und er schämte sich.
Nach kurzer Zeit aber sagte er zutraulich zu seinem kleinen Freund:
»Ich habe Herrn Baumann _sehr_ lieb, aber _jeden_ Nachmittag Stunde
haben, das ist nicht lustig. Wir wollen ihm sagen, daß wir um vier Uhr
nicht können und dann tun, wie er meint.«
Damit war nun Hans ganz einverstanden und er ging wieder auf seinen
Platz zurück und das war gut, denn eben kam auch Herr Stein wieder
herein und rief: »Was ist das für ein Tumult! Wer nicht still an seinem
Platz sitzt, bis ich drei zähle, darf nicht bei Herrn Reinwald Birnen
essen. Eins, zwei, drei!«
Alles war still, nur _eine_ Stimme unter den Knaben flüsterte noch.
»Wer hat da noch gesprochen?«
»Der Franz!« riefen viele Kinder und deuteten auf des Holzhackers Franz.
»Was hat er gesagt?«
»Er hat gesagt: dem Lehrer gehören die Birnen nicht, der kann gar nicht
sagen, wer sie essen darf oder nicht!«
»So? Solche Reden führst du? Die Birnen gehören mir freilich nicht und
meinetwegen kannst du sie essen, aber heute nachmittag von vier bis
fünf Uhr hast du Arrest, Frau Semmelmeier wird dich holen, wenn du
nicht von selbst kommst!«
Nun war's mäuschenstill in der Schule, und der Lehrer hatte es leichter
als sonst; jedes hatte Angst, daß es ihm auch so gehen möchte, wie dem
Franz, und hielt sich so brav wie möglich. Nach der Schule aber brach
der Jubel um so lebhafter wieder los, nur Franz, der sonst immer unter
den lautesten war, schlich sich ganz stille nach Hause. Hans und Felix
aber gingen zusammen zu Herrn Baumann und kamen gar bald vergnügt
wieder herunter, denn Herr Baumann hatte erklärt, wenn ein solches
Abschiedsfest gefeiert werde, könne von einer Stunde gar keine Rede
sein. Überhaupt habe Felix jetzt bald seine Kameraden eingeholt und es
dürfe nun wohl manchmal eine Stunde ausfallen. Das hörte Felix sehr
gerne und dem guten Hans war es recht um Felix willen.
Als Gretchen daheim ihren Vater sah, fiel sie ihm in ungestümer Freude
um den Hals und dankte ihm.
»Also hab ich's recht gemacht?« fragte der Vater, »freilich bekommen
nun nicht nur die etwas, die du auf deinen Zettel geschrieben hast,
sondern alle. Wir dachten aber, wer kann so genau wissen, welche Kinder
arm sind? Und für den Schäfer-Hans, der wohl der ärmste von allen ist
und der immer meiner kleinen Prinzessin die Griffel spitzen mußte, hat
sich die Mutter noch etwas besonderes ausgedacht.«
»O, was ist's, Mutter?«
»Ein guter, warmer Winteranzug ist's, den ich ihm aus einem älteren vom
Vater machen lassen will.«
»Das kann er brauchen, Mutter, denn bei ihm gibt's überall Löcher,
aber am liebsten hätte ich ihm doch etwas von meinen eigenen Sachen
geschenkt.«
»Nun, wenn du ihm zur Freude etwa noch eines von deinen Büchern geben
willst, so habe ich nichts dagegen. Er ist ja so fleißig und kann's
gewiß bald lesen.«
Das war nun ganz nach Gretchens Sinn und sie machte sich gleich
eifrig daran, etwas Passendes für Hans auszuwählen. Dabei kam ihr ein
Bilderbuch in die Hände, das sie schon lange nimmer angesehen hatte. Es
hieß das »Raubtier-Buch« und es waren in demselben die wilden Tiere auf
großen farbigen Bildern dargestellt und allerlei Merkwürdiges von ihnen
erzählt.
»Mutter,« bat Gretchen, »o bitte, laß mich dies Buch dem Felix Acosta
schenken, sieh es sind junge Löwen darin, das wäre etwas für ihn!«
»Wenn du's gerne hergibst, so habe ich nichts dagegen. Bei diesem
Abschied sollst du einmal nach Herzenslust an deine Freunde verschenken
dürfen.«
Bald hatte Gretchen auch für Hans etwas ausgewählt und nun erwartete
sie mit Ungeduld ihre Nachmittagsgäste.
Mit dem Schlag vier Uhr ging Herr Reinwald mit seinem Töchterchen
hinunter, schloß das große Gartentor auf und ließ die Schar der
Kinder herein, die sich dort schon versammelt hatten. Zuerst blieben
sie schüchtern und erwartungsvoll stehen. Als aber Herr Reinwald den
Birnbaum schüttelte und die köstlichen Birnen herunterpratzelten,
sprangen die Kinder lustig durcheinander, um sie flink aufzulesen. Es
gab aber ein solches Drängen und Drücken um den Baum herum, daß Herr
Reinwald sagte: »Es wird besser sein, wir teilen die Gesellschaft.
Gretchen, führe du die Mädchen einstweilen an die Himbeeren, bis die
Knaben ihre Körbe gefüllt haben und nachher wechseln wir.« So war's nun
noch netter und Gretchen war so im Eifer mit ihren kleinen Freundinnen,
daß sie gar nicht bemerkte, wie die Mutter herunterkam, den Hans bei
der Hand nahm und mit sich ins Zimmer hinaufführte.
Dort oben wartete schon der Schneider.
»Sehen Sie, Herr Kerzengrad,« sagte Frau Reinwald, »das ist der Knabe,
dem Sie den Anzug machen sollen.«
»Sehr wohl, Frau Reinwald, es scheint allerdings, daß ein neuer Anzug
hier gut angebracht wäre.« Der Hans wußte gar nicht, was das bedeuten
solle, als Herr Kerzengrad sein Maß aus der Tasche zog und vor ihm
niederkniete.
»Nun laß dir das Maß nehmen, Kind,« sagte Frau Reinwald freundlich.
Hans wußte nicht, wie er das machen sollte.
»Soll ich auch niederknieen?« fragte er.
»Ist durchaus nicht nötig,« versicherte der Schneider, »bist mir
nicht zu groß!« Bald war's geschehen, der Schneider nahm das Tuch,
versicherte, daß es einen feinen Anzug geben würde, empfahl sich und
ging.
Der Hans aber stand regungslos. Er ahnte etwas, das er doch nicht recht
glauben konnte. Frau Reinwald merkte es.
»Gelt, Hans, du weißt gar nicht, was das bedeutet! Sieh, der Schneider
macht dir jetzt einen neuen Anzug, den schenken wir dir dann zum
Andenken, weil wir fortgehen.«
Das war deutlich auch für den Hans. Er strahlte mit dem ganzen Gesicht
wie ein Vollmond und -- lief zur Türe hinaus ohne ein Wort.
Das war nun freilich nicht artig, und Frau Reinwald war etwas
überrascht; aber sie zürnte dem Kind nicht.
»Wie soll so ein Kind lernen, was sich gehört?« sagte sie sich, »wie
lange hat es gedauert, bis Gretchen sich gemerkt hat, daß man grüßt und
dankt! Er ist vielleicht in seinem Herzen doch nicht undankbar!«
Nein, das war der Hans nicht. Er hatte nur nicht gelernt, seine
Dankbarkeit auszudrücken. Er lief hinunter, suchte seinen Felix auf,
zog diesen beiseite und erzählte ihm sein unerhörtes Glück.
Felix freute sich mit seinem Freund, plötzlich aber sagte er: »Ach
Hans, ich hätte bei dir sein sollen, du hast wohl wieder nicht gewußt,
daß du grüßen und dich bedanken mußt! Wie hast du's denn gemacht?«
Hans war über diese Frage sehr verblüfft.
»Ich habe gar nichts gemacht!«
»Aber was hast du denn gesagt, wie du fortgegangen bist? Hast du Frau
Reinwald die Hand gegeben?«
»Nichts gesagt und nichts gegeben,« antwortete Hans.
»Aber Hans, das ist schlimm!«
Der Hans fühlte das jetzt auch ganz deutlich, er wurde dunkelrot und
sah den Felix ratlos an.
»Traust du dich jetzt noch einmal hinauf zu gehen und zu danken?«
fragte Felix.
»Ich traue mich nicht, aber ich muß!« rief Hans, lief zum Haus zurück,
trabte die Treppe hinauf und ohne weiteres in das Zimmer hinein, denn
in seiner jetzigen Aufregung konnte er doch an solche Kleinigkeiten,
wie das Anklopfen an der Türe, nicht denken! Mit einem Male stand
er vor Frau Reinwald, die eben vor einer Kiste kniete, in die sie
Porzellan einpackte. Ganz erstaunt sah sie auf.
»Vergelt's Gott und ich dank auch schön,« sagte der Hans und streckte
seine Hand hin. Die rechte war's freilich nicht, sondern die linke, der
Hans machte da noch keinen Unterschied.
»So ist's recht, mein Kind,« sagte Frau Reinwald und ergriff freundlich
die dargebotene Hand, »gelt, vorhin hast du's ganz vergessen.«
»Ja,« sagte der Hans und wurde wieder über und über rot.
»Brauchst dich gar nicht zu schämen, denn du hast's jetzt wieder gut
gemacht. Es ist auch recht, daß du noch einmal heraufgekommen bist,
denn ich muß dir noch etwas sagen. Später, wenn die andern Kinder
fortgehen, sollst du mit dem Felix noch ein wenig dableiben bei meinem
Gretchen, wollt ihr wohl?«
»Ich will schon und der Felix auch, dem ist's gar nicht recht, daß die
Reinwald fortkommt; aber mir auch nicht.«
»So, habt ihr sie gerne?« sagte lächelnd Frau Reinwald, »nun dann kommt
nur nachher noch ein wenig zu ihr.«
Hans sagte nun sehr ausdrücklich: »Behüt Gott« und ging mit leichterem
Herzen die Treppe wieder hinunter, als er heraufgekommen war.
Drunten wurden Äpfel geschüttelt, Felix saß hoch oben im Baum und wagte
sich soweit hinaus auf die Äste, daß es Herrn Reinwald ganz Angst wurde.
»Der fällt nie!« sagte Hans mit größter Bestimmtheit und ging weiter.
Die Kinder hatten nur zu tun, um alle die schönen Jakobiäpfel, die
Felix herunter schüttelte, aufzulesen und in ihre Körbe zu sammeln.
Draußen, am Gartenzaun, schlich einer vorbei, der warf sehnsüchtige
Blicke herein: Es war des Holzhackers Franz, der kam von der Schule
heim, es schlug eben fünf Uhr. Felix, von seinem hohen Posten herunter,
bemerkte ihn und schnell ließ er ein paar schöne Äpfel hinaus fliegen.
Der Franz las sie eiligst auf und lief damit heim, froh, daß er doch
nicht ganz leer ausgegangen war!
Als der Apfelbaum geleert und Felix wieder herunter geklettert war,
sah er sich nach Hans um. Ja, wo war der? Der stand, ganz in Gedanken
versunken in der Ferne, unter einem Kastanienbaum. Felix und Gretchen
gingen auf ihn zu.
»Hans, warum sammelst du nicht Äpfel, ist dein Korb schon voll?« fragte
Felix.
Da erwachte Hans wie aus einem Traum und blickte um sich.
»Es sind keine Äpfel da,« sagte er.
»Natürlich nicht, wenn du unter dem _Kastanienbaum_ suchst,« sagte
Gretchen lachend, »was tust du denn da?«
Das wußte der Hans selbst nicht recht. Er mußte immer an Frau Reinwald
denken und an den neuen Anzug und mußte sich besinnen, wie er das alles
daheim der Großmutter auf die Tafel schreiben könne.
»Schreibt man ›Anzug‹ mit ›h‹?« fragte er. Gretchen lachte.
»Du schreibst doch jetzt nicht, was willst du denn?«
»Er wird daheim seiner Großmutter etwas aufschreiben wollen, gelt
Hans?« sagte Felix, der sich schon auskannte.
Hans nickte.
»›Ahnung‹ schreibt man mit ›h‹,« sagte Gretchen, »aber vom ›Anzug‹ weiß
ich's nicht gewiß.«
»Das ist auch einerlei,« meinte Felix, »die Großmutter versteht's
schon.«
»Ja, aber wissen möcht man's doch!« beharrte Hans.
Felix und Gretchen waren aber jetzt gerade nicht so wißbegierig.
»Komm lieber zum Apfelbaum,« sagten sie und zogen ihn fort.
Es wurde sechs Uhr, bis die Kinder endlich alle mit reich gefüllten
Körben abzogen und bis Gretchen ihre beiden Freunde mit hinaufnehmen
konnte, um ihnen die Bücher zu geben. Hans bedankte sich diesmal,
ehe er sein Buch nur recht in den Händen hielt und wollte mit seinem
Schatz unter dem Arm gleich wieder gehen. Felix aber hatte das seinige
aufgeschlagen und nun fiel sein Blick auf ein Bild, das eine Löwin
darstellte mit ihren Jungen. Wie gebannt sah er auf das Bild nieder und
dann rief er in hellem Jubel, auf die Löwin deutend: »Das ist Minka und
dieser Kleine da ist Nero, _mein_ Nero, o mein Nero!« und man wußte
nicht mehr recht, ob Felix lachte oder weinte vor Freude.
Frau Reinwald war ganz gerührt.
»Sieht der kleine Löwe deinem Löwen ähnlich?« fragte sie.
»Er sieht ihm nicht ähnlich, er ist es selbst, so dreht er sich und
will sein Schwänzlein fangen, o ich kenne ihn so gut und die Minka
auch; aber die anderen kenne ich nicht.«
Gretchen sah die Mutter fragend an: »Kann das wirklich sein Löwe sein?«
»Es ist ja nicht unmöglich,« sagte Frau Reinwald, »daß der Maler, der
dieses Bild gemacht hat, die Löwen abgemalt hat, die damals im Zirkus
waren.«
»O ja, sehr oft sind Maler vor den Löwenkäfig gekommen,« versicherte
Felix und nun drückte er das Buch fest an sich wie einen Schatz und
sagte: »Hans komm, das muß Herr Baumann sehen!«
Die beiden kleinen Burschen verabschiedeten sich und zogen ganz
glücklich mit ihren Büchern und Körben von dannen.
»Herr Baumann, Sie müssen meinen Nero sehen!« rief Felix und schlug
sein Buch auf.
Der alte Herr freute sich selbst an dem schönen Bild, aber noch mehr an
dem Glück seines kleinen Schülers, der ihm nun gar manches von seinen
Löwen erzählte. Hans hörte aufmerksam zu und erst zuletzt, als er sah,
daß sein Felix ganz befriedigt war, schob er dem Lehrer stillschweigend
sein Buch hin.
»So, du hast auch etwas?« sprach Herr Baumann und schlug das Buch auf.
»Ei, das sind ja die Erzählungen von Christoph Schmid! Nun will ich
euch etwas sagen: Künftig dürft ihr in die Stunde immer eure schönen
Bücher mitbringen, dann lesen wir in diesen. Dann wird's aber schön
werden in unsern Stunden!«
Und wie der gute Lehrer gesagt hatte, so kam's, und die Stunden waren
von nun an nicht nur dem Hans, sondern auch dem Felix die liebsten
Stunden in der Woche. --
Der letzte Sonntag, den Gretchen in Föhrenheim zubringen sollte,
war gekommen; die Eltern hatten sie noch einmal mitgenommen in die
Kirche, in der sie getauft worden war, und am Nachmittag hatten sie
Abschiedsbesuche gemacht im Städtchen und Lene war hinaus in ihr
heimatliches Dorf gewandert, das nur eine Stunde entfernt lag, und war
mit verweinten Augen zurückgekommen.
Und nun war's Dienstag. Ein großer Möbelwagen stand vor dem Haus und
Gretchen sah zu, wie ein Möbel nach dem andern hinein wanderte. Jetzt
schlug es zehn Uhr und die ganze Schar der Schulkinder kam in der
Freiviertelstunde herbeigesprungen, um auch etwas von dem Umzug mit
anzusehen.
Den Packern, die aus der Residenz gekommen waren, war das unbequem und
einer hob ein Seil auf, schwang es drohend gegen die Kinder und rief:
»Macht daß ihr weiter kommt, ihr Gassenkinder.«
Da trat Gretchen näher und sprach ganz entrüstet: »Das sind keine
Gassenkinder, das sind alles meine Freunde und Freundinnen!« Erstaunt
sah der Mann sie an.
»Eine saubere Freundschaft hat das kleine Fräulein,« murmelte er, ließ
aber die Kinder doch in Ruh, und bald darauf schlug es Viertel und alle
rannten zum Schulhaus zurück. Gretchen wäre fast mit gesprungen, es
kam ihr ganz sonderbar vor, daß sie nun schon nimmer zu ihnen gehörte.
Um Mittag schon war die ganze Wohnung leer und der Wagen wurde
verschlossen. Wie kahl sah es nun in der Wohnung aus und wie
eigentümlich hallten die Schritte in den leeren Räumen!
Der Mutter war's weh ums Herz, sie war auch so müde und matt, und wenn
der Vater sie aufheitern wollte, kamen ihr die Tränen. In der öden
Küche stand Lene und band sich eine frische Schürze um. Es läutete eben
zwölf Uhr. Gretchen sah sich in der Küche um.
»Gelt, Kind, du bist hungrig,« sagte Lene, »und ich hab' dir nichts
gekocht!«
»Ich weiß schon, Lene, wir sind ja alle in die Apotheke zum Essen
eingeladen, dort gibt's gewiß etwas Gutes, freust du dich nicht, daß du
auch mit darfst?«
»O ich kann mich nicht freuen, ich mag gar nicht aus meiner lieben
Küche heraus!«
Aber Lene mußte doch heraus, Herr Reinwald rief nach ihr und Gretchen,
zum letztenmal gingen sie alle zusammen die Treppe hinunter und die
Türe schloß sich hinter ihnen.
»Unsern Ausgang segne Gott,« sagte tief bewegt Frau Reinwald, und ihr
Mann fügte leise hinzu: »Unsern Eingang gleichermaßen!«
Bald darauf saßen sie an dem gastlichen Tisch in der Apotheke und
durften sich bei den lieben Freunden ausruhen von der Anstrengung der
letzten Stunden.
Am Nachmittag fuhr ein Wagen vor, um die Familie Reinwald an die Bahn
zu bringen. Dem _einen_ Wagen folgten aber noch drei andere, viele
gute Freunde hatten sich verabredet, die Familie hinaus zu geleiten.
Das gab nun für Gretchen noch eine lustige Fahrt durchs Städtchen, aus
vielen Häusern grüßten Bekannte heraus und sie konnte noch manchen
ihrer Schulkameraden zuwinken. Als sie schon am Bahnhof angekommen
und in den Zug eingestiegen waren, sah Gretchen noch durchs Fenster
zwei Knaben atemlos herbei rennen: es waren Hans und Felix. Sie kamen
dicht an den Wagen. Hans hielt ein Paketchen in der Hand und wollte es
Gretchen hinauf reichen, aber der Zug setzte sich schon in Bewegung. Da
ergriff es Felix und warf es glücklich noch durchs Fenster hinein, so
daß Gretchen es fassen konnte. Sie winkte mit ihrem Taschentuch hinaus,
Felix schwenkte sein Samtmützchen und einen Augenblick nachher war der
Bahnhof und das ganze Städtchen ihren Blicken entschwunden.
Als Gretchen das Päckchen aufmachte, fand sie darin sechs Griffel, so
fein gespitzt, wie eben nur der Schäfer-Hans sie spitzen konnte!
Elftes Kapitel.
Aller Anfang ist schwer.
Vor einem stattlichen Hause in der Residenz stand Herr Reinwald wenige
Tage nach seiner Ankunft in der Stadt.
»Töchterinstitut von Fräulein von Zimmern« stand an dem Hause
angeschrieben, in das nun Herr Reinwald eintrat.
Auf seine Frage, ob er Fräulein von Zimmern sprechen könne, wurde
er in ein freundlich eingerichtetes Zimmer geführt, und bald darauf
erschien die Vorsteherin des Instituts, ein älteres Fräulein von
vornehmer Haltung und ernsten, aber doch wohlwollenden Zügen. Sie bat
Herrn Reinwald, Platz zu nehmen, und dieser teilte ihr nun mit, daß
er gekommen sei, um sie zu bitten, sein Töchterchen in ihre Schule
aufzunehmen.
»Die Kleine hat zwar erst seit diesem Frühjahr die erste Klasse der
Volksschule in dem Städtchen Föhrenheim besucht und ist deshalb noch
nicht sehr gelehrt,« sprach Herr Reinwald, »doch ist sie gut begabt und
so, denke ich, wird sie den andern bald nachkommen.«
»Ich bin gerne bereit, Ihr Töchterchen aufzunehmen,« antwortete
Fräulein von Zimmern, »doch beginnen bei uns die Klassen nicht im
Frühjahr, sondern im Herbst. So muß denn Ihre Kleine entweder ein
halbes Jahr vor- oder zurückgesetzt werden. Da nun die Kinder in
meinem Institut weiter sind als die Kinder in der Volksschule, so wird
es am besten sein, wenn sie noch einmal von vornen anfängt mit unseren
Kleinen, die vor einigen Tagen in die erste Klasse eingetreten sind.«
»Das wünschte ich freilich gar nicht,« erwiderte Herr Reinwald, »es ist
ihr bisher immer so leicht gegangen und nun möchte ich, daß sie einmal
ernstlich ans Lernen käme.«
Fräulein von Zimmern wiegte bedenklich ihr Haupt.
»Sie wird schwer tun in unserer zweiten Klasse.«
»Nun ja, das wünsche ich eben, sie soll sich auch plagen müssen, bisher
war für sie alles ein Spiel.«
»Wird es das Kind nicht zu sehr anstrengen?«
»Das ist nicht zu fürchten. Sie ist vermutlich die dickste und
rotbackigste unter ihren künftigen Kamerädinnen.«
»Wenn zuviel Neues und Schweres auf einmal kommt, kann sie auch leicht
den Mut verlieren!«
»Den _Mut_ wird sie nicht verlieren, aber vielleicht etwas von ihrem
Übermut.«
»Nun denn, wenn Sie es so sehr wünschen, so werde ich sie in die zweite
Klasse aufnehmen, doch muß ich bitten, daß ihr für den Anfang zu Hause
etwas nachgeholfen wird.«
»Dies wird meine Frau sehr gerne tun, sowie sie wieder wohl ist.
Sie hat sich leider bei dem Umzug verdorben, doch hoffe ich, daß es
vorübergehend sein wird.«
»Das wünsche ich auch von Herzen. Grüßen Sie mir Ihre Kleine und
schicken Sie dieselbe möglichst bald.«
»Sie wird gleich morgen früh kommen.«
»Gut, der Unterricht beginnt um 9 Uhr.«
Herr Reinwald empfahl sich und eilte heim, wo er von Gretchen
ungeduldig erwartet und mit allerlei Fragen über die neue Schule
überschüttet wurde. Herr Reinwald aber gab nur kurzen Bescheid, er
hatte in seinem neuen Amt sehr viel zu tun und es kam ihm ungelegen,
daß er auch für Gretchens Angelegenheiten sorgen mußte.
»Wo ist die Mutter?«
»Sie hat sich ins Bett gelegt, es ist ihr schlechter.«
Herr Reinwald ging ins Schlafzimmer, kam aber bald wieder heraus.
»Die Mutter hat Fieber, wir müssen den Arzt haben. Schicke mir Lene
herein, daß ich ihr beschreibe, wo der Arzt wohnt, und du mache dich
fertig, sie zu begleiten, denn der Arzt wohnt in derselben Straße,
in der auch dein Institut ist, dann lernst du gleich deinen Schulweg
kennen.«
Bald waren Lene und Gretchen miteinander auf dem Weg in die
Luisenstraße.
»Das hätte ich nicht gedacht, daß unser erster Ausgang miteinander zum
_Arzt_ wäre,« sagte Lene mit einem schweren Seufzer und es war den
beiden recht trübselig zu Mute, als sie an dem kühlen Herbstabend durch
die fremden Straßen gingen, um das Haus des Arztes aufzusuchen. Endlich
hatten sie's gefunden und den kurzen Bescheid erhalten, daß der Arzt am
nächsten Morgen kommen werde.
»Das sind Leute,« räsonnierte Lene im Heimgehen, »denen ist's ganz
einerlei, wer krank ist oder was einem fehlt! Da war's schon anders,
wenn man zu unserem lieben Herrn Doktor in Föhrenheim kam. Da fragte
gleich die Magd, wer denn krank sei, und die Frau Doktor ließ gute
Besserung wünschen und kaum war man daheim, so stand auch der Herr
Doktor schon da. Die Leute hatten doch auch eine Teilnahme, aber hier
sind sie so kalt und so fremd!«
»O Lene, wären wir doch noch in Föhrenheim, dann wäre auch die Mutter
nicht krank,« seufzte Gretchen, und ihr kleines Herz wurde voll Heimweh.
Inzwischen waren die beiden wieder an ihr Haus gekommen. Es war ein
großes, dreistöckiges Haus, mitten in der Stadt.
»Hast du das alte Fräulein schon einmal gesehen, das unter uns im
ersten Stock wohnt?« fragte Lene.
»Nein, ich habe nur ihren Hund bellen hören.«
»Ja, das ist ein bissiges Tier, vor dem nimm dich nur in acht, aber vor
dem Fräulein auch, denn die ist auch nicht viel besser.«
»Was tut sie denn?«
»Ich weiß nicht. Aber es kommt keine Seele zu ihr und kein Mensch mag
sie.«
»O, o, Lene, das muß aber schrecklich sein, wenn einen gar niemand mag!«
»Freilich, aber daran ist sie selbst schuld.«
»Hat sie denn etwas Böses getan?«
»Nein, aber sie ist eben so wunderlich, daß man nicht mit ihr auskommen
kann.«
»Sieht sie dann nicht immer sehr traurig aus?«
»Die? Nein, die sieht nur bös aus.«
Gretchen wurde ganz nachdenklich.
»Lene, wenn ich sie nur sehen könnte, vielleicht könnte ich sie doch
lieb haben, damit doch _ein_ Mensch sie mag!«
»Sehen wirst du sie wohl bald, aber lieb haben schwerlich!«
»O doch, Lene, die _muß_ ich lieb haben, wenn kein Mensch sie mag, ich
glaube, ich habe sie jetzt schon lieb!«
Lene und Gretchen wurden mit Ungeduld erwartet, Frau Reinwald war sehr
krank und auf den schlimmen Abend folgte eine unruhige Nacht.
Sehnsüchtig wurde am nächsten Morgen der Arzt erwartet. Herr Reinwald
hätte Gretchen gerne in die neue Schule eingeführt, aber er fürchtete,
daß gerade in seiner Abwesenheit der Arzt kommen würde. Lene konnte man
auch nicht entbehren, so mußte sich denn Gretchen allein auf den Weg
machen. Sie versicherte auch, daß sie ihn fände, und im Notfall konnte
sie ja fragen.
So nahm sie denn wieder ihren Ranzen und ging, freilich nicht so
fröhlichen Herzens, wie sie sonst in die Schule zu wandern pflegte. Sie
schlug denselben Weg ein, den sie gestern mit Lene gemacht hatte, und
bald sah sie mehrere Mädchen mit Schultaschen und Büchern, die alle in
_einer_ Richtung gingen. Nun brauchte sie ja gar nicht erst zu fragen,
sie durfte nur den andern Schulkindern folgen. Diese bogen jetzt in
eine Seitengasse ein und traten in das Schulhaus. Gretchen folgte
einem Mädchen, das ungefähr in ihrer Größe war und trat mit ihr in das
Schulzimmer ein.
Der Vater hatte ihr anbefohlen, gleich auf Fräulein von Zimmern
zuzugehen. Diese war aber nicht zu sehen, es stand am Katheder
ein Lehrer. So ging denn Gretchen auf diesen zu und richtete die
Empfehlungen ihrer Eltern aus.
»Wie heißt du denn, Kleine?« fragte der Lehrer.
»Gretchen Reinwald.«
»Gehörst du denn zu uns?«
»Ja, mein Vater hat mich gestern angemeldet.«
Der Lehrer schüttelte verwundert den Kopf.
»Davon weiß ich gar nichts. Bist du denn israelitisch?«
Gretchen wußte nicht, was das heißen sollte, nur das wußte sie, daß
noch niemand sie so genannt hatte.
»Nein,« sagte sie, »ich weiß aber auch nicht, was das ist.«
Der Lehrer lächelte. »Dann wirst du's auch nicht sein, wie ich
mir gleich gedacht habe. Sag einmal, bei wem hat dich dein Vater
angemeldet?«
»Bei Fräulein von Zimmern selbst.«
»Bei Fräulein von Zimmern? Da meinst du wohl, du seist hier im Institut
von Fräulein von Zimmern?«
»Ja, bin ich denn nicht da?« fragte Gretchen und sah sich ganz verwirrt
um.
»Nein, Kind, da bist du ganz fehl gegangen. Du bist hier in der
israelitischen Schule oder, wenn du's so besser verstehst, in der
Judenschule.«
»Dann will ich wieder gehen,« erklärte Gretchen rasch entschlossen.
»Das denke ich mir; aber du scheinst hier ganz fremd zu sein, findest
du denn den Weg?«
»Von hier aus nicht.«
»Nun, dann muß ich dir eben eine Begleiterin mitgeben; wer weiß das
Institut von Fräulein von Zimmern?«