Anmerkungen zur Transkription
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Buches.
Mark Twains ausgewählte
humoristische Schriften
Illustriert von =H. Schrödter= und =Albert Richter=
Fünfter Band:
Im Gold- und Silberland
[Illustration]
Stuttgart 1910 / Verlag von Robert Lutz
Im Gold- und Silberland
Von
Mark Twain
Illustriert von =Albert Richter=
Neunte Auflage
[Illustration]
Stuttgart 1910 / Verlag von Robert Lutz
Alle Rechte vorbehalten.
Druck von A. Bonz’ Erben
Stuttgart.
Inhalt.
Im Gold- und Silberland.
I.
Seite
Kapitel 1--24 7--163
II.
Nabobs in Nevada 165
Buck Fanshaws Begräbnis 173
Die angesehensten Bürger-Schwurgerichte 184
Der große Zeitungsroman 191
Belehrendes 200
Von Virginia nach San Francisco 204
Goldgräber 215
Erdbeben 220
Am Bettelstabe 228
Tom Quarz 235
Die Vorlesung 247
Anhang.
Aus meiner Knabenzeit 255
Ritters Geschichte 278
Der Mann, der bei Gadsbys abstieg 301
Die Geschichte des Invaliden 308
Im Gold- und Silberland.
I.
Erstes Kapitel.
In dem vorhergehenden Bande[1] habe ich den Leser über die Prärieen,
das Felsengebirge und durch die Alkaliwüste in die Hauptstadt des
damals neu errichteten Territoriums Nevada, nach der Stadt _Carson_
geführt. Es war eine ›hölzerne‹ Stadt; ihre Einwohnerzahl betrug
zweitausend. Die Hauptstraße bestand aus einer Reihe kleiner, weißer
Bretterhäuschen mit Kaufläden, zu hoch, um darauf zu sitzen, aber
für alle sonstigen Erfordernisse kaum hoch genug. Dieselben standen
hart aneinandergebaut, als mangelte es an Raum auf der mächtigen
Ebene. Den Gehweg bildeten Bretter, die mehr oder minder locker
waren und beim Darauftreten gerne klapperten. Mitten in der Stadt,
den Läden gegenüber, befand sich die, allen Städten jenseits des
Felsengebirges angeborene ›Plaza‹ -- ein großer, offener, ebener Platz
mit einem Freiheitsbaum in der Mitte, sehr geeignet zu öffentlichen
Versteigerungen, Pferdemärkten und Volksversammlungen, sowie zum
Absteigeplatz der Fuhrleute. Zwei andere Seiten der Plaza waren von
Läden, Bureaus und Ställen eingefaßt. Der übrige Teil der Stadt lag
ziemlich zerstreut.
[1] Band IV: »Leben auf dem Mississippi -- Nach dem fernen
Westen.«
Auf der Poststation und auf dem Wege zum Gouverneur wurden wir
verschiedenen Bürgern vorgestellt, darunter einem Herrn Harris, der
sich zu Pferde befand. Derselbe begann ein Gespräch, unterbrach
sich jedoch mit der Bemerkung: »Ich muß Sie auf einen Augenblick um
Entschuldigung bitten; dort drüben steht der Zeuge, der geschworen hat,
ich sei bei der Beraubung der kalifornischen Post beteiligt gewesen --
eine ganz unverschämte Einmischung, da ich mit dem Menschen gar nicht
bekannt bin.«
[Illustration]
Darauf ritt er hin und machte dem Betreffenden Vorhalt mit einem
sechsläufigen Revolver, wogegen sich dieser mit dem seinigen
entschuldigte. Als die Pistolen leer waren, nahm der Unbekannte sein
Geschäft (er flickte sich seine Peitschenschnur) wieder auf, während
Herr Harris mit höflichem Bückling an uns vorbei nach Hause ritt. Er
hatte eine Kugel durch den einen Lungenflügel und mehrere in die Hüften
bekommen, und die kleinen Blutströme, die dem Pferd über die Flanken
liefen, gaben dem Tier ein ganz malerisches Aussehen. Ich habe später,
so oft ich Harris nach jemand schießen sah, immer wieder an jenen
ersten Tag in Carson denken müssen.
Weiter sahen wir an diesem Tage nichts, denn es war zwei Uhr, und nach
Landessitte brach jetzt der tägliche ›Washoe-Zephyr‹ los. Mit demselben
kam eine aufsteigende Staubwehe, etwa von der Größe der Vereinigten
Staaten, welche Nevadas Hauptstadt unsern Blicken entzog. Indes gab
es dabei doch mancherlei zu sehen, was für Neuangekommene nicht ganz
uninteressant war; denn die mächtige Staubwolke war dicht betüpfelt
mit Dingen, die den höheren Luftschichten fremd sind, lebenden und
toten, die zwischen den sich fortwälzenden Staubwirbeln hin und her
flatterten, gingen und kamen, auftauchten und wieder verschwanden
-- mit Hüten, Hühnern und Sonnenschirmen, die hoch oben am Himmel
hinsegelten; mit Decken, Blechschildern, Salbeigestrüpp und Schindeln,
die etwas tiefer hin flogen; noch weiter unten mit Strohmatten und
Büffellederröcken; mit Schaufeln und Kohlenkasten in der nächsten
Luftschicht; Glasthüren, Katzen und kleinen Kindern in der folgenden;
zerbrochenen Bretterzäunen, leichten Einspännern und Schubkarren in der
nächsten; und zu unterst, bis zu höchstens dreißig oder vierzig Fuß
Höhe über dem Boden, wehte ein Wirbelsturm auswandernder Dächer und
leerer Bauplätze hin.
Es war wirklich etwas zu sehen dabei. Ich hätte noch mehr sehen können,
wäre ich imstande gewesen, mir die Augen staubfrei zu halten.
Aber in allem Ernst, ein Washoe-Wind ist durchaus keine Kleinigkeit. Er
bläst schwächliche Häuser um, nimmt gelegentlich Schindeldächer mit,
rollt Blechdächer zusammen wie Notenhefte, weht dann und wann eine
Postkutsche um und verschüttet die Reisenden; und als die Ursache der
vielen Kahlköpfe dort zu Lande hört man überall angeben, der Wind wehe
den Leuten die Haare vom Kopfe, während sie himmelwärts nach ihren
Hüten schauen. Die Straßen der Stadt bieten an Sommernachmittagen
meist ein recht belebtes Bild, da stets eine Menge Leute Jagd auf ihre
entweichenden Hüte machen, wie Stubenmädchen auf eine Spinne.
Der Washoe-Zephyr (Washoe ist ein beliebter Spitzname für Nevada) ist
eigentlich ein recht schriftmäßiger Wind, insofern kein Mensch weiß,
›von wannen er kommt‹, d. h. wo er entsteht. Er kommt geradeswegs über
die Berge aus Westen, aber jenseits der Kammhöhe, auf der andern Seite
drüben, ist nichts von ihm zu entdecken. Er wird vermutlich auf der
Höhe des Gebirges eigens hergestellt und fliegt von dort aus; er ist
zur Sommerszeit ein recht pünktlicher Wind. Seine Geschäftsstunden
währen von zwei Uhr nachmittags bis zum nächsten Morgen um dieselbe
Stunde, und wer sich während dieser zwölf Stunden auf eine Reise wagt,
muß mit dem Winde rechnen, will er nicht ein paar Meilen leewärts von
seinem Ziel anlangen. Und doch ist das erste, worüber sich ein Besucher
aus Washoe in S. Francisco beklagt, daß dort die Seewinde so heftig
wehen. So ist der Mensch nun einmal!
Den Staatspalast des Gouvernements von Nevada entdeckten wir in einem
einstöckigen weißen Bretterhause, das im Innern zwei kleine Zimmer
enthielt und an der Stirnseite -- der Großartigkeit halber -- einen auf
Stützen ruhenden Dachstock hatte; es zwang dem Bürger Hochachtung ab
und erfüllte den Indianer mit Ehrfurcht. Die unlängst eingetroffenen
richterlichen Beamten des Territoriums, der Ober- und der Hilfsrichter,
und was sonst zur Regierungsmaschinerie gehörte, waren weniger
glänzend untergebracht. Sie wohnten rings umher in Privathäusern zur
Miete und hatten ihre Amtslokale in ihren Schlafstuben. Mein Bruder,
(›Mr. Secretary‹) und ich schlugen unser Quartier in dem ›Ranch‹
einer würdigen französischen Dame auf. Sie hieß Bridget O’Flannigan
und gehörte zur Gefolgschaft Sr. Excellenz des Gouverneurs. In
seinen guten Tagen, als er Oberbefehlshaber der hauptstädtischen
Polizei in New York war, hatte sie ihn gekannt und wollte ihn nun in
seinem Mißgeschick als Gouverneur von Nevada auch nicht verlassen.
Unsere Stube lag im unteren Stock und ging auf die Plaza hinaus,
und nachdem wir unser Bett, einen kleinen Tisch, zwei Stühle, den
feuerfesten Schrank der Regierung und das Konversationslexikon darin
untergebracht hatten, war immer noch Raum genug für einen Besuch
vorhanden -- vielleicht sogar für zwei, aber nicht ohne Dehnung der
Wände. Uebrigens konnten die Wände eine solche vertragen -- wenigstens
die Zwischenwände, denn sie bestanden lediglich aus einer einzigen
Schicht groben Baumwollstoffes, der von einer Zimmerdecke zur andern
ausgespannt war. Dies war die Regel in Carson, eine Zwischenwand
anderer Art bildete eine seltene Ausnahme. Wenn man in seinem dunkeln
Zimmer stand, die Zimmernachbarn dagegen Licht brannten, so erzählten
die Schatten an dem Tuch oft merkwürdige Geheimnisse! Sehr häufig
waren diese Zwischenwände aus zusammengehefteten alten Mehlsäcken
hergestellt; dann war der Unterschied zwischen der gemeinen Herde und
der Aristokratie nur der, daß die gemeine Herde schmucklose Säcke
hatte, während die Wände des Aristokraten durch rudimentäre Fresken,
d. h. rote und blaue Mühlenzeichen auf den Säcken, Staunen erregten.
Gelegentlich verschönerten die besseren Stände auch ihr Sackleinen
durch Aufkleben von Holzschnitten aus Harpers Wochenschrift; nicht
selten verstiegen sich die Wohlhabenden und Gebildeten sogar bis
zu Spucknäpfen und andern Beweisen eines kostspieligen und üppigen
Geschmackes. Wir besaßen einen Teppich und ein Waschbecken von echtem
Steingut. Infolgedessen wurden wir von den übrigen Insassen des Ranchs
der Dame O’Flannigan rücksichtslos gehaßt. Als wir gar noch einen
bemalten Fenstervorhang von Wachsleinwand dazu anschafften, waren
wir einfach unseres Lebens nicht mehr sicher. Um Blutvergießen zu
verhüten, zog ich eine Treppe höher und schlug mein Quartier bei den
titellosen Plebejern in einer der vierzehn weißen, schmalen Bettstellen
aus Fichtenholz auf, die in zwei langen Reihen in dem einzigen Zimmer
standen, welches das zweite Stockwerk bildete.
Sie waren eine lustige Gesellschaft, die vierzehn. Meist hatten sie
sich aus freien Stücken dem Gouverneur angeschlossen. Als sie in
New York und San Francisco zu seiner Gefolgschaft stießen, hatten
sie sich gesagt, daß sie bei der Balgerei um Aemtchen und sonstige
im Territorium abfallende Brocken nichts zu verlieren, vielmehr
vernünftigerweise eher vielleicht etwas zu gewinnen hätten. Sie hießen
im Volksmund ›die irische Brigade‹, obwohl sich unter der ganzen
Umgebung des Gouverneurs nur vier oder fünf Irländer befanden. Die
gutmütige Excellenz war sehr verdrießlich über das Gerede, das seine
Leibgarde hervorrief -- besonders, als sich das Gerücht verbreitete,
es seien bezahlte Meuchelmörder, die er sich mitgebracht habe, um
erforderlichen Falles die demokratischen Wahlstimmen in der Stille zu
vermindern!
Frau O’Flannigan gab ihnen Kost und Wohnung für je zehn Dollars die
Woche, und sie gaben dagegen fröhlich ihre Schuldverschreibungen.
Sie waren damit völlig zufrieden. Dagegen fand Bridget bald, daß
uneinlösbare Schuldscheine doch keine genügende Sicherheit für eine
Fremdenpension in Carson City bilden. So lag sie nun dem Gouverneur
in den Ohren, für die ›Brigade‹ eine Beschäftigung aufzutreiben. Sie
sowohl als die Leute selbst setzten ihm so lange zu, bis er in eine
gelinde Verzweiflung geriet und schließlich die Brigade antreten
ließ. »Meine Herren,« redete er sie an, »ich habe eine einträgliche
und ersprießliche Thätigkeit für Sie ausgesonnen -- eine Thätigkeit,
welche Ihnen Erholung inmitten herrlicher Landschaften gewähren und
Ihnen ununterbrochen Gelegenheit verschaffen wird, Ihren Geist durch
Beobachtung und Studium zu bereichern. Ich wünsche die Möglichkeit
der Anlegung einer Eisenbahn von Carson aus nach Westen bis zu einem
gewissen Punkte festzustellen. Beim Zusammentritt der Legislatur werde
ich dafür sorgen, daß das erforderliche Gesetz durchgeht und eine
entsprechende Summe bewilligt wird.«
»Wie, eine Eisenbahn über die Sierra Nevada?«
»Jawohl, -- und Sie sollen zu diesem Zweck die Gegend ostwärts bis zu
einem gewissen Punkte untersuchen!«
Er machte die einen zu Vermessern, die andern zu Kettenträgern u. s.
w.; dann ließ er sie los in die Wüste. Das war eine Erholung, daß es
eine Art hatte! Erholungsfußtouren, auf denen sie die Meßketten durch
Sand und Salbeigestrüpp schleppten unter einer schwülen Sonne und
zwischen Ochsengerippen, Cayoten und Taranteln. Es war die reinste,
höchste Romantik! Sie betrieben die Vermessung sehr langsam, sehr
bedächtig, sehr sorgfältig. Während der ersten Woche kehrten sie alle
Abende staubbedeckt, fußkrank, müde und hungrig, aber höchst vergnügt
zurück. Sie brachten einen großen Vorrat ungeheurer haariger Spinnen
-- Taranteln -- mit, die sie im oberen Zimmer des Ranch in zugedeckte
Biergläser einsperrten. Nach Verlauf der ersten Woche mußten sie im
freien Feld kampieren, denn sie waren tüchtig nach Osten vorgerückt.
Sie erkundigten sich sehr eifrig nach der Lage jenes im unklaren
gelassenen ›gewissen Punktes‹, ohne jedoch Aufschluß darüber zu
erhalten. Endlich, auf eine besonders dringende Anfrage: »Wie weit
östlich?« telegraphierte Gouverneur Nye zurück: »Bis zum atlantischen
Ozean, Ihr Teufelsbraten! -- über den schlagt eine Brücke und macht,
daß ihr hinüber kommt!«
Darauf hin kamen die bestaubten Packesel zurück, die nun einen Bericht
einreichten und ihre Arbeit einstellten. Der Gouverneur nahm die Sache
fortwährend höchst gemütlich; er meinte, da Frau Flannigan sich wegen
des Unterhalts der Brigade doch in jedem Falle irgendwie an ihn halten
werde, so wolle er sich mit den Jungens auch so viel Spaß machen, als
möglich; er gedenke, setzte er mit freundlichem Augenzwinkern hinzu,
sie mit ihren Vermessungen bis nach Utah hinein zu schicken und dann an
Brigham zu telegraphieren, er solle sie wegen Grenzverletzung hängen
lassen.
Die Vermesser brachten immer noch mehr Taranteln mit, so daß wir
schließlich eine ganze Menagerie auf Brettern und Fenstersimsen im
Zimmer aufgestellt hatten. Manche von diesen Spinnen konnten ihre
haarigen muskulösen Beine über eine gewöhnliche Untertasse auseinander
sperren; und wenn ihre Gefühle verletzt wurden oder man ihrer Würde zu
nahe trat, so mußte man sie nach ihrem Ausdruck für die heillosesten
Halunken im ganzen Tierreich halten. Bei jeder noch so leisen Berührung
ihrer gläsernen Gefängnisse waren sie in einem Augenblick auf den
Beinen und kampfgerüstet. In der ersten Nacht nach der Rückkehr der
Brigade wehte wie gewöhnlich ein wütender Zephyr, der um Mitternacht
das Dach eines benachbarten Stalles fortblies, so daß eine Ecke
desselben krachend durch unsern Ranch hereingefahren kam. Es erfolgte
ein gleichzeitiges Erwachen, eine geräuschvolle Musterung der Brigade
im Dunkeln und ein allgemeines Stolpern und Uebereinanderpurzeln in dem
schmalen Gange zwischen den Bettreihen. Mitten in dem Getümmel fuhr Bob
H.-- aus seinem gesunden Schlafe auf und stieß dabei mit dem Kopfe ein
Brett herunter. Im selben Augenblick schrie er:
»Reißt aus, Jungens, die Taranteln sind los!«
Einen gräßlicheren Alarmruf hätte es nicht geben können. Niemand
wagte mehr das Zimmer zu verlassen aus Furcht, auf eine Tarantel
zu treten. Jeder tappte nach einem Koffer oder einem Bett und
schwang sich hinauf. Dann folgte die eigentümlichste Stille -- eine
Stille gräßlicher Spannung, voll Erwartung, Hoffnung, Furcht. Es war
pechfinster, und um das Schauspiel der vierzehn zu genießen, wie sie
in höchst mangelhafter Toilette ängstlich auf Koffern und Betten
hockten, mußte man sich schon mit der Einbildungskraft behelfen,
denn zu sehen war schlechterdings nichts. Dann folgten gelegentlich
kleine Unterbrechungen der Stille; man konnte an der Stimme erkennen,
wer sprach und wo der Betreffende sich befand; auch vermochte man zu
unterscheiden, aus welcher Richtung die sonstigen Geräusche kamen,
die einer der armen Dulder durch sein Herumtappen oder eine Aenderung
seiner Körperlage verursachte. Die ab und zu vernehmbaren Stimmen waren
nicht sehr gesprächig -- man hörte nur ein schwaches ›Au!‹ gefolgt
von einem tüchtigen Aufstampfen; dann wußte man, daß der betreffende
Herr einen haarigen Teppich oder sonst etwas dergleichen auf der Haut
gespürt und daraufhin einen Satz aus dem Bette auf den Stubenboden
gemacht hatte. Darnach wieder tiefe Stille. Jetzt rief eine nach Luft
schnappende Stimme:
»Mi-mir krabbelt etwas hinten am Hals hinauf!« Alle Augenblicke konnte
man einen halbunterdrückten Schrei, ein schwaches Strampeln und ein
angstvolles ›ach, Herrgott!‹ vernehmen -- zum Zeichen, daß einer sich
vor etwas zurückzog, was ihm wie eine Tarantel vorkam, und zwar ohne
Zeitverlust. Nun schrie auf einmal hinten in der Ecke eine Stimme laut
und wild auf:
»Ich hab’ ihn! Ich hab’ ihn!« (Hierauf Pause, während der die
Verhältnisse sich vermutlich änderten.) »Nein, er hat mich! O, geht
denn _gar_ niemand und holt eine Laterne?«
In dem Augenblick erschien die Laterne in den Händen der Frau
O’Flannigan. Nachdem diese aus dem Bett gestiegen und Licht gemacht,
hatte sie trotz ihrer Begier, sich von der Größe des durch das
feindliche Dach angerichteten Schadens zu überzeugen, wohlweislich
nicht unterlassen, eine angemessene Weile zu warten, bevor sie oben
nachsah, ob der Wind jetzt fertig oder noch mehr Unthaten vorhabe.
Die Scenerie, welche sich enthüllte, als plötzlich der Schein der
Laterne ins Zimmer strahlte, war malerisch und wäre vielleicht manchen
Leuten komisch vorgekommen, für uns war sie es nicht. Wir saßen zwar
in höchst wunderlicher Stellung und in einem nicht minder wunderlichen
Aufzug auf Kisten, Koffern und Betten herum, allein wir hatten viel zu
große Angst und fühlten uns zu unbehaglich, um etwas Komisches darin
zu finden; so war denn nirgends auch nur der Schein eines Lächelns zu
bemerken. Was mich betrifft, so kann ich mir nichts Aergeres vorstellen
als die Pein, die ich während der wenigen Minuten voll angstvoller
Spannung im Dunkeln, umgeben von diesen kriechenden, blutgierigen
Taranteln, erduldet hatte. In kaltem Todesschweiß war ich von Bett zu
Bett, von Kiste zu Kiste gehüpft, und so oft ich an etwas Stacheligem
streifte, bildete ich mir bereits ein, ich spüre die Fänge.
Ich ginge lieber in den Krieg, als dieses Vorkommnis noch einmal
mitzumachen. Es war übrigens niemand zu Schaden gekommen. Derjenige
welcher glaubte, eine Tarantel ›habe ihn‹, irrte sich gründlich --
er hatte sich nur die Finger in einen Kistenspalt geklemmt. Von den
entwichenen Taranteln wurde keine jemals mehr gesehen; es waren zehn
oder zwölf gewesen. Wir durchsuchten das Zimmer mit Licht von oben bis
unten, jedoch ohne Erfolg. Dann gingen wir wohl zu Bette? O nein! Alles
Gold der Welt hätte uns nicht dazu gebracht. Wir blieben die Nacht
vollends auf, spielten ›Cribbage‹ und hielten scharfe Ausschau nach dem
Feinde.
Zweites Kapitel.
Es war Ende August, der Himmel war wolkenlos und das Wetter prachtvoll.
Im Laufe einiger Wochen hatte mich das merkwürdige neue Heimatland
wunderbar bezaubert, und ich nahm mir vor, meine Rückkehr nach den
›Staaten‹ einige Zeit aufzuschieben. Ich hatte mich völlig daran
gewöhnt, einen schadhaften Schlapphut, ein blaues Wollhemd und
die Hosen in den Stiefelschäften zu tragen und war stolz auf den
Mangel von Rock, Weste und Hosenträgern. Es war mir so rüpelhaft und
›großschnäuzig‹ zu Mute (wie der Historiker Josephus sich in seinem
schönen Kapitel über die Zerstörung des Tempels ausdrückt). Ein so
schönes und romantisches Leben konnte es nicht wieder geben, davon
war ich fest überzeugt. Ich war zwar Regierungsbeamter, allein das
diente nur zum äußeren Glanz. Das Amt war eine reine Sinekure. Ich
hatte nichts zu thun und bezog keinen Gehalt. Ich war Privatsekretär
Sr. Majestät des Sekretärs und für zwei gab es noch nicht Schreiberei
genug. So widmete ich meine Zeit dem Vergnügen in Gesellschaft von
Johnny K.--, dem jungen Sohn eines Nabobs in Ohio, der sich hier zu
seiner Erholung aufhielt. Er fand diese auch. Wir hatten von der
wundersamen Schönheit des Tahoe-Sees reden hören und schließlich
trieb uns die Neugier, denselben in Augenschein zu nehmen. Drei oder
vier Mitglieder der Brigade waren dort gewesen, hatten ein paar
Holzschläge an seinen Ufern abgegrenzt und in ihrem Lager einen Vorrat
von Lebensmitteln zurückgelassen. Wir schnallten uns ein paar wollene
Decken auf den Rücken, nahmen jeder eine Axt und machten uns auf --
denn wir wollten uns auch einen Waldranch oder so etwas anlegen und
vornehme Leute werden.
Wir waren zu Fuß. Der Leser wird es vorteilhafter finden, zu reiten.
Man sagte uns, es sei elf Meilen Weges. Lange marschierten wir auf
ebenem Boden, dann klommen wir mühsam einen vielleicht tausend Fuß
hohen Berg hinauf und hielten Umschau. Kein See da. Wir stiegen auf der
andern Seite wieder hinunter, gingen über die Thalmulde hinüber und
quälten uns noch einen Berg hinauf, der uns drei- bis viertausend Fuß
hoch vorkam, um abermals Umschau zu halten. Noch immer kein See. Müde
und schweißtriefend setzten wir uns nieder und mieteten uns ein paar
Chinesen, um die Leute zu verfluchen, die uns zum besten gehabt hatten.
Nach dieser Erfrischung nahmen wir unsern Marsch mit erneuter Kraft
und Entschlossenheit abermals auf. Zwei oder drei Stunden schleppten
wir uns noch weiter, bis endlich mit einemmal der See vor uns lag
-- eine herrliche blaue Wasserfläche, sechstausend dreihundert Fuß
über dem Meeresspiegel und von einer Kette schneebedeckter Berggipfel
umrahmt, die sich noch volle dreitausend Fuß höher auftürmten. Es war
ein riesiges Oval von reichlich achtzig bis hundert Meilen Umfang. Wie
er so dalag, während die Schattenbilder der Berge sich herrlich auf
seiner stillen Oberfläche wiederspiegelten, war ich überzeugt, daß es
sicherlich auf der ganzen Erde kein schöneres Bild geben könne.
Wir fanden den kleinen Kahn, welcher der Brigade gehörte, und fuhren
ohne Zeitverlust über eine tiefe Einbuchtung des Sees auf die
Meßstangen zu, welche das Lager bezeichneten. Ich ließ Johnny rudern --
nicht aus Scheu vor der Anstrengung, sondern weil mir übel davon wird,
wenn ich beim Arbeiten rückwärts fahre. Dagegen steuerte ich. Nach
einer Fahrt von drei Meilen langten wir gerade mit Einbruch der Nacht
an dem Lager an; todmüde und mit einem wahren Wolfshunger stiegen wir
ans Land. In einer Höhlung unter den Felsen fanden wir die Vorräte und
das Kochgeschirr und nun setzte ich mich trotz meiner Erschöpfung auf
einen Felsblock und beaufsichtigte die Zurüstungen, während Johnny Holz
sammelte und das Essen bereitete. Mancher, der so viel geleistet hatte,
wie ich, hätte sich wohl vor allem nach Ruhe gesehnt.
[Illustration]
Es gab ein köstliches Essen -- warmes Brot, gebratenen Speck und
schwarzen Kaffee. Und die Einsamkeit, die uns umgab, war ebenfalls
köstlich. Drei Meilen entfernt befand sich eine Sägemühle mit einigen
Arbeitern, außerdem gab es im ganzen weiten Umkreis des Sees keine
fünfzehn menschliche Wesen. Als die Dunkelheit herabsank und die Sterne
herauf kamen, so daß der gewaltige Spiegel wie ein Juwelenschmuck
strahlte, schmauchten wir beschaulich unsere Pfeifen in der feierlichen
Stille und vergaßen alle Sorgen und Schmerzen. Als es Zeit war,
breiteten wir unsere Decken über den warmen Sand zwischen zwei großen
Felsstücken und schliefen bald ein, unbekümmert um die Ameisen, welche
in langer Reihe uns in die Kleider krochen und uns bis auf die Haut
untersuchten. Den Schlaf, der uns umfing, vermochte nichts zu stören,
denn wir hatten ihn redlich verdient, und wenn unser Gewissen uns
irgend welcher Sünden beschuldigte, so mußte es das Gericht für diese
Nacht unter allen Umständen vertagen. Der Wind erhob sich gerade, als
uns das Bewußtsein schwand, und das Anprallen der Brandung am Ufer
lullte uns in Schlummer.
Es ist nachts stets sehr kalt am Rande dieses Sees, allein wir waren
gut mit Decken versehen, die uns hinreichend wärmten. Die ganze Nacht
rührten wir kein Glied; in aller Morgenfrühe erwachten wir noch in
derselben Lage, die wir abends eingenommen, um sofort aufzuspringen,
gründlichst erfrischt, frei von Unbehagen und zum Uebersprudeln voll
von neuer Spannkraft. So etwas stärkt über alle Begriffe. Heute wären
wir mit zehn so hundemüden Leuten fertig geworden, wie wir tags zuvor
waren. In unserer Zeit brauchen viele Menschen ihrer Gesundheit wegen
Wasser- und Terrainkuren und gehen in fremde Länder. Drei Monate
Lagerleben am Tahoe-See würde einer ägyptischen Mumie ihre urzeitliche
Lebenskraft wieder geben, und einen Appetit bekäme sie dadurch wie
ein Alligator. Damit meine ich natürlich nicht die ältesten und die
trockensten Mumien, sondern die frischeren. Die Luft da oben in den
Wolken ist gar rein und schön, gar frisch und köstlich. Und warum
auch nicht? -- Ist es doch dieselbe, welche die Engel atmen. Ich
glaube, man würde die entsetzlichste Müdigkeit, die man sich überhaupt
vorstellen kann, in einer Nacht auf dem Sande am Ufer dieses Sees
sicher wegschlafen. Nicht unter einem Dach, sondern unter freiem
Himmel. Es regnet dort im Sommer selten oder nie. Ich kenne jemand, der
sterbenskrank dorthin ging; aber es wurde nichts mit dem Sterben. Als
ein Gerippe kam er an und konnte sich kaum auf den Füßen halten; er
hatte keinen Appetit und that nichts als Traktätchen lesen und über die
Zukunft grübeln. Drei Monate darauf schlief er regelmäßig im Freien,
aß dreimal am Tage so viel in ihn hineinging und pürschte zur Erholung
dreitausend Fuß hoch im Gebirge dem Wilde nach. Dabei war er kein
Gerippe mehr, sondern hatte ein beträchtliches Gewicht aufzuweisen.
Das ist kein Hirngespinst, es ist die reine Wahrheit. Er hatte an der
Schwindsucht gelitten. Ich empfehle seine Erfahrung vertrauensvoll
anderen Gerippen zur Nachahmung.
Ich begnügte mich wiederum mit der Oberaufsicht über die Küche.
Sofort nach dem Frühstück stiegen wir ins Boot und ruderten drei
Meilen am Seegestade entlang; dann stiegen wir aus. Die Stelle gefiel
uns, deshalb nahmen wir etwa dreihundert Morgen davon in Besitz und
schnitten unser Merkzeichen in einen Baum. Es war ein Bestand von
gelben Fichten -- ein dichter Wald von Bäumen, hundert Fuß hoch und
bis auf fünf Fuß im Durchmesser über der Wurzel. Wir mußten unser
Besitztum jedoch einzäunen, anders konnten wir es nicht behaupten, d.
h. wir mußten da und dort einen Baum fällen, und zwar so, daß dadurch
eine Art Einfriedigung mit ziemlich weiten Lücken entstand. Wir fällten
jeder drei Bäume, fanden jedoch, daß es eine so herzbrechende Arbeit
war, daß wir beschlossen, es dabei bewenden zu lassen; sicherten sie
unser Eigentum -- gut und schön, wenn nicht -- nun so mochte es durch
die Lücke auslaufen und von dannen fließen; tot quälen wollten wir uns
nicht um ein paar elende Morgen Land. Tags darauf kamen wir zurück, um
ein Haus aufzuschlagen; denn ein Haus war gleichfalls notwendig, wenn
wir unsern Besitz behaupten wollten.[2] Wir beschlossen, ein tüchtiges
Blockhaus zu bauen, das den Neid der Jungen von der Brigade erregen
sollte. Als wir jedoch den ersten Klotz gehauen und zurecht gezimmert
hatten, kam es uns unnötig vor, soviel Sorgfalt darauf zu verwenden,
und wir beschlossen, es aus dünnen Stämmchen zu erbauen. Indessen sahen
wir uns nach dem Zuhauen und Abputzen zweier Stämmchen zur Anerkennung
der Thatsache genötigt, daß selbst eine noch bescheidenere Architektur
dem Gesetze Genüge thun würde, worauf wir beschlossen, unser Haus aus
Reisig zu errichten. Wir widmeten dieser Arbeit den folgenden Tag,
leisteten jedoch soviel im Herumsitzen und Schwatzen, daß wir erst um
die Mitte des Nachmittags ein halbwegs fertiges Ding zu stande gebracht
hatten. Während einer von uns Strauchwerk abhieb, mußte der andere
unsern Bau bewachen, wir würden ihn sonst am Ende nicht wiedergefunden
haben, wenn wir ihm beide den Rücken kehrten. Er hatte eine gar so
starke Familienähnlichkeit mit dem ihn umgebenden Buschwerk. Wir waren
indes damit zufrieden.
[2] Um Regierungsland unentgeltlich zu bekommen, mußte ein
Ansiedler in gewisser Zeit ein Blockhaus gebaut und
sonstige Arbeiten auf dem von ihm beanspruchten Boden
verrichtet haben.
So waren wir nun Landbesitzer, in aller Form installiert und unter
dem Schutze des Gesetzes. Wir beschlossen deshalb, unsern Wohnsitz
auf unserem eigenen Grund und Boden aufzuschlagen und uns jenes
großen Gefühls der Unabhängigkeit zu erfreuen, das nur eine solche
Erfahrung verleihen kann. Spät am folgenden Nachmittag fuhren wir
nach einer herrlichen und langen Rast von dem Lager der Brigade weg,
samt allen Vorräten und Kochgeschirren, die wir fortbringen konnten,
und zogen gerade mit Einbruch der Nacht das Boot auf unserem eigenen
Landungsplatze an den Strand.
Wenn es irgend ein glücklicheres Leben giebt, als dasjenige, welches
wir von nun an zwei oder drei Wochen lang in unserer Waldhütte führten,
so muß das eine Sorte Leben sein, die ich weder aus Büchern, noch
aus eigener Erfahrung kennen gelernt habe. Wir sahen während der
ganzen Zeit außer uns selbst kein lebendes Wesen und vernahmen keine
anderen Töne als diejenigen, welche Wind und Wellen hören ließen, das
Seufzen der Fichten und dann und wann den fernen Donner einer Lawine.
Der Wald um uns war dicht und kühl, der Himmel über uns erstrahlte
in wolkenlosem Sonnenschein, der breite See vor uns war je nach der
Stimmung der Natur bald klar wie Kristall, bald von einem Lufthauch
leicht gekräuselt und bald schwarz und sturmbewegt. Die ihn im
Kreise überragenden Bergkuppen aber, mit Waldesgrün bekleidet, von
Bergrutschen zerrissen, durch Schluchten und Thäler gespalten und mit
Hauben glitzernden Schnees bedeckt, bildeten den passenden Rahmen und
Abschluß zu dem herrlichen Bilde. Die Aussicht war stets fesselnd,
bezaubernd, entzückend; nie wurde das Auge müde zu schauen, bei Nacht
oder Tag, bei Ruhe oder Sturm; es kannte nur _einen_ Schmerz, nämlich,
daß es nicht ununterbrochen schauen durfte, sondern bisweilen sich zum
Schlafe schließen mußte.
Wir schliefen im Sande, hart am Rande des Wassers, zwischen zwei
schützenden Felsblöcken, die dafür sorgten, daß die stürmischen
Nachtwinde uns nichts anhaben konnten. Ohne Schlafmittel schliefen
wir stets ein und mit dem ersten Tagesgrauen waren wir wieder auf und
liefen gleich um die Wette, um unser überschäumendes Kraftgefühl und
unsere übermütige Laune etwas herabzustimmen, d. h. Johnny lief -- und
ich hielt indessen seinen Hut. Während wir dann nach dem Frühstück
die Friedenspfeife schmauchten, beobachteten wir, wie die Berggipfel
auf ihrer hohen Warte sich in den Glanz der Sonne kleideten. Wir
folgten dem Licht auf seinem Siegespfade, wie es zwischen den Schatten
herabschoß und die in den Banden der Finsternis liegenden Felszacken
und Wälder in Freiheit setzte. Wir sahen die farbigen Bilder auf dem
Wasser immer größer und heller werden, bis jede kleine Einzelheit von
Wald, Bergwand und Felszinne hineingewoben war und das Zauberwerk
vollständig fertig vor uns lag. Dann ging es ans ›Geschäft‹, d. h. an
das Herumtreiben im Boote.
Wir befanden uns am Nordufer. Hier waren die Felsen auf dem Grunde grau
oder weiß. Dadurch kommt die wunderbare Durchsichtigkeit des Wassers zu
vollerer Geltung als sonst irgendwo auf dem See. Gewöhnlich ruderten
wir etwa hundert Ellen weit hinaus vom Ufer, dann legten wir uns im
Sonnenschein auf die Sitzbretter und ließen das Boot treiben, wohin es
wollte. Selten sprachen wir ein Wort; das hätte nur die Sabbatstille
unterbrochen und uns in den Träumen gestört, die wir unserer üppigen
Ruhe und Trägheit verdankten. Das Ufer war allenthalben durch tiefe
Buchten und Baien ausgezackt, die von schmalen Sandbänken begrenzt
wurden; wo der Sand endete, stiegen die schroffen Bergwände in den
Himmelsraum auf, wie eine ungeheure, fast senkrechte Mauer, die dicht
mit hochragenden Fichten bewachsen ist.
So eigentümlich klar war das Wasser, daß es an Stellen, wo die Tiefe
bloß zwanzig bis dreißig Fuß betrug, den Grund mit einer Deutlichkeit
erkennen ließ, welche die Täuschung hervorrief, als schwämme das Boot
in der Luft. Ja, dies war sogar an Stellen von achtzig Fuß Tiefe der
Fall.
Jeder kleine Kiesel war deutlich sichtbar, jede gefleckte Forelle, jede
Handbreit Sand. Oft, wenn wir mit dem Gesicht nach unten da lagen,
tauchte ein granitner Block, scheinbar so groß wie eine Dorfkirche,
blitzschnell vom Grunde nach der Oberfläche zu herauf, bis er plötzlich
unsere Gesichter zu berühren drohte und wir dem Antrieb, nach einem
Ruder zu greifen und die Gefahr abzuwenden, nicht zu widerstehen
vermochten. Aber das Boot schwamm weiter, der Block senkte sich wieder,
und wir konnten sehen, daß er, als wir uns genau über ihm befanden,
immer noch zwanzig bis dreißig Fuß unter der Oberfläche gewesen sein
mußte. In diesen großen Tiefen war das Wasser nicht mehr bloß einfach
durchsichtig, sondern geradezu leuchtend und strahlend. Alle durch
dasselbe gesehenen Gegenstände zeigten sich nicht nur in allgemeinen
Umrissen, sondern bis zur kleinsten Einzelheit, mit solchem Glanz und
solcher Klarheit, wie dies nicht der Fall gewesen sein würde, hätte man
sie durch eine Luftschicht von derselben Tiefe hindurch gesehen. Der
ganze Raum da unten kam uns so leer und luftig vor, und wir hatten so
lebhaft das Gefühl, hoch darüber, mitten im Nichts hinzuschwimmen, daß
wir diese Ausflüge im Boote unsere ›Luftballon-Reisen‹ nannten.
Wir fischten fleißig, fingen aber im Durchschnitt kaum einen Fisch
in der Woche. Wir konnten Forellen zu Tausenden unter uns durch den
leeren Raum hinschwimmen oder an Sandbänken auf dem Grunde schlafen
sehen, aber anbeißen wollten sie nicht -- vielleicht, daß sie die
Angelschnur zu deutlich unterscheiden konnten. Oftmals lasen wir uns
eine Forelle aus, die wir gerne haben wollten und ließen ihr den Köder
mit unermüdlicher Geduld achtzig Fuß tief drunten dicht vor der Nase
baumeln; aber sie schüttelte denselben nur verdrießlich ab und nahm
eine andere Stellung ein.
Gelegentlich badeten wir, doch war das Wasser, obwohl es so sonnig
aussah, ziemlich frisch. Manchmal ruderten wir hinaus nach dem ›blauen
Wasser‹, eine oder zwei Meilen vom Ufer. Das Wasser war dort ganz
dunkelblau wie Indigo wegen der ungeheuren Tiefe. Der amtlichen Messung
zufolge ist der See in der Mitte 1525 Fuß tief!
Bisweilen streckten wir uns an müßigen Nachmittagen auf den Sand hin
und lasen bei einer Pfeife ein paar alte abgegriffene Erzählungen.
Abends am Lagerfeuer spielten wir zur Herzstärkung ›Euchre‹ und ›Seven
Up‹, und zwar mit so fettigen und schäbigen Karten, daß nur eine den
ganzen Sommer fortgesetzte Bekanntschaft mit ihnen es ermöglichte,
bei gehöriger Aufmerksamkeit das Kreuz-Aß vom Schellen-Buben zu
unterscheiden.
In unserm ›Hause‹ schliefen wir niemals; das kam uns gar nicht in den
Sinn; überdies hatten wir es ja nur gebaut, um das Anrecht auf Grund
und Boden zu erhalten, und das genügte. Zuviel zumuten wollten wir ihm
nicht.
Allmählich begannen unsere Lebensmittel knapp zu werden; wir kehrten
deshalb ins alte Lager zurück, um neue Vorräte zu holen. Wir waren den
ganzen Tag fort und kamen erst mit Einbruch der Nacht ziemlich müde und
hungrig wieder heim. Während Johnny die Hauptmasse der Lebensmittel
zu späterem Gebrauch in unser Haus trug, schaffte ich den Brotlaib,
etliche Schinken und den Kaffeetopf ans Ufer, stellte die Sachen an
einem Baum ab, zündete ein Feuer an und ging dann nach dem Boote
zurück, um die Bratpfanne zu holen. Unterwegs hörte ich einen Schrei
von Johnny, und als ich aufblickte, sah ich mein Feuer über die ganze
Umgegend hingaloppieren. Johnny befand sich jenseits desselben und
mußte durch die Flammen hindurchlaufen, um das Seeufer zu gewinnen;
dann standen wir hilflos da und beobachteten die Verwüstung, die der
Brand anrichtete.
Der Boden war mit einer hohen Schicht trockener Fichtennadeln
bedeckt, die bei der ersten Berührung mit dem Feuer aufflammten wie
Schießpulver. Es war merkwürdig anzusehen, mit wie rasender Eile die
gewaltige Flammensäule sich fortbewegte. Mein Kaffeetopf war dahin
und alles andere mit ihm. Nach anderthalb Minuten ergriff das Feuer
einen dichten Busch trockenen Manzanita-Gesträuchs von sechs bis acht
Fuß Höhe, und nun wurde das Brausen, Zischen und Prasseln geradezu
fürchterlich. Die durchdringende Hitze trieb uns in das Boot, wo wir,
wie durch einen Zauber gefesselt, verblieben.
Binnen einer halben Stunde war alles vor unseren Augen ein rasendes und
blendendes Flammenmeer. Das Feuer brauste an den nächsten Hügelkämmen
empor, überstieg dieselben und verschwand in den jenseitigen
Schluchten, um dann plötzlich auf ferneren und höheren Bergrücken
abermals zum Vorschein zu kommen, wo es eine noch gewaltigere Helle
ausstrahlte und dann wieder untertauchte. Dann flammte es wieder
auf, höher und immer höher am Bergeshang, sandte Glutströme wie
Plänklerketten da und dorthin aus, die sich dann in rotglühenden
Schlangenlinien zwischen fernen Bergwänden, Klippen und Schlünden
hinwälzten, bis die hoch aufragenden Gebirgsstöcke, so weit das Auge
reichte, von roten Lavabächen überzogen waren, die einem verschlungenen
Netzwerk glichen. Weithin über dem Wasser erstrahlten die Felshörner
und Bergkuppen in grellrotem Glanz, und das Firmament droben flammte in
einer wahren Höllenglut!
Dieses Schauspiel wiederholte sich Zug für Zug in dem glühenden Spiegel
des Sees! Beide Bilder waren erhaben, beide schön, doch zeigte das
Spiegelbild im See eine staunenswerte Farbenpracht, welche das Auge
noch unwiderstehlicher fesselte und entzückte.
Vier lange Stunden saßen wir in uns versunken und regungslos da; wir
dachten weder an Speise noch Trank und fühlten keine Ermüdung. Um elf
Uhr hatte der Brand unsern Gesichtskreis überschritten und allmählich
lagerte sich das Dunkel wieder über die Landschaft.
Jetzt meldete sich der Hunger; aber es gab nichts zu essen. Die
Lebensmittel waren ohne Zweifel sämtlich gekocht und gebraten; doch
nahmen wir sie nicht in Augenschein. Wir waren wieder heimat- und
besitzlose Wandervögel. Unser Zaun war fort, unser Haus verbrannt
und nicht einmal versichert gewesen. Unser Fichtenwald war gehörig
versengt, die abgestorbenen Bäume sämtlich verbrannt und die weiten
Strecken Manzanita-Gebüsch weggefegt. Unsere Decken indes befanden sich
an unserem gewohnten Schlafplatz auf dem Sande; so legten wir uns denn
nieder und schliefen ein. Am nächsten Morgen brachen wir wieder nach
dem alten Lager auf, aber während wir noch eine weite Strecke vom Ufer
entfernt waren, brauste ein gewaltiger Sturm heran, so daß wir nicht zu
landen wagten. So schöpfte ich denn die Wasserstürze aus, die uns ins
Boot schlugen, während Johnny mit Macht durch die Wogen ruderte, bis
wir drei oder vier Meilen jenseits des Lagers eine gute Landungsstelle
erreicht hatten. Der Sturm blies immer stärker, und es wurde uns immer
klarer, daß wir besser thäten, das Boot auf gut Glück auf den Strand
laufen zu lassen, als uns der Gefahr auszusetzen, in hundert Faden
tiefem Wasser zu versinken. So fuhren wir denn aufs Land zu, hohe,
weiße Wellenkämme hinter uns; ich saß hinten auf dem letzten Brette
und lenkte die Spitze des Bootes nach dem Ufer hin. Im Augenblick,
als dasselbe aufstieß, kam eine Welle über den Stern herüber, welche
Mannschaft und Ladung ans Ufer spülte und uns dadurch viele Mühe und
Not ersparte. Den ganzen Tag über zitterten wir hinter einem Felsblock
vor Frost und froren auch die ganze Nacht hindurch. Am Morgen hatte
sich der Sturm gelegt und wir ruderten ohne jeden überflüssigen
Aufenthalt nach dem Lager. Wir waren dermaßen ausgehungert, daß wir den
ganzen Rest des Proviants der Brigade aufaßen; dann machten wir uns
nach Carson auf, um ihnen zu beichten und sie um Absolution zu bitten.
Gegen Zahlung des Schadens wurde dieselbe gewährt.
Wir machten später noch manchen Ausflug nach dem See und bestanden
haarsträubende Abenteuer, bei denen wir nur mit knapper Not davonkamen.
Aber die Geschichte schweigt darüber.
Drittes Kapitel.
Ich kam jetzt zu dem festen Entschluß, mir ein Reitpferd anzuschaffen.
Nie hatte ich, außer im Zirkus, eine so tolle, freie, prächtige
Reitkunst gesehen, wie sie diese malerisch gekleideten Mexikaner,
Kalifornier und mexikanisierten Amerikaner in Carson Tag für Tag zum
besten gaben. Wie die ritten! Nur ein klein wenig nach vorn gebeugt,
fegten sie durch die Straßen wie der Wind; die breite Krempe ihres
Schlapphutes stand kerzengerade in die Höhe, und sie schwangen die
lange Riata über dem Kopfe. Eine Minute darauf waren sie nur noch ein
Staubwölkchen, weit draußen in der Wüste. Beim Traben waren sie stolz
und anmutig auf dem Pferde, als wären sie mit demselben verwachsen und
hopsten nicht auf und nieder nach der albernen Manier der Reitschulen.
Ich hatte bald ein Pferd von einer Kuh unterscheiden gelernt und
brannte vor Begier, noch mehr zu können; ich war entschlossen, mir ein
Pferd zu kaufen. Während dieser Gedanke mir im Kopf herumschwirrte, kam
der Auktionator auf einem schwarzen Tiere über die Plaza gejagt, es war
höckerig und eckig wie ein Kamel und auch ebenso häßlich; allein es
wurde versteigert: »zum drittenmal zweiundzwanzig -- Pferd, Sattel und
Zügel für zweiundzwanzig Dollars, meine Herren!« und da konnte ich kaum
widerstehen.
[Illustration]
Ein unbekannter Mann (wie sich später zeigte, war es der Bruder des
Auktionators) bemerkte meine sehnsüchtigen Blicke und meinte, es sei
doch für den Preis ein ganz respektables Pferd; der Sattel, fügte
er bei, sei allein das Geld wert. Es war ein spanischer Sattel mit
gewichtigen ›Tapidaros‹ und mit dem plumpen Ueberzug von Sohlenleder
unaussprechlichen Namens. Ich sagte, ich hätte halb und halb Lust zu
bieten. Darauf sah mich der Mensch mit seinen stechenden Augen an,
als wollte er prüfen, wes Geistes Kind ich sei; doch ließ ich jeden
Verdacht fallen, als er sprach, denn sein Wesen war voll argloser
Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit.
»Ich kenne dieses Pferd, -- kenne es genau,« sagte er, »Sie sind ein
Fremder dem Anschein nach, und so können Sie vielleicht meinen, es
sei ein amerikanisches Pferd, aber ich versichere Sie, das ist nicht
der Fall. Es ist durchaus nichts dergleichen; es ist -- entschuldigen
Sie, wenn ich leise spreche, es sind noch mehr Leute um den Weg -- es
ist ohne den allermindesten Zweifel ein echter mexikanischer Stöpsel!«
Ich wußte allerdings nicht, was ein echter mexikanischer Stöpsel war,
allein es lag etwas so Besonderes in der Art, wie der Mann das sagte,
daß ich mir im stillen gelobte, ich müsse einen echten mexikanischen
Stöpsel haben, und sollte es mein Leben gelten. »Hat es sonst noch
Vorzüge?« forschte ich mit unsicherer Stimme, indem ich meine Ungeduld
nach Kräften zu bemeistern suchte.
Er faßte mit einem Finger in die Tasche meines Wollhemdes, zog mich
beiseite und flüsterte mir mit Nachdruck ins Ohr: »Er ist im Bocken
jedem über in ganz Amerika!«
[Illustration]
»Zum dritten, zum dritten, zum drittenmal -- vierundzwanzig ein halb
Dollars meine Her--«
»Siebenundzwanzig!« schrie ich wie toll.
»Gehört Ihnen!« erklärte der Auktionator, und damit übergab er mir den
echten mexikanischen Stöpsel.
Ich vermochte kaum meinen Jubel zurückzuhalten, bezahlte das Geld
und stellte das Tier in den benachbarten Mietstall ein, damit es
etwas zu fressen bekomme und sich ausruhe. Am Nachmittag nahm ich das
Geschöpf mit auf die Plaza, wo ein paar Leute es an Kopf und Schwanz
festhielten, während ich aufstieg. Sobald sie losließen, stellte der
Gaul seine vier Füße dicht zusammen, senkte den Rücken und wölbte ihn
dann wieder plötzlich, so daß er mich drei oder vier Fuß hoch in die
Luft hinauf schnellte! Ich kam ganz senkrecht wieder herunter, mitten
in den Sattel, flog aber augenblicklich wieder in die Höhe und wäre
fast auf den hohen Sattelknopf gekommen, schoß dann ein drittesmal
empor und kam jetzt auf den Hals des Gaules zu sitzen -- alles im
Verlauf von drei oder vier Sekunden. Nun bäumte er sich und stand fast
kerzengerade auf den Hinterbeinen, während ich mich verzweifelt an
seinen mageren Hals anklammerte und so in den Sattel zurückrutschte.
Kaum stand er wieder auf allen Vieren, so hob er sofort die Hinterbeine
und stellte sich auf die Vorderbeine, während er mit jenen ausschlug,
als wollte er dem Himmel eins versetzen. Sodann begann er abermals
Flugübungen mit mir anzustellen. Als ich das drittemal emporschnellte,
hörte ich, wie ein Fremder sagte: »O, aber der kann einmal bocken!«
Ich schwebte noch in der Luft, als jemand dem Gaul einen schallenden
Hieb mit einem Lederriemen gab, und als ich wieder herunterkam, war der
echte mexikanische Stöpsel nicht mehr da. Ein junger Kalifornier jagte
ihm nach, fing ihn ein und fragte, ob er einen Ritt mit ihm machen
dürfe. Ich gestattete ihm diesen Hochgenuß. Er bestieg den Echten und
flog ebenfalls einmal in die Höhe, rannte ihm aber, wie er herunterkam,
die Sporen in die Rippen, worauf der Gaul davonging wie ein Telegramm.
Er schwebte über drei Zäune wie ein Vogel und verschwand auf der Straße
nach dem Washoe-Thal.
[Illustration]
Ich ließ mich mit einem Seufzer auf einen Stein nieder und suchte
unwillkürlich mit der einen Hand die Stirn, mit der andern den Magen.
Ich glaube, ich hatte noch nie die Unzulänglichkeit der menschlichen
Maschinerie so gründlich erkannt, -- denn ich hätte mindestens eine
oder zwei Hände mehr haben sollen, um sie noch an andere Stellen halten
zu können. Keine Feder kann beschreiben, wie ich zusammengeschüttelt
war. Keine Einbildungskraft reicht hin, um sich vorzustellen, wie ich
gänzlich aus dem Leim gegangen, innerlich und äußerlich zerrissen,
zerfahren und durch und durch gerüttelt war. Es hatte sich indes eine
teilnehmende Schar um mich gesammelt, und ein Mann von ältlichem
Aussehen spendete mir den Trost:
»Fremder, Sie sind hereingefallen. Jedermann in diesem Neste kennt
dieses Pferd. Jedes Kind, jeder Indianer hätte Ihnen sagen können,
daß es bocken würde; es ist im Bocken der schlimmste Teufel in ganz
Amerika. Hören Sie, was ich sage. Ich bin Curry, der alte Curry, der
alte Abe Curry. Der Gaul ist ein echter mexikanischer Stöpsel durch
und durch und dazu noch ein ungewöhnlich niederträchtiger. Ei, Sie
Tausendsapperlot, wenn Sie es gescheit angegriffen hätten, so hätten
Sie vielleicht ein amerikanisches Pferd für weit weniger kriegen
können, als Sie für die elende, alte, fremde Krake bezahlt haben.«
Ich sagte keine Silbe, aber ich nahm mir im stillen vor, falls der
Bruder des Auktionators während meines Aufenthalts im Lande zu Grabe
getragen werden sollte, alle andern Vergnügungen zu verschieben, um
dieses Begräbnis nicht zu versäumen.
Nach einem Galopp von sechzehn Meilen kamen der kalifornische Jüngling
und der echte mexikanische Stöpsel wieder in die Stadt gejagt. Die
Schaumflocken flogen um sie herum, wie um das Flugwasser, das vor einem
Wirbelsturm dahertreibt. Mit einem letzten Satz, den sie über einen
Schubkarren und einen Chinesen weg machten, warfen sie vor dem Ranch
Anker.
Dieses Keuchen und Schnauben! Wie die roten Nüstern des Pferdes
arbeiteten und seine wilden Augen blitzten! Aber war der störrische
Gaul etwa geduckt? Nein, wahrhaftig nicht. Seine Herrlichkeit der
›Sprecher des Hauses‹ glaubte das und wollte auf ihm nach dem Kapitol
(Regierungsgebäude) reiten. Allein sogleich machte das Geschöpf einen
Satz über einen Haufen Telegraphenstangen weg, halb so hoch wie eine
Kirche, und den Weg nach dem Kapitol -- eine und dreiviertel Meilen --
_flog_ es anstatt zu laufen, d. h. es sauste schnurgerade über alles
hinweg, indem es Zäune und Gräben den Krümmungen der Straße vorzog. Als
der Sprecher nach dem Kapitol gelangte, war er weit mehr in der Luft
gewesen, als auf dem Pferderücken und meinte, ihm sei zu Mute, als habe
er die Tour auf einem Kometen gemacht.