ich auf der Hauptstraße herankam

-- so trifft sich das stets. Ich beschleunigte meine Schritte, aber

umsonst; er war mir um eine Sekunde voraus, ich folgte ihm auf den

Fersen und sah, wie er den einzigen unbesetzten Stuhl einnahm, wo der

erste Barbier sein Amt versah. Das trifft sich immer so. Ich setzte

mich in der stillen Hoffnung nieder, Erbe des Stuhles zu werden,

welcher dem besseren von den zwei übrigen Barbiergehilfen gehörte,

denn dieser hatte schon angefangen seinem Kunden das Haar zu kämmen,

während sein Kamerad noch damit beschäftigt war, dem seinigen die

Locken einzuölen und einzureiben. In großer Spannung beobachtete ich,

was für Aussichten sich mir boten. Als ich sah, daß Nr. 2 drohte

Nr. 1 einzuholen, verwandelte sich meine Spannung in Besorgnis. Als

Nr. 1 einen Augenblick innehielt, um einem neuen Ankömmling, der

ein Badebillet verlangte, Geld herauszugeben und dabei im Wettlauf

zurückblieb, wurde meine Besorgnis zur Angst. Als Nr. 1 das Versäumte

wieder nachholte und gleichzeitig mit seinem Kameraden dem Kunden das

Handtuch abnahm und das Pulver aus dem Gesicht wischte, so daß sich

unmöglich voraussehen ließ, welcher von beiden zuerst ›Der nächste!‹

rufen würde, stockte mir der Atem vor banger Erwartung. Als ich nun

aber sah, wie sich Nr. 1 im entscheidenden Moment noch damit aufhielt,

seinem Kunden ein paarmal mit dem Kamm durch die Augenbrauen zu fahren,

da wußte ich, daß er den Wettlauf um dieses einzigen Augenblicks willen

verloren habe. Entrüstet stand ich auf und verließ den Laden, um nicht

Nr. 2 in die Hände zu fallen; denn jene beneidenswerte Festigkeit

besitze ich nicht, die den Menschen in den Stand setzt, einem

dienstbereiten Barbiergehilfen ruhig ins Angesicht zu sehen und ihm zu

sagen, man wolle auf den Stuhl seines Kollegen warten.

Etwa fünfzehn Minuten blieb ich draußen und kam dann wieder zurück,

in der Hoffnung, es werde mir besser glücken. Natürlich waren jetzt

alle Stühle besetzt und vier Männer warteten schweigend, ungesellig,

zerstreut und mit gelangweilten Mienen, wie das immer der Fall ist,

wenn Leute in einer Barbierstube darauf passen, daß die Reihe an sie

kommt.

Ich ließ mich auf einem steinharten alten Sofa nieder und vertrieb mir

eine Weile die Zeit damit, die eingerahmten Anzeigen verschiedener

Quacksalber zu lesen, die ihre Haarfärbemittel anpriesen. Dann las ich

die fettigen Namen auf den Branntweinflaschen, welche einzelnen Kunden

angehörten, und las auch die Namen und Zahlen auf den Barbierbecken,

die als Privateigentum in den offenen Fächern des Schrankes standen,

studierte die beschmutzten und schadhaften wohlfeilen Bilder an

den Wänden, welche Schlachten darstellten, ehemalige Präsidenten,

wollüstig zurückgelehnte Sultaninnen und das langweilige, ewig

wiederkehrende Mädchen, das des Großvaters Brille aufsetzt. Auch

verfluchte ich in meinem Herzen den lustigen Kanarienvogel und den

unausstehlichen Papagei, die selten in einer Barbierstube fehlen.

Zuletzt suchte ich mir aus den vorjährigen illustrierten Zeitungen,

welche auf dem schmutzigen Mitteltisch herumlagen, die am wenigsten

zerlesene heraus und starrte die unerhört falschen Abbildungen alter,

vergessener Ereignisse an, die sie enthielt.

Endlich kam ich an die Reihe. Eine Stimme rief: »Der nächste!« und

ich geriet natürlich in die Hände von -- Nr. 2. So geht es immer. Ich

äußerte schüchtern, daß ich Eile habe, was ihm einen gerade so tiefen

Eindruck machte, als hätte er es nicht gehört. Er schob mir nun den

Kopf in die Höhe und legte mir eine Serviette unters Kinn. Er fuhr mir

mit den Fingern in den Halskragen und stopfte ein Handtuch hinein. Er

grub seine Klauen in mein Haar und sagte, es müsse beschnitten werden.

Ich erwiderte, ich wolle es nicht schneiden lassen. Nun wühlte er

wieder darin und meinte, es sei für die jetzige Mode ziemlich lang,

besonders hinten; es müsse durchaus unter die Schere. Ich sagte, es

wäre erst vor einer Woche geschnitten worden. Darauf sann er einen

Augenblick gedankenvoll nach und fragte dann mit verächtlicher Miene,

wer es besorgt habe. »Sie!« antwortete ich schnell. Da war er in der

Falle.

Nun fing er an den Seifenschaum zu rühren und sich dabei im Spiegel zu

besehen; von Zeit zu Zeit hielt er inne und trat näher herzu, um sein

Kinn in Augenschein zu nehmen und einen kleinen Pickel zu besichtigen.

Dann seifte er mir eine Seite des Gesichts gründlich ein und wollte

eben die andere in Angriff nehmen, als zwei sich beißende Hunde seine

Aufmerksamkeit fesselten. Er lief ans Fenster, blieb da stehen bis

der Kampf vorbei war und verlor beim Wetten über den Ausgang zwei

Schillinge an die andern Barbiergehilfen, was mir große Befriedigung

gewährte. Nun strich er mir die Seife vollends mit dem Pinsel auf und

begann sie mit der Hand einzureiben.

[Illustration]

Dann schärfte er sein Rasiermesser auf einem alten Hosenträger, wobei

ihn ein lebhaftes Gespräch über den öffentlichen Maskenball sehr

aufhielt, bei dem er am Abend zuvor in rotem Kattun und falschem

Hermelin eine Art König dargestellt hatte. Daß seine Kameraden ihn mit

einem Dämchen aufzogen, welches er durch seine Reize erobert haben

sollte, schmeichelte ihm sehr und er trachtete die Unterhaltung auf

jede Weise fortzusetzen, indem er sich stellte, als ärgere ihn die

Neckerei. Dies trieb ihn auch zu einer abermaligen genauen Betrachtung

seiner Person im Spiegel; er legte das Rasiermesser hin, bürstete sich

das Haar mit großer Umständlichkeit, klebte sich eine kühne Locke vorn

im Bogen auf die Stirn, machte sich hinten einen wundervollen Scheitel

und strich sich beide Seitenflügel mit genauester Sorgfalt über die

Ohren. Inzwischen trocknete mir der Seifenschaum im Gesicht und zehrte

mir förmlich am Leben.

Nunmehr begann er mich zu rasieren. Er drückte mir mit den Fingern im

Gesicht herum, um die Haut auszudehnen, und warf meinen Kopf hin und

her, wie es ihm beim Barbieren bequem war. Solange er nur die weniger

empfindlichen Stellen berührte, litt ich keine Schmerzen, als er aber

an meinem Kinn herum zu kratzen, zu scharren und zu schaben anfing, kam

mir das Wasser in die Augen. Nun brauchte er meine Nase als Anfasser,

um die Winkel meiner Oberlippe besser rasieren zu können. Bei diesem

Anlaß machte ich die Entdeckung, daß es zu seinen Obliegenheiten im

Laden gehörte, die Petroleumlampen zu reinigen. Ich hatte mich oft

schon aus Langeweile gefragt, ob das wohl der Geschäftsinhaber selber

besorge, oder die Barbiergehilfen.

Indessen vergnügte ich mich damit, mir auszudenken, wo er mich heute

wohl schneiden werde; ich hatte es jedoch hierüber noch zu keiner

Entscheidung gebracht, als er mir zuvorkam und mir das Kinn aufritzte.

Sogleich begann er sein Messer zu schärfen -- das hätte er vorher thun

sollen. Ich mag nicht zu dicht an der Haut rasiert sein, daher wollte

ich ihn nicht zum zweitenmal an mich kommen lassen und versuchte ihn

zu überreden, das Rasiermesser fortzulegen, aus Angst, er möchte an

die Seite meines Kinns geraten, wo meine allerempfindlichste Stelle

ist, die kein Messer zum zweitenmal berühren darf ohne Schaden

anzurichten. Er sagte, er müsse nur noch einige Rauhheiten glätten,

aber ehe ich mich's versah, fuhr er schon über den verbotenen Grund

und Boden hin und das gefürchtete Brennen und Prickeln meiner Haut

begann sich, wie gerufen, bemerklich zu machen. Nun tauchte er das

Handtuch in Lorbeerbranntwein und klatschte mir damit ins Gesicht,

bald hier bald da -- ein widerliches Gefühl! Hat sich wohl je ein

menschliches Wesen auf solche Weise gewaschen? Dann nahm er das

trockene Ende des Handtuchs und schlug mir auch dieses ins Gesicht,

als ob ein Menschenkind sich jemals so abtrocknete! Aber ein Barbier

reibt einen nur selten ordentlich ab wie ein Christenmensch. Dann goß

er mir Branntwein auf die wunde Stelle, verklebte sie mit Stärkemehl,

feuchtete sie wieder mit Branntwein an und würde gewiß in alle Ewigkeit

mit Kleben und Anfeuchten fortgefahren haben, wenn ich mich nicht

dagegen aufgelehnt und ihn ersucht hätte, es bleiben zu lassen.

Er puderte mir nun das ganze Gesicht ein, richtete mich in die Höhe,

wühlte nachdenklich mit den Händen in meinem Haar und schlug vor,

mir die Kopfhaut gründlich zu waschen, das sei ganz notwendig, ganz

notwendig! Ich entgegnete, daß ich mir erst gestern im Bade das Haar

tüchtig gereinigt hätte. Da war er wieder in der Falle.

Hierauf empfahl er mir ›Smiths Haarverschönerungstinktur‹ und bot mir

eine Flasche zum Kauf an. Das schlug ich aus. Nun pries er mir ›Jones'

Wonne des Toilettentisches‹ und wollte mir von diesem neuen Wohlgeruch

ein Gläschen verkaufen. Aber ich ging nicht darauf ein. Er drang

endlich in mich, ein gräßliches Mundwasser seiner eigenen Erfindung

mitzunehmen.

Nachdem auch dieser letzte Versuch fehlgeschlagen war, ging er wieder

an sein Geschäft, bestreute mich über und über mit Puder, mit Einschluß

der Beine, fettete mir die Haare ein, obgleich ich Einsprache dagegen

erhob, zog und riß mir dabei eine Menge mit der Wurzel aus, kämmte

und bürstete dann den Rest, teilte mir hinten einen Scheitel ab und

klebte mir die unvermeidliche, bogenförmige Haarlocke auf die Stirn.

Während er mir dann meine dünnen Augenbrauen auskämmte und mit Pomade

beschmierte, erging er sich über die Leistungen eines ihm gehörigen

schwarz und braun gefleckten Dachshundes bis ich das Pfeifen des

Mittagszuges hörte und wußte, daß ich zu demselben fünf Minuten zu

spät kommen würde. Nun nahm er mir das Handtuch ab, wischte mir damit

noch einmal über das Gesicht, fuhr mir wieder mit dem Kamm durch die

Augenbrauen und rief munter: »Der nächste!«

Wie ein Schnupfen kuriert wird.

Es ist zwar etwas Gutes für die Unterhaltung des Publikums zu

schreiben, aber etwas noch weit Höheres und Edleres ist es, wenn man

zur Belehrung, zum Nutzen, zum wahren Wohl seiner Mitmenschen schreibt

-- und das ist der einzige Zweck der folgenden Abhandlung. Wenn es mir

gelänge, dadurch auch nur _einem_ Leidenden wieder zur Gesundheit zu

verhelfen, das Feuer der Hoffnung und Freude in seinem matten Blick

aufs neue zu entzünden und seinem erstorbenen Herzen den raschen,

fröhlichen Pulsschlag vergangener Tage zurückzugeben, so wäre mir alle

Mühe reichlich vergolten und jene heilige Wonne würde meine Seele

durchströmen, welche der Christ fühlt, wenn er eine gute, selbstlose

That vollbracht hat.

Da ich stets ein untadeliges Leben geführt habe, bin ich berechtigt

zu glauben, daß niemand, der mich kennt, aus Furcht, ich hätte die

Absicht ihn zu täuschen, meine Ratschläge zurückweisen wird. Möge das

Publikum sich die Ehre anthun, meine hier niedergelegten Erfahrungen

bei Behandlung eines Schnupfens zu lesen -- und dann meinem Beispiel

folgen.

Als das weiße Haus in Virginia-City abbrannte, verlor ich meine

Häuslichkeit, meine Behaglichkeit, meine Gesundheit und meinen

Koffer. Der Verlust der beiden erstgenannten Artikel war leicht zu

verschmerzen; denn eine Häuslichkeit ohne eine Mutter, eine Schwester

oder eine entfernte junge Verwandte, welche uns die schmutzige Wäsche

wegräumt, unsere Stiefel vom Kaminsims herunternimmt und uns so daran

erinnert, daß jemand an uns denkt und für uns sorgt, ist nicht schwer

zu finden. Und was meine Behaglichkeit betrifft, so war ich kein

Dichter und brauchte der Schwermut über ihren Verlust nicht lange

nachzuhängen. Aber eine gute Gesundheit zu verlieren und einen noch

besseren Koffer, das waren ernstliche Unglücksfälle. Am Tage der

Feuersbrunst zog ich mir nämlich infolge der übergroßen Anstrengung,

mit welcher ich mich anschickte etwas zu thun, eine starke Erkältung zu.

Als ich das erstemal zu niesen begann, riet mir ein Freund ein warmes

Fußbad zu nehmen und dann zu Bette zu gehen. Das that ich. Gleich

darauf meinte ein zweiter, ich solle aufstehen und ein kaltes Sturzbad

nehmen. Eine Stunde später versicherte mir ein dritter, man müsse einen

›Schnupfen füttern und ein Fieber aushungern.‹ Ich litt an beiden und

hielt es daher für das beste, mich des Schnupfens wegen voll und satt

zu essen, dann Hausarrest zu nehmen und das Fieber eine Weile hungern

zu lassen.

Bei halben Maßregeln lasse ich es in solchem Falle nie bewenden. Ich

aß also nach Herzenslust und wendete meine Kundschaft einem Fremden

zu, der an jenem Morgen gerade sein Speisehaus eröffnet hatte. Er

stand in ehrerbietigem Schweigen dabei, bis ich meinen Schnupfen genug

gefüttert hatte und fragte dann, ob die Leute in Virginia-City häufig

vom Schnupfen befallen würden. Als ich erwiderte das könne wohl möglich

sein, ging er hinaus und nahm sein Wirtshausschild ab.

Ich begab mich nun nach dem Bureau und begegnete unterwegs abermals

einem vertrauten Freunde, der mir sagte, daß es auf der Welt nichts

Wirksameres gäbe, um sich vom Schnupfen zu kurieren, als wenn man ein

Quart warmes Salzwasser tränke. Ich zweifelte stark, daß ich noch

Platz dafür haben könne, aber versuchen wollte ich es jedenfalls. Der

Erfolg war überraschend. Mir war als hätte ich meine unsterbliche Seele

von mir gegeben.

Da ich meine Erfahrungen nur zum Nutzen derjenigen niederschreibe,

welche von demselben Uebel befallen sind wie ich, halte ich es für

angemessen, sie vor den Mitteln zu warnen, die sich bei mir als

unwirksam erwiesen haben. Aus vollster Ueberzeugung muß ich ihnen

daher raten, sich vor warmem Salzwasser zu hüten. Wenn ich wieder den

Schnupfen hätte und mir nur die Wahl bliebe, meine Zuflucht zu einem

Erdbeben oder einem Quart Salzwasser zu nehmen, so würde ich mein Heil

mit dem Erdbeben versuchen.

[Illustration]

Nachdem der Sturm, der in meinem Innern wütete, sich etwas gelegt hatte

und da zufällig kein guter Samariter mehr bei der Hand war, borgte

ich mir wieder Taschentücher und zerschneuzte sie zu Atomen, wie ich

es in den ersten Stadien meines Schnupfens gethan hatte. Dies trieb

ich solange, bis ich einer Dame begegnete, die eben von jenseits der

Prairie herkam. Sie hatte in einer Gegend gelebt, wo Mangel an Aerzten

war, und sagte, die Not habe sie gelehrt, einfache Alltagskrankheiten

mit vielem Geschick zu behandeln. Ich war überzeugt, daß sie eine

lange Erfahrung hinter sich haben müsse, denn sie sah aus, als sei sie

hundertfünfzig Jahre alt.

Sie mischte einen Trank aus Sirup, Scheidewasser, Terpentin

und allerlei Kräutern zusammen und gab mir die Anweisung, alle

Viertelstunden ein Weinglas voll davon zu nehmen. Ich ließ es

jedoch bei der ersten Dosis bewenden; sie reichte hin, um mich aller

moralischen Grundsätze zu berauben und die unwürdigsten Triebe in mir

wach zu rufen. Unter ihrem bösartigen Einfluß wälzte ich in meinem Hirn

die ungeheuerlichsten und niederträchtigsten Pläne und Entwürfe, aber

meine Hand war damals zu schwach, sie auszuführen. Hätten nicht die

unfehlbaren Heilmittel für den Schnupfen durch wiederholte Angriffe

meine Kräfte völlig erschöpft, ich wäre wahrlich imstande gewesen auf

Leichenraub auszugehen.

Wie die meisten andern Leute habe ich zuweilen gemeine Regungen und

handle darnach; aber bis zu einem solchen Grade von unmenschlicher

Ruchlosigkeit hatte ich es noch nie gebracht, bevor ich jene Arzenei

einnahm, und obendrein war ich noch stolz darauf. Nach Verlauf von zwei

Tagen war ich wieder soweit, aufs neue an mir herumdoktern zu können.

Ich wandte noch mehrere untrügliche Mittel an und trieb mir schließlich

die Erkältung aus dem Kopf in die Lunge.

Nun bekam ich fortwährend Hustenanfälle und meine Stimme sank unter

den Nullpunkt. Ich sprach mit den Leuten in einem grollenden Baß, zwei

Oktaven unter meinem gewöhnlichen Tonfall. Eine regelmäßige Nachtruhe

konnte ich nur dadurch erlangen, daß ich mich in einen Zustand

gänzlicher Erschöpfung hineinhustete; sobald ich aber im Schlaf zu

sprechen anfing, weckte mich der Mißlaut meiner Stimme wieder auf.

Mein Fall verschlimmerte sich von Tag zu Tag. Man empfahl mir

Wacholderschnaps. Den trank ich. Dann Schnaps mit Sirup. Ich trank auch

den. Ferner Schnaps mit Zwiebeln. Die that ich dazu und schluckte alle

drei zusammen, jedoch ohne besonderes Ergebnis.

Ich sah mich jetzt genötigt meiner Gesundheit durch Luftveränderung

wieder aufzuhelfen und reiste mit meinem Kollegen, dem Zeitungsreporter

Wilson, nach dem Bigler-See. Nicht ohne eine gewisse Befriedigung

denke ich daran, daß wir auf ganz vornehme Weise reisten, wir benutzten

nämlich die Pionierpost und mein Freund nahm sein ganzes Gepäck mit,

welches aus zwei prachtvollen seidenen Halstüchern und dem Daguerrebild

seiner Großmutter bestand. Dort machten wir den Tag über Segelfahrten,

gingen auf die Jagd, auf den Fischfang und zum Tanz und die Nacht

hindurch kurierte ich meine Erkältung. Durch diese Einrichtung gelang

es mir, jede von den vierundzwanzig Stunden nutzbringend zu verwenden.

Aber mein Uebel wurde nur immer schlimmer.

Man riet mir nun zu einer nassen Wickelung. Bisher hatte ich kein

einziges Heilmittel zurückgewiesen und es schien Thorheit, jetzt

noch damit anzufangen. So beschloß ich denn die Wickelung zu

versuchen, obwohl ich keine Ahnung hatte, was das eigentlich für

eine Veranstaltung sei. Sie wurde um Mitternacht vorgenommen und das

Wasser war brennend kalt. Ein Leintuch, das mindestens tausend Meter

lang zu sein schien, wurde in Eiswasser getaucht und mir um Brust und

Rücken gewickelt, bis ich aussah wie der Wischer für eine der neuen

Riesenkanonen.

Es ist ein grausames Verfahren. Wenn der kalte Lappen das warme Fleisch

berührt, fährt man vor Schrecken zusammen und schnappt nach Atem wie

ein Mensch in der Todesnot. Mir erfror das Mark in den Knochen und mein

Herzschlag schien stillzustehen. Ich glaubte mein letztes Stündlein sei

gekommen.

Ich warne hiermit jedermann vor kalten Wickelungen. Es giebt nichts

Unbehaglicheres in der Welt -- außer vielleicht, einer Dame unserer

Bekanntschaft zu begegnen, die aus Gründen, die sie selbst am besten

weiß, über uns hinweg sieht, oder, wenn sie uns wirklich ansieht, uns

nicht kennt.

Aber, was ich noch sagen wollte, -- als mein Schnupfen nach der

Wickelung nicht kuriert war, empfahl mir eine befreundete Dame ein

Senfpflaster auf die Brust zu legen. Das hätte mich, glaube ich,

auch wirklich geheilt, wäre der junge Wilson nicht gewesen. Beim

Zubettegehen legte ich mir das Senfpflaster, das ganz großartig war --

es maß achtzehn Zoll im Viereck -- bequem zur Hand, wo ich es erreichen

konnte. Aber Wilson bekam in der Nacht Hunger und -- den Rest kann sich

der Leser selber denken.

Nach einem achttägigen Aufenthalt am Bigler-See ging ich nach

Steamboat-Springs, wo ich Dampfbäder nahm und noch eine Masse der

erbärmlichsten Arzneien zu schlucken bekam, die je zusammengebraut

worden sind. Sie würden mich ganz hergestellt haben, aber ich

mußte nach Virginia-City zurückkehren, wo ich es trotz der

verschiedenartigsten Heilmittel, die ich jeden Tag verschlang, möglich

machte, meine Krankheit durch Vernachlässigung und Ausgehen bei kalter

Witterung sehr zu verschlimmern.

Endlich beschloß ich nach San Francisco zu reisen. Am ersten Tag nach

meiner Ankunft daselbst sagte mir eine Dame im Gasthaus, ich solle alle

vierundzwanzig Stunden ein Quart Whisky trinken und ein Freund, der in

der Stadt wohnte, gab mir denselben Rat. Das machte also zusammen zwei

Quart oder eine halbe Gallone. Soviel trank ich und bin noch am Leben.

* * * * *

In obigem habe ich mit der allerbesten Absicht von der Welt das

mannigfaltige Heilverfahren geschildert, welches ich kürzlich zur Kur

meines Schnupfens durchzumachen hatte. Ich empfehle es besonders allen,

die an der Schwindsucht leiden. Wenn sie einen Versuch damit anstellen

und nicht gesund werden, so kann es sie höchstens umbringen.

Kinderkrankheiten.

Diese Geschichte hat Herr Mc Williams, ein freundlicher Herr

aus New York, dem Verfasser erzählt, der ihn zufällig auf einer

Reise traf.

[Illustration]

Sie können sich kaum vorstellen, Herr Mark Twain, wie schrecklich die

unheilbare Krankheit, welche man die häutige Bräune nennt, in unserer

Stadt gewütet hat. Ebenso schlimm als die Krankheit selbst war der

Umstand, daß alle Mütter vor Angst und Schrecken fast den Verstand

verloren. Hören Sie zu, was ich mit meiner Frau während jener Zeit

erlebte. Eines Mittags kam ich nach Hause und machte meine Frau auf die

kleine Penelope aufmerksam, indem ich bemerkte:

»Mein Herz, ich würde an deiner Stelle nicht erlauben, daß das Kind an

dem Kienspan kaut.«

»Was in aller Welt soll denn das schaden?« entgegnete sie, schickte

sich aber zugleich an, den Span fortzunehmen; -- ohne weitläufige

Erörterung können Frauenzimmer nun einmal nicht den geringsten Rat

befolgen, wenn dessen Weisheit auch noch so sehr auf der Hand liegt; d.

h. _verheiratete_ Frauen.

Ich erwiderte: »Herzchen, man weiß, daß keine Holzart so wenig Nährwert

für ein Kind besitzt wie Tannenholz.«

Meine Frau zog die Hand zurück, mit der sie den Span ergreifen wollte

und legte sie wieder in den Schoß.

»Du bist im Irrtum,« sagte sie merklich erregt; »alle Aerzte

versichern, daß das Terpentin im Tannenholz für ein schwaches Rückgrat

und für die Nieren sehr gut ist.«

»Ah so -- ich bitte um Entschuldigung. Ich habe nicht gewußt, daß unser

Kind an Rückenschwäche und an den Nieren leidet und daß der Hausarzt

verordnet hat --«

»Das Kind denkt gar nicht daran, an dergleichen zu leiden -- wie kommst

du darauf?«

»Aber liebe Frau, du hast doch angedeutet --«

»Bewahre, so etwas ist mir nicht eingefallen.«

»Es ist ja kaum zwei Minuten her, mein Herz, daß du sagtest --«

»Dummes Zeug! Ich mag gesagt haben was ich will -- jedenfalls ist es

kein Unglück, daß die Kleine an einem Stück Holz kaut, wenn sie Lust

dazu hat; ich dächte, du könntest das auch einsehen. Ich verwehre es

ihr nicht und damit ist's gut!«

»Ereifere dich nicht, mein Kind; ich sehe schon ein, daß du recht hast

und werde gleich ausgehen, um ein paar Klafter vom besten Tannenholz zu

bestellen. Solange _ich_ lebe, soll mein Kind -- --«

»O bitte, geh in dein Geschäft und laß mich einen Augenblick in Ruhe.

Man kann auch nicht die geringste Bemerkung machen, du mußt darüber

streiten, streiten, streiten, bis du nicht mehr weißt, wovon du

sprichst -- wie immer.«

»Nun gut, du sollst deinen Willen haben. Aber in deiner letzten

Bemerkung war ein Mangel an Logik, der -- --«

Ehe ich jedoch ausgeredet hatte, war sie zur Thüre hinausgesegelt und

hatte das Kind mitgenommen.

* * * * *

Als ich am Abend desselben Tages zu Tische nach Hause kam, trat sie mir

mit kreideweißem Gesicht entgegen.

»O Mortimer, ein neuer Fall! Der kleine George vom Nachbar Gordon ist

krank!«

»Häutige Bräune?«

»Häutige Bräune!«

»Hat der Arzt noch Hoffnung?«

»Nicht die geringste! O, was soll aus uns werden!«

Kurz darauf brachte eine Wärterin die kleine Penelope herein, um uns

gute Nacht zu sagen und das übliche Abendgebet auf der Mutter Schoß zu

sprechen. Aber mitten in: »Jetzt leg' ich mich zu süßer Ruh,« hustete

sie ein wenig. Meine Frau fuhr zurück als hätte sie der Schlag gerührt.

Doch schon im nächsten Augenblick war sie auf den Füßen, der Schrecken

spornte sie zu fieberhafter Thätigkeit.

Sie befahl, das Bett des Kindes aus der Kinderstube in unser

Schlafzimmer zu bringen, und ging selbst mit, um die Ausführung des

Befehls zu beaufsichtigen. Natürlich mußte ich auch dabei sein, und wir

brachten die Sache schnell in Ordnung. Für die Kinderfrau wurde ein

Bett in dem Ankleidezimmer meiner Frau aufgeschlagen. Nun fiel ihr aber

ein, daß wir zu weit von dem andern Kind entfernt seien, und wenn sich

in der Nacht bei ihm Symptome zeigen sollten -- mein armes Frauchen

wurde wieder leichenblaß.

Darauf schafften wir das Kinderbett und die Kinderfrau wieder in die

Kinderstube und schlugen für uns beide ein Bett im Nebenzimmer auf.

Plötzlich bekam meine Frau jedoch Angst, Penelope könne den Kleinen

anstecken. Dieser Gedanke jagte ihr ein solches Entsetzen ein, daß

ihre ganze Hilfsmannschaft das Bettchen nicht schnell genug wieder

hinaustragen konnte. Meine Frau half in eigener Person und riß es

beinahe in Stücke in ihrer verzweifelten Hast.

Wir zogen in den unteren Stock, aber da war nicht Platz genug, die

Kinderfrau unterzubringen, und meine Frau meinte, ihre Erfahrung

würde eine unschätzbare Hilfe sein. So kehrten wir denn mit Sack und

Pack wieder in unser eigenes Schlafzimmer zurück und fühlten uns so

glücklich, wie ein Paar vom Sturm verschlagene Vögel, die ihr warmes

Nestchen wiederfinden.

Meine Frau eilte jetzt in die Kinderstube, um zu sehen, wie es dort

stände. Im Nu war sie aber wieder da, von neuer Furcht ergriffen.

»Wie kann es nur kommen, daß der Kleine so fest schläft?«

»Aber mein Herz,« sagte ich, »der Kleine schläft ja immer so fest, daß

er aussieht wie ein Bild.«

»Ich weiß, ich weiß; aber heute hat sein Schlaf etwas Unnatürliches. Er

scheint -- er scheint so regelmäßig zu atmen.«

»Aber, liebes Kind, er atmet immer regelmäßig.«

»O, das weiß ich; aber heute macht es einen schrecklichen Eindruck.

Seine Wärterin ist viel zu jung und unerfahren, Marie soll bei ihr

bleiben, damit sie bei der Hand ist, wenn etwas passiert.«

»Das ist ein guter Gedanke; aber, wer wird _dir_ helfen?«

»_Du_ kannst mir alle Hilfe leisten, die ich brauche. Ich werde mich ja

so wie so in dieser schrecklichen Zeit auf keinen Menschen verlassen,

sondern alles selbst thun.«

Ich erwiderte, daß ich mich selbst verachten würde, wenn ich zu Bette

gehen und schlafen wollte, während sie wachte und sich um unsere Kranke

mühte, die lange, bange Nacht. Doch endlich ließ ich mich überreden. So

begab sich also die alte Marie wieder zurück auf ihren Posten in der

Kinderstube.

Penelope hustete ein- oder zweimal im Schlaf.

»Warum nur dieser Doktor nicht kommt. -- Mortimer, es ist gewiß zu

warm im Zimmer. Mache den Schieber zu -- schnell!«

Ich schloß die Luftheizung ab, sah nach dem Thermometer und fragte

mich, ob denn 14° wirklich zu warm sei für ein krankes Kind.

Der Kutscher kam jetzt aus der Stadt mit der Nachricht, daß unser

Hausarzt krank zu Bette liege. Meine Frau warf mir einen erlöschenden

Blick zu und sagte mit sterbender Stimme:

»Es ist der Wille der Vorsehung. So war es vorher bestimmt. -- Noch nie

ist er krank gewesen, _nie_! Wir haben nicht so gelebt wie wir sollten,

Mortimer. Immer und immer wieder habe ich es dir gesagt. Nun siehst du,

wohin es führt. Danke Gott, wenn du es dir _je_ verzeihen kannst -- ich

kann es mir nicht vergeben.«

Ich sagte, ohne die Worte genau zu wählen, aber durchaus nicht in

der Absicht, sie zu kränken, es sei mir nicht bewußt, daß wir ein so

gottloses Leben geführt hätten.

»Mortimer -- willst du das Gericht Gottes auch über der Kleinen

heraufbeschwören?«

Sie brach in Thränen aus -- aber plötzlich rief sie:

»Der Doktor muß doch Arzenei geschickt haben!«

»Gewiß,« versetzte ich, »hier ist sie. Ich habe nur auf den passenden

Moment gewartet, es dir zu sagen.«

»So gieb sie doch her; weißt du nicht, daß jetzt jeder Augenblick

kostbar ist! Aber ach, wozu schickt er überhaupt Arzenei, wenn er doch

weiß, daß alles vergebens ist.«

Ich sagte, wo noch Leben wäre, sei auch noch Hoffnung.

»Hoffnung! -- Mortimer, du weißt so wenig was du sprichst, wie ein

neugeborenes Kind. Wenn du nur -- Welcher Unsinn -- die Anweisung sagt:

alle Stunde einen Theelöffel! Einmal stündlich -- als ob wir ein ganzes

Jahr vor uns hätten, um das Kind zu retten! Mortimer, schnell, gieb

dem armen verschmachtenden Würmchen einen Eßlöffel voll; nur diesmal

beeile dich!«

»Aber, mein Herz, ein Eßlöffel voll könnte --«

»Mache mich nicht toll! ... Hier, mein Engelchen, mein süßes, nimm das

häßliche bittere Zeug; es ist gut für Nelly, für Mamas süßen, kleinen

Liebling und soll sie gesund machen. Da, da, da, lege dein Köpfchen an

Mütterchens Brust und schlaf' ein, damit du bald -- -- o, ich weiß, sie

wird den Morgen nicht erleben! -- Mortimer, einen Eßlöffel alle halbe

Stunde! Aber das Kind sollte auch Belladonna nehmen und Acconit. Hole

die Fläschchen, Mortimer. Bitte, thue was ich sage; du verstehst ja

doch nichts davon.«

Wir stellten nun das Bett des Kindes dicht an das Kopfende meiner Frau

und legten uns nieder. Das viele Durcheinander hatte mich schrecklich

müde gemacht, und in zwei Minuten war ich halb eingeschlafen.

Meine Frau weckte mich.

»Männchen, ist die Luftheizung offen?«

»Ich glaube nicht.«

»Das habe ich mir gedacht. Bitte mache den Schieber gleich auf; das

Zimmer ist kalt.«

Ich schob ihn auf und schlief wieder ein: da wurde ich nochmals geweckt.

»Bester Mann, du könntest doch so gut sein, das Bettchen an deine Seite

zu stellen, es ist näher an der Heizung.«

Ich stellte das Bett an _meine_ Seite, verwickelte mich aber in den

Bettteppich und weckte das Kind. Wieder verfiel ich in Schlaf, während

meine Frau die kleine Kranke beruhigte. Aber nicht lange, so kamen wie

aus weiter Ferne durch den Nebel meiner Schlaftrunkenheit die Worte an

mein Ohr:

»Mortimer, wenn wir nur etwas Gänsefett hätten -- bitte, willst du

klingeln.«

Ich kletterte im Halbschlaf heraus und trat auf die Katze, welche mit

einem lauten Protest antwortete; ich wollte ihr dafür einen Fußtritt

verabreichen, aber der Stuhl bekam ihn statt der Katze.

»Mortimer, was fällt dir ein? Warum drehst du den Gashahn auf? Willst

du das Kind zum zweitenmal wecken?«

»Ich will sehen, ob ich mir Schaden gethan habe, Evangeline.«

»Dann sieh nur auch den Stuhl an; ich bin überzeugt, er ist in Stücken.

Die arme Katze; wenn du nun -- --«

»Die Katze ist mir völlig gleichgültig. Das alles wäre nicht geschehen,

wenn du Marie hier behalten hättest, um diese Pflichten zu übernehmen,

die sie angehen, und nicht mich.«

»Du solltest dich schämen, Mortimer, eine solche Bemerkung zu machen.

Wahrhaftig, wenn du die Kleinigkeiten, um die ich dich bitte, nicht

einmal besorgen willst -- da doch unser Kind -- --«

»Schon gut, ich will ja alles thun. Aber kein Mensch hört auf mein

Läuten. Sie sind wahrscheinlich alle zu Bett gegangen. -- Wo steht das

Gänsefett?«

»Auf dem Kamin im Kinderzimmer. Wenn du hingehen willst und mit Marie

sprechen -- --«

Ich holte das Gänsefett und schlief wieder ein. Abermals wurde ich

gerufen: »Mortimer, es ist mir schrecklich, dich zu stören, aber das

Zimmer ist immer noch zu kalt, wenn ich die Einreibung machen soll.

Könntest du nicht das Feuer anzünden? Es ist alles zurechtgelegt, du

brauchst nur ein Schwefelhölzchen hineinzustecken.«

Ich kroch aus dem Bett, machte das Feuer an, und setzte mich als

Jammergestalt daneben.

»Mortimer, du erkältest dich zu Tode, wenn du da sitzen bleibst. Komm'

zu Bett!«

Ich wollte hineinsteigen, da sagte sie:

»Nur einen Augenblick! Bitte, gieb dem Kinde noch etwas Arzenei.« --

Das that ich, und meine Frau benutzte die Gelegenheit, da die Kleine

doch einmal wach war, sie auszuziehen und über und über mit dem

Gänsefett einzuschmieren. Bald schlief ich von neuem -- aber nicht

lange.

[Illustration]

»Mortimer, es zieht irgendwo; ich fühle es ganz deutlich. Nichts ist

verhängnisvoller bei solcher Krankheit als Zugwind. Bitte, stelle das

Kinderbett näher ans Feuer.« Das that ich und wickelte mich wieder in

den Bettteppich, den ich dabei ins Feuer warf. Meine Frau sprang aus

dem Bett und rettete ihn, wobei wir etwas aneinander gerieten. Nun

folgte wieder eine kleine Schlafpause, bis mir befohlen wurde, einen

Umschlag von Leinsamen zu machen. Dieser wurde dem Kinde auf die Brust

gelegt, um dort seine heilende Wirkung zu üben.

Ein Holzfeuer hat nicht lange Bestand. Alle zwanzig Minuten stand ich

auf, um das unsrige anzufachen und Holz nachzulegen; dadurch verkürzten

sich auch die Zwischenräume beim Eingeben der Arzenei um zehn Minuten,

was meiner Frau eine große Erleichterung war. Dazwischen erneuerte ich

die Umschläge und legte einen Senfteig oder andere Zugpflaster überall

da auf, wo noch eine freie Stelle an dem Kinde zu finden war. Endlich,

gegen Morgen, war das Holz verbraucht, und meine Frau meinte, ich solle

in den Keller gehen, um welches zu holen.

»Das ist eine schwere Arbeit, liebes Kind,« bemerkte ich. »Der Kleinen

ist gewiß warm genug bei ihren vielen Umhüllungen. Wir können ihr ja

auch noch eine Lage Brei auflegen und --«

Ich kam nicht zu Ende, denn ich wurde unterbrochen. Eine Weile

schleppte ich Holz herauf und kroch dann wieder in mein Bett. Bald

schnarchte ich, wie nur ein Mensch schnarchen kann, der völlig

abgemattet ist an Körper und Geist. Bei Tagesanbruch fühlte ich ein

Rütteln an meiner Schulter, was mich schnell zur Besinnung brachte.

Meine Frau stand mit stierem Blick vor mir und rang nach Luft. Sobald

sie sprechen konnte, sagte sie:

»Es ist alles aus -- alles aus! -- Das Kind schwitzt. Was fangen wir

an?«

»Mein Gott, wie du mich erschreckt hast! Ich weiß nicht, was ich dir

raten soll. Vielleicht wenn wir alles abkratzten und Penelope wieder in

den Zug brächten --«

»Welcher Blödsinn! -- Jetzt ist kein Augenblick zu verlieren! Hole

den Doktor, schnell! Du mußt _selbst_ gehen. Bringe ihn her, tot oder

lebendig.«

Ich zerrte den armen kranken Mann aus dem Bett und brachte ihn zu uns.

Er sah das Kind an und sagte, es läge nicht im Sterben. Das war mir

eine unaussprechliche Freude, aber meine Frau wurde so böse, als habe

er sie persönlich beleidigt. Dann meinte er, der Husten des Kindes wäre

nur durch einen kleinen Reiz in der Kehle verursacht. Wie er das sagte,

fürchtete ich fast, meine Frau würde ihm die Thüre weisen. Der Doktor

wollte die Kleine nun stärker zum Husten bringen, um die Störung zu

beseitigen. Er gab ihr etwas ein, sie hustete heftig, und heraus kam,

-- ein kleiner Holzsplitter.

»Das Kind hat keine Bräune,« sagte der Arzt. »Es hat an einem Stück

Tannenholz gekaut, und ein paar kleine Splitter in den Hals bekommen.

Die werden ihm nichts schaden.«

»Nein,« sagte ich, »das glaube ich auch. Das Terpentin darin ist sogar

sehr gut für einige Krankheiten, die bei Kindern vorkommen. Meine Frau

kann Ihnen das sagen.«

Aber das that sie nicht. Sie wendete sich empört von uns ab und verließ

das Zimmer. Seit der Zeit ist in unserm ehelichen Leben _eine_ Episode,

die wir nie erwähnen. Im übrigen fließt der Strom unserer Tage in

ungetrübter Heiterkeit dahin.

Sehr wenig Ehemänner haben ähnliche Erfahrungen gemacht, wie

Herr Mc Williams; deshalb dachte der Verfasser dieses Buches,

die Sache würde durch ihre Neuheit vielleicht in den Augen des

Lesers ein flüchtiges Interesse erhalten.

Frau Mc Williams beim Gewitter.

Ja, fuhr Herr Mc Williams fort, -- dies war nämlich nicht der Anfang

seiner Rede -- die Furcht vor dem Gewitter ist eine der qualvollsten

Schwächen, von denen ein menschliches Wesen heimgesucht werden kann.

Sie ist meistens auf Frauen beschränkt, hie und da findet sie sich

jedoch auch bei einem kleinen Hunde und manchmal auch bei einem Manne.

Es ist eine ganz besonders traurige Schwäche, indem sie einem Menschen

den Verstand in höherem Grade raubt als irgend eine andere Furcht, da

sie sich weder durch Vernunftgründe noch durch Beschämung unterdrücken

läßt. Eine Frau, die dem Teufel selber ins Gesicht sehen könnte -- oder

einer Maus -- verliert ihre Schneidigkeit und ist rein weg angesichts

eines zuckenden Blitzes.

Also wie ich Ihnen sagte, ich wachte auf an dem halberstickten von

irgendwo herkommenden Schrei: »Mortimer, Mortimer!« Sobald ich meine

fünf Sinne zusammenfassen konnte, richtete ich mich in der Dunkelheit

auf und antwortete:

»Evangeline, rufst du? was giebts? wo bist du?«

»In die Wäschekammer eingeschlossen! Du solltest dich schämen,

dazuliegen und so zu schlafen, während solch ein fürchterliches

Gewitter losbricht.«

»Nun, wie kann man sich denn schämen, wenn man schläft? Das hat ja

keinen Sinn; ein Mensch kann sich nicht schämen, derweil er schläft,

Evangeline.«

»Das thust du freilich nie, Mortimer, das weiß _ich_ wohl!«

Ich vernahm den Laut unterdrückten Schluchzens. Dieser Klang machte die

scharfe Rede, die sich auf meine Lippen drängte, ersterben und ich ließ

mich statt dessen folgendermaßen vernehmen:

»Es thut mir leid, Liebe, es thut mir wirklich leid. Ich wollte es

nicht thun, komm' heraus und --«

»Mortimer!«

»Himmel, was giebts, mein Schatz?«

»Ich glaube gar, daß du _noch_ im Bett liegst?«

»Warum nicht? natürlich.«

[Illustration]

»Augenblicklich stehe auf! Ich dächte, du solltest doch ein klein wenig

acht auf dein Leben geben, um meinet- und der Kinder willen, wenn nicht

schon um deinetwillen.«

»Aber lieber Schatz --«

»Hör' auf, Mortimer, du weißt, bei einem solchen Gewitter ist der

allergefährlichste Platz das Bett. Das steht in allen Büchern. Aber das

ist dir einerlei, du bleibst doch darin liegen und wirfst lieber dein

Leben rücksichtslos weg, der Himmel weiß warum, höchstens aus ewiger

Rechthaberei und --«

»Aber zum Kuckuck, Evangeline, ich bin ja jetzt nicht mehr im Bett, ich

bin --«

Dieser Satz wurde unterbrochen durch einen plötzlichen Blitzstrahl,

begleitet von einem unterdrückten Aufschrei meiner Frau und einem

furchtbaren Donnerschlag.

»Da! Nun siehst du, wozu das führt. O, Mortimer, wie kannst du so

ruchlos sein, bei einem solchen Wetter zu fluchen?«

»Ich habe ja nicht geflucht. Und das kam gar nicht davon her, es wäre

ganz ebenso gekommen, auch wenn ich kein Wörtchen gesagt hätte, und du

weißt ganz gut, Evangeline, oder solltest es wenigstens wissen, daß,

wenn die Atmosphäre mit Elektrizität geladen ist --«

»O, ja, jetzt habe nur recht und wieder recht und noch einmal recht.

Ich begreife nicht, wie du so handeln magst, da du doch weißt, daß wir

keinen Blitzableiter haben und daß deine arme Frau und Kinder rein

der Gnade der Vorsehung anheimgegeben sind. -- Aber was thust du? Ein

Zündhölzchen anstecken? bei einem solchen Wetter, bist du völlig toll?«

»Zum Henker, Frau, was schadet denn das? Es ist ja hier so finster wie

in einer Kuh und --«

»Lösch' es aus, lösch' es augenblicklich aus! Willst du uns alle

geflissentlich zu Grunde richten? Du weißt doch, daß nichts so den

Blitz anzieht wie ein Licht.«

(Fzt, -- krach! -- bum! -- bolum! -- bum!)

»O, da höre, jetzt siehst du, was du angerichtet hast.«

»Wieso? Ein Schwefelhölzchen kann allenfalls den Blitz anziehen, aber

gewiß ruft es keinen Blitz hervor, -- ich stehe dafür ein. Sollte aber

dieser Schuß dennoch meinem Zündhölzchen gegolten haben, so war er

jämmerlich gezielt, -- eine Leistung, die unter Tausenden kaum einer

fertig bringt.«

»Schäme dich, Mortimer. Da stehen wir dem Tode Auge in Auge gegenüber,

und doch bist du fähig, in einem so feierlichen Augenblick eine solche

Sprache zu führen. Wenn du nicht den Wunsch hast, -- Mortimer --«

»Nun?«

»Hast du eigentlich heute ein Nachtgebet gesprochen?«

Skizzenbuch · 第 1 / 19 段