werden, dann Mediziner, dann noch etwas anderes. Ein Jahr lang war er
fort, kam mit einer jungen Frau wieder, ergab sich dem Trunk, später
auch dem Spiel; endlich brachte er seine Frau und zwei kleine Kinder zu
ihrem Vater zurück und ging nach Mexiko, sank immer tiefer herunter und
starb dort, ohne einen Cent, um das Bahrtuch zu bezahlen, ohne einen
Freund, der seiner Leiche folgte.«
»Schade um ihn -- es war der gutmütigste Mensch von der Welt, immer
heiter und hoffnungsvoll.«
Von einem andern Knaben, den ich nannte, hieß es:
»O, mit dem ist alles in Ordnung; er hat Frau und Kinder und sein gutes
Fortkommen.«
Derselbe Bescheid ward mir noch über viele meiner früheren Kameraden.
Nun fragte ich nach drei Mitschülerinnen:
»Die beiden ersten leben hier mit Mann und Kindern, die dritte ist
schon lange tot -- geheiratet hat sie nicht.«
Mit Herzklopfen nannte ich jetzt den Namen einer meiner frühesten
Flammen.
»Der geht’s gut. Sie war dreimal verheiratet. Zwei Männer hat sie
begraben, vom dritten ist sie geschieden und ich höre, daß sie jetzt
einen alten Menschen nehmen will, der irgendwo draußen in Colorado
lebt. Ihre Kinder sind in der ganzen Welt verstreut.«
[Illustration]
Auf einige Fragen lautete die Antwort sehr kurz:
»Im Kriege gefallen.«
Von einem Knaben, nach welchem ich fragte, hieß es:
»Mit dem ist’s seltsam gegangen! Jedermann in der ganzen Stadt wußte,
daß der Junge der reinste Strohkopf war, ein Dummrian erster Sorte, ein
Esel, der seinesgleichen nicht hatte. Das war allbekannt, kein Mensch
zweifelte daran. Und was ist aus ihm geworden? -- denken Sie nur: der
angesehenste Advokat im ganzen Staate Missouri.«
»Wahrhaftig?!«
»Wie ich Ihnen sage. Es ist die lauterste Wahrheit.«
»Wie läßt sich das aber erklären?«
»Erklären läßt sich’s gar nicht. Man sieht nur daraus, daß die Leute
in St. Louis nicht von selbst auf den Gedanken kommen, daß einer ein
Hansnarr ist, wenn man’s ihnen nicht zuvor sagt. Eins ist sicher --
hätte ich einen Hansnarren zu versorgen, ich schickte ihn gleich mit
Dampf nach St. Louis, dort ist der beste Markt für dergleichen Ware. --
Was sagen Sie dazu -- steht einem nicht der Verstand still, wenn man’s
recht bedenkt? Ich muß gestehen, mir ist etwas so Unerhörtes nicht
wieder vorgekommen.«
»Freilich, es scheint verwunderlich. Aber, glauben Sie nicht, daß man
den Jungen in Hannibal vielleicht falsch beurteilt hat und daß die
Leute in St. Louis ihn richtiger zu würdigen wissen?«
»Wo denken Sie hin! Hier kennt man ihn ja von klein auf und tausendmal
besser als die Schafsköpfe in St. Louis. Nein, nein, folgen Sie nur
meinem Rat und schicken Sie alle Hansnarren nach St. Louis, dort findet
die Ware Absatz.«
Ich fragte nun noch nach vielen meiner früheren Bekannten. Sie waren
gestorben oder fortgezogen; manche hatten Glück gehabt, andere nichts
als Verluste; auf etwa ein Dutzend Fragen erhielt ich die beruhigende
Antwort:
»Die sind wohl auf -- wohnen hier -- die ganze Stadt ist voll von ihren
Kindern.«
»Wie geht’s Fräulein B.?« fragte ich.
»Sie starb vor drei Jahren im Irrenhaus -- ist seit dem Tage ihrer
Aufnahme dort nicht wieder herausgekommen; es war an keine Heilung zu
denken, sie ist immer gestört geblieben.«
Dies bezog sich auf ein entsetzliches Trauerspiel, das sich in meiner
frühesten Kindheit zutrug. Sechsunddreißig Jahre im Irrenhaus -- bloß
weil sich ein paar Thörinnen einen dummen Spaß machen wollten! Ich
sehe die leichtfertigen jungen Dinger noch auf den Fußspitzen ins
Zimmer schleichen, wo Fräulein B. um Mitternacht lesend bei der Lampe
saß. Eins der Mädchen hatte sich das Gesicht mit Mehl gepudert und ein
Leintuch umgebunden. Sie glitt dicht zu der Lesenden heran und berührte
ihr Opfer an der Schulter. Das Fräulein sah auf, stieß einen Schrei aus
und verfiel in Krämpfe. Von dem Schreck hat sie sich nie wieder erholt
-- sie wurde wahnsinnig. Heutzutage scheint es uns unbegreiflich, daß
man noch vor so kurzer Zeit an Gespenster geglaubt haben soll. Aber es
war wirklich der Fall.
Nachdem ich nach allen Leuten gefragt hatte, die mir einfielen,
erkundigte ich mich zuletzt nach mir selber.
»O, dem ist’s auch geglückt -- das ist wieder so ein Beispiel von einem
Hansnarren. Hätte man ihn nach St. Louis spediert, er würde es früher
zu etwas Ordentlichem gebracht haben.«
Es war doch sehr weise gewesen, daß ich dem offenherzigen alten Herrn
gleich anfangs gesagt hatte, mein Name sei Smith.
II.
Mein Gefährte verließ mich nun, und ich fuhr fort, die alten Häuser
der Stadt drunten zu betrachten und mir ihre Bewohner aus vergangenen
Tagen ins Gedächtnis zu rufen. Mein Blick fiel jetzt auf Lem Hacketts
Elternhaus und ich sah mich in eine Zeitperiode zurückversetzt, in
welcher die Menschen mit ihren Erlebnissen nicht der natürlichen und
folgerichtigen Entwicklung allgemeiner Gesetze unterworfen zu sein
glaubten, sondern den besonderen Anordnungen einer Vorsehung, welche
sie strafen oder warnen wollte.
Als ich noch ein kleiner Knabe war, ertrank Lem Hackett -- an einem
Sonntag. Er fiel aus einem leeren, flachen Boot, in dem er spielte, und
da er voll Sünden war, sank er wie ein Ambos bis auf den Grund. Er war
im ganzen Städtchen der einzige Knabe, welcher in der darauffolgenden
Nacht schlief; wir andern alle waren wach und thaten Buße. Es hätte
dazu wahrlich nicht erst der Belehrung bedurft, die uns am Abend
von der Kanzel herab zu teil wurde, nämlich, daß Lems Tod die Folge
eines besonderen göttlichen Gerichtes sei. In jener Nacht brach ein
schreckliches Gewitter aus, das ohne Aufhören bis zum Morgen währte:
der Wind wehte heftig, die Fenster zitterten, der Regen fiel klatschend
und in Strömen auf die Dächer; jeden Augenblick erhellte ein Blitz mit
blendendem Lichte die tintenschwarze Finsternis draußen und auf diesen
folgte ein krachender Donnerschlag, der alles in der Nachbarschaft
in Splitter und Fetzen zu reißen schien. Zitternd und schaudernd saß
ich im Bett und wartete auf den offenbar bevorstehenden Untergang der
Welt. Ich fand nichts Ungereimtes darin, daß der Himmel Lem Hacketts
wegen einen solchen Höllenlärm machte: es war das meiner Ansicht nach
ganz gehörig und in Ordnung. Ich zweifelte keinen Augenblick, daß
die Engel versammelt waren, den Tod dieses Knaben erörterten und
dem schrecklichen Bombardement unseres Städtchens mit Befriedigung
und Billigung zusahen. Eines beunruhigte mich dabei aufs höchste
-- das war der Gedanke, daß diese Konzentration des himmlischen
Interesses auf unser Städtchen unfehlbar die Aufmerksamkeit der
überirdischen Beobachter auf Leute unter uns lenken mußte, die sonst
der Beobachtung vielleicht Jahre lang entgangen wären. Ich fühlte,
daß ich nicht nur zu diesen Leuten gehörte, sondern daß gerade ich am
allerwahrscheinlichsten entdeckt werden würde. Diese Entdeckung konnte
nur eine Folge haben: daß ich zu Lem ins höllische Feuer käme, noch
ehe er dort recht zu sich gekommen und warm geworden war. Ich wußte,
daß mir ganz nach Recht und Billigkeit geschähe. Dabei vergrößerte ich
fortwährend die Chancen gegen mich, indem ich eine geheime Bitterkeit
gegen Lem hegte, weil er diese verhängnisvolle Aufmerksamkeit auf mich
gezogen hatte, aber ich konnte einmal nicht anders -- dieser sündige
Gedanke setzte sich mir zum Trotz in meinem Busen fest. So oft es
blitzte, hielt ich den Atem an und glaubte mich verloren. In meinem
schrecklichen Elend begann ich in gemeiner Weise auf andere Knaben
hinzudeuten und Thaten von ihnen zu erwähnen, die verruchter seien
als meine und besonders der Strafe bedürften -- und ich versuchte mir
einzureden, daß ich das bloß so zufällig thäte und ohne die Absicht,
die himmlische Aufmerksamkeit auf sie zu lenken, um mich selbst ihr zu
entziehen. Mit tiefem Scharfsinn gab ich diesen Denunziationen die Form
betrübter Erinnerungen und linkischer Fürbitten, daß die Sünden jener
Knaben nicht heimgesucht werden möchten -- »denn sie könnten sie ja
möglicherweise bereuen.« »Es ist wohl wahr, (sprach ich in Gedanken,)
daß Jim Smith ein Fenster zerbrach und dann leugnete -- aber vielleicht
that er es nicht in böser Absicht. Und wenn auch Tom Holmes garstigere
Worte gebraucht als irgend ein anderer Knabe im Städtchen, so wird
er doch vielleicht in sich gehen und bereuen -- wenn er das auch nie
gesagt hat. Und obwohl es Thatsache ist, daß John Jones einmal an einem
Sonntag ein wenig fischte, so fing er ja doch nichts als einen einzigen
nutzlosen Schlammbeißer; und das wäre am Ende nicht so schrecklich
gewesen, wenn er ihn wieder ins Wasser geworfen hätte, wie er behauptet
-- was aber leider nicht wahr ist. Schade, daß sie diese schrecklichen
Dinge nicht bereuen wollten -- vielleicht thun sie es aber noch.«
Während ich so listig die Aufmerksamkeit auf jene armen Burschen
lenkte, -- die zweifellos im selben Augenblick die himmlische
Aufmerksamkeit mir zuwandten, obwohl ich das damals durchaus
nicht argwöhnte, -- hatte ich achtlos meine Kerze brennen lassen.
Die Zeit war nicht danach angethan, daß man selbst geringfügige
Vorsichtsmaßregeln hätte vernachlässigen dürfen; es war kein Grund
vorhanden, mich selbst noch auffällig zu machen, und so löschte ich
denn das Licht aus.
Das war eine lange, lange Nacht -- vielleicht die angstvollste, die
ich je verbracht habe. Ich litt Folterqualen der Reue über Sünden,
von denen ich wußte, daß ich sie begangen hatte, und für andere,
bezüglich deren ich nicht so gewiß, aber überzeugt war, daß sie in
ein Buch eingetragen worden von einem Engel, der, weiser als ich, so
wichtige Dinge nicht dem Gedächtnis anvertraute. Nach und nach kam
ich zu der Einsicht, daß ich in einer Beziehung einen thörichten und
unheilvollen Irrtum begangen hatte: zweifellos hatte ich dadurch,
daß ich die Aufmerksamkeit auf jene andern Knaben lenkte, nicht nur
meinen eigenen Untergang sicher beschworen, sondern auch den ihrigen
bereits verursacht! -- Zweifellos hatte sie mittlerweile der Blitz
alle in ihren Betten niedergestreckt! Die Angst und der Schreck,
den dieser Gedanke mir einjagte, ließ mir die vorhergehenden Leiden
vergleichsweise geringfügig erscheinen.
Der Stand der Dinge war bedenklich geworden. Ich beschloß, mich der
Sünde in jeder Form zu enthalten und fortan ein reines, tadelloses
Leben zu führen. Ich wollte pünktlich in der Kirche und Sonntagsschule
sein, die Kranken besuchen, Körbe mit Lebensmitteln zu den Armen tragen
(bloß um die vorschriftsmäßigen Bedingungen zu erfüllen, obgleich
ich wußte, daß bei uns niemand so arm war, daß man mir nicht überall
den Korb an den Kopf geschmissen hätte); ich wollte andere Knaben
auf den rechten Weg weisen und die daraus sich ergebenden Neckereien
in Geduld ertragen; ich wollte nur noch Traktätchen lesen, wollte
die Branntweinhöhlen aufsuchen und die Trunkenbolde ermahnen -- und
schließlich, falls ich dem Schicksal jener entginge, die vorzeitig
›fürs Leben zu gut werden‹, wollte ich als Missionar in ferne Lande
ziehen.
Gegen Tagesanbruch legte sich der Sturm und ich schlummerte nach und
nach ein, mit einem Gefühl der Verpflichtung gegen Lem Hackett, weil
er in dieser jähen Weise in die ewige Qual eingegangen war und so ein
weit entsetzlicheres Unheil abgewendet hatte -- nämlich meinen eigenen
Untergang. Als ich aber des Morgens, vom Schlaf erquickt, aufstand und
fand, daß die andern Knaben sämtlich noch am Leben waren, hatte ich ein
unbestimmtes Gefühl, die ganze Geschichte möchte doch nur ein falscher
Alarm gewesen und der ganze Trubel nur Lem Hacketts und sonst niemands
wegen entstanden sein. Die Welt sah so heiter und sicher aus, daß
wirklich kein Grund vorhanden schien, ein neues Leben anzufangen. Ich
war den Tag über und auch am nächsten Tage etwas gedrückter Stimmung;
dann aber kam mir mein Vorsatz zur Besserung allmählich aus dem Sinn,
und es war mir wieder ruhig und behaglich zu Mute -- bis zum nächsten
Sturm.
Dieser Sturm kam drei Wochen später und ich habe mir seinen Zweck
nie recht erklären können, denn am Nachmittag jenes Tages war
›Dutchy‹ ertrunken. So nannten wir einen deutschen Jungen aus der
Sonntagsschule, der furchtbar tugendhaft war und ein fabelhaftes
Gedächtnis hatte, im übrigen sich aber selten zu raten und zu helfen
wußte. Eines Sonntags erregte er den Neid der gesamten Dorfjugend
und die Bewunderung aller Erwachsenen, denn er sagte dreitausend
Bibelsprüche in einem Zuge her, ohne nur einmal zu stocken. Und gleich
tags darauf ertrank er jämmerlich.
Das kam nämlich so: Wir badeten alle in einer schlammigen Bucht und
wollten versuchen, wer beim Tauchen den Kopf am längsten unter Wasser
halten könnte. In der Bucht war ein tiefes Loch, in dem die Böttcher
ihre Stäbe zu Faßreifen einzuweichen pflegten. Der Haufen lag etwa
zwölf Fuß unter Wasser und wir hielten uns beim Tauchen an den Stäben
fest. ›Dutchy‹ benahm sich dabei so ungeschickt, daß er immer mit Spott
und Gelächter empfangen wurde, so oft sein Kopf aus der Flut hervorkam.
Das verdroß ihn endlich und er bat uns, am Ufer stehen zu bleiben und
ganz ehrlich zu zählen, wie lange er es aushalten könne. »Jawohl,
›Dutchy‹, nur zu! -- wir verzählen uns nicht,« schrieen wir alle,
wechselten dabei aber verstohlene Blicke, die nichts Gutes weissagten.
›Dutchy‹ tauchte unter; wir Jungen aber versteckten uns rasch
hinter einem nahen Brombeergebüsch. Wenn ›Dutchy‹, nachdem er
sich übermenschlich angestrengt hatte, wieder auf die Oberfläche
kam, sollte er den Platz leer finden und keinen Menschen, der ihm
Beifall klatschte. Der Gedanke machte uns soviel Spaß, daß wir vor
unterdrücktem Lachen zu ersticken meinten. Nach einer Weile guckte
einer der Kameraden durch das Gesträuch.
»Hört mal,« sagte er verwundert, »noch ist er nicht wieder oben.«
»Aber, _der_ taucht einmal gut!«
»Na, um so gelungener ist dann der Spaß!«
Es entstand eine Pause, wir lauschten mit verhaltenem Atem und zuletzt
malte sich Furcht und Bangigkeit in allen Mienen. Noch immer lag das
Wasser in unbeweglicher Ruhe da. Mit lautklopfendem Herzen schlichen
wir ans Ufer zurück und starrten entsetzt bald ins Wasser, bald
einander in die bleichen Gesichter.
»Einer von uns muß hinunter, um nachzusehen.«
Das war klar, aber jedem graute davor.
»Das Los soll entscheiden.«
Mit zitternden Händen suchten wir Strohhalme, um das Schicksal zu
befragen. Das Los traf mich und ich sprang ins Wasser. Es war so trübe,
daß ich nichts sehen konnte, ich fühlte nur unter den Stäben umher und
bekam plötzlich eine leblose Hand zu fassen. In tödlichem Schrecken
ließ ich sie fahren und rettete mich wieder ans Tageslicht.
Der Knabe war zwischen die Stäbe geraten und da hilflos stecken
geblieben. Ich verkündete die entsetzliche Nachricht, doch dachten
wir nicht daran, den Ertrunkenen schnell herauszuziehen, damit er
vielleicht noch zum Leben erweckt werden könne. Die kleineren Buben
schrieen jämmerlich und jeder suchte so rasch wie möglich in seine
Kleider zu kommen; wir zogen die ersten besten an, meist das Unterste
zu oberst, das Innere nach außen. Dann trabten wir eilig davon und
verbreiteten die Unglückskunde, aber keiner von uns kehrte wieder mit
um. Wir wollten das Ende des Trauerspiels nicht sehen, wir hatten etwas
Wichtigeres zu thun, nämlich ohne einen Augenblick zu verlieren nach
Hause zu laufen und ein besseres Leben zu beginnen.
Bald brach die Nacht herein und dann kam das schreckliche und mir
ganz unverständliche Gewitter. Es mußte entschieden auf einem Irrtum
beruhen, anders ließ es sich nicht erklären. Alle Elemente waren
entfesselt, der Sturm raste in blinder Wut, die Blitze zuckten und der
Donner tobte wie unsinnig. Ich hatte Mut und Hoffnung völlig verloren;
verzweifelnd dachte ich bei mir: »Wenn ein Junge, der dreitausend
Bibelsprüche auswendig kann, nicht fromm genug ist, wer soll dann dem
Verhängnis entrinnen?«
[Illustration]
Natürlich zweifelte ich keinen Augenblick, daß der Sturm einzig und
allein Dutchys wegen ausgebrochen sei; daß er, oder irgend ein anderes
gleich unbedeutendes Wesen, einer so erhabenen Kundgebung aus der Höhe
nicht wert sei, kam mir nicht von fern in den Sinn. Mich beunruhigte
nur die Lehre, die ich daraus ziehen mußte. Wenn ›Dutchy‹, trotz
all seiner Tugend, nicht Gnade fand, so war es für mich ein ganz
vergebliches Bemühen, ein neues Leben anzufangen, ich konnte ja nun und
nimmermehr hoffen, so vortrefflich zu werden wie er. Dennoch schien es
mir rätlich, den Versuch der Besserung zu machen. Als nun aber Tage
voll Sonnenschein und Heiterkeit folgten, hatte ich alle guten Vorsätze
vergessen noch ehe ein Monat um war, und fühlte mich in meiner
sündhaften Verstocktheit so behaglich wie je zuvor.
* * * * *
Während ich mir jene alten Erlebnisse ins Gedächtnis zurückrief
und allerlei Betrachtungen daran knüpfte, war die Frühstücksstunde
herbeigekommen. Ich versetzte mich wieder in die Gegenwart zurück und
ging den Hügel hinunter.
Auf dem Wege nach dem Hotel kam ich auch an dem Hause vorbei, das wir
zu meiner Knabenzeit bewohnten. Seine jetzigen Insassen sind heutzutage
nicht mehr wert als ich, aber zu jener Zeit hätten sie mindestens
fünfhundert Dollars die Person gegolten. Es waren nämlich Farbige.
Nach dem Frühstück ging ich aus, um einige Sonntagsschulen zu
besichtigen und die Leistungen ihrer jetzigen Zöglinge mit denen meiner
damaligen Mitschüler zu vergleichen. Die Kinder waren besser gekleidet
und sahen sauberer aus als wir vor Zeiten und ihr Anblick rührte mich
tief. Es waren ja die Abkömmlinge jener Knaben und Mädchen, die ich vor
vielen, vielen Jahren von ganzem Herzen geliebt oder von ganzem Herzen
gehaßt hatte; sie saßen jetzt auf deren Plätzen -- wo aber waren jene
hingekommen?
Ich wollte, der kahlköpfige Inspektor, der zu meiner Zeit ein
flachshaariger Sonntagsschüler war, hätte mich nicht erkannt und mich
ruhig meine Beobachtungen anstellen lassen. Statt dessen mußte ich nun
den Kindern eine Ansprache halten, und für unvorbereitete Reden habe
ich gar kein Talent. Ich konnte mich auch im Augenblick durchaus nicht
auf das sinnlose Geschwätz besinnen, mit dem die Besucher meine Ohren
zu beleidigen pflegten, als ich noch Schüler war. Schade! denn hätte
ich so recht salbungsvoll reden können, so würde ich Zeit gewonnen
haben, mir die frischen, jungen Gesichter, die da vor mir aufgereiht
saßen, noch länger anzusehen.
Der eigentliche Musterknabe schien mir aber nicht darunter zu sein.
Der Musterknabe, den wir damals hatten -- mehr als einen hat es nie
gegeben -- war völlig fehlerlos; fehlerlos im Benehmen, im Anzug, im
Lebenswandel, im kindlichen Gehorsam, in äußerer Frömmigkeit; aber im
Grunde war er ein eingebildetes Bürschchen und hatte so wenig Grütze
im Kopf, daß man ihm ruhig statt des Schädels einen Kürbis hätte
aufsetzen können, ohne daß jemand den Unterschied bemerkt hätte. Die
Untadeligkeit dieses Jungen war für die ganze Jugend des Städtchens
ein immerwährender Vorwurf. Alle Mütter bewunderten ihn und von allen
ihren Söhnen wurde er verabscheut. Man hat mir auch gesagt, was aus ihm
geworden ist, es war aber das Gegenteil von dem, was ich erwartete,
daher will ich alle weiteren Einzelheiten verschweigen und nur
erwähnen, daß er sein Glück in der Welt gemacht hat.
Drei Tage lang blieb ich in der Stadt und wachte jeden Morgen mit der
Ueberzeugung auf, daß ich noch ein Knabe sei, denn in meinen Träumen
waren alle Gesichter wieder jung und sahen gerade so aus, wie in den
vergangenen Zeiten. Abends aber, wenn ich zu Bette ging, kam ich mir
mindestens hundert Jahre alt vor, denn inzwischen hatte ich mich zur
Genüge davon überzeugt, wie jene Gesichter in Wirklichkeit aussahen.
Bis ich mich an den neuen Stand der Dinge gewöhnt hatte, fiel ich immer
aus einer Ueberraschung in die andere. Ich begegnete jungen Damen, die
sich gar nicht verändert zu haben schienen, aber es stellte sich bald
heraus, daß sie die Töchter meiner damaligen Bekannten waren oder auch
ihre Enkelinnen. Wenn man uns sagt, daß eine fremde Dame von fünfzig
Jahren Großmutter ist, so wundert uns das gar nicht; hat man sie aber
als kleines Mädchen gekannt, so scheint es unmöglich. Wie kann ein
kleines Mädchen eine Großmutter sein? -- Es ist gar nicht leicht, sich
die Thatsache klar zu machen, daß wir nicht _allein_ alt werden,
sondern unsere Zeitgenossen darin mit uns gleichen Schritt halten.
Die größte Veränderung fand ich bei den Frauen, weit weniger bei den
Männern. Diese schienen in dreißig Jahren nicht viel gealtert zu sein;
aber ihre Frauen waren alt geworden -- wenigstens die braven. Brav zu
sein ist sehr angreifend, es erhält nicht jung.
Die Stadt Hannibal hat sich nicht weniger umgewandelt als ihre
Bewohner. Sie ist sehr ansehnlich geworden, hat einen Bürgermeister,
einen Gemeinderat, Gas- und Wasserleitung und wahrscheinlich Schulden.
Die Zahl ihrer Einwohner beträgt 15,000; überall herrscht rege
Thätigkeit und Gedeihen; auch das Pflaster ist nicht schlechter wie
in andern Städten des Westens und Südens, wo eine gut gepflasterte
Straße und bequeme Bürgersteige etwas so Seltenes sind, daß man seinen
Augen nicht traut, wenn man sie einmal zu sehen bekommt. Hannibal ist
jetzt auch der Knotenpunkt von einem halben Dutzend Eisenbahnlinien
und besitzt einen neuen Bahnhof, der 100,000 Dollars gekostet hat. Ich
ging auch nach der Bärenbucht, die wahrscheinlich so heißt, weil sich
nie ein Bär dorthin verirrt hat; sie ist jetzt mit Bergen von Nutzholz
förmlich zugebaut. Dort pflegte ich jeden Sommer regelmäßig ins Wasser
zu fallen, aber immer kam irgend ein Mensch vorbei, holte mich heraus,
pumpte mir Luft ein und brachte mich wieder auf die Beine. Jetzt
ist von der ganzen Bucht nicht mehr so viel übrig, daß jemand darin
ertrinken kann.
III.
»Erinnern Sie sich noch, wie Jimmy Finn, der Stadttrunkenbold, im
Stockhaus verbrannte?« fragte mich ein Bürger meines Heimatortes, mit
dem ich mich in ein Gespräch einließ.