Viele Hände wurden in die Höhe gestreckt.

»Rosa Herz, komm du heraus, du kannst das Kind begleiten.«

Ein großes, schwarzhaariges Mädchen kam vor und wollte Gretchen

fortführen. Dieser fiel aber noch zu rechter Zeit ein, daß sie doch

nicht nur so fortlaufen dürfe.

Sie gab dem Lehrer die Hand und bedankte sich recht herzlich, denn sie

war sehr froh, daß sie eine Begleiterin mitbekam.

»Schon recht,« sagte der Lehrer, »vergiß auch nicht, deinem Vater einen

Gruß von dem israelitischen Lehrer auszurichten.«

»Wie bist du in unsere Schule geraten?« fragte Rosa unterwegs.

»Ich habe viele Mädchen da herein gehen sehen und nicht daran gedacht,

daß es hier zwei Schulen gibt, in Föhrenheim gibt es nur eine.«

»Was, nur eine? Ich habe sagen hören, daß es hier mehr als vierzig

Schulanstalten gibt.«

Gretchen staunte und war froh, daß Rosa Herz sie ganz bis an das Haus

von Fräulein von Zimmern begleitete, sie wollte nicht noch einmal irre

gehen.

Die beiden Mädchen verabschiedeten sich freundlich voneinander und

bald stand Gretchen mit klopfendem Herzen vor einer Türe, an der groß

und deutlich geschrieben stand: »Zweite Klasse.« Es war ganz still

darin und Gretchen dachte, es könne niemand in dem Zimmer sein. Als

sie aber anklopfte, wurde doch »Herein!« gerufen; sie öffnete die Türe

und sah, daß alle Schülerinnen in musterhafter Stille an der Arbeit

saßen. Freilich, fünfzig Kinder, wie in Föhrenheim, waren es nicht,

es saßen bloß vierzehn Mädchen in dem schönen, großen Schulzimmer mit

seinen hohen, hellen Fenstern. Fräulein von Zimmern stand am Lehrpult,

Gretchen ging auf sie zu und richtete zum zweitenmal aus, was der Vater

ihr aufgetragen hatte.

»Wie heißt du mit deinem Vornamen?« fragte Fräulein von Zimmern.

»Gretchen.«

»Nun, Gretchen, du kommst zu spät, ich habe dich um neun Uhr erwartet,

es ist aber schon sieben Minuten nach neun Uhr. Merke dir vor allem,

daß man in meiner Schule pünktlich sein muß!«

»Ich habe mich verirrt und bin in die Judenschule gekommen.«

Alle Kinder lachten, aber Fräulein von Zimmern verwies sie sofort zur

Ruhe und wandte sich wieder an Gretchen:

»Noch etwas; du kommst aus der Volksschule und weißt daher noch nicht,

wie man sich bei uns benimmt, wenn man in das Klassenzimmer eintritt.

Ottilie von Lilienkron, geh zur Türe hinaus und zeige deiner neuen

Mitschülerin, wie sie künftig einzutreten hat!«

Die Schülerin, die auf dem ersten Platz saß, erhob sich, ging zur Türe

hinaus, kam dann leisen Schrittes auf Fräulein von Zimmern zu, machte

eine kleine Verbeugung und sprach: »Guten Morgen, Fräulein von Zimmern.«

»So wirst du von morgen an auch grüßen, merke dir das; ich bin gewöhnt,

alles nur _einmal_ zu sagen. Wer etwas vergißt, was schon gesagt wurde,

bekommt eine schlechte Note.«

Gretchen fühlte sich höchst unbehaglich, während sie so vor der

gestrengen Lehrerin stand und die Blicke aller Kinder auf sich

gerichtet sah. Sie war froh, als Fräulein von Zimmern ihr endlich

gestattete, ihren Schulranzen abzulegen; sie hörte, wie Ottilie von

Lilienkron kicherte und leise zu ihrer Nachbarin sagte: »Die hat einen

Bubenranzen an!« Aber so leise es auch geflüstert war, Fräulein von

Zimmern mußte es doch gehört haben, sie sagte ruhig: »Ottilie, eine

schlechte Note.«

Nun herrschte wieder lautlose Stille in den Reihen der Schülerinnen.

»Nun, Gretchen, zeige mir deine Hefte, damit ich sehe, wie weit du

gekommen bist!«

»Ich habe keine Hefte.«

»Ei, die hättest du mitbringen sollen!«

»Ich habe auch zu Hause keine Hefte, wir haben immer auf die Tafel

geschrieben.«

»Wie, noch gar nicht ins Heft? Da kannst du wohl noch nicht einmal mit

der Feder schreiben?«

»O doch, ich kann schon, nur nicht so gar schön.«

»Das kann ich mir vorstellen! Wo hast du denn deine Bücher?«

Bereitwillig zog Gretchen ihre Fibel und ihr Spruchbuch aus dem Ranzen,

sie war so froh, daß sie wenigstens _Bücher_ hatte.

»Und was hattet ihr denn für ein Rechenbuch?«

»Gar keines.«

»Natürlich, das hätte ich mir denken können! Du wärst wohl besser bei

den Kleinen untergebracht. Wie alt bist du denn?«

»Sieben Jahre.«

»So bist du die jüngste in dieser Klasse und mußt dir die größte Mühe

geben, um dich darin halten zu können. Merke dir das!«

Jetzt endlich führte Fräulein von Zimmern Gretchen an ihren Platz. Er

war auf der hintersten Bank, aber in diesem Augenblick war es Gretchen

ganz gleichgültig, ob sie vornen oder hinten sitzen sollte, sie hatte

nur den _einen_ Wunsch, daß man nimmer auf sie achten und ihr nichts

mehr anbefehlen möchte, das sie sich merken sollte!

Der Unterricht begann. Die Schülerinnen waren freilich viel weiter

als Gretchens ehemalige Schulkameraden; als es aber ans Lesen ging,

bemerkte Gretchen mit Erleichterung, daß doch manche noch nicht so

geschickt darin waren wie sie. Nachdem alle anderen gelesen hatten,

mußte eines der Mädchen ihr das Buch reichen, die Reihe kam an sie.

Gretchen gab sich nun Mühe, wie sie sich wohl noch nie gegeben hatte,

seit sie lesen lernte, und sie brachte einen langen Satz ganz ohne

Anstoß heraus.

Die Stimme von Fräulein von Zimmern klang nun schon etwas milder denn

vorher, als sie sagte: »Das Lesen geht nicht übel, nur mußt du auch

Ausdruck hinein legen, merke dir das!«

Die Stunde verlief sehr ruhig. Fräulein von Zimmern zankte nie, nur

hie und da rief sie eines der Kinder mit Namen und fügte hinzu: »Eine

schlechte Note.« Gretchen wußte manchmal gar nicht weshalb, sie merkte

aber, daß es den Mädchen sehr zu Herzen ging und es bei der einen und

anderen stille Tränen gab.

Mit dem Schlag zehn Uhr erklang im Vorplatz ein lautes Schellen.

Die Kinder räumten ihre Bücher weg, verließen still ihre Plätze und

gingen eins nach dem andern, in derselben Ordnung wie sie in den

Bänken gesessen waren, zur Türe hinaus. Gretchen folgte als letzte.

Kaum hatte sich aber die Türe hinter ihnen geschlossen, so war die

Schar da draußen gar nimmer zu erkennen. Sie stürmte so fröhlich

und lachend die Treppe hinunter, als müßte sie sich entschädigen

für die ausgestandene Ruhe; gleichzeitig kamen auch aus den anderen

Klassenzimmern Kinder heraus und bald füllte sich der Schulhof mit

lustigen Mädchen jeden Alters.

Gretchen bemerkte aber, daß nicht alle gleich in den Hof gingen,

sondern daß manche vorher in ein Zimmer im untern Stock traten, aus

dessen offener Türe ihr ein angenehmer Duft entgegen strömte. Neugierig

blickte sie hinein.

»Willst du auch etwas?« redete Ottilie sie an.

»Was gibt es denn da?« fragte Gretchen und trat in das Zimmer.

»O, da kann man alles haben, was man nur will, Bretzen,

Schinkenbrötchen, Fleischbrühe, Milch, Schokolade, Eier, du darfst nur

sagen, was du willst.«

Hinter einer weißbedeckten Tafel stand ein junges Mädchen in

appetitlicher weißer Schürze und schnitt eben feine Stückchen Schinken

auf. Gretchen war ganz erstaunt, das war doch eine ganz andere Schule

als die in Föhrenheim, wenn man da solche Herrlichkeiten bekam! Sie

hätte nur den Schäfer-Hans herwünschen mögen!

»Schokolade mag ich am liebsten,« sagte Gretchen und sogleich wurde

ihr von dem gefälligen Mädchen eine große, goldgeränderte Tasse voll

Schokolade eingeschenkt und ganz von selbst ein Brötchen dazu gereicht.

»Ich danke schön,« sagte Gretchen und ließ sich gleich den süßen Trank

schmecken.

»Bitte, man zahlt gleich beim Empfang,« sprach nun das junge Mädchen.

Gretchen sah sie groß an.

Ottilie lachte. »Vorher muß man zahlen, ehe man ißt und trinkt,

verstehst du?« sagte sie.

Gretchen setzte die Tasse nieder, sie wurde über und über rot und

flüsterte kaum hörbar: »Geld habe ich nicht.«

»Du hast wohl gemeint, man bekäme das alles umsonst?« fragte laut

lachend Ottilie. Gretchen nickte.

»Du kennst die Welt noch schlecht,« sprach das junge Mädchen mit der

weißen Schürze, und nun lachten alle Kinder, die herumstanden, und

hatten den größten Spaß an Gretchens Verlegenheit.

»Ich will für sie zahlen, morgen kann sie mir ja das Geld wieder

mitbringen,« ließ sich nun eine Stimme hinter Gretchen hören, ein

feines Händchen streckte sich vor und reichte das Geld hin. Gretchen

wandte sich um, sie wollte sehen, wer ihr so liebevoll aus der Not half.

Es war Hermine Braun, ein liebliches zartes Mädchen, das Gretchen

im Schulzimmer auf dem vierten Platz bemerkt hatte. Gretchen dankte

ihr und eilte hinaus, denn sie hatte keine Lust zuzuhören, wie

Ottilie, so oft wieder ein anderes Mädchen ins Zimmer kam, erzählte,

was vorgefallen war und wie dann wieder über sie gelacht wurde. Sie

trat in den Hof hinaus. Dort ging es ebenso lustig zu, wie vor dem

Föhrenheimer Schulhaus, aber unser Gretchen, die dort bei jedem Spiel

die Hauptperson gewesen war, fühlte sich recht fremd unter all den

Mädchen, von denen jedes schon ihre gute Freundin zu haben schien, und

sie war froh, als droben wieder geschellt wurde.

»Das ist das erste Zeichen,« sagte Hermine Braun im Vorbeigehen zu ihr.

»Wenn das zweite Zeichen gegeben wird, muß man fertig gerichtet am

Platz sitzen, sonst bekommt man eine schlechte Note.«

Als Gretchen durch den großen Vorplatz ging, öffnete sich eine Türe und

Fräulein von Zimmern winkte ihr herein.

»Hier habe ich dir aufgeschrieben, was du an Büchern und Heften

brauchst. Bitte deinen Vater, daß er dir alles so schnell wie möglich

besorgt. Was du für eine Handarbeit nötig hast, wird dir Fräulein

Klingenstein sagen. Nun gehe wieder hinauf in das Klassenzimmer.«

Als Gretchen hinaufkam, standen die Kinder noch im Zimmer herum und

richteten ihre Bücher. Am Fenster aber war ein Mann, der machte sich an

dem Rouleau zu schaffen. Gretchen sah ihn nur von hinten und dachte, er

sei vielleicht ein Handwerksmann, der dort etwas in Ordnung zu bringen

habe. Als er aber fertig war, ging er nicht fort, sondern sah zum

Fenster hinaus.

»Was will der Mann?« fragte Gretchen eine der Umstehenden.

»Welcher Mann?«

»Der dort am Fenster.«

Statt aller Antwort lachte die Angeredete, zupfte eine andere und

sagte ihr etwas ins Ohr. Die lachte noch mehr und nun hatte es Ottilie

bemerkt, kam herzu und fragte:

»Was gibt es? Hat die Neue sich wieder so köstlich benommen?« Und nun

ging es halblaut von Mund zu Mund: »Sie hat gesagt: ›Was will der

Mann?‹«

Der »Mann« aber mußte nun auch etwas gemerkt haben, er wandte sich um,

trat herzu und fragte in freundlichem aber ernstem Ton: »Was habt ihr

denn zu flüstern und zu lachen, was gibt es denn?«

Niemand antwortete, aber das Gekicher wurde um so lauter. Gretchen sah

nun wohl, daß dieser Herr kein Handwerksmann, sondern ein Geistlicher

war. Nun fiel sein Blick auch auf sie.

»Ah, das ist gewiß die neu eingetretene Schülerin? Fräulein von Zimmern

hat mir schon von dir gesagt, komm her, mein Kind, gib mir die Hand!«

Gretchen kam sofort. Dieser Mann sah sie herzlich und freundlich an, es

kam ihr vor, als sei sie bei ihm geschützt vor den Spöttereien ihrer

Kamerädinnen. Diese stießen sich noch immer an und flüsterten.

»Nun sagt mir aber doch, über was ihr immer lachen müßt!«

»Die Neue hat so etwas Dummes gesagt,« antwortete nun eines der Mädchen.

»Die Neue? So wollen wir sie aber doch nicht nennen, wie heißt du denn,

mein Kind?«

»Gretchen Reinwald.«

»Nun, was hat denn das Gretchen gesagt? Es war gewiß nichts Schlimmes.«

»O nein, gar nicht schlimm!« ließ sich nun Hermine Braun vernehmen.

»Und doch will mir's niemand sagen?« fragte der Pfarrer fast traurig.

Gretchen, die in großer Verlegenheit ihr Köpfchen gesenkt hatte, schlug

nun ihre Augen auf, sah in das gütige Gesicht des Mannes und sprach:

»Ich kann's auch selbst sagen. Ich habe Sie am Fenster stehen sehen und

nicht gekannt und dann habe ich gefragt: ›Was will der Mann?‹«

Nun erhob sich ein lautes Gelächter.

»So, das war's, das hast du gefragt? Da hast du recht gehabt. Wenn zu

mir ein Fremder ins Haus kommt, dann denke ich auch gleich: was will

der Mann? Und nun, was habt ihr denn geantwortet?« fragte der Pfarrer,

indem er mit ernsten Blicken von einem der Mädchen zum andern sah. Da

verstummten alle. »Nun, Ottilie, was will der Mann?« fragte der Pfarrer

eindringlich, und als Ottilie die Antwort schuldig blieb, wandte er

sich bald an diese, bald an jene und wiederholte immer dringender die

Frage. Nun waren die andern ebenso in Verlegenheit wie vorhin Gretchen.

»Ei, sieh, sie wissen's alle nicht und kennen mich doch schon so

lange! Nun, so will ich dir's selbst sagen: Der Mann will euch vom

lieben Gott erzählen, er will euch helfen, daß ihr recht fest in eurem

Christenglauben werdet und will euer Herz mit Liebe zu Gott erfüllen,

damit ihr auch unter einander recht liebreich seid! Das will der Mann,

und willst du dies alles bei ihm lernen?«

»Ja, o ja!« rief Gretchen und sah mit innigem Vertrauen zu dem Mann

auf, der schon ihr ganzes Herz gewonnen hatte. Den andern aber war

das Lachen vergangen, sie setzten sich still an ihre Plätze und der

Unterricht begann.

Während der ganzen Stunde konnte Gretchen kein Auge von dem Pfarrer

verwenden, der gar herzlich mit den Kindern zu reden verstand und auch

an _sie_ oft eine Frage richtete. Sie fühlte sich ganz glücklich, wenn

sie eine richtige Antwort zu geben wußte, und als am Schluß der Stunde

der Pfarrer ihnen sagte, was für ein Lied sie für das nächste Mal

auswendig lernen sollten, da horchte sie genau auf und fest stand ihr

Entschluß: für _diese_ Stunden ihre Aufgaben immer fehlerlos zu lernen.

Draußen ertönte nun wieder die Glocke, der Pfarrer ging und die Mädchen

eilten alle aus dem Zimmer, aber diesmal nicht hinunter in den Hof,

sondern eine Treppe weiter hinauf. Gretchen wußte nicht, was sie dort

wollten, aber sie dachte: was die andern tun, tue ich auch, und sie

folgte ihnen. Da wandte sich Ottilie auf der Treppe um und sagte: »Was

willst denn _du_, du hast doch nichts zu holen? Läufst du uns nur

immer so nach?« Da blieb Gretchen zurück; ganz allein stand sie an der

Treppe und wußte nicht, was sie sollte. Aber Hermine Braun, die schon

weiter oben war, hatte die unfreundlichen Worte Ottiliens gehört. Im

Augenblick sprang sie noch einmal die Treppe herunter, nahm Gretchen an

der Hand und sagte: »Komm du nur mit mir, wir holen dort oben unsere

Körbchen; wenn du auch noch keines hast, so zeige ich dir einstweilen

den Platz, wo sie hin gehören. Wir haben nämlich jetzt Handarbeitstunde

von Fräulein Klingenstein.«

»O, auf die Handarbeit fürchte ich mich, ist Fräulein Klingenstein gut?«

»So gut nicht wie Fräulein von Zimmern.«

»Fräulein von Zimmern ist doch nicht gut?« fragte Gretchen ganz

erstaunt.

»O doch, ganz gewiß, ich habe sie so lieb!«

»Ich nicht, mir kommt sie streng vor.«

»Ja, anfangs ist mir's auch so gegangen, aber jetzt habe ich sie lieb,

obwohl sie streng ist, denn sie ist so gerecht gegen eine wie gegen die

andere und nie ist sie zornig oder schlechter Laune, du wirst sie ganz

gewiß auch bald lieb haben.«

»Den Herrn Pfarrer habe ich _jetzt_ schon lieb!«

»Ja, das glaube ich, den habe ich auch am liebsten. Am wenigsten mag

ich Fräulein Klingenstein, die wird oft ganz wütend!«

»O, dann geht's mir schlecht, denn in der Handarbeit kann ich gar

nichts!«

»Wenn wir nur nicht so weit auseinander säßen, dann könnte ich dir

manchmal ein wenig helfen.«

»Du bist so gut gegen mich, aber die andern, die lachen mich alle aus!«

»O gar nicht alle, bloß manche sind so; warte nur, wenn du länger bei

uns bist, gefällt es dir schon besser.«

Inzwischen waren die Mädchen in den oberen Stock gekommen. Dort war

eine große Kammer, in der mehrere Schränke und Ständer standen und auf

einem der letzteren war der Platz für die Arbeitskörbchen. Jedes Kind

nahm das seinige und dann sprangen sie wieder die Treppe hinunter in

das Schulzimmer.

Kaum waren sie alle darin, so trat Fräulein von Zimmern ein.

Augenblicklich herrschte lautlose Stille.

»Wer hat zuletzt die Kammer verlassen?« fragte Fräulein von Zimmern.

»Ich nicht, ich nicht,« riefen verschiedene Stimmen.

»Ich frage nicht, wer es _nicht_ war, sondern wer es _war_,«

wiederholte Fräulein von Zimmern in strengem Ton. Nun wurde es ganz

stille, Hermine aber trat vor und indem sie zugleich auf Gretchen

deutete, sprach sie: »Wir beide miteinander.«

»Ihr habt die Kammertüre offen gelassen; eine schlechte Note für jede

von euch beiden,« und Fräulein von Zimmern verschwand.

»Was ist's mit den schlechten Noten?« fragte Gretchen.

»Sie werden jeden Monat zusammen gezählt und ins Zeugnis geschrieben,«

antwortete Hermine, »und wenn man im Lernen noch so gut ist, so kann

man doch keinen guten Platz bekommen, wenn man schlechte Noten hat; sie

werden mitberechnet.«

»Hast du schon viele schlechte Noten in diesem Monat?«

»Nein, das ist meine erste,« sagte Hermine, und dabei schien es, als ob

sie nur mit Mühe ihre Tränen zurückhielte. Das war Gretchen sehr leid,

denn sie dachte, wenn sie Hermine nicht aufgehalten hätte, wäre diese

wohl nicht zuletzt aus der Kammer gekommen.

In diesem Augenblick trat Fräulein Klingenstein ein. Sie bemerkte

Gretchen sogleich. »Ah, das ist eure neue Mitschülerin,« sprach sie

lebhaft und reichte Gretchen die Hand. »So ein hübsches, blondlockiges

Mädchen und ein Gesicht wie Milch und Blut! Das lasse ich mir

gefallen, die sieht doch nicht so blaß und spindeldürr aus, wie manche

von euch! Und so kugelrunde Händchen, die können gewiß recht schön

arbeiten. Nun, wir wollen gut Freund sein, nicht wahr?«

Gretchen freute sich über diese freundliche Anrede und konnte nicht

begreifen, warum Hermine Fräulein Klingenstein nicht lieber hatte als

Fräulein von Zimmern.

»Was für schöne Handarbeiten hast du denn in deiner früheren Schule

gemacht?« fragte jetzt die Lehrerin.

»In der Schule haben wir gar keine Handarbeiten gemacht.«

»So? Das ist aber schlimm! Bei wem hast du denn dann stricken gelernt?«

»Bei meiner Mutter.«

»Und was hast du denn schon alles fertig gebracht?«

»Ich bin am ersten Strumpf,« sagte Gretchen ziemlich kleinlaut.

»O weh, da paßt du aber schlecht in diese Klasse! Bringe mir in die

nächste Stunde deinen Strumpf mit, daß ich sehe, was du kannst.«

Gretchen erschrak bei dem Gedanken, ihren schrecklichen Strumpf, der

in allen Farben schillerte, vor allen Kindern in der Schule zu zeigen.

»Darf ich nicht lieber einen neuen Strumpf anfangen?« fragte sie.

»Freilich, alle müssen bei mir dasselbe stricken, aber deine seitherige

Arbeit muß ich doch sehen. Wir machen gegenwärtig feine weiße

Kinderstrümpfe mit Müsterchen; Ottilie, zeige einmal deine Arbeit.«

Die Gerufene brachte ihr Strickzeug und Gretchen mußte nur staunen, wie

appetitlich weiß und wie schön gleichmäßig gestrickt das aussah, und

als nun die Mädchen alle anfingen zu stricken, mußte sie sich wieder

wundern, wie rasch bei manchen die Nadeln flogen.

»Ich habe heute noch keine Arbeit für dich, so kannst du ebenso wohl

heimgehen,« sagte Fräulein Klingenstein, »bis zur nächsten Stunde werde

ich deine neue Arbeit anfangen und du bringst mir deine alte mit, nicht

wahr?«

Gretchen mußte es versprechen, dann nahm sie ihre Sachen zusammen und

ging. Leise schlich sie durch den weiten, leeren Vorplatz und durch die

große Haustüre hinaus, und als sie um die Ecke des Hauses gebogen war,

atmete sie erleichtert auf und es war ihr zu Mute wie einem Vögelein,

das dem Käfig entschlüpft ist.

Wie viel hatte sie an diesem Vormittag erlebt! Ihr schien es, als sei

sie tagelang von zu Hause weg gewesen und doch sollte sie noch etwas

erleben, ehe sie wieder zu den Ihrigen kam. Den Weg zu ihrem Hause fand

sie ohne Mühe, aber die Haustüre war geschlossen. Neben derselben waren

mehrere Glockenzüge angebracht und da die Familie Reinwald im zweiten

Stock wohnte, so zog Gretchen an der zweiten Klingel, ohne zu bedenken,

daß unten, im Erdgeschoß, auch Leute wohnten, für die der unterste

Glockenzug bestimmt war. So hätte sie an der dritten Glocke ziehen

sollen. Sie bemerkte aber ihren Irrtum nicht und als die Haustüre

aufging, stieg sie ahnungslos die Treppe hinauf. Als sie aber an den

ersten Stock kam, tat sich dort die Glastüre auf und eine alte Dame, in

altmodischem Anzug, erschien mit bitterbösem Gesicht und vertrat ihr

den Weg. Zugleich fuhr ein kleiner, bösartiger Mops hinter ihr vor und

kläffte an Gretchen hinauf, daß es dieser angst und bang wurde.

»Was hast du an meiner Glocke zu reißen?« fuhr die Dame nun Gretchen

an, »kaum bist du ein paar Tage im Hause, so machst du's auch schon

wie die andern ungezogenen Kinder im Haus und in der Nachbarschaft,

die mir ein Leid antun, wo sie können, und mich bei Tag und Nacht

herausschellen! Was habe ich euch getan, daß ihr euren Spott mit mir

treibt? Pfui über euch!«

Mit diesen Worten verschwand die alte Dame samt dem Hund wieder hinter

der Türe, die heftig zugeschlagen wurde. Gretchen stand ganz verblüfft

da. Noch nie hatte jemand sie so hart angefahren. Und das war also

Fräulein Treppner, die alte Dame, die Gretchen so gerne recht lieb

gehabt hätte, weil gar niemand sonst sie mochte! Die sah freilich

nicht aus zum liebhaben! Und dazu der Hund, der jetzt noch hinter der

geschlossenen Türe fortbellte! Gretchen wußte nicht, vor wem sie mehr

erschrocken war, ob vor dem häßlichen Tier oder vor seiner erzürnten

Herrin.

Ganz aufgeregt eilte sie die Treppe hinauf. Kaum hatte sie aber an der

eigenen Türe geklingelt, so vergaß sie all ihre Erlebnisse über dem

_einen_ Gedanken, wie es wohl der Mutter gehe und was der Arzt gesagt

habe. Dies war auch ihre erste Frage an Lene.

»Der Doktor sagt, bis jetzt sei es noch nicht gefährlich, aber die

Mutter muß sich ganz ruhig halten und soll gar nicht sprechen.«

»Aber ich darf doch zu ihr hinein?«

»Heute nicht, der Vater hat mir's noch ausdrücklich anbefohlen. Sie

schlummert auch meistens, sei nur recht still im Wohnzimmer!«

Leise schlich sich Gretchen hinein, legte ihre Kleider ab und lauschte

an der Schlafzimmertüre. Sie hörte nichts von der Mutter. O wie gerne

hätte sie ihr doch jetzt all ihre Erlebnisse erzählt und ihr volles

Herz ausgeschüttet, wie sie es sonst immer getan! Sie sah sich im

Wohnzimmer um; dies war noch nicht einmal recht eingerichtet und

Gretchen fühlte sich noch ganz fremd darin. Sie trat ans Fenster und

sah hinaus auf die hohen Häuser, die an diesem regnerischen Herbsttag

so grau und trübselig aussahen und es überkam sie ein bitteres Heimweh.

Noch nie im Leben hatte sie sich so einsam gefühlt. Eine gute Weile

stand sie so verlassen und weinte still vor sich hin, da streckte Lene

ihren Kopf durch die Türe: »Gretchen,« sagte sie, »was machst du so

allein? Komm zu mir heraus, ich backe Kartoffelnudeln und die erste,

die fertig ist, bekommst du.«

Gretchen wischte sich die Augen und folgte Lene.

»Mußt nicht weinen, Kind,« tröstete Lene, »der Mutter wird's gewiß

wieder besser und dann wird alles wieder schön bei uns. Erzähle mir

auch etwas von deiner neuen Schule.«

Nun standen die beiden am Herd und während die Nudeln schön goldgelb

gebacken wurden, faßte Gretchen neuen Lebensmut.

»Lene,« sagte sie, »Weißt du, was mir das ärgste ist? Daß ich mein

altes Strickzeug mit in die Schule bringen soll!«

»Dein Strickzeug? Nein, das kannst du nicht sehen lassen, an dem muß

man sich ja schämen!«

»Aber ich _muß_ doch! Fräulein Klingenstein will es in der nächsten

Arbeitsstunde sehen.«

Lene sagte gar nichts mehr. Nach einiger Zeit aber, als sie in das

Schlafzimmer ging, um Frau Reinwald ein wenig Fleischbrühe zu bringen,

nahm sie im Vorbeigehen aus dem Arbeitskorb Gretchens Strickstrumpf

heraus, schob ihn in ihre Tasche und später, als Gretchen wieder im

Zimmer war, zog sie die Schublade des Küchentisches auf und steckte den

Strumpf in die hinterste Ecke. »So, da kann ihn Fräulein Klingenstein

holen, wenn sie ihn durchaus gesehen haben muß,« sagte sie vor sich hin.

Als der Vater mittags kam, bat ihn Gretchen dringend, ihr doch die

Bücher und Hefte zu besorgen, die Fräulein von Zimmern aufgeschrieben

hatte, und war glücklich, als der Vater nach Tisch mit ihr in die Stadt

ging, um das nötige einzukaufen. Daheim schlug sie ihr neues Lesebuch

auf und suchte die Stelle, die sie am Morgen in der Schule gelesen

hatte.

»Vater,« sagte sie, »bei Fräulein von Zimmern muß man mit »Ausdruck«

lesen, was ist denn das?«

Das erste Schuljahr: Eine Erzählung für Kinder von 7-12 Jahren · 第 6 / 9 段