»Freilich, -- freilich,« sagte Riley wohlbedächtig, »da haben Sie

wieder ganz recht! Dann benutzen Sie den Abendzug nach New York und am

nächsten Morgen das Dampfboot nach San Francisco.«

»So ist es -- ganz wie ich mir die Sache überlegt habe.«

Riley dachte eine Weile nach, dann sagte er:

»Könnten Sie nicht vielleicht einen -- oder zwei Tage länger bleiben?«

»Bewahre, das wäre ganz gegen meine Grundsätze; ich kann nicht lange

herumbummeln, -- ich bin ein Mann der That, wie ich Ihnen schon sagte.«

Mitten im heulenden Sturm und dichtesten Schneewirbel stand Riley

einige Sekunden regungslos da, augenscheinlich in tiefes Nachdenken

versunken: -- dann blickte er auf und sagte:

»Haben Sie wohl je von dem Manne gehört, der eines Tages bei Gadsbys

abstieg? -- Aber ich sehe schon, daß Sie nichts von ihm wissen!«

Damit drängte er Herrn Lykins gegen ein eisernes Gitter, hielt ihn

am Knopfloch fest und -- wie Coleridges alter Matrose -- bannte er

ihn auf die Stelle durch den Blick seines Auges. Dann begann er seine

Erzählung, so friedlich und seelenruhig, als lägen wir alle behaglich

auf einer blumigen Sommerwiese ausgestreckt, anstatt um Mitternacht vom

Wintersturm durchblasen zu werden.

»Ich will Ihnen von dem Mann erzählen: es war zur Zeit des Präsidenten

Jackson und Gadsbys das erste Hotel der Stadt. -- Eines Morgens um 9

Uhr kam dort ein prächtiger vierspänniger Wagen vorgefahren; auf dem

Bock saß ein schwarzer Kutscher und ein wunderschöner großer Hund lief

nebenher. Wirt, Kellner und Hausknecht stürzten herbei, den neuen

Ankömmling zu empfangen. Dieser, ein Herr aus Tennessee, sprang eiligst

heraus, befahl dem Kutscher zu warten, sagte, er habe keine Zeit,

erst noch etwas zu essen, -- er wolle nur eine kleine Schuldforderung

bei der Regierung einkassieren und daher schnell auf das Schatzamt

gehen, um das Geld zu holen; dann müsse er direkt wieder nach Tennessee

zurück, da er große Eile habe.

[Illustration]

Um 11 Uhr abends kam er wieder, ließ die Pferde in den Stall bringen,

bestellte ein Zimmer und meinte, er werde die Forderung am nächsten

Morgen einkassieren. Dies geschah an einem Mittwoch, den 3. Januar

1834. Am 5. Februar verkaufte er den schönen Wagen und schaffte sich

einen billigen, schon gebrauchten an; -- er meinte, darin könne er das

Geld ebenso gut mitnehmen, und auf vornehmes Aussehen lege er kein

Gewicht. Am 11. August verkaufte er das eine Paar Pferde, indem er

bemerkte, es sei doch bequemer mit zwei Pferden über das steile Gebirge

zu fahren, weil dabei große Vorsicht nötig sei; auch werde das Geld,

das er bekäme, nicht zu schwer für einen Zweispänner sein. Am 13.

Dezember verkaufte er das dritte Pferd und meinte, jetzt bei dem klaren

trockenen Winterwetter seien die Straßen in so gutem Zustand, daß _ein_

Pferd das alte Fuhrwerk schnell genug vorwärts bringen könne. -- Am

17. Februar 1835 verkaufte er den alten Wagen und schaffte sich einen

leichten Einspänner an, den er billig bekam. Er meinte, die Wege seien

jetzt vom Frühlingsregen so aufgeweicht, daß jedes andere Gefährt zu

tief einsinken würde, auch habe er schon immer gern versuchen wollen,

wie es sich in einem Einspänner über die Berge fahren lasse. -- Am 1.

August vertauschte er den Einspänner gegen eine kleine Chaise, die

schon lange im Gebrauch war, und meinte, er freue sich ordentlich

darauf, wie seine lieben Landsleute in Tennessee Mund und Augen

aufsperren würden, wenn er in einer Chaise dahercarriolt käme, so etwas

hätten sie gewiß ihr Lebtag nicht gesehen.

Am 29. August verkaufte er auch seinen schwarzen Kutscher und meinte,

auf seiner Chaise sei ja gar nicht Platz für zwei, da könne er keinen

Kutscher brauchen, -- es sei ein reiner Glücksfall, daß er einen Käufer

gefunden, der dumm genug gewesen, 900 Dollars für einen Neger von so

zweifelhafter Qualität zu bezahlen, -- er sei den Kerl längst gern los

gewesen, habe ihn aber doch nicht um ein Spottgeld hergeben mögen.

Anderthalb Jahre später, am 15. Februar 1837, verkaufte er die Chaise,

schaffte sich einen Sattel an und meinte, der Doktor habe ihm schon

mehrmals gesagt, wie gut ihm das Reiten bekommen würde, außerdem würde

es ja die reinste Thorheit sein, mitten im Winter eine Fahrt durch das

Gebirge zu riskieren.

Am 9. April verkaufte er den Sattel und meinte, bei den schmutzigen

schlechten Wegen im April sei so ein Sattel doch ein erbärmliches Ding,

mit dem alle Augenblicke etwas passieren könne; auf dem Pferderücken

fühle er sich noch einmal so sicher, und warum solle er sein Leben

unnütz aufs Spiel setzen?

Am 24. April verkaufte er sein Pferd und meinte: ›Heute ist gerade

mein siebenundfünfzigster Geburtstag, -- ich bin gesund und frisch und

kann mir nichts Angenehmeres denken, als eine Fußtour über die Berge,

in ihrem jungen Frühlingsgrün; es wäre eine wahre Sünde, wenn ich die

Gelegenheit dazu versäumte, um bei dem herrlichen Wetter aufs Pferd

zu steigen! Wenn meine Forderung einkassiert ist, kann ja der Hund

das kleine Bündel mit Leichtigkeit tragen. Morgen in aller Frühe will

ich mich aufmachen und nach einem donnernden Lebewohl bei Gadsbys auf

Schusters Rappen nach Tennessee marschieren.‹

Am 22. Juni verkaufte er seinen Hund und meinte: ›Wenn man so im

Sommer durch Berg und Wald schweift, ist einem ja ein Hund überall im

Wege, er jagt nach Eichhörnchen, bellt Tier und Menschen an, verläuft

sich bald hier, bald dort, gerät in Bäche und Pfützen und läßt einen

keinen Augenblick die schöne Natur in Ruhe genießen! Wenn ich mein

Geld selber trage, ist es ohnehin viel sicherer. Auf einen Hund ist

in Geldsachen kein Verlaß, -- das weiß man aus Erfahrung! Na, lebt

wohl, alte Jungens, -- dies ist mein letzter Besuch, -- morgen mit dem

frühesten bin ich über alle Berge und auf festen Sohlen nach Tennessee

unterwegs!‹« --

* * * * *

Es entstand eine Pause, -- nur der Wind heulte, und der Schnee fiel in

dichten Flocken. Endlich sagte Lykins ungeduldig:

»Nun, und was weiter?«

Riley versetzte:

»Ja, -- das war vor dreißig Jahren!«

»Gut, gut, -- aber was soll das?« --

»Der alte Herr ist mein guter Freund, er besucht mich jeden Abend, um

Abschied zu nehmen. Vor einer Stunde war er bei mir und morgen früh

macht er sich nach Tennessee auf -- wie gewöhnlich, -- er meinte, er

werde seine Forderung einkassiert haben und auf und davon sein, ehe

solche Nachteulen, wie ich, sich den Schlaf aus den Augen reiben. Er

hatte Thränen in den Augen vor Freude, daß er nun bald seine alte

Heimat und seine Freunde wiedersehen werde!« --

Es folgte eine abermalige Pause, die der Fremde unterbrach:

»Ist die Geschichte zu Ende?«

»Ja, das ist alles!«

»Sie war auch lang genug, bei dieser Nachtzeit und in solchem Wetter.

Aber was wollen Sie denn damit sagen?«

»O, nichts Besonderes!«

»Ich meine, was soll sie eigentlich bedeuten?«

»Eine besondere Bedeutung hat sie nicht, -- ich dachte nur so, daß,

wenn Sie nicht in gar zu großer Eile sind, mit Ihrer Anstellung als

Postmeister nach San Francisco zurückzukommen, so würde ich Ihnen

raten, bei Gadsbys abzusteigen, und sich Zeit zu nehmen. Leben Sie

wohl, ich wünsche Ihnen recht viel Glück!«

Dabei wandte sich Riley mit freundlicher Miene zum Gehen und ließ den

verblüfften Schullehrer regungslos unter der Straßenlaterne stehen, die

ihren hellen Schein auf den von Schneeflocken ganz weißen Mann warf. --

Die Postmeisterstelle hat er aber nie erhalten.

Die Geschichte des Invaliden.

Ich sehe aus wie ein verheirateter Sechziger; es ist die Folge

meiner angegriffenen und durch Leiden mitgenommenen Gesundheit; in

Wirklichkeit bin ich Junggeselle und erst einundvierzig Jahre alt.

Sie werden es kaum glauben können, daß ich, jetzt einem Schatten

gleichend, vor kaum zwei Jahren noch frisch und gesund war -- ein Mann

von Eisen, ein wahrer Athlet! -- und doch ist es die reine Wahrheit.

Noch seltsamer aber ist die Art und Weise, wie ich meine Gesundheit

einbüßte. Ich verlor sie, weil ich einst in einer Winternacht, während

einer Eisenbahnfahrt von fünfzig Meilen, auf eine Kiste mit Gewehren

achtgeben half. Ich will Ihnen die ganze Geschichte erzählen.

Ich bin zu Cleveland, Staat Ohio, zu Hause. Vor zwei Jahren kam ich

einmal beim Anbruch der Nacht während eines heftigen Schneesturms heim

und erfuhr, sobald ich ins Haus trat, daß mein liebster Jugendfreund

und Schulkamerad, John B. Hackett, tags vorher gestorben war; sein

letzter Wunsch sei gewesen, ich möge seine sterblichen Ueberreste

zu seinen armen, alten Eltern nach Wisconsin geleiten. Ich war sehr

erschüttert und bekümmert, durfte aber keine Zeit mit Gemütsbewegungen

verlieren; ich mußte sogleich aufbrechen. Ich steckte die Karte, auf

welcher ›Dekan Levi Hackett, Bethlehem, Wisconsin‹ stand, zu mir und

eilte durch den heulenden Sturm der Bahnstation zu. Dort angelangt,

fand ich die lange weißtannene Kiste vor, die mir beschrieben worden

war. Ich befestigte die Karte mit einigen Stiften daran, überzeugte

mich, daß die Kiste sicher in einem Expreßwagen untergebracht wurde,

und eilte dann in das Speisezimmer, um mich mit einem belegten

Butterbrot und einigen Cigarren zu versorgen. Als ich herauskam, stand

meine Sargkiste wieder da und ein junger Mensch machte sich mit einer

Karte, einigen Stiften und einem Hammer in der Hand, daran zu schaffen.

Ich war erstaunt und verblüfft. Er begann seine Karte anzunageln

und ich eilte ziemlich aufgeregt hinaus zu dem Expreßwagen, um eine

Erklärung zu verlangen. Aber siehe -- da war ja meine Kiste, sie lag im

Güterwagen genau auf dem alten Fleck.

[Thatsächlich hatte eine großartige Verwechslung stattgefunden,

ohne daß ich etwas davon ahnte. Ich nahm die Kiste mit Gewehren

mit, welche jener junge Mann an eine Schützengesellschaft in

Peoria in Illinois abliefern sollte, während _er_ mit dem

meiner Obhut anvertrauten Leichnam abreiste!]

Ich hatte mich kaum überzeugt, daß meine Kiste da war, als der

Kondukteur rief: »Einsteigen!« Ich sprang rasch in den Packwagen und

machte mir einen bequemen Sitz auf einem Ballen zurecht. In demselben

Wagen fuhr der Güterschaffner, ein biederer Mann in den Fünfzigern,

mit offenem, ehrlichem, gutmütigem Gesicht. Er hatte alle Hände voll

zu thun. Als der Zug abfuhr, sprang ein Fremder an den Wagen und

legte einen Pack mit besonders reifem und kräftigem Limburger Käse

auf das eine Ende meiner vermeintlichen Sargkiste. Das heißt, ich

weiß jetzt, daß es Limburger Käse war, damals aber war mir der Inhalt

des Packets unbekannt. Wir flogen eilig dahin durch die rauhe Nacht,

der Sturm tobte fort. Eine große Niedergeschlagenheit bemächtigte

sich meiner, mein Herz wurde schwerer und immer schwerer. Der alte

Schaffner machte ein paar heitere Bemerkungen über den Sturm und das

Nordpolwetter, schloß die Schiebethüren und Fenster recht dicht und

ging dann geschäftig und ein Liedchen summend hin und her, indem er

das Gepäck zurechtsetzte. Bald fiel mir auf, daß sich ein äußerst

übler, durchdringender Geruch in der eiskalten Atmosphäre des Wagens

verbreitete; das machte mich noch niedergeschlagener, weil ich es

natürlich meinem armen abgeschiedenen Freunde zuschrieb. Es lag etwas

tief Trauriges darin, daß er sich mir in dieser stummen, pathetischen

Weise ins Gedächtnis zurückrief, und so konnte ich nur mit Mühe die

Thränen zurückhalten; nebenbei war ich auch besorgt, der alte Schaffner

könne etwas merken. Er summte indessen ruhig weiter. Trotzdem fühlte

ich mich mit jeder Minute unbehaglicher, denn der Geruch wurde immer

stärker, schon mehr ~hautgoût~. Nachdem der Schaffner alles zu seiner

Zufriedenheit geordnet hatte, holte er einen Arm voll Holz und heizte

in seinem Ofen tüchtig ein. Das that mir über die Maßen leid; denn

ich war überzeugt, daß die Wärme eine schädliche Wirkung auf meinen

armen abgeschiedenen Freund ausüben müsse. Thompson -- der Schaffner

hieß Thompson, wie ich im Laufe der Nacht erfuhr -- ging jetzt die

Wände betastend im Wagen umher, verstopfte alle Löcher und Ritzen, und

bemerkte vergnügt, es möge nun draußen Wetter sein, welches es wolle,

er werde es uns schon behaglich machen. Ich sagte nichts, zweifelte

aber, ob er es richtig anfing. In einer Weile wurde der Ofen immer

heißer und die Luft immer schwüler. Ich fühlte, daß mir übel und weh

wurde, trug aber mein Leid im stillen und sagte nichts. Bald bemerkte

ich, daß das Summen des Schaffners immer schwächer wurde, endlich hörte

es ganz auf, und es herrschte eine unheimliche Stille. Nach einigen

Augenblicken sagte Thompson:

»Pfui! na, Zimmetholz war’s nicht, was ich in den Ofen steckte!«

Er schnappte ein paarmal nach Luft, schritt dann auf die Kiste zu,

stand einen Augenblick ganz nahe bei dem Limburger, ging dann wieder

weg und setzte sich, augenscheinlich stark ›verschnupft‹ neben mich.

Nach einigem Besinnen sagte er, mit dem Finger auf die Kiste zeigend:

»Freund von Ihnen?«

»Ja,« sagte ich mit einem Seufzer.

[Illustration]

»Ziemlich reif, wie’s scheint!«

Etwa zwei Minuten lang wurde nichts weiter gesagt, da jeder mit seinen

eigenen Gedanken beschäftigt war; dann sagte Thompson in leisem,

friedlichem Tone:

»Manchmal weiß man nicht recht, ob sie ganz hinüber sind; es scheint

oft nur so, wenn man sie anfühlt. Habe Fälle in meinem Wagen gehabt,

besonders während des Krieges, -- ich sag’ Ihnen, schauderhaft! Jeden

Augenblick konnte man erwarten, daß sich so einer erhob und einen

anglotzte.« Dann fügte er nach einer Pause hinzu, indem er mit dem

Ellenbogen nach der Kiste zeigte: »Na, der da ist nicht scheintot! Für

den stehe ich ein.«

Wir saßen einige Zeit schweigend und nachdenklich da, lauschten dem

Sausen des Windes und dem Gerassel des Bahnzugs; dann sagte Thompson

gefühlvoll:

»Nun, nun, wir werden alle einmal ›reif‹, das ist nun einmal nicht

zu ändern. Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt nur eine kurze Zeit,

sagt die Schrift. Ja, man mag es betrachten, wie man will, es ist

furchtbar ernsthaft und wunderbar: Es giebt niemand, der’s ändern

kann, alle müssen fort, einer wie der andere. Heute ist man frisch und

gesund« -- hier unterbrach er sich, schnellte auf, riß ein Fenster auf

und streckte seine Nase ein paar Augenblicke hinaus, dann setzte er

sich wieder, während ich aufstand und meine Nase an derselben Stelle

hinausstreckte, und so wechselten wir immer ab -- »und am nächsten Tag

wird er niedergemäht wie das Gras, wie es in der Schrift steht. Ja,

wahrhaftig -- ’s ist eine furchtbar ernste und feierliche Sache; aber

wir müssen alle gehen, früher oder später; ’s läßt sich nicht ändern.«

Es folgte wieder eine lange Pause, dann fragte Thompson:

»Woran starb er denn?«

Ich antwortete, es sei mir unbekannt.

»Wie lange ist er denn schon tot?«

Um nicht, wegen des Geruchs, zu wenig zu sagen, antwortete ich:

»Zwei oder drei Tage.«

Aber es half nichts; Thompson nahm es mit einer ungläubigen Miene auf,

die deutlich besagte: Sie wollen wohl sagen: »Zwei oder drei _Jahre_!«

Meine Angabe stillschweigend ignorierend, fuhr er dann ruhig fort, mir

seine Ansicht auseinanderzusetzen über die Thorheit, Begräbnisse lang

aufzuschieben. Dann schritt er zu der Kiste, blieb einen Augenblick

davor stehen, kam eilig zurück und stattete dem Fenster einen Besuch

ab, wobei er bemerkte:

»Es wäre in jeder Hinsicht besser gewesen, wenn Sie ihn letzten Sommer

fortgeschafft hätten.«

Thompson setzte sich nieder, begrub sein Gesicht in einem rotseidenen

Taschentuch und begann sich langsam hin- und herzuwiegen wie einer, der

sich wohl oder übel in das Unvermeidliche schickt. Mittlerweile war der

Duft -- wenn man das noch Duft nennen darf -- zum Ersticken geworden.

Thompsons Gesicht wurde aschgrau; das meine -- ich fühlte es -- war

leichenfahl. Zur Abwechslung stützte Thompson den Kopf in die linke

Hand, den Ellbogen auf dem Knie; mit der andern Hand fuchtelte er mit

dem Taschentuch gegen die Kiste und sagte:

»Bin schon mit vielen gefahren -- manche davon waren beträchtlich

angegangen -- aber, weiß der Himmel, der schlägt sie alle um ein

Dutzend Nasenlängen, mit Leichtigkeit. Ich versichere Sie, die anderen

waren ~Eau de Cologne~ gegen _ihn_!«

Ich nahm das Kompliment für meinen Freund, trotz der betrübenden

Nebenumstände, nicht ohne Genugthuung auf.

Es wurde uns sehr bald klar, daß etwas geschehen müsse. Ich schlug

Cigarren vor; Thompson war damit einverstanden.

»Vielleicht mildert’s etwas,« meinte er.

Wir pafften hübsch drauf los und bildeten uns eine Weile ein, daß der

Zustand sich gebessert habe; aber es half nichts. Sehr bald, wie auf

ein verabredetes Zeichen, ließen wir beide gleichzeitig unsere Cigarren

den kraftlosen Fingern entfallen. Thompson sagte mit einem Seufzer:

»Nein, Freund, das macht ihn nicht um ein Haar milder. Ich behaupte, es

macht ihn nur wilder. Was sollen wir aber machen, he?«

Ich war nicht im stande, etwas vorzuschlagen, ich hatte während der

ganzen Zeit gewürgt und gewürgt und hielt es nicht für geraten, den

Mund zu öffnen. Thompson begann in abgebrochenen Sätzen über die

dumme Geschichte zu brummen, wobei er meinen Freund verschiedentlich

titulierte; die Titel wurden immer größer, je eifriger er redete.

Schließlich sagte er:

»Wissen Sie was? Wir sollten unsern Oberst[6] weiter an das andere Ende

des Wagens bringen, etwa zehn Fuß. Er kann sich dann nicht so geltend

machen.«

[6] Titulatur, mit der man in Amerika stark um sich wirft.

Das leuchtete mir ein. Wir schöpften also am Fenster gehörig Atem und

faßten dann die Kiste mit dem Käse an. Thompson nickte ›Fertig‹, worauf

wir mit aller Macht auslangten; aber Thompson glitt aus, stieß mit der

Nase auf den Käse und verlor fast den Atem. Schnappend und keuchend

rappelte er sich empor und wankte auf die Thüre zu, wobei er mir heiser

zurief: »Lassen Sie mich! Ich muß sterben! Luft! Luft!« Draußen auf der

kalten Plattform kam er bald wieder zu sich und fragte mich:

»Was meinen Sie, lassen wir unsern Generalissimus liegen, wo er liegt?

-- ich fürchte, wenn er noch mehr aufgestöbert wird, wird er immer

unangenehmer.«

»Ja, ja,« entgegnete ich, »es wird am besten sein, wir lassen ihn, wo

er ist, da er es einmal so haben will; denn wissen Sie, er hat alle

Trümpfe in der Hand, und wenn ihm da einer in die Quere kommt, kann’s

ihm schlecht bekommen.«

Da wir in dem rasenden Sturm nicht draußen bleiben konnten, gingen wir

wieder hinein und schlossen die Thüre. Unser Leid begann von neuem

und wir lösten uns abwechselnd an dem Fenster ab. Später, als wir von

einer Station abfuhren, wo der Zug einige Minuten gehalten hatte, kam

Thompson triumphierend herein und rief:

»So, jetzt ist’s gut! Diesmal kriegen wir Se. Excellenz unter. Da hab’

ich einen Stoff, vor dem er gewiß die Waffen streckt.«

Es war eine Flasche voll Karbolsäure. Er spritzte davon überall umher,

ja er tränkte buchstäblich alles damit -- Kiste, Käse und alles andere.

Dann setzten wir uns nieder -- ziemlich zuversichtlich; aber unser

Hoffen währte nicht lange. Statt sich zu bekämpfen und zu paralysieren,

vermischten sich die beiden Gerüche friedlich und stanken ~unisono~ um

die Wette. Wir griffen bald nach der Thüre, und draußen sagte Thompson

ziemlich kleinlaut:

»Es hilft nichts; wir können nicht gegen ihn ankommen. Hören Sie,

Freund, es ist jetzt hundertmal schlimmer drinnen als anfangs. Hab’ nie

erlebt, daß einer so verdammt forsch ins Zeug geht -- wahrhaftig nicht,

Herr, seit ich diese Strecke befahre; und ich habe doch manchen von

ihnen mitgenommen, wie ich Ihnen schon sagte.«

Wir gingen wieder hinein, nachdem wir tüchtig durchgefroren waren,

aber es war drinnen kaum zum aushalten. Es blieb uns nichts übrig,

als abwechselnd hinaus und hinein zu gehen; eine Abwechslung zwischen

Erfrieren und Auftauen. Nach einer Stunde etwa hielten wir an einer

andern Station; beim Abfahren kam Thompson mit einem Bündel herein und

sagte:

»Ich will’s nochmals mit ihm versuchen -- nur dieses eine Mal noch;

wenn wir ihm diesmal nicht beikommen, so bleibt nichts übrig, als die

Karten wegzuwerfen und das Spiel aufzugeben. Das ist meine Meinung.«

Er hatte ein paar Handvoll Hühnerfedern, gedörrte Aepfel, Blättertabak,

Kleiderfetzen, alte Schuhe, Schwefel, ~Asa foetida~ und noch einiges

andere mitgebracht; häufte alles auf einem Eisenblech in der Mitte des

Wagens auf und zündete es an. Das Vorausgegangene war reinste Poesie

gegen diesen Geruch, -- ich dachte, davor müsse selbst eine Leiche die

Segel streichen, aber fehlgeschlagen! Der ursprüngliche Geruch stieg

empor, gerade so triumphierend wie zuvor -- ja diese andern Gerüche

schienen ihm nur eine feste Basis zu verleihen. Ich stellte diese

Betrachtung nicht drinnen an -- dazu war ja keine Zeit gewesen, --

sondern draußen auf der Plattform. Auf der Flucht nach der Plattform

war Thompson betäubt hingefallen, und bis ich ihn am Rockkragen

hinausgeschleppt hatte, war ich selbst halbtot. Als wir wieder zu uns

kamen, sagte Thompson verzagt:

»Wir müssen hier außen bleiben, Freund, das müssen wir unbedingt. Es

geht nicht anders. Der Alte will einmal allein reisen -- seine Mittel

erlauben ihm das!«

Und sogleich fügte er hinzu:

»Wissen Sie auch, daß wir _vergiftet_ sind? ’s ist unsere letzte Fahrt,

darauf können Sie wetten. Da wird mindestens der Typhus draus. Ich

fühl’ es schon kommen.«

Eine Stunde später hielt der Zug bei der nächsten Station, wo man uns

erstarrt und besinnungslos auf der Plattform liegen fand; ich verfiel

sogleich in ein hitziges Fieber, und kam drei Wochen lang nicht zum

Bewußtsein. Ich erfuhr alsdann, daß ich jene entsetzliche Nacht

neben einer harmlosen Gewehrkiste und einem Laib unschuldigen Käses

zugebracht hatte. Aber die Nachricht kam zu spät zu meiner Rettung:

die Phantasie hatte ihr Werk vollbracht, und meine Gesundheit war für

immer zerrüttet; weder Italien noch ein anderes Land können sie mir

zurückgeben. Es geht mit mir zu Ende; ich bin auf dem Wege nach Hause,

um dort zu sterben!

[Illustration]

Verlag von Robert Lutz in Stuttgart

Deutsche Denkstätten in Italien

Von Robert Kohlrausch

Mit vielen Illustrationen von =A. H. Pellegrini=

Schön ausgestattet. Geh. M. 6.--, in Lwd. geb. M. 7.--

Zweite Auflage

Einige Urteile der Presse:

_Hannoverscher Courier_:

... So hat Robert Kohlrausch ganz Italien durchwandert und überall

mit dem Verständnis und dem scharfen Blick des Historikers die Spuren

der Ahnen betrachtet. Und ein anderes kam hinzu, diese historische

Betrachtung für ihn und den Leser fruchtbar zu machen: die Gabe, das in

Palästen, Kirchen u. Museen, auf Denkmälern, Bildern u. Schlachtfeldern

als Denkzeichen deutschen Wesens, deutschen Geistes und deutschen

Wirkens Erkannte in dichterischer Verklärung zu schauen u. längst

Vergangenes und Verklungenes mit lebendigem Gegenwartsbewußtsein zu

erfüllen ... =Ein inhaltsreiches Werk, das dem Leser eine Fülle von

neuen Eindrücken vermittelt.= ... Möchten die »Deutschen Denkstätten in

Italien« =in vielen deutschen Häusern Leser und Freunde finden=.

_Reclams Universum_:

... Stille Wehmut klingt aus seinen Zeilen heraus über all die unnütz

vergossenen Ströme deutschen Blutes, und zugleich ein Ton lauterer

Freude über das gewesene Große, Heldenhafte und Schöne, von dem uns so

wenig mehr geblieben ist als eine große Erinnerung.

_Breslauer Morgenzeitung_:

Kohlrausch’s Buch bringt eine Fülle historischen Materials, aber es

vermeidet sehr glücklich die bloße Aneinanderreihung geschichtlicher

Vorgänge. =Vielmehr liest es sich wie ein gewaltiges Epos=, dessen

einzelne Kapitel die mannigfaltigen Schicksale der deutschen Stämme und

Fürstengeschlechter bilden, die um Italiens Besitz gerungen. Kohlrausch

hat viel Fleiß verwendet, =aber noch weit höher ist die dichterische

Kraft zu bewerten=, mit der er die großen Erinnerungsstätten einer an

gewaltigen Tragödien reichen Vergangenheit wieder mit dem vollen Glanze

umkleidet, den sie dereinst besessen haben. Alle, die die Schritte

nach dem Süden lenken, werden gut tun, Kohlrausch’s Buch als kundigen

Reisebegleiter mit sich zu nehmen.

_Posener Zeitung_:

Im Gold- und Silberland · 第 20 / 21 段