Wir rollten durch Thal und Ebene dahin, klommen in den Sierras bis zu

den Wolken empor und schauten herab auf Kalifornien im Sommerkleide.

Will man die kalifornische Landschaft im höchsten Reize sehen, so muß

man sie aus der Ferne betrachten. Zwar läßt sich die Erhabenheit und

Majestät der Berge von jedem Standpunkt aus bewundern, erst die Ferne

aber verleiht ihnen reichere Farben und läßt ihre rauhen, zerrissenen

Formen weniger schroff erscheinen. Auch der kalifornische Wald macht

sich am besten in der Entfernung; da er meist Baumarten von ein und

derselben Familie enthält: Weißtannen und Rottannen, Sprossenfichten

und Föhren, so bieten sie von nahe gesehen ein ermüdendes Einerlei;

alle strecken ihre starren Arme nach unten und zur Seite, als wollten

sie den Menschen immer und immer wieder warnend zurufen: »Bst! hier

wird nicht gesprochen -- sonst stört ihr jemand.« Auch daß es ewig

nach Pech und Terpentin riecht, macht einen trostlosen Eindruck und

man wird ganz schwermütig von dem fortwährenden Seufzen und Klagen

in den Wipfeln. Schreitet man geräuschlos über den Teppich von

zerstampfter gelber Rinde und toten Nadeln, so kommt man sich vor wie

ein irrender Geist mit lautlosem Fußtritt. Der ewigen Nadelbüschel

wird der Wanderer endlich überdrüssig und sehnt sich nach richtigen,

wohlgeformten Blättern; er möchte sich auf Moos und Gras lagern und

findet keines, denn überall wo der Boden nicht von Nadeln bedeckt ist,

giebt es nur nackten Lehm und Schmutz, was weder für träumerisches

Sinnen noch reinliche Kleidung günstig ist. Zwar besitzt Kalifornien

auch Grasebenen, doch nehmen sie sich ebenfalls besser in der

Entfernung aus, denn die Grashalme sind zwar hoch, stehen aber steif

und selbstbewußt da, ungesellig weit von einander, mit Flecken dürren

Sandes dazwischen.

Es gehört zu dem Wunderlichsten, was ich kenne, wenn Reisende aus

den Staaten Neuenglands über die Lieblichkeit des ›immerblühenden

Kaliforniens‹ schwärmen. Sie würden ihre Begeisterung vielleicht

mäßigen, wüßten sie, mit wie anbetender Bewunderung alte Kalifornier

die Landschaften des Ostens anstaunen. Das glänzende Grün in seiner

verschwenderischen Fülle und saftigen Frische, der üppige Reichtum

des Laubes mit den mannigfaltigen Blätterformen und Arten erscheint

ihnen wie ein Blick ins Paradies im Vergleich zu den staubbedeckten,

mißfarbenen Sommergewächsen Kaliforniens. Ueber dies ernste, düstere

Land in Entzücken zu geraten, wenn man die Wiesenflächen Neuenglands,

seine Eichen-, Ahorn- und Ulmenbäume im Sommerschmuck gesehen hat, oder

die vielfarbige Pracht des Herbstes, in der seine Wälder strahlen --

wäre einfach lächerlich, wenn es nicht etwas so Rührendes hätte.

Kein Land mit unveränderlichem Klima kann sehr schön sein. Nicht einmal

die Tropen sind es, man mag von ihrem Zauber schwärmen so viel man

will. Sie berücken uns wohl zuerst, aber der Reiz schwindet allmählich

bei dem ewigen Einerlei. Die Natur bedarf des Wechsels, um alle

ihre Wunder zu entfalten. In einem Lande, das vier wohl abgegrenzte

Jahreszeiten hat, kann es weder Eintönigkeit geben noch Mangel an

Schönheit. Jede Jahreszeit birgt dort eine Welt von Freude und

Interesse, die sich vor uns enthüllt, sich stufenweise und harmonisch

zu immer reicherer Schönheit entwickelt und, wenn man anfängt, sie satt

zu bekommen, rechtzeitig verschwindet, um etwas völlig anderem Platz

zu machen, das den Naturfreund durch neue Pracht und Herrlichkeit zu

bezaubern weiß.

* * * * *

San Francisco ist eine Stadt, in der es sich prächtig lebt; es nimmt

sich in gehöriger Entfernung auch stattlich und hübsch aus, von nahe

gesehen merkt man aber, daß die Bauart meist altmodisch ist. Viele

Straßen bestehen aus verfallenen, rauchgeschwärzten, hölzernen Häusern,

und die öden Sandhügel in der nächsten Umgebung fallen gar zu sehr ins

Auge. Selbst das heitere Klima macht sich bisweilen angenehmer, wenn

man davon liest, als wenn man es persönlich kennen lernt; ein klarer,

wolkenloser Himmel verliert mit der Zeit seinen Reiz, doch wenn der

ersehnte Regen endlich eintritt, so bleibt er um so länger. Ein

Erdbeben ist zwar lustig, doch thut man auch besser daran, es von ferne

zu betrachten. Hierüber sind jedoch die Ansichten verschieden.

Das Klima von San Francisco ist, wie gesagt, mild und gleichmäßig;

während des ganzen Jahres steht das Thermometer ungefähr auf siebzig

Grad F., es wechselt kaum jemals. Sommer und Winter schläft man unter

einer leichten Decke und braucht nie ein Moskitonetz. Man trägt keinen

Sommeranzug, sondern schwarze Tuchkleider, wenn man sie hat, im August

wie im Januar; zieht keinen Ueberrock an und bedarf keines Fächers. In

den Sommermonaten ist es zwar oft windig, aber wer das nicht liebt,

kann nach Oakland hinübergehen, nur ein paar Meilen weit, wo gar kein

Wind weht. In neunzehn Jahren hat es in San Francisco nur zweimal

geschneit und selbst dann blieb der Schnee nur lange genug auf dem

Boden liegen, daß die Kinder sich verwundert fragen konnten, was das

wohl für federiges Zeug sein möchte.

Acht Monate hintereinander ist der Himmel hell und wolkenlos, da

fällt kein Tropfen Regen. Wer aber keinen Regenschirm hat, wenn die

andern vier Monate kommen, muß sich einen stehlen, denn ohne den

geht es nicht. Man braucht ihn nicht etwa nur einen Tag, sondern

hundertundzwanzig Tage nacheinander ohne Ausnahme. Will man einen

Besuch machen, in die Kirche oder ins Theater gehen, so sieht man nicht

nach den Wolken, ob Regen droht oder nicht, man fragt nur den Kalender.

Ist es Winter, so regnet es, ist es Sommer, so regnet es nicht, dagegen

läßt sich nichts machen. Blitzableiter sind nicht vonnöten, denn es

giebt keine Gewitter. Hat man sechs bis acht Wochen lang gehört, wie

der Regen gleichförmig und trübselig herniederströmt, dann wünscht man

von ganzem Herzen, der Donner möchte einmal durch die schläfrigen

Himmelsräume rollen und krachen und brüllen, damit alles lebendig

würde, der Blitz möchte das düstere Firmament zerreißen und es nur auf

einen einzigen Augenblick mit blendendem Glanz erhellen. Was würde man

nicht darum geben, den lieben alten Donner zu hören und zu sehen, wie

jemand vom Blitz erschlagen wird! -- Und hat man im Sommer vier Monate

hindurch den grellen, mitleidslosen Sonnenschein erduldet, so möchte

man auf den Knieen um Regen, Hagel, Schnee, Donner und Blitz flehen --

um irgend eine Abwechslung in dem trostlosen Einerlei; -- sogar mit

einem Erdbeben wäre man zufrieden, wenn man nichts Besseres haben kann,

und das ist noch am ersten zu bekommen.

[Illustration]

San Francisco ist auf Sandhügeln erbaut, aber es sind fruchtbare

Sandhügel, die einen reichen Pflanzenwuchs erzeugen. Die seltenen

Blumen, welche die Leute im Osten sorgfältig in Treibhäusern und Töpfen

ziehen, gedeihen dort das ganze Jahr hindurch unter freiem Himmel in

üppiger Fülle: Kallas, Geranien, Passionsblumen, Moosrosen -- ich

weiß nicht den zehnten Teil von allen Namen. Wenn in New York alles

von Schnee und Eis starrt, bedeckt sich der Boden in Kalifornien mit

Blumen und Blüten; der Mensch braucht nur alles wachsen zu lassen wie

es will, ohne sich hineinzumischen.

Ich habe an einer anderen Stelle von dem ewigen Winter in Mono

gesprochen und jetzt eben von dem endlosen Frühling in San Francisco.

Reist man nun etwa hundert Meilen in direkter Linie weiter, so kommt

man in den fortwährenden Sommer von Sacramento. In San Francisco

hat man weder Sommerkleider noch Moskitos, aber in Sacramento ist

beides zu finden. Nicht immer und ohne Aufhören, aber im Laufe

von zwölf Jahren etwa 143 Monate lang. Der Leser kann sich leicht

vorstellen, daß dort immer Blumen blühen, daß die Menschen morgens,

mittags und nachts schwitzen, fluchen und ihre beste Lebenskraft

damit verbrauchen, sich Luft zuzufächeln. Es ist dort heiß, aber wenn

man nach Fort Yuma hinunterkommt, dürfte man es noch heißer finden.

Dort steht das Thermometer fast unabänderlich auf 120 Grad ~F.~ im

Schatten, ausgenommen, wenn es noch höher steigt. Dieser heißeste

Ort der Erde ist ein Militärposten der Vereinigten Staaten und seine

Bewohner gewöhnen sich so an die schreckliche Hitze, daß sie es ohne

dieselbe nicht aushalten können. Die Sage erzählt, daß dort einst ein

gottloser Soldat starb und natürlich sofort in den heißesten Winkel

der Hölle hinunterfuhr. Und siehe da, am nächsten Tage telegraphierte

er zurück, man möge ihm seine Decken schicken! -- Die Wahrheit dieser

Ueberlieferung ist nicht zu bezweifeln; ich habe selbst die Schenke

gesehen, in welcher der Soldat einzukehren pflegte.

In dem beständigen Sommerwetter von Sacramento kann der Reisende um

acht oder neun Uhr morgens Rosen pflücken, Erdbeeren und Gefrorenes

essen, sich in weiße Leinwand kleiden, nach Luft schnappen und

schwitzen. Setzt er sich dann auf die Eisenbahn, so kann er um 12

Uhr den Pelz anziehen, die Schlittschuhe anschnallen und über den

gefrorenen Donner-See dahinschweben, 7000 Fuß über dem Thal, zwischen

fünfzehn Fuß hohen Schneewehen und in unmittelbarer Nähe der gewaltigen

Berggipfel, die ihre eisigen Klippen 10000 Fuß über der Meeresfläche

erheben. In der ganzen westlichen Hemisphäre findet sich nirgends ein

so plötzlicher Uebergang. Die Eisenbahn fährt in kühnen Windungen durch

die schneebedeckte Gegend 6000 Fuß über dem Meere bis zum Stillen

Ozean. Wie ein Vogel aus der Luft schaut man herab auf den ewigen

Sommer des Sacramento-Thales, das mit seinen fruchtbaren Feldern,

seinen blühenden Bäumen und seinen Silberströmen in den weichen Duft

der Atmosphäre eingehüllt ruht. Auf dies köstliche, traumhafte Bild

aus dem Feenland blickt der Reisende durch ein furchtbares Thor von

Eis und Schnee, durch wilde Klüfte und Abgründe -- ein wirkungsvoller

Gegensatz, der den Eindruck mächtig erhöht.

Goldgräber.

Das eben geschilderte Thal des Sacramento war der Schauplatz der

ersten und ergiebigsten Goldgräbereien. Noch jetzt sieht man viele

Stellen in der Ebene und am Bergabhang, wo die Habgier jener Zeit das

Erdreich aufgewühlt und ausgehöhlt hat, um nach Beute zu suchen; solche

Verunstaltungen der Gegend findet man in Kalifornien weit und breit.

Man kommt auch durch Strecken, wo sich jetzt nur Wiesen und Wälder

ausdehnen, wo man kein Haus, kein lebendes Wesen erblickt, nicht einmal

die Balken oder Steine eines verfallenen Gebäudes und kein Laut die

Sabbatstille umher unterbricht. Da ist es schwer, sich vorzustellen,

daß dort vor Jahren ein rasch emporgeblühtes Städtchen gestanden

hat, mit zwei- bis dreitausend Einwohnern, die ihre Zeitung, ihre

Feuerwehr, eine Musikkapelle, ein Freiwilligenkorps, Gasthäuser, eine

Bank und Spielhöllen besaßen, wo Männer aus allen Nationen der Erde mit

struppigen Bärten rauchten und fluchten, und wo der Goldstaub, der sich

an den Spieltischen anhäufte, mehr wert war, als die Einkünfte eines

deutschen Fürstentums.

Das Leben wogte geschäftig hin und her in den Straßen, man verkaufte

Bauplätze zu vierhundert Dollars den Fuß, es wurde dort gearbeitet,

gelacht, getanzt, Musik gemacht, gezecht, gerauft und Dolch und

Revolver gehandhabt. Alles war vorhanden, was zum Blühen und Gedeihen

einer neuerstandenen Stadt nötig und förderlich ist, was das Leben

schmückt und erfreut -- und jetzt sieht man dort nichts als eine

verlassene, wüste Einöde, die Menschen sind fort, von den Häusern ist

keine Spur geblieben, sogar der Name des Orts vergessen. Nirgends in

der Welt sind in unserm Jahrhundert Städte so völlig vom Erdboden

verschwunden, wie in den alten Goldgräbergegenden von Kalifornien.

In jenen Tagen aber herrschte ein rastloses Drängen und Treiben,

Hasten und Arbeiten unter der eigenartigen, zusammengewürfelten

Bevölkerung des damaligen Kalifornien, wie sie sich schwerlich

jemals wieder irgendwo beisammen finden wird. Sie bestand aus

zweihunderttausend jungen Männern, nicht gezierten, verwöhnten,

behandschuhten Schwächlingen, sondern kräftigen, muskelstarken,

tapfern und unerschrockenen Leuten, voll Mut und Thatkraft, die mit

allen Eigenschaften, welche wahrer Männlichkeit zu Schmuck und Zier

gereichen, im vollsten Maße ausgestattet waren, die Auserlesensten

unter den Herren der Schöpfung. Man sah dort weder Frauen noch Kinder,

noch gebückte, hinfällige Greise, nur junge Riesengestalten mit

aufrechtem Gang, hellem Blick, starker Hand und geschmeidigen Gliedern.

Ein schönes, ein herrliches Volk, die tapfersten Scharen, welche

jemals in die menschenleeren Einöden eines noch unbekannten Landes

einzogen. Und wo sind sie nun? -- Zerstreut nach allen Enden der Welt,

vorzeitig gealtert und verkommen, bei einem Straßenaufruhr ermordet, an

gebrochenem Herzen und getäuschten Hoffnungen gestorben -- alle dahin,

als Opfer auf dem Altar des goldenen Kalbes verblutet. Es ist ein

jammervoller Gedanke.

Nur starke, beherzte Männer waren ausgezogen, die Faulen,

Schwerfälligen und Trägen hatten sie daheim gelassen; die kann man

als Pioniere nicht gebrauchen, dazu gehören Leute von anderm Schrot

und Korn. Aber wild ging es damals unter ihnen her. Sie schwelgten

in Gold und Branntwein, in Raufereien und beim Fandango und waren

unaussprechlich glücklich. Ein wackerer Goldgräber holte sich täglich

seine hundert bis tausend Dollars aus dem Boden. Wenn dann die

Spielhöllen und andern Vergnügungslokale dafür sorgten, daß er bis

zum nächsten Morgen keinen Cent mehr in der Tasche hatte, konnte

er noch von Glück sagen. Die Leute kochten sich selbst ihr Gericht

Speck mit Bohnen, nähten sich die abgerissenen Knöpfe an und wuschen

ihre blauwollenen Hemden. Wer öffentlich mit weißer Wäsche und einem

hohen Hut erschien, ward in eine Schlägerei verwickelt, ehe er sich’s

versah. In dieser wilden, freien, zügellosen Gesellschaft waren alle

Aristokraten verhaßt, auch ließ sich weder ein ganz jugendliches, noch

ein weibliches Element dort jemals blicken. Man sagt, die Goldgräber

hätten sich oft scharenweise versammelt, wenn es galt, das für sie

seltsamste und herrlichste Schauspiel, den Anblick eines Weibes, zu

genießen.

In einem ihrer Lager verbreitete sich einmal am Morgen die Nachricht,

daß ein Weib angekommen sei. Man hatte aus einem Wagen auf dem

Lagerplatz ein Kattunkleid heraushängen sehen -- es mochten wohl

Auswanderer von der großen Ebene jenseits der Berge hergekommen sein.

Alles drängte sich nach dem Wagen, und als man ein wirkliches Kleid im

Winde flattern sah, entstand ein großes Geschrei, bis der Auswanderer

erschien. Dann hieß es wie aus einem Munde:

»Bringt sie heraus!«

Er erwiderte: »Es ist meine Frau, ihr Herren, sie ist krank, die

Indianer haben uns alles geraubt, Geld und Mundvorrat -- wir bedürfen

der Ruhe.«

»Bringt sie heraus, wir müssen sie sehen!«

»Aber ihr Herren, das arme Ding kann nicht --«

»Bringt sie heraus!«

Als er ihnen endlich den Willen that, schwenkten sie die Hüte in der

Luft und brachten ein dreimaliges donnerndes Hoch aus, dann umringten

sie sie alle, betrachteten sie, berührten ihre Kleider und horchten auf

den Ton ihrer Stimme. Die Frau schien für sie mehr eine Erinnerung aus

früherer Zeit, als etwas Wirkliches, Lebendiges zu bedeuten. Zuletzt

brachten sie die Summe von 2500 Dollars in Gold zusammen, händigten sie

dem Manne ein, schwenkten abermals die Hüte, riefen wieder dreimal Hoch

und gingen befriedigt ihrer Wege.

* * * * *

Ich speiste einmal bei einem Herrn, der mir ein Abenteuer erzählte,

welches seiner Tochter begegnet war, als die Familie zuerst in San

Francisco landete. Die junge Dame selbst erinnerte sich nicht mehr

daran, da sie zwei Jahre zählte, als sich diese wahre Geschichte

zutrug. Sie waren gerade vom Schiff gekommen und gingen die Straße

hinunter, voran die Dienerin mit der Kleinen auf dem Arm. Da trat ihnen

ein riesiger Goldgräber entgegen mit großem Bart und breitem Gürtel,

der über und über von Waffen starrte. Augenscheinlich kam der Mann

soeben von einem längeren Aufenthalt im Gebirge zurück. Er hielt die

Dienerin an und betrachtete sie mit Staunen und Wohlgefallen. Nach

einer Weile sagte er in ehrerbietigem Ton: »Wahrhaftig, ich glaube, das

ist ein Kind!« Dann zog er ein Ledersäckchen aus der Tasche und fuhr

zur Wärterin gewandt fort:

»Dieser Sack enthält Goldstaub im Wert von hundertfünfzig Dollars.

Lassen Sie mich das Kind einmal küssen und Sie sollen ihn haben.«

Wie sich doch die Zeiten ändern. Hätte ich damals, als ich mit bei

Tische saß und die Anekdote anhörte, die doppelte Summe für die

Erlaubnis geboten, dies selbe Kind küssen zu dürfen, man würde es mir

abgeschlagen haben. Der Preis hatte sich in den siebzehn Jahren, welche

seitdem verflossen waren, sehr beträchtlich gesteigert.

Hier will ich noch erwähnen, daß ich einmal bei meinem Aufenthalt

in Star City im Humboldt-Gebirge mit einer Schar von Bergleuten im

Gänsemarsch aufmarschiert bin, um durch den Spalt einer Hütte zu sehen,

worin ein ganz neues, wunderbares Schauspiel unser wartete, nämlich

der Anblick einer wirklichen, lebendigen Frau. Als endlich nach einer

halben Stunde geduldigen Harrens die Reihe an mich kam, durch die

Spalte zu gucken, stand sie richtig da, die eine Hand in die Seite

gestemmt und beschäftigt, mit der andern Pfannkuchen zu stürzen. Sie

sah aus, als sei sie hundertfünfundsechzig Jahre alt und hatte keinen

Zahn mehr im Munde.

Erdbeben.

Einige Monate führte ich nun ein wahres Schmetterlingsdasein, wie ich

es früher nie gekannt. Ich lebte in süßem Nichtsthun, war niemand

verantwortlich und der Geldpunkt machte mir keine Sorgen. Nach den

Alkaliwüsten und der öden Salbeigegend von Washoe erschien mir San

Francisco wie ein Paradies und ich verliebte mich sterblich in diese

Stadt herzlichster Geselligkeit.

Ich wohnte im besten Hotel, trug meine neuen Kleider auf allen

Hauptplätzen und Straßen zur Schau, ging jeden Abend in die Oper

und lernte von den Klängen der Musik hingerissen zu scheinen, die

mein ungeschultes Ohr häufiger verletzten als bezauberten. Wenn ich

nicht die gemeine Ehrlichkeit besaß, dies einzugestehen, so bin

ich vermutlich in diesem Punkte nicht schlimmer als die meisten

meiner Landsleute. Ich besuchte Privatgesellschaften im prächtigsten

Ballanzug, that zimperlich, entfaltete meine ganze natürliche Anmut

wie ein geborener Stutzer und tanzte Polka und Schottisch mit einem

Schritt, der mir eigentümlich ist -- mir und dem Känguruh. -- Kurz,

ich lebte als Schmetterling, wonach ich mich längst gesehnt hatte,

und trat wie ein Mann auf, der (voraussichtlich) seine hunderttausend

Dollars besaß und wahrscheinlich zu unbeschränktem Ueberfluß gelangen

würde, sobald der Verkauf jener Silbermine im Osten zum Abschluß

kam. Inzwischen streute ich mein Geld reichlich umher, beobachtete

das Steigen und Fallen der Aktien mit lebhaftem Interesse und behielt

nebenbei im Auge, was sich in Nevada zutrug.

Dort ereignete sich etwas sehr Wichtiges. Die besitzende Klasse

stimmte gegen die Staatsverfassung, aber die Leute, welche nichts zu

verlieren hatten, waren in der Majorität und setzten die Annahme der

Verfassung durch. Das war ohne Frage ein Unglück, obgleich es anfangs

nicht so aussah. Ich schwankte hin und her, berechnete die möglichen

Veränderungen des Geldmarktes und entschied mich endlich dafür, nicht

zu verkaufen.

Die Aktien stiegen höher und höher und es begann ein tolles

Spekulationsfieber. Bankiers, Kaufleute, Advokaten, Aerzte, Handwerker,

Tagelöhner, selbst Waschfrauen und Dienstmädchen legten ihre

Ersparnisse in Silberkuxen an. Die Spielwut hatte sich der ganzen

Bevölkerung bemächtigt. Jede Sonne, die am Morgen aufging, schien beim

Untergang auf Bettler, welche reich geworden und auf Reiche, die an den

Bettelstab gebracht waren. Die Gould- und Curry-Kuxe stiegen bis auf

6300 Dollars der Fuß; dann nahm die ganze Herrlichkeit plötzlich ein

jähes Ende und alle Welt war zu Grunde gerichtet. Ein schrecklicher

Schiffbruch! Das Faß hatte den Boden verloren, es blieb kaum ein

Tropfen daran hängen. Ich war unter den ersten, die gründlich an den

Bettelsack kamen. Meine sämtlichen Aktien konnte ich einfach wegwerfen,

sie galten nicht einmal so viel wie das Papier, auf dem sie gedruckt

waren. Ich hatte als glücklicher Narr mit dem Geld um mich geworfen

und geglaubt, das Mißgeschick könne mich nicht erreichen; jetzt besaß

ich keine fünfzig Dollars mehr im Vermögen, nachdem meine Schulden

zusammengerechnet und bezahlt waren.

Ich verließ das Hotel, bezog ein sehr bescheidenes Kosthaus, nahm eine

Stelle als Zeitungsschreiber an und machte mich an die Arbeit. Noch

war mir nicht jede Hoffnung geschwunden, denn ich baute zuversichtlich

auf den Verkauf der Silbermine im Osten. Mein Freund Dan ließ jedoch

nichts von sich hören; entweder gingen meine Briefe alle verloren, oder

sie blieben ohne Antwort.

[Illustration]

Eines Tages fühlte ich mich wenig aufgelegt, meine Beschäftigung

vorzunehmen und ging nicht ins Bureau. Als ich mich tags darauf wie

immer gegen Mittag dort einstellte, fand ich auf meinem Pult ein

Briefchen, das schon vierundzwanzig Stunden da gelegen hatte. Es

war ›Marshall‹ unterzeichnet und enthielt die Bitte, ihn und seine

Gefährten am Abend im Hotel zu besuchen. Sie seien auf der Durchreise

nach dem Osten begriffen und wollten am nächsten Morgen absegeln. Es

handle sich um eine große Bergwerksspekulation.

So außer mir bin ich in meinem ganzen Leben nicht gewesen. Ich schalt

mich einen Thoren, daß ich von Virginia fortgegangen war und einem

andern die Sache überlassen hatte, statt sie selbst in die Hand zu

nehmen. Ich war wütend, daß ich gerade den einzigen Tag im Jahre aus

dem Bureau wegbleiben mußte, an dem ich hätte dort sein sollen. Unter

allerlei Selbstvorwürfen trabte ich eine Meile weit bis zum Hafen

und kam richtig gerade an als es zu spät war. Das Schiff war bereits

abgefahren und unter Segel.

Zunächst tröstete ich mich mit dem Gedanken, daß vielleicht bei der

Spekulation nichts herauskommen würde, jedenfalls ein armseliger Trost;

dann nahm ich mein Sklavenjoch wieder auf, entschlossen, mich mit

meinen 33 Dollars die Woche zu begnügen und mir die Sache aus dem Sinn

zu schlagen.

* * * * *

Einen Monat später genoß ich mein erstes Erdbeben, welches noch lange

nachher das ›große Erdbeben‹ genannt wurde. Es war an einem hellen

Oktobersonntag, als ich kurz nach 12 Uhr die dritte Straße herunterkam.

Um diese Stunde war in dem dicht bebauten und bevölkerten Stadtteil

weit und breit nichts in Bewegung als ein Mann im Einspänner hinter

mir und ein Omnibus, der langsam eine Nebenstraße herauffuhr. Sonst

war alles wie gefegt und es herrschte Sabbatstille. Als ich an einem

Bretterhaus um die Ecke bog, hörte ich ein großes Krachen und Poltern,

es mußte wohl drinnen eine Prügelei vor sich gehen, da gab es gewiß

etwas zu berichten. Bevor ich aber noch die Thür gefunden hatte,

kam ein wahrhaft entsetzlicher Stoß; der Boden unter mir schien in

wellenförmiger Bewegung, dann folgte ein heftiges Heben und Senken

und ein dumpfes, knirschendes Geräusch, als würden Backsteinhäuser

aneinander gerieben. Ich fiel gegen das Bretterhaus und verletzte mich

am Ellenbogen. Jetzt wußte ich, was das bedeutete und zog aus reinem

Reportertrieb meine Uhr heraus, um mir Zeit und Stunde zu merken. In

diesem Augenblick erfolgte ein dritter, weit stärkerer Stoß und während

ich noch auf dem Pflaster umhertaumelte, bemüht, mich auf den Füßen zu

halten, hatte ich einen Anblick sondergleichen: Die ganze Vorderseite

eines vierstöckigen Backsteinhauses ging auf wie eine Thür und stürzte

mit lautem Geprassel quer über die Straße, daß der Staub aufwirbelte

wie eine mächtige Rauchsäule.

Indessen kam der Einspänner herbei -- der Mann flog hinunter und

schneller als ich es zu berichten vermag, war das Fuhrwerk in kleinen

Stücken längs der dreihundert Meter langen Straße umhergestreut. Der

Omnibus hielt an, die Pferde drängten rückwärts und bäumten sich, die

Fahrgäste strömten zu beiden Seiten heraus und ein dicker Herr, der mit

halbem Leibe durch ein Glasfenster gezwängt und darin festgekeilt war,

kreischte wie wahnsinnig, als stecke er am Spieß. Aus jeder Hausthür,

soweit das Auge reichte, ergoß sich ein Strom menschlicher Wesen, in

einem Moment war die ganze Straße, die ich überblicken konnte, von

einer dichtgedrängten Menschenmasse bedeckt. Statt der feierlichen

Stille herrschte urplötzlich das wildeste Wogen und Treiben.

Im Gold- und Silberland · 第 14 / 21 段