Vor einem Jahre erhielt ich von meinem geschätzten und in jeder Weise

schätzenswerten einstigen Mitmillionär Higbie aus einem obskuren

kleinen Bergmannslager in Kalifornien die Nachricht, er sei nach neun

oder zehn Jahren voll Schicksalsschlägen und mühseligen Ringens endlich

so weit, um über fünfundzwanzighundert Dollars verfügen zu können und

gedenke, nun einen bescheidenen Obsthandel anzufangen. Wie würde ihn

ein solcher Gedanke beleidigt haben zur Zeit, da wir in unserer Hütte

Pläne zu Europareisen und zu Häusern von braunem Sandstein auf dem

Russenhügel schmiedeten!

Einundzwanzigstes Kapitel.

Was nun thun?

Das war eine wichtige Frage. Ich war mit dreizehn Jahren in die Welt

hinausgegangen, um für mich selbst zu sorgen; denn mein Vater hatte

für Freunde gutgesagt und hatte uns zwar ein reichliches Erbe an Stolz

auf seine Abstammung von einer feinen virginischen Familie und auf

deren Verdienste um die Nation hinterlassen, doch fand ich bald, daß

ich davon nicht leben könne, sondern dazu gelegentlich ein Stück Brot

als Beilage haben müsse. In verschiedenen Berufsarten hatte ich meinen

Lebensunterhalt verdient, bis jetzt aber durch meine Leistungen noch

bei niemand Staunen erregt. Mir stand eine große Auswahl zur Verfügung,

falls ich Arbeit suchte -- allein, nachdem ich so reich gewesen war,

hatte ich keine Lust dazu. Ich war einmal einen Tag lang Ladenjüngling

bei einem Krämer gewesen, hatte aber dabei eine solche Masse Zucker

verzehrt, daß der Besitzer mich aller weiteren Dienstleistungen entband

und sagte, es wäre ihm lieber, wenn ich bloß als Kunde in seinen

Laden käme. Eine Woche lang hatte ich Rechtsgelehrsamkeit studiert,

sie aber dann aufgegeben, weil sie zu prosaisch und ledern war. Dann

warf ich mich eine kurze Zeit auf das Studium der Grobschmiedekunst,

vertrödelte aber mit dem Versuche, die Blasebälge so einzurichten,

daß sie von selbst bliesen, so viel Zeit, daß der Meister mich in

Ungnaden fortjagte und behauptete, aus mir würde im Leben nichts.

Ich trat eine Weile als Gehilfe bei einem Buchhändler ein, aber die

Kunden quälten mich dergestalt, daß ich nicht mit Behaglichkeit lesen

konnte, und so gab mir der Prinzipal Urlaub, vergaß aber dabei zu

sagen, wann derselbe abgelaufen sein sollte. Dann war ich im Sommer

eine Zeitlang Gehilfe bei einem Apotheker, aber ich hatte Unglück mit

meinen Rezepten, so daß wir mehr Magenpumpen als sonst was absetzten

und ich auch dort fort mußte. In dem Gefühl, daß in mir ein zweiter

Franklin stecke, hatte ich die Schriftsetzerei leidlich erlernt. Aber

bei der ›Union‹ in Esmeralda war keine Stelle offen, und überdies

hatte ich immer so langsam gesetzt, daß ich die Lehrlinge nach zwei

Jahren um ihre Leistungen beneidete; wenn ich ein Stück Satz übernahm,

so pflegte der oberste Setzer anzudeuten, man werde es im Lauf des

Jahres wohl einmal brauchen. Als Lotse zwischen St. Louis und New

Orleans machte ich meine Sache ganz ordentlich und brauchte mich meiner

Leistungen in diesem Berufszweig keineswegs zu schämen; der Lohn betrug

zweihundertfünfzig Dollars monatlich bei freier Kost und Wohnung, und

ich sehnte mich wirklich danach, wieder hinter dem Steuerrad zu stehen,

statt ewig herumzuschweifen. Aber ich hatte mich in der letzten Zeit

durch prahlerische Briefe, die ich über meinen blinden Gang und meine

Europareise nach Hause gerichtet, so lächerlich gemacht, daß es mir

ging, wie schon gar manchem armen enttäuschten Bergmann, der sich

selber sagt: »Mit mir ist es jetzt aus und vorbei, und es fällt mir

nicht ein, je wieder heimzukehren, um bemitleidet und über die Achsel

angesehen zu werden.« Ich war Privatsekretär, Silbergräber und Arbeiter

in einem Pochwerke gewesen, hatte es in allen diesen Fächern zu weniger

als nichts gebracht und jetzt --

Was sollte nun zunächst geschehen?

Auf Higbies Bitten willigte ich ein, es nochmals mit dem Bergbau

zu versuchen. Wir kletterten hoch am Bergeshang hinauf und machten

uns an die Arbeit auf einer uns gehörigen kleinen, nichtsnutzigen

Parzelle, auf der sich ein Schacht von acht Fuß Tiefe befand. Higbie

stieg hinab und arbeitete tapfer mit seiner Spitzhacke, bis er eine

Menge Gestein und Erde losgehauen hatte, und dann ging ich hinunter,

um es mit einer langstieligen Schaufel, der widerwärtigsten aller

menschlichen Erfindungen, herauszuwerfen. Man muß die Schaufel vorwärts

schieben und mit dem Knie nachhelfen, bis sie voll ist, und sie dann

mit kühnem Schwung über seine linke Schulter entleeren. Ich machte den

Schwung und setzte das Geröll genau am Rande des Schachtes ab, von

wo es mir samt und sonders wieder auf Kopf und Nacken herabkam. Ohne

ein Wort zu sagen, stieg ich heraus, ging nach Hause und beschloß in

meinem Innern, lieber zu verhungern, als dieses Scheibenschießen mit

Schutt auf meine werte Person vermittelst einer langstieligen Schaufel

noch länger zu betreiben. Ich setzte mich in die Hütte und überließ

mich dort sozusagen einem gediegenen moralischen Katzenjammer. Nun

hatte ich in angenehmeren Tagen zu meinem Vergnügen dann und wann der

Hauptzeitung des Territoriums, der ›Daily Territorial Enterprise‹ in

Virginia Berichte eingeschickt und war stets überrascht gewesen, wenn

sie im Druck erschienen. Die Redakteure waren dabei in meiner Meinung

nicht eben gestiegen, denn es wollte mich bedünken, als hätten sie

etwas Besseres finden können, um ihre Spalten zu füllen, als meine

litterarischen Leistungen. Auf dem Heimweg fand ich im Postbureau einen

Brief, den ich zu Hause öffnete. »Heureka!« rief ich aus -- ich wußte

allerdings nicht, was das heißt, fand aber den Klang des Wortes meiner

Stimmung ganz angemessen -- es war ein ernstliches Anerbieten von

fünfundzwanzig Dollars wöchentlich, falls ich nach Virginia kommen und

Lokalredakteur des ›Enterprise‹ werden wollte.

In den Tagen des ›blinden Ganges‹ würde ich den Herausgeber gefordert

haben, jetzt hätte ich vor ihm niederfallen und ihn anbeten mögen.

Fünfundzwanzig Dollars die Woche -- das war ein Kapital -- ein

Vermögen! Zwar kühlte sich meine Verzückung etwas ab, wenn ich an

meine Unerfahrenheit und meinen Mangel an jeder Befähigung für diese

Stellung dachte, und mir die Reihe der verfehlten Versuche, etwas

aus mir zu machen, vor Augen stellte. Allein wenn ich das Anerbieten

ausschlug, so würde ich binnen kurzem nicht mehr mein täglich Brot

haben und meinem Nächsten zur Last fallen; einem Menschen aber, der

seit seinem dreizehnten Jahre nie eine solche Erniedrigung erlebt

hatte, mußte dies notwendig zuwider sein. So wurde ich wohl oder übel

Lokalredakteur. Not bricht Eisen. Ich bin fest überzeugt, hätte man

mir damals das Anerbieten gemacht, gegen Gehalt den Talmud aus dem

hebräischen Original zu übertragen, ich würde es ruhig angenommen und

versucht haben, mich für mein Geld möglichst anständig aus der Affaire

zu ziehen.

Ich ging hinauf nach Virginia, um meine neue Stellung anzutreten.

Für einen Lokalredakteur sah ich recht ruppig aus, das gestehe ich

offen; ohne Rock, mit Schlapphut und blauem Wollhemd, die Hosen in den

Stiefeln, mit einem Bart, der mir über die halbe Brust herunterhing,

und dem üblichen Matrosen-Revolver am Gürtel. Doch verschaffte ich

mir einen christlicheren Anzug und gab meinem Revolver den Abschied.

Ich hatte niemals Gelegenheit gehabt, jemand tot zu schießen,

verspürte auch kein solches mörderisches Gelüste; nur aus Rücksicht

auf die allgemeine Anschauung hatte ich das Ding getragen, um nicht

unangenehm aufzufallen und zu Bemerkungen Anlaß zu geben. Zu meiner

Ueberraschung bemerkte ich jedoch, daß die andern Redakteure, sowie

sämtliche Setzer und Drucker Revolver trugen. Ich bat den Chefredakteur

und Eigentümer des Blattes, Herrn Goodman, um einige Anweisungen

betreffs meiner Pflichten, worauf er mir sagte, ich solle nur durch die

ganze Stadt gehen und allerhand Leute über alles mögliche ausfragen,

mir die erhaltene Auskunft notieren und sie dann ausführlicher zur

Veröffentlichung niederschreiben. Er fügte noch bei:

»Sagen Sie niemals: ›wir erfahren‹, oder: ›es heißt‹, oder: ›es geht

das Gerücht‹, oder: ›wie verlautet‹, sondern rücken Sie vor die rechte

Schmiede, verschaffen Sie sich die absoluten Thatsachen und dann reden

Sie von der Leber weg und sagen Sie: so und so _ist_ es. Sonst trauen

die Leute Ihren Nachrichten nicht. Unumstößliche Gewißheit ist es, was

einer Zeitung den festesten und wertvollsten Ruf verschafft.«

Damit hatte ich das Wesen der Sache in ~nuce~, und bis auf den heutigen

Tag beschleicht mich, so oft ich sehe, daß ein Berichterstatter

seinen Artikel mit ›wie verlautet‹ anfängt, der Verdacht, er habe

auf seine Erkundigung nicht Mühe genug verwandt. Freilich, solange

ich Lokalredakteur war, habe ich nicht immer nach jener Vorschrift

gehandelt, sondern manchmal, wenn Mißwachs an Nachrichten herrschte,

der Phantasie die Oberherrschaft über die Thatsachen gelassen. Nie

werde ich die Erfahrungen vergessen, die ich an meinem ersten Tage als

Berichterstatter machte. Ich wanderte durch die ganze Stadt, fragte

alle Welt, bohrte jedermann an, und kein Mensch wußte etwas. Nach

fünf Stunden war mein Notizbuch noch immer leer. Ich sprach mit Herrn

Goodman darüber. Dieser meinte:

»Ihr Vorgänger Dan pflegte in der sauern Gurkenzeit, wenn’s sonst

nichts gab, aus den Heuwagen Kapital zu schlagen. Sind keine Heuwagen

vom Felde hereingekommen? Sind welche da, so könnten Sie von

wiederaufgenommener Thätigkeit im Heugeschäft sprechen. Das ist zwar

nicht besonders aufregend, aber es hilft doch das Blatt füllen und

sieht geschäftsmäßig aus.«

Ich durchstreifte die Stadt nochmals und stöberte einen einzigen

elenden alten Heuwagen auf, der sich langsam vom Felde hereinbewegte.

Aber ich wußte ihn zu fruktifizieren; ich multiplizierte ihn mit

sechzehn, ließ ihn aus sechzehn verschiedenen Richtungen her in die

Stadt fahren, machte sechzehn besondere Artikelchen über ihn und schlug

einen Lärm über das Heu, wie er in Virginia City noch nie erlebt

worden war.

Das war ermutigend. Ich hatte zwei Spalten Nonpareille zu füllen, und

kam damit ganz nett vorwärts. Gerade als der Stoff wieder zur Neige

ging, brachte ein Raufbold in einer Schnapsbude einen Mann um, und

abermals kehrte Freude bei mir ein. Niemals in meinem Leben war ich

wegen einer Bagatelle wie diese so vergnügt gewesen. Ich sagte zu dem

Mörder:

»Mein Herr, Sie sind mir ein Fremder, aber Sie haben mir heute einen

Gefallen gethan, den ich Ihnen nie vergessen werde. Wenn ganze Jahre

von Dankbarkeit Ihnen einen Ersatz bieten können -- sie soll Ihnen

zu teil werden. Ich war in Not, und Sie haben mir zu rechter Zeit

edelmütig heraus geholfen, als alles dunkel und öde aussah. Zählen Sie

mich fortan zu Ihren Freunden; denn ich bin nicht der Mann, der eine

Gefälligkeit vergißt.«

Wenn ich das alles nicht wirklich zu ihm sagte, so empfand ich doch

wenigstens das Verlangen danach. Ich berichtete über die Mordthat mit

einem wahren Heißhunger auf interessante Einzelheiten, und als ich zu

Ende war, bedauerte ich nur, daß man nicht meinen Wohlthäter auf der

Stelle gehenkt hatte; ich würde ihn gern auch noch verarbeitet haben.

Sodann entdeckte ich ein paar Wagen mit Auswanderern, die sich eben

anschickten, auf der Plaza ein Lager zu bilden, und von denen ich

erfuhr, daß sie vor kurzem durch feindliches Indianergebiet gekommen

und dabei ziemlich übel gefahren waren. Ich machte aus dieser

Nachricht alles, was die Umstände erlaubten; wäre ich nicht durch die

Anwesenheit der Berichterstatter anderer Blätter in strengen Grenzen

gehalten gewesen, so würde ich zweifelsohne den Artikel durch einige

Zuthaten noch viel interessanter gemacht haben. Einen Wagen fand ich

jedoch, der nach Kalifornien weiter ging und zog bei dessen Besitzer

geschickte Erkundigungen ein. Als ich aus seinen kurzen, mürrischen

Antworten auf meine Kreuz- und Querfragen ersehen hatte, daß er ganz

bestimmt abfahren und am nächsten Tage nicht mehr in der Stadt sein

würde, folglich keinen Lärm schlagen konnte, lief ich den anderen

Zeitungen den Rang ab, indem ich mir sein Personenverzeichnis abschrieb

und seine ganze Gesellschaft unter den Toten und Verwundeten aufführte.

Da ich mich in diesem Falle nicht zu beschränken brauchte, ließ ich den

Wagen einen Kampf mit den Indianern bestehen, der bis auf den heutigen

Tag in der Geschichte nicht seinesgleichen hat.

[Illustration]

Meine beiden Spalten waren damit gefüllt. Als ich sie am Morgen

durchlas, fühlte ich, daß ich endlich meinen wahren Beruf gefunden

hatte. Neuigkeiten, und zwar aufregende Neuigkeiten waren es, was die

Zeitung brauchte, und ich fühlte in mir in ganz besonderem Grade die

Fähigkeit, solche zu liefern. Herr Goodman meinte, ich stehe als

Berichterstatter nicht hinter Dan zurück. Ein höheres Lob wünschte ich

mir nicht. Auf diese Ermutigung hin fühlte ich mich stark genug, im

Notfall den Interessen des Blattes zuliebe sämtliche Auswanderer auf

der Ebene eines grausamen Todes durch meine Feder sterben zu lassen.

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Sechs Monate, nachdem ich unter die Journalisten gegangen war, begann

die große Zeit des Silberlandes, wo es ›flott herging‹, und diese

dauerte in unvermindertem Glanze drei Jahre lang. Alle Schwierigkeit,

die Spalten mit Lokalnachrichten zu füllen, war nun vorüber; man

hatte nur seine liebe Not, wie man die Unmasse von Begebenheiten und

Vorkommnissen, die jeden Tag in unser litterarisches Netz gingen,

unterbringen sollte trotz der Vergrößerung des Formats. Virginia

hatte sich zur lebhaftesten Stadt entwickelt, die es in Amerika je

gegeben, wenn man ihr Alter und ihre Einwohnerzahl in Betracht zieht.

Die Gehwege wimmelten von Menschen -- und zwar dermaßen, daß es meist

keine leichte Aufgabe war, durch die Menschenflut hindurchzukommen.

Die Fahrstraßen waren nicht minder gedrängt voll von Quarzwagen,

Frachtwagen und sonstigen Fuhrwerken in endlosem Zuge. Das Gedränge

war derartig, daß kleine Gefährte oft eine halbe Stunde lang warten

mußten, bis es ihnen gelang, über die Hauptstraße hinüberzukommen.

Vergnügt strahlten alle Gesichter; eine fast wilde Anspannung sprach

aus jedem Auge und erzählte von den Plänen zum Geldmachen, die in

jedem Gehirn kochten, und von den hochgeschwellten Hoffnungen, die

aller Herzen erfüllten. Geld gab es wie Sand am Meer. Jeder einzelne

hielt sich für reich, und eine trübselige Miene war nirgends zu sehen.

Es gab Milizkompagnien, Spritzenkompagnien, Musikchöre, Banken,

Hotels, Theater, liederliche Tanzböden, ›Hurdy-Gurdy-Häuser‹ genannt,

weit offenstehende Spielhöllen, politische Klubs, Bürgeraufzüge,

Straßenkämpfe, Mordthaten, Leichenbeschauungen, Tumulte, alle

fünfzehn Schritt eine Schnapsbrennerei, einen Gemeinderat mit einem

Bürgermeister, einen Stadtvermesser, einen Stadtingenieur, einen

Direktor des Feuerlöschwesens mit einem ersten, zweiten und dritten

Assistenten, einen Polizeidirektor, einen Stadtmarschall und eine

starke Polizistenschar, zwei Kollegien von Kuxmaklern, ein Dutzend

Brauereien und ein halbes Dutzend Gefängnisse und Polizeistationen

in voller Arbeit; auch sprach man davon, eine Kirche zu bauen. Der

Aufschwung war großartig in jeglicher Beziehung. Mächtige feuerfeste

Backsteinhäuser stiegen in den Hauptstraßen empor, und die hölzernen

Vorstädte breiteten sich nach allen Richtungen aus. Für Bauplätze in

der Stadt erzielte man ganz erstaunliche Preise.

Die große Combstock-Erzader, reich an Edelmetall, erstreckte sich von

Norden nach Süden durch die ganze Länge der Stadt, und ihre sämtlichen

Gruben standen im fleißigsten Betriebe. Eine einzige dieser letzteren

beschäftigte sechshundertfünfundsiebzig Mann, und bei Wahlen hieß es

stets: »wie die Gould & Curry-Grube stimmt, so stimmt die ganze Stadt.«

Der Taglohn der Arbeiter betrug vier bis sechs Dollars; sie arbeiteten

in drei Schichten oder Abteilungen, und das Sprengen, Hacken und

Schaufeln ging Tag und Nacht ohne Unterbrechung fort.

Die Stadt Virginia thronte königlich auf halber Höhe des steil

ansteigenden Mount Davidson 7200 Fuß über dem Meeresspiegel und war in

der klaren Atmosphäre Nevadas bis auf fünfzig Meilen sichtbar. Ihre

Bevölkerung betrug 15,000 bis 18,000 Seelen, und den ganzen Tag über

schwärmte die Hälfte dieser kleinen Armee gleich Bienen durch die

Straßen, die andere Hälfte dagegen schwärmte hundert und aber hundert

Fuß tief unter eben diesen Straßen in den Schachten und Stollen der

Combstock-Erzschicht. Oft fühlten wir unsere Stühle beben, während der

schwache Knall einer Sprengung aus den Eingeweiden der Erde unter der

Redaktion heraufklang.

Der Bergabhang war so steil, daß die ganze Stadt schräg wie ein

Dach daran hinaufging. Die Straßen bildeten sämtlich Terrassen, von

denen eine immer vierzig bis fünfzig Fuß über der anderen lag. Es

war ein mühseliges Klettern selbst in dieser dünnen Atmosphäre, wenn

man von der D straße nach der A straße hinaufsteigen mußte, und man

kam keuchend und außer Atem oben an. Dagegen brauchte man sich nur

umzudrehen, um wie ein Pfeil wieder hinab zu fliegen. Die Luft war

in dieser Höhe so dünn, daß einem das Blut stets durch die Haut zu

dringen schien, und eine Stecknadelschramme ernstliche Sorgen machen

konnte, weil leicht ein gefährlicher Rotlauf daraus entstand. Aber zur

Entschädigung dafür waren Schußwunden wunderbar schnell geheilt, und

so hatte man wenig Aussicht, sich durch einen Schuß, der dem Gegner

nur durch beide Lungen ging, dauernde Genugthuung zu verschaffen; man

konnte beinahe sicher annehmen, daß er vor Ablauf des Monats wieder

auf dem Damm war und sich nach einem umsah und zwar nicht mit einem

Opernglase.

Von Virginias hoher Lage aus überschaute man ein mächtiges,

weitumfassendes Panorama von Bergzügen und Wüsten, und ob nun der

Tag hell und bewölkt war, ob die Sonne auf- oder unterging oder am

Zenith flammte, ob es Nacht war und der Mond am Himmel leuchtete,

immer hatte man einen schönen, unvergeßlichen Anblick. Ueber uns ragte

der Mount Davidson mit seiner grauen Kuppel empor, während vor und

unter uns eine wildzerrissene Schlucht sich öffnete und ein düsteres

Thor bildete, durch welches der Blick auf die mattgefärbte, von dem

Silberfaden eines Flusses durchzogene Wüste fiel. Die Ufer des Flusses

waren mit Bäumen eingefaßt, die sich in der meilenweiten Entfernung nur

wie eine zarte Franse ausnahmen. In noch weiterer Ferne erhoben die

beschneiten Berge ihre langgezogene Schranke bis zum nebeligen Horizont

hin -- jenseits eines Landsees, der in der Wüste wie eine vom Himmel

gefallene Sonne flammte, obwohl auch er fünfzig Meilen entfernt lag.

Man mochte aus seinem Fenster blicken, wohin man wollte, stets bot sich

ein bezauberndes Bild. Selten, sehr selten kam es vor, daß Wolken am

Himmel standen, dann aber vergoldete, rötete und verklärte die sinkende

Sonne dieses weitausgedehnte Landschaftsbild mit einer geradezu

verwirrenden Farbenpracht, welche das Auge wie mit Zaubergewalt

fesselte und die Seele wie Musik ergriff.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Mein Gehalt wurde auf vierzig Dollars die Woche erhöht, aber ich ließ

ihn mir selten auszahlen. Ich hatte eine Menge anderer Hilfsquellen;

und was bedeuteten zwei Zwanzig-Dollarstücke für einen Mann, der die

Tasche voll von solchen Dingern und zugleich blanke Halbdollarstücke

in Ueberfülle hatte? Das Berichterstatten war einträglich, und in der

ganzen Stadt war jedermann freigebig mit seinem Geld und seinem ›Fuß‹.

Die Stadt und der ganze große Bergabhang war von Schachten durchlöchert

wie ein Sieb. Es gab mehr Bergwerke als Bergleute. Allerdings lieferten

kaum zehn von diesen Bergwerken Erze, die es verlohnt hätte, nach

einem Pochwerk zu schaffen, aber jedermann sagte: »Wartet nur, bis

der Schacht so weit hinunter kommt, daß die Ader gediegen wird, dann

werdet ihr schon sehen!« So war kein Mensch mutlos. Die Gruben waren

fast sämtlich taub und ohne allen Gehalt, aber das glaubte damals kein

Mensch. Jedermann war fest überzeugt, daß seine kleine taube Parzelle

ebensogut an der ›Hauptader‹ sei, wie die ergiebigsten Combstockgruben,

und unfehlbar tausend Dollars wert sein werde, sobald der Schacht aufs

›Gediegene komme‹. Die armen Kerls! Sie sollten diesen Tag nie erleben,

und es war nur gut, daß sie blind dagegen waren.

So bohrten sich die tausend tauben Schachte Tag für Tag immer tiefer

in die Erde, und jedermann war außer sich vor Hoffnung und Glück. Wie

sie arbeiteten, prophezeiten, jubelten! Wahrlich, seit die Welt stand,

hatte man etwas Aehnliches nicht erlebt. Von diesen Bergwerken -- oder

vielmehr diesen Löchern über eingebildeten Bergwerken -- war ein jedes

gesetzlich eingetragen und hatte hübsch mit Illustrationen verzierte

Kuxe, und diese Kuxe waren verkäuflich. Mit fieberhafter Gier wurden

dieselben Tag für Tag in den Maklerbanken verkauft und gekauft. Man

konnte oben am Berge ein bißchen herumscharren, bis man einen Erzgang

fand (es war kein Mangel daran), dann eine ›Bekanntmachung‹ mit einem

prahlerischen Namen aufstecken, sich ›Anteilscheine‹ drucken lassen und

ohne den mindesten greifbaren Beweis dafür, daß die betreffende Grube

auch nur einen Pfifferling wert sei, das Papier auf den Markt bringen,

wo es für Hunderte, ja Tausende von Dollars verkauft wurde. Geld zu

machen, und zwar im Fluge, kostete nicht mehr Mühe, als ein Mittagsmahl

zu verzehren. Jedermann besaß ›Fuß‹ in fünfzig verschiedenen tauben

Gruben und betrachtete sich als reich. Man denke sich eine Stadt, in

der es nicht einen einzigen armen Mann giebt. Man sollte meinen, als

Monat auf Monat verging und immer noch keine einzige ›Wildkatzengrube‹

(so wurden alle nicht auf der Mutterader, d. h. der Combstock-Schicht,

belegten Parzellen genannt) eine Tonne Erz geliefert hatte, die das

Zerstampfen lohnte, die Leute hätten sich nachgerade gefragt, ob sie

nicht am Ende doch zu fest an ihre vermeintlichen Reichtümer glaubten,

-- aber kein Gedanke daran. Sie wühlten die Erde weiter auf, kauften

und verkauften und waren glücklich dabei.

Im Gold- und Silberland · 第 9 / 21 段