Humboldt-Bergwerke riefen eine immer größere Aufregung hervor. Auch
wir fielen der Seuche zum Opfer und strengten jeden Nerv an, um immer
mehr ›Fuß‹ zu erwerben. Wir muteten herum und nahmen neue Stücke in
Besitz, an die wir unsere Bekanntmachungen anschlugen und die wir mit
hochtrabenden Namen belegten. Wir vertauschten eine Anzahl von unseren
›Fuß‹ gegen ›Fuß‹ in fremden Grubenteilen. Bald hatten wir namhafte
Anteile am ›Grauen Adler‹, an der ›Columbiana‹, der ›Münzfiliale‹,
der ›Mary Jane‹, dem ›Universum‹, der ›Simson und Delila‹, der
›Schatztruhe‹, der ›Golkonda‹, der ›Sultanin‹, dem ›Bumerang‹, der
›Großen Republik‹, dem ›Großmogul‹ und noch fünfzig weiteren ›Gruben‹,
die nie eine Schaufel oder eine Spitzhacke gefühlt hatten. Wir besaßen
nicht weniger als dreißigtausend ›Fuß‹ pro Mann in den ›reichsten
Gegenden der Erde‹, wie die verruchte Schwindlersprache es nannte
-- und konnten den Fleischer nicht bezahlen. Wir waren ganz toll
vor Aufregung, trunken vor Glück, begraben unter Bergen künftigen
Reichtums, voll hochmütigen Mitleids mit den Millionen, die sich im
Schweiß ihres Angesichts abmühten, weil sie unsere wundervolle Schlucht
nicht kannten -- aber unser Kredit beim Viktualienhändler stand
schlecht. Es war die seltsamste Lebenslage, die man sich vorstellen
kann -- der Festschmaus eines Bettlers. Im Distrikt geschah nichts, man
legte keine Grube an, ließ keine Pochwerke arbeiten, man produzierte
nichts und nahm nichts ein -- im ganzen Lager war nicht soviel Geld
zu finden, daß man hätte in einem Städtchen des Ostens einen Bauplatz
dafür kaufen können; und doch würde ein Fremder geglaubt haben, er
wandle unter lauter geschwollenen Millionären. Mutende Gesellschaften
schwärmten mit dem ersten Tagesgrauen hinaus aus der Stadt und mit
Einbruch der Nacht wieder herein, beladen mit Beute -- Steinbrocken.
Nichts als Steinbrocken. Jedermann hatte alle Taschen voll davon; in
jeder Hütte war der Fußboden damit besät, mit Zetteln beklebt standen
sie reihenweise auf den Wandsimsen.
Neuntes Kapitel.
Allenthalben begegnete ich Leuten, welche tausend bis dreißigtausend
Fuß in unaufgeschlossenen Silbergruben besaßen, von denen jeder
einzelne Fuß ihrer Ueberzeugung nach binnen kurzem fünfzig bis tausend
Dollars gelten mußte; und das waren oft genug Leute, die in der ganzen
Welt keine fünfundzwanzig Dollars ihr eigen nannten. Man mochte treffen
wen man wollte, so hatte er seine neue Grube anzupreisen und seine
›Proben‹ bereit, und bei der ersten Gelegenheit drängte er einen
unfehlbar in die Ecke und bot einem an, ›aus bloßer Gefälligkeit,
nicht um etwas zu verdienen‹, ein paar Fuß im ›Goldenen Zeitalter‹
oder ›Sarah Jane‹ oder irgend sonst einer unbekannten Schatzkammer
herzugeben, wenn er nur so viel dafür bekäme, um sich eine ordentliche
Mahlzeit leisten zu können. Dabei mußte man sich verpflichten, es nicht
weiter zu sagen, daß er einem das Anerbieten zu so spottbilligem Preise
gemacht habe, da er sich lediglich ›aus Freundschaft zu diesem Opfer
bereit erklärte‹. Dann pflegte er ein Stück Gestein aus der Tasche
zu fischen, sich geheimnisvoll umzusehen, (als fürchte er, man könne
ihm auflauern und ihn berauben, wenn man ihn über dem Besitz solchen
Reichtums ertappe), mit dem Steinbrocken an seine Zunge zu tippen, ein
Vergrößerungsglas darüber zu halten und auszurufen:
»Sehen Sie mal her! Gerade hier in dem roten Fleck! Sehen Sie! Sehen
Sie die goldenen Punkte? Und den Streifen Silber? Das ist vom ›Onkel
Abe‹. Davon sind hunderttausend Tonnen in Aussicht. Direkt in Aussicht,
merken Sie wohl! Und wenn wir bis auf die rechte Stelle hinunterkommen
und die Ader gediegen wird, dann ist des Reichtums kein Ende. Sehen Sie
sich die Probe an! Ich verlange nicht, daß Sie _mir_ glauben. Sehen Sie
sich nur die Probe an!«
Dann langte er regelmäßig ein fettiges Papier heraus, worin bezeugt
war, das betreffende Stück habe in der Feuerprobe den Beweis geliefert,
daß es Gold und Silber im Verhältnis von so und so viel hundert oder
tausend Dollars per Tonne enthalte. Ich wußte damals noch nicht,
daß man gewohnt war, das reichste Stück aus einer Ausgrabung zum
Probieren herauszusuchen. Sehr oft war dieses Stück von nicht mehr als
Nußgröße der einzige Brocken in einer ganzen Tonne, der überhaupt ein
Metallteilchen enthielt, und doch erhob es nach dem Probierzeugnis
Anspruch darauf, den Durchschnittswert der Tonne Geröll, woraus es
stammte, zu repräsentieren.
Dieses Probiersystem war es, das die Menschheit im Humboldt-County
verrückt gemacht hatte. Auf die Autorität solcher Probierzeugnisse hin
schwärmten die dortigen Zeitungskorrespondenten vor Begeisterung über
Gestein, das vier- bis siebentausend Dollars die Tonne wert sein sollte.
Wir rührten weder unsern Stollen, noch unsern Schacht je wieder an.
Warum? Weil wir nun das wahre Geheimnis des Erfolges beim Silbergraben
entdeckt zu haben meinten -- es bestand darin, daß man nicht selbst im
Schweiß seines Angesichts und mit seiner Hände Arbeit nach Silber grub,
sondern die Erzschichten an die dummen Sklaven der Arbeit _verkaufte_
und _ihnen_ das Graben überließ! --
[Illustration]
Vor meinem Weggang von Carson hatte ich zusammen mit dem Sekretär
von verschiedenen Mitbesitzern der ›Esmeralda‹ eine Anzahl Fuß
gekauft. Wir hatten sofortige Gegenleistung in ungemünztem Gold oder
Silber erwartet, wurden aber statt dessen mit regelmäßig und ständig
wiederkehrenden Zubußen -- d. h. Geldforderungen zum Ausbau der
genannten Gruben -- heimgesucht. Diese Zubußen waren dermaßen drückend
geworden, daß es notwendig erschien, sich persönlich Einblick in die
Sache zu verschaffen. Ich beschloß deshalb eine Pilgerfahrt nach
Carson und von dort nach Esmeralda. Nachdem ich mir ein Pferd gekauft,
brach ich in Begleitung des Herrn Ballou und eines Herrn Ollendorff
auf. Dieser letztere war ein Preuße -- aber nicht jener Mensch, der
mit seinen Grammatiken fremder Sprachen mit ihren unaufhörlichen
Wiederholungen von Fragen, die weder jemals vorgekommen sind, noch
jemals in irgend einer Unterhaltung zwischen menschlichen Wesen
vorzukommen Aussicht haben, der Welt so viel Leiden zugefügt hat.
Wir ritten zwei oder drei Tage lang durch einen Schneesturm, bis wir
vor Honey Lake Smiths einsam gelegenem Wirtshause am Carsonflusse
ankamen. Es war ein zweistockiges Blockhaus auf einem kleinen Hügel,
inmitten eines weiten Wüstenbeckens, durch das sich der dürftige Carson
trübselig hinwindet. Dicht bei dem Hause standen die aus Backsteinen
erbauten Ställe der Ueberlandpost. Mehrere Meilen rundum fand man sonst
kein Gebäude. Gegen Sonnenuntergang trafen ungefähr zwanzig Heuwagen
ein, die sich rings um das Haus aufstellten; sämtliche Fuhrleute
kamen zum Abendessen herein -- eine sehr, sehr rohe Bande. Auch ein
oder zwei Postillone der Ueberlandpost waren da, und außerdem ein
halbes Dutzend Strolche und Landstreicher; das Haus war demnach wohl
gefüllt. Nach dem Essen gingen wir hinaus und besuchten ein kleines
Indianerlager in der Nachbarschaft. Die Indianer waren aus irgend einem
Grunde in großer Aufregung, sie packten ein und eilten so schnell als
möglich fortzukommen. »In kurz Zeit Menge Wasser,« sagten sie und gaben
uns mit Hilfe von Zeichen zu verstehen, daß nach ihrer Meinung eine
Ueberschwemmung im Anzug sei. Das Wetter war vollkommen klar, auch
befanden wir uns nicht in der Regenzeit. Das unbedeutende Flüßchen
hatte höchstens zwei Fuß Wasser; seine Oberfläche war nicht breiter als
eine schmale Dorfgasse und seine Ufer kaum höher als ein Mannskopf.
Wo sollte also eine Ueberschwemmung herkommen? Wir sprachen noch
eine Weile darüber und gelangten zu dem Schlusse, es werde wohl eine
List der Indianer sein, die für ihren eiligen Abzug sicherlich einen
triftigeren Grund haben müßten, als die Furcht vor Ueberschwemmung bei
maßloser Trockenheit.
Um sieben Uhr abends legten wir uns im zweiten Stockwerk zu Bette,
-- in den Kleidern (unsrer Gewohnheit gemäß) und alle drei in _ein_
Bett; denn jeder verwendbare Raum auf dem Fußboden, auf Stühlen u.
s. w. war besetzt, und trotzdem gab es kaum Platz genug für alle
Gäste des Wirtshauses. Nach einer Stunde weckte uns ein großer Lärm;
wir sprangen aus dem Bett, stiegen über die in Reihen auf dem Boden
schnarchenden Fuhrleute hinweg und gelangten so nach den Vorderfenstern
der Stube. Ein einziger Blick enthüllte uns im Scheine des Mondlichts
ein merkwürdiges Bild. Der vielgewundene Carson war voll bis zum Rande,
wild rasten und schäumten seine Wasser -- mit wütender Geschwindigkeit
schossen sie um die scharfen Biegungen und brachten auf der Oberfläche
ein Chaos von Stämmen, Strauchwerk und allerhand Unrat mit. Eine
Einsenkung, die früher das Bett des Flusses gebildet hatte, war schon
beinahe voll, und an mehreren Stellen begann das Wasser über das
Hauptufer hinauszuspülen. Die Leute rannten hin und her, um Vieh und
Wagen dicht an das Haus zu bringen, denn die Bodenerhebung, auf der
es stand, dehnte sich vorne nur etwa dreißig und an der Hinterseite
vielleicht hundert Fuß weit aus. Hart neben dem vorerwähnten alten
Flußbett stand ein kleiner Stall aus Baumstämmen, in welchem unsere
Pferde untergebracht waren. An dieser Stelle stieg das Wasser
zusehends so rasch, daß nach wenigen Minuten ein Wildbach an dem Stall
vorbeibrüllte, der fortwährend höher an dem Gebälk emporschwoll. Da
wurde uns auf einmal klar, daß diese Flut mehr sei, als ein bloßes
Schaustück zur Kurzweil. Sie drohte Verderben, und zwar nicht nur dem
kleinen Blockstall, sondern auch den Gebäuden der Ueberlandpost, dicht
am Hauptflusse, denn die Wellen waren jetzt über die Ufer gestiegen,
so daß sie die Grundmauern umspülten und in die anstoßende große
Heuscheune eindrangen. Wir rannten hinunter und befanden uns bald
mitten in einem Haufen aufgeregter Menschen und geängsteter Tiere.
Bis an die Kniee wateten wir in den Stall und banden die Pferde los;
beim Herauswaten ging uns das Wasser schon bis zu den Hüften, so rasch
war es gestiegen. Dann stürzten alle wie ein Mann nach der Scheune
und machten sich daran, die mächtigen Bündel Heu herauszuwerfen, die
dann nach dem höher gelegenen Hause hinaufgewälzt wurden. Inzwischen
hatte man entdeckt, daß ein Postillon der Ueberlandpost, Namens Owens,
fehlte; ein Mann lief bis zu den Schenkeln im Wasser in den Stall
hinein, fand den Vermißten schlafend und weckte ihn, worauf er wieder
hinauswatete. Aber Owens war duselig und schlief wieder ein; jedoch
nur auf ein paar Minuten; denn als er sich im Bett umdrehte, kam seine
herabhängende Hand in Berührung mit dem kalten Wasser! Dieses ging
schon bis zur Höhe der Matratze! Fast brusttief watete er heraus, und
schon im nächsten Augenblick schmolzen die Backsteine zusammen wie
Zucker; das mächtige Gebäude stürzte ein und war im Nu weggespült.
Um elf Uhr schaute nur noch das Dach des kleinen Stalles aus dem Wasser
heraus, und unser Wirtshaus war eine Insel im Weltmeer. Soweit das Auge
im Mondlicht schauen konnte, war keine Wüste mehr zu erblicken, sondern
nur noch eine weite, schimmernde Wasserfläche. Die Indianer hatten
richtig prophezeit; aber woher hatten sie ihre Kunde erhalten? Ich weiß
keine Antwort darauf.
Acht Tage und ebenso viele Nächte blieben wir mit jener sonderbaren
Gesellschaft zusammengepfercht. Fluchen, Trinken und Kartenspiel
bildeten die Tagesordnung, die nur gelegentlich der Abwechslung halber
durch eine Rauferei unterbrochen wurde. Schmutz und Ungeziefer -- doch
davon schweige ich lieber; es genüge zu sagen, daß beides in geradezu
unbegreiflicher Masse vorhanden war.
Zwei Leute in der Gesellschaft -- doch dieses Kapitel ist schon lang
genug.
Zehntes Kapitel.
Zwei Leute in der Gesellschaft waren mir ganz besonders widerwärtig.
Der eine war ein kleiner Schwede von ungefähr fünfundzwanzig Jahren,
der nur ein einziges Lied konnte, das er in einem fort sang. Den Tag
über waren wir sämtlich in einem einzigen, kleinen, zum Ersticken
dunstigen Schenkzimmer zusammengepfercht, und so gab es vor der
Musik dieses Menschen kein Entrinnen. Mitten durch all das Lästern,
Whiskeysaufen, Stoßen und Zanken tönte sein langweiliger Gesang ohne
irgend welche Abwechslung in der gleichen einförmigen Weise, so daß ich
zuletzt gerne den Tod erlitten hätte, um dieser Marter zu entgehen.
Der andere war ein stämmiger Raufbold, ›Arkansas‹ geheißen; im Gürtel
trug er zwei Revolver, aus dem Stiefel sah ihm ein Bowiemesser heraus;
er war stets betrunken und auf der Suche nach Händeln, doch fürchtete
man ihn so sehr, daß ihm niemand den Gefallen thun wollte, mit ihm
anzubinden. Durch allerlei kleine Kriegslisten suchte er bald diesen
bald jenen zu einer beleidigenden Bemerkung zu verlocken, und hie und
da leuchtete sein Gesicht freudig auf, wenn er meinte, er habe eine
Rauferei gehörig eingefädelt; aber unfehlbar vereitelte sein Opfer alle
Bemühungen, und dann gab er jedesmal eine Enttäuschung kund, die schier
pathetisch war. Den Wirt, Johnson, einen bescheidenen, gutmütigen
Menschen, nahm Arkansas bald als vielversprechenden Gegenstand aufs
Korn und ließ ihm eine Zeitlang Tag und Nacht keine Ruhe. Am vierten
Morgen betrank sich Arkansas und paßte auf eine gute Gelegenheit. Bald
darauf kam Johnson, gemütlich vom Whiskey angeheitert, herein und
begann:
»Ich glaube, die Wahl in Pennsylvanien --«
Arkansas erhob warnend den Finger, worauf Johnson inne hielt. Der
andere richtete sich unsicher auf und trat ihm schwankend gegenüber mit
den Worten:
»Wa-was wissen Sie vo-von Pennsylvanien? Antworten Sie mir. Wa-was
wissen Sie von Pennsylvanien?«
»Ich wollte bloß sagen --«
»Sie wollten bloß _sagen_ -- Sie! Sie wollten bloß sagen -- _was_
wollten Sie sagen? Das ist’s! _Das_ will ich wissen. Ich will wissen,
wa-was Sie (Schlucken) von Pennsylvanien wissen, weil Sie sich so
verdammt breit damit machen. Antworten Sie mir darauf!«
»Herr Arkansas, wenn Sie mir erlauben wollten --«
»Wer hindert Sie denn? Bringen Sie keine Sticheleien gegen mich vor --
lassen Sie das sein. Kommen Sie nicht mit großthuerischen Redensarten
und Fluchen und Schwören wie ein Verrückter herein -- lassen Sie das
gefälligst bleiben. Denn ich _lasse_ mir das nicht gefallen. Wenn Sie
sich mit mir schießen wollen, heraus mit der Schlüsselbüchse! Ich bin
dabei! Heraus damit!«
Johnson flüchtete rückwärts in eine Ecke, wohin Arkansas drohend
folgte. »Aber ich habe ja gar nichts gesagt, Herr Arkansas!« rief der
Wirt. »Sie lassen einen ja nicht ausreden. Ich wollte bloß sagen, daß
es in Pennsylvanien nächste Woche eine Wahl geben wird -- das war alles
-- das war das einzige, was ich sagen wollte; ich will nicht gesund
hier stehen, wenn es nicht so war.«
»Gut, aber warum sagten Sie das nicht gleich? Was kamen Sie so
geschwollen herein und versuchten Spektakel anzufangen?«
»Aber ich bin doch gar nicht geschwollen hereingekommen, Herr Arkansas,
ich wollte ja nur --«
»Ich bin also ein Lügner? Nicht wahr? Beim Geist des gr-großen Cäsar --«
»Aber bitte, Herr Arkansas, ich habe so etwas durchaus nicht sagen
wollen; ich will gleich tot sein, wenn ich daran gedacht habe. Die
Jungens werden Ihnen alle bezeugen, daß ich stets gut von Ihnen
gesprochen und Sie höher geachtet habe als irgend jemand im Hause.
Fragen Sie ’mal Smith. Ist es nicht so, Smith? Habe ich nicht erst
gestern abend gesagt, wenn ihr einen feinen Herrn haben wollt, der
es immer und unter allen Umständen ist und bleibt, so seht euch den
Arkansas an? Sie können jeden von den Herren hier fragen, ob das nicht
genau meine Worte sind. Kommen Sie jetzt, Herr Arkansas, wir wollen
einen Schluck nehmen -- wir wollen uns die Hände schütteln und ein
Tröpfchen trinken. Kommen Sie her, alle miteinander, ich traktiere!
Kommt her, Bill, Tom, Bob, Scotty -- kommt her. Ihr sollt alle mit
mir und Arkansas, meinem alten Arkansas -- meinem prächtigen, alten
Arkansas, einen Kleinen trinken. Geben Sie mir noch ’mal die Hand. Seht
ihn an, Jungens -- nur einmal seht ihn an. Da steht der weiseste Mann
in ganz Amerika -- und wer das leugnet, der hat’s mit mir zu thun,
damit Punktum. Geben Sie mir die alte Tatze noch einmal.«
[Illustration]
Sie umarmten sich. Dies geschah von seiten des Wirtes mit trunkener
Zärtlichkeit, welche von Arkansas, der um den Preis eines Schnapses
wiederum seine Beute aus den Händen lassen mußte, mit lässiger
Gleichgültigkeit hingenommen wurde. In seinem Glück darüber, daß er
der Schlachtbank entronnen, war der Wirt so thöricht, noch weiter
fortzuschwatzen, statt der Gefahr aus dem Wege zu gehen. Dies hatte zur
Folge, daß Arkansas bald darauf wieder gefährliche Blicke nach ihm zu
werfen begann und sagte:
»Wirt, wollen Sie ge-gefälligst diese Be-Bemerkung noch einmal machen,
wenn es Ihnen beliebt?«
»Ich sagte zu Scotty, mein Vater sei über achtzig Jahre alt gewesen,
als er starb.«
»War das alles, was Sie sagten?«
»Ja, das war alles.«
»Sagten Sie weiter nichts als das?«
»Nein, nichts weiter.«
Ein unbehagliches Schweigen folgte. Arkansas spielte einen Augenblick
mit seinem Glase, die Ellbogen auf den Schenktisch gestützt. Dann
kratzte er sich nachdenklich mit dem linken Stiefel am rechten
Schienbein, während das unheildrohende Schweigen noch fortdauerte.
Auf einmal schlenderte er mit verdrießlicher Miene nach dem Ofen
zu, schob in grober Weise zwei oder drei Leute mit der Schulter aus
ihren behaglichen Stellungen weg, machte sich’s bequem und gab einem
schlafenden Hund einen Fußtritt, daß er heulend unter eine Bank fuhr;
darauf spreizte er seine langen Beine auseinander, nahm die Schöße
seines aus einer Pferdedecke gemachten Rockes unter die Arme und
schickte sich an, sich die Hinterseite zu wärmen. Nach einem Weilchen
begann er für sich zu brummen, und bald darauf schlotterte er an den
Schenktisch zurück und sagte:
»Wirt, was soll das heißen, daß Sie alte Persönlichkeiten
zusammenkratzen und sich mit Ihrem Vater groß machen? Paßt Ihnen unsere
Gesellschaft nicht? Hm? Wenn Ihnen diese Gesellschaft nicht recht ist,
so thäten wir vielleicht besser, zu gehen. Ist das Ihre Meinung? Wollen
Sie darauf hinaus?«
»Ei, du meine Güte, Arkansas, ich habe an so etwas gar nicht gedacht.
Meine Eltern --«
»Wirt, fiedeln Sie mir nicht solches Zeug vor. Lassen Sie das. Wenn Sie
durchaus Spektakel haben müssen, frisch heraus damit (Schlucken) --
aber scharren Sie nicht vergangene, alte Dinge aus dem Boden auf, um
sie Leuten in die Zähne zu werfen, die Frieden zu halten wünschen, wenn
es halbwegs geht. Was ist denn überhaupt heut’ morgen mit Ihnen los?
Noch nie habe ich einen Menschen gesehen, der sich so aufspielte!«
»Arkansas, ich habe mir wirklich nichts Schlimmes dabei gedacht, aber
ich will’s sein lassen, wenn es Ihnen unangenehm ist. Ich glaube, meine
Schnäpse sind mir in den Kopf gestiegen, und dann die Ueberschwemmung
und daß ich so viele Leute zu füttern habe und sorgen muß, daß --«
»Also _das_ ist’s, was Ihnen im Kopf herumgeht? Sie wollen uns los
sein, he? Ist’s nicht so? Heraus damit!«
»Bitte, so seien Sie doch vernünftig, Arkansas. Sie wissen ja doch, daß
ich nicht der Mann darnach bin, um --«
»Wollen Sie mir drohen, he? Beim Himmel, der Mann muß erst geboren
werden, der mich ins Bockshorn jagt. Probier’s nur nicht, mir so
aufzuspielen, mein Lämmchen. -- Ich kann viel vertragen, aber das
vertrag’ ich nicht. Komm hervor hinter dem Schenktisch da, daß ich dich
Mores lehre. Du willst uns vertreiben, du schleichender, heimtückischer
Hund. Geh heraus hinter dem Schenktisch da! Ich will dich lehren, einen
Biedermann mit Bramarbasieren zu quälen und mit hochmütigen Blicken zu
reizen, der dir immer alles zu lieb gethan hat!«
»Bitte, Arkansas, nicht schießen, bitte! Wenn’s zu Blutvergießen
kommt --«
»Hören Sie, meine Herren? Hören Sie, wie er von Blutvergießen spricht?
Also Blut willst du sehen, nicht wahr, du wütender Mordgeselle! Du hast
dir vorgenommen, heut’ morgen jemand umzubringen! Das hab’ ich gleich
gewußt. _Mich_ hast du auf dem Korn, nicht wahr? _Mir_ willst du an den
Hals, nicht wahr? Aber ich will dir schon zuvorkommen, du diebischer
Niggersohn mit schwarzem Herzen und weißer Leber! Heraus mit deiner
Schlüsselbüchse!«
Damit begann Arkansas zu feuern, während der Wirt in heller Todesangst
über Bänke, Menschen und alles, was ihm im Weg stand, wegsetzte.
Inmitten des tollen Getümmels fuhr der Wirt krachend durch eine
Glasthüre, und als Arkansas ihm nachsprang, erschien plötzlich die Frau
des Wirtes in der Thüröffnung und trat dem Raufbold mit einer Schere
entgegen. Die Frau war großartig in ihrer Wut. Erhobenen Hauptes und
blitzenden Auges stand sie einen Augenblick da, dann rückte sie mit
gezückter Waffe vor. Verblüfft hielt der Schurke inne und trat einen
Schritt zurück. Sie folgte ihm, trieb ihn Schritt für Schritt bis in
die Mitte der Schenkstube und gab ihm hier vor der verwunderten Menge,
die sich um sie sammelte und sie mit starrem Staunen betrachtete,
eine solche Tracht Zungenhiebe, wie sie vielleicht noch nie einem
eingeschüchterten und gründlich beschämten Prahlhans zu teil geworden
sind. Als sie zu Ende war und sich als Siegerin zurückzog, erzitterte
das Haus von Beifallsgebrüll und jedermann bestellte in einem Atem
›Schnaps für die ganze Gesellschaft‹.
Die Lektion war völlig genügend. Die Schreckensherrschaft war vorüber,
Arkansas’ Macht für immer gebrochen. Während der ganzen Zeit, die wir
noch auf unserer Insel in Gefangenschaft verbringen mußten, saß einer
stets geduckt beiseite, mengte sich nie in einen Streit, ließ nie eine
Prahlerei hören und nahm geduldig die Beleidigungen hin, die ihm die
Menge, welche bisher vor ihm zu Kreuz gekrochen, jetzt unaufhörlich
zuschleuderte -- und dies war Arkansas.
* * * * *
Am fünften oder sechsten Morgen verlief sich das Wasser vom Lande
wieder, aber die Strömung im alten Flußbett war immer noch hoch und
reißend, und keine Möglichkeit hinüberzukommen. Am achten Tage ging
sie immer noch zu hoch, als daß man ganz ohne Gefahr hätte übersetzen
können; allein das Leben in der Schenke war bei der Unsauberkeit,
Trunkenheit und Rauflust der Gäste nicht länger auszuhalten, und so
machten wir einen Versuch, fortzukommen. Bei heftigem Schneesturm
schifften wir uns in einem Kahne ein, nahmen die Sättel mit an Bord
und zogen die Pferde im Schlepptau an den Halftern hinter uns drein.
Der Preuße Ollendorff befand sich vorn am Bug mit einem Ruder, Ballou
ruderte in der Mitte und ich saß im Stern und hielt die Halfter.
Als die Pferde den Grund verloren und zu schwimmen anfingen, wurde
Ollendorff ängstlich; er fürchtete, die Pferde könnten uns vom
Ziel abbringen, und es war klar, daß, falls es uns nicht gelang, an
einer gewissen Stelle zu landen, wir, von der Strömung fortgerissen,
unfehlbar in den Hauptarm des Carson treiben würden, der zurzeit
einen kochenden Strudel bildete. Ein solches Mißgeschick würde aller
Wahrscheinlichkeit nach unsern Tod bedeutet haben; denn wir wären mit
unserm Kahn in den See geschwemmt worden oder umgestürzt und ertrunken.
Wir mahnten Ollendorff, seine fünf Sinne zusammenzuhalten und sich
vorsichtig zu betragen, aber es nutzte nichts. In dem Augenblick, als
das Boot ans Ufer stieß, that er einen Sprung, so daß das Fahrzeug
umschlug und in dem zehn Fuß tiefen Wasser herumwirbelte. Ollendorff
erfaßte einen Strauch, an dem er sich ans Ufer zog, während Ballou
und ich hinüberschwimmen mußten, wobei uns unsere Ueberzieher sehr
hinderlich waren. Aber wir hielten uns an dem Kahn fest, und obwohl
wir beinahe den Carson hinabgespült worden wären, gelang es uns
zuletzt doch, das Boot ans Ufer zu schieben und sicher zu landen. Wir
waren zwar durchkältet und durchnäßt, aber doch in Sicherheit. Die
Pferde halfen sich gleichfalls ans Land; aber unsere Sättel waren
natürlich verloren. Wir banden die Tiere an Salbeibüsche fest, wo sie
vierundzwanzig Stunden ausharren mußten. Dann schöpften wir das Boot
aus und schafften darin für sie Futter und wollene Decken hinüber,
während wir selbst noch einmal in dem Wirtshause übernachteten, ehe wir
uns abermals auf die Reise wagten.
Am nächsten Morgen, als wir mit neuen Sätteln und sonstigen
Ausrüstungsgegenständen aufbrachen, schneite es immer noch wie
rasend. Wir stiegen auf und ritten ab. Der Schnee bedeckte den Boden
so hoch, daß keine Spur von der Straße erkennbar war, und der Schnee
fiel so dicht, daß wir nicht mehr als hundert Schritt weit vor uns
sehen konnten, sonst hätten wir an den Bergketten unsere Richtung
erkennen können. Die Sache sah bedenklich aus; allein Ollendorff
erklärte, er habe einen Instinkt so fein wie ein Kompaß und wäre im
stande, schnurgerade auf Carson City zuzureiten, und die Linie genau
einzuhalten. Bei der geringsten Abweichung von derselben würde ihn sein
Instinkt so sicher warnen wie einen Sünder sein Gewissen. Glücklich und
zufrieden folgten wir seiner Spur. Eine halbe Stunde lang haspelten
wir uns ziemlich mühselig weiter, dann aber trafen wir auf eine neue
Fährte, und Ollendorff rief stolz:
»Ich wußte es ja, daß ich so unfehlbar bin wie ein Kompaß, Jungens!
Hier sind wir genau in den Fußspuren von jemand, der uns den Weg zeigen
wird, ohne daß wir uns anzustrengen brauchen. Wir wollen uns eilen,
damit wir uns der Gesellschaft da vorne anschließen können.«