Nun ließen wir die Pferde so stark traben, als es in dem tiefen Schnee

anging; und nicht lange, so schien es, als kämen wir den vor uns

Reitenden näher; denn die Spuren wurden deutlicher. Eilig strebten wir

vorwärts, und nach Verlauf einer Stunde sahen die Spuren noch neuer und

frischer aus -- nur waren wir überrascht, daß die Zahl der Reisenden

fortwährend zuzunehmen schien. Wir konnten uns nicht denken, wie eine

so große Gesellschaft zu solcher Zeit in diese Einöde käme, bis einer

von uns meinte, es müsse wohl eine Kompagnie Soldaten vom Fort sein.

Zufrieden mit dieser Lösung des Rätsels, ritten wir noch etwas rascher

weiter; sie konnten ja nicht mehr fern sein. Aber die Spuren vermehrten

sich noch immer, so daß wir schon anfingen zu glauben, die Abteilung

Soldaten müsse sich auf unerklärliche Weise zu einem Regiment vermehrt

haben -- Ballou behauptete, es seien schon mindestens fünfhundert

daraus geworden. Auf einmal hielt er an und sagte: »Jungens, das

sind ja unsere eigenen Spuren! Mehr als zwei Stunden lang sind wir

wahrhaftig wie in einem Zirkus immer wieder rundum geritten, hier außen

in der öden Wüste! Bei Gott, das ist ja ganz ›hydraulisch‹!«

Dann wurde der alte Mann wild und fing an zu schimpfen. Er gab

Ollendorff allerhand schlimme Namen, sagte, in seinem Leben hätte er

keinen solchen dämlichen Pinsel gesehen wie ihn, und machte zum Schluß

die ganz besonders giftige Bemerkung, er wisse nicht einmal so viel wie

ein Logarithmus!

Wir waren richtig unseren eigenen Spuren gefolgt. Ollendorff samt

seinem inneren Kompaß fiel von nun an in Ungnade. Am Schlusse unseres

mühseligen Rittes befanden wir uns wieder am Ufer des Baches, während

sich drüben durch das Schneetreiben hindurch in matten Umrissen das

Wirtshaus zeigte. Noch überlegten wir, was nun zu thun sei, da landete

der junge Schwede mit dem Kahn und schlug seinen Weg zu Fuß nach Carson

City ein, immer denselben langweiligen Singsang herleiernd. Eine

Minute darauf war er nur noch undeutlich sichtbar und versank dann

in dem weißen Meer der Vergessenheit. Man hörte nie wieder von ihm.

Ohne Zweifel verlor er die ruhige Besinnung, verirrte sich, sank vor

Ermüdung in Schlaf und fiel so dem Tode in die Arme. Möglicherweise

folgte er auch unsern verräterischen Spuren, bis er vor Erschöpfung

zusammenbrach.

Inzwischen fuhr die Ueberlandpost durch den jetzt rasch fallenden

Bach; es war ihre erste Fahrt nach Carson seit dem Eintritt der

Ueberschwemmung. Ohne Zeitverlust folgten wir den von ihr gezogenen

Furchen und trabten lustig voran, denn wir setzten volles Vertrauen in

die Lokalkenntnis des Postillons. Unsere Pferde konnten es zwar mit

dem frischen Gespann der Post nicht aufnehmen, so daß wir diese bald

aus dem Gesicht verloren, doch hatte dies nichts zu bedeuten, denn die

tiefen Einschnitte, die die Räder machten, dienten uns als Wegweiser.

Mittlerweile war es drei Uhr nachmittags geworden, und es mußte bald

Nacht werden. Das geschieht aber dort zu Lande nicht mittelst einer

allmählich stärker werdenden Dämmerung, sondern geht so plötzlich vor

sich, wie wenn eine Kellerthür zugeschlagen wird. Der Schnee fiel noch

immer gleich dicht, so daß wir keine fünfzehn Schritte vor uns sehen

konnten; aber ringsum vermochten wir durch den Schimmer des weißen

Schneebettes die glatten, zuckerhutförmigen Erhöhungen zu erkennen, in

welche sich die Salbeibüsche verwandelt hatten; die beiden schmalen

Rinnen dicht vor uns aber waren die mehr und mehr sich füllenden und

langsam verschwindenden Wagengeleise.

Nun waren jene Salbeibüsche alle von derselben Höhe, drei oder vier

Fuß hoch, und sie standen alle etwa sieben Fuß auseinander, soweit

das Auge reichte; jeder derselben war jetzt ein bloßer Schneehaufen;

in jeder Richtung, die man einschlagen mochte, bewegte man sich wie

in einem gut angelegten Obstgarten durch eine rechts und links von

einer Reihe dieser Schneehaufen eingefaßte Gasse -- eine Gasse von

der gewöhnlichen Breite einer Landstraße, in der Mitte sauber und

eben, und an den Seiten ganz natürlich ansteigend. Bisher war uns das

noch gar nicht eingefallen. Nun stelle man sich einmal vor, wie es

uns eiskalt überlief, als uns tief in der Nacht der Gedanke kam, wir

möchten vielleicht jetzt, da die schwache Spur der Wagenräder längst

begraben und unsern Blicken entzogen war, in einer bloßen Allee von

Salbeibüschen, meilenweit weg von der Straße hin irren und immer weiter

von derselben abkommen. Wäre uns ein Eisklumpen über den nackten Rücken

gerutscht, es hätte eine behagliche Empfindung sein müssen, verglichen

mit diesem Gefühl. Das seit einer Stunde schläfrig gewordene Blut regte

sich plötzlich wieder und schoß uns verzweifelt durch die Adern. Alle

in Schlummer versunkenen Kräfte des Geistes und Körpers flammten auf.

Sofort waren wir wach und munter, aber nur um vor Angst und Bestürzung

zu zittern und zu klappern. Unverzüglich machten wir Halt, stiegen von

den Pferden, und bückten uns tief, um nach den Spuren der Straße zu

suchen. Vergeblich; denn eine Bodenvertiefung, die nicht zu erkennen

war, wenn man sich vier oder fünf Fuß über derselben befand, ließ sich

erst recht nicht wahrnehmen, wenn man sie fast mit der Nase berührte.

[Illustration]

Elftes Kapitel.

Es kam uns zwar vor, als befänden wir uns auf einer Straße; aber das

war noch kein Beweis. Denn als wir nach verschiedenen Richtungen

hinschritten, zog jeder von uns aus den regelmäßigen Reihen von

Schneehaufen und den dazwischen hinlaufenden Wegen den unumstößlichen

Schluß, daß _er_ den richtigen Weg gefunden und die beiden andern sich

geirrt hätten. Wir waren kalt und steif und die Pferde ermüdet. In

unserer verzweifelten Lage beschlossen wir, ein Feuer aus Salbeibüschen

anzumachen und bei demselben bis zum Morgen zu kampieren. Dies war das

Vernünftigste, weil, falls wir von der richtigen Straße abgekommen

waren und der Schneesturm noch einen Tag anhielt, kaum noch eine

Rettung blieb, wofern wir weiter ritten.

Wir waren alle einig darüber, daß ein Lagerfeuer uns noch am ehesten

am Leben erhalten könnte, und so machten wir uns ohne Aufschub

daran, ein solches herzustellen. Da wir keine Zündhölzchen finden

konnten, versuchten wir es mit den Pistolen. Zwar hatte keiner von der

Gesellschaft dies jemals probiert, aber wir glaubten, es werde sich

ganz bequem machen lassen, denn wir hatten des öfteren davon in Büchern

gelesen und verließen uns nun darauf mit derselben vertrauensvollen

Einfalt wie auf jenen anderen Bücherschwindel, der von Indianern

und verirrten Jägern erzählt, die sich durch Reiben von zwei dürren

Holzstücken Feuer verschaffen.

Auf den Knieen drängten wir uns in dem tiefen Schnee aneinander; die

Pferde steckten ihre Nasen zusammen und beugten ihre Köpfe geduldig

über uns, und so fuhren wir in unserem wichtigen Experiment fort,

während die federigen Flocken herunterwirbelten und uns in eine Gruppe

weißer Statuen verwandelten. Wir brachen Zweige von einem Salbeibusch,

säuberten einen kleinen Platz vom Schnee und häuften das Holz auf,

es mit unsern Leibern schützend. Dies nahm zehn bis fünfzehn Minuten

in Anspruch, und nun setzte Ollendorff unter allgemeiner Stille und

atemloser, ängstlicher Spannung seinen Revolver daran, drückte ab und

-- fort flog unser Holzhäufchen in alle Winde.

Das war recht betrübend, aber es verblaßte vor einem noch größeren

Schrecken -- die Pferde waren fort. Ich war damit betraut

gewesen, die Zügel zu halten, hatte sie aber in der Aufregung des

Pistolenexperiments unversehens fallen lassen, und die frei gewordenen

Tiere waren in dem Unwetter davongelaufen. Sie aufsuchen zu wollen,

wäre verlorene Mühe gewesen; ihre Fußtritte brachten kein Geräusch

hervor und man konnte ihnen auf zwei Ellen nahe sein, ohne sie zu

sehen. So gaben wir sie denn auf und verwünschten die Bücher mit

ihren Lügen, in denen steht, daß Pferde in Zeiten der Not, Schutz und

Gesellschaft suchend, bei ihrem Herrn bleiben.

Wir waren schon vorher elend genug daran gewesen, nun fühlten wir uns

noch viel verlassener. Geduldig, doch ohne Hoffnung brachen wir noch

einmal Reisig ab und schichteten es auf, worauf es der Preuße abermals

in alle Winde schoß. Offenbar war das Feueranmachen mit einem Pistol

eine Kunst, die Uebung und Erfahrung erforderte, und eine Wüste um

Mitternacht und bei Schneegestöber war nicht der Ort zur Erlangung

dieser Fertigkeit. Wir gaben diesen Versuch auf und wandten uns zu dem

andern. Ein jeder von uns nahm zwei Hölzer und machte sich daran, sie

aneinander zu reiben. Nach Ablauf einer halben Stunde waren wir vor

Kälte ganz erstarrt und die Hölzer nicht minder. Bitter verwünschten

wir Indianer, Jäger und Bücher, die uns mit ihrem einfältigen Rate

bethört hatten, und fragten uns, was nun zunächst zu thun sei. In

diesem entscheidenden Augenblicke entdeckte Ballou in einer Tasche, die

er bisher ganz übersehen hatte, vier Zündhölzchen. Wären es Goldbarren

gewesen, sie würden uns, verglichen damit, als ein ärmlicher, wertloser

Glücksfund vorgekommen sein. Man glaubt nicht, wie prächtig sich ein

Zündholz unter solchen Umständen ausnimmt, wie lieblich und kostbar und

von welch erhabener Schönheit umflossen es dem Auge erscheint. Voll

hoher Hoffnungen sammelten wir nochmals Reisig, und als der Alte sich

anschickte, das erste Hölzchen in Brand zu setzen, sahen wir ihm mit

einem Interesse zu, das ganze Druckseiten nicht genügend zu schildern

vermöchten. Hoffnungsvoll brannte das Zündhölzchen einen Augenblick

lang und ging dann aus. Wäre es eine Menschenseele gewesen, man hätte

ihr Erlöschen nicht tiefer betrauern können. Das nächste Hölzchen

blitzte nur auf, um sogleich wieder zu ersterben. Das dritte blies

der Wind gerade in dem Augenblick aus, als es Erfolg verhieß. Enger

als je drückten wir uns nun zusammen und entwickelten eine peinliche

Aufmerksamkeit, als Ballou mit unserer letzten Hoffnung über sein

Hosenbein strich. Das Hölzchen fing Feuer, brannte zuerst blau und

kümmerlich, flackerte dann aber zu einer kräftigen Flamme auf. Der alte

Herr schützte sie mit der Hand und bückte sich langsam damit. Jeder von

uns war mit ganzer Seele bei seinem Thun, Blut und Atem stockten uns.

Endlich ergriff die Flamme die Hölzer, teilte sich allgemach mehreren

mit -- zögerte -- gewann wieder etwas mehr Kraft -- zögerte nochmals --

behielt fünf herzbrechende Minuten lang das Leben -- um dann wie die

Seele eines Sterbenden noch einmal aufzuflackern und zu erlöschen.

Mehrere Minuten lang sprach keiner ein Wort. Ein feierliches Schweigen

herrschte. Selbst der Wind hielt verstohlen inne mit seinem Wehen, und

machte nicht mehr Geräusch als die fallenden Schneeflocken, so daß eine

unheilverkündende Stille entstand. Endlich begann man mit gepreßter

Stimme sich auszusprechen, und es zeigte sich bald, daß einer wie

der andere von uns in seinem Innern fest überzeugt war, diese Nacht

sei unsere letzte in diesem Leben. Ich hatte im stillen gehofft, der

einzige zu sein, der diese Empfindung hätte. Als die andern ruhig

ebenfalls diese Ueberzeugung bekannten, klang es wie Grabgeläute.

Ollendorff sagte: »Brüder, laßt uns zusammen sterben! Und laßt uns

hinübergehen ohne ein bitteres Gefühl gegen einander. Laßt Vergangenes

vergeben und vergessen sein. Ich weiß, ihr grollet mir, weil ich schuld

daran war, daß gestern der Kahn umschlug und weil ich gescheit sein

wollte und euch im Kreise im Schnee herumführte -- aber ich meinte

es gut, verzeiht mir. Ich gestehe offen, daß ich auf Ballou böse war,

weil er mich geschimpft und einen Logarithmus genannt hatte; was das

ist, weiß ich nicht; es muß aber wohl etwas sein, das in Amerika für

ungehörig und unehrenvoll gilt; es ist mir kaum einen Augenblick aus

dem Sinn gekommen und hat mich sehr gekränkt -- aber lassen wir das,

ich vergebe Ihnen von ganzem Herzen, Herr Ballou, und --«

Der arme Ollendorff brach zusammen und Thränen liefen ihm die Wange

herunter. Aber nicht ihm allein; denn ich brach ebenfalls in Weinen

aus und Ballou nicht minder. Als Ollendorff wieder reden konnte,

erteilte er mir Vergebung für verschiedenes, was ich ihm gethan und

gesagt hatte. Dann zog er seine Schnapsflasche heraus und erklärte, ob

er nun sterben oder am Leben bleiben möge, nie werde er wieder einen

Tropfen anrühren. Der Hoffnung auf das Leben habe er gänzlich entsagt

und, obwohl schlecht vorbereitet, wolle er sich doch demütig in sein

Schicksal ergeben. Allerdings wünschte er noch eine kleine Frist, aber

nicht aus irgend welchem selbstsüchtigen Grunde, sondern um seinen Sinn

gründlich zu ändern, sich der Pflege der Armen zu weihen, Kranke zu

warten und der Welt Mäßigkeit zu predigen, damit sein Leben zu einem

heilsamen Beispiel für die Jugend werde und er es zuletzt mit dem

tröstlichen Gedanken beschließen dürfe, daß er nicht umsonst gelebt

habe. Seine Umkehr solle gleich in diesem Augenblick beginnen, hier im

Angesicht des Todes, da ihm keine Zeit mehr gewährt sei, sich zum Wohl

und Heil der Menschheit zu bethätigen -- und damit schleuderte er die

Whiskyflasche fort.

Ballou machte Bemerkungen ähnlichen Inhalts und begann die ›Umkehr‹,

deren Fortsetzung er nicht erleben sollte, damit, daß er das alte

Kartenspiel wegwarf, welches unsere Gefangenschaft während der letzten

Tage behaglich, ja überhaupt erträglich gemacht hatte. Nie habe

er gewerbsmäßig gespielt, sagte er, aber er sei überzeugt, daß die

Beschäftigung mit den Karten unsittlich und schädlich sei, und wer ganz

rein und tadellos sein wolle, derselben entsagen müsse, »und deshalb,«

so fuhr er mit seinem steten wunderlichen Gebrauch von Fremdwörtern

fort, »fühle ich mich jetzt bei diesem Akt schon in größerer Sympathie

mit jenen zu gänzlicher und obsoleter Reform notwendigen spirituellen

Saturnalien.« Dieser Silbenfall rührte ihn tiefer, als irgend ein

verständlicher Satz des besten Redners es vermocht hätte; der alte Mann

schluchzte mit einer Wehmut, die nicht ohne Beimischung einer gewissen

Befriedigung war.

Meine eigenen Bemerkungen waren in demselben Tone gehalten wie die

meiner Kameraden, und ich weiß, daß die Gefühle, aus denen sie

entsprungen, tief empfundene und aufrichtige waren. Wir meinten es

alle aufrichtig und waren tief erschüttert und voll heiligen Ernstes;

sahen wir uns doch ohne jede Hoffnung im Angesichte des Todes. Ich warf

meine Pfeife weg mit der Empfindung, mich dadurch endlich von einem

verhaßten Laster frei gemacht zu haben, das mich mein Lebtag beherrscht

hat. Während ich noch sprach, überwältigte mich der Gedanke an das

Gute, das ich in der Welt hätte thun können und an das noch größere

Gute, das ich _von nun an_ aus höherem Antriebe und mit besseren Zielen

und Leitsternen hätte thun können, wären mir nur noch ein paar Jahre

beschieden gewesen -- und meine Thränen flossen wieder. Wir umschlangen

uns mit den Armen und erwarteten die Schläfrigkeit, die dem Tode des

Erstarrens voranzugehen pflegt. Sie stahl sich gar bald über uns, und

wir sagten einander ein letztes Lebewohl. Ein behaglicher Traumzustand

wob sich um meine schwindelnden Sinne, während die Schneeflocken

meinen nunmehr besiegten Körper mit einem Leichentuche bedeckten. Das

Bewußtsein schwand. Der Kampf des Lebens war vorüber.

Zwölftes Kapitel.

Ich weiß nicht, wie lange ich mich in dem Zustand völligen Vergessens

befand, aber es kam mir wie eine Ewigkeit vor. Allmählich erwachte

ich wieder einigermaßen zum Bewußtsein, und es stellte sich ein immer

heftigeres, quälendes Schmerzgefühl in den Gliedern, ja im ganzen

Körper ein. Mir schauderte, durch mein Gehirn schoß der Gedanke: Das

ist der Tod, das ist das Jenseits.

Auf einmal erhob sich neben mir etwas Weißes und eine grämliche Stimme

sagte:

»Will einer der Herren mir gefälligst einen Tritt vor den Hintern

geben?«

Es war Ballou -- wenigstens war es ein struppiger Schneemann mit

Ballous Stimme.

Ich erhob mich, und wer schildert mein Erstaunen, als ich im

Morgengrauen keine zwanzig Schritte von uns weg die Brettergebäude

einer Poststation erblickte und dabei unter einem offenen Schuppen

unsere Pferde noch mit Sattel und Zaum!

Eine gewölbte Schneewehe zerbarst jetzt, aus der Ollendorff auftauchte;

und alle drei saßen wir nun da und starrten die Gebäude an, ohne ein

Wort zu sagen. Wir hatten auch in der That nichts zu sagen. Wir standen

wie die Ochsen am Berge. Die ganze Situation war so peinlich lächerlich

und demütigend, daß sie sich nicht in Worte fassen läßt.

Die Freude unserer Herzen über unsere Rettung war vergiftet, ja

fast zerstört. Nicht lange, so wurden wir immer verdrießlicher und

mürrischer; dann klopften wir, ärgerlich über einander, ärgerlich über

uns selber, ärgerlich über alles mögliche, mit finsteren Blicken den

Schnee von unseren Kleidern und wateten in ungeselligem Gänsemarsch zu

unseren Gäulen hin, nahmen ihnen die Sättel ab und suchten im Posthause

Obdach.

[Illustration]

Ich habe kaum eine Einzelheit dieses seltsamen und abgeschmackten

Abenteuers übertrieben. Es trug sich fast genau so zu. Wir hatten uns

wirklich in einer Schneewehe gelagert und hielten uns für hoffnungslos

verloren, während sich keine zwanzig Schritte weit von uns ein bequemes

Wirtshaus befand.

Zwei ganze Stunden lang saßen wir im Posthause, jeder einzeln für sich

in seine ärgerlichen Gedanken vertieft. Das Geheimnis war enthüllt,

wir wußten jetzt ganz gut, warum die Pferde uns verlassen hatten. Sie

waren gescheiter gewesen als wir, hatten sich ohne Zweifel schon nach

wenigen Augenblicken unter dem schützenden Schuppen befunden, von dort

aus jedenfalls alle unsere Bekenntnisse und Klagelieder mit angehört

und sich nicht schlecht darüber gefreut.

Nach dem Frühstück wurde uns besser zu Mute und die Lust am Leben kam

bald zurück. Die Welt nahm sich wieder heiter aus und das Dasein war

uns lieb und wert. Auf einmal überkam mich ein Gefühl des Unbehagens

und der Unruhe. Es bohrte und nagte immer stärker an mir ohne Unterlaß.

Ach, meine Wiedergeburt war nicht vollständig, ich war zu keinem neuen

Leben erwacht -- ich fühlte Lust zum Rauchen!

Ich widerstand mit aller Kraft, aber das Fleisch war schwach. Einsam

wanderte ich fort und kämpfte eine ganze Stunde lang mit mir selbst.

Ich rief mir meine guten Vorsätze in Erinnerung und hielt mir selbst

eine ausführliche Predigt voll überzeugender Kraft, voll schwerer

Vorwürfe. Aber es war alles umsonst. Bald sah ich mich zwischen den

Schneewehen herumschleichen und nach meiner weggeworfenen Pfeife

suchen. Nach langem Forschen entdeckte ich sie endlich und verkroch

mich, um mich im Verborgenen daran zu erfreuen.

Eine gute Weile blieb ich in meinem Versteck hinter der Scheune und

legte mir die Frage vor, wie mir wohl zu Mute sein würde, falls meine

tapferern, stärkerern, gesinnungstüchtigern Kameraden mich in dieser

meiner Erniedrigung antreffen sollten. Endlich zündete ich mir die

Pfeife an und kein menschliches Wesen kann sich niedriger und gemeiner

vorkommen als ich mir damals erschien. Ich schämte mich meiner eigenen

erbärmlichen Gesellschaft. In fortwährender Angst vor Entdeckung kam

ich auf den Gedanken, die andere Seite der Scheune könnte vielleicht

etwas mehr Sicherheit bieten, und so schlich ich mich um die Ecke. Als

ich mit brennender Pfeife um dieselbe bog, kam Ollendorff mit seiner

Flasche an den Lippen um die andere Ecke, und zwischen uns saß, ohne

uns zu bemerken, Ballou, tief versunken in ein Spielchen ›Solitaire‹,

mit seinen alten fettigen Karten!

Das hieß denn doch die Abgeschmacktheit bis aufs äußerste treiben! Wir

schüttelten uns die Hände und gelobten uns, nie mehr von ›Umkehren‹ und

›Beispielen für das heranwachsende Geschlecht‹ zu reden.

Unsere Poststation lag am Rande einer Wüste von sechsundzwanzig Meilen

Länge. Hätten wir uns am Abend vorher derselben eine halbe Stunde

früher genähert, so würden wir lautes Rufen und Pistolenschießen

vernommen haben, denn man erwartete einige Schaftreiber mit ihren

Herden, die sich rettungslos verirren mußten, falls sie nicht durch

den Schall geleitet würden. Während unseres Aufenthalts auf der Station

trafen drei von den Viehtreibern ganz erschöpft von ihren Irrfahrten

ein, von zwei anderen aber hörte man nie wieder etwas.

Rechtzeitig langten wir in Carson an, wo wir uns Erholung gönnten.

Hierdurch, sowie durch die Vorbereitungen zu unserer Reise nach

Esmeralda wurden wir eine Woche festgehalten, was uns die Möglichkeit

verschaffte, dem Prozeß zwischen Hyde und Morgan wegen des großen

Erdrutsches beizuwohnen -- eine Episode, die noch heutzutage in Nevada

berühmt ist. Nach den notwendigen einleitenden Worten will ich diese

eigentümliche Angelegenheit ganz so erzählen, wie sie sich zutrug.

Dreizehntes Kapitel.

In den Thälern von Carson, Eagle und Washoe sind die Berge sehr hoch

und steil, und so beginnen, wenn der Schnee im Frühling schnell

schmilzt und das warme obere Erdreich feucht und weich wird, die

verderbenbringenden Erdrutsche. Der Leser kann nicht wissen, was ein

Erdrutsch ist, wenn er nicht hier in der Gegend gelebt hat und gesehen,

wie eines schönen Morgens die ganze Seite eines Berges gleichsam

abgeblättert unten im Thale liegt, so daß nichts als eine ungeheure,

baumlose, abschreckend kahle Wand am Bergeshange übrig bleibt, um das

Andenken an den Vorfall lebendig zu erhalten.

General Buncombe war als Anwalt der Vereinigten Staaten nach Nevada

verschickt worden. Dieser Territorialbeamte betrachtete sich

gleichzeitig als Sachwalter für Privatpersonen und strebte sehr eifrig

nach einer Gelegenheit zur Bethätigung dieser Eigenschaft, teils aus

reinem Wohlgefallen daran, teils weil sein Gehalt als Staatsbeamter

eines Territoriums sehr mager war. Nun pflegten die älteren Bewohner

eines neuen Territoriums auf die übrige Welt mit gelassenem,

wohlwollendem Mitleid herabzusehen, d. h. solange man ihnen nicht in

den Weg kommt; tritt man ihnen in den Weg, so wird man angeschnauzt.

Bisweilen auch ziehen sie die Neulinge durch allerhand Streiche und

Scherze auf.

[Illustration]

Eines Morgens erschien Dick Hyde vor General Buncombes Thür in Carson

City zu Pferde im tollsten Lauf und stürzte zu ihm hinein, ohne

sich nur Zeit zum Anbinden seines Pferdes zu lassen. Er befand sich

in großer Aufregung und bat den General, einen Prozeß für ihn zu

führen, für den er fünfhundert Dollars bekäme, falls er ihm den Sieg

erstritte. Dann ließ er sich unter wilden Geberden und einer Flut

gotteslästerlicher Flüche über seine Beschwerdepunkte aus. Es sei so

ziemlich allgemein bekannt, sagte er, daß er seit etlichen Jahren im

Distrikt Washoe eine Farm oder nach der gewöhnlichen Bezeichnung einen

Rancho mit ganz gutem Erfolg bewirtschafte, und ebenso, daß Tom Morgan

unmittelbar über ihm auch einen Rancho besitze. Unglücklicherweise habe

nun ein solcher verhaßter und gefürchteter Erdrutsch stattgefunden,

wodurch Morgans Rancho: Zäune, Hütten, Vieh, Scheunen, alles

miteinander auf seinen Rancho herabgestürzt sei und sein Eigentum etwa

achtunddreißig Fuß hoch vollständig zugedeckt habe. Morgan sei im

Besitz des herabgerutschten Landes und weigere sich, es zu räumen. Er

machte geltend, daß er in seiner eigenen Hütte sitze und niemand in der

seinigen störe; die Hütte stehe auf demselben Erdreich und demselben

Grundstück, wo sie immer gestanden, und er wolle den sehen, der ihn

zwinge auszuziehen.

»Und als ich ihn daran erinnerte,« fuhr Hyde weinend fort, »daß

er gerade doch auf meinem Rancho sitze und daß er rechtswidrig in

denselben eingebrochen sei, hatte er die höllische Unverschämtheit,

mich zu fragen, warum ich denn nicht in meinem Rancho geblieben sei,

um den Besitz zu behaupten, als ich ihn hätte kommen sehen. Verrückter

Faselhans, warum ich nicht geblieben bin? -- bei Gott, als ich das

Geprassel hörte und den Berg hinaufsah, war es gerade, als käme die

ganze Welt den Hang herunter gepoltert und gekollert -- Splitter und

Holzstöße, Donner und Blitz, Hagel und Schnee, Bündel Heu und Stroh

und fürchterliche Staubwolken! -- Bäume kamen holterdipolter durch die

Luft, Felsblöcke so groß wie ein Haus flogen aus einer Höhe von tausend

Fuß und zerkrachten dann in zehn Millionen Stücke; Ochsen und Kühe, das

Inwendige nach außen gekehrt, den Kopf voran, die Schwänze zwischen

den Zähnen, kamen herunter gesaust -- und mitten in dieser ganzen

verkehrten und zertrümmerten Welt sitzt dieser verfluchte Morgan auf

seinem Gartenthürpfosten und fragt, warum ich nicht geblieben sei, und

meinen Besitz behauptet habe! Meiner Seel’! Ich warf nur einen einzigen

Blick auf die Bescherung, und in drei Sätzen war ich aus dem Bezirk.

Im Gold- und Silberland · 第 5 / 21 段