»Das will ich dir zeigen,« sprach der Vater, »höre mir einmal zu!« und

nun las Herr Reinwald einige Zeilen ganz eintönig und gleichgültig vor

und dann wurde dasselbe noch einmal mit soviel Betonung und Verständnis

vorgetragen, daß es Gretchen sofort klar wurde, was es heißt »mit

Ausdruck« zu lesen.

»Jetzt will ich auch so lesen,« rief sie eifrig, nahm das Buch und

las die nächste Geschichte laut vor. Der Vater freute sich, als er

bemerkte, daß es Gretchen schon mehr ernst war mit dem Lernen, als

früher; er machte sie aufmerksam auf alles, was sie betonen mußte, und

hätte sich gerne noch mehr mit ihr abgegeben, aber es zog ihn immer

wieder zur Mutter, deren Befinden ihm schwere Sorge machte.

Am Abend sagte Gretchen zu Lene: »Wo ist denn eigentlich mein

Strickzeug, ich finde es ja gar nicht.«

»Mußt eben recht suchen,« war Lenes Antwort, und Gretchen suchte

gewissenhaft alles aus; aber als sie es gar nicht fand, sagte sie

schließlich: »Weißt du, Lene, es ist mir gar nicht so arg, daß ich das

Strickzeug nicht gefunden habe, dann muß ich es doch nicht zeigen.«

Lene nickte und lächelte schlau, sie glaubte, es recht gut für ihren

kleinen Liebling gemacht zu haben; aber es war doch nicht so -- krumme

Wege führen nicht zum guten Ziel!

Zwölftes Kapitel.

Ein böser Verdacht.

Die nächsten Wochen brachten unserem Gretchen noch manche Not. In der

Schule soviel Neues und Schweres und daheim weder Rat noch Hilfe, denn

der Mutter Krankheit nahm den Vater und Lene ganz in Beschlag.

Heute war es Gretchen besonders schlecht gegangen. Sie hatte von

Fräulein von Zimmern zwei schlechte Noten bekommen, weil sie schon zum

zweitenmal ihre Geographieaufgabe nicht gekonnt hatte. Betrübt schlich

sie in der Freiviertelstunde umher, sie hatte keine Lust, mit den

anderen zu spielen; aber Hermine Braun vermißte sie bald und suchte sie

auf. »Ist dir's sehr arg, daß du schlechte Noten bekommen hast?« fragte

sie, »und warum hast du denn deine Geographie nicht gelernt?«

»Ich habe sie doch gelernt,« rief Gretchen ganz in Verzweiflung, »gewiß

zwei Stunden habe ich daran gelernt!«

»Aber du hast doch gar nichts gewußt von allem, was Fräulein von

Zimmern gefragt hat!«

»Was sie gefragt hat, kommt ja gar nicht in meinem Büchlein!«

»O, dann hast du gewiß ein falsches Buch, zeige es mir doch einmal.«

Gretchen holte es herbei. Das Buch war nicht falsch, aber bald zeigte

sich's, daß Gretchen, die sich noch gar nicht darin auskannte, etwas

ganz anderes daraus gelernt hatte und zwar wohl dreimal soviel, als sie

aufgehabt hatte.

»Das muß Fräulein von Zimmern erfahren,« rief Hermine lebhaft, »ich

gehe mit dir und sage es ihr, gleich jetzt in der Freiviertelstunde.

Komm nur!« und voll Eifer zog sie Gretchen mit sich fort, klopfte bei

Fräulein von Zimmern an und trat mit Gretchen ein.

»Fräulein von Zimmern,« sagte Hermine, »Gretchen kennt sich im

Geographiebuch noch nicht recht aus und hat für heute etwas anderes

gelernt, alles dieses!« und sie wies in das Buch.

»Ist das richtig?« fragte Fräulein von Zimmern, indem sie Gretchen

ernst ansah.

»Ja.«

»So sage es mir her!«

So lange und schwierig auch die Aufgabe war, die Gretchen gelernt

hatte, sie konnte sie ohne Anstoß von Anfang bis zu Ende. Hermine war

ordentlich stolz, daß es so gut ging. Fräulein von Zimmern hörte sie

aufmerksam an bis zum letzten Wort. »Das war eine schwere Aufgabe für

dich,« sagte sie nun, »ich sehe, du warst sehr fleißig. Es tut mir

leid, daß du etwas anderes gelernt hast, als ich verlangt hatte; deine

schlechten Noten kann ich nimmer ausstreichen, das kommt nie vor, gar

nie, auch dann nicht, wenn sie unverdient waren. Im Leben geht es uns

auch manchmal so, daß wir ohne Schuld ins Unglück kommen. Auch das muß

man ertragen lernen. Ich weiß aber nun, daß du deine Pflicht getan

hast, ich bin wieder zufrieden mit dir und so wirst du's auch sein.«

Und Gretchen war's, denn, wenn sie auch Fräulein von Zimmern noch

nicht eigentlich lieb hatte, so empfand sie doch schon eine solche

Hochachtung für sie, daß dies Lob aus ihrem Munde sie ganz glücklich

machte.

»Wenn wieder Geographiestunde ist, so kannst du Gretchen die Aufgabe in

ihrem Buch zeigen, Hermine,« sprach Fräulein von Zimmern, »ich sehe,

daß ihr gute Freundinnen seid, das freut mich, haltet nur treulich

zusammen!«

Als die beiden wieder draußen im Vorplatz waren und Gretchen sicher

war, daß Fräulein von Zimmern sie nimmer sah, fiel sie Hermine in

ihrer alten, ungestümen Weise um den Hals, drehte sie dann um und um

vor Vergnügen, daß Hermine gar nicht wußte, wie ihr geschah, und ganz

erstaunt ausrief: »Aber Gretchen, das habe ich noch gar nicht gewußt,

daß du auch so lustig sein kannst!« Nun sprangen die Freundinnen

miteinander hinaus in den Schulhof und waren vergnügt mit den anderen,

denn Gretchen fühlte sich schon längst nimmer fremd unter ihren

Kamerädinnen. Nur Ottilie von Lilienkron konnte sie heute noch so wenig

leiden wie am ersten Tag, und bald sollte ein Ereignis eintreten, das

die Abneigung der beiden Kinder gegeneinander noch bestärkte.

Die Handarbeitsstunde kam wieder, die von Gretchen so sehr gefürchtete.

In die zweite Arbeitsstunde war Gretchen ohne ihren alten Strickstrumpf

gekommen und hatte versichert, daß er nirgends zu finden sei. Fräulein

Klingenstein hatte dies zwar nicht geglaubt, sondern es bloß für eine

Ausrede gehalten; aber sie hatte nicht darüber gezankt, denn damals war

Gretchen noch sehr in ihrer Gunst gestanden. Seitdem aber waren mehrere

Arbeitsstunden vergangen und in diesen war Fräulein Klingensteins

freundliche Gesinnung gegen Gretchen ins Gegenteil umgeschlagen.

Gretchen brachte das schwierige Börtchen, mit dem sie ihren neuen

Strumpf zu beginnen hatte, durchaus nicht zu stande, immer mußte wieder

aufgezogen werden, was sie gemacht hatte und darüber wurde Fräulein

Klingenstein sehr ungeduldig und hatte schon mehrmals versichert, sie

hätte nichts dagegen, wenn Gretchen wieder dahin zurückkehrte, woher

sie gekommen war.

Heute nun ging's wieder ganz schlimm. Fräulein Klingenstein hatte

eben Gretchens Arbeit in der Hand, die schon anfing, durch das viele

Aufziehen eine bedenkliche Färbung anzunehmen. »Dein Strickzeug kann

man gar nicht ansehen neben den anderen,« sprach sie ärgerlich.

»Ottilie, bringe doch einmal das deinige her, daß wir's nebeneinander

halten.« Ottilie war rasch bei der Hand und legte ihre Arbeit neben die

von Gretchen, und obwohl sie bemerken konnte, wie diese tiefbeschämt

dastand, und obgleich sie hörte, wie Fräulein Klingenstein mit harten

Worten Gretchen ihr Ungeschick vorhielt, schien sie doch kein Mitleid

zu haben, im Gegenteil, sie deutete geringschätzig auf Gretchens Arbeit

und sagte: »So schlecht strickt mein Schwesterchen nicht, das in die

Kleinkinderschule geht.«

»Wohl möglich,« antwortete Fräulein Klingenstein, »so oft eine Stunde

aus ist, stehen wir wieder an derselben Stelle, wie beim Beginn der

Stunde.«

»Nur wird das Garn jedesmal ein wenig dunkler, damit man doch sieht,

daß daran gearbeitet wird,« sagte Ottilie lachend und Fräulein

Klingenstein lachte mit. Gretchen kämpfte mit den Tränen; sie sagte

nichts, als sie aber wieder an ihrem Platz saß, faßte sie im stillen

den Entschluß, ihr Strickzeug mit heimzunehmen in der Hoffnung,

daß Lene ihr das schwere Muster vielleicht lehren könnte. Es war

zwar verboten, die Arbeiten mit nach Hause zu nehmen, aber in ihrem

Jammer nahm sie sich vor, es trotzdem heimlich zu tun. Nach der

Arbeitstunde, um elf Uhr, mußte sie, wie die andern alle, zunächst

einmal ihr Körbchen hinauftragen in die Kammer, sonst hätten es ihre

Mitschülerinnen bemerkt. Um zwölf Uhr aber machte sie sich noch ein

wenig im Schulzimmer zu schaffen und wartete, bis alle Schülerinnen das

Haus verlassen hatten. Dann schlich sie leise die halbe Treppe hinauf;

dort aber blieb sie stehen und besann sich. Heimlich etwas Verbotenes

zu tun, war ihrem aufrichtigen Wesen ganz fremd und zuwider, und so

gerne sie die Arbeit gehabt hätte, sie brachte es nicht über sich, sie

zu holen. Was würden die Eltern sagen, wenn sie das wüßten, und sah

nicht Gottes Auge auf sie? Gretchen _konnte_ nicht, sie _wollte_ nicht,

sie eilte die Treppe wieder hinunter. Aber diesmal blieb sie nicht

unbemerkt. In dem Augenblick, als sie herunterkam, begegnete ihr eine

Schülerin der ältesten Klasse, die einen ganzen Pack Arbeiten trug.

»Du kommst mir recht, Kleine,« sagte diese, »magst du mir nicht die

Fadenrolle aufheben, die mir da hinuntergefallen ist?« Gretchen holte

die Rolle. »Ich danke dir; was hast du denn ganz allein da droben

getan?« fragte sie arglos.

»O, gar nichts,« antwortete Gretchen in Verlegenheit und eilte fort,

während ihr das große Mädchen verwundert nachsah.

Im Heimweg malte sich Gretchen aus, wie schön es wäre, wenn Krieg käme

und Soldaten die ganze Kammer ausplündern würden und man gar keine

Handarbeiten mehr hätte. In diese Gedanken versunken wandelte sie so

dahin und merkte nicht, wer dicht vor ihr desselben Weges ging, bis

plötzlich der Anblick eines kleinen Hundes sie aus ihren Träumereien

weckte. Das war ja der Mops von Fräulein Treppner und richtig --

dicht daneben ging diese selbst, offenbar auch auf dem Weg nach Hause

begriffen. Wie der Blitz schoß Gretchen auf die andere Seite der Straße

hinüber und tat, als ob sie das Fräulein nicht sähe. Heimlich aber

schielte sie doch immer wieder zu ihr hinüber. Fräulein Treppner sah

heute nicht so böse aus, eher traurig, meinte Gretchen, etwa so, wie

wenn sie gerade darüber nachdächte, daß niemand sie lieb habe. Das

alte Mitleid regte sich schon wieder bei Gretchen. »Eigentlich ist's

nur natürlich, daß sie neulich böse über mich war,« dachte sie, »denn

sie hat ja gemeint, ich hätte absichtlich an ihrer Glocke gezogen. Ich

möchte es ihr gar zu gerne sagen, daß es nicht so war.« Gretchen warf

einen bedenklichen Blick auf den Hund -- der kam ihr aber auf offener

Straße auch nicht so gefährlich vor; so wagte sie's denn, ging wieder

hinüber auf die andere Seite der Straße, näherte sich dem Fräulein und

sprach: »Guten Tag, Fräulein Treppner!«

Ein undeutliches Murmeln war die Antwort des Fräuleins, ein deutliches

Knurren die Antwort des Hundes. Das war nicht sehr einladend zu

weiterem Gespräch und Gretchen zögerte. Nach einer kleinen Weile

aber trat sie noch näher heran und sagte in ihrer herzlichen Weise:

»Fräulein Treppner, ich habe gar nicht mit Fleiß an Ihrer Klingel

gezogen, ich habe gemeint, es sei die unsrige.« Fräulein Treppner warf

einen langen, mißtrauischen Blick auf sie und der Hund kam unheimlich

nahe an Gretchens Füße. Diesmal aber rief ihn die alte Dame mit einem

»Molly, komm!« zurück. Gretchen nahm dies für ein gutes Zeichen und

fuhr fort: »Haben denn andere Kinder schon mit Absicht an Ihrer Glocke

gezogen?«

»Ja, freilich haben sie das. Nirgends sind die Kinder so böse wie

hier. Sie treiben ihren Spott mit den Leuten, daß sie einem das Leben

verbittern.«

»Ach,« sagte Gretchen ganz ernsthaft und dachte an Ottilie, »so geht

mir's auch! Da passen wir ganz gut zusammen, mir verbittern sie auch

das Leben.«

»Dir?« fragte Fräulein Treppner erstaunt und sah ungläubig in das

blühende Kindergesicht neben sich.

»Ja, freilich, mir ist's heute wieder so schlecht gegangen. Da ist

eine in unserer Schule, die strickt so schön und die hat mich heute so

verspottet und ich _kann_ doch einmal das Muster nicht!«

Der ganze Jammer der Arbeitsstunde fiel Gretchen wieder schwer aufs

Herz und ihr Ton klang so bekümmert, daß Fräulein Treppners Mißtrauen

ganz verschwand. Sie sah wohl, dies Kind trieb keinen Spott mit ihr.

»Was strickt ihr denn in eurer Schule?« fragte sie.

»Ganz feine, weiße Strümpfe mit einem schweren Börtchen, das bringe

ich gewiß nie heraus und in jeder Stunde wird Fräulein Klingenstein

ungeduldiger mit mir. Man darf auch die Arbeit nicht mit heimnehmen und

wenn man's auch dürfte, die Mutter ist ja krank und Lene brächte das

Kettenbörtchen vielleicht selbst nicht heraus.«

»Das Kettenbörtchen ist's? Welcher Unsinn, so kleinen Dingern ein solch

schwieriges Muster zuzumuten! Ja, die meisten Menschen sind heutzutage

verrückt!« versicherte Fräulein Treppner.

Inzwischen waren sie an das Haus gekommen. Als aber Gretchen hinter

Fräulein Treppner eintreten wollte, fing der Mops wieder an zu bellen

und wollte es nicht leiden. »Molly, still!« wehrte Fräulein Treppner.

»Er kennt mich eben noch nicht,« sagte Gretchen entschuldigend.

»Er kann die Kinder nicht leiden; gelt, Molly, du weißt, daß sie mich

verspotten, ja Spott tut weh!«

Jetzt sah das alte Fräulein wirklich traurig aus und es trieb Gretchen,

ihr zum Abschied noch freundlich die Hand zu bieten, und Fräulein

Treppner nahm wirklich die Hand und sah Gretchen noch wie verwundert

nach -- sie war nicht gewöhnt, daß ihr die Menschen so herzlich und

zutraulich begegneten.

Als Gretchen hinaufkam, fiel ihr gleich auf, daß Lene so geheimnisvoll

lächelte.

»Was gibt's, Lene?« fragte sie.

»Gehe nur ins Wohnzimmer, es ist jemand darin.«

»Wer denn?«

»Sieh nur selbst!«

Und wer war's? Die _Mutter_ war's, die heute Mittag zum erstenmal

wieder aufstehen durfte und Mann und Kind damit überrascht hatte. O,

was war das für eine Freude, als die Mutter am Mittagstische saß! Da

schmeckte das Essen doch noch einmal so gut und das ganze Zimmer schien

nun auf einmal behaglich und traut. Und wie dankte die Mutter so von

ganzem Herzen dem lieben Gott, daß sie wieder bei ihren Lieben sein

konnte, für die sie so gerne noch sorgen und schaffen wollte.

Am Nachmittag war Gretchen wohl eine Stunde still an ihren Aufgaben

gesessen, da trat die Mutter leise zu ihr heran, strich ihr zärtlich

mit der Hand über das Haupt und sagte: »Ist mein Kind so fleißig! Was

machst du denn?«

»Zuerst habe ich ins Heft geschrieben und jetzt lerne ich mein Lied.«

»Soll ich dich überhören?«

»Kannst du wirklich, Mutter?« fragte Gretchen ganz beglückt.

»Ja, dies Geschäft kann ich jetzt wieder übernehmen.« Gretchen sagte

das Lied her. »Das geht ja ganz ordentlich,« meinte die Mutter.

»Ja, aber noch lange nicht gut genug für unsern Herrn Pfarrer.«

»Ist er so streng?«

»Nein, aber man möchte es doch bei ihm immer ganz gut können. O Mutter,

wenn du ihn einmal nur kennen lernen könntest, du hättest ihn gewiß

auch lieb!«

»Ich möchte ihn wohl recht gerne einmal sehen; wenn ich erst ganz

gesund bin, wird es sich schon machen lassen.«

Gretchen nahm nun ihre Tafel und fing eifrig an, ihre Rechnungen zu

schreiben, die Mutter aber dachte im stillen: »Wie ist mein Töchterchen

so ernst und eifrig an der Arbeit, ich kenne sie gar nicht wieder.«

Als die Lampe angezündet wurde, mußte sich Frau Reinwald wieder

legen und Gretchen saß wieder einsam im Zimmer, als es klingelte.

»Wenn nur auch jemand zu _mir_ käme,« dachte sie, »aber hier kommt

niemand als der Metzger oder das Milchmädchen,« und richtig war es das

Milchmädchen, man hörte ja schon das Klappern ihrer Blechkanne. Aber --

wie merkwürdig -- Lene rief Gretchen heraus, das Milchmädchen habe ihr

etwas auszurichten.

»Fräulein Treppner läßt fragen, ob so das Kettenmuster sei und wenn es

so sei, so wolle sie es dir gerne lehren, wenn du zu ihr herunterkommen

willst.«

Gretchen betrachtete das Muster, das ihr das Mädchen hinhielt. »Ja, so

ist das Muster, ganz so! Lene, hast du's gehört? Meinst du, ich darf

hinunter?« fragte Gretchen begierig und fügte leise hinzu: »Du siehst

ja selbst, Lene, man _muß_ sie lieb haben, sie ist doch wirklich gut!«

Lene schien noch nicht ganz überzeugt, aber das Milchmädchen sagte:

»Ich glaube, das Fräulein hat das Muster extra gestrickt für die

Kleine, sie würde es sehr übel nehmen, wenn das Kind nicht käme, und

so schlimm ist das Fräulein eigentlich nicht, man sagt ihr's mehr so

nach.« Nun ging Lene zu Frau Reinwald hinein und kam richtig mit der

Erlaubnis zurück.

Nach kurzer Zeit saß Gretchen in Fräulein Treppners Zimmer. Molly hatte

endlich sein Bellen aufgegeben und war auf dem Sofa eingeschlafen. Das

Fräulein hatte Nadeln und Baumwolle herbeigeholt und Gretchen dachte,

nun würde es ans Kettenmuster gehen. Aber Fräulein Treppner fing ihr

ein ganz einfaches Müsterchen an. »In meiner Jugend,« sagte sie,

»waren die Leute noch vernünftig, da haben sie den Kindern zuerst das

Leichte gelehrt und dann das Schwere, jetzt machen sie's umgekehrt.

Ich aber zeige dir jetzt ein ganz einfaches Müsterchen und dann

wieder eines und erst zuletzt das Kettenmuster. Sieh mir nur zu.« Das

ging nun viel, viel leichter, als Gretchen gedacht hatte, und nach

einem kleinen Stündchen schon konnte Gretchen befriedigt mit ihrer

Arbeit hinaufgehen, denn Fräulein Treppner hatte versichert, morgen

abend würde sie ihr das Kettenmuster ganz leicht lehren können. Nach

dem Abendessen erlebte Lene das unerhörte, daß Gretchen mit ihrem

Strickzeug herauskam und sagte: »Ich stricke noch ein wenig, weil das

Müsterchen gar so nett ist!«

An den nächsten Abenden fand sich Gretchen immer zur gleichen Stunde

bei Fräulein Treppner ein und endlich erklärte diese: »Jetzt ist

dein Kettenmüsterchen _ganz_ schön!« Das war nun eine Freude und ein

Glück! Gretchen konnte sich nicht oft genug ausmalen, wie Fräulein

Klingenstein sich über ihre Kunst wundern würde. Wie getrost ging

Gretchen in die nächste Arbeitsstunde, und doch sollte diese die

schwerste für sie werden!

Die Kinder hatten eben ihre Arbeitskörbe aus der Kammer heruntergeholt,

die Stunde sollte beginnen. Als aber Ottilie ihre Arbeit aus dem Korbe

nahm, entfuhr ihr ein lauter Schreckensruf und mit den Worten: »Aber,

wer hat mir _das_ getan?« brach sie in Tränen aus. »Was ist's? Was

gibt's?« ertönten die Fragen von allen Seiten und Fräulein Klingenstein

trat herzu. Da lag Ottiliens Strickzeug und war gar nimmer zu erkennen:

alle Nadeln waren herausgezogen, das Garn durcheinander gewirrt und

die ganze Arbeit zerstört. Es war allen ein Rätsel, wie dies hatte

geschehen können. Fräulein Klingenstein aber nahm die Arbeit und sagte

in höchster Entrüstung: »Ich werde augenblicklich zu Fräulein von

Zimmern gehen, die Sache muß sofort untersucht werden.«

Fräulein von Zimmern gab eben Unterricht in der Klasse der Großen und

war sehr wenig erfreut über die unangenehme Störung. Sie hätte gerne

die Untersuchung bis nach Beendigung des Unterrichts verschoben,

aber Fräulein Klingenstein war zu sehr erregt und wollte sich nicht

gedulden. »Bedenken Sie nur,« rief sie, »es war die schönste Arbeit

der ganzen Klasse, in tadellosem Zustand ist sie hinaufgekommen in die

Kammer und so kommt sie wieder herunter. Es muß sie jemand absichtlich

droben in der Kammer verdorben haben!«

»Es ist mir unerklärlich, wie so etwas geschehen konnte,« sprach

Fräulein von Zimmern, »es hält sich ja nie eines der Kinder allein

droben auf. Wir müssen in allen Klassen nachfragen, ob keine der

Schülerinnen eine Erklärung geben kann. Weiß keine von euch etwas

darüber zu sagen?« fragte Fräulein von Zimmern, indem sie sich an ihre

Schülerinnen wandte. Da erhob sich das Mädchen, das am Samstag die

Arbeiten hinaufgetragen und dabei Gretchen auf der Treppe getroffen

hatte. Sie erzählte ihre Begegnung, und daß Gretchen ihr keine Antwort

auf die Frage gegeben habe, was sie dort oben zu tun gehabt habe.

»Dann ist alles klar,« sprach Fräulein Klingenstein sofort mit größter

Bestimmtheit. »Gretchen Reinwald, die sehr schlecht arbeitet, hat

natürlich einen Haß auf Ottilie, die ich ihr erst in der letzten Stunde

als Muster vorgehalten habe und die sich auch über Gretchens Strickerei

lustig gemacht hat. Sie wollte sich rächen, das törichte Kind, als ob

so etwas nicht gleich ans Licht käme!«

»Nur sachte, Fräulein Klingenstein,« mahnte Fräulein von Zimmern.

»Wir wissen zunächst noch gar nichts, als daß das Kind auf der Treppe

gesehen wurde, und die Kleine macht mir durchaus nicht den Eindruck,

als ob sie solcher Bosheit fähig wäre. Ich will die Sache selbst

untersuchen.«

Die beiden Lehrerinnen kehrten zusammen in die zweite Klasse zurück.

»Kinder,« sprach Fräulein von Zimmern, »hat eine von euch sich einen

mutwilligen Streich mit dieser Arbeit erlaubt oder sie aus Ungeschick

verdorben?«

Alles blieb still.

»Liebe Kinder,« sprach Fräulein von Zimmern in ungewöhnlich sanftem

Ton, »jedes Unrecht kann man dadurch wieder gut machen, daß man es

offen eingesteht. Wer mir seinen Fehler bekennt, ist mir nachher wieder

so lieb wie vorher. Darum sagt mir nun aufrichtig: Hat eine von euch

diese Arbeit berührt?«

Wieder erfolgte keine Antwort, lautlose Stille herrschte in der ganzen

Klasse.

»Nun,« begann Fräulein von Zimmern wieder, »ich weiß, es ist sehr

schwer, vor allen Mitschülerinnen sein Unrecht zu bekennen. Ich will's

euch leichter machen. Heute, von zwölf bis zwei Uhr, bin ich für jede

von euch, die mir etwas mitteilen will, in meinem Zimmer zu sprechen.

Bedenket aber auch, daß die Sache früher oder später doch ans Licht

kommen wird, und daß ich ein Kind nicht in meiner Schule behalten

werde, welches mir seinen Fehler nicht eingestanden hat.«

Fräulein von Zimmern wandte sich zum Gehen, Fräulein Klingenstein

begleitete sie zur Türe.

»Bitte, von Ihrem Verdacht nichts merken zu lassen,« flüsterte ihr die

Vorsteherin zu.

Der Mittag verging, schon war es bald zwei Uhr. Fräulein von Zimmern

lauschte auf jeden Schritt, hoffend, daß eine kleine, reuige Sünderin

bei ihr eintreten und ihre Schuld eingestehen werde. Aber umsonst --

alle Schritte verloren sich in die Klassenzimmer, es schlug zwei Uhr,

der Unterricht mußte beginnen. Fräulein von Zimmern trat in die zweite

Klasse ein, der sie um diese Zeit Schreibstunde zu geben pflegte. Die

Kinder saßen schon an ihren Plätzen.

»Gretchen Reinwald,« fragte Fräulein von Zimmern, »bist du am Samstag

nach zwölf Uhr in der oberen Kammer gewesen?«

»Nein,« antwortete Gretchen.

»Aber man hat dich von dort herunter kommen sehen.«

»Ich war bloß auf der Treppe.«

»Was tatest du auf der Treppe?«

Gretchen wurde sehr rot. »Ich wollte in die Kammer gehen, aber ich habe

es nicht getan, ich bin gleich auf der Treppe wieder umgekehrt.«

»Und was wolltest du in der Kammer tun?«

»Mein Strickzeug mit heimnehmen und mir zu Hause das Muster lehren

lassen.«

»Und warum hast du es nicht getan?«

»Weil es nicht erlaubt ist,« sagte Gretchen ganz leise.

»Das hast du aber doch schon gewußt, ehe du die Treppe hinauf gingst?«

»Ja.«

»Was hat dich dann davon abgebracht? Hast du jemand kommen hören, oder

war jemand oben in der Kammer?«

»Ich habe niemand gehört und ob jemand droben war, weiß ich nicht; ich

bin nur umgekehrt, weil es nicht erlaubt ist.«

Fräulein von Zimmern fragte nimmer weiter, sie hieß die Kinder

schreiben und nahm Ottilie mit sich in ihr Zimmer.

»Hast du eine Ahnung, wer deine Arbeit verdorben hat?« fragte sie

dieselbe.

»Das hat ganz gewiß Gretchen Reinwald getan, ich weiß wohl, daß sie

mich nicht leiden kann, weil ich besser stricke als sie.«

»Hast du sie denn einmal darüber verspottet?«

»O, bloß im Spaß!«

»Das ist sehr unschön von dir, Ottilie. Du bist ein Jahr älter als sie

und hast schon lange Strickunterricht, während sie in ihrer Schule

noch keinen hatte. So ist's doch ganz natürlich, daß du weiter bist

und gar kein Grund zum Spott da. Sollte Gretchen wirklich deine Arbeit

verdorben haben, so wärest du selbst mit Schuld, dadurch, daß du sie so

gereizt hast. Ich hoffe aber, daß sich ihre Unschuld bald herausstellt.

Gehe nun hinüber in die vierte Klasse und bitte Fräulein Klingenstein,

zu mir zu kommen.«

Als Fräulein Klingenstein kam, teilte ihr die Vorsteherin mit, was

Gretchen auf ihre Fragen geantwortet habe.

»Die Ausrede ist nicht übel,« rief Fräulein Klingenstein, »und ich

sehe, Fräulein von Zimmern, daß Sie daran glauben. Ich aber glaube

kein Wort davon! Man hätte nur dem Kind nicht über Mittag Zeit lassen

sollen, sich eine gute Entschuldigung auszudenken, wahrscheinlich hat

man ihr daheim darauf geholfen.«

»Fräulein Klingenstein,« erwiderte Fräulein von Zimmern sehr ernst,

»hätten Sie so oft wie ich die Erfahrung gemacht, wie sehr der Schein

trügt, und wie leicht man zu einem falschen Verdacht kommt, so würden

Sie nicht so rasch mit Ihrem Urteil sein. Das Kind macht einen so

durchaus aufrichtigen, wahrhaftigen Eindruck, daß ich ihm ein solch

hartnäckiges Leugnen nicht zutrauen kann.«

Das erste Schuljahr: Eine Erzählung für Kinder von 7-12 Jahren · 第 7 / 9 段