Das Erdbeben brachte die wunderlichsten Erscheinungen zu Tage.

Herren und Damen, die krank waren, oder gerade ihr Mittagschläfchen

hielten, oder nach durchschwelgter Nacht der Ruhe pflegten, kamen

in den seltsamsten Aufzügen auf die Straße gestürzt, viele nur sehr

mangelhaft bekleidet oder auch gar nicht. Angesehene Bürger, die für

äußerst streng in betreff der Sonntagsheiligung galten, liefen in

Hemdärmeln aus den Schenkstuben heraus, das Billard-Queue noch in der

Hand. Aus den Barbierstuben flohen zu Dutzenden Leute mit umgebundenen

Servietten, bis unter die Augen eingeseift, auf einer Seite noch die

Bartstoppeln, während die andere bereits glatt rasiert war. In einem

Hotel kam ein bekannter Redakteur, nur mit dem Hemd auf dem Leibe, die

Treppe heruntergelaufen. »Was soll ich thun?« jammerte er, »wohin soll

ich gehen?«

»Am besten in einen Kleiderladen,« sagte das Zimmermädchen, dem er

begegnete, in heiterer Unbefangenheit.

Pferde brachen aus den Ställen und ein Hund sprang in seiner Angst die

Bodenleiter zum Dach hinauf, getraute sich aber dann nicht, wieder

denselben Weg zurückzukommen. In der Stadt fiel der Bewurf von so

vielen Zimmerdecken herab, daß man große Felder damit hätte bestreuen

können. Tagelang standen die Leute noch in Gruppen vor den Häusern,

welche in breiten Zickzackrissen von oben bis unten zerborsten waren.

Ein hundert Fuß langer Spalt that sich in einer Straße sechs Zoll breit

auf und schloß sich dann wieder mit solcher Gewalt, daß die Erde sich

an der Stelle wie ein Grabhügel aufwölbte. An einem Gebäude waren drei

Schornsteine in der Mitte durchgebrochen und so herumgedreht, daß der

Rauch keinen Abzug fand. Eine Dame fühlte plötzlich, daß der Salon,

in dem sie saß, zu schwanken begann, gleich darauf sah sie, wie die

Wand sich oben an der Decke zweimal aufthat und wieder schloß, wobei

ein Backstein herunterfiel, wie ein Zahn aus einem offenen Munde.

Eine andere Dame, welche die Treppe hinunter eilte, bemerkte zu ihrem

Erstaunen, daß sich ein bronzener Herkules auf seinem Fußgestell zu ihr

hinneigte, als wollte er sie mit der Keule erschlagen. Statue und Frau

erreichten den Fuß der Treppe zu gleicher Zeit, letztere bewußtlos vor

Entsetzen.

In einer der Kirchen warf der erste Stoß drei mächtige Orgelpfeifen

herunter. Der Geistliche stand gerade mit emporgehobenen Händen da, um

den Gottesdienst zu schließen. »Den Segen wollen wir heute fortlassen,«

sagte er kurz -- und an der Stelle, wo er gestanden hatte, war nur noch

ein leerer Raum.

»Bleibt auf euren Sitzen,« ruft ein Prediger in Oakland nach dem ersten

Stoß, »wenn ihr sterben sollt, so findet ihr nirgends einen besseren

Platz dazu als hier.« Nach dem dritten Stoß fügte er jedoch hinzu:

»Aber draußen ist es auch nicht schlecht,« und verschwand durch eine

Hinterthür.

Die Frauen und Mädchen der Stadt erlitten schwere Verluste an

Fläschchen mit Essenzen, Wohlgerüchen und allerlei Nippessachen, die

das Erdbeben auf Kaminsimsen und Toilettentischen zertrümmerte.

Aufgehängte Bilder wurden herabgeworfen, oder -- was noch häufiger

geschah -- vom Erdbeben aus mutwilliger Laune so herumgewirbelt, daß

die Gesichter der Wand zugekehrt waren. Von dem Schaukeln und Schwanken

der Straßen und Fußböden bekamen viele Tausende die Seekrankheit und

fühlten sich noch stundenlang nachher schwach und elend; einige litten

sogar tagelang an dem Uebel und ganz verschont blieb kaum einer.

Bald nach diesem Ereignis traf mich ein recht grausamer Schlag. In

einer Nummer des ›Enterprise‹, die ich zufällig zur Hand nahm, fiel

mein Blick auf folgende Mitteilung:

Nevada-Bergwerke in New York.

Ende Juli brachten die Herren G. M. Marshall, Sheba Hurst und

Amos Rose Erzproben aus Gruben im Pine-Wood-Distrikt und am

Reese-River nach New York.

Die eine, im Humboldt-County gelegene Grube haben die

Eigentümer für den Preis von drei Millionen Dollars verkauft.

Zum Betrieb ist bereits ein Kapital von einer Million

Dollars eingezahlt worden, und die Maschinen für das große

Quarz-Pochwerk, welches sogleich eingerichtet werden soll,

sind schon angeschafft. Sämtliche Aktien der Gesellschaft sind

vollbezahlt und steuerfrei.

Sheba Hurst, der Entdecker dieser Gruben, hat sich, bevor er

seinen Fund veröffentlichte, den Besitz der besten Erzgänge

gesichert, sowie den erforderlichen Grund und Boden und das

nötige Bauholz. Seine Erzproben ergaben bei der Untersuchung

einen außerordentlich reichen Gehalt an Silber und Gold; jedoch

ist das Silber vorherrschend. Wir haben die Proben gesehen und

uns überzeugt, daß es sich hier um keinen Schwindel handelt und

die Gruben jenes Bezirks wirklich sehr wertvoll sind; deshalb

vernehmen wir mit Befriedigung, daß sich das New Yorker Kapital

bereitwillig an dem Unternehmen beteiligt.

So hatte denn die mir angeborene Einfalt wieder den Sieg davon getragen

und ich hatte eine Million verloren.

Verweilen wir nicht länger bei dieser kläglichen Geschichte. Hätte

ich sie erfunden, so wäre es mir ein Leichtes, sie humoristisch

auszuschmücken, da sie aber nur allzu wahr ist, vermag ich sie selbst

heutigen Tages noch nicht mit leichtem Herzen zu erzählen, trotzdem

sie jetzt so weit hinter mir liegt. Ich will nur noch erwähnen, daß

ich allen Mut verlor, mich in thörichtem Murren und Seufzen und

fruchtlosem Gram verzehrte, darüber meine Pflichten versäumte und als

Berichterstatter einer ›flotten‹ Zeitung kaum mehr zu gebrauchen war.

Zuletzt nahm mich der Eigentümer des Blattes beiseite und erwies mir

eine Wohlthat, deren ich mich noch jetzt voll Ehrerbietung erinnere.

Er gab mir Gelegenheit auf die Stelle zu verzichten und rettete mich

dadurch vor der Schande, meine Entlassung zu erhalten.

Am Bettelstabe.

Eine Zeitlang schrieb ich allerlei Litterarisches für die ›Goldene

Aera‹ und andere Blätter. C. H. Webb hatte den ›Kalifornier‹ gegründet,

ein ganz vortreffliches Wochenblatt, dessen hoher litterarischer Wert

jedoch keine Bürgschaft für den Erfolg war. Das Journal siechte dahin

und Webb verkaufte es an drei Drucker. Damals wurde Bret Harte für ein

Gehalt von 20 Dollars die Woche Redakteur und ich verpflichtete mich

für 12 Dollars allwöchentlich einen Artikel beizusteuern. Da der Absatz

aber viel zu wünschen übrig ließ, verkauften die Drucker das Journal an

den reichen Kapitän Opden, einen sehr angenehmen Herrn, der sich diesen

teuern Luxus gestattete, ohne viel nach den Kosten zu fragen. Er bekam

indessen das neue Spielzeug bald satt und gab es den Druckern zurück.

Nicht lange darauf starb das Blatt eines sanften Todes und ich war

wieder ohne Arbeit.

In den nächsten zwei Monaten hatte ich keine andere Beschäftigung, als

meinen Bekannten aus dem Wege zu gehen. Ich verdiente keinen Cent,

schaffte mir nicht die geringste Kleinigkeit an und bezahlte auch Kost

und Wohnung nicht. Dagegen erwarb ich mir eine große Geschicklichkeit,

mich überall fortzudrücken. Von einem Hintergäßchen drückte ich mich

ins andere; sah ich von fern ein Gesicht, das mir bekannt vorkam, so

drückte ich mich; auch zu meinen Mahlzeiten schlich ich gedrückt,

aß sie demütig und mit stummer Bitte um Verzeihung für jeden Bissen,

den ich meiner großmütigen Wirtin stahl; drückte mich bis Mitternacht

herum, jeden Ort vermeidend, wo Helligkeit und Heiterkeit zu finden

war und schlich dann zu Bette. Ich kam mir niedriger, erbärmlicher und

verächtlicher vor wie ein Wurm. Meine ganze Barschaft bestand in einem

silbernen Zehn-Centstück; das hielt ich fest und wollte es um keinen

Preis ausgeben, aus Furcht, der Gedanke, daß ich völlig mittellos

sei, möchte mich überwältigen. Außer den Kleidern, die ich am Leibe

trug, hatte ich alles versetzt und so hing ich denn mit verzweifelter

Hartnäckigkeit an meinem letzten Geldstück, das schon ganz abgegriffen

war, so oft hatte ich es durch die Finger gleiten lassen.

Das Elend liebt Gesellschaft. Dann und wann stieß ich nachts an irgend

einem abgelegenen, schwach erleuchteten Ort mit einem andern Kinde

des Unglücks zusammen. Der Mensch sah so schmierig und verkommen, so

heimatlos, freundlos und verlassen aus, daß ich mich zu ihm hingezogen

fühlte, wie zu einem Bruder. Auch er muß wohl eine ähnliche Empfindung

gehabt haben, denn die Anziehung war gegenseitig; wenigstens trafen

wir uns allmählich häufiger, wenn auch allem Anschein nach noch immer

zufällig. Wir sprachen zwar nicht zusammen, ließen auch nicht merken,

daß wir einander wiedererkannten, aber sobald wir uns sahen, schwand

die dumpfe Beklommenheit aus unserem Gemüt. Wir taumelten dann beide in

gemessener Entfernung befriedigt weiter, freuten uns unserer stummen

Genossenschaft und blickten aus dem nächtlichen Schatten verstohlen

in die Fenster hinein, nach den freundlichen Lichtern und den

Familiengruppen am traulichen Kamin.

Endlich redeten wir einander an und waren seitdem unzertrennlich.

Litten wir doch beide fast dieselben Schmerzen. Auch er war

Berichterstatter gewesen und hatte seine Stelle eingebüßt; dann war

er immer mehr heruntergekommen und unaufhaltsam tiefer und tiefer

gesunken -- von der Wohnung auf dem Russenhügel zu dem Kosthaus in der

Kearney-Straße, von dort zu Dupont und dann in eine Matrosenkneipe.

Zuletzt hatte er sich in Warenkisten und leeren Tonnen auf der Werft

sein Quartier gesucht. Durch das Zunähen geplatzter Getreidesäcke, die

eingeschifft werden sollten, fristete er sich eine Zeit lang notdürftig

das Leben; als dieser Verdienst aufhörte, suchte er sich seine Nahrung

bald hier bald da, wie es der Zufall gerade fügte. Bei Tage ließ er

sich nirgends mehr blicken, denn ein Reporter kennt arm und reich, hoch

und niedrig, und kann es bei hellem Tage nicht gut vermeiden, bekannten

Gesichtern zu begegnen.

Dieser Bettler -- ich will ihn Blücher nennen -- war ein prächtiger

Mensch, voll Hoffnung, Thatkraft und echter Philosophie. Er war gut

belesen und fein gebildet, besaß hellen Verstand und trefflichen Witz.

Sein freundliches Wesen und sein großmütiges Herz gaben ihm in meinen

Augen ein wahrhaft königliches Ansehen, sein Sitz auf dem Eckstein

erschien mir wie ein Thronsessel und sein schäbiger Hut wie eine Krone.

Ein Abenteuer, das er mir erzählte, hat durch seine Absonderlichkeit

mein Mitgefühl aufs höchste erregt und sich unauslöschlich in mein

Gedächtnis eingegraben.

[Illustration]

Seit zwei Monaten besaß er keinen Heller und war in den dunkeln Straßen

beim Schein der matt brennenden freundlichen Lichter umhergeschlichen,

bis ihm die Sache zur zweiten Natur wurde. Endlich aber trieb ihn der

Hunger an das Tageslicht. Achtundvierzig Stunden hatte er keinen Bissen

genossen und konnte das müßige Warten in seinem Versteck nicht länger

ertragen. Er schlich durch eine Hintergasse, starrte voll gierigen

Verlangens nach den Fenstern der Bäckerläden und hätte sein Leben für

ein Stück Brot verkaufen mögen. Der Anblick der Eßwaren verdoppelte

seinen Hunger, aber doch war es ihm eine Wohlthat, sie wenigstens

zu sehen und sich vorzustellen, wie ihm zu Mute sein würde, wenn

er etwas zu essen hätte. Da sah er auf einmal mitten in der Straße

einen glänzenden Punkt; er blickte wieder hin -- durfte er seinen

Augen trauen? Er wandte sich ab und sah dann noch einmal nach der

Stelle, um ganz sicher zu sein. Nein, es war keine Sinnestäuschung,

die der Hunger erzeugte, sondern Wirklichkeit -- da lag ein silbernes

Zehn-Centstück. Er schoß darauf zu, hob es auf, starrte es an, nahm

es zwischen die Zähne -- kein Zweifel, es war echt. Sein Herz jubelte

laut, er vermochte kaum ein Jauchzen und Hallelujah zu ersticken. Dann

sah er sich um -- niemand beobachtete ihn; er warf die Münze wieder

hin, wo sie gelegen, trat ein paar Schritte zurück, näherte sich

abermals und that, als wisse er nicht, daß sie da sei, damit er noch

einmal das Entzücken genießen könne, sie zu finden. Nun betrachtete

er sie von verschiedenen Punkten aus, schlenderte, mit den Händen in

den Taschen, umher, schaute nach den Ladenschildern, warf dann wieder

einen raschen Blick auf das Geldstück und fühlte sich von Wonneschauern

durchrieselt. Endlich hob er es auf und ging, es in der Tasche

streichelnd, von dannen. Er wählte die menschenleersten Straßen, stand

von Zeit zu Zeit in einem Thorweg oder an der Ecke still und zog seinen

Schatz heraus, um ihn zu betrachten. In seinem Quartier, einem leeren

Geschirrfaß, angelangt, überlegte er bis in die Nacht hinein, was er

dafür kaufen solle. Ein schwerer Entschluß. Ihm lag daran, so viel wie

möglich zu bekommen. In der Bergmannsschenke, das wußte er, gab man

einen Teller voll Bohnen und ein Stück Brot für zehn Cents oder einen

Fischkloß mit Zubehör, aber ohne Brot. In Peters Speisehaus konnte

er ein Kalbskotelett nebst einigen Rettichen und Brot für zehn Cents

haben, oder eine große Tasse Kaffee mit einer Brotschnitte, die aber

schändlicherweise oft nur sehr dünn ausfiel.

Um sieben Uhr empfand er einen wahren Wolfshunger, doch hatte er noch

keine Entscheidung getroffen. Er machte sich auf den Weg, ging noch

immer rechnend die Straße hinauf und kaute an einem Holzstückchen, wie

es Leute, die nahe am Verhungern sind, zu thun pflegen. Vor Martins

erleuchtetem Restaurant, dem vornehmsten der ganzen Stadt, blieb er

stehen; in besseren Tagen hatte er da oft gespeist und Martin kannte

ihn gut. Er trat abseits, um aus dem Bereich der Lichter zu kommen,

blickte andächtig nach den Wachteln und Beefsteaks im Schaufenster und

dachte, vielleicht wären die Zeiten der Märchen noch nicht vorüber,

und ein verkleideter Prinz könnte daherkommen und ihn auffordern,

einzutreten und zu nehmen, was er wolle. Je mehr er sich in den

Gedanken vertiefte, um so hungriger kaute er an dem Holzstückchen.

Da fühlte er plötzlich, daß jemand neben ihm stand und seinen Arm

berührte. Er sah auf und erblickte ein Gespenst -- das wahre Bild des

Hungers. Es war ein baumlanger, hagerer Mensch, in Lumpen gehüllt, Haar

und Bart ungeschoren, mit ausgemergeltem Gesicht, eingesunkenen Wangen

und Augen, die ihn jammervoll anblickten.

»Kommen Sie mit mir,« sagte er und hing sich an Blüchers Arm. Als sie

eine Stelle erreicht hatten, wo das Licht nur schwach schien und wenige

Leute vorüber gingen, blieb er stehen und hob die Hände flehend empor.

»Freund -- Fremder, sehen Sie mich an,« stammelte er. »Sie freuen sich

Ihres Lebens in Ruhe und Behagen, wie ich einst in meiner guten Zeit.

Sie haben dort drinnen herrlich zu Abend gespeist, ein Liedchen gesummt

und bei sich gedacht, es ist doch schön auf der Welt. Sie haben nie

Not gelitten, Sie wissen nicht was Kummer und Elend ist, Sie kennen

den Hunger nicht! -- Sehen Sie mich an, Fremder, haben Sie Erbarmen

mit einem freundlosen, heimatlosen Menschen. So wahr Gott lebt -- seit

achtundvierzig Stunden habe ich keinen Bissen gegessen; schauen Sie mir

ins Auge, ich lüge nicht. Geben Sie mir nur eine Kleinigkeit, mich vom

Hungertode zu retten; was Sie wollen -- 25 Cents genügen mir. Thun Sie

es, Fremder, ich bitte, ich beschwöre Sie. Ihnen ist es ein Leichtes

und mein Leben hängt daran. Ich will vor Ihnen im Staube liegen und den

Boden küssen, den Ihr Fuß betritt. Nur 25 Cents! Ich gehe zu Grunde,

ich sterbe, ich verhungere. Um des Himmels willen, verlassen Sie mich

nicht!«

Blücher war außer sich, bis ins Innerste gerührt und ergriffen. Er

überlegte hin und her, dann rief er von einem plötzlichen Gedanken

beseelt:

»Ja, so wird es gehen!« Den Arm des Elenden ergreifend, führte er ihn

nach Martins Restaurant, ließ ihn dort an einem Marmortisch Platz

nehmen, legte den Speisezettel vor ihn hin und sagte:

»Bestellen Sie jetzt was Sie wollen, Freund. Es geht auf meine

Rechnung, Herr Martin.«

»Schon gut, Herr Blücher,« versetzte der Speisewirt.

Gegen den Schenktisch gelehnt, sah Blücher zu, wie der Mensch ein

Stück Buchweizenkuchen zu 75 Cents nach dem andern heißhungrig

verschlang, verschiedene Tassen Kaffee hinunterstürzte und Beefsteaks

die Portion zu zwei Dollars verzehrte. Als der Fremde Speisen im Wert

von etwa sechs und einem halben Dollar vertilgt hatte und sein Hunger

gestillt war, begab sich Blücher nach Peters Speisehaus, kaufte für

sein Zehn-Centstück ein Kalbskotelett und ein Stück Brot, machte sich

darüber her und schmauste wie ein König.

Tom Quarz.

Bald darauf traf ich einen früheren Bekannten, der Bergmann in einem

der verlassenen Grubendistrikte Kaliforniens war. Ich ging mit ihm

zurück und blieb mehrere Monate dort unter den Goldgräbern, welche in

der ausgedehnten Hügel- und Waldlandschaft vier bis fünf zerstreute

Hütten bewohnen. In der flotten Zeit, ehe die Gruben erschöpft waren,

hatte in dieser Einöde eine blühende Stadt mit einer Bevölkerung von

zwei- bis dreitausend Menschen gestanden; jetzt war alles spurlos

verschwunden -- Straßen, Wohnhäuser, Läden -- und nur eine Handvoll

Bergleute an Ort und Stelle zurückgeblieben, die sich längst in ihre

Verbannung gefunden und die Welt vergessen hatten, wie sie von aller

Welt verlassen waren.

Einer meiner dortigen Kameraden, der seit achtzehn Jahren sein

geplagtes Leben voll Entbehrungen und Enttäuschungen geduldig ertragen

hatte, war Dick Baker, ein ernster, schlichter Mann, sechsundvierzig

Jahre alt, grau wie eine Ratte, halbwegs gebildet, in schlotteriger mit

Lehm beschmutzter Kleidung. Sein Herz aber war von kostbarerem Gold,

als er mit seiner Schaufel je zu Tage gefördert hatte, von feinerem

Metall als jemals gegraben oder gemünzt worden war.

So oft Baker kein Glück hatte und etwas niedergeschlagen war, pflegte

er um den Verlust einer wundervollen Katze zu trauern, die ihm früher

gehört hatte. Wenn er von ihrer merkwürdigen Klugheit sprach, so sah

man es ihm am Gesicht an, daß er im Innersten seines Herzens überzeugt

war, sie müsse menschliche, -- ja sogar vielleicht übermenschliche --

Eigenschaften besessen haben.

Einmal kam er auch in meinem Beisein auf das Tier zu sprechen.

[Illustration]

»Acht Jahre lang,« sagte er, »hatte ich hier eine Katze, die hätte

Sie gewiß interessiert. Sie hieß Tom Quarz, war groß und grau und

eigentlich ein Kater, mit so viel gesundem Menschenverstand wie irgend

einer von uns im Lager. Tom hatte auch ein gewaltiges Selbstgefühl im

Leibe, sogar dem Gouverneur von Kalifornien würde er nicht gestattet

haben, sich Vertraulichkeiten gegen ihn herauszunehmen. Eine Ratte

hatte er sein Lebtag nicht gefangen -- war vermutlich zu vornehm dazu.

Die einzige Angelegenheit, um die er sich kümmerte, war der Bergbau.

Vom Goldgraben verstand er mehr als irgend jemand in der Welt, die

Kenntnis war ihm förmlich angeboren, alles wußte er, was die Arbeit auf

den Goldfeldern betraf, man konnte ihm gar nichts Neues mehr sagen.

Er grub hinter mir und Jim drein, wenn wir die Berge durchsuchten und

trabte oft meilenweit mit uns umher. Ein vorzügliches Urteil hatte

er über den Boden, wo was zu finden sei; wahrhaftig, mir ist nichts

Aehnliches wieder vorgekommen. Wenn wir an die Arbeit gingen, warf er

nur einen Blick um sich; mißfielen ihm dann die Anzeichen, so machte

er ein Gesicht, das bedeuten sollte: »Na, Freunde, ihr werdet mich

wohl entschuldigen,« -- dabei hob er die Nase in die Luft und trollte

sich nach Hause, ohne noch ein Wort zu sagen. War er aber mit dem

Platz einverstanden, so verhielt er sich ruhig, bis die erste Pfanne

ausgespült war, dann schlängelte er sich in unsere Nähe und wenn er

sechs oder sieben Körner Gold sah, war er zufrieden und die Aussichten

schienen ihm gut. Er legte sich nun auf unsere Röcke und fauchte wie

ein Dampfboot, sobald wir jedoch auf eine ergiebige Stelle stießen,

fuhr er blitzschnell in die Höhe und machte sich ans Besichtigen.

»Jetzt kam die Zeit, wo alle Welt darauf versessen war, das Gold im

Gestein, statt in der Erde zu suchen, alle hackten und sprengten

nun, anstatt Erde zu schaufeln, jeder wollte einen Schacht graben,

statt bloß an der Oberfläche zu kratzen. Jim ließ mir keine Ruhe, wir

mußten auch nach Erz im Gestein suchen. Als wir den Schacht anzulegen

begannen, machte Tom Quarz große Augen, was zum Henker wir denn vor

hätten; solche Bergwerkerei schien ihm unerhört, er war ganz verblüfft

und konnte uns nicht begreifen. Daß mein Kater aber genau wußte,

worauf wir hinaus wollten, darauf möchte ich wetten; er sah immer aus,

als ob er unsere Arbeit für die größte Thorheit hielt. Neumodische

Einrichtungen konnte er nun einmal nicht ausstehen und war schwer von

seinen alten Gewohnheiten abzubringen. Erst ganz allmählich versöhnte

sich Tom Quarz einigermaßen mit dem neuen Betrieb, obwohl er es nie

recht einsah, warum wir immer und ewig in den Schacht einfuhren und

doch nichts Ordentliches herausholten. Zuletzt kam er selber herunter

um zu versuchen, ob er sich’s klar machen könne; aber es verwirrte

ihn nur, uns zuzusehen, er ward ärgerlich und die ganze Sache war ihm

zuwider, zumal er wußte, daß unsere Ausgaben fortwährend anwuchsen

und wir nicht einen Cent verdienten. So legte er sich denn auf einen

Pulversack im Winkel, rollte sich zusammen und schlief ein.

[Illustration]

»Eines Tages trafen wir in dem Schacht auf so hartes Gestein, daß

wir einen Sprengversuch vornehmen mußten, den ersten, seitdem Tom

Quarz geboren war. Wir steckten die Lunte an, kletterten heraus und

liefen etwa fünfzig Meter weit fort -- den Kater aber, der auf seinem

Pulversack in festem Schlafe lag, hatten wir richtig vergessen. Eine

Minute später sahen wir aus dem Loch eine dicke Rauchsäule aufsteigen,

dann that es einen fürchterlichen Krach und etwa vier Millionen Tonnen

Steine, Erde, Rauch und Splitter flogen wohl anderthalb Meilen hoch

in die Luft; und wahrhaftig, mitten in dem Wirrwarr sauste kopfüber,

kopfunter unser alter Tom Quarz mit in die Höhe, schnaubte, nieste und

streckte die Klauen aus wie besessen, um sich irgendwo festzuhalten,

aber es nützte ihn rein gar nichts.

»Nun vergingen wohl dritthalb Minuten, ohne daß wir was von ihm zu

sehen kriegten, dann fing es auf einmal an, Steine und Schmutz zu

regnen und auch der Kater fiel herunter, etwa zehn Fuß vor dem Fleck

wo wir standen. Na, der sah schön aus; ein erbärmlicheres Geschöpf ist

mir all mein Lebtag nicht vorgekommen. Ein Ohr saß ihm im Nacken, der

Schwanz stand steif in die Höhe, die Augenwimpern waren abgesengt,

der Körper ganz von Pulver und Rauch geschwärzt und mit Schlamm und

Schmutz überzogen. Wir starrten ihn an und brachten kein Wort heraus

-- was hätten auch alle Entschuldigungen jetzt nützen können? -- Tom

Quarz warf einen Blick voll Ekel auf sich selber, dann aber sah er uns

an, als wolle er sagen: »Ihr dünkt euch wohl recht schlau, daß ihr

einer Katze, die nichts vom neuen Bergbau versteht, so mitgespielt habt

-- aber ich sehe die Sache von einem andern Gesichtspunkt an.« Damit

machte Tom rechtsumkehrt und marschierte nach Hause, ohne noch weiter

ein Wort zu verlieren, das war so seine Art.

»Mögen Sie’s nun glauben oder nicht -- von der Zeit an gab es in der

ganzen Welt keine Katze, die mehr gegen den Quarzbau eingenommen

war wie er. Als er endlich wieder anfing, den Schacht zu befahren,

verwunderten wir uns alle über seine Schlauheit. Es war wirklich

merkwürdig -- kaum, daß wir das Pulver zum Sprengen gelegt hatten und

die Lunte anzündeten, so warf er uns einen Blick zu, in dem zu lesen

stand: »Nun empfehle ich mich Ihnen ergebenst --« im Nu war er dann zum

Loch hinaus und auf einen Baum geklettert, so hoch er konnte. Was sage

ich -- Schlauheit -- das ist gar kein Wort dafür; es war eine förmliche

Eingebung.«

»Wissen Sie, Herr Baker,« versetzte ich, »wenn man sich auf den

Standpunkt des Katers stellt, scheint mir sein Vorurteil eigentlich

ganz begreiflich. Haben Sie denn nie versucht, ihn davon zu heilen?«

»Wo denken Sie hin! Nein, wenn Tom Quarz sich einmal etwas in den Kopf

gesetzt hatte, so blieb er dabei durch dick und dünn. Sie hätten ihn,

wer weiß wie oft, in die Luft sprengen können, von seiner verfluchten

Abneigung gegen den Quarzbau wäre er doch nicht abzubringen gewesen.«

Während Baker dies beredte Zeugnis für die festen Grundsätze seines

alten Freundes ablegte, strahlte sein ganzes Gesicht vor Liebe und

Stolz. Die Erinnerung daran wird mir stets unvergeßlich bleiben.

Im Gold- und Silberland · 第 15 / 21 段