und Bergen des abgelegenen Winkels von Kalifornien hatte er sich
mit den Vögeln und Vierfüßlern, welche dort heimisch sind, innig
befreundet. Er war fest davon überzeugt, daß er jede Aeußerung dieser
Tiere verstand; ebenso wie jener amerikanische Gelehrte, der unlängst
in eingehender Weise über die Sprache der Affen ein Werk geschrieben
hat.
Dick Baker stellte in dieser Beziehung ganz bestimmte Behauptungen
und Regeln auf. Einige Tiere, meinte er, haben nur geringe Bildung
genossen, und bedienen sich daher einer ganz einfachen Ausdrucksweise,
ohne Bilder und Gleichnisse; andere dagegen verfügen über einen großen
Wortschatz, beherrschen die Sprache vollkommen und haben einen freien,
fließenden Vortrag. Diese sprechen gern und viel; sie sind sich ihres
Talentes bewußt und wollen es zur Geltung bringen. Nach langer und
sorgfältiger Beobachtung war Baker zu der Ueberzeugung gekommen,
daß es in der ganzen Tierwelt keinen besseren Redner giebt, als den
Blauhäher.[5]
[5] Der amerikanische Blauhäher hat ein viel glänzenderes und
buntfarbigeres Gefieder als unser gewöhnlicher Eichelhäher.
»Ja,« sagte er, »hinter einen Blauhäher kommt man nicht so leicht! Man
glaubt nicht, was für Stimmungen und Gefühle der hat und wie er sie
alle auszudrücken versteht. Dabei spricht er nicht etwa alltägliches
Zeug -- nein, wie ein Buch -- die schönsten Redewendungen strömen ihm
nur so heraus. Mit der Sprache versteht er umzuspringen wie keiner;
ihm fehlt nie ein Wort, das kommt gar nicht vor; ganz ungesucht fließen
sie ihm zu. Und noch was habe ich bemerkt: Kein Vogel, keine Kuh oder
sonst ein Geschöpf spricht so fein wie der Blauhäher! Eine Katze meint
ihr? Jawohl, die spricht freilich fein -- aber laßt sie einmal in
Aufregung geraten! Wenn sie sich nachts mit einer andern Katze auf dem
Dach rauft, dann hört zu, in was für Ausdrücken sie sich ergeht, -- es
wird einem übel und weh dabei.
»Man kann den Häher wohl mit einem gewissen Recht zu den Vögeln zählen
-- weil er Federn hat, vielleicht auch weil er keine Steuern zahlt:
aber in anderer Beziehung ist er ganz wie unsereins. Denn sehen Sie,
ein Häher hat Triebe und Gaben, Gefühle und Interessen, so gut wie ein
Mensch. Ein Häher hat keine strengeren Grundsätze als ein Roßkamm. Er
stiehlt, er lügt und betrügt, er hintergeht jeden wo er nur kann, kein
noch so feierliches Versprechen ist bindend für ihn. Was Pflichttreue
ist, kann man ihm nicht begreiflich machen. Der beste Beweis aber ist,
daß ein Häher fluchen und schwören kann, wie kein Lümmel weit und
breit! -- Eine Katze kann auch fluchen und schwören. Jawohl, das kann
sie freilich -- aber wenn ein Häher ’mal richtig im Zuge ist, so vermag
es keine Macht im Himmel und auf Erden mit ihm aufzunehmen. Im Zanken
und Schelten ist er Meister, so derb und flink, daß niemand gegen ihn
aufkommt.
»Was ein Mensch kann, das kann ein Blauhäher auch: Er kann weinen,
lachen und sich schämen, er kann Schlüsse und Pläne machen und seine
Sache verfechten, er liebt Geschwätz und Klatschgeschichten, hat Sinn
für Humor, und wenn er einen dummen Streich gemacht hat, so weiß er’s
besser als ich und Sie. Kurz, ein Häher ist ähnlich wie ein Mensch --
das lass’ ich mir nicht nehmen.
»Ich will Ihnen übrigens noch eine wahre Geschichte von den Blauhähern
erzählen, für die ich mich verbürgen kann.
»Der Vorfall trug sich zu, als ich gerade anfing, die Hähersprache
richtig zu verstehen.
»Der letzte Mensch, der außer mir in dieser Gegend wohnte, ist vor
sieben Jahren fortgezogen; sein Blockhaus nebenan steht seitdem leer,
es hat nur ein großes Zimmer und darüber die rohen Balken und das
Bretterdach. An einem Sonntagmorgen saß ich nun einmal mit meiner Katze
hier vor der Hütte, sonnte mich, sah nach den blauen Bergen hinüber,
hörte das Laub der Bäume rauschen in der Einsamkeit und dachte an
meine Heimat draußen in der Welt -- seit dreizehn Jahren wußte ich
nicht mehr, wie’s dort zuging. Da fliegt ein Häher mit einer Eichel im
Schnabel auf das Blockhaus und sagt: ›Oho, was entdecke ich da?‹ Daß
ihm bei diesen Worten die Eichel aus dem Schnabel fällt und natürlich
vom Dach hinabrollt, kümmert ihn wenig, er ist einzig und allein mit
seiner Entdeckung beschäftigt. Es war ein Astloch im Dach. Den Kopf auf
die Seite gedreht, kneift er ein Auge zu, schaut mit dem andern in das
Loch hinein, sieht dann vergnügt in die Höhe, lüftet die Flügel ein
paarmal vor innerm Wohlbehagen und sagt: ›Es sieht aus wie ein Loch,
es ist wo ein Loch hingehört, -- sollte es am Ende wirklich ein Loch
sein?!‹ --
»Er hält den Kopf nach unten, guckt noch einmal hinein, blickt wieder
auf, bewegt Flügel und Schwanz vor Freude und sagt: ›Ja, ja, es ist
ganz richtig -- bin ich ein Glückspilz! -- ein prächtiges, ordentliches
Loch, gewiß und wahrhaftig!‹ Dann fliegt er auf den Boden, holt die
Eichel herauf, wirft den Kopf zurück, und mit dem süßesten Lächeln der
Welt läßt er sie hineinfallen. Er scheint zu lauschen, seine Miene
wird ernsthafter, und voll komischer Verwunderung sagt er endlich:
›Ich hab’ sie doch nicht fallen hören!‹ Wieder hält er das Auge ans
Loch, schaut lange hinein, blickt dann auf und schüttelt den Kopf. Dann
versucht er’s von der andern Seite -- abermaliges Kopfschütteln. Um das
ganze Loch marschiert er herum, besieht sich’s genau und schaut von
allen Himmelsgegenden hinein. Umsonst! Nachdenklich sitzt er auf dem
Dachfirst und kraut sich den Kopf mit dem rechten Fuß, bis er zuletzt
sagt: ›Das geht über meine Begriffe! Das Loch muß wirklich gehörig tief
sein! Aber länger kann ich mich nicht zum Narren machen, ich muß an die
Arbeit. Die Sache wird schon ihre Richtigkeit haben, ich lasse es eben
drauf ankommen.‹
»Er fliegt auf und davon, kommt mit einer zweiten Eichel wieder, läßt
sie hineinfallen und hält schnell das Auge ans Loch, um zu sehen, was
draus wird -- aber zu spät. Wohl eine Minute lang schaut er hinein,
dann blickt er seufzend auf: ›Alle Wetter, das ist doch zu toll, das
versteh’ ’mal einer! -- aber ich probier’s wieder.‹
»Bei der dritten Eichel thut er was er kann, um ihr noch schneller
nachzusehen, aber vergebens. ›So ein Loch ist mir noch nicht
vorgekommen,‹ sagt er, ›es muß wohl eine ganz neue Art sein, wie ich
noch keins gesehen habe.‹
»Nun gerät er in Zorn. Zuerst bezwingt er sich noch, stolziert auf dem
Dachfirst auf und ab, schüttelt den Kopf und brummt in sich hinein;
dann übermannen ihn die Gefühle und er fängt an zu schimpfen, bis er
vor Aerger ordentlich schwarz wird. Noch nie hab’ ich einen Vogel um so
einer Kleinigkeit willen in solcher Wut gesehen. Wie er genug gewettert
hat, geht er wieder ans Loch, sieht lange hinein und sagt dann: ›’s ist
ein dunkles Loch, ein tiefes Loch und ein sehr komisches Loch, aber nun
ich einmal angefangen hab’ es zu füllen, will ich’s auch durchsetzen,
und wenn’s hundert Jahre dauert.‹
»Fort fliegt er, und all’ mein Lebtag hab’ ich noch nie einen Vogel
so arbeiten sehen wie den. Dritthalb Stunden ging das in einem fort.
Eichel auf Eichel warf er ins Loch, kein einzigesmal schaute er mehr
hinein, sondern flog nur immer hin und wieder. Ich war so voll Spannung
und Aufregung, daß ich nichts anderes sah und dachte.
»Endlich ist er aber doch so abgearbeitet, daß er kaum noch die Flügel
regen kann. In Schweiß gebadet kommt er herbeigeflogen, läßt die Eichel
hineinfallen und sagt: ›Nun wirst du, denke ich, wohl genug haben, du
altes Loch.‹
»Er steckte den Kopf hinein, und wie er wieder aufsieht, ist er
ordentlich blaß vor Wut, -- Sie können mir’s glauben, lieber Herr! --
›Ausstopfen sollen sie mich und ins Museum stellen,‹ schreit er, ›wenn
ich auch nur eine Spur von den Eicheln entdecken kann, eine ganze
Familie könnte sich dreißig Jahre davon satt essen, so viel hab’ ich
hineingetragen!‹
»Mühsam schleppt er sich auf den Dachfirst, lehnt sich an den
Schornstein, überdenkt die Sache und macht dann seinem Herzen Luft. Na,
das hätten Sie hören sollen! So was von Schimpfen und Schelten ist mir
mein Lebtag nicht vorgekommen!
»Während er im besten Zuge ist, kommt ein anderer Häher vorbeigeflogen,
hält an und fragt, was es denn giebt. Sein armer Freund trägt ihm die
ganze Sache vor und sagt: ›Wenn du mir’s nicht glauben willst, so geh’
und sieh’ selbst nach, -- da drüben ist das Loch!‹
»Das thut der zweite Häher, und wie er alles genau betrachtet hat,
kommt er zurück und fragt: ›Wie viele hast du denn eigentlich
hineingeworfen?‹ -- ›Wenigstens zwei Säcke voll,‹ versetzt jener.
»Der Häher geht abermals zum Loch und sieht hinein -- es scheint ihm
ganz unerklärlich; auf seinen Ruf kommen noch drei Häher herbei. Alle
untersuchen das Loch, lassen sich die Geschichte erzählen und streiten
hin und her, als ob ebenso viele Menschen ihre hohlköpfigen Ansichten
zum Besten gäben.
»Noch mehr Häher werden herzugerufen, sie kommen in immer größeren
Scharen geflogen, bis alles ringsumher ganz blau davon schimmert. Es
mögen wohl an die fünftausend gewesen sein, und ein solches Lärmen,
Hacken, Krähen und Schimpfen ist noch nie dagewesen. Jeder einzelne
Häher hält das Auge ans Loch und alle kramen ihre Meinungen über das
rätselhafte Ereignis aus -- eine immer unsinniger wie die andere. Dann
wird das ganze Haus untersucht. Die Thüre steht halb offen und ein
alter Häher, der in die Nähe kommt, guckt zufällig hinein. Nun war’s
mit dem Geheimnis auf einmal vorbei: da lagen alle die Eicheln auf
dem ganzen Boden umhergestreut. Der Häher schlägt mit den Flügeln und
erhebt ein Geschrei: ›Hierher,‹ ruft er, ›kommt alle her, der närrische
Kerl hat das ganze Haus mit Eicheln füllen wollen!‹
»Da kamen sie herabgeschossen wie eine blaue Wolke; jeder geht zur
Thüre, schaut hinein, und sobald ihm der ganze Unverstand des ersten
Hähers klar wird, fällt er rücklings über und will vor Lachen bersten;
dann kommt der nächste an die Reihe, guckt hinein und macht es ebenso.
»Hierauf saßen alle wohl über eine Stunde auf dem Hausdach und ringsum
in den Bäumen und schüttelten sich vor Lachen, gerade wie die Menschen.
* * * * *
»Der Blauhäher hat viel Sinn für Humor -- das lass’ ich mir nicht
ausreden. Und ein gutes Gedächtnis hat er auch. Drei Jahre lang kamen
Häher aus allen Staaten der Union jeden Sommer angeflogen, um in
das Loch hinunterzusehen; auch andere Vögel brachten sie mit. Alle
freuten sich an dem Spaß, nur eine alte Eule nicht, die auf einer
Forschungsreise nach Naturmerkwürdigkeiten begriffen, unterwegs
auch das wunderbare Loch besichtigen wollte. Sie sagte, sie könne
nicht einsehen, was für ein Witz dabei sei, -- indes die andern
Merkwürdigkeiten hatten auch nicht viel Eindruck auf sie gemacht.«
[Illustration]
Die Vorlesung.
Nach meiner Irrfahrt befand ich mich endlich wieder zu Hause in San
Francisco ohne Mittel und ohne Beschäftigung. Ich zermarterte mir das
Hirn, um einen Plan zu finden, der mich retten könnte und verfiel
zuletzt darauf, eine öffentliche Vorlesung zu halten. In fieberhafter
Erregung setzte ich mich voll Hoffnung hin und schrieb einen Vortrag
nieder. Ich zeigte ihn verschiedenen Freunden, aber sie schüttelten
alle die Köpfe und meinten, höchst wahrscheinlich würde niemand kommen,
um mir zuzuhören und ich würde beschämt wieder abziehen müssen. Aber
selbst im Fall die Vorlesung zu stande käme, müßte sie schmählich
mißlingen, da ich ja nie zuvor öffentlich gesprochen hätte. Das
machte mich ganz trostlos. Endlich jedoch klopfte mir ein Redakteur
vertraulich auf den Rücken und meinte: »Ich will Ihnen was sagen!
Mieten Sie den größten Saal in der Stadt und fordern Sie einen Dollar
Eintrittsgeld. Bange machen gilt nicht.«
Die Tollkühnheit des Vorschlags reizte mich, umsomehr als
viel praktische Weisheit und Weltkenntnis darin lag. Auch ein
Theaterbesitzer hielt den Rat für gut und bot mir sein großes neues
Opernhaus für fünfzig Dollars an -- die Hälfte des gewöhnlichen
Preises. Aus reiner Verzweiflung ging ich darauf ein und mietete es
auf Kredit -- aus triftigen Gründen. In drei Tagen ließ ich nun für
150 Dollars Anzeigen und Zettel drucken und war wohl das verzagteste
und geängstetste Menschenkind an der ganzen Küste des Stillen Ozeans.
Schlafen konnte ich nicht, das wäre wohl unter solchen Umständen
niemand möglich gewesen. Wenn andern Leuten die letzte Zeile meines
Anschlagzettels vielleicht scherzhaft erschienen ist, so hatte sie doch
für mich einen sehr kläglichen Anstrich; mir war furchtbar beklommen zu
Mute, als ich schrieb:
»Die Thüren werden um 7½ Uhr geöffnet.
Um 8 Uhr beginnt das Unheil.«
Der Satz hat manchem seither gute Dienste geleistet. Besitzer von
Schaubuden haben ihn mir abgeborgt und einmal fand ich ihn sogar am
Schluß einer Anzeige, durch welche den Schulzöglingen der Beginn des
neuen Kursus nach den Ferien angekündigt wurde.
Während die drei Tage in peinlicher Erwartung langsam vergingen, wurde
ich immer unglücklicher. Ich hatte zweihundert Eintrittskarten an
meine persönlichen Bekannten verkauft, aber ich fürchtete, sie würden
sämtlich fortbleiben. Meine Vorlesung, die mir zuerst humoristisch
vorgekommen war, wurde von Stunde zu Stunde langweiliger und
trübseliger, bis auch nicht mehr der Schatten eines Witzes darin zu
entdecken war und ich bedauerte, daß ich nicht einen Sarg auf die Bühne
bringen und die ganze Geschichte in ein Leichenbegängnis verwandeln
konnte.
Zuletzt befiel mich eine solche Höllenangst, daß ich mich entschloß,
drei alte Freunde -- gutherzige Gemüter und wahre Riesengestalten --
aufzusuchen, welche Stimmen besaßen, die dem Brüllen des Sturmwinds
glichen.
»Hört einmal,« sagte ich zu ihnen, »ich falle gewiß mit der Sache
durch; die Witze sind so tiefsinnig, daß kein Mensch sie verstehen
wird. Würdet ihr mir wohl den Gefallen thun, euch ins Parkett zu
setzen, um mir Beistand zu leisten?«
Als sie dies versprochen hatten, ging ich zu der Frau eines bekannten
und beliebten Bürgers, die ich bat, mit ihrem Manne in der Loge
links von der Bühne Platz zu nehmen, wo alle Welt sie sehen könne.
Ich stellte ihr vor, wie sehr ich ihrer Hilfe bedürfe und machte mit
ihr aus, ich würde mich jedesmal nach ihr hinwenden und lächeln, zum
Zeichen, daß ich einen schwerverständlichen Witz losgelassen hätte;
»dann aber grübeln Sie, bitte, nicht lange darüber nach,« fügte ich
hinzu, »sondern folgen Sie meinem Wink.«
[Illustration]
Sie gab mir ihre Zusage und ich entfernte mich. Auf der Straße
begegnete mir ein Mann, den ich noch niemals gesehen hatte. Er war
angetrunken und strahlte vor Gutmütigkeit.
»Mein Name ist Sawyer,« sagte er, »Sie kennen mich nicht, doch das ist
einerlei. Ich habe keinen Cent in der Tasche, aber wenn Sie wüßten,
wie gern ich einmal lachen möchte, so schenkten Sie mir sicherlich ein
Billet. Na, was meinen Sie dazu?«
Statt der Antwort fragte ich: »Wie verhält es sich denn mit Ihren
Lachmuskeln? Ich meine -- platzen Sie leicht heraus oder sind Sie sehr
wählerisch in betreff der Späße?«
Meine langsame, gedehnte Sprechweise kam ihm so komisch vor, daß er
sogleich einige Proben seiner Lachkunst zum Besten gab; ich sah,
es war gerade die Sorte, welche ich brauchte. So schenkte ich ihm
denn ein Billet in der Mitte der zweiten Abteilung, für die er alle
Verantwortlichkeit übernahm, und belehrte ihn darüber, wie er etwaige,
undeutliche Scherze erkennen könne. Als wir uns trennten, kicherte er
wohlgefällig über die Neuheit des Planes.
An dem letzten der drei schicksalsschweren Tage aß ich keinen Bissen --
ich litt nur Qualen. An diesem Tage sollte der Verkauf der reservierten
Logenplätze stattfinden. Als ich mich gegen vier Uhr nachmittags an die
Theaterkasse schlich, um zu sehen, ob Eintrittskarten gelöst worden
seien, fand ich sie verschlossen -- der Billetverkäufer hatte sich
entfernt. Ich mußte heftig schlucken, denn das Herz schlug mir bis
in den Hals hinauf. »Also, gar nichts verkauft,« sagte ich mir; »das
hätte ich vorher wissen können.« Ich dachte in vollem Ernst daran, die
Flucht zu ergreifen, Krankheit vorzuschützen, oder einen Selbstmord zu
begehen, so erbärmlich war mir zu Mute. Aber natürlich mußte ich mir
das alles aus dem Sinn schlagen und meinem Schicksal die Stirne bieten.
Es war mir unmöglich, bis halb 7 Uhr zu warten, ich mußte dem Greuel
ins Angesicht sehen und damit fertig werden. Aehnliche Gefühle mag ein
Mensch haben, der gehängt werden soll.
Um sechs Uhr ging ich auf Nebenwegen nach dem Theater und trat durch
eine Hinterthür ein. Ich stolperte an Reihen von Leinwandkoulissen
vorüber nach der Bühne und sah den Zuschauerraum düster und stumm,
in entsetzlicher Leere vor mir liegen. Darauf zog ich mich wieder in
das Dunkel hinter die Koulissen zurück und verharrte dort anderthalb
Stunden, in Grauen und Entsetzen versunken; für die ganze übrige Welt
war mir jedes Bewußtsein geschwunden.
Plötzlich vernahm ich ein Geräusch, das sich immer mehr steigerte;
lauter und lauter wurde das Gemurmel und endete mit einem Krach, in den
sich Hochrufe mischten. Der wahrhaft betäubende Lärm erhob sich jetzt
ganz in meiner Nähe und ich fühlte, daß mir die Haare zu Berge standen.
Nun folgte eine Pause, dann kam ein abermaliges Hoch und gleich darauf
ein drittes. Ehe ich noch recht wußte, wie mir geschah, befand ich mich
mitten auf der Bühne, vor mir wogte ein Meer von Gesichtern, der helle
Glanz der Lichter verwirrte mich und ich zitterte an allen Gliedern vor
tödlichem Schrecken. Das ganze Haus war gedrängt voll, selbst die Gänge
zwischen den Sitzreihen.
Es dauerte eine volle Minute, bis sich meine Aufregung in Kopf,
Herz und Beinen beruhigt hatte und ich meine Selbstbeherrschung
einigermaßen wieder gewann. Ich las Wohlwollen und Freundlichkeit in
allen Gesichtern, meine Furcht verschwand allmählich und ich begann
zu sprechen. Schon nach drei bis vier Minuten fühlte ich mich ganz
behaglich und zufrieden. Meine drei Hauptverbündeten waren mit drei
Gehilfen zur Hand; sie saßen beieinander im Parkett mit Knotenstöcken
bewaffnet und kampfbereit, um beim geringsten Scherzwort zum Angriff zu
schreiten. Bei jedem Witz, den ich zum Besten gab, stießen sie mit den
Stöcken gewaltig auf den Boden und verzogen den Mund von einem Ohr zum
andern. Sawyer, dessen treuherziges Gesicht sich mitten in der zweiten
Abteilung rötlich abhob, stimmte in ihr Gelächter ein und das ganze
Haus wurde zum Beifall fortgerissen. Selbst die mittelmäßigsten Witze
erzielten eine nie geahnte Wirkung.
Nach einer Weile kam ich an eine ernsthafte Stelle, die ich mit
großer Salbung vortrug; es war mein Leibstück und die Zuhörerschaft
lauschte in atemlosem Schweigen, was mir wohlthuender war als der
rauschendste Beifall. Bei dem letzten Wort meiner Einschaltung wandte
ich mich zufällig und begegnete dem aufmerksam und erwartungsvoll
auf mich gerichteten Auge der Frau K. -- Mein neuliches Gespräch mit
ihr fiel mir plötzlich ein und wie sehr ich mich auch zusammennahm,
ich konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Sie hielt dies für unser
verabredetes Zeichen und brach sogleich in ein wohlklingendes Gelächter
aus, von welchem sich die ganze Zuhörerschar anstecken ließ. Die
Explosion, die nun erfolgte, bildete den Triumph des ganzen Abends.
Ich fürchtete schon, der wackere Sawyer würde vor Lachen ersticken,
und die Knotenstöcke arbeiteten, als gälte es Pfähle einzurammen. Mein
armes bißchen Pathos war freilich zu Grunde gerichtet; man hielt es in
gutem Glauben für einen beabsichtigten Witz und zwar für die Krone der
ganzen Unterhaltung. Ich war natürlich klug genug, den Irrtum nicht
aufzuklären.
Alle Zeitungen brachten am andern Morgen freundliche Besprechungen;
meine Eßlust kehrte zurück und ich hatte Geld in Hülle und Fülle. Ende
gut -- alles gut.
[Illustration]
Anhang.
[Illustration]
Aus meiner Knabenzeit.
I.
Als ich nach neunundzwanzigjähriger Abwesenheit (1882) meinem Heimatort
einen kurzen Besuch machte, fand ich daselbst ebensoviel anders
geworden, wie überhaupt am ganzen Mississippi. Die Stadt Hannibal, wie
sie früher gewesen, stand mir noch klar und lebhaft im Gedächtnis,
ich hätte sie malen können. Ich trat ans Ufer und mir war zu Mute wie
einem Menschen aus einer längst begrabenen Generation, der wieder
unter den Lebenden wandelt. Ein ähnliches Gefühl müssen, denke ich,
die Gefangenen der Bastille gehabt haben, wenn sie nach jahrelanger
Kerkerhaft ans Licht des Tages kamen und sich nun in Paris umschauten,
wo ihnen alles so fremd und doch so vertraut war.
Wohl sah ich die neuen Häuser -- sie standen ja leibhaftig vor mir
-- aber die Bilder aus alter Zeit, die in meiner Erinnerung lebten,
berührte das nicht; durch die festgefügten Mauern hindurch sah ich
die alten Häuser, die ehemals an ihrem Platz gestanden, mit größter
Deutlichkeit.
Es war Sonntagmorgen und alles lag noch in den Federn. So schritt ich
denn durch die leeren Straßen, sah die Stadt nicht wie sie ist, sondern
wie sie war und begrüßte im Geist hundert mir wohlbekannte Gegenstände,
die vom Erdboden verschwunden waren. Schließlich stieg ich den
Holiday-Hügel hinauf, um einen weiten Ueberblick zu gewinnen. Nun lag
die ganze Stadt zu meinen Füßen ausgebreitet und ich konnte jedes
Gebäude, jede einzelne Oertlichkeit genau bestimmen. Natürlich hatte
ich Mühe, meine Rührung zu bemeistern. Ich sagte mir: »Von den Leuten,
die ich einst in diesem friedlichen Hafen meiner Kindheit gekannt habe,
sind schon viele in den Himmel gegangen, manche aber auch sicherlich
nach einem andern Ort der Vergeltung.«
Alles, was ich rings um mich sah, rief meine Knabengefühle wieder
wach; ich war überzeugt, ich sei noch ein Knabe und hätte nur einen
ungewöhnlich langen Traum gehabt. Allein, sobald ich anfing zu
überlegen, schwand diese Vorstellung. »Da drüben stehen etwa fünfzig
alte Häuser,« sagte ich zu mir, »und ich brauche nur einzutreten,
um überall Männer und Frauen zu finden, die noch in der Wiege lagen
oder nicht geboren waren, als ich zuletzt von hier oben hinabschaute,
vielleicht sogar eine Großmutter, die damals eine blühende junge Braut
war.«
Man hat von jener Anhöhe aus einen unbegrenzten Blick den Fluß hinauf
und hinunter und über die großen Waldungen von Illinois; die Aussicht
ist wunderschön, fast möchte ich sagen, eine der schönsten am Ufer
des Mississippi, aber das ist eine kühne Behauptung, denn die 800
Meilen, die der Fluß von St. Paul nach St. Louis durchläuft, bieten
eine ununterbrochene Reihe der reizendsten Landschaftsbilder. Möglich,
daß meine Vorliebe für die in Frage stehende Aussicht mein Urteil
beeinflußt -- ich weiß es nicht gewiß. Jedenfalls gewährte sie mir
die vollste Befriedigung, denn sie hatte vor allem andern Lieben und
Bekannten, was ich wiedersehen sollte, _eines_ voraus -- sie war ganz
unverändert. So jung und frisch, so reizend und anmutig sah ich sie
vor mir, wie sie je gewesen, während die Gesichter meiner ehemaligen
Freunde natürlich alt sein mußten und voller Narben vom Kampf des
Lebens. Sie alle trugen wohl Spuren ihrer Niederlagen und Kümmernisse
und konnten mein Gemüt nicht erheben.
Ein alter Herr, der auf seinem Morgenspaziergang begriffen war, kam
jetzt herbei. Wir tauschten zuerst unsere Bemerkungen über das Wetter
aus und gerieten dann auf andere Unterhaltungsstoffe. Sein Gesicht
war mir unbekannt; er sagte, er wohne schon 28 Jahre hier am Ort, das
war _nach_ meiner Zeit, ich hatte ihn also noch nie gesehen. Ich zog
nun allerlei Erkundigungen ein; zuerst fragte ich nach einem meiner
Kameraden aus der Sonntagsschule -- was wohl aus ihm geworden wäre.
»Er ging mit Ehren von einer Universität im Osten ab, dann zog er in
die weite Welt, doch nirgends wollte es ihm glücken; jetzt ist er
längst aus aller Gedächtnis geschwunden, man glaubt, er sei gestorben
und verdorben.«
»Er war ein begabter Junge, der zu den besten Hoffnungen berechtigte.«
»Jawohl, aber in Erfüllung gegangen sind sie nicht.«
Nun fragte ich nach einem andern meiner Mitschüler, dem klügsten im
ganzen Ort.
»Auch seine Studien im Osten waren vom besten Erfolg gekrönt, aber im
Leben hat er bei jedem Kampf den kürzeren gezogen; schon vor Jahren ist
er irgendwo in den Territorien gestorben -- ein gebrochener Mann.«
Ich erkundigte mich nach einem dritten begabten Jungen.
»Dem ist’s gut gegangen, alles gelingt ihm, ich glaube es wird ihm
immer glücken.«
Hierauf fragte ich nach einem jungen Mann, der damals gerade in die
Stadt gekommen war, um sich in seinem Beruf auszubilden.