Ich komme jetzt zu einer seltsamen Episode -- der seltsamsten, wie mir

scheint, die ich bisher in meinem trägen, unnützen und sorgenlosen

Lebenslauf zu verzeichnen gehabt. Gegen das obere Ende der Stadt zu

besaß eine der ›Weite Westen‹ genannte Gesellschaft ein aller Welt

bekanntes Quarzlager, aus dessen Schacht Gestein von ziemlich gutem,

wenn auch keineswegs außerordentlichem Silbergehalte gefördert wurde.

Ich bemerke hier, daß, während dem unerfahrenen Fremden aller Quarz aus

einem bestimmten Bezirke gleichartig vorkommt, ein alter Ansässiger

jeden Brocken Gestein von dem andern unterscheiden und mit größter

Leichtigkeit sagen kann, aus welcher Grube derselbe stammt.

[Illustration]

Eine ungewöhnliche Aufregung machte sich plötzlich in der Stadt

bemerkbar. Der ›Weite Westen‹ war auf eine reiche Ader gestoßen.

Jedermann wollte sich die neue Entwicklung der Dinge ansehen und

mehrere Tage lang drängte man sich um den Schacht wie zu einer

Volksversammlung. Man sprach, man dachte und träumte von nichts

anderem mehr, als von dem reichen Funde. Ein jeder nahm sich eine

Probe mit, die er im Mörser zerstampfte und in seinem Hornlöffel

ausspülte, und stierte dann sprachlos das wunderbare Ergebnis an. Es

war schwarzes, verwittertes, bröckeliges Zeug, das, wenn es auf ein

Papier gelegt wurde, eine starke Beimischung von Gold- und gediegenen

Silberteilchen aufwies. Higbie brachte eine Handvoll davon in die

Hütte mit, und als er es ausgewaschen hatte, spottete sein Staunen

jeder Beschreibung. Die Kuxe des ›Weiten Westens‹ stiegen wie auf

Adlerflügeln in die Höhe. Wiederholt seien tausend Dollars für den

Fuß geboten worden, sagte man, aber ganz vergebens. Ich war tief

unglücklich; die Welt kam mir hohl, das Dasein erbärmlich vor. Ich

verlor den Appetit und nahm an nichts mehr Anteil. Trotzdem mußte ich

Aermster dableiben, um den Jubel der andern mit anzuhören, weil ich

kein Geld hatte um fortzukommen. Dem Wegtragen von ›Proben‹ setzte die

Gesellschaft bald ein Ziel, und mit Recht; denn von dem Erz hatte jede

Handvoll einen erheblichen Wert. Dasselbe wurde ganz so, wie es aus dem

Schachte kam, zu einem Dollar per Pfund verkauft und hundertfünfzig

Meilen weit über das Gebirge auf Maultieren nach San Francisco

geschafft, und dabei rechnete der Käufer noch auf ein gutes Geschäft.

Der Faktor erhielt strengen Befehl, außer den eigenen Arbeitern

keinem Menschen unter irgend welchen Umständen das Einfahren in die

Grube zu gestatten. Ich verblieb bei meinen schwarzen Träumereien,

während Higbie ebenfalls fortwährend seinen eigenen Gedanken nachhing;

diese waren aber anderer Art. Er grübelte hin und her über das

Gestein, prüfte es mit einem Vergrößerungsglase, untersuchte es bei

verschiedenem Lichte und von verschiedenen Gesichtspunkten, um nach

jedem Versuche im Selbstgespräch stets dieselbe Meinung in der immer

gleichen Formel kundzugeben:

»Das ist kein Gestein aus dem ›Weiten Westen‹!«

Um seiner Sache sicher zu sein, war er entschlossen, einen Blick in den

Schacht zu thun, und sollte ihm dafür der Garaus gemacht werden. Mir in

meiner Niedergeschlagenheit war es einerlei, ob er einen Einblick bekam

oder nicht. Nach mehrmaligen vergeblichen, halsbrechenden Versuchen

kroch er schließlich auf Händen und Füßen bis an den Rand des Schachts,

ergriff, nachdem er schnell um sich geblickt, das Seil und glitt

daran in die Tiefe. Als er unten eben im Dunkel eines Seitenganges

verschwand, erschien oben am Schachtloch jemand mit dem Rufe: »Hallo!«,

er antwortete jedoch nicht und blieb nun ungestört. Nach einer

Stunde trat er in die Hütte, glühend heiß und beinahe platzend vor

unterdrückter Aufregung.

»Ich wußte es ja! Wir sind reiche Leute! Es ist ein blinder Gang!« rief

er in theatralischem Flüsterton.

Mir war, als wankte die Erde unter mir -- Zweifel -- Ueberzeugung --

wiederum Zweifel -- Jubel -- Hoffnung, Staunen, Glaube, Unglaube,

alle denkbaren Empfindungen schossen mir in tollem Wirbel durch Herz

und Kopf, und ich war keines Wortes mächtig. Nachdem dieser geistige

Erregungszustand kurze Zeit gedauert hatte, rüttelte ich mich zurecht

und sagte:

»Sagen Sie es noch einmal.«

»Es ist ein blinder Gang.«

»Donner und Doria. Es ist zum verrückt werden. Ich möchte gleich unser

Haus anzünden -- oder jemand totschlagen! Wir wollen hinausgehen, wo

Platz genug ist, um Hurra zu schreien! Aber, wozu? Es ist viel zu

schön, um wahr zu sein!«

»Es ist ein blinder Gang -- wette um eine Million! Hängende Wand --

Fußwand -- Thonumhüllung -- alles, was dazu gehört!«

Er schwenkte seinen Hut und stieß ein dreimaliges Freudengeschrei aus;

ich schickte nun meinen Zweifel gleichfalls in alle Winde und stimmte

aus Leibeskräften mit ein; ich war ja Millionär und scherte mich um

keinen Teufel mehr.

Unter einem ›blinden Gang‹ versteht man eine Gesteinsschicht oder

Ader, welche nicht zu Tage tritt, auf die man aber beim Treiben eines

Stollens oder beim Senken eines Schachts oft zufällig stößt. Higbie

kannte das Gestein des ›Weiten Westens‹ so genau, daß er bei jeder

Prüfung der neuen Ausgrabungen fester zu der Ueberzeugung gelangte,

daß dieses Erz nicht aus der Ader des ›Weiten Westens‹ stammen könne.

So war er allein auf den Gedanken gekommen, daß unten im Schacht ein

blinder Gang laufe und daß die Leute vom ›Weiten Westen‹ dies selbst

nicht ahnten. Er hatte recht. Unten im Schacht fand er, daß der blinde

Gang ohne Zusammenhang mit der Ader des ›Weiten Westens‹ diagonal durch

diese durchging und seine eigene Umhüllung von Gestein und Thon hatte.

Folglich war er öffentliches Eigentum. Da die beiden Erzschichten

vollständig von einander abgegrenzt waren, konnte jeder Bergmann leicht

unterscheiden, welche zum ›Weiten Westen‹ gehöre und welche nicht. Wir

hielten es für zweckmäßig, uns einen einflußreichen Freund zu sichern

und holten deshalb noch in jener Nacht den Faktor des ›Weiten Westens‹

in unsere Hütte, um ihm die große Ueberraschung zu offenbaren. Higbie

sagte:

»Wir werden von diesem blinden Gange Besitz nehmen; unser

Eigentumsrecht feststellen und eintragen lassen und dann der

Gesellschaft vom ›Weiten Westen‹ die weitere Ausbeutung von Erzen

in diesem Gange untersagen. Sie können Ihrer Gesellschaft in dieser

Angelegenheit nicht helfen, niemand kann ihr helfen. Ich werde mit

Ihnen in den Schacht anfahren und Ihnen in überzeugender Weise darthun,

daß es wirklich ein blinder Gang ist. Nun schlagen wir Ihnen vor: wir

nehmen Sie zum Teilhaber an und belegen den blinden Gang im Namen von

uns dreien. Was sagen Sie dazu?«

Was sollte jemand sagen, dem eine Gelegenheit geboten wurde, bei

der er nur die Hand auszustrecken brauchte, um sich ein Vermögen zu

verschaffen, ohne das Geringste zu wagen und ohne jemand unrecht zu

thun oder seinen Namen mit dem geringsten Flecken zu verunehren? Er

konnte nur sagen: ›Einverstanden!‹

Noch dieselbe Nacht wurde unsere Bekanntmachung angeschlagen und

vor zehn Uhr in das Buch des Syndikus eingetragen. Wir belegten

jeder zweihundert Fuß, im ganzen sechshundert; das kleinste und doch

wertvollste Grubenfeld im ganzen Bezirk, dessen Ausbeutung überdies am

wenigsten Mühe machte.

Es wird wohl niemand so unverständig sein, zu glauben, wir hätten in

jener Nacht geschlafen. Ich ging mit Higbie um Mitternacht zu Bett,

aber nur, um völlig wach da zu liegen, zu träumen und Pläne zu machen.

Die ungedielte baufällige Hütte wurde uns zum Palast, die zerrissenen,

grauen Wolldecken zu Seidenteppichen; in unserem Hausgerät sahen wir

Rosenholz- und Mahagonimöbel. Bei jedem neuen Prachtstück, das an

der Oberfläche meiner Zukunftsträume erschien, wälzte ich mich im

Bette umher oder schnellte auf, wie von einer elektrischen Batterie

getroffen. In abgerissenen Bruchstücken flog die Unterhaltung zwischen

uns hin und her.

»Wann gehen Sie nach Hause -- nach den Staaten?[4]« fragte Higbie.

[4] ›Staaten‹ -- die Staaten im Osten.

»Morgen!« schrie ich, während ich mich ein paarmal umdrehte und dann

aufsetzte. »Na -- nein, aber spätestens nächsten Monat.«

»Wir wollen mit demselben Dampfer gehen.«

»Einverstanden.«

Pause.

»Mit dem Dampfer vom Zehnten?«

»Ja -- nein vom Ersten.«

»Ganz recht.«

Wieder eine Pause.

»Wo werden Sie sich später niederlassen?«

»In San Francisco.«

»Ganz mein Fall.«

Abermals eine Pause.

»Zu hoch, zu viel Kletterei!« sagte Higbie dann.

»Was ist zu hoch?«

»Ich dachte an den Russenhügel -- wollte mir dort ein Haus bauen.«

»Zu viel Kletterei? werden Sie sich denn nicht Wagen und Pferde halten?«

»Ach natürlich; daran dachte ich nicht.«

Pause.

»Was für ’ne Art Haus wollen Sie sich bauen?«

»Dachte eben daran. Drei Stock hoch und ein Dachgeschoß.«

»Aber welches Material?«

»Ja nun, das weiß ich noch nicht genau; vermutlich Backstein.«

»Backstein -- Schnack.«

»Warum? Was meinen Sie denn?«

»Vorderseite brauner Sandstein -- Fenster französisches Spiegelglas

-- Billardzimmer hinter dem Speisesaal, Bildsäulen und Gemälde --

Grasplatz, zwei Morgen groß, und Strauchwerk dabei -- Gewächshaus --

ein eiserner Kandelaber am Fuß der Treppe -- Schimmel -- Landauer und

ein Kutscher mit einer Kokarde am Hut.«

»Himmeldonnerwetter!«

Lange Pause, dann fragte ich Higbie:

»Wann gehen Sie nach Europa?«

»Je nun, daran hatte ich noch nicht gedacht. Wann gehen Sie?«

»Im Frühjahr.«

»Wollen den ganzen Sommer fort bleiben?«

»Den ganzen Sommer? Ich bleibe drei Jahre fort.«

»Nein -- wirklich in allem Ernst?«

»Ei freilich.«

»Dann geh’ ich mit.«

»Nun, natürlich gehen Sie mit.«

»Nach welchem Teil Europas gehen Sie?«

»Nach allen Teilen. Nach Frankreich, England, Deutschland, Spanien,

Italien, der Schweiz, Syrien, Griechenland, Palästina, Arabien,

Persien, Aegypten -- allenthalben -- überall hin.«

»Ich thue mit.«

»Recht so.«

»Das muß aber einen Prachtausflug geben!«

»Vierzig bis fünfzigtausend Dollars wollen wir dran rücken, damit es

einer wird.«

Wieder große Pause.

»Higbie, wir sind dem Fleischer sechs Dollars schuldig und er hat

gedroht, uns nichts mehr --«

»Zum Henker mit dem Fleischer!«

»Amen.«

Und so ging es fort. Um drei Uhr fanden wir, daß es mit dem Schlafen

doch nichts sei; so standen wir auf, spielten Cribbage und schmauchten

unsere Pfeifen, bis es hell wurde. Ich hatte diese Woche das Kochen zu

besorgen. Das war mir stets zuwider gewesen -- jetzt war es mir ein

Greuel.

[Illustration]

Die Kunde von unserem Glück hatte sich über die ganze Stadt verbreitet.

War die Aufregung zuvor schon groß gewesen, so war sie jetzt noch

größer. Froh und glücklich wandelte ich durch die Straßen. Ich

hörte von Higbie, dem Faktor wären für sein Drittel an der Grube

zweimalhunderttausend Dollars geboten worden. Ich versetzte darauf, zu

solch einem Preis zu verkaufen, fiele mir auch nicht ein. Da hatte ich

schon eine andere, höhere Vorstellung von der Sache. Mein Preis war

eine Million. Und ich glaube erst noch allen Ernstes, hätte man mir

diesen Preis geboten, es würde nur die Wirkung gehabt haben, daß ich

meinen Anteil behalten hätte, um noch mehr dafür zu bekommen.

Ich fand ein großes Vergnügen daran, reich zu sein. Man bot

mir ein Pferd für dreihundert Dollars an gegen ein einfaches

Zahlungsversprechen meinerseits ohne jede Bürgschaft. Dies gab mir ein

deutlicheres Gefühl als alles andere, daß ich wirklich und zweifellos

ein reicher Mann sei. Zahlreiche Beweise ähnlicher Art kamen nach,

unter denen ich die Thatsache hervorhebe, daß der Fleischer uns zweimal

so viel lieferte als wir bestellten, ohne ein Wort von der Bezahlung zu

reden.

Nach den im Bezirke geltenden Vorschriften waren diejenigen, welche

eine Erzschicht belegten, oder in Anspruch nahmen, verpflichtet, auf

ihrem neuen Eigentum binnen zehn Tagen vom Datum der Belegung ab

ein ordentliches Stück Arbeit zu thun, andernfalls war das Eigentum

verfallen und jeder, der wollte, konnte hingehen und es für sich

nehmen. Wir beschlossen deshalb, am nächsten Tag ans Werk zu gehen. Im

Lauf des Nachmittags begegnete ich einem Bekannten Namens Gardiner,

der mir mitteilte, Kapitän John Nye liege auf seinem Gute gefährlich

krank und seine Frau sei allein nicht im stande, ihm die dringend

erforderliche Pflege und Aufmerksamkeit zu widmen. Ich erklärte ihm,

wenn er einen Augenblick warten wolle, so würde ich mitgehen, um bei

der Pflege des Kranken zu helfen. Ich lief nach der Hütte, um es Higbie

zu sagen. Dieser war nicht da, ich ließ deshalb auf dem Tisch einen

Zettel für ihn zurück und fuhr ein paar Minuten darauf in Gardiners

Wagen aus der Stadt.

Zwanzigstes Kapitel.

Kapitän Nye litt wirklich schwer an Rheumatismus. Der alte Herr,

der sonst die Güte und Liebenswürdigkeit selbst war, konnte in den

Anfällen seiner Krankheit recht unangenehm werden. Er gebärdete sich

zuweilen ganz rasend. Ich hatte aber selbst einmal gesehen, wie er

einen Kranken mit der größten Geduld und Hingebung pflegte und da nun

die Reihe an ihn gekommen war, sich pflegen zu lassen, so sollte es

mich auch nicht verdrießen. Mochte er weiter toben, wie er wollte,

mich störte das nicht im mindesten in meiner Seelenruhe, denn, ob nun

meine Hände müßig oder beschäftigt waren, mein Geist war Tag und Nacht

unablässig an der Arbeit. Ich änderte und besserte an den Plänen zu

meinem Hause und überlegte mir, ob ich das Billardzimmer nicht lieber

ins Dachgeschoß, anstatt neben den Speisesaal verlegen solle. Ferner

versuchte ich betreffs der Polstermöbel im Salon zu einer Entscheidung

zwischen Grün und Blau zu gelangen! Ich gab an sich der letzteren Farbe

den Vorzug, fürchtete jedoch, Staub und Sonnenlicht würden ihr zu viel

Schaden thun. Sodann war ich zwar entschlossen, den Kutscher in eine

bescheidene Livree zu stecken, dagegen noch unschlüssig betreffs des

Bedienten. Haben mußte ich einen solchen ganz entschieden; es wäre mir

aber lieber gewesen, wenn er ohne Livree hätte anständig erscheinen

und seine Obliegenheiten versehen können, weil mir vor so viel Prunk

einigermaßen bange war. Und doch fühlte ich, da mein Großvater auch

Dienerschaft -- aber ohne Livree -- gehabt hatte, eine gewisse Neigung,

ihn oder doch wenigstens seinen Geist auszustechen. Endlich brachte

ich auch die Europareise in ein gehöriges System; die Reisestrecken

und die für eine jede derselben bestimmte Zeit -- alles wurde erwogen

und geordnet; nur eins, nämlich, ob die Reise von Kairo nach Jerusalem

per Kamel durch die Wüste, oder lieber zu Wasser nach Beirut gehen

sollte, um von dort mit einer Karawane fortgesetzt zu werden, blieb

unentschieden. Inzwischen schrieb ich alle Tage an die Freunde in

der Heimat, setzte sie von meinen Plänen und Absichten in Kenntnis

und wies sie an, sich nach einer hübschen Wohnung für meine Mutter

umzusehen und sich über den Mietspreis zu einigen, bis ich käme. Ferner

beauftragte ich sie, meinen Anteil an dem Landsitz unserer Familie

in Tennessee zu verkaufen und den Ertrag dem Witwen- und Waisenfond

des Typographenvereins zu überweisen, dem ich seit lange als eifriges

Mitglied angehörte.

Nachdem ich den Kapitän neun Tage lang gepflegt hatte, befand er sich

etwas besser, war aber noch sehr schwach. Während des Nachmittags hoben

wir ihn auf einen Stuhl und gaben ihm ein alkoholisches Dampfbad, dann

machten wir uns daran, ihn wieder zu Bett zu bringen. Dabei mußte

äußerst behutsam zu Werke gegangen werden, denn das leiseste Anstreifen

verursachte Schmerzen. Gardiner hielt ihn an den Schultern und ich an

den Beinen, als ich in einem unglücklichen Augenblicke stolperte, so

daß der Kranke schwer auf das Bett fiel und Höllenschmerzen empfand. Er

fluchte, wie ich nie in meinem Leben etwas gehört habe, und versuchte

in seinem Zorn einen Revolver vom Tische zu reißen, den ich schnell

wegnahm. Nun schrie er, ich solle das Haus verlassen und schwur hoch

und teuer, wenn er wieder auf den Beinen sei, wolle er mich umbringen,

sobald er meiner habhaft würde. Das war nur eine vorübergehende Wut,

die nichts zu bedeuten hatte. Ich wußte, daß er es in einer Stunde

vergessen, vielleicht sogar bedauern würde, aber im Augenblick

ärgerte es mich doch ein wenig, und ich beschloß daher nach Esmeralda

zurückzugehen. Da er auf dem Kriegspfade ist, dachte ich, wird er wohl

imstande sein, sich selbst zu helfen. So aß ich zu Abend und trat dann,

sobald der Mond aufging, meine neun Meilen lange Fußwanderung an.

Als ich auf der Höhe ankam, welche die Stadt überragt, fehlten noch

fünfzehn Minuten zu zwölf Uhr. Ich warf einen Blick auf den Hügel

jenseits der Schlucht und sah im hellen Mondenschein, wie anscheinend

die halbe Bevölkerung des Städtchens sich um den Eingang zur Grube

des ›Weiten Westens‹ drängte. Jubelnd hüpfte mein Herz, und ich sagte

zu mir selbst: »Heute abend haben sie eine neue Schicht eröffnet

und ganz gewiß eine reichere als je.« Ich ging zuerst darauf zu,

kehrte mich aber wieder ab, indem ich mir sagte, die Grube würde ja

nicht davonlaufen und ich sei für heute nacht genug auf den Bergen

herumgeklettert. Ich ging weiter durch die Stadt, und als ich an einer

deutschen Bäckerei vorüberkam, stürzte eine Frau heraus und bat mich,

doch mit ihr hereinzukommen und ihr beizustehen, ihr Mann habe einen

Anfall von Wahnsinn. Ich ging hinein und fand, daß sie recht hatte; der

eine Anfall, den er hatte, konnte für hundert gelten. Zwei Deutsche

waren drinnen und versuchten ihn zu halten, richteten aber nicht viel

aus. Ich lief die Straße ein Stück hinauf und klopfte einen schlafenden

Doktor heraus, der halb angekleidet mitging. Alle vier rangen wir dann

mit dem Verrückten, gaben ihm Arznei, begossen ihn mit kaltem Wasser

und ließen ihn zur Ader, was mehr als eine Stunde dauerte. Die arme

deutsche Frau besorgte das Weinen dazu. Als der Kranke endlich ruhig

war, zogen der Doktor und ich uns zurück und überließen ihn seinen

Freunden.

Es war kurz nach ein Uhr. Als ich müde, aber gut gelaunt durch die

Thüre unserer Hütte trat, erblickte ich beim trüben Licht einer

Talgkerze Higbie, der am Tische saß und wie blödsinnig auf den Zettel

von meiner Hand stierte, den er in seinen Fingern hielt. Er sah bleich,

alt und abgemagert aus. Als ich stehen blieb und ihn fragend ansah,

richtete er nur einen stumpfsinnigen Blick auf mich. Ich sagte:

»Higbie, was -- was ist denn?«

»Wir sind ruiniert -- wir haben die Arbeit nicht gethan -- _der blinde

Gang ist anderweitig belegt_!«

Ich hatte genug gehört. Kummervoll und gebrochenen Herzens sank ich

auf einen Stuhl. Noch eine Minute zuvor war ich reich gewesen und von

Eitelkeit geschwellt, jetzt war ich ein demütiger Bettler. Noch eine

Stunde saßen wir da, beschäftigt mit Gedanken, mit eitlen und nutzlosen

Vorwürfen gegen uns selbst, mit der unaufhörlichen Frage, warum habe

ich nur dies und warum habe ich nur jenes nicht gethan? Aber keiner von

uns sprach ein Wort. Endlich begannen die gegenseitigen Mitteilungen,

und das Geheimnis klärte sich auf. Higbie hatte sich auf mich, ich mich

auf ihn, und wir beide hatten uns auf den Faktor verlassen. Welche

Thorheit! Zum erstenmal hatte der gesetzte und stramme Higbie eine

wichtige Angelegenheit dem Zufall überlassen und der auf ihn fallenden

Verantwortlichkeit nicht voll entsprochen. Ach, er hatte meinen Zettel

eben erst zu Gesicht bekommen und war wenige Augenblicke vor mir zum

erstenmal, seit wir uns getrennt, wieder in die Hütte getreten. Auch

er hatte an jenem verhängnisvollen Nachmittag einen Zettel für mich

zurückgelassen. Er war vor das Haus geritten, hatte durch das Fenster

geschaut, und da er in Eile war und mich nicht sah, den Zettel durch

eine zerbrochene Scheibe in die Hütte geworfen. Hier war derselbe die

neun Tage ungestört liegen geblieben, er lautete:

»Versäumen Sie nicht, die Arbeit vor Ablauf der zehn Tage zu thun. W.

ist durchgekommen und hat mir einen Wink gegeben. Am Mono-See soll ich

ihn treffen, und von dort werden wir heute abend weiter gehen. Diesmal,

sagte er, werden wir sie sicher finden.«

W. bedeutet natürlich Whiteman. Diese dreimal verfluchte Zementader!

So ging es zu. Ein alter Geizhals wie Higbie konnte dem Zauber der

Aufregung über den geheimnisvollen Zementunsinn gerade so wenig

widerstehen, als er sich des Essens hätte enthalten können, wäre er am

Verhungern gewesen.

[Illustration]

Monatelang hatte Higbie von dem wunderbaren Zement geträumt und so war

er jetzt gegen seine bessere Einsicht fortgegangen und hatte es darauf

ankommen lassen, daß ich für die Sicherheit des Besitzes einer Grube

sorge, die eine Million unentdeckter Zementadern aufwog. Man hatte die

beiden diesmal nicht verfolgt. Neun Tage lang konnten sie ungestört

in den Bergschluchten suchen, ohne daß sie die Ader gefunden hätten.

Da überfiel ihn auf einmal eine entsetzliche Angst, es möchte irgend

etwas dazwischen gekommen sein, wodurch die zur Sicherheit unseres

Besitzrechts an dem blinden Gange erforderliche Arbeit verhindert

würde, und sofort machte er sich eiligst auf den Heimweg. Er hätte

Esmeralda zu rechter Zeit erreicht, wäre ihm nicht unterwegs sein

Pferd zusammengebrochen, so daß er einen großen Teil der Strecke zu

Fuß zurücklegen mußte. So geschah es, daß wir zu gleicher Zeit von

verschiedenen Enden her in die Stadt kamen. Er war indes energischer

als ich, denn er ging schnurstracks nach dem ›Weiten Westen‹, anstatt

gleich mir vom Wege abzuschweifen, und trotzdem traf er fünf oder

zehn Minuten zu spät dort ein. Die ›Bekanntmachung‹ war bereits

angeschlagen, die ›Wiederbelegung unanfechtbar vollzogen‹ und die Menge

zerstreute sich rasch. Noch bevor er den Platz verließ, erhielt er

einige weitere Mitteilungen. Der Faktor war seit der Nacht, wo wir die

Grube belegt hatten, nirgends in der Stadt zu sehen gewesen; wie es

hieß, war er in einer Sache, bei der sich’s um Leben und Tod handelte,

telegraphisch nach Kalifornien berufen worden. Jedenfalls hatte er

keine Arbeit gethan, und die wachsamen Augen der Gemeinde hatten hievon

Notiz genommen. Um Mitternacht jenes schmerzenreichen Tages wurde

daher unsere Erzader ›belegbar‹ und bereits um elf Uhr stand der Berg

schwarz von Leuten, die bereit waren, die Wiederbelegung vorzunehmen.

Das war die Menschenmenge, die ich gesehen, als ich mir -- Dummkopf,

der ich war! -- eingebildet hatte, man habe einen neuen reichen Gang

aufgeschlossen. Als Mitternacht verkündet wurde, schlugen vierzehn

Mann, gehörig bewaffnet und bereit, ihr Verfahren zu verteidigen,

ihre Bekanntmachung an und verkündeten ihr Besitzrecht an dem blinden

Gange unter dem neuen Grubennamen Johnson. Aber der Faktor, unser

Geschäftsteilhaber, erschien nun auf einmal mit gespanntem Revolver

und erklärte, wenn sein Name nicht mit in die Liste aufgenommen werde,

würde er die Gesellschaft Johnson ›ein wenig lichten‹. Er war ein

mannhafter, kräftiger, entschlossener Bursche, von dem man wußte, daß

er hielt, was er sagte, und so kam es zu einem Vergleich. Sie schrieben

ihm hundert Fuß gut, während sie sich selbst die üblichen zweihundert

vorbehielten.

Zufolge der aufregenden Nachricht von einem neuen Erzfunde wandten

Higbie und ich am nächsten Morgen der Stadt den Rücken, froh, den

Schauplatz unserer Leiden verlassen zu können. Nach einem oder zwei

Monaten voll harter Arbeit und Enttäuschung kamen wir noch einmal nach

Esmeralda zurück. Da hörten wir, daß die Gesellschaft vom ›Weiten

Westen‹ und die Johnsonsche sich zusammengethan hatten, so daß das auf

diese Art vereinigte Vermögen fünftausend Fuß oder Kuxe betrug, und daß

der Faktor aus Furcht vor einem möglichen langwierigen Rechtsstreit und

im Hinblick auf die Schwierigkeiten eines so gewaltigen Besitzes seine

hundert Fuß für neunzigtausend Dollars in Gold verkauft und sich in den

Osten heimbegeben hatte, um des Geldes froh zu werden. Wenn die Aktien

jetzt, da die Gesellschaft fünftausend Anteile zählte, solchen Wert

hatten, so schwindelte es mir bei dem Gedanken, was sie wert gewesen

sein würden, als es nur unsere ursprünglichen sechshundert waren. Es

war derselbe Unterschied wie zwischen einem Haus, das sechshundert, und

einem solchen, das fünftausend Menschen gehört. Wir würden Millionäre

gewesen sein, hätten wir einen einzigen kurzen Tag mit Hacke und Spaten

auf unserem Eigentum gearbeitet und uns so den Besitztitel gesichert! --

* * * * *

Im Gold- und Silberland · 第 8 / 21 段