Täglich wurden neue Stellen belegt und es herrschte dabei die

freundliche Gepflogenheit, schnurstracks nach den Zeitungsredaktionen

zu laufen, dem Berichterstatter vierzig oder fünfzig Fuß zu schenken,

und ihn damit zur Besichtigung der Grube und zu einer Notiz über

dieselbe zu gewinnen. Was man darüber sagte, war ihnen ganz eins, wenn

man nur etwas sagte. So sagten wir gewöhnlich mit ein paar Worten, die

›Anzeichen‹ seien gut, aber die Gesteinschicht sei sechs Fuß breit,

oder der Fels sähe dem Combstock ähnlich, was auch der Fall war, nur

war die Aehnlichkeit nicht so groß, daß man vor Verwunderung darüber

auf den Rücken fiel. Versprach das Gestein einigermaßen etwas, so

folgten wir der Landessitte, brauchten starke Eigenschaftswörter und

priesen dieses Wunder auf dem Gebiete der Silberentdeckung dermaßen,

daß uns der Schaum vor den Mund trat. War die Grube schon abgeteuft

und bearbeitet, ohne brauchbares Erz aufzuweisen (natürlich war

überhaupt kein solches darinnen), so lobten wir den Stollen, über

den wir in den höchsten Tönen faselten, ohne aber ein Wort über das

Gestein selbst zu verlieren. Oder wir verschwendeten auch eine halbe

Spalte voll Lobeserhebungen auf einen Schacht oder ein neues Drahtseil

u. dgl., oder auch auf ›das vornehme und thatkräftige Auftreten des

Herrn Obersteigers der Grube‹, wiederum ohne über das Gestein die

leiseste Silbe zu verlieren; und doch waren jene Leute stets froh,

stets befriedigt. Gelegentlich flickten oder lackierten wir unsern

Ruf verständiger Prüfung und ernster, höchst genauer Beschreibung

dadurch, daß wir für irgend eine alte aufgegebene Parzelle in die

Trompete stießen, daß ihr die dürren Knochen hätten rasseln sollen,

und dann pflegte irgend jemand dieselbe zu nehmen und sie auf die ihr

so verschaffte vergängliche Berühmtheit hin zu verkaufen. Nichts, was

die Gestalt einer Bergwerkparzelle trug, war unverkäuflich. Wir bekamen

Tag für Tag Geschenke von ›Fuß‹. Brauchten wir hundert Dollars oder so

etwas, so verkauften wir ein paar davon; wo nicht, so speicherten wir

sie auf, überzeugt, daß sie einst tausend Dollars der Fuß wert werden

mußten. Ich hatte meinen Koffer beinahe halb voll von Kuxen. Wenn eine

Parzelle Aufsehen auf dem Markte erregte und hoch hinaufging, suchte

ich mein Paket durch und sah nach, ob ich von den betreffenden Kuxen

etwas hatte; gewöhnlich fand ich auch, was ich suchte.

Ich hatte aber nicht bloß als Gegenleistung für Zeitungsnotizen meine

Kuxe geschenkt erhalten. Jedermann trug alle Taschen voll davon, und

es war damals geradezu Landessitte, ungebeten kleine Quantitäten an

seine Freunde zu verschenken, wie man diesen sonst Obst oder Zigarren

anbietet. Höchstens ein ›Danke schön‹ erwartete man dafür, und selbst

dazu war man nicht gesetzlich verpflichtet. Flotte Zeiten in der That!

Ich dachte, sie würden ewig dauern, aber ich hatte niemals viel von

einem Propheten an mir.

Um zu zeigen, welch ein toller Geist in den Köpfen dieser

Bergmannsgemeinde spukte, will ich bemerken, daß Parzellen sogar

bei Kellerausgrabungen belegt wurden, wenn die Spitzhacke etwas

bloßlegte, was einer Quarzader gleich sah. Und das waren nicht etwa

Keller in den Vorstädten, sondern mitten im Herzen der Stadt; sofort

wurden dann Anteilscheine ausgegeben und auf den Markt geworfen. Man

kümmerte sich wenig darum, wem der Keller gehörte, die Ader gehörte

dem Finder, und wenn sich nicht die Regierung der Vereinigten Staaten

hineinmischte, die damals das Vorrecht auf Edelmetallgruben in Nevada

besaß, so nahm man an, daß er wirklich das ausschließliche Recht habe,

dieselbe auszubeuten. Nun stelle man sich vor, wie ein Fremder mitten

unter den kostbaren Gewächsen unseres Vorgartens eine Stange mit der

›Bekanntmachung‹ aufpflanzt, daß er hier ein Stück Land zu einer Grube

belegt habe, und in größter Seelenruhe sich anschickt, den Boden mit

Hacke, Schaufel und Sprengpulver wüste zu legen! Das ist aber in

Kalifornien häufig vorgekommen. Mitten in einer Hauptgeschäftsstraße

Virginias belegte jemand eine Parzelle zu einer Grube und teufte einen

Schacht darauf ab. Er gab mir hundert Fuß von derselben, die ich jedoch

gegen einen feinen Anzug vertauschte, weil ich befürchtete, es könnte

jemand in den Schacht fallen und uns auf Entschädigung verklagen. An

einer anderen gleichfalls mitten in einer Straße belegten Parzelle war

ich Miteigentümer; und um zu zeigen, wie einfältig die Menschen sein

können, erwähne ich, daß die Kuxe der ›East India‹, wie die Grube hieß,

sich ganz flott verkauften, obwohl ein alter Stollen unter der Parzelle

hinlief, in dem sich jedermann ungehindert mit eigenen Augen überzeugen

konnte, daß er keine Quarzschicht oder irgend etwas einer solchen nur

von weitem Aehnliches berührte.

Eine Methode, plötzlich zu Reichtum zu gelangen, bestand darin,

eine Wildkatzengrube zu ›salzen‹ und dann zu verkaufen, solange die

Aufregung dauerte. Das Verfahren war einfach. Der Betreffende belegte

eine wertlose Schicht, teufte einen Schacht darauf ab, kaufte eine

Wagenladung von reichem Combstock-Erz, ließ einen Teil davon in den

Schacht werfen und das Uebrige daneben an der Oberfläche aufschütten.

Dann zeigte er sein Besitztum einem Einfaltspinsel, der es ihm um hohen

Preis abkaufte. Natürlich war jene Wagenladung reiches Erz alles, was

das Opfer bei seinem Kaufe herausschlug.

Ein höchst merkwürdiger Fall von ›Salzung‹ war der, welcher bei

der Grube ›Nord-Ophir‹ vorkam. Man behauptete, diese Ader sei eine

entfernte Fortsetzung des eigentlichen ›Ophir‹, einer wertvollen Grube

auf dem Combstock. Mehrere Tage sprach alle Welt von der reichen

Ausbeute im ›Nord-Ophir‹. Es hieß, die Grube gebe vollständig reines

Silber in gediegenen Klümpchen. Ich ging mit dem Besitzer an die Stelle

und fand einen sechs bis acht Fuß tiefen Schacht und unten an dessen

Sohle eine schlecht gesprengte Ader von dunklem, gelblichem, nichts

versprechendem Gestein. Ebenso gut hätte man in einem Schleifstein

Silber vermuten können. Wir holten eine Pfanne von dem Quark herauf

und wuschen ihn in einer Pfütze aus und, wahrhaftig, in dem Bodensatz

fanden wir ein halbes Dutzend runder Kügelchen von unzweifelhaftem,

gediegenem Silber. Etwas derartiges hatte noch kein Mensch gehört; für

die Wissenschaft war diese seltsame Neuigkeit ein völliges Rätsel. Die

Anteilscheine stiegen auf fünfundsechzig Dollars für den Fuß und zu

diesem Preise kaufte sich der weltberühmte Tragöde Kean Buchanan einen

bedeutenden Vorrat davon und beschloß wieder einmal -- wie schon so oft

-- der Bühne zu entsagen. Auf einmal hieß es, die Grube sei ›gesalzen‹

worden, aber nicht etwa nach irgend einer abgedroschenen Methode,

sondern in ungewöhnlich kecker, frecher, eigenartiger und schandbarer

Weise. Man entdeckte nämlich auf einem der Klümpchen gediegenen Silbers

Bruchstücke der Münzumschrift ›~United States of America~‹, und nun lag

es klar am Tage, daß die Grube mit geschmolzenen Halbdollars ›gesalzen‹

worden war. Die so gewonnenen Klümpchen hatte man geschwärzt, bis

sie gediegenem Silber im Urzustande glichen und sie dann mit dem

losgesprengten Gestein auf dem Boden des Schachtes vermischt. Dies ist

buchstäblich wahr. Natürlich fielen die Kuxe sofort auf Null und der

Tragöde war ruiniert. Ohne diese Kalamität wäre Mc. Kean Buchanan uns

für die Bühne verloren gegangen.

Vierundzwanzigstes Kapitel.

Die ›flotten Zeiten‹ gingen inzwischen munter fort. Etwas mehr als zwei

Jahre vorher hatten Herr Goodman und ein anderer Setzer sich vierzig

Dollars geborgt und waren damit von San Francisco aufgebrochen, um ihr

Glück in der neuen Stadt Virginia zu versuchen. Sie fanden dort das

›Territorial Enterprise‹, ein traurig hinsiechendes Wochenblättchen,

das nach Atem schnappte und in den letzten Zügen lag. Sie kauften es:

Typen, Einrichtung, Kundschaft, alles miteinander für tausend Dollars,

die ihnen lang gestundet bleiben sollten. Redaktion, Zeitungsstube,

Druckerei, Expedition, Schlafkammer, Wohnzimmer und Küche, alles war

in ein Gemach zusammengepreßt, und dies war nicht einmal groß. Die

Redakteure und Drucker schliefen auf dem Fußboden, ein Chinese besorgte

die Küche, und der Ausschießstein war die allgemeine Speisetafel.

Wie anders waren die Verhältnisse jetzt. Das Blatt erschien täglich

in großem Format, es wurde mit Dampf gedruckt, fünf Redakteure und

dreiundzwanzig Setzer arbeiteten daran, der Abonnementspreis war

sechzehn Dollars jährlich, die Einrückungsgebühren waren maßlos hoch,

die Spalten stets gedrängt voll. Das Blatt warf monatlich zwischen

sechs- und zehntausend Dollars ab und wurde in einem stattlichen

feuerfesten Hause redigiert und gedruckt. Tag für Tag wurden fünf bis

elf Spalten neuer Anzeigen wegen Ueberhäufung entweder zurückgelegt

oder in Extrablättern zusammen veröffentlicht.

Die ›Gould & Curry-Gesellschaft‹ stand im Begriffe, ein Riesenpochwerk

mit hundert Stampfen zu errichten, dessen Herstellungskosten nicht

viel unter einer Million Dollars betrugen. Die Kuxe dieses Bergwerks

zahlten schwere Dividenden -- ein seltener Fall, der nur bei den zwölf

oder fünfzehn Parzellen vorkam, die über der Hauptader, dem Combstock,

lagen. Der Direktor dieser Grube wohnte mietfrei in einem schönen

Hause, das von der Gesellschaft gebaut und möbliert war. Er fuhr mit

stattlichen Pferden, die ihm die Gesellschaft geschenkt hatte, und sein

Gehalt betrug zwölftausend Dollars jährlich. Der Direktor einer anderen

großen Grube reiste wie ein Fürst herum, hatte einen Jahresgehalt von

achtundzwanzigtausend Dollars und beanspruchte später überdies noch auf

dem Rechtswege ein Prozent der ganzen Silberausbeute als ihm zukommend.

Geld war in wunderbarer Fülle vorhanden. Es zu verdienen machte keine

Mühe, wohl aber, es auszugeben und loszuwerden. Und so traf es sich

glücklich, daß gerade während jener Zeit der Draht die Nachricht

brachte, daß eine große Sanitätskommission der Vereinigten Staaten

gebildet worden sei, welche für die Soldaten und Matrosen der Union,

die in den Spitälern des Ostens lagen, Geld brauche. Dieser Nachricht

folgte die Kunde auf den Fersen, daß San Francisco sich an dem Werk in

großartiger Weise beteiligt habe, ehe das Telegramm auch nur einen Tag

alt gewesen sei. Virginia erhob sich wie ein Mann. Ein Sanitätskomitee

wurde in aller Eile organisiert, der Präsident desselben bestieg einen

leeren Karren in der C straße und versuchte der ungeduldigen und

lärmenden Menge begreiflich zu machen, daß die übrigen Mitglieder des

Komitees aus Leibeskräften arbeiteten, und daß noch vor Ablauf einer

Stunde ein Bureau eingerichtet, Bücher aufgelegt, und das Komitee

bereit sein werde, Beiträge anzunehmen. Seine Stimme wurde übertäubt,

seine Mitteilung ging in einem unaufhörlichen Jubelgebrüll und dem

Verlangen, daß das Geld sofort angenommen werden solle, verloren; die

Leute waren wie rasend, sie wollten nicht warten. Der Präsident machte

Vorstellungen und suchte zu beweisen, daß das nicht angehe; aber taub

gegen alle Bitten drängte sich die Menge an den Wagen, in den sie

Goldstücke regnen ließen, worauf alle wieder abtrabten, um noch mehr

zu holen. Hände voll Geld erhoben sich aus dem Gedränge. Unterstützt

von dieser beredten Gebärdensprache hofften viele sich einen Weg bahnen

zu können. Selbst die Chinesen und Indianer wurden von der Aufregung

angesteckt und warfen ihre halben Dollars in den Karren, ohne zu wissen

oder sich darum zu kümmern, zu welchem Zwecke. Sauber gekleidete

Frauen stürzten sich in das Gedränge, kämpften sich mit ihrem Gelde

bis zum Karren durch und tauchten dann nach einer Weile mit jämmerlich

zerzaustem Anzuge wieder aus der Menge hervor. Es war der wildeste

Auflauf, den Virginia jemals gesehen; als zuletzt die Wut nachließ und

alle auseinander gingen, hatte keiner mehr einen Pfennig in der Tasche.

Um in der eigenen Sprache der Leute zu reden: mit vollem Sacke kamen

sie, und ausgebeutelt gingen sie hinweg.

Nun begann das Komitee in systematischer Ordnung zu arbeiten und

wochenlang flossen die Beiträge wie ein Strom in seine Kasse. Einzelne

Personen und ganze Genossenschaften legten sich eine regelmäßige Steuer

für den Sanitätsfonds auf, die sich nach ihren Mitteln abstufte; als

aber der berühmte ›Sanitätsmehlsack‹ zu uns kam, gab es einen zweiten

großen allgemeinen Ausbruch. Die Geschichte des Sackes ist eigentümlich

und interessant. In der kleinen Stadt Austin am Reeseflusse war ein

früherer Schulkamerad von mir, Namens Reuel Gridley, Kandidat der

demokratischen Partei für die Bürgermeisterstelle. Er kam mit dem

republikanischen Gegenkandidaten dahin überein, daß der Unterliegende

von dem Sieger mit einem fünfzig Pfund schweren Mehlsack beschenkt

werden und denselben auf seiner Schulter nach Hause tragen sollte.

Gridley unterlag und erhielt den Mehlsack von dem neuerwählten

Bürgermeister. Er lud ihn auf die Schulter und trug ihn gegen zwei

Meilen weit von Nieder-Austin nach Ober-Austin, begleitet von einem

Musikchor und der ganzen Bevölkerung. Bei seiner Ankunft erklärte er,

er brauche das Mehl nicht und fragte, was er nach der Meinung des

Volkes am besten damit anfangen könnte. Eine Stimme rief:

»Verkaufen Sie es an den Meistbietenden zu Gunsten des Sanitätsfonds!«

[Illustration]

Der Vorschlag wurde ringsum mit lautem Beifall begrüßt, und Gridley

stieg auf eine Kiste, um die Rolle eines Auktionators zu übernehmen.

Die Gebote gingen rasch in die Höhe, als die Leute sich mehr und

mehr für die Sache erwärmten, bis der Sack zuletzt einem Müller zu

zweihundertfünfzig Dollars zugeschlagen und dessen Anweisung in Empfang

genommen wurde. Man fragte ihn, wo er das Mehl abgeliefert haben wolle,

worauf er erwiderte:

»Nirgends, verkauft es noch einmal!«

Jetzt brachen donnernde Jubelrufe los, und die Menge geriet ins

richtige Feuer. So stand Gridley bis zum Sonnenuntergang schreiend und

schwitzend da, und als die Masse auseinanderging, hatte er den Sack an

dreihundert verschiedene Leute verkauft und achttausend Dollars in Gold

dafür eingenommen. Und noch immer war der Mehlsack in seinem Besitze.

Als die Nachricht in Virginia eintraf, kam von dort ein Telegramm

zurück:

»Schickt euern Mehlsack her!«

Sechsunddreißig Stunden darauf kam Gridley an; im Opernhause wurde

eine Nachmittagsversammlung gehalten und die Auktion begann. Aber der

Mehlsack war früher gekommen als man erwartete, die Leute waren noch

nicht ordentlich ins Feuer geraten, und so schleppte sich der Verkauf

matt hin. Bei Einbruch der Nacht hatte man erst fünftausend Dollars in

Händen und es herrschte große Niedergeschlagenheit in der Gemeinde.

Indes war man nicht geneigt, die Sache damit ruhen zu lassen und dem

Dorfe Austin den Sieg zuzuerkennen.

Bis spät in die Nacht hinein waren die vornehmsten Bürger am Werke,

den Feldzug für den nächsten Tag vorzubereiten, und als sie zu Bett

gingen, war ihnen wegen des Ergebnisses nicht mehr bange. Um elf

Uhr am Vormittag fuhr ein langer Zug offener Wagen, begleitet von

lärmenden Musikbanden und geschmückt mit wehenden Fahnen, die C straße

hinunter, wo sie bald in Gefahr gerieten, von einer Hurra rufenden

Menschenmenge eingeschlossen und am Weiterkommen verhindert zu werden.

Im ersten Wagen saß Gridley, welcher den mit goldenen Buchstaben

verzierten und schön geschmückten Mehlsack so hielt, daß er recht ins

Auge fiel, ferner der Bürgermeister und der Syndikus. Die anderen

Wagen enthielten den Stadtrat, Redakteure und Berichterstatter und

andere Leute von Ansehen und Bedeutung. Die Menge drängte nach der

Ecke der C- und Taylorstraße, in der Erwartung, daß der Verkauf dort

beginnen werde; allein sie täuschte sich und erlebte zugleich eine

unaussprechliche Ueberraschung; die Kavalkade zog weiter, als käme

Virginia überhaupt gar nicht mehr in Betracht und nahm ihren Weg auf

die kleine Stadt Gold Hill zu. Telegramme waren nach Gold Hill, Silver

City und Dayton vorausgegangen, so daß deren Bevölkerung bereits in

fieberhafter Erregung darauf wartete, sich ins Gefecht zu stürzen.

Es war ein sehr heißer Tag und furchtbar staubig. Nach Verlauf einer

kurzen halben Stunde stiegen wir unter Trommelschlag mit fliegenden

Fahnen, von mächtigen Staubwolken umwallt, nach Gold Hill hinab. Die

ganze Bevölkerung, Männer, Weiber und Kinder, Chinesen und Indianer

waren in der Hauptstraße versammelt, alle Flaggen der Stadt flatterten

an den Masten und das Hurrarufen der Menge übertönte den Lärm der

Musikbanden. Gridley erhob sich und fragte, wer auf den vaterländischen

Sanitäts-Mehlsack das erste Gebot thun wolle. General W. erklärte:

»Die Yellow-Jacket-Silberbergbaugesellschaft bietet tausend Dollars in

Münze.«

Ein Beifallssturm folgte. Der Telegraph trug die Kunde nach Virginia,

binnen fünfzehn Minuten war die ganze Einwohnerschaft auf der Straße

versammelt und verschlang die Botschaft; es gehörte nämlich mit zum

Programm, daß jeder Drahtbericht auf den Anschlagbrettern sofort

bekannt gemacht wurde. Alle paar Minuten erschien ein neues von Gold

Hill her telegraphiertes Bulletin, und immer mehr wuchs die Aufregung.

Nach Verlauf einer Stunde hatte die schwache Bevölkerung von Gold

Hill für den Mehlsack eine Summe gezahlt, welche Virginias höchste

Begeisterung erweckte, als das Gesamtergebnis an den Plakatstellen

zu lesen war. Nun rückte Gridleys Kavalkade weiter -- erfrischt mit

Strömen Lagerbiers, welches die Leute in verschwenderischem Maße an die

Wagen brachten; nach weiteren drei Stunden hatte die Expedition Silver

City und Dayton mit Sturm genommen und befand sich ruhmbedeckt auf

dem Heimwege. Das alles war telegraphiert und veröffentlicht worden;

als nun die Prozession um halb neun Uhr abends in Virginia einzog und

die C straße hinunterkam, war die ganze Bevölkerung auf den Straßen,

Fackeln loderten, Flaggen wehten, Musikbanden spielten, Hurra auf

Hurra erschütterte die Luft und die Stadt war bereit, sich auf Gnade

und Ungnade zu ergeben. Die Auktion begann; jedes Gebot wurde mit

Beifallsausbrüchen begrüßt, und nach Verlauf von dritthalb Stunden

hatte eine Bevölkerung von fünfzehntausend Seelen für einen fünfzig

Pfund schweren Mehlsack eine Summe in Gold bezahlt, die in Staatsnoten

fünfzigtausend Dollars betragen haben würde. Es kamen ungefähr drei

Dollar auf jeden Kopf der Bevölkerung, Weiber und Kinder mitgerechnet.

Das Gesamtergebnis würde zweimal so groß gewesen sein, aber die Straßen

waren sehr schmal und Hunderte, die gerne mitgeboten hätten, konnten

weder bis zum Platz des Auktionators gelangen, noch sich vernehmlich

machen. Des Wartens überdrüssig gingen viele lange vor Schluß der

Auktion wieder nach Hause. Dies war vielleicht der größte Tag, den

Virginia jemals erlebte.

Gridley verkaufte den Sack in Carson City und in verschiedenen

kalifornischen Städten; dann nahm er ihn mit nach dem Osten und brachte

ihn endlich nach St. Louis, wo ein Sanitätsbazar abgehalten und eine

große Summe eingenommen wurde. Um die Begeisterung zu erhöhen, hatte

man dort die aus Nevadas Schenkung erzeugten stattlichen Silberbarren

ausgestellt. Zuletzt ließ Gridley das Mehl in kleine Kuchen backen, die

er einzeln zu hohen Preisen verkaufte. Die Kosten seiner ungeheuren,

mühevollen Expedition hatte der treffliche Mann wenn nicht ganz, so

doch größtenteils aus eigener Tasche bezahlt.

Als die Mission des Mehlsacks beendet war, schätzte man die

Gesamtsumme, für die derselbe verkauft war, auf hundertfünfzigtausend

Dollars in Papier. Dies ist wahrscheinlich der einzige Fall, den die

Geschichte verzeichnet, in welchem gewöhnliches Brotmehl auf offenem

Markte zu dreitausend Dollars das Pfund verkauft worden ist.

* * * * *

Bevor ich diesen Teil meiner Erinnerungen beschließe, will ich noch

einer kleinen Episode gedenken. Dieselbe betrifft

meine erste Begegnung mit Artemus Ward.

Dieser berühmte, jetzt verstorbene Komiker und Humorist bereiste

damals, als ich in Virginia City Redakteur war, die Städte im fernen

Westen, um Vorlesungen zu halten, und kam bei dieser Gelegenheit auch

in die genannte Stadt. Ich hatte ihn noch nie gesehen. Er brachte

mir Empfehlungsbriefe von gemeinsamen Freunden in San Francisco und

lud mich ein, mit ihm zu frühstücken. Im Bereich der Silberminen

galt es fast als eine heilige Pflicht, vor solcher Mahlzeit einen

Whisky-Cocktail zu trinken. Mit echt kosmopolitischer Gesinnung pflegte

sich Artemus stets nach den Sitten des Landes zu richten, in welchem

er sich gerade befand; so bestellte er denn auch jetzt drei von den

abscheulichen Schnäpsen, Hingston, sein Reisebegleiter, war auch

zugegen. Ich sagte, ich wolle lieber keinen Whisky trinken, er würde

mir zu sehr zu Kopfe steigen und mich in zehn Minuten so verdreht

machen, daß ich keinen klaren Gedanken mehr fassen könne. Mich vor

Fremden wie ein Verrückter zu gebärden, sei nicht nach meinem Sinn. Auf

Artemus Wards freundliches Zureden trank ich aber dennoch das tückische

Gebräu, obgleich mit Widerstreben und in dem Bewußtsein, daß ich etwas

thue, was mich alsbald reuen würde.

In kürzester Frist kam es mir vor, als umnebelten sich meine Sinne.

Ich wartete daher mit großer Angst auf den Beginn der Unterhaltung und

hoffte im stillen, daß sich meine Befürchtung als unbegründet erweisen

und ich doch noch bei Verstande sein würde.

Artemus ließ zuerst einige unbedeutende Bemerkungen fallen, nahm

dann eine ganz übermenschlich ernste Miene an und hielt folgende

erstaunliche Rede:

»Noch etwas möchte ich Sie zuvörderst fragen, ehe ich es vergesse. Sie

sind nun schon zwei oder drei Jahre hier in Nevada, im Silberland,

und Ihre Stellung bei der Tagespresse hat es natürlich mit sich

gebracht, daß Sie in die Bergwerke eingefahren sind, um sich über

alle Einzelheiten zu unterrichten; der ganze Silberbergbau wird Ihnen

daher genau bekannt sein. Was ich nun gerne wissen möchte, ist -- wie

die Erzlager eigentlich beschaffen sind. Ich fasse es zum Beispiel

so auf -- die Ader, welche das Silber enthält, liegt zwischen zwei

Granitschichten eingeschlossen, wie das Fleisch in einer belegten

Buttersemmel; sie läuft im Erdboden weiter, erstreckt sich aufwärts und

ragt in die Höhe wie ein Meilenstein. Nehmen wir nun an, die Ader hätte

eine Mächtigkeit -- sagen wir -- von vierzig Fuß oder achtzig oder auch

meinetwegen hundert -- und Sie führten einen Schacht senkrecht darauf

hinab, oder gingen mit Hilfe eines Stollens, wie man’s nennt, hinunter

bis zu einer Tiefe von fünfhundert Fuß oder auch nur zweihundert Fuß,

wenn Sie wollen, aber jedenfalls tief hinab -- nun wird die Ader immer

schmaler, wo die sie einschließenden Granitschichten dichter beisammen

sind oder sich einander nähern, wenn man’s so ausdrücken will -- das

heißt, wenn sie wirklich näher zusammenrücken, was natürlich nicht

immer der Fall ist, besonders nicht an Stellen, wo sie der ganzen Natur

der Formation nach weiter auseinander gehen als anderwärts, wofür

die Geologie bisher vergebens eine Erklärung gesucht hat, obwohl in

dieser Wissenschaft alles auf den Beweis hinausläuft, daß bei gleichen

Verhältnissen es so sein würde, wenn es nicht wäre, und gewiß nicht so

sein würde, wenn es wäre -- und dann sind sie es natürlich. Ist das

nicht auch Ihre Meinung?«

Ich dachte bei mir selbst:

»Also richtig -- ich wußte ja, daß es so kommen würde. Der Whisky hat

mich ganz benebelt und keine Auster ist jetzt so schwer von Begriffen

wie ich.«

Dann sagte ich laut:

»Ich -- ich -- vielleicht -- wenn es Ihnen nicht zu viel Mühe macht

-- hätten Sie wohl die Güte -- das noch einmal zu sagen. Ich sollte

freilich --«

»O gewiß, mit Vergnügen. Sie sehen, ich bin mit dem Gegenstande gar

nicht vertraut und drücke mich daher viel zu undeutlich aus, -- aber

ich --«

»Nein, nein, -- o nein -- Sie haben die Sache völlig klar

auseinandergesetzt, aber, wissen Sie, der Whisky macht mich etwas

verwirrt. Ich verstehe Sie ja im übrigen ganz gut, wenn Sie mir aber

die Sache noch einmal vortragen wollten, würde es mir am Ende doch

begreiflich werden -- diesmal will ich besser acht geben.«

»Das, worauf es mir ankommt,« sagte er, »ist einfach Folgendes: (Er

sprach jetzt mit noch weit größerem Nachdruck und betonte die einzelnen

Punkte ganz besonders, indem er sie an den Fingern herzählte.) Diese

Ader, dieser Streifen, diese Schicht oder wie Sie es nennen wollen,

liegt zwischen zwei Lagern von Granit, wie das Fleisch zwischen den

beiden Hälften der Buttersemmel. So weit gut. Nun gehen Sie senkrecht

hinunter, volle tausend Fuß, vielleicht sogar zwölfhundert Fuß, --

darauf kommt es wirklich nicht an -- ehe Sie den Stollen hineintreiben,

einige Gänge quer über die Ader, andere in Längsrichtung, wo die

Sulfurate -- ich glaube, man nennt sie Sulfurate, obgleich ich nicht

recht weiß, warum man es thut, in Anbetracht dessen, daß, worauf es dem

Bergmann hauptsächlich ankommt, nicht so liegt, wie einige behaupten,

ohne doch völlig beweisen zu können, daß sie nicht weiterlaufen,

solange noch eine Spur oder ein Bruchstück desselben Erzes weder

hier noch dort in gleicher Weise enthalten ist; wogegen unter andern

Umständen selbst die Unerfahrensten unter uns es nicht entdecken

könnten, wenn es wäre, oder es möglicherweise übersehen, wenn es

anginge oder den bloßen Gedanken daran mit Hohn zurückweisen würden,

wenn man es ihnen auch noch so handgreiflich als solches vor Augen

stellte. Habe ich nicht recht?«

Ich sagte mit trübseliger Miene: »Wirklich, Herr Ward, ich muß mich vor

mir selber schämen; ich weiß, ich sollte eigentlich alles verstehen,

was Sie sagen, aber der abscheuliche Whiskey ist mir so in den Kopf

gestiegen, daß jetzt der einfachste Satz über mein Verständnis geht.

Ich habe es Ihnen ja vorausgesagt.«

»O, nicht doch, nicht doch -- es liegt höchst wahrscheinlich einzig und

allein an mir -- zwar habe ich lange darüber nachgedacht und glaubte es

klar genug --«

»Verlieren Sie, bitte, kein Wort darüber. Sie haben es so anschaulich

dargestellt, daß es jedem sonnenklar einleuchten müßte, der nicht mit

Blödsinn behaftet ist. Nur der verwünschte Whiskey ist an allem schuld.«

Im Gold- und Silberland · 第 10 / 21 段