nehmen, sich bedanken und sich an den ersten Platz setzen, dann die
Zweite u. s. f. Tränen will ich nicht sehen, wer Unzufriedenheit mit
seinem Platz zeigt, erhält gleich wieder die erste schlechte Note für's
nächste Zeugnis.« Nun ergriff Fräulein von Zimmern das erste Heftchen
und rief: »Anna Helldorf«. Die Gerufene trat freudig errötend vor,
erhielt ihr Zeugnis, bedankte und verbeugte sich und nahm den ersten
Platz ein. Ebenso machte es »Elise Sturm« als zweite. Und nun hieß es
»Hermine Braun« und gleich darauf, als vierte: »Gretchen Reinwald«.
Diese konnte kaum glauben, daß sie schon an die Reihe kommen sollte
und hätte ihre Nachbarin sie nicht leise angestoßen, so hätte sie
kaum gewagt, vorzutreten. Als Fräulein von Zimmern ihr das Zeugnis
übergab, sprach sie: »Sage deinem Vater, es freue mich, daß du dich so
rasch eingearbeitet habest.« Erst als sechste wurde Ottilie gerufen.
Als sie vortrat, sprach Fräulein von Zimmern: »Du solltest nicht
so weit hinten sitzen, Kind; das Lernen wird dir ja so leicht. Die
schlechten Noten wegen deines oft unfreundlichen Betragens gegen deine
Mitschülerinnen haben dich so zurückgebracht; gib dir Mühe, daß du dich
wieder hinaufarbeitest.«
Als die letzte an die Reihe kam, die auch schon vor Gretchens Eintritt
in die Schule die letzte gewesen war, sprach Fräulein von Zimmern sehr
gütig: »Du bist wieder die Letzte geworden, mein Kind, aber glaube
nicht, daß ich dich deswegen weniger lieb habe. Das Lernen wird dir
schwer, weil du viel krank bist und dein Kopf schwach ist. Dafür kannst
du nichts; dein Betragen war gut, ich bin zufrieden mit dir.«
Alle saßen nun an ihren neuen Plätzen. Die Erste mochte sich wohl
recht glücklich fühlen, aber glücklicher gewiß nicht als Hermine
und Gretchen, die zwei Herzensfreundinnen, die nun neben einander
sitzen durften. Gretchen konnte es kaum erwarten, dieses Glück daheim
verkündigen zu dürfen, und als sie zum Mittagessen kam, jubelte sie
gleich den Eltern entgegen: »Heute sind wir gesetzt worden, ich habe
den schönsten Platz, denn ich sitze neben Hermine!«
»So?« fragte der Vater, »dann ist wohl Hermine die Vorletzte geworden?«
»Aber Vater, wie kannst du nur so etwas von Hermine denken! Nein, sie
ist die dritte und ich bin die vierte.«
»Nun, das läßt sich hören,« sagte der Vater sehr befriedigt, und als
Gretchen ausrichtete, was ihr Fräulein von Zimmern aufgetragen hatte,
waren die Eltern beide sehr erfreut. Die Mutter zog ihr Töchterlein
liebevoll an sich und der Vater sprach: »In diesem Winter bist du
fleißig gewesen, jetzt kann man sich auch ganz anders darüber freuen,
daß du vorgerückt bist, als damals in Föhrenheim. Nun aber könntest du
einmal hinausgehen ins Schlafzimmer und sehen, ob alle Bilder gerade
hängen!« Lachend sprang Gretchen hinaus. Als die Eltern allein waren,
sprach Herr Reinwald zu seiner Frau: »Wir wollen es ihr gleich geben,
hast du es schon zusammengemacht?«
»Ja wohl, hier ist es,« sagte Frau Reinwald, nahm ein kleines Päckchen
aus ihrem Schreibtisch und legte es auf Gretchens Platz am Tisch.
Gretchen hatte für so etwas gute Augen, sie war kaum wieder im Zimmer,
so hatte sie auch das Päckchen schon bemerkt. Sie nahm es in die Hand
und las laut die Aufschrift: »Reisegeld zum Osterbesuch in Föhrenheim,«
und das Paketchen enthielt mehrere Markstücke. Zuerst verstand
Gretchen gar nicht recht, wie das gemeint war, als ihr aber die Mutter
mitteilte, daß die gute Frau Apotheker von Föhrenheim angefragt habe,
ob Gretchen nicht in der Ostervakanz kommen dürfe, und daß es ihr die
Eltern nun gern erlauben würden, war Gretchen überglücklich und umarmte
ihre Eltern voll Dankbarkeit. Dann aber gab's allerlei Fragen: »Wie
lange darf ich in Föhrenheim bleiben?«
»Eine ganze Woche.«
»Geht ihr mit mir?«
»Ich _kann_ nicht,« sprach der Vater, »und die Mutter _darf_ nicht,
sie könnte sich wieder verderben. Aber dein Reisegeld reicht für zwei
Personen, deshalb würde ich dir raten, einmal bei Lene anzufragen, ob
sie sich dazu hergäbe, dich zu begleiten und die acht Tage, die du in
Föhrenheim bleibst, bei ihren Eltern zuzubringen?«
»Weiß sie noch gar nichts davon?«
»Bewahre, wir wußten ja heute Morgen selbst noch nicht, ob du nicht
in der Schule die Letzte bleibst und dann wäre nichts aus der Reise
geworden. Aber jetzt darfst du's Lene sagen.«
Gretchen wußte schon, daß Lene nicht »nein« sagen würde, aber das hätte
sie doch nicht gedacht, daß ihr bei dieser unerwarteten Glücksbotschaft
die hellen Freudentränen kommen würden. Lene war eben immer noch
nicht ganz heimisch in der Residenz und dachte oft mit Sehnsucht an
Föhrenheim und an ihr heimatliches Dorf, das nur eine halbe Stunde
entfernt lag. Sie konnte es gar nicht fassen und glauben, daß sie es so
bald wieder sehen sollte, und als sie bei Herrn und Frau Reinwald ihre
Dankbarkeit ausgesprochen hatte, sagte Herr Reinwald zu seiner Frau:
»Die freut sich ja fast noch mehr als das Kind!«
»Ja, und es ist ihr die Freude auch ebenso sehr zu gönnen,« antwortete
Frau Reinwald, »sie hat sie verdient durch ihre treue Pflege während
meiner Krankheit.«
Von nun an hatten Gretchen und Lene fast keine andern Gedanken mehr,
und als sich in den nächsten Tagen ein milder Tauwind erhob, hätte
man meinen können, der Frühling sei schon vor der Türe. Aber es kam
noch einmal ganz anders, es fing wieder an zu schneien und wurde so
bitter kalt, wie es den ganzen Winter noch nicht gewesen war. Da
wollte Gretchen ganz mißmutig und ungeduldig werden; die Schule war
ihr gar nicht mehr so wichtig, weil sie immer schon an die Osterferien
dachte, und einmal vergaß sie ganz, die Rechnungen zu schreiben, die
sie aufbekommen hatte, und das trug ihr eine schlechte Note ein. »Ei,
Gretchen,« sprach die Mutter, als sie dies erfuhr, »wir haben dir die
Reise versprochen als Belohnung deines Fleißes, und nun ist dieser
Fleiß auf einmal weg? Ist das dein Dank für die Freude, die wir dir
machen wollen?«
Beschämt schlug Gretchen die Augen nieder.
»Du mußt dir die Reise noch einmal aus dem Sinn schlagen und nicht
immer warten und wünschen, daß die Tage vorüber gehen. Nie kommen sie
uns länger vor, als wenn wir sie so ungeduldig weg wünschen, während
uns die Zeit nur so verfliegt, wenn wir sie gewissenhaft und treu
ausnützen. Willst du's probieren?«
»O ja, Mutter,« sagte Gretchen und augenblicklich setzte sie sich
an die Arbeit und machte ihre Sache so schön und pünktlich wie nur
möglich, und als auf dem Schulweg Hermine zu ihr sagte: »Heute erzählst
du mir ja gar nichts von Föhrenheim,« da antwortete Gretchen ganz
bestimmt: »Ich rede überhaupt nimmer von Föhrenheim und denke auch gar
nimmer an die Reise, bis Ostern da ist.«
Gretchen hielt Wort und seitdem vergingen auch wirklich die Tage
und Wochen viel schneller und endlich tropfte es von allen Dächern,
der Schnee schmolz und der Frühling kam. Lene brachte einen Strauß
Palmkätzchen vom Markt mit heim, und endlich kam auch der schöne
Palmsonntag und mit ihm begann die Ostervakanz. Gretchen machte ihren
Abschiedsbesuch bei Hermine, die ihr noch auf der Treppe nachrief:
»Wenn du wieder kommst, mußt du mir wieder etwas Neues von deinem Felix
Acosta und von dem Schäfer-Hans erzählen,« und Gretchen versprach es.
Am Abend mußte sie noch einmal nach Fräulein Treppner sehen, mit der
sie immer gute Freundschaft hielt, und endlich half sie der Mutter
alles herrichten, was für die große Reise nötig war, wobei ihr die
Mutter allerlei Ermahnungen gab, sollte Gretchen doch zum erstenmal das
Elternhaus verlassen!
Fünfzehntes Kapitel.
Die alte Heimat.
Am Montag morgens um 8 Uhr saß Gretchen im rosafarbenen Osterkleidchen
neben ihrer Lene in der Bahn und beide waren in Gedanken versunken,
als sie so der alten Heimat entgegenfuhren. Die Lene dachte: »Wie's
wohl dem Vater und der Mutter geht und den Geschwistern? Ob unsere
Kuh schon ein Kalb hat und wie die Wintersaat steht?« Und Gretchen
dachte: »Wer wohl die Erste ist in der Schule und ob der Hans noch auf
der letzten Bank sitzt? Ob der Felix Acosta noch so nette Kunststücke
macht und wie es in unserer Wohnung aussieht?« Als der Zug aber näher
an Föhrenheim kam, da sahen sie beide begierig zum Fenster hinaus und
bald hieß es: »Weißt du noch, das ist die Wiese, auf der es immer so
viel Schlüsselblumen gegeben hat?« und dann: »Siehst du den Kirchturm?
Ich sehe ihn und auch schon das Storchennest auf dem Dach!« und jetzt
war man am Bahnhof und ehe sich's Gretchen recht versah, hatte die Frau
Apotheker sie schon an der Hand und die kleinen Geschwister von Emilie
umringten sie; Emilie selbst aber war nicht da, sie hatte noch Schule.
An der Brücke, die über den Bach ins Städtchen führte, trennte sich
Lene, denn da ging die Straße ab, die in ihr Dorf führte, und von dort
kamen ihr auch schon ihre Geschwister entgegen. »Auf Wiedersehen in
acht Tagen,« rief Gretchen, »aber daß du mich ja nicht früher holst!«
»Habe keine Angst, ich werde es schon so lang daheim aushalten können,«
meinte Lene und so ging jedes seine Wege.
Gretchen mußte nun der guten Frau Apotheker viele Fragen beantworten
über die Eltern und über die Wohnung in der Residenz, und so waren sie
bis ans Schulhaus gekommen.
»Die Schule kann jeden Augenblick aus sein, dann kommt Emilie heim,«
sprach die Frau Apotheker.
»O, ich gehe schnell hinauf in die Schule, ich möchte Emilie abholen
und möchte sehen, wie sie sich alle verwundern, wenn ich hereinkomme, o
bitte, lassen Sie mich hinauf!«
»Gehe du nur, wenn's dir Spaß macht, ich gehe einstweilen mit den
Kleinen heim.«
So stieg denn Gretchen mit klopfendem Herzen die altbekannte
Schultreppe hinauf. Eine Weile stand sie zögernd vor dem Schulzimmer,
dann klopfte sie an. »Herein!« Gretchen machte die Türe auf und nun
stand sie all ihren ehemaligen, wohlbekannten Schulkameraden gegenüber,
und wohl hundert Augen richteten sich auf sie und von allen Bänken
klang es in freudiger Überraschung: »Das Gretchen Reinwald!«
Am Katheder aber stand ein ganz fremder, junger Mann, den Gretchen gar
nicht kannte und der nun, ganz erstaunt über die allgemeine Begrüßung,
auf Gretchen zuging und fragte: »Was willst du, Kleine, wer bist du?«
In diesem Augenblick aber trat der alte Herr Baumann ein, denn Frau
Semmelmeier, die immer alles bemerkte, was im und ums Schulhaus herum
vorging, hatte Gretchen ins Haus kommen sehen und es für gut befunden,
ihren Besuch Herrn Baumann anzukündigen. So kam dieser gerade recht, um
die Frage des neuen Lehrers zu beantworten. »Das ist Gretchen Reinwald,
eine liebe frühere Schülerin von uns. Du bist wohl auf Besuch hier,
Gretchen?« fragte er freundlich. -- »Ja, bei Apothekers.«
»Nun, dann komm du heraus, Emilie, sage deiner kleinen Freundin: Grüß
Gott!«
Schüchtern, wie immer, kam Emilie heraus und ließ sich von Gretchen
begrüßen, während sie selbst nichts sagte, sondern ihre Kamerädin nur
freundlich anstrahlte.
»Bei uns ist alles noch, wie es voriges Jahr war, nicht wahr?« sagte
Herr Baumann, als er bemerkte, wie Gretchen sich im ganzen Zimmer umsah.
»Ja, nur sind die Fenster viel kleiner und das Zimmer niedriger
geworden.« Die beiden Lehrer lachten. »Das glaube ich doch kaum,«
meinte Herr Baumann, »eher denke ich, daß ihr in der Residenz höhere
Fenster und Zimmer habt.«
»Die Kinder sitzen aber auch ganz anders als damals,« sagte Gretchen
und musterte zuerst die Reihen der Mädchen, dann sah sie nach den
Knaben. Ein lauter Ausruf des Erstaunens entfuhr ihr: »Der Schäfer-Hans
ist der Erste geworden!« Dieser errötete über und über, als sich so die
allgemeine Aufmerksamkeit auf ihn lenkte. Herr Baumann aber klopfte ihm
freundlich auf die Schulter: »Ja, ja, bei uns heißt es: ›Die Ersten
sollen die Letzten werden und die Letzten sollen die Ersten werden,‹
nicht wahr, Abenheim?« Der Abenheim, des Holzhackers Sohn, der der
Erste gewesen war, saß jetzt nicht mehr vornen, er war aber auch sonst
nirgends zu sehen. In den hintersten Reihen der Knaben aber erhob sich
ein lautes Gelächter und auch der Lehrer lachte mit, denn der Abenheim,
der sich nicht auf dem letzten Platz sehen lassen wollte, war unter die
Bank geschlupft.
»Und wo sitzt denn Felix Acosta?« fragte jetzt Gretchen.
»Der Felix Acosta?« wiederholte Herr Baumann und wurde auf einmal ganz
ernst und auch die anderen Kinder alle wurden still. »Liebes Kind,
_den_ suchst du vergeblich unter uns, hast du es nicht erfahren, daß er
gestorben ist?«
»O nein, das habe ich nicht gewußt,« sagte Gretchen und es war ihr
anzusehen, wie schmerzlich diese Nachricht sie ergriff.
»Ja, ja, mein Kind,« sprach der alte Herr ganz bewegt. »Gleich im
Herbst, als die ersten kalten Winde kamen, wie er sie wohl in seiner
Heimat nicht gewöhnt war, wurde er leidend. Er mußte viel husten und
als der Winter kam, konnte er gar nicht mehr in die Schule gehen. Ich
besuchte ihn oft bei seinen Verwandten, die ihn liebevoll verpflegten.
Er ertrug seine Leiden geduldig und wenn man ihn fragte, wie es ihm
gehe, sagte er immer: »Ganz gut,« und wurde dabei doch immer magerer
und schwächer; gelt du weißt's auch noch, Hans?« sagte der Lehrer und
als Gretchen nach dem Hans hinsah, bemerkte sie, daß er weinte.
»Ja, die beiden waren gar gute Freunde. So oft ich hinkam, traf ich den
Hans am Bett und der Hans las ihm vor aus dem Buch, das du ihm gegeben
hast, oder sie sahen die Bilder an aus dem Raubtierbuch. Seine Löwen
mußte ich bewundern, so oft ich kam. Als ich wieder einmal zu ihm kam,
standen seine Verwandten um sein Bett und klagten: ›Ach, daß das Kind
so jung sterben muß!‹«
»Laßt ihn doch in Frieden ziehen,« sagte ich, »er will gewiß gerne in
den Himmel kommen, wohin sein Mütterlein schon voraus gegangen ist.« Da
schlug er seine Augen auf, sah mich mit einem leuchtenden Blick an und
sprach: »So gerne, ach so gerne!«
»Noch am selben Abend ist er dahin geschieden, und so lieb ich ihn
hatte, so kann ich doch nur sagen: ›Wohl ihm, dem kleinen Fremdling,
daß er daheim ist!‹«
Gretchen hatte tief bewegt zugehört, jetzt sah sie wieder auf den Hans
und sagte: »Aber für den Schäfer-Hans tut's mir leid!«
»Ja, der hat viel an seinem Felix verloren, aber so einsam, wie er
früher war, ist er jetzt doch nimmer, sein Vater ist bei ihm, gelt
Hans?« Und der Hans trocknete seine Tränen und sagte ordentlich stolz:
»Ja, und er bleibt ganz bei mir.«
»Ist das wahr?« fragte jetzt der junge Lehrer, »geht er im Frühjahr
nicht mit den Schafen fort?«
»Nein, er hat's aufgegeben und Arbeit im Städtchen gefunden,« sagte
Herr Baumann und indem er sich an den jungen Lehrer wandte, fügte er
halblaut hinzu: »Es ist merkwürdig, wie der Mann glücklich ist, seit er
weiß, daß sein Bub tüchtig ist. Gar nicht glauben wollte er's, als er
im Herbst heimkam mit seiner Herde und ich ihn antraf und zu ihm sagte,
sein Bub sei der beste Schüler in der Klasse. Seinetwegen hat er nun
die Schäferei aufgegeben und so viel er kann, ist er nun daheim und ich
hab's selbst gesehen, wie Vater und Sohn an einander hängen und wie die
alte Großmutter noch einmal auflebt über der Freude; es ist rührend zu
sehen, man trifft's selten so!«
Auf der Turmuhr draußen schlug's 12 Uhr.
»Jetzt müssen wir schließen,« sprach Herr Baumann; alle Kinder erhoben
sich und beteten das Schulgebet:
»Nun geh'n wir aus der Schule fort,
Ach bleib bei uns mit deinem Wort,
Mit deiner Gnad und Segen
Auf allen unsern Wegen.«
Gretchen sprach es mit ihnen und freute sich, daß sie's noch konnte,
dann gab sie den beiden Lehrern die Hand und wollte mit Emilie gehen.
Da zupfte jemand an ihrem Kleid. Sie wandte sich um; die kleine Luise
Seiz stand hinter ihr, sah ihr vergnügt ins Gesicht, hielt ihre Tafel
in die Höhe und rief: »Kennst du sie noch?«
»Ist's noch dieselbe?« fragte Gretchen.
»Ja freilich, die hält noch lang, das ist eine ganz gute!« Und nun
fühlte sich Gretchen schon wieder am Ärmel gepackt, lachend sah sie
sich um: es war der Hans. Der sprach die großen Worte: »Du, da!« und
reichte ihr den spitzigsten Griffel hin, den er gerade vorrätig gehabt
hatte, dann sprang er davon. Jetzt aber machte sich auch die kleine
Emilie geltend: »Komm,« sagte sie, »wir wollen zum Essen gehen, daheim
werden sie schon warten auf uns.« Nun machte sich Gretchen los und
ging mit Emilie fort und bald darauf saß sie beim Mittagstisch in
der Apotheke. Da ging's ihr nun nicht schlecht! Sie war die kleine
Hauptperson bei Tisch und nicht nur beim Essen, sondern auch nachher
und nicht nur den _einen_ Tag, sondern auch alle die andern. Was sie
nur wollte, das wurde getan, und Gretchen, die zum erstenmal zu Gast
war, fand das ein herrliches Leben. Im ganzen Städtchen kam sie herum,
suchte all die altbekannten, lieben Plätzchen auf und traf überall gute
Bekannte, die sie freundlich anredeten.
Nur ins eigene Haus, wo sie ihre erste glückliche Kinderzeit verlebt
hatte, kam sie nicht. Dort wohnten jetzt ganz fremde Leute. Gretchen
hätte gar zu gerne die lieben, wohlbekannten Räume wieder gesehen, und
als sie einmal an dem Hause vorbei kam, stand sie lange still und sah
sehnsüchtig hinauf. Es war ihr, als müßte der Mutter liebes Gesicht
heruntersehen, wie so oft, wenn Gretchen sich früher vor dem Haus
getummelt hatte. Und richtig -- da ging das Fenster auf, aber eine ganz
fremde Frau sah heraus und schüttelte ihr Staubtuch aus, gerade über
Gretchens Kopf. Da ging Gretchen weiter, jetzt wußte sie's, daß dies
Haus kein Heim mehr für sie war. Von diesem Tag an kam's wie leises
Heimweh über sie und ganz im Stillen und Geheimen freute sie sich, bis
Lene wieder käme und sie holte.
Die acht Tage waren schnell vorüber und Gretchen war's wie ein Traum,
als sie mit Lene in der Bahn saß und der Residenz zufuhr. Sie freute
sich unbeschreiblich auf das Heimkommen, aber sie mochte es der Lene
nicht sagen, die mußte ja nun von ihren Eltern fort und war wohl sehr
traurig.
»Was siehst du mich so ernsthaft an?« fragte jetzt Lene.
»Hast du weinen müssen, wie du von deinen Leuten fort bist, Lene?« --
»Diesmal nicht,« antwortete Lene, »denke nur, mein Bruder kommt aufs
Frühjahr in die Lehre zu einem Meister in der Residenz und eine von
meinen Schwestern soll das Nähen dort lernen, vielleicht gerade bei
der Schneiderin, die dein Osterkleid gemacht hat. Dann habe ich zwei
Geschwister in der Stadt und meinen Eltern ist's so recht, daß ich dort
bin.«
»O das freut mich,« rief Gretchen ganz vergnügt und nun schauten die
beiden ungeduldig zum Fenster hinaus, ob nicht bald in der Ferne die
Türme der Residenz auftauchen würden.
Die Eltern standen beide am Bahnhof, Gretchen sah sie schon vom Zug
aus und so groß auch das Menschengedränge war, so fanden sie sich doch
gleich, denn einen solchen Jubelruf, wie ihn Gretchen beim Anblick der
Eltern ausstieß, konnte man doch nicht überhören. Wie schön war's nun,
zwischen Vater und Mutter heimzuwandern, und wie behaglich, mit ihnen
am Tisch zu sitzen und von der alten Heimat erzählen zu dürfen!
»Und wo ist's denn nun am schönsten?« fragte der Vater, »in Föhrenheim
oder in der Residenz?« Einen Augenblick besann sich Gretchen, dann rief
sie so recht aus warmem Herzen: »Immer da, wo ihr seid!«
Es war ein glücklicher Abend für Gretchen und sie wäre gerne viel
länger als sonst aufgeblieben. Aber die Mutter tröstete sie: »Morgen
ist wieder ein Tag und noch dazu ein recht schöner, denn Hermine hat
versprochen, dich zu besuchen, und Fräulein Treppner hat sagen lassen,
du möchtest nur gleich morgen zu ihr kommen, die Kanarienvögel hätten
Eier gelegt.« Mit diesen schönen Aussichten konnte man wohl zu Bette
gehen!
Als an diesem Abend die Mutter noch zu ihrem Töchterchen kam, um mit
ihr zu beten, sagte sie: »Weißt du auch, was heute für ein Jahrestag
ist, Kind?« Gretchen wußte es nicht. »Ich will dir's sagen. Heute ist
der 10. April, an diesem Tag bist du voriges Jahr zum erstenmal in die
Schule gegangen, weißt du es noch?«
»O ja, Mutter, ganz gut!«
»Sieh, nun hast du schon dein erstes Schuljahr hinter dir. Ist's schön
gewesen?«
»Zuerst war's schön, dann war's eine zeitlang nicht schön -- du weißt
schon, Mutter, welche Zeit ich meine -- und zuletzt war's wieder schön.«
»Nun wollen wir dem lieben Gott heute Abend noch miteinander danken für
die _schönen_ Zeiten und ich meine auch für die _schwere_ Zeit, denn
die hat meinem Töchterchen am meisten Segen gebracht. Und dann wollen
wir ihn bitten, daß auch das nächste Schuljahr recht schön wird, oder,
wenn's auch wieder schwere Zeiten bringen sollte, recht segensreich!
Wollen wir das?« Gretchen stimmte von ganzem Herzen mit ein in der
treuen Mutter Gebet, und in dem süßen Bewußtsein, wieder daheim zu sein
im Elternhaus, schlummerte sie bald ein und schlief ruhig hinüber --
ins zweite Schuljahr.
Von derselben Verfasserin sind ferner erschienen:
Gretchen Reinwalds letztes Schuljahr.
Eine Erzählung für Mädchen von 13--16 Jahren.
272 Zeiten. Elegant gebunden. Mk. 2.80.
»Es ist mir kaum ein größeres pädagogisches Schriftstellertalent
entgegengetreten, als es die Verfasserin in ihren Schriften überhaupt
und speziell in dem hier angeführten Buche kundgibt. In gefälliger,
nirgends aufdringlich moralisierender Form, in spannender Entwicklung
versteht sie es meisterhaft, durch die Erzählung selbst zu lehren, zu
unterweisen, krause Gedanken und Empfindungen junger Mädchenköpfe auf
das rechte Maß zurückzuführen. _Jede ihrer Gestalten lebt vor unserem
inneren Auge._ Es ist ein nicht warm genug zu empfehlendes Buch.«
Daheim 1901.
»Jede Mutter, die dieses Buch prüft, wird sagen, daß dies _eine der
gesündesten, frischesten Jung-Mädchengeschichten_ ist, die wir haben.«
Lit. Rundschau z. Kirchl. Korrespondenz 1901.
Beide Teile (_Erstes_ und _letztes_ Schuljahr) sind in Einem Band
gebunden:
Gretchen Reinwald.
Erlebnisse eines Schulmädchens.
In Leinwandband ℳ. 4.--.
Für kleine Mädchen.
Zehn Erzählungen.
Gebunden ℳ. 1.20.
Die Mutter unter ihren Kindern.
Ein Büchlein für Mütter.
208 Seiten. In Leinwandband ℳ. 2.40.
Stuttgarter Vereins-Buchdruckerei