»›Ich habe Geld -- zehntausend Dollars -- versteckt, die Frucht der

Dieberei und Plünderung; rettet mich -- sagt mir, was ich thun soll,

und ihr sollt es haben -- bis auf den letzten Pfennig. Zwei Drittel

davon gehören meinem Vetter Adler; aber Sie dürfen meinetwegen

alles nehmen. Wir versteckten es, sobald wir hieherkamen; aber ich

versteckte es gestern an einem neuen Platz, ohne ihm etwas davon zu

sagen -- er soll es auch nie erfahren. Ich wollte desertieren und das

Ganze mitnehmen. Es ist lauter Gold -- zu schwer, um es mit sich zu

schleppen; aber ein Weib, das ich ins Vertrauen gezogen, sollte mit

dem Gelde nachfolgen. Ich hatte mit ihr verabredet, wenn ich keine

Gelegenheit fände, ihr das Versteck zu beschreiben, so wollte ich ihr

meine silberne Taschenuhr in die Hand gleiten lassen oder sie ihr

senden; sie wüßte dann, woran sie wäre. Im Rücken des Uhrgehäuses sei

ein Stück Papier, das alles Nötige besage. Hier nehmt die Uhr! Sagt

mir, was ich thun soll!‹

»Er wollte mir durchaus seine Uhr aufdrängen, nahm das Papier heraus

und erklärte es mir, als plötzlich Adler, etwa ein Dutzend Schritte von

uns entfernt, auftauchte. Ich sagte zu dem armen Krüger:

»›Steckt eure Uhr ein, ich will sie nicht. Ihr sollt nicht zu Schaden

kommen. Geht jetzt; ich muß Adler wahrsagen. Ich werde euch bald wissen

lassen, wie ihr dem Meuchelmörder entgehen könnt. Sagt Adler nichts

von der Sache -- auch keinem andern.‹

»Der arme Teufel entfernte sich, erfüllt von Furcht und Dankbarkeit.

Ich wahrsagte Adler seine Zukunft -- absichtlich so ausführlich, daß

ich nicht ganz zu Ende kommen konnte; versprach, in der Nacht auf

Wache zu ihm zu kommen und ihm den wahrhaft wichtigen Teil seiner

Zukunft -- den tragischen Teil, sagte ich -- zu erzählen; wir müßten

deshalb außerhalb des Bereiches von Horchern sein. Es wurde stets eine

Feldwache außerhalb der Stadt aufgestellt, -- bloß der Disziplin und

Form wegen, da kein Feind in der Nähe war.

»Ich erfragte die Losung, und gegen Mitternacht machte ich mich auf den

Weg nach der einsamen Gegend, wo Adler auf Posten stehen sollte. Es war

so dunkel, daß ich fast auf eine undeutliche Gestalt gestoßen wäre,

noch ehe ich ein Wort hervorbringen konnte. Der Anruf des Postens und

meine Antwort erfolgten in demselben Augenblick, ich fügte hinzu: ›Ich

bin’s -- der Wahrsager.‹ Dann schlich ich mich an den Menschen heran

und stieß ihm, ohne ein Wort zu sagen, meinen Dolch in das Herz! So,

lachte ich, das war der tragische Teil deines Schicksals! Indem er laut

aufschrie, griff er nach mir, und meine blaue Brille blieb ihm in der

Hand; das Pferd galoppierte davon mit seinem toten Reiter.

»Ich floh durch die Wälder und entkam glücklich, die mich anklagende

Brille in des Toten Hand zurücklassend.

»Das war vor fünfzehn oder sechzehn Jahren. Seit dieser Zeit bin ich

ziellos in der Welt umhergewandert, manchmal beschäftigt, manchmal

müßig, manchmal mit, manchmal ohne Geld, aber immer des Lebens müde

und den Tod herbeisehnend, denn meine Mission hienieden war mit jener

nächtlichen That beendigt, und das einzige Vergnügen, der einzige Trost

und die einzige Genugthuung, die ich in allen jenen langwierigen

Jahren hatte, lag in dem täglichen Gedanken: ›Ich habe ihn getötet!‹

[Illustration]

»Vor vier Jahren begann meine Gesundheit mich im Stiche zu lassen.

Ich war in meiner zwecklosen Weise nach München gewandert. Da ich

ohne Geldmittel war, suchte ich Arbeit und fand sie auch, that ein

Jahr lang treu meine Pflicht und erhielt die Stelle des Nachtwächters

dort in jenem Leichenhause, das Sie kürzlich besuchten. Ich

wanderte stundenlang unter jenen starren Leichnamen umher und sah

in ihre bleichen Gesichter. Der Ort gefiel mir; er paßte zu meiner

Gemütsstimmung. Ich war gerne bei den Toten -- war gerne allein mit

ihnen; je später die Stunde, desto ergreifender war es; die Stunden

nach Mitternacht waren mir die liebsten. Manchmal schraubte ich

die Gasflammen tiefer herab; das gab Perspektive, wissen Sie, und

die Phantasie bekam freies Spiel; die trüben, im Hintergrund sich

verlierenden Reihen der Toten erfüllten mich stets mit seltsamen

fesselnden Vorstellungen. Vor zwei Jahren -- ich war damals ein Jahr

lang dort gewesen -- saß ich ganz allein im Wachzimmer (’s war eine

stürmische Winternacht), erkältet, fast erstarrt, unbehaglich, und war

nahe am Einschlafen; das Heulen des Windes und das Auf- und Zuschlagen

ferner Fensterläden drang jeden Augenblick schwächer und schwächer an

mein Ohr, als plötzlich jene Totenglocke über meinem Haupt ein Geläute

begann, das mir das Blut in den Adern erstarren ließ. Die Erschütterung

lähmte mich beinahe, denn es war das erstemal, daß ich die Glocke hörte.

»Ich raffte mich zusammen und eilte in den Leichensaal. Etwa in der

Mitte der äußern Reihe saß eine mit Leintüchern umwickelte Gestalt

aufrecht da und neigte langsam den Kopf von einer Seite zur andern --

ein schauerlicher Anblick! Er hatte mir die Seite zugewandt; ich eilte

hinzu und sah ihm ins Gesicht: guter Gott! es war Adler!

»Können Sie erraten, was mein erster Gedanke war? In Worte gebracht

folgender: ›Es scheint also, du bist mir doch entkommen; diesmal soll

es anders gehen!‹

»Jener Mensch litt offenbar unendliche Schreckensqualen. Stellen Sie

sich vor: mitten in der lautlosen Stille aufzuwachen und eine grimme

Totengemeinde zu überschauen! Welche Dankbarkeit glänzte in seinem

knöchernen weißen Gesicht, als er ein lebendes Wesen vor sich sah! Und

wie die Glut dieser stummen Dankbarkeit sich erhöhte, als seine Augen

auf die lebenspendenden Stärkungsmittel fielen, die ich in den Händen

trug! Und dann stellen Sie sich das Entsetzen vor, das über ihn kam,

als ich diese Herzstärkungen wegstellte und höhnend sagte:

»›Sprich doch, Franz Adler -- ruf’ diese Toten an. Sie werden dich ohne

Zweifel hören und Mitleid mit dir haben; sonst wirst du schwerlich

jemand rühren.‹

»Er versuchte zu sprechen, aber jener Teil des Leintuchs, der seine

Kinnladen zusammenhielt, hielt fest und erlaubte es ihm nicht. Er

versuchte flehend die Hände zu erheben, aber sie waren ihm auf seiner

Brust gekreuzt und zusammengebunden.

»›Rufe doch, Franz Adler!‹ sagte ich, ›daß die Schläfer in den fernen

Straßen dich hören und Hilfe bringen. Rufe doch -- und verliere ja

keine Zeit, denn du hast wenig zu verlieren. Was? Du kannst nicht. Das

ist schade; aber es macht nichts, denn es bringt ja doch nicht immer

Hilfe. Als ihr, du und dein Vetter, in einer Hütte in Arkansas ein

Weib und ein Kind ermordetet -- _mein_ Weib war’s und _mein_ Kind! --

da riefen sie auch um Hilfe, wie du dich erinnerst; aber es nützte

nichts; du erinnerst dich dessen, -- nicht wahr? Deine Zähne klappern

ja -- warum kannst du denn nicht rufen? Mache doch die Bandagen mit den

Händen los -- dann geht’s. Ah, ich sehe -- deine Hände sind gebunden,

sie können dir nicht helfen. Wie seltsam sich nach langen Jahren die

Dinge wiederholen; denn auch meine Hände waren in jener Nacht gebunden,

nicht wahr? Ja, fast ebenso gebunden wie die deinen -- wie sonderbar

das ist! Ich konnte mich nicht loszerren. Es fiel dir nicht ein,

mich loszubinden, und mir fällt es nicht ein, deine Bande zu lösen.

Pst! ein Fußtritt! er kommt hier vorüber. Horch, wie nahe er ist!

Man kann die Schritte zählen -- eins -- zwei -- drei. Da -- es ist

gerade da draußen. Jetzt ist es Zeit. Ruf’, Mann, ruf’! -- es ist die

allereinzige Gelegenheit zwischen dir und der Ewigkeit! Ah, du siehst,

daß du zu lange gezögert hast -- sie ist vorbei. Da -- der Schall

erstirbt; es ist aus! Denke daran -- denke darüber nach -- du hast zum

letztenmale den Schall menschlicher Schritte gehört. Wie seltsam es

sein muß, einem so gewöhnlichen Schall wie diesem zu lauschen und zu

wissen, daß man nie wieder seinesgleichen hören wird!‹

»O, mein Freund, die Todesqual in jenem tücherumhüllten Gesicht zu

sehen, war die höchste Wonne für mich! Ich erdachte eine neue Folter

und wendete sie an, mit etwas lügenhafter Erfindung als Beihilfe.

»›Der arme Krüger wollte mein Weib und Kind retten, zum Dank leistete

ich ihm einen guten Dienst, als Zeit und Gelegenheit kamen. Ich

beredete ihn, dich zu berauben, und ich und ein Weib halfen ihm, als er

desertierte und brachten ihn in Sicherheit.‹

»Eine Miene des Triumphes gleichsam, und der Ueberraschung glänzte

einen Augenblick trübe durch die Angst im Gesichte meines Opfers. Ich

war erregt, beunruhigt, und sagte:

»›Was hast du -- entkam er denn nicht?‹

»Ein verneinendes Kopfschütteln.

»›Nicht? Was geschah denn?‹

»Die Genugthuung in dem verhüllten Gesicht war noch deutlicher.

Der Mann versuchte einige Worte zu murmeln -- es gelang ihm nicht;

versuchte mit den behinderten Händen etwas auszudrücken -- auch das

mißlang: wartete einen Augenblick und neigte dann in bedeutsamer Weise

sein Haupt gegen den Leichnam, der ihm am nächsten lag.

»›Tot?‹ fragte ich. ›Entkam nicht? -- wurde gefangen und erschossen?‹

»Verneinendes Kopfschütteln.

»›Was dann?‹

»Wieder versuchte der Mann etwas mit den Händen zu thun. Ich

beobachtete ihn genau, konnte aber seine Absicht nicht erraten; ich

beugte mich über ihn und beobachtete ihn noch genauer. Er hatte einen

Daumen herumgedreht und zeigte damit auf seine Brust.

»›Ah -- erstochen meinst du?‹

»Bejahendes Nicken, von einem so teuflisch-gespensterhaften Lächeln

begleitet, daß ein grelles Licht in meinem stumpfen Gehirn aufblitzte

und ich rief: --

»›Hab’ ihn also irrtümlich für dich gehalten und erstochen? denn jener

Stoß war nur dir zugedacht.‹

»Der zum zweitenmale dem Tode geweihte Schurke nickte so zufrieden,

als seine schwindende Kraft es auszudrücken vermochte. Ich begrub

schluchzend das Gesicht in den Händen.

»›O ich Elender!‹ rief ich, ›der ich die mitleidige Seele erschlug, die

als Freund zu meinen Lieben stand, als sie hilflos waren, und sie, wenn

es möglich gewesen, gerettet hätte! O, ich Elender!‹

»Ich glaubte das dumpfe Gurgeln eines höhnischen Lachens zu hören; ich

nahm die Hände vom Gesicht und sah, wie mein Feind auf sein schräges

Brett zurücksank.

»Sein Todeskampf währte eine befriedigend lange Zeit: er besaß eine

wunderbare Lebenskraft, eine staunenswerte Konstitution. Ich holte

mir einen Stuhl und eine Zeitung, setzte mich neben ihn und begann

zu lesen. Gelegentlich nahm ich einen Schluck Branntwein: das war

notwendig der Kälte wegen; ich that es aber teilweise, weil ich sah,

daß er zuerst bei jedem Schluck erwartete, ich würde ihm auch ein

wenig davon geben. Ich las laut: hauptsächlich erdichtete Berichte von

Leuten, die durch einen Löffel voll Branntwein und ein warmes Bad vom

Grabesrand zurückgerissen und dem Leben zurückgegeben wurden. Ja, er

hatte einen recht langwierigen, harten Todeskampf -- drei Stunden sechs

Minuten von der Zeit an, da er die Glocke läutete.

»Die schaurige Kälte des Leichensaales war mir durch Mark und Bein

gedrungen; sie verursachte und beschleunigte einen Rückfall in die

Krankheit, die mich schon öfter befallen hatte, aber bis zu jener

Nacht immer wieder rasch vorüber gegangen war. Jener Mann mordete mein

Weib und Kind, und in drei Tagen von heute an werde ich meinen Lieben

nachfolgen. Thut nichts -- Gott, wie köstlich ist die Erinnerung daran!

-- ich hatte ihn erfaßt, wie er seinem Grabe entfliehen wollte, und

ihn wieder in dasselbe zurückgeworfen.

»Nach jener Nacht war ich eine Woche lang an mein Bett gefesselt;

sobald ich aber wieder auf den Beinen war, schlug ich in den

Leichenhausbüchern die Adresse des Hauses auf, in dem Adler erkrankt

war. Es war eine elende Herberge. Ich dachte, Adler werde als Krügers

Vetter dessen Habseligkeiten in Besitz genommen haben. Ich wollte mir

womöglich Krügers Uhr verschaffen. Aber während ich krank darniederlag,

waren Adlers Sachen verkauft und überallhin zerstreut worden --

alle bis auf einige alte Briefe und wertlose Kleinigkeiten. Mittels

jener Briefe aber spürte ich einen Sohn Krügers auf -- den einzigen

Verwandten, den er hinterließ. Er ist jetzt ein Mann von dreißig

Jahren, seines Zeichens ein Schuhmacher, ein Witwer mit mehreren

kleinen Kindern, und wohnt zu Mannheim, Königsstr. Nr. 14. Ohne ihm

einen Grund zu sagen, habe ich seitdem stets zwei Drittel zu seinem

Lebensunterhalt beigesteuert.

»Was nun jene Uhr angeht, so hören Sie nur, was für seltsame Dinge

geschehen. Ich suchte länger als ein ganzes Jahr mit Mühe und Kosten

in ganz Deutschland nach ihr -- und fand sie endlich, bekam sie und

war unsäglich froh; ich öffnete sie und fand nichts darin. Hätte mir

freilich sagen können, daß jenes Stückchen Papier nicht die ganze Zeit

hindurch darin bleiben würde. Ich hatte damals die Uhr mitsamt dem

Schatz verschmäht -- jetzt hätte ich das Geld gerne für Krügers Sohn

gehabt.

»In der letzten Nacht fühlte ich, daß ich bald sterben würde. Ich

verbrannte alle wertlosen Papiere; und siehe da! aus einem Briefbündel

Adlers, das ich vorher nicht genau genug durchforscht hatte, fiel jener

langersehnte Zettel! Ich erkannte ihn augenblicklich; er lautete wie

folgt:

»›Pferdestall aus Backsteinen mit steinernem Fundament, Mitte der

Stadt, Ecke der Orleansstraße und des Marktplatzes; Ecke gegen das

Gerichtshaus zu -- vierte Reihe, dritter Stein. Stecke Benachrichtigung

dorthin mit der Angabe, wieviele kommen werden.‹

»Da, nehmen Sie’s, und heben Sie es gut auf. Krüger sagte mir, daß

jener Stein entfernt werden könne und daß er in der nördlichen Mauer

des Gebäudes sei, in der vierten Reihe von oben, der dritte Stein von

Westen her. Das Geld sei dahinter versteckt. Er sagte, der Schlußsatz

sei eine Finte um irrezuführen, falls das Papier in unrechte Hände

geraten sollte. Diese Finte scheint Adler gegenüber ihren Zweck

erreicht zu haben.

»Und nun bitte ich Sie, wenn Sie Ihre beabsichtigte Reise den

Mississippi hinab thun, dieses versteckte Geld ausfindig zu machen und

an Adam Krüger unter der eben erwähnten Adresse zu senden. Es wird ihn

zu einem reichen Manne machen, und ich werde sanfter ruhen in meinem

Grabe, wenn ich weiß, daß ich mein Möglichstes gethan habe für den Sohn

des Mannes, der mein Weib und Kind retten wollte -- obgleich meine Hand

ihn erschlug, während der Antrieb meines Herzens dahin gegangen wäre,

ihn zu beschirmen und ihm dienstlich zu sein.«

* * * * *

»Das war Ritters Geschichte,« sagte ich zu meinen Freunden Rogers

und Thompson, mit denen ich bald nach meiner Rückkehr von Europa den

Mississippi hinabfuhr. Als ich geendet hatte, folgte eine tiefe,

eindrucksvolle Stille, die beträchtliche Zeit dauerte; dann brachen

beide in ein wahres Kreuzfeuer von erregten und bewundernden Ausrufen

über die seltsamen Episoden der Erzählung aus, das anhielt, bis sie

fast ganz außer Atem waren. Dann begannen meine Freunde kühler zu

werden und sich unter dem Schutze gelegentlicher Salven in Schweigen

und abgrundtiefe Träumerei zurückzuziehen. Etwa zehn Minuten lang

herrschte Stillschweigen; dann sagte Rogers träumerisch --:

»Zehntausend Dollars,« und nach einer langen Pause fügte er hinzu:

»Zehntausend -- ’s ist ein Haufen Geld.«

Gleich darauf fragte Thompson:

»Werden Sie es ihm sogleich senden?«

»Ja,« sagte ich. »Eine seltsame Frage!«

Keine Antwort. Nach einer Weile fragte Rogers zögernd:

»Alles? -- Das heißt -- ich meinte nur --«

»_Gewiß_, alles.«

Ich wollte mehr sagen, hielt aber inne, durch einen Ideengang dazu

veranlaßt, der in mir auftauchte. Thompson sprach, aber meine Gedanken

waren anderswo, und ich erfaßte nicht, was er sagte; doch hörte ich,

wie Rogers antwortete:

»Ja, das scheint mir so. Es sollte vollständig genügen, denn ich finde

nicht, daß _er_ dabei etwas gethan hat.«

Sogleich fiel Thompson, der Dichter, ein:

»Bei Licht betrachtet, ist es _mehr_ als genügend. Denke nur --

fünftausend Dollars. Ei, er könnte das Geld in seinem ganzen Leben

nicht ausgeben! Und es könnte ihm leicht schaden, ihn vielleicht zu

Grunde richten -- das ist wohl zu beachten. Wer weiß, wie lang es

dauert, bis er alles durchgebracht hat? Dann macht er seine Bude zu,

fängt vielleicht an zu trinken, mißhandelt seine Kinder, gerät auf

andere Abwege und sinkt tiefer und tiefer -- --«

»Ja, das ist’s,« unterbrach ihn Rogers voller Feuereifer, »ich habe das

hundertmal -- ja, öfter als hundertmal gesehen. Wenn du einen solchen

Mann gänzlich zu Grunde richten willst, brauchst du ihm bloß Geld in

die Hand zu geben; ja, gieb ihm nur Geld in die Hand -- das ist alles,

was dazu gehört; und wenn es ihn nicht herabzieht, ihm alle Würde,

alle Selbstachtung u. s. w. raubt, dann kenne ich die menschliche

Natur nicht -- ist’s nicht so, Thompson? Und selbst wenn wir ihm ein

_Drittel_ davon geben; ei, in weniger als sechs Monaten -- --«

»Weniger als sechs _Wochen_, sage lieber,« sagte ich, mich erwärmend

und einfallend. »Wenn die dreitausend Dollars nicht in sicheren Händen

wären, wo er sie nicht anrühren könnte, so würde er ebensowenig sechs

Wochen damit reichen, als -- --«

»Natürlich nicht,« sagte Thompson; »ich habe Bücher geschrieben für die

Sorte von Leuten; sobald sie ihre Hände auf ein Besitztum legen -- auf

dreitausend Dollars etwa, oder auf zweitausend -- --«

»Ich möchte wissen, was dieser Schuster mit zweitausend Dollars soll?«

fiel Rogers ernsthaft ein; »ein Mann, der vielleicht jetzt dort in

Mannheim, umgeben von seinesgleichen, ganz zufrieden ist; der sein

Brot mit dem Appetit ißt, den Mühe und Fleiß allein geben können, und

ehrlich, aufrichtig und reinen Herzens sich seines bescheidenen Daseins

freut; und _begnadet_ -- ja, ich sage begnadet ist vor all’ den vielen

Tausenden, die in Sammet und Seide einhergehen und in dem hohlen,

leeren Treiben der Gesellschaft umhergewirbelt werden -- aber man führe

diesen Mann nur einmal in Versuchung, lege nur fünfzehnhundert Dollars

vor ihn hin und -- --«

»Fünfzehnhundert Teufel!« rief ich, »_fünf_hundert würden seine

Grundsätze ausrotten, seinen Fleiß lähmen und ihn in den Schnapsladen

zerren, von da in die Gosse, von da ins Armenhaus, von da in -- --«

»Weshalb uns dieses Verbrechen aufbürden, meine Herren?« unterbrach

mich der Poet ernst und flehend. »Er ist glücklich, _wo_ und _wie_ er

ist. Jedes Gefühl der Ehre, der Menschenliebe und des hohen, heiligen

Wohlwollens ermahnt, bestürmt und befiehlt uns, ihn in Ruhe zu lassen.

Das ist echte, wahre Freundschaft.«

Nach einigem weiteren Geplauder wurde es indessen ersichtlich, daß

jeder von uns in seinem innersten Herzen einige Zweifel bezüglich

dieser Erledigung der Sache hegte. Wir fühlten offenbar alle, daß wir

dem armen Schuster _irgend etwas_ senden sollten. Dieser Punkt wurde

lange erwogen, und endlich beschlossen, daß wir ihm ein Farbendruckbild

senden wollten.

Nun aber, da alles ganz zur Zufriedenheit geordnet schien, tauchte eine

neue Schwierigkeit auf: es wurde mir klar, daß die beiden erwarteten,

ich werde das Geld zu gleichen Stücken mit ihnen teilen. Das fiel

mir gar nicht ein; ich sagte, sie könnten von Glück sagen, wenn sie

zusammen die Hälfte bekämen. Rogers sagte darauf:

»Wer würde überhaupt etwas erhalten haben, wenn ich nicht gewesen

wäre? Ich machte die erste Andeutung -- sonst hätte der Schuster alles

bekommen.«

Thompson sagte, daß er in demselben Augenblicke daran gedacht hätte,

als Rogers die erste Andeutung machte.

Ich erwiderte, daß mir der Gedanke bald genug und ohne jede Beihilfe

gekommen sei. »Ich denke vielleicht langsam,« sagte ich, »aber auch

sicher.«

Unsere Erörterung entwickelte sich zu einem Zank, dann zu einem

Faustkampf, bei dem wir alle stark mitgenommen wurden. Sobald ich mein

Aeußeres wieder einigermaßen präsentabel gemacht hatte, begab ich mich

(in recht verdrießlicher Stimmung) aufs Oberdeck. Dort fand ich den

Kapitän und redete ihn so freundlich wie möglich folgendermaßen an:

»Ich bin gekommen, um Abschied zu nehmen, Kapitän; ich möchte bei

Napoleon landen.«

»Wo landen?«

»Bei Napoleon.«

Der Kapitän lachte, da er aber sah, daß ich nicht zum Scherzen

aufgelegt war, fügte er ernster werdend hinzu:

»Ist das Ihr Ernst?«

»Mein voller Ernst.«

Der Kapitän blickte zum Lotsenhaus hinauf und sagte:

»Er will bei Napoleon landen!«

»Bei _Napoleon_?«

»So sagt er.«

»O Geist des großen Cäsar!«

Der Lotse kam auf uns zu, und der Kapitän sagte:

»Onkel, unser guter Freund hier will bei Napoleon landen.«

»Na, da -- --«

»Nun, was soll das?« unterbrach ich ihn. »Kann man denn bei Napoleon

nicht ans Ufer gehen, wenn man will?«

»Ei, zum Henker, wißt Ihr’s denn nicht? Es _giebt_ kein Napoleon mehr,

seit Jahren nicht mehr. Der Arkansas River brach durch, riß alles in

Stücke und schwemmte es in den Mississippi!«

»Nahm die _ganze_ Stadt mit? -- Banken, Kirchen, Gefängnisse,

Zeitungsdruckereien, Gerichtshaus, Theater, Feuerversicherungsgebäude,

Mietställe -- _alles_?«

»Alles. Just das Werk einer Viertelstunde. Ließ weder Haut noch Haar,

weder einen Stein oder Balken noch einen Dachziegel übrig -- einen

Schuppen und einen Kamin aus Backsteinen ausgenommen. Das Boot hier

fährt jetzt gerade da, wo die Mitte der Stadt war; dort ist der Kamin

-- alles, was von Napoleon übrig ist. Diese dichten Wälder zur Rechten

waren sonst eine gute Stunde hinter der Stadt. Seht euch einmal um --

blickt stromaufwärts -- nicht wahr, jetzt erkennt ihr die Gegend nach

und nach wieder?«

»Ja, ich erkenne sie jetzt. Das ist das Wunderbarste, was ich je gehört

habe -- weitaus das Wunderbarste und -- Unerwartetste.«

Mittlerweile waren meine Freunde Thompson und Rogers mit ihren Ränzchen

und Regenschirmen angekommen und hatten dem Kapitän schweigend

zugehört. Thompson drückte mir einen halben Dollar in die Hand und

sagte leise:

»Für meinen Anteil an dem Farbendruck.«

Rogers folgte seinem Beispiel.

Ja, es war erstaunlich, den Mississippi zwischen unbevölkerten Ufern

und gerade über den Ort sich hinwälzen zu sehen, wo ich vor zwanzig

Jahren eine gute, große, behäbige Stadt zu sehen gewohnt war -- eine

Stadt, die der Hauptort eines umfangreichen und blühenden Bezirks

war; eine Stadt, wo ich das hübscheste und liebreizendste Mädchen aus

dem ganzen Mississippithal gekannt hatte; -- jetzt keine Stadt mehr,

verschlungen, verschwunden, eine Beute der Fische! nichts übrig als ein

Stück von einem Schuppen und ein verfallender Backsteinschlot!

Und wo sind die zehntausend Dollars?

[Illustration]

Der Mann, der bei Gadsbys abstieg.

Im Winter 1867 ging ich einmal mit meinem originellen Freund

Riley, der, wie ich, Zeitungskorrespondent in Washington war, die

Pennsylvania-Avenue hinunter. Mitternacht war fast vorüber und ein

heftiger Schneesturm blies uns ins Gesicht, als wir beim Schein einer

Straßenlaterne einen Mann erblickten, der uns entgegengelaufen kam.

Als er unserer ansichtig wurde, blieb er stehen und rief: »Das trifft

sich ja prächtig! Sie sind Herr Riley, nicht wahr?«

Riley besaß mehr Ruhe und Kaltblütigkeit als irgend jemand in der

ganzen Republik. Er stand still, betrachtete den Mann von Kopf bis zu

Fuß und sagte endlich:

»Mein Name ist Riley! Wünschen Sie vielleicht etwas von mir?«

»Jawohl,« sagte der Mann voller Freude, »und ich bin überglücklich,

Sie gefunden zu haben! Ich heiße Lykins und bin Lehrer am Gymnasium in

San Francisco; die dortige Postmeisterstelle ist vakant, ich hab’ mich

darum beworben, und deshalb bin ich jetzt hier.«

»Ja,« sagte Riley langsam und bedächtig, -- »wie Sie ganz richtig

bemerken, Herr Lykins, sind Sie jetzt hier! Und haben Sie die Stelle

bekommen?«

»Noch nicht, aber ich bin auf dem besten Wege dazu. Das Gesuch,

das ich einreichen will, trägt die Unterschriften des Vorstands für

Volksunterricht, sowie sämtlicher Lehrer, und noch zweihundert anderer

Personen. Ich wollte Sie nur fragen, ob Sie die Güte hätten, mich zu

der betreffenden Zivilbehörde zu begleiten, um meine Ueberweisung

auf den Posten ausfertigen zu lassen, denn ich möchte mit dieser

Angelegenheit so schnell wie möglich fertig werden, und bald wieder zu

Hause sein.«

»Wenn die Sache so dringend ist,« versetzte Riley in einem Ton, aus

dem nicht jeder den Spott herausgehört hätte, »so wäre es Ihnen wohl

angenehm, wenn wir den Beamten noch heute abend aufsuchten?«

»Jawohl, heute abend auf jeden Fall, ich habe nicht Zeit, mich lange

herumzutreiben. Noch heute, ehe ich zu Bette gehe, muß ich die Zusage

haben -- ich bin kein Mann von Worten, sondern von Thaten!«

»Sehr wohl, -- und da sind Sie hier am rechten Platze. -- Wann sind Sie

angekommen?«

»Gerade vor einer Stunde.«

»Und wann gedenken Sie wieder abzureisen?«

»Morgen abend nach New York und tags darauf nach San Francisco!«

»Ganz recht, -- und was wollen Sie morgen den Tag über thun?«

»Nun, da muß ich mich doch mit dem Gesuch und der Ueberweisung zum

Präsidenten begeben, um seine Unterschrift zu erhalten, nicht wahr?«

»Jawohl, -- das ist ganz richtig, ganz in der Ordnung, -- und was dann?«

»Dann gehe ich um zwei Uhr nachmittags in die Senatssitzung und hole

mir die Bestätigung, das ist der letzte Schritt.«

Im Gold- und Silberland · 第 19 / 21 段