Es ist doch merkwürdig, wie eine Geschichte im Laufe der Zeit

durch das schlechte Gedächtnis der Menschen verfälscht wird! Finn

verbrannte nämlich nicht im Stockhaus, sondern starb eines natürlichen

Todes in einem Lohfaß, an einer Kombination von ~Delirium tremens~

und Selbstverbrennung. Wenn ich sage eines natürlichen Todes, so

meine ich damit, daß es für Jimmy Finn ein natürlicher Tod war. Das

Stadthausopfer war gar kein Einheimischer, sondern ein armer Fremder,

ein harmloser Landstreicher und Schnapssäufer. Ich kenne seinen Fall

genauer als sonst jemand; ja, es gab eine Zeit, wo ich mehr davon

wußte als mir lieb war und ich mich hütete, davon zu sprechen. Jener

Landstreicher wanderte, eine Pfeife im Munde, eines kühlen Abends in

den Straßen umher und bat um ein Zündholz; er bekam weder Zündholz noch

sonstige Aufmerksamkeiten -- im Gegenteil: ein Trupp böser kleiner

Buben folgte ihm auf den Fersen und vergnügte sich damit, ihn zu necken

und zu ärgern. Ich war auch dabei, aber eine flehentliche Bitte um

Schonung, die der Wanderer stellte und mit einem eindringlichen Hinweis

auf seine verlassene und freundlose Lage begleitete, rührte den Rest

von Schamgefühl und richtiger Empfindung in mir: ich ging fort, holte

ihm einige Streichhölzchen und eilte dann nach Hause und zu Bette,

schwer belastet im Gewissen und in nicht sehr gehobener Stimmung. Ein

paar Stunden später wurde der Mann arretiert und von dem Marschall

-- ein großer Name für einen Polizeidiener, aber das war sein Titel

-- in das Stockhaus gesperrt. Um zwei Uhr des Morgens verkündeten

die Kirchenglocken Feuer, und alles verließ natürlich die Häuser --

ich mit den übrigen. Der Landstreicher hatte seine Zündhölzchen in

verderblicher Weise gebraucht: er hatte seinen Strohsack angezündet,

und die Flamme hatte die eichene Vertäfelung des Zimmers ergriffen.

Als ich den Platz erreichte, standen zweihundert Männer, Frauen und

Kinder, von Entsetzen durchdrungen, dicht beisammen und starrten auf

die vergitterten Kerkerfenster. Hinter den Eisenstäben, an denen er

wie rasend zerrte, stand der Landstreicher und schrie um Hilfe. Er sah

aus wie ein schwarzer Fleck, der sich von der Sonne abhebt, so weiß

und intensiv war das Licht hinter seinem Rücken. Der Marschall war

nicht zu finden, und er besaß den einzigen Schlüssel. Rasch wurde ein

Mauerbrecher improvisiert, und der Donner seiner Stöße gegen die Thür

tönte so ermutigend, daß die Zuschauer in wildes Jauchzen ausbrachen

und die barmherzige That schon gelungen glaubten. Aber dem war nicht

so. Die Balken waren zu stark; sie gaben nicht nach. Man sagte, daß

der Mann noch im Tode die Eisenstäbe fest umklammert hielt und daß das

Feuer ihn in dieser Stellung umhüllte und verzehrte. Ich selbst weiß

nichts Bestimmtes darüber.

[Illustration]

Ich sah sein Gesicht in jener oben beschriebenen Stellung eine lange

Zeit nachher noch jede Nacht; und ich glaubte mich so schuldig an dem

Tode des Mannes, als ob ich ihm die Streichhölzchen absichtlich gegeben

hätte, damit er sich damit verbrennen sollte. Ich zweifelte nicht im

geringsten, daß ich gehängt werden würde, falls etwa meine Beteiligung

an dieser Tragödie zu Tage käme. Die Ereignisse und Eindrücke jener

Zeit sind unauslöschlich in mein Gedächtnis eingebrannt. Wenn jemand

von jener gräßlichen Geschichte sprach, war ich augenblicklich

ganz Ohr und lauschte gierig auf jedes Wort, denn ich erwartete und

fürchtete stets zu entdecken, daß man mich beargwöhne; so fein und

empfindlich war die Wahrnehmungsgabe meines schuldigen Gewissens, daß

es oft in den unverfänglichsten Aeußerungen einen Verdacht entdeckte,

sogar in Mienen, Gebärden und Blicken, die keine Bedeutung hatten, die

mich aber trotzdem mit panischem Schrecken erfüllten und von dannen

jagten. Wenn jemand (und wäre es auch höchst sorg- und absichtslos

gewesen) die Bemerkung fallen ließ: »Der Mord muß endlich ans Licht

kommen,« so machte mich das ganz elend. Für einen Knaben von zehn

Jahren trug ich schon ein hübsch gewichtiges Sorgenbündel.

Während dieser ganzen Zeit dachte ich glücklicherweise nicht daran, daß

ich die Gewohnheit hatte, im Schlafe zu sprechen. Eines Nachts aber

erwachte ich und sah, daß mein Schlafkamerad -- mein jüngerer Bruder --

aufrecht im Bette saß und mich beim Mondscheine betrachtete. Ich sagte:

»Was hast du denn?« --

»Du plauderst so viel, daß ich nicht schlafen kann.«

Ich richtete mich augenblicklich im Bette auf. Mein Puls stockte und

die Haare standen mir zu Berge.

»Was hab’ ich denn gesagt? Rasch -- heraus damit -- was hab’ ich

gesagt?«

»Nichts Besonderes.«

»Das ist eine Lüge -- du weißt alles.«

»Alles --? Wovon denn? worüber?«

»Du weißt es recht gut: _davon_.«

»Wovon? -- ich weiß nicht, wovon du redest. Ich glaube, du bist krank

oder nicht bei Sinnen oder sonst ’was. Nun, jedenfalls bist du jetzt

wach, und ich will versuchen, ob ich wieder einschlafen kann.«

Er schlief sofort ein, während ich in kaltem Schweiß gebadet dalag.

Der Schreck hatte mich beinahe gelähmt und ich war keines andern

Gedankens mehr fähig als: ›Wieviel habe ich enthüllt?‹ ›Wieviel

weiß er?‹ -- Welche Qual war diese Ungewißheit! Nach und nach aber

entwickelte sich eine Idee in mir -- ich wollte meinen Bruder aufwecken

und ihn mit einem unterschobenen Fall auf die Probe stellen. Ich

schüttelte ihn wach und sagte:

»Angenommen, ein Mann käme betrunken zu dir --«

»Das ist Unsinn -- ich betrinke mich nie.«

»Ich meine nicht dich, du Dummkopf -- ich meine den Mann. Angenommen

ein _Mann_ käme betrunken zu dir und borgte ein Messer oder einen

Tomahawk oder ein Pistol, und du vergäßest ihm zu sagen, daß es geladen

sei, und -- --«

»Wie kannst du einen Tomahawk laden?«

»Ich meine nicht den Tomahawk und sagte es auch nicht, ich sagte das

Pistol. Und nun unterbrich mich nicht fortwährend in dieser Weise, denn

die Sache ist ernst. Es ist ein Mann getötet worden.«

»Was! in unserer Stadt?«

»Ja, in unserer Stadt.«

»Nun, fahre fort -- ich will kein einziges Wort mehr sagen.«

»Nun also: angenommen, du vergäßest, ihm zu sagen, er solle sorgfältig

damit umgehen, weil es geladen sei, und er ginge nun hin und erschösse

sich mit jenem Pistol -- indem er damit spielt, weißt du, und

wahrscheinlich zufällig, da er betrunken ist. Nun, wäre das ein Mord?«

»Nein, -- ein Selbstmord.«

»Nein, nein. Ich meinte nicht seine That, sondern _deine_: wärest du

ein Mörder, weil du ihm jenes Pistol gabst?«

Nach tiefem Nachdenken erfolgte die Antwort:

»Nun, es scheint mir, als hätte ich mich dann schuldig gemacht -- des

Mordes, vielleicht -- ja, wahrscheinlich des Mordes, aber ich weiß

nicht recht.«

Das machte mich sehr unruhig; indessen war es doch kein entscheidendes

Urteil. Ich mußte ihm am Ende die wahre Sachlage erzählen -- es schien

kein anderer Ausweg vorhanden. Aber ich wollte es vorsichtig thun und

begann also:

»Ich habe das vorigemal einen Fall ersonnen, aber jetzt komme ich

zu dem wirklichen. Weißt du, wie es kam, daß der Mann im Stockhaus

verbrannte?«

»Nein.«

»Hast nicht die geringste Idee davon?«

»Nicht die geringste.«

»Willst auf der Stelle sterben, wenn’s nicht so ist?«

»Ja, will auf der Stelle sterben.«

»Nun, die Sache war so. Der Mann verlangte Streichhölzchen, um seine

Pfeife anzuzünden. Ein Knabe holte sie ihm; der Mann zündete mit eben

diesen Streichhölzchen das Stockhaus an und verbrannte sich selbst.«

»Ist das so?«

»Ja, es ist so. Glaubst du nun, daß jener Knabe ein Mörder ist?«

»Das kommt darauf an. -- Der Mann war betrunken?«

»Ja, er war betrunken.«

»Stark betrunken?«

»Ja.«

»Und der Knabe wußte es?«

»Ja, er wußte es.«

Es folgte eine lange Pause, dann wurde das harte Urteil verkündigt:

»Wenn der Mann betrunken war und der Knabe es _wußte_, so hat der Knabe

jenen Mann ermordet. Das ist sicher.«

Durch alle Fibern meines Körpers schlich sich ein Gefühl, als müßte

ich krank und ohnmächtig umsinken; es war mir wie einem Menschen zu

Mute, dem sein Todesurteil verkündet wird. Ich wartete, um zu hören,

was mein Bruder weiter sagen würde; mir ahnte, was es sein würde, und

ich täuschte mich nicht. Er sagte:

»Ich kenne den Knaben.«

Ich hatte nichts zu sagen, und so schwieg ich. Ich schauderte einfach.

Dann fügte er hinzu:

»Ja, ehe du die Geschichte halb erzählt hattest, wußte ich ganz genau,

wer der Knabe war; es war Ben Coontz!«

Ich raffte mich aus meiner Betäubung empor, wie einer, der vom Tode

aufersteht, und sagte verwundert:

»Ei, wie in aller Welt hast du das erraten?«

»Du hast es im Schlafe gesagt.«

Ich dachte bei mir selbst: »Famos! Das ist eine Gewohnheit, die

gepflegt werden muß.«

Mein Bruder plapperte unschuldig weiter:

»Als du im Schlafe sprachst, murmeltest du immerwährend etwas von

Streichhölzchen, woraus ich nicht klug werden konnte; eben jetzt aber,

als du mir von dem Manne und den Streichhölzchen und dem Stockhaus zu

erzählen begannst, erinnerte ich mich, daß du Ben Coontz zwei- oder

dreimal erwähntest; und so setzte ich mir denn dies und jenes zusammen

-- siehst du -- und wußte so augenblicklich, daß Ben den Mann verbrannt

hat.«

Ich lobte seinen Scharfsinn über die Maßen, und er fragte mich dann:

»Willst du ihn dem Gericht überliefern?«

»Nein,« sagte ich; »ich glaube, daß er sich die Lektion zu Herzen

nehmen wird. Ich werde natürlich ein Auge auf ihn haben, denn das

gehört sich; aber wenn er in sich geht und sich bessert, soll man nie

sagen, daß ich ihn verraten habe.«

»Wie gut du bist!«

»Das nicht, aber ich strebe danach; mehr kann man in dieser Welt nicht

thun.«

Und jetzt, da meine Bürde auf andere Schultern gewälzt war, schwanden

meine Sorgen und Befürchtungen wie Butter an der Sonne.

Ritters Geschichte.

Gegen Ende des Jahres 186-- brachte ich einige Monate in München zu. Im

November war ich bei Fräulein Dahlweiner, Karlsstraße 1 ~a~, in Kost;

meine Wohnung aber befand sich ein halbes Stündchen von dort entfernt,

im Hause einer Witwe, welche an ledige Herren Zimmer vermietete und wo

ich Gelegenheit fand, mich in der deutschen Sprache zu üben.

Eines Tages, während einer Wanderung durch die Stadt, besuchte ich

eines der zwei Gebäude, wo die Obrigkeit die Leichname aufbewahrt

und überwachen läßt, bis die Aerzte entscheiden, daß sie wirklich

tot und nicht scheintot sind. Es war ein schauerlicher Ort, jener

geräumige Saal. Mit den Rücken auf schrägen Brettern ausgestreckt,

lagen sechsunddreißig Leichname von Erwachsenen in drei langen

Reihen -- alle mit wachsbleichen, starren Gesichtern, alle in weiße

Leintücher gehüllt. An den Seiten des Saales waren tiefe Nischen,

wie Bogenfenster, und in jeder lagen marmorbleiche Kinder, im ganzen

vierzehn, -- gänzlich verborgen und begraben unter Blumen; nur die

Gesichter und die gekreuzten Hände waren zu sehen. Jede dieser fünfzig

stillen Formen, groß und klein, hatte an einem Finger der rechten Hand

einen Ring, von dem ein Draht zur Decke und von da zu einer Glocke in

ein Wachtzimmer drüben ging, wo Tag und Nacht ein Wächter saß, um zur

Hilfe herbeizueilen, sobald einer von jener bleichen Gesellschaft aus

dem Todesschlaf erwachen und eine Bewegung machen sollte -- denn jede,

selbst die leiseste Bewegung bringt Draht und Glocke in Thätigkeit. Ich

versetzte mich unwillkürlich in die Lage solch eines Totenwächters, der

in einer stürmischen, finstern Nacht plötzlich aus dem Halbschlummer

durch den Klang jenes unheimlichen Signals aufgeschreckt und bis ins

tiefste Mark erschüttert wird. Wie -- so fragte ich mich -- wenn der

Wächter beim Anblick des lebendig gewordenen Toten von einem Schlag

getroffen würde? -- und wenn dann der Mann, der eben noch ein Leichnam

gewesen, seinem Totenwärter, der jetzt selbst im Verscheiden ist,

liebreich Beistand leistete? Aber ich machte mir Vorwürfe, an einem so

feierlichen und traurigen Orte meine Phantasie mit so thörichten Fragen

zu beschäftigen, und schlich von dannen.

Am nächsten Morgen erzählte ich der Witwe von meinem Besuch, worauf sie

ausrief:

»Kommen Sie mit! Ich habe einen Zimmerherrn, der früher Leichenwärter

dort war; der kann Ihnen über alles Auskunft geben.«

Er lag im Bette und sein Kopf war hoch auf Polster gebettet; sein

Gesicht war abgezehrt und farblos; seine tief eingesunkenen Augen

geschlossen; seine auf der Brust ruhende Hand sah aus wie eine Kralle,

so knochig und langfingerig war sie. Die Witwe machte uns mit einander

bekannt. Die Augen des Kranken öffneten sich langsam und funkelten

grimmig aus ihren Höhlen; er runzelte finster die Stirne, erhob seine

magere Hand und winkte uns gebieterisch weg. Die Witwe aber ließ sich

dadurch nicht irre machen und sagte ihm, daß ich ein Fremder, ein

Amerikaner sei. Das Gesicht des Kranken änderte sofort seinen Ausdruck,

hellte sich auf und verriet eine lebhafte Neugierde; -- im nächsten

Augenblicke waren er und ich allein beisammen.

Ich begann in schwerfälligem Deutsch; er antwortete in fließendem

Englisch; darauf ließen wir die deutsche Sprache fallen.

[Illustration]

Dieser Schwindsüchtige und ich wurden gute Freunde. Ich besuchte ihn

jeden Tag, und wir plauderten über alles Mögliche -- ausgenommen

Weiber und Kinder. Sobald jemands Weib oder Kind erwähnt wurde,

erfolgte stets dreierlei: in den Augen des Mannes glänzte einen Moment

das freundlichste, zärtlichste und liebevollste Licht; im nächsten

Augenblick verschwand es und an seiner Stelle erschien jener grimmige

Blick, den ich bemerkt hatte, als ich ihm zuerst in die Augen sah; und

drittens enthielt er sich von nun an den ganzen Tag über gänzlich der

Rede, lag schweigend, geistesabwesend und wie in Gedanken versunken

da, nahm von meinem ›Adieu‹ keinerlei Notiz und sah und hörte offenbar

nicht, wie ich das Zimmer verließ.

Als ich so zwei Monate lang der tägliche und einzige Vertraute Karl

Ritters gewesen war, sagte er eines Tages plötzlich:

»Ich will Ihnen meine Geschichte erzählen!«

Das Bekenntnis eines Sterbenden.

»Ich habe nie weichgegeben, bis jetzt. Nun aber ist’s aus mit mir. Ich

muß sterben und zwar bald. Sie bemerkten, daß Sie demnächst wieder

an den Mississippi zurückzukehren gedächten; -- dies zusammen mit

einem seltsamen Erlebnis der letzten Nacht hat mich zu dem Entschluß

gebracht, Ihnen meine Geschichte zu erzählen -- denn Sie werden nach

Napoleon in Arkansas kommen, und ich bitte Sie um meinetwillen, dort

anzuhalten und etwas für mich zu thun -- Sie werden es gewiß gern thun,

wenn Sie meine Erzählung gehört haben.

»Ich werde die Geschichte abkürzen, wo ich kann; es ist notwendig, denn

sie ist lang. Sie wissen bereits, wie ich dazu kam, nach Amerika zu

gehen und mich in jener einsamen Gegend im Süden niederzulassen; aber

Sie wissen nicht, daß ich Weib und Kind hatte. Meine Frau war jung,

schön, liebevoll und o! so göttlich gut, tugendhaft und edel! Und unser

kleines Mädchen war die Mutter im kleinen. Wir waren die glücklichste

aller glücklichen Familien.

»Einstmals in der Nacht -- es war gegen das Ende des Krieges --

erwachte ich aus einer dumpfen Betäubung und fand, daß ich gebunden

und geknebelt und die Luft mit Chloroform geschwängert war! Ich sah

zwei Männer im Zimmer, von denen der eine dem andern in heiserem Ton

zuflüsterte: ›Ich _sagte_ ihr, ich thue es, wenn sie Lärm mache, und

was das Kind anbelangt, so -- --‹

»Der andere unterbrach ihn mit leiser, weinerlicher Stimme:

»›Du sagtest, wir wollten sie nur knebeln und berauben, aber nicht

umbringen; sonst wäre ich nicht mitgegangen.‹

»›Hör’ auf mit dem Gewinsel,‹ entgegnete der erstere, ›ich _mußte_ ja

den Plan ändern, als sie aufwachten; du hast gethan, was du zu ihrem

Schutze thun konntest, das laß dir genügen; und nun komm und hilf mir

alles durchstöbern.‹

»Beide Männer waren maskiert und trugen grobe, zerlumpte

Nigger-Kleider; sie hatten eine Blendlaterne bei sich, bei deren Lichte

ich bemerkte, daß dem sanfteren der beiden Räuber der _Daumen an der

rechten Hand fehlte_. Sie suchten eine Weile in meiner ärmlichen

Hütte, dann flüsterte der Hauptbandit:

»›Es ist Zeitverschwendung -- er soll sagen, wo es versteckt ist. Nimm

ihm den Knebel heraus und muntere ihn auf.‹

»›Ganz recht,‹ sagte der andere, ›aber -- keine Schläge!‹

»›Also keine Schläge -- d. h. wenn er sich ruhig verhält.‹

»Sie näherten sich mir; da ließ sich plötzlich draußen ein Geräusch

hören, der Schall von Stimmen und Pferdehufen; die Räuber hielten den

Atem an und horchten; der Schall kam immer näher, und endlich hörte man

einen Ruf:

»›Heda, in dem Haus! Macht Licht, wir brauchen Wasser.‹

»›Des Hauptmanns Stimme, bei Gott!‹ sagte der größere der beiden

Schurken, und beide Räuber flohen durch die Hinterthür.

»Die Fremden riefen noch mehrmals und ritten dann weiter -- es schien

ein Dutzend Reiter zu sein -- und ich hörte nichts mehr.

»Ich bemühte mich aus allen Kräften, konnte mich aber nicht aus

meinen Banden freimachen. Ich versuchte zu sprechen, aber der Knebel

saß so fest, daß ich keinen Laut von mir geben konnte. Ich lauschte,

um meines Weibes oder Kindes Stimme zu hören -- lauschte lange und

aufmerksam, aber kein Laut kam aus der andern Ecke des Zimmers, wo

ihr Bett stand. Dies Schweigen wurde jeden Augenblick schrecklicher,

unheilverkündender. Glauben Sie, daß Sie es eine Stunde lang ertragen

hätten? Nein? Nun denn, so bemitleiden Sie mich, der ich deren drei

auszuhalten hatte. Drei Stunden! -- es waren drei Menschenalter! So oft

die Uhr schlug, schien es mir, als ob Jahre verflossen wären, seit ich

sie das letztemal gehört hatte! Während dieser ganzen Zeit mühte ich

mich in meinen Banden ab, und endlich, gegen Tagesanbruch, gelang es

mir loszukommen; ich stand auf und streckte meine steifen Glieder. Der

Fußboden war mit allerlei Sachen bestreut, welche die Räuber während

ihrer Suche nach meinen Ersparnissen umhergeworfen hatten. Der erste

Gegenstand, der mir in die Augen fiel, war eines von meinen Papieren,

das der rohere der beiden Schurken flüchtig betrachtet und dann

weggeworfen hatte. Es trug die Fingerspuren des Mörders in blutiger

Farbe! Ich wankte an das andere Ende der Stube. O, da lagen sie, die

armen Wehr- und Hilflosen! Ihre Leiden waren zu Ende, das meine hatte

erst begonnen.

»Ob ich das Gericht anrief? -- Was hilft’s dem durstigen Armen, wenn

der König für ihn trinkt? O nein, nein, nein -- ich verschmähte die

Einmischung des Gesetzes. Die Gesetze und der Galgen konnten diese

Schuld nicht sühnen. Ich wollte den Schuldner schon finden und

die Schuld eintreiben. Wie das anstellen, fragen Sie, da ich doch

weder die Gesichter der Bösewichter gesehen, noch ihre unverstellte

Stimme gehört, noch irgend eine Idee hatte, wer sie sein könnten?

Nichtsdestoweniger war ich meiner Sache gewiß -- ganz gewiß, ganz

zuversichtlich -- ich hatte eine Spur -- eine Spur, auf die Sie

vielleicht keinen Wert gelegt hätten -- eine Spur, mit der selbst

ein Detektiv nichts anzufangen gewußt hätte, weil er das Geheimnis,

wie sie zu verwerten sei, nicht erriet. Doch, davon später. Zunächst

wollen wir die Dinge in ihrer gehörigen Reihenfolge betrachten. Ein

Umstand war vorhanden, der mir gleich zu Anfang einen Fingerzeig in

einer bestimmten Richtung gab: Jene zwei Räuber waren offenbar als

Landstreicher vermummte Soldaten, und zwar keine Neulinge mehr im

Militärdienst, sondern alte Soldaten -- wahrscheinlich von der Linie;

sie hatten sich ihre militärische Haltung, Gebärden und Benehmen nicht

in einem Tage oder Monat, noch in einem Jahr angeeignet. So dachte ich,

sagte aber nichts. Und einer von ihnen hatte gesagt: ›Des Hauptmanns

Stimme, bei Gott!‹ -- es war der, den ich suchte. In einer Entfernung

von etwa einer Stunde lagerten mehrere Regimenter Infanterie und zwei

Schwadronen Kavallerie. Als ich erfuhr, daß der Hauptmann Blakely von

der 3. Schwadron in jener Nacht an unserem Hause vorbeigeritten war,

und zwar mit einer Begleitung von zehn Mann, sagte ich nichts, beschloß

aber, in jener Schwadron meinen Mann zu suchen. Im Gespräch bezeichnete

ich die Räuber absichtlich beständig als Landstreicher, und unter

dieser Klasse stellten die Leute nutzlose Nachforschungen an. Keiner

außer mir beargwöhnte die Soldaten.

»Mit vieler Mühe flickte ich mir in nächtlicher Arbeit aus

verschiedenen Tuchstücken und Kleiderfetzen eine Verkleidung zusammen;

im nächsten Städtchen kaufte ich mir eine blaue Staubbrille. Als das

Lager endlich aufgehoben und die dritte Schwadron zwanzig Meilen weiter

nordwärts nach Napoleon beordert wurde, versteckte ich meinen kleinen

Geldvorrat im Gürtel und machte mich in der Nacht auf den Weg. Als die

dritte Schwadron in Arkansas ankam, war ich bereits dort; ja, ich war

dort, in einem neuen Beruf -- als Wahrsager. Ich befreundete mich mit

allen dort liegenden Truppen und sagte allen ihre Zukunft voraus; meine

Hauptaufmerksamkeit aber widmete ich der dritten Schwadron. Gegen die

Leute dieser Schwadron war ich grenzenlos zuvorkommend; sie konnten

keine Gefälligkeit von mir verlangen, mir nichts zumuten, dem ich mich

nicht willig unterzogen hätte. Ich wurde die geduldige Zielscheibe

ihrer oft rohen Späße, und das erhöhte meine Popularität: ich wurde

allgemein beliebt.

»Ich entdeckte bald einen Gemeinen, dem ein Daumen fehlte -- welche

Freude für mich! Und als ich fand, daß ihm allein von allen Angehörigen

der Schwadron der rechte Daumen fehlte, verschwand mein letzter

Zweifel: ich war überzeugt, daß ich die rechte Spur gefunden hatte.

Dieser Mann war ein Deutscher Namens _Krüger_, es waren neun Deutsche

bei der Schwadron. Ich beobachtete Krüger, um seine etwaigen Vertrauten

ausfindig zu machen; aber er schien keine besonders vertrauten Freunde

zu haben. Von nun an wurde ich sein Vertrauter und gab mir alle

Mühe, unsere Intimität so viel als möglich zu befestigen. Manchmal

dürstete ich so nach Rache, daß ich mich kaum enthalten konnte, auf

die Kniee zu fallen und ihn zu bitten, mir den Mann, der meine Lieben

ermordet hatte, zu nennen; aber es gelang mir, meine Zunge im Zaum zu

halten. Ich wartete meine Zeit ab und fuhr fort wahrzusagen, wie die

Gelegenheit sich bot.

»Mein Geschäftsapparat war sehr einfach: ein bißchen rote Schminke

und ein Stückchen weißes Papier. Kam einer zum Wahrsagen, so nahm ich

seinen Daumenballen, bemalte ihn, nahm einen Abdruck davon auf dem

Papier, studierte diesen in der Nacht und prophezeite am nächsten

Morgen des Betreffenden Schicksal. Was ich mir bei diesem Unsinn

dachte, fragen Sie? Nun, das Folgende: Als ich noch ein junger

Mensch war, kannte ich einen alten Franzosen, der dreißig Jahre lang

Gefängniswärter gewesen war, und der mir gesagt hatte, jeder Mensch

habe etwas an sich, was sich von der Wiege bis zum Grabe nie ändere

-- die Linien im Daumenballen; und er hatte weiter gesagt, daß diese

Linien sich niemals bei zwei Personen ganz genau gleich vorfänden.

Heutzutage photographieren wir den angehenden Verbrecher und hängen

sein Bild zum etwaigen späteren Gebrauch in der ›Spitzbubengalerie‹

auf; jener Franzose aber pflegte seiner Zeit von jedem neuangekommenen

Gefangenen einen Abdruck des Daumenballens zu nehmen und diesen Abdruck

zum späteren Gebrauch aufzubewahren. Er sagte immer, daß Bilder nichts

taugen -- spätere Verkleidungen könnten sie nutzlos machen. ›Der Daumen

ist das einzig sichere,‹ sagte er, ›den kann man nicht verkleiden.‹ Und

die Richtigkeit seiner Theorie erwies sich auch an meinen Freunden und

Bekannten; seine Theorie hatte stets Erfolg.

»Ich wahrsagte weiter. Jede Nacht schloß ich mich ganz allein ein

und studierte die während des Tages erlangten Daumenabdrücke mit

einem Vergrößerungsglas. Stellen Sie sich die verzehrende Begierde

vor, mit der ich über den labyrinthartigen roten Spiralen brütete;

neben mir jenes Papier aus meiner Hütte, das den Abdruck des Daumens

und Zeigefingers des Mörders trug, gefärbt mit dem für mich teuersten

Blute, das je auf Erden vergossen wurde! Wie oft mußte ich enttäuscht

dieselbe Bemerkung wiederholen: ›Werden sie denn nie übereinstimmen?‹

»Endlich aber wurde mein Warten belohnt; mein Lohn bestand in dem

Daumenabdruck des 34. Mannes der dritten Schwadron, den ich untersucht

hatte -- des Gemeinen Franz _Adler_. Eine Stunde vorher kannte ich

weder den Namen des Mörders, noch seine Stimme, Gestalt, Nationalität

oder seine Züge; jetzt aber wußte ich das alles und glaubte meiner

Sache sicher zu sein.

[Illustration: Daumen-Abdrücke.]

»Am nächsten Morgen nahm ich Krüger beiseite, als er dienstfrei war;

und an einem Orte, wo uns niemand sehen oder belauschen konnte, sagte

ich eindringlich zu ihm:

»›Ein Teil eures Schicksals ist so ernst und bedeutsam, daß ich es für

das Beste hielt, es euch insgeheim zu sagen. Ihr und noch einer von

eurer Schwadron, dessen Schicksal ich letzte Nacht erforschte, -- der

Gemeine Adler, -- habt eine Frau und ein Kind ermordet! Ihr werdet

verfolgt: innerhalb von fünf Tagen werdet ihr beide gemeuchelt werden.‹

»Ganz außer sich vor Schreck fiel er auf die Kniee nieder und stammelte

fünf Minuten immer dieselben Worte wie ein Geistesabwesender, und in

derselben weinerlichen Weise, deren ich mich von jener Mordnacht her

noch so gut erinnerte:

»›Ich that’s nicht -- bei meiner Seele, ich that’s nicht; und ich

wollte auch _ihn_ davon abhalten -- ich wollte es, Gott ist mein Zeuge.

Er that es allein.‹

»Das war alles, was ich wissen wollte, und ich wollte mich nun des

Elenden entledigen; er klammerte sich jedoch an mich und flehte mich

an, ihn vor dem Meuchelmörder zu retten. Er sagte:

Im Gold- und Silberland · 第 18 / 21 段