geschrieben, daß es einem fast den Atem benahm. Die Mitarbeiter an
dem Roman gerieten jedoch darüber in die höchste Wut und es entstand
ein unbeschreiblicher Aufruhr. Als der Strom von Schmähungen über den
sanften Fremdling hereinbrach, welcher noch halb im Rausch war, blickte
er seine Widersacher der Reihe nach schüchtern und verwirrt an, ohne
begreifen zu können, was er eigentlich verbrochen habe. Endlich trat
nach dem Sturm eine Windstille ein und er konnte zu Worte kommen. In
leise flehendem Ton sagte er, was er geschrieben, sei ihm nicht mehr
recht erinnerlich, doch habe er sich gewiß alle Mühe gegeben, um den
Roman nicht nur spannend und unterhaltend, sondern auch glaubwürdig,
belehrend und -- man ließ ihn nicht ausreden; von allen Seiten ward
er belagert und angefallen, mit Vorwürfen überhäuft und wegen seiner
Behauptungen ins Lächerliche gezogen und zu nichte gemacht. Bei jedem
Versuch, seine Widersacher zu besänftigen, goß der Fremde nur Oel ins
Feuer; erst als er vorschlug, das Kapitel noch einmal zu schreiben,
stellte man die Feindseligkeiten ein, die Entrüstung legte sich, es
wurde Friede geschlossen und der Besiegte trat den Rückzug nach seiner
eigenen Festung an.
Allein, ehe er dorthin gelangte, unterlag er der Versuchung aufs neue,
er betrank sich abermals und seine Phantasie verlor Zaum und Zügel.
Nun warf er seine Helden und Heldinnen noch wilder durcheinander als
das erstemal, aber auch dieses Machwerk trug wieder den Stempel der
ehrlichsten Gesinnung und größten Zuverlässigkeit. Alle handelnden
Personen gerieten in die ungewöhnlichste Lage und mußten ganz
erstaunliche Dinge sagen und thun. Was der Verfasser alles vorbrachte,
läßt sich nicht beschreiben, die Abgeschmacktheit war bis auf die
Spitze getrieben und der Blödsinn in ein System gebracht. Auch
erklärende Randbemerkungen waren beigefügt, die dem Text an Seltsamkeit
nichts nachgaben.
Als Beispiel des Ganzen will ich nur eine Episode mitteilen, die mir
erinnerlich ist: Der Anwalt hatte seinen Charakter verändert, er war
ein hochherziger, prächtiger Mensch geworden, der Ruhm und Geld besaß
und dreiunddreißig Jahre zählte. Die blonde Unschuld entdeckte mit
Hilfe des Rosenkreuzers, daß der Herzog sie nur um ihres Reichtums
willen zu besitzen trachte, eigentlich aber der Dame aus der höchsten
Gesellschaft zugethan sei. Bis ins Innerste verwundet, riß sie die
Liebe zu ihm aus ihrem Herzen und goß die ganze Fülle derselben über
den Anwalt aus, bei welchem sie ebenso feurige Erwiderung fand.
Allein die Eltern erhoben Einspruch; sie wollten einen Herzog zum
Schwiegersohn und waren nicht davon abzubringen, wiewohl sie zugaben,
daß ihnen nächst dem Herzog der Anwalt am liebsten sei. Da nun aber die
Blondine zu kränkeln begann, erschraken die Eltern und beschworen sie,
doch den Herzog zu heiraten; alles Zureden war aber umsonst, sie fuhr
fort dahinzuwelken. Unter den Umständen hielten die Eltern es für das
beste ihr zu sagen, daß, wenn sie nach Jahresfrist noch dabei beharre,
den Herzog zu verschmähen, so solle sie mit ihrer Einwilligung des
Anwalts Gattin werden. Bei dieser Aussicht färbten sich des Mädchens
Wangen wieder und mit der Hoffnung kehrte auch die Gesundheit zurück.
Das hatte man erwartet und schritt nun rasch zur Ausführung eines
bereits gefaßten Planes. Der Hausarzt mußte der Blondine zur völligen
Wiedergenesung eine weite Reise zu Wasser und Land verschreiben, an
welcher der Herzog teilnehmen sollte. Die Eltern rechneten darauf, daß
des Herzogs stete Gegenwart und des Anwalts Abwesenheit alles zum guten
Ende führen werde; denn den Anwalt hatten sie nicht eingeladen.
Sie schifften sich auf einem Dampfer nach Amerika ein; als aber am
dritten Tage die Seekrankheit nachließ und sie zum erstenmal bei der
Mittagstafel erschienen, da fanden sie zu ihrem Schrecken den Anwalt
gemütlich bei Tische sitzen. Das war eine große Verlegenheit, allein
der Herzog und seine Reisegesellschaft setzten sich darüber hinweg so
gut sie konnten und die Fahrt ging weiter. Etwa zweihundert Meilen von
der amerikanischen Küste geriet das Schiff jedoch in Brand; Takelwerk
und Masten wurden von den Flammen verzehrt und von der Mannschaft
und den Passagieren blieben nur dreißig am Leben, darunter unsere
Freunde. Sie trieben einen halben Tag und die ganze Nacht umher, bis
am Morgen zwei Walfischfahrer erschienen und Boote aussetzten. Das
Wetter war stürmisch und die Einschiffung verursachte große Verwirrung
und Aufregung. Der Anwalt that seine Pflicht mit Mannesmut, er half
der fast ohnmächtigen Blondine, ihren Eltern und andern seiner
Leidensgefährten in das Boot (der Herzog stieg allein hinunter). In
diesem Augenblick fiel am andern Ende des Wracks ein Kind ins Wasser,
der Anwalt vernahm das Wehgeschrei der Mutter, eilte zu Hilfe und zog
im Verein mit andern Rettern das Kind aus den Fluten. Dann lief er
zurück, aber es war zu spät -- das Boot mit der Blondine war schon
abgestoßen. Der Anwalt mußte das zweite Boot besteigen und wurde von
dem andern Schiff aufgenommen. Die Wut des Sturmes wuchs, er trieb die
Schiffe ins Weite und bald verloren sie einander aus dem Gesicht. Als
sich drei Tage später der Wind legte, befand sich das Schiff mit der
Blondine siebenhundert Meilen nördlich von Boston und das andere Schiff
etwa siebenhundert Meilen südlich von diesem Hafen. Der Kapitän der
Blondine ging im Norden des Atlantischen Ozeans auf den Walfischfang
und der Kapitän des Anwalts hatte Befehl, im Norden des Stillen Ozeans
zu kreuzen.
Fast ein Jahr war vergangen; das eine Schiff befand sich an der
Grönländischen Küste, das andere in der Behringsstraße. Der Blondine
hatte man eingeredet, daß der Anwalt über Bord gespült worden sei, als
er gerade ins Boot steigen wollte. Allmählich begann sie den Bitten
des Herzogs und ihrer Eltern Gehör zu geben und sich mit dem Gedanken
an die verhaßte Heirat vertraut zu machen. Doch beharrte sie fest
darauf, daß die einmal bestimmte Frist eingehalten werde. Der Zeitpunkt
rückte immer näher und schon begann man an Bord Vorbereitungen zu der
Hochzeit zu treffen, die mitten unter Eisbergen und Walrossen gefeiert
werden sollte. Nur noch fünf Tage, dann war alles vorüber. Die Blondine
bedachte das mit Seufzen und Weinen. O, wenn der Geliebte ihres Herzens
noch lebte, warum eilte er nicht zu ihrer Rettung herbei? --
Ach, er vermochte es nicht, denn er war in diesem Augenblick in der
Behringsstraße. Fünftausend Meilen betrug ihre Entfernung von einander
quer durch das nördliche Eismeer gemessen und zwanzigtausend Meilen um
das Kap Horn herum. Da des Anwalts sämtliche Habe in dem andern Boot
geblieben war, hatte er Schiffsdienste thun müssen, um seinen Unterhalt
zu verdienen, und war gerade beschäftigt, einen Walfisch anzuspießen.
Er schleuderte die Harpune mit aller Kraft, verfehlte jedoch sein
Ziel, glitt aus und fiel dem Walfisch in den offenen Schlund. Fünf
Tage blieb er besinnungslos in des Walfischs Bauch; als er wieder zu
sich kam, sah er das Tageslicht durch ein Loch hereinströmen, welches
sich im Rücken des Fisches befand. Die Mannschaft vom Schiff der
Blondine hatte den Walfisch erlegt; der Anwalt kletterte heraus und
überraschte die Matrosen, als sie gerade den Speck des getöteten Tieres
am Schiffsrand hinaufwanden. Er fragte nach dem Namen des Schiffes,
eilte an Bord, traf die Hochzeitsgesellschaft am Traualtar und rief mit
Donnerstimme: »Halt, nicht weiter -- hier bin ich! Komm in meine Arme,
Geliebte!« --
In den Anmerkungen, welche dieser erstaunlichen litterarischen Leistung
beigefügt waren, suchte der Verfasser zu beweisen, daß der Vorgang
keineswegs außerhalb des Bereichs der Möglichkeit liege. Zum Beweis,
daß ein Walfisch imstande sei, in fünf Tagen von der Behringsstraße
nach der Küste von Grönland zu schwimmen, führte er einen ähnlichen
Vorgang aus einem Buch von Charles Reade an, und dafür, daß ein Mensch
im Bauche eines Walfischs leben könne, lieferte ihm das Abenteuer des
Propheten Jonas ein allbekanntes Beispiel. Habe ein Prophet es drei
Tage darin ausgehalten, so würde ein Anwalt es sicherlich fünf Tage
ertragen, ohne Schaden zu nehmen.
Der Sturm, der sich nun im Redaktionszimmer erhob, tobte wilder als
zuvor; man warf dem Fremden sein Manuskript an den Kopf und jagte ihn
mit Schimpf und Schande davon. Inzwischen waren die Angelegenheiten
durch seine Schuld so sehr verzögert worden, daß keine Zeit mehr blieb,
ein neues Kapitel zu schreiben und so kam das Blatt diese Woche ohne
Roman heraus. Der Umstand erschütterte das Vertrauen des Publikums
in die ›Wochenschrift des Westens‹ vermutlich so sehr, daß sie ihr
gequältes Dasein nur noch mühsam weiter fristete und bevor die nächste
Nummer die Presse verließ, eines stillen und friedlichen Todes starb.
Mit Hilfe eines ansprechenden Titels hoffte man noch mit dem Blatt
einen Wiederbelebungsversuch anstellen zu können. Herr F. schlug vor,
es den ›Phönix‹ zu nennen, um anzudeuten, daß es aus der Asche in
ungeahntem Glanze erstehen werde; statt dessen wählte man jedoch auf
Anraten eines schlauen Kopfes den Namen ›Lazarus‹. Da nun aber die
Leser in der biblischen Geschichte wenig bewandert waren und den vom
Tode erweckten Lazarus mit dem elenden, kranken Bettler verwechselten,
der vor des Reichen Thüre lag, wurde der Name zum Gespött in der ganzen
Stadt und das brach dem Unternehmen vollends den Hals.
Belehrendes.
Ich erlaube mir, den geneigten Leser im voraus zu benachrichtigen,
daß ich in diesem Kapitel einige statistische Bemerkungen zu machen
gedenke, damit er es überschlagen kann, wenn er will.
Im Jahre 1863, zur Zeit unseres höchsten Glanzes, glich Virginia einem
wahren Bienenstock, so schwärmte es darin von Menschen und Wagen,
doch ließ sich das von ferne schwer erkennen, da die Stadt im Sommer
meist in eine dichte Wolke Alkalistaub eingehüllt war. Fuhr man zehn
Meilen weit in diesem Staub dahin, so wurden Pferde und Menschen
mit einer eintönig blaßgelben Kruste überzogen und im Wagen lag der
Staub mindestens drei Zoll hoch, da ihn die Räder aufwühlten und
hineinwarfen. Dabei ist dieser Alkalistaub so fein, daß er sogar in das
luftdicht verschlossene Glasgehäuse eindringt, in welchem der Wardein
seine äußerst empfindlichen Probierwagen aufbewahrt, deren Genauigkeit
dadurch beeinträchtigt wird.
Es war damals die Zeit der gewagtesten Spekulationen, doch wurden
auch solide Geschäfte in Menge abgeschlossen und es herrschte der
großartigste Handelsverkehr. Von Kalifornien aus schaffte man
alle Frachtgüter in ungeheuren Wagen über das Gebirge, denen oft
eine so lange Reihe von Maultieren zum Vorspann diente, daß es
ganz den Anschein hatte, als reiche der große Wagenzug, wie eine
endlose Prozession, von Virginia nach Kalifornien hinüber. An dem
aufgewirbelten Staub, der sich gleich einer ungeheuren Schlange durch
die Wüstengegend wälzte, ließ sich die Richtung der Handelsstraße in
dem Territorium leicht erkennen.
Die Lasten wurden die ganze Strecke von hundertfünfzig Meilen auf
Transportwagen für den Preis von 100 bis 200 Dollars das Tonnengewicht
(2000 Pfd.) nach dem Ort ihrer Bestimmung befördert. Eine einzige Firma
in Virginia erhielt monatlich 100 Tonnen Fracht und bezahlte dafür
10,000 Dollars. Im Winter stiegen die Preise noch bedeutend. Alles
Edelmetall wurde in Barren mit der Post nach San Francisco geschafft.
Ein solcher Barren war meist doppelt so groß wie eine Mulde, wie sie
beim Bleiguß benützt wird, und zwischen 1500 und 3000 Dollars wert,
je nach der Menge Goldes, die sich im Silber vorfand. Bei größeren
Sendungen belief sich der Frachtsatz auf Fünfviertel Dollars für
hundert Dollars des wirklichen Metallwerts, bei kleineren auf zwei
Dollars. Die Fracht für einen Barren betrug daher im Durchschnitt etwas
über 25 Dollars. Es gingen täglich drei Posten hin und her und ich
habe oft gesehen, daß die nach Kalifornien bestimmten Postwagen eine
Drittel-Tonne in Silberbarren mitnahmen; manchmal teilten die drei
Wagen sogar eine Last von zwei Tonnen unter sich, doch waren das nur
Ausnahmefälle. Zwei Tonnen Rohsilber machten etwa 40 Barren aus, deren
Fracht über 1000 Dollars kostete. Außerdem wurde mit jeder Postkutsche
noch viel gewöhnliche Fracht befördert und zwischen fünfzehn bis
zwanzig Passagiere, welche ein Personengeld von 25 und 30 Dollars
bezahlten.
Die Firma Wells, Fargo und Co., in deren Händen der Postverkehr
mit Virginia City lag, hatte demnach einen sehr bedeutenden und
einträglichen Geschäftsbetrieb. In anderthalb Jahren wurden, wie mir
der langjährige Agent der Firma, Valentin, mitteilte, Silberbarren im
Wert von 5,330,000 Dollars befördert.
Von Virginia und Gold Hill aus erstreckt sich in einer Länge von
mehreren Meilen die große Combstock-Mine, eine Metallader von fünfzig
bis achtzig Fuß Dicke, welche in Felswände eingeschlossen ist. Die
Ader ist so breit wie manche Straße von New York. Will man sich einen
Begriff davon machen, was das heißt, so braucht man nur zu bedenken,
daß in Pennsylvanien ein acht Fuß breites Kohlenlager schon für
bedeutend gilt.
Außer dem Virginia über der Erde, einer geschäftigen Stadt mit vielen
Straßen und Häusern, gab es demnach noch eine andere, unterirdische
Stadt, in der eine zahlreiche Bevölkerung aus und ein ging. Hunderte
von Menschen sah man sich dort durch die verworrenen Labyrinthe der
Tunnels und Stollen drängen und beim Schein der unruhig flackernden
Grubenlichter hierhin und dorthin huschen. Über ihren Häuptern
erhoben sich die ungeheuren Balkengerüste, welche die Mauern des
ausgehöhlten Combstocks auseinander hielten; die einzelnen Stützen
hatten Manneslänge und die Grubenzimmerung ging zu so beträchtlicher
Höhe hinauf, daß von unten kein menschliches Auge so weit zu dringen
vermochte und sich ihr Ende im Dunkel verlor; sie war zwei Meilen lang,
sechzig Fuß breit und höher als der höchste Kirchturm in Amerika.
Man kann sich kaum eine Vorstellung davon machen, was es gekostet
haben muß, diesen Wald von Bauholz in den Tannenforsten jenseits des
Washoe-Sees zu fällen, um ihn für unsinnige Frachtsätze bis nach dem
Mount Davidson zu schaffen, auf dessen Höhe sich Virginia City erhebt,
das Holz dann zuzuhauen, in den Grubenschacht hinabzulassen und dort
zurecht zu zimmern. Wenn zwanzig reiche Kapitalisten ihr Gesamtvermögen
zusammenthäten, so würde das kaum ausreichen, um die Zimmerung zu
bezahlen, welche zu einer einzigen dieser großen Silberminen gehört.
Ein spanisches Sprichwort sagt, man brauche eine Goldgrube zum Betrieb
einer Silbergrube und das ist nur zu wahr. Wer nichts besitzt als ein
Silberbergwerk, weder Mittel hat es auszubeuten noch Gelegenheit zum
Verkauf, der ist der ärmste Bettler von der Welt.
Ich habe von dem unterirdischen Virginia als von einer Stadt
gesprochen. Um eine Vorstellung davon zu geben, führe ich nur an, daß
die Gould- und Curry-Grube, welche nur _eine_ von vielen anderen ist,
Stollen und Tunnels in der Länge von fünf Meilen hatte und 500 Arbeiter
beschäftigte. Alles in allem aber betrug die Länge der Straßen jener
unterirdischen Stadt einige dreißig Meilen und ihre Bevölkerung 5--6000
Arbeiter. Manche derselben sind in einer Tiefe von 12--1600 Fuß unter
den Häusern von Virginia und Gold Hill im Innern der Erde beschäftigt
und man bedient sich des elektrischen Stroms, um die Signalglocken
anzuschlagen, durch welche der Grubendirektor ihnen Anweisung bei der
Arbeit erteilt. Stürzt einmal ein Bergmann in einen 1000 Fuß tiefen
Schacht hinab, wie das dort zuweilen vorkommt, so begnügt man sich bei
solchem Fall gewöhnlich damit, die Leichenschau zu halten.
Von Virginia nach San Francisco.
Nun war ich lange genug Berichterstatter bei dem ›Enterprise‹
gewesen und sehnte mich nach Abwechslung. Es befriedigte mich
nicht mehr, jährlich einmal nach Carson City zu gehen, um über die
Gerichtsverhandlungen zu schreiben und alle drei Monate einmal
wegen der Wettrennen und Kürbisausstellungen. Man hatte nämlich im
Washoe-County angefangen, Kartoffeln und Kürbisse zu bauen; natürlich
gehörte dazu vor allem eine landwirtschaftliche Ausstellung, deren
Kosten 10,000 Dollars betrugen, während für 40 Dollars Kürbisse zu
sehen waren.
Ich wollte irgendwo anders hin, womöglich nach San Francisco.
Was ich eigentlich wollte, wußte ich selber nicht; ich hatte das
›Frühlingsfieber‹ und brauchte wahrscheinlich eine Luftveränderung.
Wenn die Bergwerksanteile, welche ich besaß, hunderttausend Dollars
wert waren, was nach meiner Ansicht bald der Fall sein mußte, gedachte
ich sie zu verkaufen und heimzukehren. Zwar war das eine weit geringere
Summe, als ich erwartet hatte, aber füglich konnte ich mich doch
anständigerweise damit begnügen, ohne zu fürchten, in Not zu geraten.
Die erste Veränderung verschaffte mir mein Vorgesetzter, Herr Goodman,
welcher auf eine Woche verreiste und mich als Hauptredakteur
zurückließ. Das war mein Verderben. Den ersten Tag schrieb ich meinen
Leitartikel am Morgen. Am zweiten Tag fehlte mir ein Thema und ich
verschob die Arbeit bis zum Nachmittag, den dritten Tag nahm ich
sie erst am Abend vor und schrieb einen prächtigen Artikel aus der
›Amerikanischen Encyklopädie‹ ab, die eine getreue Freundin der
Redakteure im ganzen Lande ist. Am vierten Tage trödelte ich bis
Mitternacht und nahm wieder meine Zuflucht zur Encyklopädie. Am fünften
Tage zermarterte ich mir das Hirn und ließ die Presse warten, bis ich
einen erbitterten Ausfall gegen sechs verschiedene Privatpersonen zu
Papier gebracht hatte. Den sechsten Tag arbeitete ich im Schweiße
meines Angesichts bis tief in die Nacht hinein und doch kam nichts zu
stande; die Zeitung mußte ohne Leitartikel erscheinen. Am siebenten
Tage gab ich es von vornherein auf. Am achten kam Herr Goodman
wieder und fand sich in sechs Duelle verwickelt. Meine erbitterten
Anzüglichkeiten hatten Früchte getragen.
Nur wer selbst einmal Redakteur gewesen ist, weiß, was das heißt. Es
ist leicht, aus andern Zeitungen Ausschnitte zu machen oder allerlei
Lokalzeug zusammenzuschreiben, wenn man die Thatsachen vor sich hat,
aber es ist unendlich schwer, Leitartikel zu verfassen. Die Themas
sind schuld daran -- das heißt, der häufige Mangel derselben. Tag
für Tag plagt und quält man sich, zerbricht sich den Kopf und leidet
namenlos -- die ganze Welt ist öde und leer und doch müssen die
Spalten des Blattes gefüllt werden. Weiß der Redakteur nur, worüber
er schreiben soll, so ist seine Arbeit gethan, den Artikel abzufassen
ist ein Kinderspiel; aber man stelle sich nur einmal vor, was es
heißt, zweiundfünfzig Wochen lang jeden Tag sein Gehirn auszupumpen
-- der bloße Gedanke daran ist niederschmetternd. Was der Redakteur
eines Tageblatts in Amerika im Laufe eines Jahres zusammenschreibt,
würde sieben bis acht dicke Bände füllen, in zwanzig Jahren wäre
das eine ganze Bibliothek. Was will dagegen die Fruchtbarkeit von
Schriftstellern wie Scott, Dickens, Bulwer und Dumas sagen? Ja, wenn
sie so massenhaft produziert hätten wie ein Zeitungsredakteur, dann
könnte man sie wohl mit Recht anstaunen.
Wie diese Menschen es aushalten, ihre entsetzliche Arbeit und den
ungeheuern Verbrauch von Gehirnsubstanz jahraus jahrein fortzusetzen,
ist unbegreiflich, denn ihre Beschäftigung besteht nicht etwa in einem
mechanischen Zusammentragen von Thatsachen, sie erfordert schöpferische
Kraft. Wenn ein Pfarrer allwöchentlich zwei Predigten zu schreiben
hat, findet er das auf die Dauer so angreifend, daß er im Sommer zwei
Monate Ferien haben muß. Das ist auch ganz in der Ordnung. Aber ein
Redakteur schreibt über zehn bis zwanzig Texte jede Woche, zehn bis
zwanzig ausführliche Artikel, und fährt das ganze Jahr hindurch ohne
Unterbrechung damit fort -- eine unerhörte Leistung! Seit ich meine
Woche als Redakteur überlebt habe, nehme ich keine Zeitung in die Hand,
ohne die langen Spalten des Leitartikels mit Vergnügen zu betrachten
und mich im stillen zu wundern, wie zum Henker man es nur fertig bringt.
Herrn Goodmans Rückkehr befreite mich von aller Beschäftigung, denn
Berichterstatter wollte ich nicht wieder werden. Wie hätte ich auch
als Gemeiner in der Armee dienen können, nachdem ich einmal Feldherr
gewesen war? So beschloß ich denn, die Stadt zu verlassen und in die
weite Welt zu gehen.
Gerade als dies bei mir feststand, erzählte mir mein Kollege Dan eines
Tages beiläufig, er sei von zwei Herren aufgefordert worden, mit nach
New York zu gehen, um ihnen beim Verkauf einer reichen Silbergrube
zu helfen, die sie in einem neuen Bergwerksdistrikt unserer Gegend
entdeckt hatten. Er sollte die Reisekosten vergütet erhalten und ein
Dritteil des bei dem Verkauf zu erzielenden Gewinns. Dies Anerbieten,
welches mir im höchsten Grade erwünscht gewesen wäre, hatte Dan
ausgeschlagen und als ich schalt, daß er mir nicht früher etwas
von der Sache gesagt habe, war er höchlich verwundert, daß ich aus
Virginia fort wolle; er habe den Herren geraten, sich an Marshall, den
Berichterstatter der andern Zeitung, zu wenden.
Ich erkundigte mich nun des Näheren bei Dan, ob es sich auch nicht etwa
um einen Schwindel handle und ob die Grube wirklich und wahrhaftig
vorhanden sei, worauf er erwiderte, die Herren hätten ihm neun Tonnen
des Gesteins gezeigt, das sie mit nach New York nehmen wollten.
Er könne getrost versichern, daß er in ganz Nevada noch keine so
erzhaltigen Proben gesehen habe; auch für das nötige Bauholz und
den Platz zur Errichtung des Pochhammers in der Nähe der Grube sei
bereits Sorge getragen. Als ich das hörte, hätte ich Dan am liebsten
umgebracht, doch stand ich trotz meines Aergers davon ab, denn
vielleicht war noch nicht alle Hoffnung verloren. Dan behauptete das
wenigstens; er sagte, die Herren seien jetzt wieder nach ihrer Grube
gereist und würden frühestens in zehn Tagen zurückkehren. Er habe
versprochen, ihnen nach ihrer Zurückkunft Marshall oder sonst jemand
als Bewerber vorzustellen. Er wolle niemand weiter etwas von der Sache
sagen, bis sie wieder kämen und dann meine Person in Vorschlag bringen.
Das war eine herrliche Aussicht. Ich legte mich an jenem Abend
in fieberhafter Aufregung zu Bette. Bisher war es noch niemand
eingefallen, nach dem Osten zu reisen, um eine Silbergrube in Nevada
zu verkaufen. Eine Mine, wie sie Dan beschrieb, mußte in New York im
Handumdrehen Abnehmer finden und eine fürstliche Summe einbringen.
Schlafen konnte ich nicht, meine Einbildungskraft schwelgte in den
glänzendsten Luftschlössern.
Dan hatte versprochen, genau acht zu geben, wann die Herren
wiederkämen, und so fuhr ich denn am nächsten Tage frohen Mutes mit
der Postkutsche nach Kalifornien ab. Es fehlte auch nicht an den
Abschiedsfeierlichkeiten für mich, wie sie dort bei der Abreise eines
alten Bürgers üblich sind. Wenn man im Westen nur ein halbes Dutzend
Freunde hat, so machen sie Lärm genug für hundert, damit es nur nicht
so aussieht, als würde man ganz vernachlässigt und müßte ohne Sang und
Klang von dannen ziehen.
[Illustration]
Nicht ohne Bedauern schied ich von der Stadt, in welcher ich mich
meines Lebens gefreut hatte, wie nie zuvor. Mir ahnte wohl, daß ich
der winzigen Flagge für immer Lebewohl sagte, die nicht größer als
das Taschentuch einer Dame von dem höchsten Gipfel des Mount Davidson
herunterwehte, zweitausend Fuß über den Dächern von Virginia. In
Wirklichkeit war die Fahne dreißig Fuß lang und zehn Fuß breit.