einem Steinwagen angebunden stehen. Tags darauf überließ ich das Tier
dem Sekretär des Hauses zu einem Ritt nach der sechs Meilen entfernten
Silbergrube von Dana; auch er kam (um sich Bewegung zu machen) zu
Fuß zurück und ließ das Pferd angebunden stehen. Ich mochte den Gaul
leihen, wem ich wollte, alle kamen zu Fuß zurück, alle meinten, es
fehle ihnen sonst an der nötigen Bewegung. Trotzdem borgte ich ihn
fortwährend jedem, der ihn haben wollte; ich dachte, wenn der Gaul sich
dabei einen Schaden thäte, könnte ich ihn dem Betreffenden aufhalsen,
oder er bräche das Genick, dann müsse mir der Reiter den Wert ersetzen.
Es passierte ihm jedoch nicht das geringste. Er lieferte Stückchen,
die noch nie ein Pferd geleistet hat, ohne Hals und Bein zu brechen;
aber er kam immer mit heiler Haut davon. Tag für Tag unternahm er
Sachen, die man sonst für unmöglich hielt, setzte aber alles durch.
Manchmal verrechnete er sich allerdings ein klein wenig und brachte
den Reiter in Schaden; aber ihm selbst wurde nie ein Haar gekrümmt.
Natürlich hatte ich längst den Versuch gemacht, ihn zu verkaufen,
doch fand dieses naive Unternehmen sehr wenig Anklang. Vier Tage lang
raste der Auktionator auf ihm in den Straßen auf und ab, wobei er die
Leute auseinanderjagte, den Verkehr störte und Kinder zu Boden ritt,
ohne irgend ein Gebot zu erhalten -- wenigstens kein anderes als die
achtzehn Dollars, die ein von ihm gedungener, notorisch vermögensloser
Bummler bot. Die Leute lachten nur in aller Freundlichkeit, bezwangen
aber ihre Kauflust, falls eine solche überhaupt bei ihnen vorlag.
Darauf behändigte mir der Auktionator seine Rechnung und zog den
Gaul vom Markte zurück. Nun suchten wir denselben aus freier Hand
loszuschlagen, indem wir ihn mit Verlust gegen ausrangierte Grabsteine,
altes Eisen, Mäßigkeitstraktätchen -- kurz gegen irgend welche Ware
in Tausch anboten. Allein die Eigentümer so schöner Sachen waren auf
ihrer Hut und aus dem Geschäft wurde nichts. Nie mehr machte ich den
Versuch, den Gaul zu reiten. Für einen Menschen, wie ich, der nur über
Brüche und andere innere Schäden u. dgl. zu klagen hatte, reichte
das Gehen zur Bewegung vollständig hin. Endlich versuchte ich ihn zu
verschenken, aber auch das verfing nicht. Die Leute meinten, an der
Meeresküste seien die Erdbeben billig genug zu haben, -- sie wollten
sich nicht selber eins anschaffen. Zuletzt verfiel ich darauf, ihn
dem Gouverneur zum Gebrauch für die Brigade anzubieten. Im ersten
Augenblick leuchtete sein Gesicht vor Begier auf, nahm aber bald wieder
einen gleichgültigeren Ausdruck an, -- er meinte, die Sache wäre denn
doch gar zu durchsichtig.
Gerade um diese Zeit brachte der Inhaber des Mietstalles mir seine
Rechnung für sechswöchige Pflege des Gauls -- Stallraum fünfzehn
Dollars, Heu zweihundertfünfzig! Der echte mexikanische Stöpsel hatte
eine Tonne Heu gefressen, und der Mann behauptete, wenn er ihm den
Willen gelassen hätte, würde er wohl hundert Tonnen aufgefressen haben.
Ich will hier in allem Ernste bemerken, daß der gewöhnliche Preis des
Heus während dieses und eines Teils des folgenden Jahres wirklich
zweihundertfünfzig Dollars die Tonne betrug. Im vergangenen Jahre hatte
die Tonne bisweilen fünfhundert Dollars in Gold gekostet, und im Winter
vorher war der Artikel so knapp, daß kleine Vorräte gelegentlich
achthundert Dollars die Tonne eingebracht hatten! Die Folgen lassen
sich leicht erraten: Die Leute trieben ihr Vieh hinaus und überließen
es dem Hungertode; noch ehe der Frühling ins Land kam, waren die Thäler
von Carson und Eagle mit den Leichnamen der Tiere förmlich übersäet.
Jeder alte Ansiedler wird dies bestätigen. Ich ermöglichte es, die
Mietstallrechnung zu zahlen, und noch am selben Tage schenkte ich den
›echten mexikanischen Stöpsel‹ einem vorüberziehenden Auswanderer aus
Arkansas.
[Illustration]
Viertes Kapitel.
Nevada bildete ursprünglich einen Teil von Utah unter dem Namen Carson
County, und es war das eine recht ansehnliche ›Grafschaft‹. In einigen
Thälern gab es Heu in Masse und dies zog ganze Kolonieen mormonischer
Viehzüchter und Farmer dorthin. Von Kalifornien aus kamen auch
vereinzelt kleine Scharen rechtgläubiger Amerikaner herüber, allein
die beiden Klassen von Ansiedlern waren einander nicht sehr hold. Es
herrschte so gut wie gar kein freundlicher Verkehr unter ihnen, jeder
Teil blieb für sich. Die Mormonen waren bedeutend in der Ueberzahl
und genossen außerdem den Vorzug eines besonderen Schutzes von seiten
der mormonischen Regierung des Territoriums. Deshalb konnten sie
sich erlauben, hochmütig, ja selbst gebieterisch gegen ihre Nachbarn
aufzutreten.
Im Jahre 1858 wurden in Carson County Silberadern entdeckt, und damit
gewannen die Verhältnisse ein anderes Ansehen. Kalifornier strömten
in Scharen herein und das amerikanische Element bildete bald die
Mehrheit. Die Verpflichtung zum Gehorsam gegenüber Brigham Young[3]
und Utah wurde aufgehoben und von den Bürgern eine provisorische
Territorial-Regierung für Washoe eingerichtet. Gouverneur Roop war
der erste und einzige höhere Beamte. Nach Ablauf der erforderlichen
Zeit beschloß der Kongreß die Organisation des ›Territoriums Nevada‹,
worauf Präsident Lincoln den Gouverneur Nye an Roops Stelle schickte.
Um jene Zeit betrug die Bevölkerung des Territoriums ungefähr zwölf-
bis fünfzehntausend Seelen und wuchs mit reißender Schnelligkeit; man
beutete eifrig die Silbergruben aus und errichtete Pochwerke für das
Silbererz; Geschäfte aller Art entstanden und gediehen von Tag zu Tag
mehr.
[3] Das langjährige Staatsoberhaupt der Mormonen.
Die Bewohner waren froh, eine gesetzmäßige, geordnete Regierung zu
besitzen; dagegen waren sie nicht besonders erbaut davon, die Gewalt an
Fremde aus weit entlegenen Staaten übertragen zu sehen -- eine höchst
natürliche Empfindung. Sie meinten, man hätte die Beamten aus ihrer
eigenen Mitte wählen sollen -- aus den hervorragenden Bürgern, die sich
ein Recht auf solche Beförderung erworben hätten, die die Gefühle der
Bevölkerung teilten und mit den Bedürfnissen des Territoriums gründlich
vertraut wären. Dieser Gesichtspunkt war zweifellos völlig berechtigt.
Ueberdies waren die neuen Beamten ›Auswanderer‹, und schon deshalb
brachte man ihnen von keiner Seite Liebe und Hochachtung entgegen.
Die neue Regierung wurde also mit beträchtlicher Kälte aufgenommen,
sie kam nicht nur als fremder Eindringling, sondern war auch außerdem
arm. Es verlohnte sich nicht einmal, sie zu rupfen -- höchstens für
die elendesten der kleinen Aemterhascher und Stellenjäger. Jedermann
wußte, daß der Kongreß nur zwanzigtausend Papier-Dollars jährlich
für ihren Unterhalt ausgesetzt hatte -- ungefähr gerade genug, um
ein Quarz-Pochwerk einen Monat lang in Betrieb zu erhalten. Auch war
allgemein bekannt, daß das Geld für das erste Jahr noch in Washington
lag und daß es lange dauern und manche Schwierigkeit machen werde, bis
man es zu sehen bekäme. Carson City war zu unliebenswürdig und zu klug,
um dem fremden Wechselbalg etwa mit unschicklicher Hast ein Konto zu
eröffnen.
Es liegt etwas Tragikomisches in den Kämpfen, unter denen eine
neugeborene Territorial-Regierung sich ihren Platz in dieser
Welt erobert; die unsrige hatte einen sehr schweren Stand. Das
Organisations-Gesetz und die Instruktionen des Staatsdepartements
schrieben vor, daß binnen der und der Zeit eine gesetzgebende
Versammlung gewählt und deren Sitzungen an dem und dem Tag eröffnet
werden sollten. Gesetzgeber zu bekommen war nicht schwer, selbst für
drei Dollars Taggeld, obwohl Kost und Wohnung fünftehalb Dollars
betrug, denn Würde und Ansehen haben in Nevada ihren Reiz so gut wie
anderswo, und es gab eine Menge beschäftigungsloser patriotischer
Seelen; aber eine Halle für die Versammlungen zu beschaffen, das
war nicht so leicht geschehen. Carson lehnte höflich ab, einen Saal
mietfrei herzugeben oder der Regierung auf Kredit zu überlassen. Als
jedoch Curry von der Schwierigkeit hörte, trat er ganz allein vor, nahm
das Staatsschiff auf seine Schultern, trug es über die Sandbank und
machte es wieder flott. Ich meine unsern Curry -- den _alten_ Curry --
den alten _Abe_ Curry. Ohne ihn hätte die Gesetzgebung ihre Sitzungen
in der Wüste abhalten müssen. Er bot sein großes, massives Gebäude,
dicht neben der Stadtgrenze, mietfrei an, was freudig angenommen wurde.
Dann baute er eine Pferdebahn von der Stadt nach dem Kapitol, auf der
er die Gesetzgeber gratis beförderte. Ferner lieferte er fichtene Bänke
und Stühle für dieselben und ließ die Fußböden mit Sägspänen belegen,
welche Teppich und Spucknapf zugleich vorstellten. Ohne Curry wäre
die Regierung in den Windeln gestorben. Zur Trennung des Senats vom
Repräsentantenhaus ließ der Sekretär eine Zwischenwand von Sackleinwand
beschaffen, welche drei Dollars und vierzig Cents kostete; allein die
Vereinigten Staaten lehnten deren Bezahlung ab. Auf den Einwurf, daß
ja die ›Instruktionen‹ die Bezahlung eines reichlichen Mietpreises für
einen Versammlungssaal gestatten, und daß Herrn Currys Freigebigkeit
dem Vaterland diese Summe erspart habe, erklärten die Vereinigten
Staaten, das ändere nichts an der Sache; die drei Dollars und vierzig
Cents würden an dem Sekretärs-Gehalt von achtzehnhundert Dollars in
Abzug gebracht werden -- und so geschah es auch!
Eine der Hauptschwierigkeiten, mit welchen die neue Regierung
anfänglich zu kämpfen hatte, bildeten die Drucksachen. Der Sekretär war
eidlich zur Befolgung seiner geschriebenen Instruktionen verpflichtet,
welche zwei Dinge mit unfehlbarer Bestimmtheit von ihm verlangten,
nämlich:
1. Die täglichen Berichte über die Verhandlungen beider Häuser drucken
zu lassen und
2. bei dieser Arbeit für den Satz anderthalb Dollars pro Tausend und
für den Druck anderthalb Dollars pro Ries in Staatsnoten zu zahlen.
Es war keine Kunst, zu schwören, daß man diesen beiden Vorschriften
nachkommen wolle, aber mehr als eine derselben wirklich auszuführen,
war völlig unmöglich. Als die Staatsnoten bis auf vierzig Cents für den
Dollar gefallen waren, forderten die Druckereien allerdings anderthalb
Dollars für das Tausend und ebensoviel für das Ries, aber in _Gold_.
Laut seiner Instruktion hatte der Sekretär aber einen von der Regierung
ausgegebenen Papierdollar jedem anderen von ihr ausgegebenen Dollar
gleich zu achten. Der Druck der Berichte wurde deshalb abgebrochen.
Daraufhin erteilten die Vereinigten Staaten dem Sekretär eine ernste
Rüge wegen Nichtbeachtung seiner Instruktionen und ermahnten ihn,
bessere Wege zu wandeln. Er ließ deshalb einiges drucken und schickte
die Rechnung nach Washington unter genauer Auseinandersetzung der
hohen Preise im Territorium und machte dabei besonders auf einen
gedruckten Marktbericht aufmerksam, woraus man ersehen möge, daß sogar
die Tonne Heu zweihundertfünfzig Dollars koste. Hierauf antworteten
die Vereinigten Staaten damit, daß sie die Drucksachen-Rechnung von
dem unglücklichen Sekretärs-Gehalt abzogen, wobei sie außerdem mit
würdevollem Ernst beifügten, er werde in seinen Instruktionen vergebens
nach einer Anweisung suchen, Heu zu kaufen!
Auf der ganzen Welt ist nichts in eine so undurchdringliche Finsternis
gehüllt, wie der Verstand eines Kontrolleurs im Schatzamt der
Vereinigten Staaten. Selbst die Feuerflammen des Jenseits vermöchten
kaum einen matten Schimmer in seinem Hirn zu verbreiten. Damals
war nichts imstande, ihm begreiflich zu machen, wie es kam, daß
zwanzigtausend Dollars in Nevada, wo alle Waren ungeheuer hoch im
Preise standen, nicht soweit reichten wie in den anderen Territorien,
wo in der Regel eine außerordentliche Billigkeit herrschte. Er war
ein Beamter, der stets nur sein Augenmerk auf die kleinen Ausgaben
richtete. Wie oben bereits bemerkt, benützte der Sekretär des
Territoriums seine Schlafstube als Amtszimmer und rechnete dem
Staat dafür keinen Mietzins an, obwohl dies in seinen Instruktionen
vorgesehen war und er ganz gut seinen Vorteil daraus hätte ziehen
können (was ich augenblicklich gethan haben würde, wäre ich selbst
Sekretär gewesen.) Allein die Vereinigten Staaten zollten dieser
Hingebung niemals Anerkennung. Ich muß wirklich annehmen, mein
Vaterland habe sich geschämt, einen Menschen in seinem Dienst zu haben,
der sich so wenig auf seinen Vorteil verstand. Diese oft erwähnten
›Instruktionen‹ (wir lasen gewöhnlich ein Kapitel daraus jeden Morgen
als geistige Turnübung und am Sabbat in der Sonntagsschule ein paar
Kapitel, denn sie beschäftigten sich mit allem möglichen unter der
Sonne und enthielten neben anderem statistischen Material auch viele
höchst schätzbare Abschnitte religiösen Inhalts) schrieben vor, daß
den Mitgliedern der Gesetzgebung Federmesser, Briefcouverts, Federn
und Schreibpapier geliefert werden sollten. Der Sekretär schaffte
daher diese Artikel an und besorgte deren Verteilung. Die Federmesser
kosteten drei Dollars das Stück. Da eines zu viel da war, so gab der
Sekretär dasselbe dem Schriftführer des Repräsentantenhauses. Die
Vereinigten Staaten bemerkten hierauf, der Schriftführer sei kein
›Mitglied‹ des Hauses und zogen die drei Dollars nach Gewohnheit dem
Sekretär am Gehalt ab.
Ein Weißer berechnete für das Kleinmachen einer Ladung Brennholz drei
bis vier Dollars; der Sekretär war so scharfsinnig, sich zu sagen,
daß die Vereinigten Staaten nimmermehr soviel dafür zahlen würden; er
ließ daher eine Ladung Bureauholz von einem Indianer für anderthalb
Dollars klein machen. Er fertigte die übliche Quittung dafür aus,
aber ohne Unterschrift; statt dessen fügte er einfach die Bemerkung
bei, ein Indianer habe die Arbeit besorgt, und zwar ganz gut und
zufriedenstellend; derselbe habe aber in Ermangelung der erforderlichen
Kenntnisse die Quittung nicht unterschreiben können. Der Sekretär
durfte die anderthalb Dollars bezahlen. Er hatte gemeint, vom Staate
Anerkennung für seine Sparsamkeit und Ehrlichkeit zu ernten, weil
er die Arbeit zum halben Preis besorgen ließ und keine angebliche
Unterschrift des Indianers auf die Quittung setzte. Allein man sah die
Sache in einem andern Lichte an. Man war bei der Regierung zu sehr
daran gewöhnt, in allen denkbaren, öffentlichen Stellungen Dollarsdiebe
zu haben, um der Erklärung auf der Quittung den geringsten Glauben
beizumessen. Das nächstemal dagegen, als der Indianer Holz für uns
hackte, lehrte ich ihn, am Ende der Quittung ein Kreuz zu machen.
Das Zeichen stand so wacklig auf den Beinen, als wäre es ein Jahr
lang betrunken gewesen, ich ›bezeugte‹ es jedoch, und nun ging es
ganz ordnungsmäßig durch. Die Vereinigten Staaten sagten kein Wort
darüber. Ich bedauerte bloß, daß ich die Quittung nicht gleich für
tausend Ladungen Holz ausgestellt hatte anstatt für eine einzige. In
meinem Vaterlande teilt die Regierung an die ehrliche Einfalt Rüffel
aus, während sie die geriebene Schurkenhaftigkeit hätschelt, und ich
glaube wirklich, ich würde mich zu einem ganz geschickten Spitzbuben
entwickelt haben, wäre ich ein oder zwei Jahre im Staatsdienste
verblieben.
Es war eine nette Vereinigung von Souveränen, diese erste gesetzgebende
Versammlung Nevadas. Sie legten Steuern auf bis zum Betrag von dreißig-
oder vierzigtausend Dollars und bewilligten Ausgaben im Belauf von fast
einer Million. Und doch hatten sie, wie alle andern Körperschaften
dieser Art, ihre zeitweiligen kleinen Anwandlungen von Sparsamkeit.
Ein Mitglied schlug vor, durch Abschaffung des Kaplans der Nation drei
Dollars täglich zu ersparen. Und doch brauchte dieser kurzsichtige
Mann den Kaplan nötiger als irgend ein anderer, denn während des
Morgengebetes hatte er meist seine Füße auf dem Pult und verzehrte rote
Rüben.
Zwei Monate tagte die Versammlung und erteilte die ganze Zeit nichts
als Konzessionen zur Anlegung von Chausseen und Erhebung von Wegegeld.
Als sie auseinanderging, schätzte man, daß wohl auf jeden Bürger drei
solche Konzessionen kämen. Und man bezweifelte, ob, falls der Kongreß
dem Territorium nicht noch einen Längengrad zulegen würde, Platz genug
für die Unterbringung aller der Straßen vorhanden sein werde, deren
Enden allenthalben wie Fransen über die Grenzlinie hinaushingen.
Das Frachtgeschäft hatte bald einen so gewaltigen Umfang angenommen,
daß über plötzlich erworbenes Vermögen in Chausseen beinahe dieselbe
Aufregung herrschte, wie über die wunderbar reichen Silberminen.
Fünftes Kapitel.
Nach und nach bekam ich auch das Silberfieber. Mutungsgesellschaften
brachen Tag für Tag nach den Bergen auf, wo sie reiche, silberführende
Adern und Quarzlager entdeckten und in Besitz nahmen. Das war ja
ganz offenbar der Weg zum Glück. In der großen Grube ›Gould and
Curry‹ galt zur Zeit unseres Eintreffens der Quadratfuß drei- oder
vierhundert Dollars; zwei Monate darauf war er auf achthundert Dollars
gestiegen; die ›Ophir-Grube‹ war das Jahr zuvor kaum eine Kleinigkeit
wert gewesen, und jetzt wurde dort der Fuß mit nahezu viertausend
Dollars bezahlt. Es ließ sich keine Grube nennen, die nicht in kurzer
Zeit erstaunlich im Wert gestiegen wäre. Alle Welt sprach von diesen
Wunderdingen. Man mochte kommen wohin man wollte, vom frühen Morgen
bis spät in die Nacht hinein hörte man nichts anderes. Tom so und so
hatte von der ›Amanda Smith‹ ein Stück für 40000 Dollars verkauft --
und hatte nicht einen Cent besessen, als er vor sechs Monaten die
Schicht in Angriff nahm. John Jones hatte die Hälfte seines Anteils
an der Grube ›Bald Eagle und Mary Ann‹ für 65,000 Dollars verkauft
und war nun nach den Staaten gereist, um seine Familie zu holen. Die
Witwe Brewster war in der Grube ›Golden Fleece‹ auf reichhaltiges Erz
gestoßen und hatte zehn Fuß für 18000 Dollars verkauft -- und doch war
sie im letzten Frühjahr, als Sing-Sing-Tommy ihren Mann umbrachte,
nicht einmal imstande gewesen, sich einen Krepphut anzuschaffen. Die
Besitzer der Grube ›Last Chance‹ hatten eine ›Lehmscheide‹ gefunden und
wußten, daß sie einer Silberschicht auf der Spur waren, so daß ein Fuß
davon, der gestern noch ein Spottgeld wert war, heute den Wert eines
Backsteinhauses hatte. Schäbige Anteilbesitzer, denen man gestern im
ganzen Lande nirgends einen Schnaps geborgt hätte, brüllten heute im
Champagnerrausch und sahen sich von Schwärmen warmer Freunde umgeben
in einer Stadt, wo sie aus jahrelangem Mangel an Uebung nicht mehr
gewußt hatten, wie man es macht, jemand zu grüßen oder ihm die Hand zu
schütteln. Johnny Morgan, ein gemeiner Landstreicher, war eines Morgens
in der Gosse mit 100,000 Dollars Vermögen aufgewacht, und zwar infolge
der Entscheidung eines Prozesses über die Grube ›Lady Franklin and
Rough and Ready.‹ Dergleichen Nachrichten tönten uns Tag aus Tag ein
immer lauter in den Ohren, und immer höher loderte die Aufregung rings
um uns empor.
[Illustration]
Ich hätte gar kein Mensch sein müssen, um nicht auch toll zu werden
wie die andern. Tag für Tag kamen ganze Karrenladungen von gediegenen
Silberbarren aus den Pochwerken herein, ein Anblick, der bewies, daß
das tolle Gerede um mich her nicht aus der Luft gegriffen war. Ich
glaubte daran und wurde einer der allertollsten.
Alle paar Tage traf die Kunde von der Entdeckung einer nagelneuen
Bergwerksregion ein. Sofort wimmelte es in den Zeitungen von
Berichten über ihren Reichtum, und die ganze überschüssige Bevölkerung
stürzte fort, um davon Besitz zu nehmen. Die Krankheit steckte mir
jetzt gehörig in den Knochen; eben noch hatte der Zulauf der Grube
›Esmeralda‹ gegolten, und nun fing ›Humboldt‹ an, mit lautem Geschrei
die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Humboldt, Humboldt! so hieß
jetzt das Losungswort, und unverzüglich füllte ›Humboldt‹, die neueste
von den neuen, die reichste von den reichen, die wunderbarste von
den wunderbaren Entdeckungen im Silbergebiet, zwei Spalten in den
Tagesblättern, während ›Esmeralda‹ sich mit einer begnügen mußte.
Ich war eben im Begriffe gewesen, nach der ›Esmeralda‹ aufzubrechen,
ließ mich aber von der Strömung ablenken und machte mich nun nach dem
›Humboldt‹ fertig.
Sechstes Kapitel.
Jetzt hieß es flink sein! Wir verloren denn auch keine Zeit. Unsere
Gesellschaft bestand aus vier Personen: einem sechzigjährigen
Grobschmied, zwei jungen Advokaten und meiner Wenigkeit. Nachdem
wir einen Wagen und zwei elende, alte Gäule gekauft, luden wir
achtzehnhundert Pfund Lebensmittel, sowie unsere Bergmannsgeräte auf
und fuhren an einem kalten Dezembernachmittage von Carson City ab. Die
Pferde waren so alt und schwach, daß wir bald herausgefunden hatten,
es würde wohl besser sein, wenn einer oder zwei von uns ausstiegen und
den Weg zu Fuß fortsetzten. Es ging auch besser. Bald aber fanden wir,
daß es noch besser sein werde, wenn auch ein dritter ausstiege. So war
es denn auch. Ich hatte freiwillig das Amt des Fuhrmannes übernommen,
obwohl ich vorher noch nie mit einem angeschirrten Pferde gefahren
war und mancher in solcher Lage sich gerne hierauf berufen hätte, um
eine derartige Verantwortlichkeit abzulehnen. Allein nach einer kurzen
Weile ergab es sich, daß es wohl ratsam wäre, wenn auch der Fuhrmann
ausstiege und zu Fuß ginge. Damit verzichtete ich auf diese Stellung,
zu der ich nie wieder gelangen sollte. Noch vor Ablauf einer Stunde
fanden wir, daß es nicht nur besser, sondern unbedingt notwendig war,
immer abwechselnd zu zweien den Wagen von hinten durch den Sand zu
schieben, so daß die schwachen Pferde kaum noch etwas zu thun hatten,
als die Zunge nicht heraushängen zu lassen und nicht zwischen die Räder
zu kommen. Es hat vielleicht sein Gutes, wenn man von Anfang an weiß,
was einem bevorsteht und sich mit seinem Schicksal versöhnen kann. Wir
hatten das unsrige an einem einzigen Nachmittag kennen gelernt. Es war
klar, daß wir zweihundert Meilen weit durch den Sand waten würden und
den Wagen samt den Pferden vorwärts schieben müßten. So fügten wir uns
denn in die Umstände, und mit dem Fahren war es aus.
[Illustration]
Nach einem Weg von sieben Meilen lagerten wir uns in der Wüste. Der
junge Clagett, jetzt Mitglied des Kongresses für Montana, schirrte
die Pferde aus, fütterte und tränkte sie; Oliphant und ich schnitten
Salbeiholz, machten Feuer und holten Wasser zum Kochen, und der alte
Herr Ballou besorgte das Kochen selbst. Diese Teilung der Arbeit und
diese Bestimmung der Dienstleistungen für jeden einzelnen hielten wir
während der ganzen Reise fest. Da wir kein Zelt hatten, schliefen wir
in der freien Ebene unter unseren Decken. Die Ermüdung verschaffte uns
festen Schlaf.