von Ansehen recht gut, und ein anderer von unseren Freunden, ein
Herr van Dorn, war nicht nur mit ihm bekannt, sondern hatte auch das
Versprechen von ihm bekommen, er solle zu rechter Zeit im stillen einen
Wink erhalten, damit er sich der nächsten Zementexpedition anschließen
könne. Diesen Wink hatte van Dorn versprochen auf uns auszudehnen.
Eines Abends nun kam Higbie sehr aufgeregt herein und sagte, er glaube
ganz sicher, daß er oben in der Stadt Whiteman erkannt habe; er sei
verkleidet und stelle sich betrunken. Nach einem Weilchen traf van
Dorn ebenfalls ein und bestätigte die Nachricht; wir versammelten
uns nun in unserer Hütte, steckten die Köpfe zusammen und berieten
flüsternd unsere Pläne.
Um kein Aufsehen zu erregen, sollten wir die Stadt nach Mitternacht
in zwei oder drei kleineren Abteilungen ruhig verlassen und uns im
Morgengrauen auf der Wasserscheide über dem Monosee, acht bis neun
Meilen weit entfernt, treffen. Der Aufbruch sollte ganz geräuschlos vor
sich gehen und unterwegs kein lautes Wort gesprochen werden. Diesmal,
meinten wir, wisse man in der Stadt nichts von Whitemans Anwesenheit
und ahne nichts von dessen Vorhaben. Um neun Uhr ging unser Konklave
auseinander, worauf wir uns eifrig und in tiefem Geheimnis an die
Vorbereitungen machten. Um elf Uhr sattelten wir unsere Pferde, banden
sie mit ihren langen Riatas oder Lassos fest und brachten dann eine
Speckseite und einen Sack Bohnen, ein Säckchen Kaffee, etwas Zucker,
hundert Pfund Mehl in Säckchen, ein paar Blechtassen, einen Kaffeetopf,
eine Bratpfanne und einige sonstige notwendige Gegenstände herbei.
Dies alles wurde dem Handpferd auf den Rücken geladen; wer aber das
Packen nicht von einem spanischen Sachverständigen gelernt hat, soll
nur alle Hoffnung aufgeben, es durch natürliches Geschick fertig zu
bekommen. Higbie besaß wohl einige Erfahrung darin, aber ein Meister
war er nicht. Nachdem er die Sachen auf dem Packsattel aufgeschichtet
hatte, schnürte er sie mit dem Strick zusammen, machte hier und da
einen Knoten und zog manchmal so fest an, daß dem Tier die Flanken
einsanken und es nach Atem schnappte; dabei wurde jedesmal der Strick
an einer anderen Stelle locker. Vollkommen brachten wir die Ladung
nicht fest, schließlich mochte es aber doch zur Not gehen; so brachen
wir denn auf, einer immer dicht hinter dem andern, ohne ein Wort zu
sprechen. Es war eine dunkle Nacht. Wir hielten uns in der Mitte der
Straße und schritten langsam an den Hüttenreihen vorüber; so oft einer
der Bergleute unter seine Thür trat, zitterte ich vor Furcht, daß das
Licht uns bescheinen und Neugier erregen könnte. Aber es ereignete
sich nichts. Wir begannen den langen gewundenen Weg aus der Schlucht
hinaufzusteigen; bald wurden die Hütten seltener und die Strecken
zwischen ihnen immer länger, so daß ich schließlich etwas freier atmete
und mir nicht mehr ganz wie ein Dieb und Mörder vorkam.
[Illustration]
Ich ritt zu hinterst und führte das Packpferd. Als der Anstieg steiler
wurde, wollte diesem seine Last nicht mehr behagen; manchmal versuchte
es an seiner Riata zu zerren, so daß eine Verzögerung entstand. In
der Finsternis verlor ich meine Gefährten aus den Augen. Ich wurde
ängstlich und schmeichelte und drohte dem Gaul so lange, bis er
zu traben anfing; allein jetzt erschreckte ihn das Klappern der
Blechtassen und Pfannen und er setzte sich in Lauf. Da seine Riata um
meinen Sattelknopf geschlungen war, riß er mich vom Sattel, worauf die
beiden Tiere munter ohne mich weiterliefen. Doch blieb ich nicht allein
-- die locker gewordene Ladung des Packpferdes purzelte herunter und
fiel dicht neben mich. Es war fast unmittelbar vor der letzten Hütte.
Ein Bergmann trat heraus mit dem Ruf: »Holla«.
Ich war dreißig Schritt von ihm weg und wußte, daß er mich nicht sehen
konnte, da es im Schatten des Berges sehr dunkel war. So blieb ich
ruhig liegen. Ein zweiter Kopf erschien im Licht unter der Hüttenthür
und bald schritten die beiden Leute auf mich zu. Zehn Schritt von mir
blieben sie stehen und der eine machte: »Bst! Horch!«
Wäre ich vor den Dienern der Gerechtigkeit geflohen und ein Preis auf
meinen Kopf gesetzt gewesen, ich hätte mich in keiner traurigeren
Lage befinden können. Jetzt schien mir, daß die Leute sich auf einen
Felsblock setzten, obwohl ich nicht genau zu unterscheiden vermochte,
was sie thaten. Der eine sagte:
»Ich habe ein Geräusch vernommen, es war ganz deutlich. Dort herum muß
es gewesen sein!«
Ein Stein sauste an meinem Kopfe vorbei. Ich drückte mich so flach in
den Staub wie eine Postmarke und dachte bei mir, wenn er das nächstemal
ein klein wenig besser ziele, könne er wohl noch ein Geräusch zu
hören bekommen. In meinem Innern verfluchte ich jetzt die heimlichen
Expeditionen. Dies sollte meine letzte sein, und hätten auch die
Sierras so viele Zementadern, wie der menschliche Körper Rippen. Nun
sagte der eine von den Männern:
»Ich will dir was sagen. Walch wußte, was er sagte, als er heute
behauptete, er hätte Whiteman gesehen. Ich habe Pferde gehört -- das
war das Geräusch. Ich laufe spornstreichs hinunter zu Walch!«
Sie gingen, und ich war froh. Wohin sie gingen, war mir einerlei,
wenn sie nur gingen. Mochten sie immerhin Walch aufsuchen; je eher,
desto besser. Sobald sie die Thür der Hütte schlossen, tauchten meine
Gefährten aus der Dunkelheit auf, sie hatten die Pferde aufgefangen und
gewartet, bis die Luft rein war. Wir legten die Ladung dem Packpferd
wieder auf und machten uns auf den Weg; mit Tagesanbruch erreichten wir
die Wasserscheide und vereinigten uns mit van Dorn. Dann wanderten wir
hinab in das Becken des Sees und hier fühlten wir uns sicher genug,
um Halt zu machen und das Frühstück zu kochen, denn wir waren müde,
schläfrig und hungrig. Drei Stunden darauf zog die ganze Bevölkerung
von Esmeralda in langem Gänsemarsch über die Wasserscheide und
verbreitete sich um den See herum, wo wir sie allmählich aus den Augen
verloren.
[Illustration]
Ob mein Unfall dies veranlaßt hatte oder nicht, haben wir nie erfahren,
eins aber war sicher -- das Geheimnis war heraus und Whiteman wollte
sich diesmal auf das Suchen nach der Zementgrube nicht einlassen, was
uns bitter verdroß.
Wir hielten Rat und beschlossen, aus unserm Mißgeschick den möglichsten
Nutzen zu ziehen und eine Woche Ferien an den Ufern des seltsamen
Sees zu verleben. Derselbe wird bald Mono, bald das ›Tote Meer von
Kalifornien‹ genannt. Er ist eine der wunderlichsten Schrullen der
Natur, aber kaum jemals schon in Büchern erwähnt und höchst selten
besucht, weil er abseits von der gewöhnlichen Heerstraße liegt und
überdies so schwer zu erreichen ist, daß meist nur Leute, die an die
stärksten Strapazen gewöhnt sind, die Beschwerlichkeit eines Ausflugs
dahin auf sich nehmen mögen.
Am Morgen des zweiten Tages zogen wir nach einer entfernten und
besonders wildromantischen Stelle am Seeufer, wo ein Bach mit frischem,
eiskaltem Wasser aus dem Berge hervorsprudelte und sich in den See
ergoß, und schlugen dort ein regelrechtes Lager auf. Von dem zehn
Meilen weiter weg wohnenden Besitzer eines einsamen Ranchos mieteten
wir ein großes Boot und zwei Schrotflinten. An Behagen und Zerstreuung
konnte es uns nun nicht fehlen und bald waren wir mit dem See und allen
seinen Eigentümlichkeiten gründlich bekannt.
Siebzehntes Kapitel.
Der Monosee liegt in einer toten, stillen, baumlosen, entsetzlichen
Wüste, achttausend Fuß über der Meeresfläche, und ist von Bergen
umschlossen, die ihn um zweitausend Fuß überragen und deren Gipfel
stets in Wolken gehüllt sind. Diese feierliche, schweigende, von keinem
Segel belebte Wasserfläche, an einem der einsamsten Orte auf Erden,
bietet nur wenige anmutige und malerische Züge. Es ist eine einförmig
graue Wasserfläche von etwa hundert Meilen Umfang, mit zwei Inseln in
der Mitte, die nichts sind als erstarrte, blasige und rissige Lava, die
mit einer Kruste von Bimsstein und einer grauen Aschenschicht bedeckt
ist -- dem Leichentuch des erloschenen Vulkans, dessen ungeheuren
Krater der See ausgefüllt hat.
[Illustration]
Dieser ist zweihundert Fuß tief, und seine trüben Wasser sind so
stark mit Alkali geschwängert, daß, wenn man das allerschmutzigste
Kleidungsstück auch nur ein- oder zweimal hineintaucht und auswringt,
man es so rein findet, als ob es durch die Hände der geschicktesten
Waschfrau gegangen wäre. Die Wascharbeit machte uns während unseres
dortigen Aufenthaltes nicht viel Mühe. Wir banden die schmutzige Wäsche
der Woche einfach hinten an unser Boot und fuhren eine Viertelmeile
weit, und die Sache war bis auf das Auswringen fertig. Wenn wir
uns von dem Wasser auf die Köpfe schütteten und ein paarmal darauf
rieben, so gab es drei Zoll hohen weißen Schaum. An wunden Stellen
oder bei aufgesprungener Haut erzeugt das Wasser begreiflicherweise
unerträgliche Schmerzen.
Im Monosee giebt es weder Fische noch Frösche, noch Schlangen noch
Quappen, kurz nichts, was sonst einen See belebt. Auf der Oberfläche
schwimmen Millionen wilder Enten und Seemöven, dagegen existiert unter
derselben kein lebendes Wesen, ausgenommen ein weißer, haariger,
halbzolllanger Wurm, der einem Stückchen ausgefransten Faden gleicht.
In einer Gallone Wasser mögen fünfzehntausend solcher Würmer enthalten
sein. Von ihnen erhält das Wasser die erwähnte grauweiße Farbe. Dann
giebt es dort eine Fliege, ziemlich ähnlich unserer Hausfliege, die
sich ans Ufer setzt, um die Würmer zu fressen, die an den Strand
gespült werden. Man kann jeder Zeit um den See herum einen zolltiefen,
sechs Fuß breiten Gürtel von Fliegen sehen -- also einen Gürtel von
Fliegen, der hundert Meilen lang ist. Wirft man einen Stein unter sie,
so schwärmen sie auf, wie eine dichte Wolke. Man kann sie so lange
unter Wasser halten, wie man will, sie machen sich nichts daraus, und
bilden sich sogar, wie es scheint, noch etwas darauf ein. Läßt man sie
los, so schnellen sie an die Oberfläche, sind trocken wie ein Bericht
aus dem Patentamt und wandeln so unbekümmert von dannen, als wären sie
eigens zu dem Zwecke dressiert, der Menschheit auf ihre Weise eine
belehrende Unterhaltung zu gewähren. Die Vorsehung läßt nichts planlos
geschehen. Ein jedes Ding hat seinen Nutzen, seine bestimmte Rolle und
seinen gehörigen Platz im Haushalt der Natur: die Enten fressen die
Fliegen, die Fliegen die Würmer, die Indianer alle drei, die Wildkatzen
fressen die Indianer, die weißen Leute fressen die Wildkatzen -- und so
ist alles zur Zufriedenheit geordnet.
Der Monosee liegt in gerader Linie hundert Meilen vom Meere, von
welchem ihn zwei oder drei Bergketten trennen, und doch kommen jedes
Jahr Tausende von Seemöven dahin, um ihre Eier zu legen und ihre Jungen
aufzuziehen. Man könnte ebensogut Seemöven in Kansas erwarten; und
in diesem Zusammenhang wollen wir einen andern Zug der Weisheit der
Natur betrachten. Da die Inseln im See nur aus mit Asche und Bimsstein
bedeckten Lavamassen bestehen und weder einen Baum noch sonst etwas
Brennbares hervorbringen, und da Möveneier keiner Seele das mindeste
nützen, wenn sie nicht gekocht sind, so hat die Natur auf der größeren
Insel für eine nieversiegende Quelle siedenden Wassers gesorgt, in der
man seine Eier binnen vier Minuten so hart kochen kann wie das härteste
Wort, das ich in den ganzen letzten fünfzehn Jahren habe fallen lassen.
Keine zehn Fuß weit von der kochenden Quelle befindet sich eine solche
von reinem kaltem Wasser, das angenehm und gesund ist. So bekommt man
auf dieser Insel Kost und Wäsche frei, und wenn die Natur noch weiter
gegangen wäre und einen echten amerikanischen Hotelkellner geliefert
hätte, der grob und ungefällig ist und stolz darauf, weder über die
Abgangszeit und die Route der Eisenbahnzüge noch über sonst irgend
etwas Auskunft geben zu können -- ich würde mir kein angenehmeres
Kosthaus wünschen. Ein halbes Dutzend kleiner Bergwasser fließen in den
Monosee, nicht ein einziger Bach dagegen verläßt denselben, trotzdem
nimmt er anscheinend weder zu noch ab, und was er mit seinem Ueberfluß
an Wasser thut, bleibt ein dunkles Geheimnis.
In der Nachbarschaft des Monosees giebt es bloß zwei Jahreszeiten,
nämlich den Abzug des einen Winters und die Ankunft des nächsten. Mehr
als einmal habe ich in Esmeralda nach glühender Hitze -- um acht Uhr
morgens zeigte das Thermometer neunzig Grad -- vierzehn Zoll hohen
Schnee fallen sehen, so daß dasselbe Thermometer bis neun Uhr abends
auf vierundvierzig Grad an geschützten Orten fiel. Unter günstigen
Umständen schneit es in der kleinen Stadt Mono wenigstens einmal in
jedem Monat des Jahres. So unbeständig ist daselbst die Witterung,
daß eine Dame es kaum wagen kann, einen Ausgang zu machen, ohne ihren
Fächer in der einen, ihre Schneeschuhe in der andern Hand mitzunehmen.
Und wenn die Einwohner zur Feier des Nationalfestes am vierten Juli
einen Umzug veranstalten, so schneit es ihnen gewöhnlich auf die Köpfe.
Achtzehntes Kapitel.
Etwa um sieben Uhr an einem sengend heißen Morgen -- es war jetzt
Hochsommer -- nahmen Higbie und ich das Boot und brachen zu einer
Entdeckungsreise nach den beiden Inseln auf. Schon oft hatten wir uns
danach gesehnt, uns jedoch durch die Furcht vor Stürmen abschrecken
lassen; denn diese waren häufig und stark genug, um ein gewöhnliches
Ruderboot wie das unsrige ohne große Schwierigkeit umzustürzen,
und, einmal umgeworfen, war selbst der tüchtigste Schwimmer dem Tod
verfallen; denn das giftige Wasser hätte ihm wie Feuer die Augen
ausgefressen und das Innere verbrannt, wenn die Flut über ihn ging.
Man sagte, es sei in gerader Linie bis zu den Inseln zwölf Meilen weit
-- eine lange und heiße Ruderfahrt, aber der Morgen war so ruhig und
sonnig und der See so glatt, so glashell und totenstill, daß wir der
Versuchung nicht zu widerstehen vermochten.
So füllten wir denn zwei große Feldflaschen mit Wasser (wo die
angeblich auf der großen Insel befindliche Quelle liege, wußten wir
nicht) und brachen auf. Unter Higbies kräftiger Hand schoß das Boot
rasch vorwärts; trotzdem hatten wir am Ziele das Gefühl, als hätten wir
eher fünfzehn als zwölf Meilen weit gerudert.
Wir legten an der großen Insel an und stiegen ans Land. Als wir
das Wasser in unseren Flaschen versuchten, war es durch die Sonne
ungenießbar geworden. Wir gossen es aus und suchten nach der Quelle;
denn der Durst nimmt rasch zu, sobald man nichts hat, um ihn zu
löschen. Die Insel war ein langer, mäßig hoher Aschenhügel, nichts
als Bimsstein und graue Asche, in die wir bei jedem Schritte knietief
einsanken, und über den ganzen Kamm des Hügels zog sich eine dräuende
Wand von versengten und verbrannten Felsen hin. Als wir von oben
über diese Mauer hinabstiegen, fanden wir nichts als ein seichtes,
ausgedehntes Becken, das mit Asche wie mit einem Teppich bedeckt
war, aus welchem hie und da ein Fleckchen feinen, weißen Sandes
hervorschaute. An einzelnen Stellen quollen malerische Dampfstrahlen
aus Ritzen hervor, zum Beweise, daß, obwohl dieser alte Krater sich
zur Ruhe gesetzt hatte, ihm doch das Feuer im Ofen noch nicht ganz
ausgegangen war. Dicht bei einem dieser Dampfstrahlen stand der
einzige Baum der Insel, eine kleine Fichte von zierlicher Gestalt
und untadeligem Ebenmaß, die im saftigsten Grün erglänzte, denn der
unaufhörlich durch ihre Zweige strömende Dampf hielt sie stets feucht.
Sie stach so seltsam von ihrer toten, unheimlichen Umgebung ab, diese
kräftige, schöne Verbannte, wie ein heiterer Geist in einem Trauerhause.
[Illustration]
Wir suchten allenthalben nach der Quelle, wir durchschritten die ganze
Länge der Insel (zwei bis drei Meilen) und gingen zweimal quer über
dieselbe, geduldig Aschenhügel erklimmend, von denen wir auf der andern
Seite sitzend wieder hinabrutschten, wobei erstickende Wolken grauen
Staubes aufgerührt wurden. Allein wir fanden nichts als Einsamkeit,
Asche und beängstigendes Schweigen. Zuletzt bemerkten wir, daß sich
ein Wind erhoben hatte, und nun vergaßen wir unsern Durst über einer
Sorge von größerer Wichtigkeit, -- da der See ruhig gewesen war, hatten
wir uns keine Mühe gegeben, das Boot festzumachen. Wir eilten zu einem
Punkte zurück, von dem aus man unseren Landungsplatz überschaute und
siehe da -- keine Worte vermögen unsern Schreck zu schildern: das Boot
war weg. Ein zweites Boot gab es auf dem ganzen See nicht. Unsere Lage
war keine behagliche, sie war vielmehr geradezu entsetzlich. Wir waren
Gefangene auf einem öden Eilande, obendrein ganz nahe bei Freunden, die
zur Zeit völlig außer stande waren, uns zu helfen. Die Vorstellung,
daß wir weder Nahrung noch Wasser hatten, machte die Sache noch
unbehaglicher. Aber bald erblickten wir das Boot. Etwa fünfzig Schritt
vom Ufer trieb es langsam dahin, geschaukelt von schaumgekrönten
Wellen. Es trieb und trieb immer weiter, aber stets in der gleichen
Entfernung vom Lande. Wir hielten am Ufer immer Schritt mit ihm und
warteten auf einen günstigen Zufall. Nach Verlauf einer Stunde näherte
sich das Boot einem kleinen Vorgebirge; Higbie lief dorthin und stellte
sich am äußersten Rande sprungbereit auf. Wenn es mißlang, war alle
Hoffnung für uns dahin. Das Boot trieb jetzt stetig dem Strande zu,
aber die Frage war, ob es auch nahe genug herantreiben würde, um es von
jenem Punkte aus erreichen zu können. Als es Higbie bis auf dreißig
Schritte nahe kam, glaubte ich vor Aufregung meinen eigenen Herzschlag
zu hören. Während das Boot dann langsam heranschwamm und nur noch ein
paar Schritte außer unserem Bereiche war, meinte ich, das Herz stehe
mir still; wie es dann aber gar an ihm vorbeikam und davonzuschwimmen
begann, und er selbst immer noch wie eine Bildsäule dastand, fühlte ich
wirklich, daß mein Herz nicht mehr schlug. Aber im nächsten Augenblick
that er einen großen Sprung, der ihn in das Hinterteil des Bootes
brachte, und ich stieß ein Freudengeschrei aus, daß die Einöde weithin
wiederhallte.
Es dämpfte meine Begeisterung freilich bedeutend, als er mir sagte,
daß es ihm ganz gleichgültig gewesen wäre, ob das Boot auf Sprungweite
herankam oder nicht; er würde einfach mit geschlossenem Mund und Augen
die kurze Strecke durchschwommen haben. In meiner Dummheit hatte ich
gar nicht daran gedacht, daß nur bei _langem_ Schwimmen ernstliche
Gefahr drohte.
Der See ging hoch und der Sturm nahm zu. Auch wurde es spät -- drei
oder vier Uhr nachmittags. Ob wir uns nach dem Festlande hin wagen
sollten, war eine Frage von Wichtigkeit. Allein der Durst setzte
uns dermaßen zu, daß wir uns zu dem Versuche entschlossen; und so
machte sich Higbie ans Rudern, während ich das Steuer ergriff. Als
wir mühsam eine Meile weit vorwärts gekommen waren, befanden wir uns
augenscheinlich in Gefahr; denn der Sturm war viel heftiger geworden,
die Wogen hatten Schaumkämme und gingen sehr hoch, der Himmel hing
voll schwarzer Wolken, der Wind blies mit großer Wut. Wir wären
jetzt umgekehrt, allein wir wagten das Boot nicht zu drehen, denn
sobald es in die Tiefe zwischen zwei Wogen geriet, wäre es natürlich
umgeschlagen. Unser einziges Heil lag darin, daß wir mit dem Bug
gegen die Wellen steuerten. Bei dem fortwährenden Heben und Senken
des Bootes war dies ein schweres Stück Arbeit. Wenn zuweilen eines
der Ruder von einer Welle erfaßt wurde, und zur Seite geschlagen, so
wurde das Boot durch das andere Ruder trotz meines mühsamen Steuerns
halb herumgeworfen. Der Gischt durchnäßte uns fortwährend und das Boot
schöpfte manchmal Wasser. Wie stark Higbie auch war, so erschöpfte
ihn doch allmählich die Anstrengung und er hätte gern den Platz mit
mir gewechselt, um ein wenig ausruhen zu können. Allein ich erklärte
ihm, daß dies unmöglich sei, denn wurde das Steuer beim Wechseln der
Plätze auch nur einen Augenblick los gelassen, so drehte sich das Boot
im Kreise, geriet zwischen die Wellen, schlug um, und ehe fünf Minuten
vergangen waren, hatten wir hundert Gallonen Lauge im Leibe, die uns so
geschwind zerfressen hätte, daß wir nicht einmal bei unserer eigenen
Leichenschau hätten zugegen sein können.
Doch alles nimmt schließlich ein Ende. Gerade mit Einbruch der Nacht
schossen wir, den Bug voran, ans Land. Higbie ließ sein Ruder fallen,
um Hurra zu schreien und ich ließ das meine fallen, um ihm dabei zu
helfen; da gab der Sturm dem Boot einen Ruck und -- pardauz -- schlug
es um!
Der Höllenschmerz, den das Alkaliwasser an Beulen, Abschürfungen und
aufgerissenen Händen verursachte, war unaussprechlich und nur durch
vollständiges Einsalben mit Fett zu lindern; aber trotzdem schmeckte
uns Essen, Trinken und Schlaf ganz vortrefflich.
Unter den Eigentümlichkeiten des Monosees hätte ich erwähnen sollen,
daß in gewissen Zeiträumen am Rande desselben malerische, turmartige
Massen und Gruppen von einem weißlichen, grobkörnigen Gestein stehen,
das wie hartgetrockneter Mörtel aussieht. Bricht man ein Stück davon
ab, so findet man im Innern der Masse vollkommen wohlgebildete, durch
und durch versteinerte Seemöveneier eingelagert. Wie diese wohl dahin
kommen? Ich erzähle einfach die Thatsache und überlasse es dem in der
Geologie bewanderten Leser, die Nuß nach Belieben zu knacken und das
Rätsel zu lösen, wie er will.
Nach einem mehrtägigen Ausflug in die Sierras, wo wir in einem kleinen
See am Fuße des schneebedeckten Castle Peak fleißig Forellen angelten,
kehrten wir zum Monosee zurück; da wir hier fanden, daß die Aufregung
wegen Whitemans Zementgrube für diesmal vorüber war, packten wir auf
und kehrten nach Esmeralda zurück. Herr Ballou rekognoszierte eine
Weile; dann machte er sich, da ihm die Aussichten nicht gefielen,
allein nach Humboldt auf.
[Illustration]
In diese Zeit fällt ein kleines Ereignis, das stets ein gewisses
Interesse für mich gehabt hat, weil es um ein Haar Anlaß zu meinem
Begräbnis gegeben hätte. Zur Zeit eines drohenden Indianerangriffs
hatte einer unserer Nachbarn sechs Dosen mit Flintenpulver in der
Bratröhre eines alten, abgedankten Kochofens verborgen, der unter
freiem Himmel in der Nähe eines Bretterschuppens stand; dies war
später aber vollständig vergessen worden. Nun hatten wir uns, um die
Wäsche zu besorgen, einen halbzahmen Indianer gemietet, der mit dem
Waschzuber sein Quartier unter dem Schuppen aufschlug, während der alte
Ofen auf sechs Fuß Entfernung von seiner Nase der Ruhe pflegte. Der
Indianer kam schließlich auf den Gedanken, heißes Wasser würde besser
sein als kaltes; er ging hinaus, machte Feuer unter dem vergessenen
Pulvermagazin, stellte einen Kessel mit Wasser auf und kehrte an
seinen Zuber zurück. Bald nachher trat ich in den Schuppen, warf noch
mehr Wäsche hin und wollte eben etwas sagen, als der Ofen mit einem
gewaltigen Krach aufflog und spurlos verschwand. Volle zweihundert
Schritt davon fielen Bruchstücke desselben in den Straßen nieder.
Fast ein Drittel des Schuppendachs über unseren Köpfen war zerstört;
einer der Ofendeckel schnitt einen kleinen Pfosten vor den Augen des
Indianers halb entzwei, sauste zwischen uns durch und schlug ein Loch
in die Bretterverschalung. Ich war weiß wie eine Kalkwand, schwach
wie ein Kind und keines Lautes mächtig. Der Indianer dagegen verriet
weder Angst noch Schreck, nicht einmal Unbehagen. Er hörte einfach
mit Waschen auf, beugte sich vor, um den reingefegten Boden einen
Augenblick zu betrachten, und sagte dann: »Hm! verdammter Ofen -- sehr
viel weg!« -- worauf er sein Geschäft so gelassen wieder aufnahm, als
wäre das Auffliegen bei Oefen etwas ganz Gewöhnliches.
Neunzehntes Kapitel.