anfangen und Sie werden sehen --«
»Ums Himmels willen, thun Sie das doch ja nicht; ich sage Ihnen, mein
Kopf ist in solcher Verfassung, daß ich nicht auf die einfachste Frage
Bescheid geben könnte, die man an mich richtet.«
»Seien Sie ganz unbesorgt. Diesmal will ich es so schlicht und deutlich
ausdrücken, daß Sie gar nicht umhin können, zu verstehen, was ich
meine. Fangen wir ganz von Anfang an.« (Er lehnte sich über den Tisch
zu mir herüber, in seinen Mienen war der felsenfeste Vorsatz zu lesen,
sich verständlich zu machen, und er hielt den Finger bereit, um seinen
Worten beim Aufzählen jedes einzelnen Punktes noch besonderen Nachdruck
zu verleihen. Ich selbst beugte mich in peinlicher Erregung weit vor,
entschlossen, ihn zu begreifen, oder zu Grunde zu gehen.)
[Illustration]
»Sie wissen, daß die Ader, die Schicht, das Ding, welches das
Metall enthält, dadurch zum Medium aller andern Kräfte wird, der
zunächstliegenden wie der entferntesten Wirkungen, die so beschaffen
sind, daß sie die ersteren zu Gunsten der letzteren, oder die letzteren
gegen die ersteren, oder alle oder beide beeinflussen, sofern es den
relativen Unterschied betrifft, der innerhalb des Radius besteht, von
dem aus die verschiedenen Grade der Aehnlichkeit sich entwickeln, in
welchen --«
»Hol’ der Henker meinen Blechschädel,« fuhr ich heraus, »ich mag mich
anstrengen wie ich will -- aber ich verstehe nicht das Geringste. Je
klarer Sie mir die Sache auseinander setzen, um so weniger begreife
ich, worauf Sie hinauswollen.«
Jetzt hörte ich ein verdächtiges Geräusch neben mir und als ich mich
rasch umwandte, sah ich gerade noch, wie Hingston sich hinter ein
Zeitungsblatt duckte und vor Lachen bersten wollte. Ich blickte wieder
nach Ward hin -- seine feierliche Miene war verschwunden und er lachte
gleichfalls.
Da merkte ich, daß er mir einen Streich gespielt hatte, daß ich das
Opfer eines Schwindels geworden war. Seine Rede bestand aus einer Reihe
an einander gefädelter Sätze, die einzeln ganz verständlich klangen,
aber im Zusammenhang auf der Gotteswelt keinen Sinn hatten.
Artemus Ward war einer der besten und umgänglichsten Menschen unter
der Sonne. Man behauptet, er habe keine fließende Unterhaltung führen
können, aber, wenn ich an obiges Erlebnis zurückdenke, bin ich anderer
Meinung.
[Illustration]
Im Gold- und Silberland.
II.
Nabobs in Nevada.
In jener herrlichen Zeit, als es in Nevada flott herging, hatte das
Silberland auch seine Nabobs. Einige sind mir noch erinnerlich. Es
waren meist sorgenlose, leichtlebige Menschen, aus deren Reichtümern
das Gemeinwesen ganz ebenso viel Nutzen zog wie sie selber, in manchen
Fällen sogar noch mehr.
Einer der ersten Nabobs, die Nevada erzeugte, trug Diamanten im Werte
von sechstausend Dollars am Busen und war unglücklich, daß ihm sein
Geld schneller in die Taschen floß, als er es ausgeben konnte. Das
Einkommen eines andern belief sich oft auf sechzehntausend Dollars
monatlich. Als er zuerst ins Land kam, hatte er in dem nämlichen
Bergwerk, aus welchem er später seine Schätze bezog, um einen Tagelohn
von fünf Dollars gearbeitet.
Von einem jener Lieblinge des Glücks, die sozusagen über Nacht aus
drückender Armut zum größten Ueberfluß gelangten, erzählt man sich,
er habe gern ein hohes Staatsamt bekleiden wollen und hunderttausend
Dollars dafür geboten, es aber trotzdem nicht erhalten, da seine
Politik nicht so vertrauenerweckend war, als sein Konto auf der Bank.
[Illustration]
Auch John Smith darf ich nicht vergessen. Er stammte aus dem niedern
Volke, war eine brave, ehrliche, gutmütige Haut und von einer
Unwissenheit, die ans Fabelhafte grenzte. Sein kleiner Rancho und
ein Ochsengespann brachten ihm genug ein zum Lebensunterhalt; war
die Heuernte auch nicht so groß, so wog man ihm doch diesen seltenen
Artikel mit Gold auf -- er erhielt auf dem Markte für das Fuder 250
bis 300 Dollars. Nach einiger Zeit tauschte Smith mehrere Morgen von
seinem Wiesenland gegen eine noch unbearbeitete Silbergrube in Gold
Hill ein. Er begann den Abbau und errichtete daneben ein anspruchsloses
kleines Pochwerk. Anderthalb Jahre später gab er das Heugeschäft auf,
denn seine Grube machte einen besseren Ertrag. Sein Einkommen wurde
auf 30,000 Dollars monatlich geschätzt, von manchen sogar auf 60,000
Dollars. Jedenfalls war Smith ein reicher Mann.
Nun ging er auf Reisen. Bei seiner Rückkehr aus Europa konnte er
nicht genug von den schönen Schweinen erzählen, die er in England
gesehen hatte, von den herrlichen Schafen in Spanien und dem prächtigen
Rindvieh in der Umgegend von Rom. Er war ganz voll von den Wundern der
alten Welt und gab jedem den Rat, sich auf die Reise zu machen. Man
glaube gar nicht, was es für Merkwürdigkeiten auf Erden gebe, sagte er,
solange man sich nicht durch den Augenschein davon überzeugt habe.
Während seiner Ueberfahrt setzten die Passagiere einmal einen Preis
von fünfhundert Dollars auf denjenigen aus, der am richtigsten riete,
wie viele Seemeilen das Schiff in den nächsten vierundzwanzig Stunden
zurücklegen würde. Um die Mittagszeit des folgenden Tages übergab jeder
dem Zahlmeister ein versiegeltes Couvert, in welchem die Meilenzahl
stand. Smith triumphierte im voraus: er hatte den Maschinisten
bestochen. Als trotzdem ein anderer den Preis gewann, sagte er:
»Halt, das geht nicht mit rechten Dingen zu, mein Anschlag kam der
Wirklichkeit um zwei Meilen näher als seiner.«
»Bewahre,« versetzte der Zahlmeister, »Sie haben es von allen am Bord
am schlechtesten getroffen, Herr Smith; wir sind 208 Meilen gefahren.«
»Nun ja,« rief Smith, »und ich habe 209 geraten. Sehen Sie sich doch
meine Zahlen ordentlich an; eine 2 und zwei 0 sind 200, nicht wahr --
dann noch eine 9 (2009) macht zweihundert und neun. Da muß ich denn
doch sehr bitten, daß mir der Preis zuerkannt wird.« --
* * * * *
In einer Bergschlucht in unmittelbarer Nähe von Virginia City wohnte
ein armer Mexikaner, auf dessen Anwesen eine Quelle am Felsen
herabsickerte, die kaum eine halbe Spanne breit war. Für dieses
Wässerchen gab ihm die Ophirgesellschaft eine kleine Parzelle von
hundert Fuß, welche sich als der ergiebigste Teil des ganzen Bergwerks
erwies; vier Jahre nach dem Tausch betrug ihr Marktwert mit Einschluß
des Pochwerks 1,500,000 Dollars.
Ein neunzehnjähriger Telegraphist in Virginia wurde dadurch zum reichen
Manne, daß er die Depeschen der Grubenbesitzer las, welche ihm durch
die Hände gingen und je nach dem Stande der Bergwerksangelegenheiten,
durch Vermittlung eines Freundes in San Francisco, Aktien kaufte oder
verkaufte. Einmal kündigte eine Privatdepesche aus Virginia einen
reichen Fund in einer bedeutenden Grube an, mit der Weisung, die Sache
solange geheim zu halten, bis die Unternehmer sich den Besitz von
möglichst vielen Anteilscheinen gesichert hätten. Der Telegraphist
kaufte sofort einen Kux von 40 Fuß zu 20 Dollars den Fuß, wovon er
später die Hälfte zu 800 Dollars den Fuß verkaufte und den Rest um das
Doppelte. Nach drei Monaten besaß er ein Vermögen von 150,000 Dollars
und hatte seine Telegraphenstelle aufgegeben.
Ein anderer Telegraphenbeamter hatte Amtsgeheimnisse verraten und
war deshalb von seinen Vorgesetzten entlassen worden. Er versprach
einem wohlhabenden Manne in San Francisco, ihm das Ergebnis eines
großen Bergwerksprozesses, der in Virginia geführt wurde, mitzuteilen
und zwar nur eine Stunde später als die streitenden Parteien in San
Francisco davon privatim Kenntnis erhielten. Hiefür sicherte ihm sein
Mitverschworener einen hohen Prozentsatz des Gewinns, welchen er durch
rechtzeitigen An- und Verkauf von Aktien zu erzielen dachte. Um den
Plan auszuführen, begab sich der verabschiedete Telegraphist, als
Fuhrmann verkleidet, nach einer kleinen abgelegenen Telegraphenstation
im Gebirge, machte mit dem dortigen Beamten Bekanntschaft, saß
Tag für Tag, seine Pfeife rauchend bei ihm im Bureau und klagte,
daß sein Gespann zu ermüdet sei und er nicht weiterfahren könne.
Zugleich horchte er bei allen Depeschen aus Virginia auf das Ticken
des Apparats, bis endlich ein Privattelegramm die Entscheidung des
Prozesses verkündete. Sofort telegraphierte er an seinen Verbündeten:
»Kann nicht mehr warten. Werde das Gespann verkaufen und heimgehen.«
Dies war das verabredete Zeichen. Hätte er das Wort ›warten‹
fortgelassen, so würde es den entgegengesetzten Ausgang des Prozesses
bedeutet haben. Der Spekulant in San Francisco kaufte nun eine Menge
der betreffenden Bergwerksaktien um niedern Preis, bevor die Nachricht
öffentlich bekannt wurde und sicherte sich ein Vermögen.
Zahllose Beispiele ähnlicher Art wären noch aus dem Silberlande zu
verzeichnen, die angeführten werden jedoch genügen, um dem Leser einen
Begriff von den Zuständen in jener flotten Zeit zu geben. Mit den
meisten dieser Nabobs bin ich persönlich in Berührung gekommen; sie
waren damals hochberühmt, aber jetzt spricht niemand mehr von ihnen, da
fast alle wieder rasch in Armut und Dunkelheit zurückgesunken sind.
In Nevada erzählte man sich ein lustiges Abenteuer, das zwei solche
Nabobs einmal gehabt haben sollen; ich kann mich für die Wahrheit nicht
verbürgen, und gebe es nur wieder, wie ich es gehört habe:
Oberst Jim hatte früher etwas von der Welt gesehen und kannte ihr Thun
und Treiben ein wenig, aber Oberst Jack stammte aus den Hinterwäldern,
sein Leben war eitel Mühe und Arbeit gewesen und er war nie in eine
Stadt gekommen. Urplötzlich reich geworden, beschlossen die beiden
nach New York zu reisen; Oberst Jack, um die Sehenswürdigkeiten in
Augenschein zu nehmen, und Oberst Jim, um des Freundes arglose Unschuld
vor Schaden zu bewahren. Sie kamen bei Nacht nach San Francisco und
segelten früh am Morgen ab. Als sie New York erreichten, sagte Oberst
Jack:
»Ich habe all mein Lebtag so viel von Equipagen reden hören, jetzt
will ich einmal eine Spazierfahrt machen, einerlei was es kostet. Also
vorwärts!«
Oberst Jim winkte eine schöne Kutsche herbei, aber Oberst Jack sagte:
»Wo denkst du hin? ich soll doch nicht etwa bloß so ’ne billige
Spritzfahrt machen! Nein, was Ordentliches muß ich haben. Aufs Geld
kommt’s mir nicht an, aber es soll das vornehmste Fuhrwerk sein, das
sich sehen läßt. Schau, da kommt gerade etwas, wie ich es möchte. Rufe
mal den gelben Wagen mit den schönen Bildern an. Sei nur ohne Sorgen --
ich trage alle Kosten.«
So stiegen sie denn in den leeren Omnibus.
»Das nenne ich lustig,« rief Oberst Jack. »Kissen und Fenster und
Bilder überall. Was wohl die Jungens sagen würden, wenn sie uns so
vornehm durch New York kutschieren sähen? Meiner Treu, ich gäbe was
drum, mich ihnen so zu zeigen.« Er steckte den Kopf zum Fenster hinaus.
»Famos,« rief er dem Kutscher zu, »Herzensjunge, du gefällst mir; fahr
nur zu, den ganzen Tag lang meinetwegen. Laß die Pferde laufen; wir
wollen’s schon wieder wett machen, verlaß dich drauf!« Der Kutscher
streckte die Hand durch das Guckloch nach dem Fahrgeld aus, wie es
damals noch Sitte war. Oberst Jack schlug ein und schüttelte sie ihm
herzlich.
»Du willst Vorauszahlung, Alterchen,« rief er. »Na, nichts für ungut.
Hier hast du etwas, das gar nicht so übel ist.«
Er drückte ihm ein goldenes Zwanzigdollarstück in die Hand, und als der
Kutscher sagte, daß er nicht wechseln könne, rief er lustig:
»Laß gut sein, wir wollen’s schon verfahren. Steck’ es nur in die
Tasche.« Dann schlug er seinem Gefährten laut klatschend auf das Bein
und fuhr vergnügt fort: »Hol’ mich dieser und jener, ich miete das Ding
auf die ganze Woche!«
Jetzt hielt der Omnibus und eine junge Dame stieg ein. Oberst Jack
starrte sie erst verwundert an, dann stieß er Oberst Jim mit den
Ellenbogen. »Du, sag’ kein Wort,« flüsterte er. »Laß sie mitfahren,
wenn sie will. An Platz fehlt’s ja wahrhaftig nicht.«
Das Fräulein zog den Beutel und reichte Oberst Jack ihr Fahrgeld.
»Was soll das?« fragte er.
»Wollen Sie es, bitte, dem Kutscher geben.«
»Behalten Sie Ihr Geld, Verehrteste, Sie dürfen nicht zahlen. Fahren
Sie nur mit in unserer Staatskutsche, so lange Sie wollen.«
Das Fräulein drückte sich verwirrt in die Ecke. Jetzt kletterte eine
alte Frau mit dem Handkorb herauf und bot ihr Fahrgeld an.
»Setzen Sie sich, gute Frau,« sagte Oberst Jack; »wir lassen Sie gern
mitfahren, aber ohne Bezahlung. Machen Sie sich’s nur bequem und thun
Sie ganz so, als ob es Ihr Wagen wäre.«
Nach wenigen Minuten waren noch drei Herren, zwei dicke Frauen und
mehrere Kinder eingestiegen.
»Nur immer herein, meine Freunde,« rief Oberst Jack, »geniert euch
nicht. Hier wird jeder frei gehalten.« Dann flüsterte er Oberst Jim zu:
»Ist aber dies New York eine gesellige Stadt! Man sollte so was doch
kaum für möglich halten!«
Da er sich hartnäckig weigerte dem Kutscher das Fahrgeld der Passagiere
einzuhändigen und jedermann freundlich willkommen hieß, ging den
Leuten allmählich ein Licht auf. Sie steckten ihr Geld wieder ein und
belustigten sich insgeheim über den Spaß. Es nahmen wohl noch ein
halbes Dutzend Fahrgäste Platz. »Kommt nur, kommt,« rief Oberst Jack;
»eine Spazierfahrt ist nichts, wenn man nicht Gesellschaft hat.« Dann
flüsterte er Oberst Jim wieder leise zu: »Die Freundlichkeit der New
Yorker geht doch über die Bäume und wie kaltblütig sie die Sache nehmen
-- was man nicht alles erlebt!«
Immer mehr Passagiere stiegen ein, alle Plätze waren besetzt und die
Männer, welche im Mittelgang standen, hielten sich an den Riemen fest,
die von der Decke herabhingen. Leute mit Körben und Bündeln kletterten
oben auf das Dach. Ein halb unterdrücktes Gelächter ließ sich von allen
Seiten hören.
»Na, wenn eine so himmlische Unverfrorenheit nicht alles übertrifft,
was je dagewesen ist, will ich nicht Jack heißen,« flüsterte der Oberst.
Jetzt drängte sich ein Chinese herein.
»Nun wird mir’s aber doch zu bunt,« sagte Oberst Jack. »Halt an,
Kutscher. Bitte, bleiben Sie sitzen, meine Damen und Herren, fahren Sie
ruhig weiter, es ist alles bezahlt. -- Kutscher, rumpeln Sie nur fort
mit den Herrschaften, so lange es Ihnen gefällt. Sie müssen wissen,
es sind unsere Gäste. Zeigen Sie Ihnen alles, und wenn Sie mehr Geld
brauchen, so kommen Sie in das Sankt Nikolas-Hotel und holen Sie
Zuschuß. Recht vergnügte Fahrt, meine Herrschaften -- empfehle mich
Ihnen.«
Als die beiden Kameraden ausstiegen, sagte Oberst Jack:
»Höre Jimmy, daß die Geselligkeit in New York so weit getrieben würde,
hätte ich nicht für möglich gehalten. Der Chinese kam so gemütlich
hereinspaziert, wie jeder andere; hätten wir länger gewartet, es wären
noch ein paar Neger mitgefahren, darauf möchte ich wetten. Weißt du
was -- heute nacht verrammeln wir aber unsere Thüren ordentlich, sonst
wollen vielleicht ein paar von den Herzblättchen herein, um bei uns zu
schlafen.«
Buck Fanshaws Begräbnis.
Irgend jemand hat einmal gesagt, daß sich der Geist, welcher in einer
Bürgerschaft herrscht, am besten darnach beurteilen läßt, wen von ihren
Gliedern die Gemeinde mit der größten Feierlichkeit zu Grabe trägt.
Zur flotten Zeit in Virginia erwiesen die beiden Hauptklassen der
Bevölkerung ihren großen Toten ungefähr die gleiche Ehre. Wer sich
durch seine Wohlthaten für das Gemeinwesen den berühmtesten Namen
gemacht hatte, erhielt ein ebenso prächtiges Begräbnis, wie der
berühmteste Raufbold.
Als Buck Fanshaw das Zeitliche segnete, machte man viel Aufhebens von
ihm. Er galt für einen würdigen Vertreter der Bürgerschaft, stand
einer großartigen Schankwirtschaft vor und hatte auch ›seinen Mann
getötet‹, allerdings nicht im eigenen Streit, sondern um einen Fremden
gegen die Angriffe der feindlichen Uebermacht zu schützen. Er hatte
ein flottes Weibsbild besessen, von dem er sich auch ohne die Umstände
einer Ehescheidung hätte trennen können. Bei der Feuerwehr bekleidete
er ein hohes Amt und war ein Held ohne Gleichen in der Politik. Als er
starb, ging eine laute Klage durch die ganze Stadt, aber ganz besonders
wurde sein Tod in den untersten Schichten der Gesellschaft beweint.
Die Totenschau ergab, daß Buck Fanshaw im Fieberwahn einer zehrenden
Krankheit Arsenik genommen, sich dann in die Brust geschossen und
die Kehle abgeschnitten hatte, worauf er vier Stock hoch aus dem
Fenster gesprungen war und den Hals gebrochen hatte. Die Jury (d. h.
die Behörde, welche die Totenschau vornimmt) ließ sich durch ihren
Kummer die Klarheit des Urteils nicht trüben. Sie that nach längerer
Verhandlung den Ausspruch, daß Fanshaws Tod durch eine ›Heimsuchung
Gottes‹ verursacht worden sei.
Für die Leichenfeier wurden die großartigsten Vorbereitungen getroffen.
Alle Fuhrwerke im Ort waren bestellt, sämtliche Schankwirtschaften
kleideten sich in Trauerflor, die Fahnen der Stadt und der Feuerwehr
hingen auf Halbmast und die ganze Löschmannschaft zog in Uniform mit
schwarzverhüllten Pumpen auf.
Beiläufig muß ich noch bemerken, daß im Silberland jedes Volk der Erde
durch irgend einen Abenteurer vertreten ist und jeder dieser Abenteurer
das seinem Geburtsort eigentümliche Kauderwelsch mitgebracht hat.
Es giebt daher keine reichere, kräftigere und abwechslungsvollere
Ausdrucksweise in der ganzen Welt als die in Nevada herrschende
Sprache. Selbst Prediger mußten sich entschließen, in diesem
Kauderwelsch zur Gemeinde zu sprechen, wollten sie sich verständlich
machen. Gewisse Redensarten waren fortwährend in aller Munde und
flossen jedem ganz unbewußt über die Lippen, ohne daß sie irgendwelchen
Sinn hatten oder den geringsten Bezug auf das Thema, das gerade
besprochen wurde.
Nachdem die Totenschau über Buck Fanshaw gehalten worden war, kam die
trauernde Bürgerschaft zur Beratung zusammen; denn an der Küste des
stillen Ozeans finden bei jeder Gelegenheit Versammlungen statt, um die
Volksstimmung öffentlich zum Ausdruck zu bringen. Man faßte mancherlei
Beschlüsse wegen der Bestattung und verschiedene Komitees wurden
eingesetzt, unter anderem auch eines, das den Auftrag erhielt, die
Leichenpredigt zu bestellen.
[Illustration]
Dies zu besorgen hatte Scotty Briggs übernommen, welcher denn auch
rechtzeitig dem Geistlichen seinen Besuch machte. Letzterer, ein
zarter, friedliebender junger Mann aus dem Osten, war eben erst auf
einem theologischen Seminar flügge geworden und mit den Sitten und
Gebräuchen der Bergwerksbevölkerung völlig unbekannt. Wenn er in
spätern Jahren seine Unterredung mit Scotty, dem Komiteemitglied,
schilderte, verlohnte es sich wohl der Mühe, zuzuhören.
Scotty Briggs war ein kühner Raufbold, dessen Amtstracht bei
feierlicher Gelegenheit -- wenn er z. B. wie jetzt im Namen des
Komitees auftrat -- aus einem Feuerwehrhelm und einem scharlachroten
Flanellhemde bestand; der Revolver hing ihm vom breiten Ledergürtel
herab, den Rock trug er über dem Arm und seine Beinkleider steckten
in hohen Stulpenstiefeln. Kein Wunder, daß er von dem blassen jungen
Theologen gewaltig abstach. Scotty besaß übrigens, nebenbei gesagt, ein
warmes Herz und große Anhänglichkeit an seine Freunde; auch fing er
keine Händel an, wenn es sich irgendwie vermeiden ließ. Meist stellte
es sich bei Scottys Raufereien heraus, daß er ursprünglich gar nichts
mit der Angelegenheit zu thun gehabt und sich nur aus angeborener
Gutmütigkeit hineingemischt hatte, um dem Schwächeren beizustehen.
Schon seit Jahren waren Buck Fanshaw und Scotty Busenfreunde und
hatten einander getreulich geholfen in manchem Kampf und Abenteuer.
Man erzählt zum Beispiel, daß sie eines Tages mehrere fremde Burschen
im Handgemenge sahen, rasch die Röcke abwarfen und für den gerade
unterliegenden Teil eintraten. Als sie sich nach schwer errungenem
Sieg umsahen, was aus ihren Schützlingen geworden sei, waren diese
längst über alle Berge und hatten die Röcke ihrer Beschützer zu eigenem
Gebrauch mitgenommen.
[Illustration]
Doch kehren wir zu Scottys Besuch bei dem Prediger zurück. Er hatte
eine Trauerbotschaft auszurichten und tiefer Gram sprach aus seinen
Zügen. Ohne weiteres nahm er dem Geistlichen gegenüber Platz, stellte
seinen Feuerwehrhelm dem Pfarrer dicht vor die Nase, gerade auf eine
halbfertig geschriebene Predigt, wischte sich mit einem rotseidenen
Sacktuch die Stirn ab und stieß einen schweren Seufzer aus, als
passendste Einleitung für sein trübseliges Geschäft. Vor Rührung war
ihm zuerst die Kehle wie zugeschnürt und seine Augen wurden feucht;
doch bezwang er sich mannhaft und sagte mit wahrer Grabesstimme:
»Sind Sie der Herr, der bei dem frommen Grubenbau hier nebenan zum
Schichtmeister bestellt ist?«
»Ob ich der -- entschuldigen Sie -- ich habe nicht recht verstanden --
wie meinen Sie?«
Scotty ließ ein schmerzliches Schluchzen vernehmen und einen noch
tieferen Seufzer.
»Sehen Sie,« sagte er, »wir sitzen in der Klemme und die Jungens
glaubten, Sie könnten uns vielleicht heraushelfen, wenn wir Sie ins
Schlepptau nehmen. Das heißt, im Fall ich hier an der rechten Schmiede
bin und den Obermeister des Hallelujah-Fahrschachts hier nebenan vor
mir habe.«
»Ich bin der Hirte, dem die Sorge für die Schafe obliegt, deren Hürde
hier in der Nachbarschaft steht.«
»Wer, sagen Sie?«
»Der geistliche Berater einer kleinen Schar von Gläubigen, deren
Heiligtum dicht an mein Wohnhaus stößt.«
Scotty kratzte sich hinter den Ohren, überlegte einen Augenblick und
sagte dann:
»Da sind Sie mir über. Die Karte kann ich nicht bekennen, Meister. Man
muß den Eimer weitergeben.«
»Wie meinen Sie? -- Verzeihung, aber ich weiß nicht recht --«
»Mir scheint, wir sind beide noch nicht im richtigen Fahrwasser. Sie
haben keine Witterung mit mir und ich habe keine Witterung mit Ihnen.
-- Die Sache ist nämlich so: Einer von uns Jungens kann nicht mehr
im Geschirr gehen und wir möchten für ihn einen ordentlichen Kehraus
haben; daher bin ich hier, um jemand aufzutreiben, der uns ein wenig
Klingklang dazu macht, damit der Tag noch ein gutes Ende nimmt.«
»Bester Freund, mir wird bei Ihren Worten immer verwirrter zu Sinn.
Was Sie sagen, ist mir völlig unklar. Könnten Sie sich nicht etwas
einfacher ausdrücken? Anfänglich glaubte ich schon zu verstehen,
was Sie wünschen, aber jetzt tappe ich wieder im Dunkeln. Würde es
nicht die Angelegenheit wesentlich beschleunigen, wenn Sie sich auf
kategorische Angaben der Thatsachen beschränkten, ohne das Verständnis
durch Anhäufung von Bildern und Allegorien zu erschweren?«
Eine abermalige Pause und Ueberlegung. Dann bemerkte Scotty:
»Ich kann wieder nicht bekennen -- ich passe.«
»Wie?«
»Sie haben mich übertrumpft, Meister.«
»Ich weiß nicht, was Sie meinen.«
»Was Sie zuletzt ausgespielt haben, kann ich nicht stechen, kann auch
nicht mit der Farbe bedienen.«
Der Pfarrer lehnte sich verblüfft in seinen Stuhl zurück. Scotty
stützte den Kopf auf und versank in tiefes Nachdenken. Bald blickte er
jedoch wieder in die Höhe und sagte mit trübseliger Miene, aber doch
voll Zuversicht:
»Jetzt hab’ ich’s, so daß Sie’s schlucken können. Wir brauchen einen
Predigtmacher -- einen Pfarrer.«
»Warum haben Sie das denn nicht gleich gesagt? Ich bin der Geistliche
-- der Pfarrer.«
»Bravo, das ist einmal ein Wort! Sie sehen, ich war zuerst gegen die
Mauer gerannt und bin nun mit einem Satz hinüber. Schlagen Sie ein!«
Er streckte seine nervige Faust aus, umschloß des Predigers kleine Hand
und schüttelte sie in brüderlichem Mitgefühl und herzlichem Vertrauen.
»Jetzt ist die Sache in Ordnung, Meister,« fuhr er fort; »fangen wir
nun von Frischem an, und wenn ich dabei etwas greine, so achten Sie
nicht weiter darauf, denn, wir sind eben in einer argen Klemme, weil
einer von den Jungens plötzlich Schicht gemacht hat.«
»Schicht gemacht?«
»Ja, er hat den Eimer umgeworfen, wissen Sie.«
»Ach, Sie meinen, er ist in jenes geheimnisvolle Land gefahren, von
dessen Gestaden kein Wanderer jemals wiederkehrt?«
»Nein, er kehrt nicht wieder. Die Rechnung stimmt. Er ist ja tot,
Meister.«
»Ja, ja, ich verstehe schon.«
»Wirklich? Na, ich dachte doch, daß ich Sie irgendwie anhaken könnte.
Es ist ganz richtig, er ist wieder tot --«