ich Beweise. Ich verlangte in der ersten Stunde, daß sie mir ihren
früheren, offenbar sehr schlecht gearbeiteten Strickstrumpf mitbringen
solle. Sie wollte gleich nicht; als ich aber darauf bestand, versprach
sie es. In der nächsten Stunde aber versicherte sie, er sei gar nicht
zu finden, und er ist auch seitdem noch nicht zum Vorschein gekommen.«
»Es ist freilich nahe liegend zu denken, daß dies bloß eine Ausrede
war,« sprach Fräulein von Zimmern, »aber _sicher_ ist auch _das_ nicht.
Die Familie war eben erst umgezogen, die Mutter krank --«
Fräulein Klingenstein zuckte die Achseln. »Ich sehe wohl, Sie wollen
auch das nicht glauben; immerhin muß irgend jemand Ottiliens Arbeit
verdorben haben, und wem sonst wollen Sie es zutrauen?«
Darauf wußte Fräulein von Zimmern keine Antwort. »Ich werde mit unserem
Pfarrer darüber sprechen,« sagte sie nach längerem Überlegen, »er
hat schon manchmal ein Geständnis erreicht, wo ich es nicht zustande
brachte. Bis sich aber alles aufgeklärt hat, ersuche ich Sie, außerhalb
der Schule nicht über die Sache zu sprechen.«
Als Fräulein von Zimmern wieder in die zweite Klasse zurückkam, beugten
sich zwar alle Köpfe über die Hefte, aber man sah den aufgeregten
Gesichtern wohl an, daß nicht die ganze Zeit ruhig weiter geschrieben
worden war, und Gretchen gab sich auch jetzt nicht den Schein. Sie
hatte den Kopf in die Hände gestützt und konnte ihr Schluchzen nicht
verbergen.
»Warum weinst du?« fragte Fräulein von Zimmern.
»Sie sagen alle, ich hätte das Strickzeug verdorben, und wenn ich auch
sage, es sei nicht wahr, so glauben sie mir's doch nicht!«
»Aber ich glaube es ihr!« rief Hermine Braun, und noch ein paar Kinder
stimmten ihr bei, aber die meisten schwiegen still.
»Wir reden jetzt nicht mehr davon,« sprach Fräulein von Zimmern, »wenn
du ein gutes Gewissen hast, so brauchst du nicht zu weinen, denn die
Sache wird früher oder später an den Tag kommen. Schreibt weiter!«
Es verging jedoch ein Tag um den andern, ohne irgend welche Aufklärung
zu bringen. Der Herr Pfarrer hatte mit den Kindern gesprochen, aber er
hatte ebenso wenig herausgebracht wie Fräulein von Zimmern.
Fräulein Klingenstein fand es unbegreiflich, daß man noch immer nicht
an Gretchens Schuld glauben wollte, und unverzeihlich, daß diese nicht
gestraft wurde.
Herr und Frau Reinwald waren tief betrübt über den schlimmen Verdacht,
der auf ihrem Kind lastete, und Gretchen selbst litt bitter darunter.
Da traf sich's, daß im Heimweg von der Schule Gretchen einen kleinen
Unfall erlitt. Leichtes Glatteis hatte die Straßen überzogen, Gretchen
rutschte aus und fiel so unglücklich auf den Fuß, daß sie nur noch
mit Mühe nach Hause konnte. Über Nacht wurde der Fuß schmerzhaft und
geschwollen, es mußten Umschläge gemacht werden, und Gretchen bekam ein
paar Tage Hausarrest. So lag sie eines Nachmittags auf dem Sopha. Sie
hatte ein Buch in der Hand, aber sie sah darüber weg, ihre Gedanken
waren wieder in der Schule bei dem unglückseligen Strickstrumpf. Da
klingelte es -- und Gretchen wurde dunkelrot vor freudiger Erregung
-- ihr geliebter Pfarrer trat herein und sagte, er wolle sich nach
der kleinen Patientin umsehen. Bald saß er zwischen ihr und der
Mutter, hörte teilnehmend von ihrem kleinen Unfall, von Frau Reinwalds
Krankheit, und ließ sich allerlei von Föhrenheim erzählen, und je
länger er da war, und je mehr er Mutter und Tochter kennen lernte,
um so fester wurde seine Überzeugung, daß Gretchen nicht getan haben
konnte, was man ihr nachsagte.
»Nun hoffe ich, dich bald wieder in der Schule zu sehen,« sprach der
Pfarrer, als er sich erhob, um sich zu verabschieden.
»Ich hoffe es auch,« sprach Frau Reinwald, »Gretchen aber kann sich gar
nicht auf die Schule freuen, so lange man einen so schlimmen Verdacht
auf sie hat.«
»Das begreife ich wohl,« sprach der Pfarrer und ergriff freundlich
Gretchens Hand, »vielleicht tut es dir wohl zu hören, daß ich _nicht_
an deine Schuld glaube. Ich hoffe auch, daß deine Unschuld an den Tag
kommen wird und bitte Gott darum. Wenn es aber sein Wille nicht ist,
mein Kind, so mußt du es hinnehmen als ein Kreuz, das er dir auferlegt
und es willig tragen, dann wird es dir Segen bringen.«
Noch viele freundliche Worte sprach der Pfarrer, die Mutter und Kind
gleich wohl taten, und als er wieder fort war, kam es Gretchen vor, als
könnte sie's nun viel leichter tragen.
Gretchen durfte erfahren, daß sie doch nimmer ganz fremd war in der
Residenz, denn am nächsten Tag kam wieder ein lieber Besuch: Ganz
bescheiden klopfte es an der Türe und herein trat: Hermine Braun. So
lieb sich die beiden Kinder hatten, waren sie doch bis jetzt noch nie
außer der Schule zusammengekommen und so war dieser Besuch eine ganz
ungewohnte Freude für Gretchen, und auch die Mutter war bald durch das
sanfte, liebevolle Wesen der kleinen Hermine gewonnen und forderte
sie freundlich auf, öfter zu kommen. Als Hermine wieder gehen wollte,
fragte Frau Reinwald, ob Fräulein von Zimmern wohl in Krankheitsfällen
gestatte, daß die Kinder ihre Handarbeiten mit nach Hause bekämen,
um nicht so weit hinter den anderen zurückzubleiben. Hermine wußte
es nicht, versprach aber, morgen um Erlaubnis zu bitten und dann
Gretchens Arbeit zu bringen. Sie vergaß ihr Versprechen nicht und
erhielt auch gerne die Erlaubnis von Fräulein von Zimmern. So stieg
denn Hermine am Samstag um 12 Uhr die Treppe hinauf, gerade so wie es
Gretchen zu ihrem Unglück acht Tage vorher getan hatte. Als sie aber
durch die halbgeöffnete Kammertür trat, blieb sie erstaunt stehen. Vor
dem Ständer, auf dem die Körbchen ihren Platz hatten, saß das kleine
Kind der Putzfrau, die Samstags immer das Schulhaus reinigte. Es
hatte in seinem Schoß eines der Arbeitskörbchen, hielt in den Händen
ein paar Stricknadeln und sagte vergnügt vor sich hin: »Viele, viele
Nadeln.« Zuerst wollte Hermine auf das Kind zugehen und ihm die Sachen
wegnehmen, dann aber besann sie sich anders, denn wie ein Blitz fuhr
ihr der Gedanke durch den Kopf: »Dies Kind ist's, das Ottiliens Arbeit
verdorben hat!« Auf den Zehen schlich sie sich wieder hinaus, rannte
die Treppe hinunter und stürzte atemlos von einem Zimmer ins andere,
bis sie endlich Fräulein von Zimmern in der Klasse der Großen traf, die
noch beisammen waren.
»Bitte, Fräulein von Zimmern, kommen Sie mit mir in die Kammer
hinauf, aber schnell, bitte, bitte,« drängte Hermine und Fräulein
von Zimmern, die schon an Feuersgefahr und dergleichen dachte, eilte
der voranstürmenden Hermine nach. Ein ganzes Gefolge von neugierigen
Mädchen ging hinter ihnen die Treppe hinauf, Hermine aber ermahnte
immer nur: »Leise, ganz leise!« so daß allen ganz unheimlich zu
Mute wurde, bis sie endlich vor der Kammertüre anlangten, ängstlich
hineinblickten und nichts sahen als ein harmlos spielendes Kindlein,
das Stricknadeln in der _einen_ Hand, den Korb in der anderen, dem
Knäuel nachrutschte, der vor ihm herkollerte und nun, beim Anblick der
vielen fremden Gesichter, das Mäulchen verzog und anfing zu weinen.
Fräulein von Zimmern hatte sofort begriffen, um was es sich hier
handelte: Der kleine Eindringling, der _heute_ den Weg zur Kammer
gefunden hatte, konnte auch am vorigen Samstag darin gehaust haben,
und wohl selten noch hatte die gestrenge Vorsteherin mit so großer
Befriedigung eine solche Ungehörigkeit entdeckt. Auf das Weinen des
Kindes aber eilte dessen Mutter herbei, die in einer anderen Kammer
den Boden geputzt hatte. Mit tausend Entschuldigungen hob sie Korb,
Knäuel und Nadeln auf, dann nahm sie den Kleinen vom Boden, und
patschte ihm auf die Händchen, indem sie zu ihm rief: »Habe ich dir
nicht schon gesagt, die Körbchen darf man nicht nehmen? Hast du nicht
erst am letzten Samstag auf die Hände bekommen? Willst du's noch einmal
tun?« Während die Frau mit dem weinenden Kind abging, ergriff Hermine
Gretchens Arbeitskorb und sagte voll Eifer zu Fräulein von Zimmern:
»Ich gehe jetzt zu Gretchen, nicht wahr, ich darf ihr doch alles sagen?«
»Gewiß, mein Kind, erzähle ihr alles, und sage ihr, wie herzlich es
mich freut, daß nun der wahre Missetäter entdeckt und ihre Unschuld an
den Tag gekommen ist.«
Wie flog Hermine durch die Straßen, wie eilte sie die Treppen hinauf,
bis sie endlich atemlos vor Gretchen und ihrer Mutter stand und kaum
die Worte herausbringen konnte: »Man weiß jetzt, wer's getan hat!«
Gretchen wußte augenblicklich was die Freundin meinte, und nach und
nach kam auch die ganze Erzählung und Fräulein von Zimmerns Auftrag
ordentlich heraus. Ach, das war nun ein Glück und eine Freude! Gretchen
vergaß ganz und gar, daß sie ihren Fuß noch schonen sollte, sprang
im Zimmer umher vor Vergnügen, fiel bald der Mutter, bald Hermine um
den Hals und stürmte dann hinaus, um die frohe Nachricht der Lene
mitzuteilen, die mit der ganzen Residenz gezürnt hatte, seitdem man
ihren Liebling so verdächtigt hatte. Gretchen wollte die Freundin gar
nicht mehr fortlassen, der sie die Entdeckung verdankte, aber endlich
mußte Hermine doch zum Essen heim, sie hatte sich schon zu lange
verweilt. Am Nachmittag aber hielt Lene geheime Beratung mit Frau
Reinwald, und das Resultat war, daß Hermine auf den Sonntag Nachmittag
eingeladen werden sollte und da wollte Lene Waffeln backen und Apfelmus
kochen, so fein wie's keine Residenzköchin besser könne! Und Lene hielt
Wort.
Als Fräulein Klingenstein von der Sache hörte, wurde es ihr unbehaglich
zu Mute, denn sie hatte trotz Fräulein von Zimmerns ausdrücklichem
Verbot da und dort von Gretchens Missetat erzählt. Sie hoffte, die
Vorsteherin würde dies nicht erfahren. Aber Fräulein von Zimmern
erhielt doch Kenntnis davon, und als am Montag die Kinder wieder in die
Schule kamen, ging von Mund zu Mund die Kunde: »Fräulein Klingenstein
kommt nicht mehr, wir bekommen eine andere Arbeitslehrerin.«
Dreizehntes Kapitel.
Fräulein Treppners Hund.
Längst war die Schwierigkeit mit dem Kettenmuster überwunden und doch
ging Gretchen noch beinahe jeden Abend zu Fräulein Treppner. Frau
Reinwald durfte nicht wissen, was da drunten gemacht wurde, aber Herr
Reinwald und Lene waren in das Geheimnis eingeweiht, sie wußten, daß
Gretchen unter Fräulein Treppners Anleitung einen schönen Kragen für
die Mutter zu Weihnachten strickte. Je weiter die Arbeit fortschritt,
um so glücklicher war Gretchen und ihre Freude tat dem alten
Fräulein wohl; seit langen, langen Jahren hatte sie kein fröhliches
Kindergeplauder mehr bei sich gehört; wenn nun Gretchen neben ihr
saß und mit leuchtenden Augen von den geheimnisvollen Vorbereitungen
erzählte, die droben schon das nahe Christfest ankündigten, oder wenn
sie die Weihnachtslieder hersagte, die sie in der Schule singen durfte,
dann kamen dem alten Fräulein längst entschwundene Erinnerungen aus der
eigenen Kinderzeit wieder in den Sinn und dann erzählte auch sie aus
ihrem Elternhaus, und die Stunden vergingen den beiden nur zu schnell.
Aber Molly, der alte, verdrießliche Molly, konnte sich nicht an
Gretchen gewöhnen; er war eifersüchtig, daß er nun nicht mehr der
einzige Freund seiner Herrin war und bellte wütend, so oft Gretchen
kam. Heute wollte er wieder sein Knurren und Brummen gar nicht lassen.
»Aber Molly,« redete ihm Fräulein Treppner zu, »kannst du dich denn
gar nicht zufrieden geben? Komm her, Alter,« sagte sie schmeichelnd,
»du bist ja doch mein Liebling, ja, ja, wir kennen uns ja schon lang!«
und Fräulein Treppner streichelte das Tier, das ihr auf den Schoß
gesprungen war und freudig wedelte bei ihren Liebkosungen.
»Wie gut er Sie versteht und wie lieb er Sie hat,« sagte Gretchen und
sah verwundert zu, wie zärtlich die beiden mit einander taten.
In diesem Augenblick aber fiel Fräulein Treppners Knäuel, den
sie vor sich auf den Tisch gelegt hatte, hinunter. Rasch glitt
Gretchen vom Stuhle herunter und bückte sich unter den Tisch, um
ihn aufzuheben. Aber eben so rasch war Molly von Fräulein Treppners
Schoß heruntergesprungen und als Gretchen ihre Hand nach dem Knäuel
ausstreckte, fuhr das böse Tier ihr an den Arm und biß sie. Gretchen
tat einen Schrei, erschrocken rief Fräulein Treppner den Hund zurück
und zog Gretchen zu sich.
»Was ist's, Kind?« fragte Fräulein Treppner.
»O nichts,« versicherte Gretchen, »er hat mich nur ein wenig in den Arm
gebissen, aber es tut nicht weh.«
»Zeig her, Kind!«
Am Arm war nicht viel zu sehen, bloß eine kleine, blaurote Stelle, aber
der Ärmel des Tuchkleids, das Gretchen trug, zeigte ein kleines Loch,
der Zahn des Hundes war noch durchs Futter gedrungen.
»Ach, Kind, wie bin ich erschrocken! Gottlob, daß du so ein gutes,
dichtes Kleid anhattest,« sagte das Fräulein, und nun wurde Molly
zur Strafe ins andere Zimmer hinausgesperrt und Fräulein Treppner
versicherte, er müsse nun jeden Abend hinaus, ehe Gretchen hereinkomme.
Der Hund winselte erbärmlich, denn er fühlte, daß er sehr in Ungnade
gefallen war. Gretchen hatte den kleinen Schrecken bald vergessen, und
da sie sich nun vor ihrem Feind sicher fühlte, war es ihr bald wieder
ganz behaglich zu Mute, Fräulein Treppner hingegen konnte sich nicht so
schnell beruhigen, sie machte Gretchen kalte Umschläge um den Arm und
hätte ihr auch gerne den kleinen Schaden am Kleid ausgebessert, aber
Gretchen wollte dies nicht zugeben und wunderte sich sehr, daß Fräulein
Treppner so viel aus der kleinen Sache machte.
Noch mehr sollte sich aber Gretchen über den Vater wundern, als dieser
beim Abendessen von ihrem kleinen Abenteuer erfuhr. Obwohl die Mutter
ihm gleich versicherte, daß nicht einmal die Haut am Arm verletzt
sei, war der Vater doch sehr erzürnt und erklärte aufs bestimmteste,
Gretchen dürfe nie mehr die Wohnung des alten Fräuleins betreten. Das
war nun ein Schrecken für Gretchen! Augenblicklich sah sie im Geist
ihre halb vollendete Weihnachtsarbeit vor sich und dann stellte sie
sich das alte Fräulein vor, das jeden Abend vergeblich auf sie warten
würde und das sich noch mehr grämen müßte über das Unglück mit dem
Hund. »O, Vater,« bat Gretchen, »laß mich doch wieder hinunter, der
Molly kommt nun immer ins Nebenzimmer, so lange ich da bin, Fräulein
Treppner hat es schon versprochen.«
»Darauf kann ich mich nicht verlassen,« sprach der Vater, »wenn ihr
Liebling recht winselt und heult, läßt sie ihn doch wieder herein. Es
bleibt dabei, du betrittst ihre Wohnung nicht mehr, Lene mag ihr sagen
warum.«
Als alle Bitten nichts halfen, brach Gretchen in Tränen aus, aber da
kam auch wieder des Vaters wohlbekannter Ausspruch: »Geweint wird
draußen,« und Gretchen mußte das Zimmer verlassen. Sie schüttete
Lene ihr Herz aus und obwohl diese immer noch ein Vorurteil gegen
Fräulein Treppner hatte, so war ihr die Sache doch wegen der schönen
Weihnachtsarbeit leid und sie wußte keinen Rat, wie diese ohne Fräulein
Treppners Hilfe fertig zu machen sei. Während Gretchen ihr Leid in
der Küche klagte, sprach Herr Reinwald zu seiner Frau: »Wer so ein
bissiges Tier um sich leiden mag, das allen Leuten lästig, ja sogar
gefährlich werden kann, der verdient nicht, daß Menschen bei ihm aus-
und eingehen.«
Am nächsten Abend wartete Fräulein Treppner zur gewohnten Zeit
vergeblich auf Gretchen. Unruhig ging sie hin und her, sah auf die
Uhr, horchte auf jeden Tritt auf der Treppe. »Das Kind kommt nicht,
Molly, das hast du mir angetan,« sprach sie in traurigem Ton zu ihrem
Hund; dieser aber streckte sich behaglich aufs Sofa, ihm war's recht
so. Durch das Milchmädchen erfuhr Fräulein Treppner, daß Gretchen
ihre Wohnung nimmer betreten dürfe, und auf demselben Wege erhielt
Gretchen ihre angefangene Arbeit zurück, an der sie nun nicht weiter
machen konnte. Es war dem Kind zu Mute, als wäre ihm dadurch die ganze
Weihnachtsfreude verdorben.
Acht Tage waren darüber hingegangen und Gretchen kam eben von der
Schule heim. Als sie die erste Treppe hinaufstieg, sah sie, daß
Fräulein Treppner oben stand und auf sie wartete. Sie sah nicht zürnend
aus, wie damals, als Gretchen an derselben Stelle zum erstenmal ihre
Bekanntschaft gemacht hatte, aber es lag ein trauriger Ausdruck auf
ihrem Gesicht, als sie jetzt zu Gretchen sprach: »Sage deinen Eltern,
daß ich meinen Molly fortgetan habe. Heute Morgen hat man ihm ein
Pulver eingegeben, das ihn eingeschläfert hat, so daß er nimmer
erwacht.«
»O, o, Fräulein Treppner,« rief Gretchen ganz bestürzt, »das muß Ihnen
aber leid tun!«
Fräulein Treppners Augen wurden feucht, sie wollte es nicht merken
lassen und verschwand hinter ihrer Türe, ohne weiter ein Wort zu sagen.
Gretchen kam aber ganz erfüllt von dieser Neuigkeit zu ihrer Mutter.
»Das hat sie _dir_ zu Liebe getan, Kind,« sagte die Mutter, »es mag
dem alten Fräulein bitter weh getan haben, sich von ihrem Liebling zu
trennen.«
»Ach ja, Mutter, sie sieht auch ganz traurig aus! Wenn sie es aber
meinetwegen getan hat, werde ich doch wenigstens wieder zu ihr dürfen?«
»Gewiß, jetzt wird's der Vater wieder erlauben.«
Mutter und Tochter sprachen ganz gerührt von dem einsamen Fräulein,
als der Vater kam. Gretchen ging ihm gleich entgegen, um ihm auch das
Ereignis mitzuteilen. Der Vater nahm's kühler. »Das ist das einzig
Vernünftige, was das alte Fräulein tun konnte,« sprach er, »das kannst
du ihr heute Abend von mir ausrichten. Es gäbe bald keine so häßlichen
Kläffer mehr, wenn man nur zu den Leuten nicht mehr ginge, bei denen
man so ungastlich begrüßt wird.«
An diesem Abend mußte Fräulein Treppner nicht vergeblich warten,
Gretchen kam schon früher als sonst mit ihrer Arbeit. Besorgt sah sie
auf Fräulein Treppner, ob diese wohl noch so traurig aussähe wie heute
Morgen. Aber es war nicht der Fall; sie schien jetzt nur an Gretchen
und nicht an Molly zu denken, und dem Kind war's noch nie so behaglich
bei dem alten Fräulein gewesen wie an diesem Abend; konnte sie sich
doch so ungeniert im Zimmer bewegen, ohne daß ihr kleiner Feind sie mit
bösen Blicken und drohendem Knurren verfolgte. Es wurde nun tüchtig
gearbeitet, denn Weihnachten stand schon nahe vor der Türe und die
versäumte Woche mußte nachgeholt werden.
Von nun an fehlte Gretchen keinen Abend mehr bei Fräulein Treppner,
und als der Weihnachtsabend kam und die Familie Reinwald um den
brennenden Christbaum versammelt war, lag wirklich der schöne Kragen
zu der Mutter größten Überraschung fertig auf dem Bescherungstisch,
und Gretchen war ganz glücklich, daß sie zum erstenmal eine wirklich
brauchbare, nützliche Arbeit zu stande gebracht hatte.
»Nun, und was für ein Weihnachtsgeschenk hast du denn für Fräulein
Treppner?« fragte Herr Reinwald sein Töchterchen, nachdem er auch den
Kragen gehörig bewundert hatte. Gretchen sah ihn erstaunt an. »Für
Fräulein Treppner habe ich nichts,« sagte sie.
»Nichts? Für diese bewundernswerte Lehrerin, die dir das berühmte
Kettenmuster beigebracht hat, bei der du diese Riesenarbeit anfertigen
durftest und die ihren besten Freund wegen dir in den Tod gegeben hat,
nichts für sie? Gar nichts?«
Gretchen wollte es ganz bange werden bei des Vaters eindringlichem
Fragen, aber die Mutter, die daneben stand, sah sie so geheimnisvoll
lächelnd an, daß es Gretchen war, als wüßte sie einen guten Ausweg aus
dieser Verlegenheit. Und nun lächelte auch der Vater, führte Gretchen
an ein Seitentischchen und sagte: »Sieh, da habe ich doch mehr Herz
als du für dein Fräulein Treppner, da sieh her, das bekommt sie von
_mir_!« Und nun hob der Vater ein Tuch auf, und vor Gretchen stand ein
schöner großer Vogelkäfig mit zwei allerliebsten Kanarienvögeln, die
ganz freundschaftlich neben einander auf der Stange saßen. Gretchens
Freude war unbeschreiblich! Daß der Vater etwas _Lebendiges_ für
Fräulein Treppner gewählt hatte, beglückte sie am meisten, es war gewiß
der beste Ersatz für den verlorenen Liebling. »O Vater,« rief Gretchen
eifrig, »bringst du sie ihr nicht gleich heute Abend hinunter? Sie
dauert mich so, daß sie am heiligen Abend ganz allein ist!«
»Ich weiß nicht, ob das Fräulein mich so spät am Abend noch empfangen
würde, aber wenn _du_ es etwa für mich besorgen wolltest?«
Daß Gretchen wollte, können wir uns wohl denken! Vorsichtig ging sie
mit ihrem kostbaren Schatz hinunter und bald hörten die Eltern von
unten herauf ihre fröhliche Stimme in dem Zimmer von Fräulein Treppner.
Doch nicht lange dauerte es, so kam sie wieder herauf, es zog sie zum
Christbaum und zu ihren eigenen Herrlichkeiten und sie mußte den Eltern
berichten, daß Fräulein Treppner bis zu Tränen gerührt war vor Freude
und Dankbarkeit. »Und denkt nur,« fügte Gretchen hinzu, »sie ist gar
nicht allein, wie ich gemeint hatte, es ist eine Freundin bei ihr und
sie hat mir erzählt, daß sie früher fast täglich beisammen waren, aber
das Fräulein hat auch einen Hund, den hat der Molly einmal gebissen und
seitdem hatten sie Feindschaft. Aber heute am heiligen Abend haben sie
sich versöhnt und sie sitzen ganz gemütlich beisammen am Teetisch.«
»So ist's schön und gut,« sprach Frau Reinwald, »›Friede auf Erden
und den Menschen ein Wohlgefallen,‹ haben die Engel gesungen in der
heiligen Nacht, und so soll's auch in unserem Hause sein!«
Vierzehntes Kapitel.
Belohnter Fleiß.
Die Weihnachtsvakanz war längst vorüber, in Fräulein von Zimmerns
Schule wurde wieder tüchtig gearbeitet, und zu den fleißigen
Schülerinnen, die am eifrigsten in die Schule gingen, gehörte nun unser
Gretchen. Die köstlichsten Stunden waren und blieben ihr die bei ihrem
geliebten Herrn Pfarrer, aber sie war nicht minder eifrig bei Fräulein
von Zimmern, und sogar die Handarbeitsstunden hatten ihren Schrecken
verloren, seitdem Gretchen durch die Hilfe von Fräulein Treppner und
durch die Geduld der neuen Arbeitslehrerin den andern nachgekommen war.
Der Januar, der längste und schlimmste Wintermonat, war den Kindern
über der regelmäßigen Arbeit rasch vergangen und hatte dem Februar
Platz gemacht, der in der Schule von besonderer Bedeutung war, denn
in diesem Monat sollten die Kinder neu gesetzt werden, was in jedem
Jahr nur dreimal vorkam. Um diese Zeit wurden alle guten und schlechten
Noten zusammengezählt, die Lehrer und Lehrerinnen sämtlicher Klassen
kamen mit der Vorsteherin zusammen und berichteten über die einzelnen
Schülerinnen, dann wurden die Zeugnisse geschrieben und jedem Kind
darnach sein Platz zugewiesen. Dies alles erzählten die Kinder in
großer Erregung unserem Gretchen, das zum erstenmal dieses Ereignis
miterleben sollte. »Du hast's gut, du kannst nicht weiter hinunter
kommen,« sagten sie zu ihr, »denn du bist die Letzte.«
»Und ich habe es schlecht, denn ich kann nicht weiter hinauf kommen,«
meinte Ottilie.
Der große Tag kam. Fräulein von Zimmern erschien im Schulzimmer mit
einem Paket Heftchen in der Hand. Nun mußten alle Kinder ihre Plätze
verlassen und sich längs der Wand aufstellen. »Stille,« befahl nun
Fräulein von Zimmern. Alles schwieg, nur da und dort bewegte sich noch
die eine oder andere. »Es ist noch nicht ganz stille!« rief Fräulein
von Zimmern. Nun aber rührte sich nichts mehr und es herrschte lautlose
Stille in dem Gemach.