herumtreibt und von dem Rancho nicht fort will -- sagt, er gehöre ihm
und er behalte ihn -- es gefalle ihm besser da unten, als oben am Berg.
Zum Tollwerden! Na, ich war die beiden letzten Tage her so verdreht,
daß ich nicht einmal den Weg in die Stadt finden konnte. Bin nach
dem Umherlaufen in Feld und Wald ganz erschöpft; -- einen Tropfen zu
trinken, General? Aber jetzt bin ich hier und jetzt wird prozessiert.
Sie haben’s gehört.«
Die Empörung des Generals kannte keine Grenzen. In seinem ganzen
Leben, meinte er, sei ihm noch kein so anmaßender Mensch vorgekommen,
wie dieser Morgan. Ein Prozeß, fuhr er fort, sei eigentlich ganz
überflüssig; Morgan hätte keinen Schein von Recht, auf seinem jetzigen
Platze zu bleiben -- kein Mensch auf der ganzen Welt würde ihm das
zugestehen, kein Sachwalter seine Sache führen, kein Richter ihn
anhören. Hyde erwiderte, da sei er im Irrtum -- die ganze Stadt gebe
Morgan recht, Hal Brayton, ein sehr tüchtiger Anwalt, hätte seine
Sache übernommen, und da Gerichtsferien wären, so sollte sie vor einem
Schiedsmann verhandelt werden. Der frühere Gouverneur Roop wäre bereits
zu diesem Amt ernannt worden und würde heute um zwei Uhr nachmittags
in einem großen, öffentlichen Saal nahe beim Hotel die Verhandlungen
eröffnen.
Der General war außer sich vor Staunen. Er hätte, sagte er, stets
geglaubt, die Menschen in diesem Territorium müßten verrückt sein;
jetzt wisse er es ganz gewiß. »Aber,« fuhr er fort, »nur ruhig Blut und
Zeugen gesammelt; denn der Sieg ist uns so sicher, als wäre das Urteil
bereits gesprochen.« Hyde trocknete seine Thränen und zog ab.
Um zwei Uhr wurde das Schiedsgericht eröffnet und Roop thronte mit so
ehrfurchtgebietender Feierlichkeit unter seinen Sheriffs, den Zeugen
und den Zuschauern, daß einige seiner Mitwisser schier Angst hatten,
er habe am Ende nicht begriffen, daß es sich nur um einen Scherz
handle. Eine unheimliche Stille herrschte, denn beim leisesten Geräusch
sprach der Richter den ernsten Befehl aus: »Ruhe vor Gericht,« was die
Sheriffs sofort wie ein Echo wiederholten. Kurz darauf drängte sich
der General, beide Arme voll Gesetzbücher, durch die Menge und an sein
Ohr schlug der Befehl des Richters: »Platz für den Herrn Anwalt der
Vereinigten Staaten,« die erste achtungsvolle Anerkennung seiner hohen
offiziellen Würde, die ihm bislang zu teil geworden war, und bei der es
ihm behaglich durch alle Glieder prickelte.
Die Zeugen wurden aufgerufen; Gesetzgeber, hohe Regierungsbeamte,
Bauern, Bergleute, Chinesen, Neger. Dreiviertel derselben waren von
dem Beklagten Morgan aufgerufen, aber umsonst; ihr Zeugnis lautete
ausnahmslos zu Gunsten des Klägers Hyde. Jeder neue Zeuge brachte nur
neue Beweise dafür bei, wie abgeschmackt es sei, jemandes Eigentum
deshalb zu beanspruchen, weil die eigene Farm darauf gerutscht sei.
Dann hielten Morgans Advokaten ihre Reden, die erbärmlich matt
ausfielen, sie thaten in Wirklichkeit nichts für den Sieg ihres
Schutzbefohlenen. Jetzt erhob sich mit triumphierender Miene der
General und nahm einen leidenschaftlichen Anlauf. Er schlug mit der
Faust auf den Tisch, klopfte auf die Gesetzbücher, schrie, brüllte und
heulte, zitierte alle Sprachen und Schriftsteller, Poesie, Sarkasmen,
Statistik, Geschichte, Pathetisches, Volkstümliches, Lächerliches, und
schloß mit einem großen Schlachtruf für Redefreiheit, Preßfreiheit,
Unterrichtsfreiheit, den ruhmreichen amerikanischen Adler und die
Grundsätze ewiger Gerechtigkeit. (Beifall.)
Als der General sich niederließ, war er im Innersten überzeugt, daß
wenn auf günstige Zeugenaussagen, eine großartige Rede und auf die
gläubigen und bewundernden Gesichter ringsum das mindeste zu geben
sei, Morgan verloren sein müsse. Exgouverneur Roop stützte sein Haupt
einige Augenblicke sinnend in die Hand, während die Menge auf seine
Entscheidung wartete, dann erhob er sich und dachte gebeugten Hauptes
abermals nach. Darauf ging er mit langen Schritten hin und her, das
Kinn in der Hand, während die Menge immer noch harrte. Endlich kehrte
er auf seinen Thron zurück, setzte sich und begann in gewichtigem Tone:
»Meine Herren, ich fühle die große Verantwortlichkeit, die heute
auf mir ruht. Dies ist kein gewöhnlicher Fall. Im Gegenteil, es ist
der großartigste und bedeutsamste, den je ein Mensch zu entscheiden
berufen wurde. Meine Herren, ich habe aufmerksam die Zeugenaussagen
angehört und bemerkt, daß ihr Gewicht, ihr überwältigendes Gewicht
zu Gunsten des Klägers Hyde spricht. Ich habe ferner mit hohem
Interesse den Bemerkungen der Sachwalter zugehört, namentlich die
meisterhafte und unwiderlegbare Logik des hochverehrlichen Anwalts,
welcher den Kläger vertritt. Aber, meine Herren, lassen wir uns in
einem so feierlichen Augenblick nicht von bloß menschlichem Zeugnis,
menschlichem Scharfsinn und menschlichen Begriffen von Gerechtigkeit
beeinflussen. Meine Herren, es steht uns Erdenwürmern sehr übel an,
uns in die Beschlüsse des Himmels einzumischen. Für mich liegt es klar
auf der Hand, daß der Himmel in seiner unerforschlichen Weisheit den
Rancho des Angeklagten nicht ohne Grund von der Stelle gerückt hat. Wir
sind nur Geschöpfe Gottes und müssen uns seinem Willen fügen. Wenn es
dem Himmel beliebt hat, den Beklagten Morgan auf so merkwürdige und
wunderbare Weise zu begünstigen, wenn der Himmel, unzufrieden mit der
Lage von Morgans Rancho an der Bergflanke, denselben nach einer für
seinen Besitzer bequemeren und vorteilhafteren Gegend befördern wollte,
so steht es uns armen Eintagsfliegen nicht zu, die Gesetzmäßigkeit des
Verfahrens in Frage zu ziehen oder nach der Ursache zu forschen, die
dabei maßgebend war. Nein, der Himmel hat die Ranchos geschaffen, und
es ist das Vorrecht des Himmels, sie anders zu ordnen, mit ihnen zu
experimentieren, sie nach Belieben dahin oder dorthin zu schieben. Wir
haben uns ohne Murren zu unterwerfen. Ich sage es euch zur Warnung,
daß die unheiligen Hände, Köpfe und Zungen der Menschen sich mit
diesem Ereignis nicht befassen dürfen. Meine Herren, der Wahrspruch
des Gerichtshofs lautet, daß der Kläger Richard Hyde seines Ranchos
durch die Heimsuchung Gottes verlustig gegangen ist! Und von dieser
Entscheidung giebt es keine Berufung.«
Buncombe packte seine Ladung Bücher zusammen und stürzte damit aus
dem Gerichtssaal, ganz außer sich vor Entrüstung. Er hieß Roop laut
einen Narren, einen schwärmerischen Troddel. In seinem Eifer suchte
er ihn bei Nacht nochmals auf, machte ihm Vorstellungen wegen seines
ungereimten Wahrspruchs und bat ihn inständig, doch einmal eine halbe
Stunde in der Stube auf und ab zu gehen und nachzudenken, ob sich der
Spruch denn nicht irgendwie abändern lasse. Schließlich gab Roop nach
und stand auf. Dritthalb Stunden lief er im Zimmer hin und her, bis
er plötzlich mit strahlendem Gesicht ausrief, jetzt sei es ihm klar
geworden, daß der Rancho unter dem Rancho Morgans noch immer Hyde
gehöre und daß dieser noch gerade soviel Anrecht auf denselben habe wie
vorher; deshalb sei er der Meinung, daß Hyde berechtigt sei, sich ihn
darunter herauszugraben und --
Der General wartete nicht bis er ausgeredet hatte, er war stets
ungeduldigen und jähzornigen Temperaments gewesen. -- Es dauerte zwei
Monate, bis die Thatsache, daß man nur Spaß mit ihm getrieben, sich
durch den harten Diamantfels seines Begriffsvermögens hindurch gebohrt
hatte.
Vierzehntes Kapitel.
Als wir endlich nach Esmeralda abritten, bekam unsere Gesellschaft
einen Zuwachs in der Person des Kapitäns John Nye, eines Bruders des
Gouverneurs. Er hatte ein gutes Gedächtnis und die Zunge saß ihm am
rechten Fleck; das sind Eigenschaften, welche der Unterhaltung ein
ewiges Leben verleihen. Während der ganzen hundertzwanzig Meilen
unserer Reise ließ der Kapitän das Gespräch nie matt werden oder
stocken. Außer seiner Unterhaltungsgabe besaß er noch zwei ganz
besondere Vorzüge. Der eine bestand in seiner außerordentlichen
Anstelligkeit, die ihm zu allem und jedem Geschick verlieh, vom
Abstecken einer Eisenbahn oder der Organisierung einer politischen
Partei bis herab zum Annähen eines Knopfes, zum Beschlagen eines
Pferdes, zum Einrichten eines gebrochenen Beins oder zum Setzen
einer Henne. Der andere bestand in der Fähigkeit, sich jederzeit
der Bedürfnisse, Verlegenheiten und Schwierigkeiten seiner
Mitmenschen anzunehmen und mit bewunderungswürdiger Leichtigkeit und
Geschwindigkeit Abhilfe zu schaffen, weshalb er stets leerstehende
Betten in überfüllten Gasthäusern und eine Fülle von Vorräten in den
leersten Speisekammern fand. Und endlich, wo er Mann, Weib oder Kind
in einem Lager, einer Schenke oder mitten in der Wüste begegnete,
immer kannte er entweder die Leute persönlich oder er war mit einem
Verwandten derselben bekannt gewesen. Ein solcher Reisegefährte war
uns bis dahin noch nicht vorgekommen.
Ich kann nicht unterlassen, hier eine Probe von der Art mitzuteilen,
wie er Schwierigkeiten beseitigte. Am zweiten Reisetag langten wir
sehr müde und hungrig vor einem kleinen ärmlichen Wirtshaus in der
Wüste an, wo man uns sagte, das Haus sei voll, Lebensmittel seien
nicht vorhanden, kein Heu oder Gerste für die Pferde da -- wir
müßten weiter gehen. Wir andern wollten eilig weiter, solange es
noch hell war, da der Kapitän aber darauf bestand eine Weile Halt zu
machen, stiegen wir ab und traten ein. Kein einziges Gesicht bot uns
Willkommen. Der Kapitän ließ seine Zauberkünste spielen und hatte
binnen zwanzig Minuten folgendes zustande gebracht: in drei Fuhrleuten
alte Bekannte gefunden, entdeckt, daß er mit der Mutter des Wirts
in die Schule gegangen, in dessen Frau eine Dame wieder erkannt,
deren durchgegangenes Pferd er einst in Kalifornien aufgehalten und
ihr dadurch das Leben gerettet hatte, einem Kinde sein zerbrochenes
Spielzeug ausgebessert und damit die Gunst von dessen Mutter gewonnen,
dem Hausknecht beim Aderlaß eines Pferdes geholfen, und einem andern
Pferde, welches das Würgen hatte, etwas verschrieben, die ganze
Gesellschaft dreimal am Schenktisch des Wirtes frei gehalten, eine
neuere Zeitungsnummer, als irgend jemand sie seit einer Woche zu
Gesicht bekommen hatte, zum Vorschein gebracht, sich hingesetzt und
sie den höchst gespannten Zuhörern vorgelesen. Das Ergebnis aber war
in Summa folgendes: Der Hausknecht fand Futter in Fülle für unsere
Pferde, wir bekamen ein Abendessen von Forellen mit nachfolgender
überaus gemütlicher Unterhaltung, wir erhielten gute Betten, fanden
des andern Morgens ein überraschend feines Frühstück und bei unserm
Abgang jammerte alle Welt, daß wir schon fort wollten. Der Kapitän
hatte einige schlimme Eigenschaften, allein er besaß auch ungemein
schätzenswerte Züge, die er dagegen in die Wagschale werfen konnte.
Esmeralda war in vielen Beziehungen ein zweites Humboldt, jedoch
bereits etwas weiter entwickelt. Die Bergwerksanteile, für die wir
Zuschüsse bezahlt hatten, waren völlig wertlos, wir gaben sie auf. Der
bedeutendste lag auf einem Hügel von vierzehn Fuß Höhe, in den die
schlauen Direktoren einen Stollen trieben, um auf die silberhaltige
Ader zu kommen. Derselbe würde siebzig Fuß lang geworden sein, um dann
die Ader in einer Tiefe zu treffen, die man mit einem zwölf Fuß tiefen
Schacht erreicht hätte. Die Herren Direktoren lebten von den ›Zubußen‹.
Sie spürten durchaus kein Verlangen, jene Ader zu finden; denn sie
wußten wohl, daß sie so wenig Silber enthielt wie eine Trottoirplatte.
Wir belegten verschiedene Parzellen, auf denen wir Schachte und Stollen
in Angriff nahmen, ohne aber je einen solchen fertig zu machen. Auf
jeder derselben mußten wir eine gewisse Arbeit geleistet haben, um als
Inhaber zu gelten, widrigenfalls jeder andere nach Ablauf von zehn
Tagen unser Eigentum in Besitz nehmen konnte. Stets jagten wir neuen
Parzellen nach, auf denen wir etwas Weniges arbeiteten, um dann auf
einen Käufer zu warten, der sich aber niemals einstellte. Nie fanden
wir Erz, das mehr als fünfzig Dollars die Tonne gegeben hätte, und
da die Pochwerke für die Verarbeitung des Erzes und Ausscheidung des
Silbers genau ebensoviel verlangten, schmolz uns das Geld aus der
Tasche fortwährend weg, ohne daß anderes dafür kam. Wir bewohnten
eine kleine Hütte, in der wir eigene Küche führten, und hatten im
ganzen ein saures, wenn auch hoffnungsvolles Leben, -- denn wir hörten
keinen Augenblick auf, ein Vermögen für uns und einen plötzlich sich
einstellenden Käufer für unsern Besitz zu erwarten.
Zuletzt, als das Pfund Mehl auf einen Dollar stieg und Geld auf die
beste Sicherheit hin nicht unter acht Prozent monatlich zu haben war
(mir fehlte es überdies an der Sicherheit), ließ ich den Bergbau fahren
und widmete mich dem Pochwerkbetrieb, d. h. ich wurde gewöhnlicher
Taglöhner in einem Quarzpochwerk für zehn Dollars die Woche außer der
Kost.
Fünfzehntes Kapitel.
Ich hatte bereits erfahren, was für eine langwierige, harte und
traurige Aufgabe es ist, das ersehnte Erz aus den Eingeweiden der Erde
herauszuscharren, nun wurde ich inne, daß das Herausscharren erst
die halbe Arbeit war, und daß die andere trübselige und mühselige
Hälfte darin bestand, das Silber aus dem Erz herauszuziehen. Von sechs
Uhr des Morgens bis zum Dunkelwerden dauerte die Arbeit. Gestein
losschlagen und in die ›Batterie‹ schaufeln, in der es durch sechs von
Dampf getriebene gewaltige Stampfen zerrieben und durch zuströmendes
Wasser in einen festen Brei verwandelt wurde; Quecksilber, Steinsalz
und andere Chemikalien je nach Bedürfnis in die ›Amalgamierpfannen‹
schütten, wo das erstere sich mit den Gold- und Silberteilen verbinden
mußte; die Rinnen und die groben Decken reinigen, durch welche
das Wasser aus der Pfanne abfloß, damit die winzigen Teilchen der
Edelmetalle nicht verloren würden, die sich darin ablagerten -- so ging
die Plackerei ununterbrochen fort, und bei alledem fand ein Drittel
des in einer Tonne Gestein enthaltenen Edelmetalls seinen Weg bis ans
Ende der Rinnen in der Schlucht, so daß es später nochmals verarbeitet
werden mußte. Gab es sonst nichts zu thun, so konnte man immer Sand
durchwerfen, d. h. man konnte den getrockneten Sand, der durch die
Rinnen in die Schlucht gespült worden war, zusammenschaufeln und
gegen einen aufrechtstehenden Drahtschirm werfen, um ihn von Kieseln
zu befreien und ihn so zu nochmaliger Verarbeitung vorzubereiten.
Ohne dieses Sanddurchwerfen ging es in keinem Pochwerk ab, trotz der
Verschiedenheit der angewandten Methoden. Von allen Erholungen der
Welt ist aber dies Sanddurchwerfen an einem heißen Tage und mit einer
langstieligen Schaufel am wenigsten begehrenswert.
Zum Schluß der Woche wurde die Maschine angehalten und wir wuschen auf,
d. h. wir holten den Brei aus den Pfannen und Batterien und spülten
den Schmutz geduldig hinweg, bis nur noch die angesammelte Masse
von Quecksilber samt den darin eingeschlossenen Schätzen übrig war,
welche wir in Form fester Schneeballen zum Zweck der Besichtigung zu
glänzenden prächtigen Haufen aufschichteten. Dabei kostete mich meine
Unerfahrenheit einen schönen goldenen Ring, in den das Quecksilber
eindrang wie Wasser in einen Schwamm, so daß er völlig zerstört wurde.
In einer eisernen Retorte wurde durch Verdampfung das Quecksilber aus
diesen Kugeln entfernt, der Dampf aber in einen Eimer geleitet, wo bei
der Abkühlung das sehr kostspielige Quecksilber wieder seine natürliche
Form erhielt. In der Retorte lag dann das Ergebnis unserer Wochenarbeit
vor uns, ein Klumpen, zweimal so groß wie ein Mannskopf, von reinem,
weißem Silber, das wie Rauhfrost aussah. Der Klumpen wurde schließlich
eingeschmolzen und in eine Barrenform gegossen.
Von jedem Barren wurde ein Eckchen abgeschnitten für die ›Feuerprobe‹
-- ein ganz interessantes Verfahren. Dieses Eckchen wird so dünn
wie Papier ausgehämmert und auf einer Wage von solcher Feinheit und
Empfindlichkeit gewogen, daß, wenn man auf ein Stückchen Papier von
bestimmtem Gewicht mit einem groben, weichen Bleistift seinen Namen
schreibt und es dann abermals wägt, die Wage deutlich ein höheres
Gewicht anzeigt. Dann wird ein wenig Blei gleichfalls gewogen, mit der
Silberflocke zusammengerollt, und die beiden bei großer Hitze in der
sogenannten ›Kapelle‹ geschmolzen, einem kleinen Gefäße aus gepreßter
Knochenasche in Gestalt einer Obertasse. Die unedlen Metalle oxydieren
und werden samt dem Blei von der Kapelle aufgesogen. Ein Kügelchen, aus
vollkommen reinem Gold und Silber bestehend, bleibt zurück, und wenn
der Wardein dieses wägt und den Abgang notiert, erkennt er, wieviel
unedles Metall der Barren enthält. Jetzt hat er das Gold von dem
Silber zu scheiden. Dazu wird das Kügelchen flach und dünn gehämmert
und einige Zeit in einem Ofen mit Rotglühhitze behandelt. Nach der
Abkühlung rollt man es wie einen Federkiel zusammen und erhitzt es in
einem Glasgefäß mit Salpetersäure, welche das Silber auflöst, so daß
das Gold rein zurückbleibt und für sich gewogen werden kann. Durch
Zugießen von Salzwasser erhält das Silber wieder seine feste Form,
worauf nichts mehr zu thun übrig bleibt, als dieses zu wiegen; dann
kennt man das Verhältnis der verschiedenen in dem Barren enthaltenen
Metalle, den der Wardein nun mit einem Stempel versieht, der seinen
Wert bezeichnet.
Das Geschäft eines Wardeins war sehr einträglich, und deshalb befaßten
sich auch gelegentlich Leute damit, denen es an der wissenschaftlichen
Befähigung fehlte. Es war einmal ein Wardein, der aus allen Proben, die
man ihm brachte, so reiche Resultate heraus bekam, daß er binnen kurzem
fast das ganze Geschäft monopolisiert hatte. Aber wie alle Leute, die
Erfolg haben, wurde er ein Gegenstand des Neides und des Verdachtes.
Die andern Wardeine verschworen sich gegen ihn und zogen zum Beweise,
daß sie es ehrlich meinten, einige angesehene Bürger ins Geheimnis.
Dann schickten sie dem glücklichen Geschäftsmann einen Fremden mit
einem Stückchen Schleifstein, den er prüfen sollte. Nach Verlauf einer
Stunde brachte er heraus, daß eine Tonne dieses Gesteins 1284,40
Dollars an Silber und 366,36 Dollars an Gold geben müsse.
[Illustration]
Die ganze Geschichte kam sofort in die Zeitung und der beliebte Wardein
machte sich binnen zwei Tagen aus dem Staube.
Ich will hier beiläufig bemerken, daß ich in der Silbermühle nur eine
Woche blieb. Ich erklärte meinem Arbeitgeber, ohne Lohnerhöhung könne
ich nicht länger bleiben. Mir gefalle zwar das Quarzmehlmachen, ja ich
sei ganz bezaubert davon; nie zuvor hätte ich zu einer Beschäftigung
in so kurzer Zeit eine so zärtliche Neigung gewonnen; nichts gäbe, wie
es mir scheine, der geistigen Thätigkeit einen solchen Schwung, als
eine Batterie zu füttern und Sand durch einen Drahtschirm zu werfen,
und nichts sporne die sittlichen Eigenschaften eines Menschen so an,
als Silber ausschmelzen und Decken waschen -- trotzdem fühle ich mich
genötigt, um Lohnerhöhung zu bitten.
Er sagte, er zahle mir zehn Dollars wöchentlich und das sei doch eine
ganz hübsche runde Summe. Wieviel ich denn wolle?
Ich erwiderte, etwa viermal hunderttausend Dollars monatlich nebst der
Kost sei alles, was ich in Anbetracht der schweren Zeiten vernünftiger
Weise verlangen könne.
Man wies mich aus dem Hause. Und doch, wenn ich auf jene Tage
zurückblicke und mir die maßlos schwere Arbeit, die ich in jenem
Pochwerk verrichtete, ins Gedächtnis zurückrufe, bedauere ich nur,
ihm nicht siebenmalhunderttausend abverlangt zu haben. Um die volle
Kraft und Bedeutung des über ihn verhängten Fluches zu verstehen: ›Im
Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen‹ hätte Adam aus
dem Garten Eden von Rechts wegen geradeswegs in ein Quarzpochwerk gehen
sollen.
* * * * *
Nicht lange nachher war es die geheimnisvolle, wunderbare
›Zementgrube‹, die mir, gleich der übrigen Bevölkerung, den Verstand
verrückte, so daß ich nur auf eine Gelegenheit lauerte, mich bei deren
Aufspürung beteiligen zu können.
Sechzehntes Kapitel.
Irgendwo in der Nachbarschaft des Monosees, nahm man an, müsse
Whitemans wunderbare Zementgrube liegen. Alle Augenblicke hieß es,
Whiteman sei in totenstiller Nacht verstohlen und in Verkleidung
durch Esmeralda gekommen; dann gab es jedesmal eine tolle Aufregung,
denn natürlich steuerte er seiner geheimnisvollen Grube zu, und da
galt es, ihm zu folgen. Kaum drei Stunden nach Tagesanbruch waren
dann alle Pferde, Maultiere und Esel in der Nachbarschaft aufgekauft,
geliehen oder gestohlen, und die halbe Ortsgemeinde befand sich auf
Whitemans Spuren unterwegs nach den Bergen. Allein Whiteman pflegte
sich tagelang wie zwecklos in den Bergschluchten herumzutreiben, bis
den Bergleuten die Lebensmittel ausgingen und sie wieder nach Hause
gehen mußten. Ich habe es erlebt, daß es um elf Uhr nachts in einem
großen Bergmannslager hieß, Whiteman sei soeben vorbei gekommen, und
daß schon zwei Stunden darauf die sonst so stillen Straßen von Menschen
und Tieren wimmelten. Einer wie der andere bestrebte sich dann, die
Sache recht geheim zu halten, flüsterte aber trotzdem wenigstens einem
Nachbar zu, Whiteman sei durchgekommen. Und lange vor Tagesanbruch --
das letztemal mitten im tiefen Winter -- ging dann die Hetzjagd los,
das Lager war verlassen und die gesamte Bevölkerung auf der Suche nach
Whiteman.
Der Sage zufolge waren bei der ersten Einwanderung vor länger als
zwanzig Jahren drei junge Deutsche, Brüder, nachdem sie auf der
Ebene bei einem von Indianern angerichteten Gemetzel mit dem Leben
davongekommen, zu Fuß durch die Wüste gewandert, und hatten in der
Hoffnung, Kalifornien zu erreichen, bevor sie vor Hunger umkamen,
einfach die Richtung nach Westen eingeschlagen. Als sie eines Tages
in einer Bergschlucht ausruhten, bemerkte einer von ihnen eine
eigentümliche Zementader, die mit Klumpen eines schmutziggelben Metalls
wie gespickt war. Sie sahen, daß es Gold sei und daß sich hier an einem
einzigen Tage ein Vermögen erwerben lasse. Die Ader war etwa so breit
wie eine Trottoirplatte und reichlich zwei Drittel derselben bestand
aus reinem Gold. Jedes Pfund des wunderbaren Zements hatte einen Wert
von nahezu zweihundert Dollars. Die Brüder nahmen so viel mit als sie
tragen konnten, verwischten alle Spuren der Ader, machten eine rohe
Zeichnung von der Oertlichkeit und den Hauptmerkmalen ihrer Umgebung
und brachen wieder nach Westen auf. Aber ihre Not wuchs. Auf ihren
Irrfahrten fiel der eine Bruder und brach das Bein; die andern mußten
ihn in der Wildnis sterben lassen. Der zweite gab ermüdet und von
Hunger erschöpft bald nachher die weitere Wanderung auf und legte sich
gleichfalls zum Sterben nieder. Der dritte erreichte nach zwei oder
drei Wochen voll unglaublicher Entbehrungen, entkräftet, körperlich-
und gemütskrank, die Niederlassungen Kaliforniens. Seinen Zement hatte
er bis auf ein paar Bruchstücke weggeworfen, aber diese genügten, um
alle Welt in die tollste Aufregung zu versetzen. Er selbst wollte indes
mit der Zementgegend nichts mehr zu schaffen haben und ließ sich nicht
bewegen, jemand dorthin zu führen. Er war ganz zufrieden, als Taglöhner
auf einer Farm arbeiten zu können. Jedoch überließ er Whiteman seine
Zeichnungen und beschrieb ihm die Zementregion so gut er es vermochte.
Damit übertrug er den Fluch auf ihn -- denn als ich Whiteman zufällig
in Esmeralda einen Augenblick sah, hatte er der verlorenen Grube
unter Hunger, Durst, Armut und Krankheit ganze zwölf oder dreizehn
Jahre nachgespürt. Manche glaubten, er habe sie gefunden, die meisten
waren aber entgegengesetzter Meinung. Ich sah ein Stück Zement, so
groß wie meine Faust, das Whiteman von dem jungen Deutschen bekommen
haben sollte, und das war in der That recht verführerischer Natur.
Klumpen von Jungferngold saßen darin so dicht wie die Rosinen in einem
Napfkuchen. Eine einzige Woche lang eine solche Grube ausbeuten zu
dürfen, würde einem Menschen mit vernünftigen Wünschen genügen.