vielmehr eigentlich nur dreizehn, denn einmal hielten wir irgendwo zwei
Tage an, um die Pferde ausruhen zu lassen. Hätten wir diese hinten
am Wagen angebunden, so würden wir sicherlich den Weg in zehn Tagen
zurückgelegt haben; allein wir dachten daran erst, als es zu spät
war, und schoben den Wagen samt den Pferden immer weiter, während wir
uns die halbe Mühe hätten ersparen können. Leute, die uns begegneten,
rieten uns, gelegentlich die Pferde in den Wagen zu setzen, allein
Herr Ballou, durch dessen eisengepanzerten Ernst kein spitziges Wort
durchdrang, meinte, das würde nicht gehen, die Lebensmittel würden
in Gefahr kommen, weil die Pferde von langer Entbehrung ›bituminös‹
geworden seien. Der Leser wird mich entschuldigen, wenn ich dies
nicht übersetze. Was Herr Ballou meinte, wenn er ein langes Wort
gebrauchte, blieb allemal ein Geheimnis zwischen ihm und seinem
Schöpfer. Er war einer der besten, gutmütigsten Menschen, die je eine
niedere Lebenssphäre zierten -- die Sanftmut und Einfalt selbst, und
die Uneigennützigkeit ebenfalls. Obwohl mehr als zweimal so alt als
der älteste von uns andern, that er doch deshalb niemals wichtig
und verlangte niemals ein Vorrecht oder eine Ausnahmestellung. Er
verrichtete dieselbe Arbeit wie ein junger Mann und leistete seinen
Teil an der Unterhaltung von dem allgemeinen Standpunkte jeden Alters
aus, nicht von der anmaßenden, Ehrfurcht heischenden Gipfelhöhe von
sechzig Jahren. Die einzige auffallende Eigentümlichkeit an ihm war
seine Vorliebe für lange Wörter, die er um ihrer selbst willen liebte
und gebrauchte, ganz unbekümmert um ihre Beziehung zu dem Gedanken, den
er auszudrücken beabsichtigte. Stets ließ er seine gewichtigen Silben
mit behaglicher Unkenntnis ihrer Bedeutung fallen, so daß dieselben
niemals etwas Anstößiges haben konnten. Dabei war sein Benehmen so
natürlich und einfach, daß man immer wieder in Versuchung geriet, in
seinen großartigen Phrasen einen Inhalt zu suchen, während sie wirklich
ganz und gar nichts bedeuteten. War ein Wort recht lang, großartig und
vollklingend, so reichte dies hin, ihm die Liebe des alten Mannes zu
gewinnen; er ließ es dann in seinen Reden irgendwo an der möglichst
unpassendsten Stelle einfließen und freute sich daran, als hätte er die
tiefsinnigste Wahrheit ausgesprochen.
Wir breiteten immer alle vier unsern ganzen Vorrat an Decken zusammen
auf dem gefrorenen Boden aus und legten uns Seite an Seite schlafen.
Da Oliphant einsah, daß unser dummer, hochbeiniger Hund viel tierische
Wärme in sich habe, ließ er ihn zwischen sich und Herrn Ballou mit ins
Bett kriechen und zog den warmen Rücken des Hundes an seine Brust, was
er höchst behaglich fand. Aber während der Nacht fing der Köter an
sich zu strecken und sich unter wohlgefälligem Knurren gegen Ballous
Rücken zu stemmen und ihn fortzuschieben. Wenn er sich recht warm und
gemütlich fühlte, trommelte er wohl auch im Uebermaß des Wohlgefühls
voll Dankbarkeit und Glück dem Alten mit den Pfoten auf dem Rücken
herum; ein andermal, wenn er von der Jagd träumte, zerrte er den alten
Mann hinten an den Haaren und bellte ihm ins Ohr. Ballou beklagte sich
zuletzt sehr sanftmütig über diese Beweise von Zuthunlichkeit und
schloß seinen Vortrag mit der Bemerkung, so ein Hund sei kein Tier,
das zu müden Leuten ins Bett passe, denn er sei ›meretriciös in seinen
Bewegungen‹ und zu ›organisch in seinen Gefühlen‹. Wir warfen den Hund
hinaus.
Es war eine harte, mühselige Reise, die aber trotzdem ihre Lichtseite
hatte, denn wenn nach Tagesschluß unser Wolfshunger mit einem warmen
Mahl von gebratenem Speck, Brot, Syrup und schwarzem Kaffee gestillt
war, fanden wir bei einer Pfeife, ein paar Liedern und Geschichten am
abendlichen Lagerfeuer, in der stillen Einsamkeit der Wüste eine frohe,
sorgenfreie Erholung, welche uns als der höchste Gipfel irdischer
Seligkeit erschien. Eine solche Lebensweise übt auf alle Menschen einen
mächtigen Zauber aus, gleichviel, ob sie aus der Stadt oder vom Lande
stammen. Wir sind die Abkömmlinge wüstendurchziehender Araber, und
endlose Zeiträume stetig fortschreitender Kulturentwicklung waren nicht
imstande, den Wandertrieb in uns auszurotten. Niemand von uns wird
leugnen, daß ihn bei dem Gedanken an ein Nachtlager draußen im Freien
stets ein Wonnegefühl durchbebt. Einmal wanderten wir fünfundzwanzig
Meilen an einem Tag und ein andermal in der großen amerikanischen
Wüste vierzig Meilen und dann noch einmal zehn, mithin im ganzen
fünfzig, innerhalb dreiundzwanzig Stunden, ohne uns Zeit zum Essen,
Trinken oder Ausruhen zu gönnen. Wenn man einen Wagen samt zwei Pferden
fünfzig Meilen weit geschoben hat, ist es ein solcher Hochgenuß sich
auszustrecken und dem Schlafe zu überlassen, wäre es auch auf steinigem
und gefrorenem Boden, daß einem die Wonne für den Augenblick nicht zu
teuer erkauft scheint.
Wir lagerten zwei Tage in der Nähe des Sees, in welchem sich der
Humboldtfluß verliert. Unsere Versuche, das stark alkalische Wasser
des Sees zu benutzen, fielen höchst kläglich aus. Es hinterließ
einen bitteren, ganz abscheulichen Geschmack im Munde und ein höchst
unangenehmes Brennen im Magen; es war, als tränke man starke Lauge.
Wir thaten Syrup hinein, aber das machte es nur ganz wenig besser. Wir
fügten eine Essiggurke hinzu, aber das Alkali schmeckte vor, und so war
es zum Trinken nicht zu brauchen. Kaffee von diesem Wasser war das
niederträchtigste Gebräu, das ein Mensch je erfunden hat. Er schmeckte
wirklich noch abscheulicher als das unverbesserte Wasser selbst. Herr
Ballou, der das Getränk gebraut hatte, fühlte sich verpflichtet, es
herauszustreichen und zu verteidigen und trank deshalb in kleinen
Schlückchen eine halbe Tasse davon aus, wobei er es fertig brachte,
ihm eine zeitlang ein schwaches Lob zu singen; schließlich aber
schüttete er den Rest weg und erklärte offen und frei, der Kaffee sei
›zu technisch‹. Bald nachher fanden wir eine Quelle mit brauchbarem,
frischem Wasser, worauf wir uns ohne weitere Verdrießlichkeiten und
Störungen zur Ruhe legten.
Siebentes Kapitel.
Vom See aus reisten wir eine kurze Strecke den Humboldtfluß entlang.
Leute, die an den riesig breiten Mississippi gewöhnt sind, gewöhnen
sich auch allmählich daran, mit dem Wort ›Fluß‹ den Begriff großartiger
Wasserfülle zu verbinden. Infolgedessen fühlen sich solche Leute recht
enttäuscht, wenn sie am Ufer des Carson oder Humboldt stehen und
finden, daß ein Fluß in Nevada ein kränkliches Bächlein ist, das in
allen Punkten ein Seitenstück zum Eriekanal bildet, nur daß der Kanal
zweimal so lang und viermal so tief ist. Es ist eine der angenehmsten
und gesündesten Leibesübungen, am Humboldtfluß entlang zu laufen, so
lange hinüber und herüber zu springen, bis man tüchtig erhitzt ist, und
ihn dann trocken zu trinken.
Am fünfzehnten Tage hatten wir den zweihundert Meilen langen Marsch
vollendet und hielten bei heftigem Schneesturm unsern Einzug in
Unionville. Die ›Stadt‹ bestand aus elf Hütten und einem Freiheitsbaum.
Sechs von den Hütten standen in einer Reihe am Rande einer tiefen
Schlucht, und die andern fünf ihnen gerade gegenüber. Auf beiden Seiten
der Schlucht stiegen öde Bergwälle so hoch zum Himmel empor, daß das
Dörfchen gleichsam tief unten auf dem Grund einer Erdspalte lag. Es
war auf der Höhe dieser Berge immer schon lange Tag, bevor unten die
Dunkelheit wich und Unionville sichtbar wurde.
Wir bauten uns eine kleine, rohe Hütte in der Erdspalte und deckten
dieselbe mit Sackleinwand; eine Ecke ließen wir für den Abzug des
Rauches offen, allein des Nachts purzelte gelegentlich das Vieh dort
herein, so daß unser Hausgeräte Schaden litt und wir im Schlafe gestört
wurden. Es war sehr kalt und Brennholz nur spärlich vorhanden. Indianer
schleppten Gestrüpp und Buschholz mehrere Meilen weit auf dem Rücken
herbei; konnten wir einen solchen beladenen Indianer fangen, so war es
gut; konnten wir keinen fangen, -- dies war übrigens die Regel, nicht
die Ausnahme -- so froren wir eben und fügten uns darein.
[Illustration]
Ich gestehe ohne Beschämung, daß ich erwartet hatte, das Silber werde
allenthalben massenhaft auf dem Boden herumliegen und man könne es auf
den Berggipfeln in der Sonne blinken sehen. Natürlich sagte ich nichts
davon, denn ein inneres Gefühl flüsterte mir zu, ich könne doch am Ende
eine übertriebene Vorstellung von der Sache haben und mich, wenn ich
meine Gedanken verriete, lächerlich machen. Doch zweifelte ich nicht im
geringsten, daß ich binnen einem oder zwei Tagen, spätestens in einer
Woche, Silber genug auflesen werde, um ganz hübsch reich zu sein -- und
so beschäftigte sich meine Einbildungskraft bereits eifrig mit Plänen
zur Verwendung des Geldes. Bei der ersten schicklichen Gelegenheit
schlenderte ich sorglos von der Hütte weg, behielt aber die andern
Jungen im Auge, und wenn ich dann meinte, sie beobachteten mich, blieb
ich stehen und betrachtete den Himmel; sobald jedoch niemand da war
oder acht gab, floh ich von dannen, als hätte ich einen Diebstahl auf
dem Gewissen und hielt in meinem Lauf nicht eher inne, als bis ich
weit außer Gesichts- und Rufweite war. Dann ging ich ans Suchen in
fieberhafter Aufregung, denn ich war voll gespannter Erwartung und
meiner Sache fast ganz sicher. Ich kroch auf dem Boden umher, hob
Steinbrocken auf und untersuchte sie, indem ich den Staub abblies oder
sie an meinen Kleidern rieb und mit hoffnungsvoller Gier musterte.
Nicht lange, so fand ich einen glänzenden Brocken, und mir hüpfte das
Herz. Hinter einem Felsblock versteckt polierte und prüfte ich ihn
mit nervöser Hast und einem Entzücken, welches selbst bei Erfüllung
aller meiner Hoffnungen nicht ganz berechtigt gewesen wäre. Je genauer
ich meinen Brocken untersuchte, desto fester war ich überzeugt, den
Weg zum Glück gefunden zu haben. Ich bezeichnete mir den Ort und nahm
meine Probe mit. Auf und nieder suchte ich die zerklüftete Bergflanke
ab mit immer regerem Interesse und immer mehr von Dankbarkeit
durchdrungen, daß ich nach dem ›Humboldt‹ gekommen war und zwar zu
rechter Zeit. Dieses heimliche Suchen nach den verborgenen Schätzen des
Silberlandes versetzte mich in die höchste Verzückung, die ich je im
Leben empfunden. Es war ein wahrer Taumel schwelgerischen Genusses.
Nicht lange nachher entdeckte ich im Bett eines seichten Baches einen
Bodensatz glänzend gelber Schuppen. Mir blieb fast der Atem aus. Eine
Goldgrube! Und ich war in meiner Einfalt mit Silber zufrieden gewesen!
Vor Aufregung glaubte ich fast, meine überzeugte Einbildungskraft
täusche mich. Dann packte mich die Furcht, man könnte mich beobachten
und mein Geheimnis erraten. Vorsichtig ging ich im Kreis um die
Stelle herum und stieg spähend auf einen Hügel. Ich war allein. Kein
lebendes Wesen weit und breit. Nun kehrte ich zu meinem Fundort zurück,
indem ich mich gegen eine mögliche Enttäuschung wappnete; aber meine
Befürchtung war unbegründet -- die glänzenden Schuppen waren noch immer
da. Ich machte mich daran, sie auszuschöpfen; eine Stunde lang plagte
ich mich an den Windungen des Baches hinab und plünderte sein Bett, bis
die sinkende Sonne dem weiteren Suchen ein Ende machte, und ich mich
beladen mit Schätzen heimwärts wandte. Als ich so dahinschritt, konnte
ich mich nicht enthalten, meine Aufregung über den Brocken Silbererz zu
belächeln, da doch ein edleres Metall mir schier vor der Nase lag. In
dieser kurzen Zeit war das erstere in meiner Achtung so tief gesunken,
daß ich ein- oder zweimal auf dem Punkte stand, es wegzuwerfen.
Während die Jungen ihren gewöhnlichen Hunger entwickelten, konnte ich
nichts essen. Auch reden konnte ich nicht. Ich weilte im Land der
Träume in weiter Ferne. Ihre Unterhaltung war für meine Phantasie etwas
störend und ärgerte mich gewissermaßen. Ich verachtete die lumpigen
und alltäglichen Dinge, von denen sie schwatzten. Allmählich fing das
Gerede aber an, mir Spaß zu machen. Es hatte einen eigenen, komischen
Reiz, ihnen zuzuhören, wie sie über ihre ärmlichen, kleinen Ersparnisse
Pläne machten und über mögliche Verluste und Verlegenheiten seufzten,
während doch eine Goldgrube dicht vor der Hütte lag, die unser volles
Eigentum war und die ich ihnen nur zu zeigen brauchte. Die unterdrückte
Heiterkeit begann mir bald das Herz abzudrücken. Es war nicht leicht,
dem Antrieb zu widerstehen, in hellem Jubel loszuplatzen und alles zu
offenbaren, aber ich widerstand. Ich nahm mir vor, die große Neuigkeit
gelassen durch meine Lippen träufeln zu lassen, dabei so ruhig und
heiter auszusehen wie ein Sommermorgen, und die Wirkung auf ihren
Gesichtern zu beobachten.
Ich fragte: »Wo seid ihr alle gewesen?«
»›Muten‹ gegangen.«
»Was habt ihr gefunden?«
»Nichts.«
»Nichts? Was haltet ihr von der Gegend?«
»Kann’s jetzt noch nicht sagen,« erwiderte Herr Ballou, der ein alter
Goldgräber war und auch in Silbergruben beträchtliche Erfahrungen besaß.
»Nun, haben Sie sich denn nicht irgend eine Art Meinung gebildet?«
»Ja, gewissermaßen schon. Es scheint freilich nicht übel hier, aber
man hat die Sache überschätzt. Siebentausend-Dollars-Lager sind wohl
selten. Die Sheba-Grube mag immerhin reich sein, aber sie gehört uns
nicht, und überdies ist das Gestein so voll von schlechten Metallen,
daß alle Wissenschaft der Welt nichts damit anfangen kann. Wir werden
hier nicht verhungern, aber ich fürchte, wir werden auch nicht reich
werden.«
»Sie halten also die Aussicht für ziemlich gering?«
»So ist’s.«
»Nun, dann thäten wir wohl besser daran, heim zu gehen, nicht wahr?«
»O, jetzt noch nicht -- natürlich. Wir wollen’s doch zuerst noch ein
bißchen versuchen.«
»Setzen wir einmal den Fall -- es ist eine bloße Annahme -- wißt ihr
-- setzen wir einmal den Fall, ihr könntet ein Lager finden, welches,
sagen wir hundertfünfzig Dollars per Tonne gäbe -- würde euch das
genügen?«
»Probieren Sie’s mal mit uns!« schrie die ganze Gesellschaft.
»Oder nehmen wir an -- selbstverständlich wiederum eine Vermutung --
nehmen wir an, wir fänden eine Ader, wo die Tonne zweitausend Dollars
Ausbeute giebt -- würde euch _das_ genügen?«
»Halt -- was meinen Sie? Auf was steuern Sie los? Steckt ein Geheimnis
hinter dem allem?«
»Erhitzt euch nicht. Ich sage gar nichts. Ihr wißt ja ganz genau, daß
es hier keine reichen Gruben giebt -- natürlich, denn ihr seid ja
überall herumgestreift und habt gesucht. Das wäre jedem klar, wenn er
sich hier umgesehen hätte. Gesetzt den Fall nun, es käme einer und
spräche: ›Ach was, eine Zweitausend-Dollars-Ader ist doch rein gar
nichts, wo doch gleich da drüben, angesichts dieser Hütte ganze Haufen
von gediegenem Gold und Silber liegen -- ganze Berge davon, genug, um
euch alle in vierundzwanzig Stunden zu reichen Leuten zu machen.‹ Na,
was würdet ihr dazu sagen?«
»Ich würde sagen, der ist so verrückt wie ein Tollhäusler!« sagte der
alte Ballou, der aber trotzdem vor Erregung ganz wild wurde.
»Meine Herren!« versetzte ich, »ich sage gar nichts -- _ich_ bin ja
nicht herum gewesen, wie Sie wissen, und weiß deshalb natürlich nichts
-- aber ich bitte nur um das eine, werfen Sie einmal einen Blick auf
das hier zum Beispiel und sagen Sie mir, was Sie davon halten!« Damit
schüttete ich meinen Schatz vor ihnen aus.
Voll Begier stürzte alles darauf los und steckte die Köpfe unter der
brennenden Kerze zusammen. Dann sagte der alte Ballou:
»Was ich davon halte? Ich halte davon, daß es nichts ist als ein Haufen
Granitabfall und gemeines, glitzerndes Katzengold, wovon der Morgen
nicht zehn Cents wert ist!«
So schwand mein Traum dahin; so schmolz mein Reichtum, so stürzte mein
Luftschloß zusammen, und ich blieb als ein geschlagener Mann zurück.
Ich zog die Moral aus der Geschichte mit dem bekannten Sprichwort: »Es
ist nicht alles Gold, was glänzt.« Herr Ballou meinte, ich könnte noch
weiter gehen und zu den Schätzen meines Wissens den Satz legen, daß
_nichts_ Gold sei, was glänze. So lernte ich denn ein für allemal, daß
Gold im Naturzustande nichts ist als ein schwärzliches, unansehnliches
Ding und daß nur Metalle gemeiner Art durch prahlerisches Glitzern die
Bewunderung des Unerfahrenen erregen. Trotzdem unterschätze ich nach
wie vor, gleich der übrigen Welt, echte Goldmenschen und verherrliche
Katzengoldmenschen. Die Alltagsmenschennatur kann sich einmal darüber
nicht erheben.
Achtes Kapitel.
Mit dem Geschäft des Silbergrabens wurden wir nur zu bald vertraut.
Wir gingen mit Herrn Ballou ›muten‹. Zwischen Salbeibüschen, Felsen
und Schneehaufen kletterten wir an den Berghängen hinauf, bis wir vor
Erschöpfung umfallen wollten, fanden aber kein Silber und ebensowenig
Gold. So ging es Tag für Tag. Da und dort stießen wir auf Löcher, die
man ein paar Meter tief in die Abhänge getrieben und dann offenbar
wieder aufgegeben hatte, und hie und da trafen wir auf ein oder zwei
Leute, die noch emsig gruben. Aber Silber kam nirgends zum Vorschein.
Diese Löcher waren die Ansätze von Stollen, die Hunderte von Fuß in den
Berg getrieben werden sollten, um eines Tags auf die verborgene Schicht
zu stoßen, in der das Silber steckte. Eines Tags! Das schien in weiter
Ferne zu liegen, und die Sache sah sehr hoffnungslos und trübselig aus.
Tag um Tag mühten wir uns ab, kletterten herum und suchten, und dabei
wurden wir jüngeren Genossen der aussichtslosen Plackerei immer mehr
überdrüssig. Endlich machten wir hoch oben auf dem Berge unter einer
überhängenden Felswand Halt. Ballou schlug einige Stücke mit dem Hammer
ab, prüfte sie lange und aufmerksam mit einem kleinen Augenglase,
worauf er sie wegwarf und noch mehr abschlug; dann meinte er, dieses
Gestein sei Quarz, und Quarz sei die Steinart, in der das Silber
enthalten sei. _Enthalten sei!_ Ich hatte gemeint, es werde wenigstens
außen daran kleben, wie eine Art Ueberzug. Er schlug noch mehr Stücke
los, um sie gründlich zu untersuchen, wobei er das betreffende Stück
hie und da mit der Zunge benetzte und durch das Glas betrachtete.
Schließlich rief er aus: »Wir haben es!«
Unsere Neugier war sofort aufs höchste gespannt. Das Gestein war rein
und weiß an der Bruchstelle, und querdurch zog sich ein faseriger,
blauer Faden. In diesem kleinen Faden, meinte er, stecke Silber,
aber gemischt mit unedlen Metallen, mit Blei, Antimon und anderem
Quark, auch seien daran ein paar Tüpfelchen Gold sichtbar. Mit großer
Anstrengung brachten wir es dahin, ein paar kleine, gelbe Fleckchen
zu erkennen, von denen sich annehmen ließ, daß vielleicht ein paar
Tonnen davon einen Golddollar geben könnten. Wir waren gerade nicht
entzückt; aber Ballou meinte, es gebe noch schlechtere Erzlager als
dieses auf der Welt. Er hob das, was er das ›reichste Stück Gestein‹
nannte, auf, um seinen Wert durch die sog. Feuerprobe zu bestimmen.
Dann gaben wir der Grube den Namen ›Bergkönig‹ (Bescheidenheit ist bei
der Namengebung in den Bergwerken kein hervorstechender Zug), und Herr
Ballou schrieb nachstehende Bekanntmachung auf, von der er sich eine
Abschrift aufhob, um sie in die Bücher des Syndikus der Bergwerke in
der Stadt eintragen zu lassen.
Bekanntmachung.
Wir, die Unterzeichneten, belegen drei Stücke, jedes von
dreihundert Fuß, (und eins für die Entdeckung) an dieser
silberhaltigen Quarzschicht nach Norden und nach Süden von
diesem Anschlag, mit allen Einsenkungen, Verzweigungen und
Winkeln, Biegungen und Krümmungen, und dazu fünfzig Fuß breit
Boden auf jeder Seite zur Bearbeitung derselben.
Wir setzten unsere Namen darunter und versuchten uns in die Stimmung zu
bringen, als sei nun unser Glück gemacht. Aber als wir die Sache mit
Herrn Ballou durchsprachen, war uns höchst zweifelhaft zu Mute. Dieser
Quarz an der Oberfläche, meinte er, sei nicht alles, was unsere Mine
enthalte, vielmehr erstrecke sich die Wand oder Schicht, der wir den
Namen ›Bergkönig‹ gegeben hatten, Hunderte und aber Hunderte von Fuß
in die Erde hinab. Sie sei wie der Randstein eines Straßenpflasters,
behalte ungefähr dieselbe Dicke, etwa zwanzig Fuß, bis hinab in die
Eingeweide der Erde und sei vollständig verschieden von dem Gestein,
das sie rings umgebe; sie bleibe für sich und behalte stets ihren
besondern Charakter, einerlei wie tief sie in die Erde hineingehe oder
wie weit sie sich längs der Berge und Thäler oder quer über dieselben
erstrecke; sie könne eine Meile tief und zehn Meilen lang sein, und man
möge über oder unter der Erde hineinbohren wo man wolle, so würde man
Gold und Silber darin finden, aber nicht in dem geringeren Gestein,
in das sie eingebettet sei. Unten in der großen Tiefe der Schicht,
fuhr er fort, stecke ihr Reichtum, und mit der Tiefe nehme derselbe
stetig zu. Deshalb müßten wir statt hier an der Oberfläche zu arbeiten
einen Schacht einsenken, bis wir an die reichen Stellen kämen -- so
etwa hundert Fuß tief -- oder unten vom Thal aus einen langen Stollen
in den Bergabhang treiben und die Ader tief unter der Erde anzapfen.
Das eine wie das andere war offenbar die Arbeit von Monaten, denn wir
konnten täglich nur ein paar Fuß, ungefähr fünf oder sechs, ausbohren
oder wegsprengen. Aber das war noch nicht alles. Er sagte, wenn das Erz
herausgeschafft sei, müsse es nach einem entfernten Pochwerke gebracht
werden, damit es zermahlen und das Silber durch einen langwierigen und
kostspieligen Prozeß ausgeschieden werde. Eine Ewigkeit schien zwischen
uns und unserm Glück zu liegen!
Aber wir gingen ans Werk. Wir beschlossen einen Schacht einzusenken. So
kletterten wir denn eine Woche lang auf den Berg, beladen mit Hacken,
Drillbohrern, Meißeln, Schaufeln, Brechstangen, Fäßchen Sprengpulver
und Rollen Lunte und arbeiteten mit aller Macht. Anfangs war der
Fels bröckelig und locker; was wir mit den Spitzhacken abschlugen,
schaufelten wir heraus, und das Loch machte ganz hübsche Fortschritte;
aber allmählich wurde das Gestein fester, und nun kamen Meißel und
Brechstange an die Arbeit. Bald aber that nichts mehr seine Wirkung
außer dem Sprengpulver. Das war die mühseligste Arbeit! Während einer
von uns den eisernen Drillbohrer an seine Stelle hielt, schlug ein
anderer mit einem achtpfündigen Schmiedehammer drauf -- das reinste
Nägeleinschlagen in großem Maßstabe. Binnen einer bis zwei Stunden
erreichte der Bohrer eine Tiefe von zwei bis drei Fuß und hatte ein
Loch von ein paar Zoll Durchmesser gemacht. Dann legten wir die
Pulverladung, steckten eine halbe Elle Lunte hinein, schütteten Sand
und Kies darauf und stampften es fest; zuletzt zündeten wir die Lunte
an und liefen weg. Kamen wir dann nach der Explosion, bei der Steine
und Rauch in die Luft flogen, zurück, so fanden wir ungefähr einen
Scheffel von dem harten, widerspenstigen Quarz herausgesprengt, kein
bißchen mehr. Nach einer Woche hatte ich genug davon. Ich verzichtete;
Clagett und Oliphant desgleichen. Unser Schacht war erst zwölf Fuß
tief. Wir kamen überein, daß nur ein Stollen uns zum Ziele führen könne.
[Illustration]
So gingen wir den Berg hinunter und arbeiteten dort eine Woche lang.
Nach Verlauf derselben hatten wir einen Stollen ausgesprengt, in
dem sich ungefähr ein Oxhoft unterbringen ließ, und waren zu der
Ueberzeugung gekommen, daß wir noch um etwa neunhundert Fuß tiefer
graben müßten, um auf die silberhaltige Schicht zu stoßen. Ich
verzichtete auch jetzt wieder, und die andern Jungen hielten es nur
noch einen Tag länger aus. Wir stimmten überein, daß ein Stollen nichts
für uns tauge. Wir brauchten eine bereits ›aufgeschlossene‹ Schicht.
Solche gab es aber im ganzen Lager nicht.
Den ›Bergkönig‹ ließen wir für jetzt liegen.