»Früher einmal? Bewahre! Glauben Sie denn, ein Mensch hat neun Leben
wie eine Katze? Aber, was gilt die Wette -- jetzt ist er ganz und gar
tot, der arme Junge; hätte ich nur den Tag nie erlebt. Einen bessern
Freund wie Buck Fanshaw giebt es nicht auf der Welt. Ich kannte ihn
durch und durch -- und wenn ich einen kenne und liebe, mit dem bin ich
wie zusammengewachsen, das können Sie mir glauben. Solche Kernmenschen
findet man nicht wieder, da kann man lange suchen. Keinen Freund hat
Buck Fanshaw je im Stich gelassen. Aber nun ist das alles aus -- und
vorbei. Er hat ihn doch untergekriegt.«
»Wer denn?«
»Nun, der Tod. -- Ja, ja, es hilft nichts, wir müssen ihn aufgeben.
Eine arge Welt ist’s doch, in der wir leben, nicht wahr? Aber, Meister,
das sag’ ich Ihnen, so einen Ringkämpfer wie den giebt’s nicht zum
zweitenmal. Es war eine Lust ihm zuzusehen -- bloß seine Fäuste
brauchte er und freien Spielraum, dann ging’s drauf und dran. Es war
ein ganzer Teufelskerl. Ich sage Ihnen, er hielt sich dran, er blieb
nichts schuldig.«
»Wie meinen Sie?«
»Nun, er zahlte heim beim Faustkampf, verstehen Sie -- wo’s gerade
hinging: auf Schädel, Schultern, Brust! Heiliges Donnerwetter! --
entschuldigen Sie dieses Wort, aber ich kann nicht alles so sanft und
mild herausbringen. Und nun müssen wir ihn aufgeben, es hilft nichts,
die Rechnung stimmt. Wenn Sie uns nun beistehen möchten bei der
Verpflanzung --«
»Ich soll die Leichenpredigt halten und der Begräbnisfeier beiwohnen?«
»Begräbnisfeier -- ja, ja. Das ist’s, wo wir hinauswollen. Er war sein
Lebtag nicht knickerig und bei seiner Bestattung soll nichts abgeknapst
werden. Echt silberne Beschläge am Sarg und sechs Trauerfahnen über
der Bahre; auf dem Bock ein Neger in feiner Wäsche und den Seidenhut
auf dem Kopf -- es mag so hoch kommen wie es will. Für Sie, Meister,
werden wir auch Sorge tragen, seien Sie nur ganz ruhig. Sie bekommen
einen Wagen, und wenn Sie sonst noch was brauchen, nur heraus damit,
es soll schon angeschafft werden. Im Trauerhause wird so ein Dingrich
aufgerichtet, dahinter können Sie sich stellen. Seien Sie nur nicht
bange, sondern blasen Sie in Ihr Horn und bringen Sie unsern Kameraden
so glatt durch wie nur möglich. Wer ihn gekannt hat, wird Ihnen sagen,
daß er der bravste Kerl in der ganzen Gegend war. Sie können das gar
nicht stark genug betonen. Wenn Unrecht geschah, war er außer stande
es mit anzusehen. Daß es hier in der Stadt so ruhig und friedlich
zugeht, ist hauptsächlich sein Verdienst. Ich war selbst einmal dabei,
wie er in einer einzigen Viertelstunde vier Schwindler durchgebläut
hat. Wenn es galt, Ordnung zu stiften, sah er sich nicht lange um, wer
wohl Hand anlegen könnte, sondern griff selbst zu. Mit den Katholiken
wollte er nichts zu thun haben; sein Wahlspruch war: ›Irländer sind
ausgeschlossen,‹ aber doch stand er für ihre Rechte ein, als einmal
ein paar wüste Kerle sich Bauplätze auf dem katholischen Begräbnisort
abstecken wollten. Die mußten gut Reißaus nehmen -- ich hab’s mit
angesehen.«
»Die Gesinnung war jedenfalls lobenswert, ob die That selbst, lasse ich
dahingestellt. Hatte denn der Verstorbene religiöse Ueberzeugungen?
Das heißt -- fühlte er seine Abhängigkeit von einer höheren Macht und
unterwarf er sich ihren Fügungen?«
Abermaliges Nachdenken.
»Jetzt bin ich wieder wie vor den Kopf geschlagen, Meister. Könnten Sie
das nicht noch einmal sagen -- so recht langsam?«
»Ich meine nur -- um mich ganz klar auszudrücken -- hat er je in
Verbindung mit irgend einer Gemeinschaft gestanden, die sich dem
weltlichen Getriebe fernhielt, sich in Selbstverleugnung übte und im
Gehorsam gegen das Sittengesetz?«
»Das war ein Fehlschuß; thun Sie noch einmal Pulver auf die Pfanne.«
»Was sagen Sie?«
»Jedesmal, wenn Sie so loslegen, bleibe ich im Hintertreffen. Sie
bekommen die beste Hand und ich habe kein Glück. Mischen wir lieber
noch einmal von neuem.«
»Was? Soll ich von vorn anfangen?«
»Ja, das wäre mir gerade recht.«
»Nun denn -- war er ein guter Mann und --«
»Halt -- das leuchtet mir ein. Warten Sie erst einmal, ehe wir weiter
gehen. Ein guter Mann -- das will ich meinen; der beste Mann von der
Welt, Sie hätten ihn auch lieb haben müssen. Noch beim letzten Wahlgang
hat er die Unruhen beschwichtigt, bevor sie recht zum Ausbruch kamen;
außer ihm hätte das keiner gekonnt. Vierzehn Männer mußte man in den
ersten fünf Minuten vom Platze tragen, so hat er’s ihnen eingetränkt.
Er stimmte immer für den Frieden, jeder Aufruhr war ihm ein Greuel und
sein Tod ist ein großer Verlust für die Stadt. Es würde die Jungens
freuen, wenn Sie ihm die Gerechtigkeit erwiesen, das anzubringen.
Schneller laufen konnte er, höher springen, derber treffen und
flotter trinken, als irgend jemand auf hundert Meilen in der Runde.
Das vergessen Sie nicht, Meister, die Jungens werden es Ihnen hoch
anschlagen. Dann können Sie auch noch sagen, daß er seine Mutter nie
geschüttelt hat.«
»Warum sollte er denn das thun? das wäre ja entsetzlich.«
»Das meine ich auch, aber es giebt doch Leute, die es thun.«
»Aber doch niemand, der Ehre im Leibe hat!«
»Doch -- welche, die sonst gar nicht so übel sind.«
»Nach meiner Meinung sollte ein Mann, der die Hand gegen seine Mutter
zu erheben wagt --«
»Wo denken Sie hin, Meister -- da haben Sie ’mal gründlich
fehlgeschossen. Was ich sagen will ist, daß er seine Mutter nicht
abgeschüttelt hat, sie verstoßen, wissen Sie. Er hat ihr ein Haus zum
wohnen gegeben und Ackerland und Geld die Fülle, hat für sie gesorgt
und immer nach ihr gesehen. Und als sie die Blattern kriegte, hat er
nachts bei ihr gesessen und sie gepflegt -- ich will verdammt sein,
wenn’s nicht wahr ist. Bitte um Verzeihung -- das fuhr mir nur so
heraus. Ich wollte Sie nicht kränken, Meister. Sie haben mich anständig
behandelt; ich glaube, Sie sind weiß und rein und meinen es ehrlich.
Ich habe Gefallen an Ihnen gefunden und jeden, der Sie nicht liebt,
will ich durchbläuen, daß er das Aufstehen vergißt. Da, schlagen Sie
ein!«
Er schüttelte dem Pfarrer abermals herzlich die Hand und fort war er.
* * * * *
Das Leichenbegängnis fiel ganz so aus, wie die Jungens es sich
wünschten. Eine solche Trauerfeier hatte Virginia noch nie erlebt. Alle
Geschäfte waren geschlossen, die Blasinstrumente ließen Totenlieder
erklingen, die Bahre war schwarz verhängt, die Fahnen auf Halbmast.
Bei dem Trauergefolge sah man lange Züge von Militärpersonen,
Feuerwehrleuten, Mitglieder geheimer Gesellschaften in Uniform,
umflorte Feuerspritzen, Wagen mit Vertretern von Behörden, Bürger in
allerlei Fuhrwerken und zu Fuß. Das großartige Gepränge zog Scharen von
Zuschauern herbei, von denen die Straßen, Fenster und Dächer wimmelten.
Noch lange Jahre nachher kannte man keinen andern Maßstab für die
Pracht und Größe einer öffentlichen Schaustellung in Virginia, als den
Vergleich mit Buck Fanshaws Begräbnis.
Scotty Briggs ging als einer der Hauptleidtragenden hinter dem Sarge.
Als die Leichenrede zu Ende war und das letzte Gebet für die Seele
des Toten verhallt, sagte er mit leiser Stimme und tiefem Gefühl:
»Amen. Irländer sind ausgeschlossen.« Dies war des Verstorbenen
Lieblingsredensart gewesen und wahrscheinlich wiederholte sie Scotty in
diesem Augenblick nur zum ehrenden Gedächtnis für seinen abgeschiedenen
Freund.
In späteren Jahren zeichnete sich Scotty Briggs dadurch aus, daß er
der einzige unter den Raufbolden Virginias war, der sich für religiöse
Belehrung zugänglich erwies. Der Mann, welcher sich aus eigenem
Antrieb und angeborenem Edelmut stets der Sache der Schwächeren
gegen ihre Feinde angenommen hatte, war gar kein ungeeignetes Glied
für die Christengemeinde. Er fand als solches Gelegenheit, die
Großmut und Unerschrockenheit seines Charakters auf einem weiteren,
fruchtbringenden Felde zu bethätigen. Die Kinder, welche er in der
Sonntagsschule unterrichtete, machten raschere Fortschritte als alle
übrigen, was gar nicht zu verwundern war, denn er redete mit den
kleinen Sprößlingen der Bergleute in einer Sprache, die sie verstanden.
Noch einen Monat vor seinem Tode hatte ich das Glück, zu hören, wie er
seiner Klasse die schöne Geschichte von Joseph und seinen Brüdern aus
dem Kopf erzählte, ohne dabei ins Buch zu sehen. Ich überlasse es dem
Leser, sich einen Begriff von dem Eindruck zu machen, den sie aus dem
Munde des eifrigen Lehrers auf die kleinen Schüler hervorbrachte. Sie
lauschten seinen Worten in atemloser Spannung und weder er noch sie
schienen sich im geringsten bewußt, daß der biblischen Erzählung Gewalt
angethan, ihre Heiligkeit entweiht, oder überhaupt ein Verstoß gegen
die althergebrachte Sitte begangen werde.
Die angesehensten Bürger-Schwurgerichte.
In den ersten sechsundzwanzig Gräbern des Kirchhofs von Virginia
sind die Leichen von Ermordeten bestattet. Das sagte und glaubte man
wenigstens allgemein. Das gewaltthätige Element herrscht in jedem neuen
Bergwerksdistrikt vor; erst wenn einer ›seinen Mann getötet‹ hatte,
wie die Redensart lautet, konnte er sich Achtung verschaffen. Mord und
Totschlag waren daher an der Tagesordnung. Bei einem fremden Ankömmling
fragte man nicht danach, ob er geschickt, ehrlich und arbeitsam sei,
sondern, ob er schon ›seinen Mann getötet‹ habe. War dies nicht der
Fall, so sank er zu der ihm gebührenden niedrigen Stellung herab, aus
der er sich mit unbefleckten Händen nur mühsam emporarbeiten konnte.
Ein Totschläger dagegen wurde, je nach der Zahl seiner Opfer, mit mehr
oder weniger Herzlichkeit bewillkommnet und jeder beeilte sich, seine
Bekanntschaft zu machen. Kein Wunder daher, daß so viele strebten,
diesen Ruhm zu erwerben. Ich habe selbst zwei junge Leute gekannt, die
nur zu diesem Zweck, ohne irgend welche Herausforderung, den Versuch
machten, ›ihren Mann zu töten‹ und selbst dabei ums Leben kamen.
Eine Zeitlang standen in Nevada der Anwalt, der Bankier, der
Herausgeber der Zeitung, der stärkste Raufbold, der glücklichste
Spieler und der Schenkwirt in gleichem Ansehen und nahmen die höchste
gesellschaftliche Stellung ein. Wer ein einflußreiches Glied der
Gemeinde werden wollte, für den gab es kein wohlfeileres und sichereres
Mittel, als mit einer diamantenen Busennadel im Vorhemd hinter dem
Schenktisch zu stehen und Whisky zu verkaufen. Der Schenkwirt besaß
eine große Macht über die Gemüter; von ihm hing zumeist der Ausfall der
Wahlen ab, und ohne seine Unterstützung und Leitung kam kein wichtiges
Unternehmen zustande. Wenn der vornehmste Schenkwirt sich herabließ,
ein obrigkeitliches Amt anzunehmen oder in den Gemeinderat zu treten,
so galt das als eine große Gunst. Daher war denn auch meist der
Ehrgeiz der Jugend nicht darauf gerichtet, einen hohen Posten bei der
Verwaltung, in der Flotte oder im Heer zu bekleiden, sondern Besitzer
einer Schenkwirtschaft zu werden.
Zur höchsten Berühmtheit gelangte also, wer Schenkwirt war und ›seinen
Mann getötet‹ hatte. Der Mörder entging meist der ihm gebührenden
Strafe, wozu hauptsächlich die Bestimmung beitrug, daß ein Geschworener
über den zu verhandelnden Fall in gänzlicher Unwissenheit sein muß,
zuvor weder etwas davon gehört, noch gelesen, auch nicht öffentlich
seine Meinung geäußert haben darf. In unserm Jahrhundert der Zeitungen
und Telegraphen schloß man hierdurch von vornherein jeden gebildeten,
rechtschaffenen und verständigen Mann von der Geschworenenbank aus und
machte die Schwurgerichte oft zu einem traurigen Possenspiel.
Mir ist ein derartiges Beispiel erinnerlich: Herr B., ein wackerer
Bürger, war von einem bekannten Raufbold in übermütiger Laune kalten
Blutes umgebracht worden. Natürlich waren alle Tagesblätter voll
davon, wer lesen konnte, las die Berichte, wer nicht taub, stumm oder
blödsinnig war, sprach darüber. Als es zur Wahl der Geschworenen kam,
verwarf man alle tüchtigen, klugen und redlichen Männer; ein sehr
angesehener Bankier, ein allgemein beliebter Prediger, ein Kaufmann
von anerkannt rechtschaffenem Charakter, der hochachtbare Besitzer
einer Quarzgrube, ein Bergwerksdirektor, der den besten Ruf genoß --
sie alle wurden von der Liste gestrichen. Jeder einzelne von ihnen
versicherte zwar, daß die umlaufenden Gerüchte und Zeitungsartikel
sein Urteil nicht dergestalt beeinflußt hätten, daß er außer stande
sei, sich auf Grund der Thatsachen und beschworenen Zeugenaussagen
eine eigene Ueberzeugung zu bilden, aber das blieb unberücksichtigt.
Die Männer waren sämtlich untauglich, da nur völlige Unwissenheit den
Geschworenen befähigte, einen gerechten Wahrspruch zu fällen.
[Illustration]
Nachdem alle zuerst einberufenen verworfen waren, wählte man zwölf
Ersatzmänner, welche beschworen, daß sie von dem Mord, den sich die
Indianer der Steppe erzählten und die Steine auf der Gasse zuraunten,
weder etwas gehört, noch gelesen, auch nicht darüber gesprochen und
ihre Ansicht geäußert hätten. Diese Jury bestand aus zwei Raufbolden,
zwei gemeinen Bierbrüdern, drei Schenkwirten, zwei Rancheros, die nicht
lesen konnten, und drei Eseln in Menschengestalt, denen die einfachsten
Begriffe abgingen. Natürlich verneinten sie die Schuldfrage, das ließ
sich nicht anders erwarten.
[Illustration]
Wenn man Nevada in seiner ›flotten Zeit‹ schildern und dabei Mord
und Totschlag unerwähnt lassen wollte, so könnte man ebenso gut bei
einem Bericht über das Mormonentum die Vielweiberei mit Stillschweigen
übergehen. Gewaltthätigkeiten waren etwas Alltägliches; der Raufbold
stolzierte mit prahlerischer Großthuerei durch die Straßen und wenn er
einem seiner bescheidenen Bewunderer vertraulich zunickte, so beglückte
diesen der Gruß des berühmten Mannes für den Rest des Tages. In seinem
langschößigen Ueberrock, der bis auf die glänzenden Stulpenstiefel
herabhing, den Schlapphut auf dem linken Ohr, kam er den Bürgersteig
dahergegangen und die kleinen Straßenlümmel machten Seiner Majestät
ehrerbietigst Platz. Trat er in eine Trinkstube, so ließ der Kellner
die Beamten und Kaufleute warten, um sich ihm dienstfertig zu erweisen.
Wer bei dem Gedränge am Schenktisch Ellenbogenstöße von ihm erhielt,
sah sich wohl zornig um, bat aber um Entschuldigung, sobald er ihn
erkannt hatte. Zum Dank dafür ward ihm dann ein Blick zu teil, bei
dem ihm das Blut in den Adern erstarrte. Der Schenkwirt aber eilte
strahlenden Angesichts herbei, um den hohen Gast zu befriedigen, auf
dessen Kundschaft er stolz war.
Die Namen dieser langschößigen Revolverhelden waren die berühmtesten im
ganzen Territorium; Redner, Präsidenten, Kapitalisten und Gesetzgeber
genossen, im Vergleich mit ihnen, nur ein mäßiges Ansehen. Leute,
wie Sam Brown, Jack Williams, Billy Mulligan, Pächter Bease, den
pockennarbigen Jack, den sechsfingerigen Peter u. a. m., kannte man
weit und breit; ich könnte eine lange Liste aufzählen. Es waren
furchtbare, übermütige Gesellen, die tollkühn jeder Gefahr trotzten.
Um ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, muß ich noch erwähnen,
daß sie sich meist unter einander rauften und totschlugen, die
friedlichen Bürger aber nur selten belästigten. Einem Menschen das
Leben zu nehmen, der nicht zum ›Schützenwild‹ gehörte, wie sie es
nannten, und dessen Tod keine neue Perle in ihrem Ruhmeskranz bedeutet
hätte, galt für unter ihrer Würde. Sie brachten sich gegenseitig bei
dem geringfügigsten Anlaß um und jeder von ihnen hoffte und wartete
auch seinerseits auf ein gewaltsames Ende, da es fast für eine Schande
galt, anders als ›in den Stiefeln‹ zu sterben.
Daß ein Raufbold es als zu leichte Beute verschmähte, einer
Privatperson den Garaus zu machen, davon habe ich selbst ein Beispiel
erlebt. Ich saß einmal spät beim Abendessen in einem Speisehaus mit
zwei Berichterstattern und einem kleinen Buchdrucker, den ich Brown
nennen will -- der Name thut nichts zur Sache. Bald darauf trat ein
langschößiger Fremder ein und nahm Platz, ohne Browns Hut zu bemerken,
der auf dem Stuhle lag. Als der Kleine sofort aufsprang und zu
schimpfen begann, lächelte der Fremde nur spöttisch, glättete den Hut
wieder und erging sich in wortreichen Entschuldigungen, indem er Brown
mit beißendem Hohn beschwor, ihm nicht das Lebenslicht auszublasen.
Dieser entledigte sich auf der Stelle seines Rockes und forderte den
Gegner zum Kampf heraus, er drohte ihm, überhäufte ihn mit Schmähungen,
äußerte Zweifel an seinem Mut, ja, endlich flehte er ihn sogar an,
sich mit ihm zu schlagen. Noch immer spöttisch lächelnd, bat uns der
Fremde zuerst, in scheinbarer Angst, um unsern Schutz; dann sagte er,
plötzlich ernst werdend:
»Nun, wenn Sie denn durchaus darauf bestehen, so wollen wir meinetwegen
kämpfen. Aber, ich bitte Sie, meine Herren, stürzen Sie sich nicht
blindlings in die Gefahr, um hernach zu klagen, daß ich Sie nicht
gewarnt hätte. Ich kann es mit Ihnen allen zusammen aufnehmen, wenn
ich erst einmal loslege. Das will ich Ihnen beweisen, und beharrt mein
Freund hier dann noch auf seinem Willen, so soll er ihn haben.«
Der Tisch, an welchem wir saßen, war fünf Fuß lang und ungewöhnlich
plump und schwer. Der Fremde sagte, wir möchten das Geschirr einen
Augenblick festhalten -- in einer der Schüsseln lag ein großer Braten.
Dann setzte er sich an ein Ende des Tisches, hob es in die Höhe,
stellte zwei von den Beinen auf seine Knie, nahm die Tischplatte
zwischen die Zähne, und brachte so, ohne die Hände zu gebrauchen, den
Tisch mit sämtlichem Gerät darauf in eine wagerechte Linie. Nach dieser
Kraftprobe teilte er uns ferner mit, er könne ein Faß voll Nägel mit
den Zähnen aufheben, auch biß er aus einem gewöhnlichen Trinkglas ein
halbkreisförmiges Stück heraus. Dann zeigte er uns noch auf seiner
nackten Brust ein ganzes Netzwerk vernarbter Stich- und Schußwunden
und eine gleiche Menge auf seinen Armen und im Gesicht, wobei er uns
versicherte, er habe so viele Kugeln im Leibe, daß man eine ganze
Kanone daraus gießen könne. Schließlich nannte er uns seinen Namen,
bei dessen gefürchtetem Klang uns angst und bange wurde; ich getraue
mich nicht, ihn zu veröffentlichen, denn der Mann könnte kommen und
mich in Stücke hauen. Als er zuletzt Brown fragte, ob ihn noch immer
nach seinem Blute gelüste, überlegte dieser sich die Sache einen
Augenblick und dann bat er ihn -- mit uns zu Nacht zu speisen.
Der große Zeitungsroman.
Als es in unserer ›flotten Zeit‹ am herrlichsten zuging, stand auch
das Laster im vollsten Flor. Die Branntweinschenken waren überfüllt,
desgleichen die Polizeiämter, die Spielhöllen, die Freudenhäuser und
die Gefängnisse -- ein sicheres Zeichen höchsten Gedeihens in einer
Bergwerksgegend -- vielleicht auch an andern Orten -- denn es beweist,
daß der Handel nicht stockt und nirgends Mangel an Geld ist. Nun fehlte
zum Höhepunkt unseres Glanzes nur noch _ein_ Ereignis, das gewöhnlich
zuletzt kommt, dann aber auch die Herrschaft der flotten Zeit außer
aller Frage stellt, nämlich das Erscheinen eines Unterhaltungsblattes.
Die neu gegründete ›Wochenschrift des Westens‹ beschäftigte sämtliche
litterarisch begabte Persönlichkeiten Virginias als Mitarbeiter und
Herr F., ein echter Held der Feder, war der Herausgeber.
Wir erwarteten große Dinge von unserer Wochenschrift, aber natürlich
mußten wir, um sie in Fluß zu bringen, vor allem einen Originalroman
haben, zu dessen Abfassung denn auch sofort die besten Kräfte der
Gesellschaft aufgeboten wurden. Frau F., eine begabte Schriftstellerin
aus der ›Schule der Ueberschwenglichen‹, die sich für Tugend und
erhabene Gefühle begeistern, schrieb das erste Kapitel. Sie ließ darin
eine reizende blonde Unschuld auftreten, die das Menschenmögliche
an Vollkommenheit leistete und nur für Blumen und Verse schwärmte.
Auch ein junger, französischer Herzog ward den Lesern vorgestellt,
ein Muster der feinsten Bildung, der dem blonden Fräulein sein
Herz geschenkt hatte. In der folgenden Woche führte Herr F. einen
redegewandten Rechtsgelehrten ein, welcher trachtete, des Herzogs Güter
und Geschäfte in Verwirrung zu bringen, ferner eine geistvolle junge
Dame aus der höchsten Gesellschaft, die den Herzog zu fesseln suchte
und der blonden Unschuld die Eßlust benahm.
Der Verfasser des dritten Kapitels war Herr D., der düsterblickende,
blutdürstige Redakteur für Tagesneuigkeiten; er brachte einen
geheimnisvollen Rosenkreuzer zum Vorschein, der die Geldmacherei
betrieb, um Mitternacht in einer Höhle Beratungen mit dem Teufel
pflog und den Helden und Heldinnen das Horoskop stellte. Dabei sagte
er Verwickelungen und Unglücksfälle in Menge für die Zukunft voraus,
was die Gemüter in eine schauerliche Spannung versetzte. Auch einen
maskierten, melodramatischen Bösewicht ließ er auftreten, der um
blutigen Sold, in seinen Mantel gehüllt, dem Herzog bei nächtlichem
Dunkel mit einem vergifteten Dolch auflauern sollte; ferner einen
Irländer, der als Kutscher im Dienst bei der vornehmen Dame stand,
nur im Dialekt sprach und als Ueberbringer von Liebesbriefchen an den
Herzog verwendet wurde.
Nun traf um diese Zeit ein Fremder in Virginia ein, welcher
litterarische Neigungen und ausschweifende Sitten hatte; er sah etwas
schäbig aus, schien aber sehr still und anspruchslos. Sein Wesen war
so sanft und freundlich und sein Benehmen -- mochte er betrunken sein
oder nüchtern -- so angenehm und rücksichtsvoll, daß, wer mit ihm in
Berührung kam, ihm wohlgesinnt sein mußte. Da er um litterarische
Arbeit bat und hinlängliche Beweise beibrachte, daß er eine leichte
und wohlgeübte Feder führte, beauftragte ihn Herr F., uns bei der
Abfassung des Romans zu helfen. Er sollte das nächste Kapitel
schreiben und dann kam meines an die Reihe.
Kaum war dies beschlossen, so hatte der Unglücksmensch nichts
Eiligeres zu thun, als sich zu betrinken, in sein Quartier zu gehen
und sich an die Arbeit zu machen, während in seinem Hirn noch der
wüsteste Wirrwarr herrschte. Die Folgen kann man sich denken. Er
überflog die Kapitel seiner Vorgänger, fand genug handelnde Personen
darin, die ihm gefielen, und beschloß, keine neuen mehr auftreten
zu lassen. Mit der heitern Zuversicht, welche der Branntwein seinen
Jüngern verleiht, begann er dann in glücklichem Selbstvertrauen sein
Werk. Er verheiratete den Kutscher mit der Dame aus der höchsten
Gesellschaft, um Skandal zu erregen; dem Herzog gab er die Stiefmutter
der blonden Unschuld zur Gattin, das sollte Aufsehen machen; dem
Bösewicht verweigerte er den bedungenen Lohn; zwischen dem Teufel und
dem Rosenkreuzer schuf er ein Mißverständnis und spielte des Herzogs
Güter dem schlauen Advokaten in die Hände. Letzterer mußte sich dann
aus Gewissensbissen dem Trunke ergeben, in Delirium Tremens verfallen
und sich das Leben nehmen; hierauf brach der Kutscher den Hals, seine
Witwe versank in Armut, Kummer und Not und bekam die Schwindsucht;
die Blondine ertränkte sich und ließ mit ihren Kleidern am Ufer einen
Zettel zurück, worin sie dem Herzog verzieh und die Hoffnung aussprach,
er möchte glücklich sein. Der Herzog erkennt nun an dem herkömmlichen
Muttermal in Form einer Erdbeere, daß er seine tot geglaubte Mutter
geehelicht und seine längst verlorene Schwester in den Tod getrieben
hat. Herzog und Herzogin nehmen sich darauf selbst das Leben, um der
poetischen Gerechtigkeit Genüge zu thun; die Erde öffnet sich und
verschlingt den Rosenkreuzer unter Donner, Blitz und Schwefelgeruch.
Schließlich endigt der Verfasser mit dem Versprechen, daß er im
nächsten Kapitel eine allgemeine Leichenschau halten, die noch
überlebenden Charaktere einer Musterung unterziehen und dem geneigten
Leser mitteilen werde, was aus dem Teufel geworden sei.
[Illustration]