nämlich ein Strickstrumpf, an dem sie, wie ihr die Mutter erklärte, in
der Vakanz jeden Nachmittag von 2--3 Uhr arbeiten sollte. Das Stricken
war aber unserem Gretchen der Schrecken aller Schrecken. Diesen
Strickstrumpf hatte sie schon vor einem Jahr angefangen. Das Garn, mit
dem sie ihn strickte, war weiß, also hätte auch eigentlich der Strumpf
weiß sein sollen, aber der war an manchen Stellen gelblich-braun,
an anderen gräulich-schwarz, auch hie und da ein wenig rot von
Kirschensaft, nur weiß war er nirgends. Gretchen machte einen Versuch,
das Unglück von sich abzuwenden.
»O Mutter,« sagte sie, »im Herbst fängt in der Schule die Strickstunde
an, dann muß ich doch neu anfangen, warum soll ich dann noch an diesem
stricken.«
»Der muß noch fertig werden, ehe der Herbst kommt.«
»Fertig? O Mutter, das ist ja ganz unmöglich, überhaupt ist das so ein
Strumpf, der nie fertig wird.«
»So? Gibt's solche? Die habe ich noch gar nicht kennen gelernt. Jetzt
wollen wir aber gar nicht weiter darüber reden, sondern fleißig
anfangen, du wirst sehen, daß es jetzt schon besser geht, als im
vorigen Winter.«
Gretchen nahm mit kummervoller Miene die Arbeit, setzte sich neben die
Mutter und fing an zu stricken. Sie hatte aber noch keine vier Nadeln
fertig gebracht, als der Vater ins Zimmer trat. Um diese Zeit kam er
sonst nie ins Wohnzimmer, Mutter und Tochter sahen ihn fragend an. Er
zog einen Brief aus der Tasche.
»Gretchen,« sprach er, »du könntest jetzt hinunter gehen und deine
Blumen gießen.«
Gretchen sah den Vater erstaunt an. »Aber Vater, jetzt in der
Mittagssonne, da erlaubst du's doch nie!«
»Ja, das ist wahr. Nun, so gehe eben in die Küche und zähle, wieviel
Schüsseln und Teller es da gibt.«
Jetzt begriff Gretchen -- der Vater wollte allein mit der Mutter sein.
Lachend warf sie ihr Strickzeug weg und sprang hinaus.
Ganz ungewöhnlich lang hatten die Eltern miteinander zu sprechen und
als die Mutter endlich herauskam und Gretchen dachte, sie würde nun
wieder zum Stricken gerufen, schien die Mutter gar nimmer daran zu
denken.
»Lene,« sagte sie, »mein Mann muß um vier Uhr verreisen und kommt erst
morgen Abend wieder, holen Sie die Reisetasche aus der Kammer herunter.«
»Wo geht der Vater hin?« fragte Gretchen.
»Frage ihn nur selbst.«
»Vater, wo gehst du hin?« fragte Gretchen neugierig.
»Auf den Bahnhof.«
»Und dann?«
»In den Zug.«
Gretchen konnte nicht weiter fragen, denn die Mutter kam mit Kragen
und Manschetten und Lene mit der Tasche und dann wurde beraten,
was mitgenommen werden sollte und Gretchen mußte die Hausschuhe
herbeiholen, und so gab es ein Hin- und Herlaufen, bis es endlich Zeit
war, an die Bahn zu gehen. Der Vater verabschiedete sich und Lene trug
ihm die Tasche.
Als Gretchen mit der Mutter allein war, sagte sie: »Jetzt möchte ich
aber auch wissen, wohin der Vater reist?«
»So, das fragst du mich? Hast du nicht gemerkt, daß es der Vater nicht
sagen will?«
»Ich möchte es eben gern wissen!«
»Das glaube ich schon, aber Kinder können nicht alles wissen und dürfen
nicht neugierig und unbescheiden sein. Wenn du merkst, daß man dir
etwas nicht gern sagt, mußt du nicht zweimal fragen.«
Gretchen schwieg und es blieb ihr verborgen, wohin der Vater gereist
war.
Am nächsten Morgen sollte es noch geheimnisvoller und wunderlicher
zugehen. Da brachte ein Bote ein Telegramm vom Vater. Die Mutter
erschrak nicht darüber, sie schien es erwartet zu haben. Zweimal schon
hatte die Mutter das Telegramm durchgelesen und Gretchen hätte gar zu
gerne gefragt: Was steht darin? Aber sie wollte nicht wieder neugierig
sein.
Nun legte die Mutter das Blatt weg, zog Gretchen an sich, küßte sie
und sagte ganz bewegt: »Der Vater schreibt, ich soll ihm nachkommen,
gleich mit dem nächsten Zug. Du darfst jetzt auch wissen, daß der Vater
in der _Residenz_ ist und wenn wir morgen miteinander zurückkommen, so
erzählen wir dir, was wir dort zu tun hatten.«
Das war alles so geheimnisvoll, Gretchen konnte gar nicht begreifen,
was für ungewöhnliche Dinge vorgingen!
Als sie mit Lene von der Bahn zurückkam, wohin sie die Mutter begleitet
hatten, sagte Lene: »Heute darfst du die Hausfrau machen und sagen, was
ich kochen soll.«
»Das ist herrlich!« rief Gretchen. »Da machen wir eine Biskuittorte!«
Aber Lene erschrak ordentlich. »Was fällt dir ein, da braucht man zwölf
Eier, so etwas darfst du nicht vorschlagen.«
Nun meinte Gretchen, eine gebratene Gans sei auch etwas Gutes und zu
der brauche man keine Eier. Dagegen hatte die Köchin aber einzuwenden,
daß sie keine Gans habe, und sie fragte, was ihre kleine Hausfrau wohl
zu einem Reisbrei oder Mandelbrei meine? Auf den Mandelbrei ging nun
Gretchen mit vollem Eifer ein und als es Mittag wurde, durfte sie ihr
Tischchen in die Küche tragen und draußen decken und essen, das war
ein Hauptvergnügen. Nach dem Essen, während Lene das Geschirr spülte,
durfte sie es abtrocknen und sie kam sich dabei sehr wichtig vor. Auf
einmal aber ließ sie den Löffel sinken, den sie eben abreiben wollte,
und fragte: »Lene, muß ich wohl um zwei Uhr stricken?«
»Hat die Mutter nichts davon gesagt?«
»Nein, kein Wort.«
»Nun, dann mußt du's auch nicht.«
Diese Antwort kam Gretchen sehr erwünscht und sie machte sich wieder
eifrig ans Geschäft. Aber nach kurzer Zeit wurde sie schon wieder
nachdenklich.
»Weißt du, Lene, gestern hat die Mutter gesagt, ich muß _alle_ Tage
stricken; aber sie wird nur _die_ Tage gemeint haben, an denen sie zu
Hause ist, denn sie muß doch immer wieder auftrennen, was falsch wird.«
»Nun das könnte ich auch besorgen, aber die Mutter wird nicht zanken,
wenn du heute nicht strickst.«
Nun wurde das Geschirr aufgeräumt und die Küche rein gemacht. Jetzt
schlug es zwei Uhr.
»Lene, ich stricke doch, ich glaube, ich _muß_!«
»Nun ja, so stricke, es läßt dir sonst doch keine Ruhe, und jedenfalls
freut es die Mutter.«
Gretchen nahm ihre Arbeit und setzte sich ans Küchenfenster, während
Lene am Küchentisch Wäsche einspritzte. Vier Nadeln gingen wirklich
ganz ohne Unglücksfall vorüber, es war heute ein besonderer Segen bei
der Arbeit, wie wenn der Strumpf gewußt hätte, daß ihn seine kleine
Herrin heute zum erstenmal _freiwillig_ in die Hand nahm. Eine gute
Weile war so verstrichen, als es an der Glastüre klingelte.
Lene öffnete und Gretchen hörte ein schüchternes Stimmlein fragen: »Ist
Gretchen zu Hause?« Schnell war Gretchen draußen, sie mußte doch sehen,
wer nach ihr fragte.
Es war die kleine Emilie von der Apotheke; die sagte, ihre Mama habe
erfahren, daß Gretchen heute allein sei und lasse sie einladen, mit
ihnen spazieren zu gehen.
»Willst du?« fragte die Kleine zuletzt.
»Ob ich will? Lene, höre nur, die fragt noch, ob ich will! Natürlich
will ich,« rief sie fröhlich lachend und faßte die kleine Emilie und
drehte sie im Kreis herum, daß es der Kleinen angst und bang wurde.
Kurze Zeit nachher zogen die zwei Schulkamerädinnen vergnügt von dannen.
Neuntes Kapitel.
Eine wichtige Neuigkeit.
Es war Gretchen ganz sonderbar zu Mute, als sie spät abends vom
Spaziergang heimkam, und Vater und Mutter nicht da waren. Wie still und
leer war's doch im Wohnzimmer!
»Es ist zu langweilig zum Aufbleiben, Lene, ich gehe lieber gleich ins
Bett.«
»Ja, du hast recht; fürchtest du dich nicht, allein zu schlafen?«
»Fürchten? Vor was denn?« fragte Gretchen erstaunt.
»Nun, ich meine nur, weil du's nicht gewohnt bist. Wenn du willst,
mache ich mein Bett zu dir herein!«
»Aber Lene, was meinst du denn, bei Nacht braucht man doch niemand?«
»Nein, niemand als den lieben Gott und der ist ja bei dir, du mußt nur
das Beten nicht vergessen.«
»Ich vergesse es nicht und ich will es auch dem lieben Gott noch sagen,
daß ich ganz allein bin, dann sorgt er ganz gewiß für alles, gelt Lene?«
»Freilich sorgt er und dann weißt du, meine Kammer ist ja neben der
Küche, du darfst mir nur rufen, wenn du etwas willst.«
»Nachts will ich nie etwas, gute Nacht, Lene.«
»Gute Nacht.«
Nach wenigen Minuten schlief Gretchen so sanft wie immer. Das Beten
hatte sie nicht vergessen. In der Nacht aber brach ein furchtbares
Gewitter los. Ein Windstoß schlug mit aller Macht die Schlafzimmertüre
zu, daran erwachte Gretchen und es fiel ihr ein, daß sie ganz allein
war. Es blitzte und donnerte heftig, der Wind schlug den Regen gegen
die Fenster, daß es prasselte, bald war es stockfinster im Zimmer, bald
wurde dieses durch einen Blitzstrahl taghell beleuchtet.
Das war nun gar nicht behaglich und Gretchen zog sich die Decke über
den Kopf, um nichts zu sehen und zu hören. Erst vor wenigen Tagen
war so ein heftiges Gewitter gewesen und der Blitz hatte in ein Haus
eingeschlagen. Daran mußte nun Gretchen denken, und dabei fiel ihr ein,
daß die Mutter gesagt hatte: »So oft nachts ein Gewitter kommt, muß
ich aufstehen, denn immer schlägt irgendwo ein Fenster, oder es regnet
herein.«
Gretchen horchte: richtig, da war es ja deutlich zu hören, nebenan in
des Vaters Zimmer wurde ein Fenster vom Winde auf- und zugeschlagen.
Das durfte nicht sein. Die Mutter konnte heute nicht dafür sorgen,
Lene hörte es nicht, also mußte _sie_ aufstehen. Unsere tapfere Kleine
schlupfte in ihre Strümpfe, stieg aus dem Bett und tappte im Finstern
nach der Türe. Da plötzlich leuchtete ihr ein greller Blitz, daß die
Türschnalle hell erglänzte. Nun folgte ein furchtbarer Donnerschlag,
daß Gretchen vor Schreck erzitterte.
»Lieber Gott, du sorgst doch für mich?« betete sie leise und dann
ging sie herzhaft hinaus in des Vaters Zimmer. Richtig, da stand ein
Fenster offen und der Wind blies den Vorhang weit herein ins Zimmer,
es war gut, daß Gretchen kein Licht hatte. Sie brauchte auch keines,
denn die Blitze leuchteten ihr fortwährend. Nun schloß sie das Fenster
und wollte eben wieder hinausgehen, da hörte sie ein leises Geräusch,
wie wenn einzelne Tropfen hoch herunterfielen. Sie blieb stehen und
lauschte. Von Zeit zu Zeit fiel immer wieder ein Wassertropfen, sie
hörte es ganz deutlich, aber woher kam der Laut? Vom Fenster nicht.
Sie ging in die Mitte des Zimmers, da hörte man's noch deutlicher,
endlich kam sie an des Vaters Schreibtisch und als sie prüfend die Hand
darüber ausstreckte, fühlte sie etwas Nasses und ein Tropfen fiel ihr
auf die Hand. Jetzt wußte sie's -- es regnete durch die Decke herunter
und gerade auf des Vaters Schreibtisch. Das war aber schlimm, da mußte
Lene helfen, sonst wurden am Ende des Vaters Bücher und Papiere naß.
So schnell sie's in der Dunkelheit vermochte, ging Gretchen hinaus auf
den Vorplatz, an der Küche vorbei, bis an Lenens Kammer. Es blitzte und
donnerte noch ebenso heftig, aber Gretchen erschrak schon nicht mehr so
sehr daran, sie war auch ganz im Eifer.
»Lene,« rief sie, »bist du wach?«
»Ja, freilich bin ich wach, gelt jetzt fürchtest du dich doch!«
»Nein, aber Lene, komm nur schnell, denn des Vaters Schreibtisch wird
ganz naß!«
»Ach Kind, was meinst du, der steht ja gar nicht am Fenster.«
»Er ist aber doch naß, ich habe es ja gespürt, komm nur schnell!«
Jetzt erschien Lene mit einem Licht. Eifrig ergriff Gretchen ihre Hand:
»Komm, ich zeige dir's!«
Als Lene auf den Schreibtisch leuchtete, stieß sie einen Schreckensruf
aus. Da hatte sich eine ganze Wasserlache angesammelt; ein Buch, das
auf dem Tisch lag, war schon ein wenig naß und verschiedene Päcke Akten
und Briefe waren nur um eines Fingers Breite von dem Wasser getrennt.
Lene nahm einen Stoß um den andern und räumte alles auf einen andern
Tisch, bis der Schreibtisch ganz leer war. Dann wischte sie das Wasser
auf und stellte eine Schüssel unter. Währenddem rief Lene einmal ums
andere: »Ach, Kind, Gott Lob und Dank, daß du das entdeckt hast, dein
Vater wäre außer sich gewesen, wenn die Papiere alle durchnäßt worden
wären, das hätte schweren Schaden angerichtet!«
»Ja, Lene, das hat gar nicht sein können, denn weißt du, ich habe ja
den lieben Gott extra gebeten, daß er für uns sorgt. Er hat mich schon
zu rechter Zeit geweckt.«
»Ja, Kind, du hast recht, aber jetzt leg dich doch schnell wieder ins
Bett, in deinem dünnen Nachthemdchen muß dich's ja frieren. Ich bleibe
jetzt auf, bis das Gewitter ganz vorbei ist, du aber schlupfe unter die
Decke!«
Gretchen ließ sich das nicht zweimal sagen und legte sich. Dann betete
sie noch einmal: »Lieber Gott, ich danke dir, daß du so gesorgt hast,
aber jetzt sorgt die Lene,« dann legte sie sich auf die Seite und war
trotz Donner und Blitz bald eingeschlafen.
Am nächsten Morgen schien die Sonne wieder freundlich und Gretchen
stattete ihren gewohnten Besuch bei den Stachelbeerstöcken im Garten
ab. Da, als sie ganz in dies Geschäft vertieft war, rief die liebe,
wohlbekannte Stimme der Mutter durchs Fenster: »Gretchen, grüß dich
Gott!« und: »Guten Appetit,« fügte der Vater hinzu. Die Eltern waren
soeben von der Bahn gekommen. Das war eine Überraschung! Gretchen
rannte die Treppe hinauf und in der Freude, die Eltern wieder zu haben,
vergaß sie ganz, daß sie nun etwas über die geheimnisvolle Reise
erfahren sollte, bis der Vater sagte:
»Nun, Kind, was hättest du denn gesagt, wenn ich heute telegraphiert
hätte, du sollst uns auch nachkommen?«
»Ich, ganz allein? Da wäre ich doch lieber mit euch gegangen.«
»Das haben wir uns gedacht und darum sind wir auch wieder gekommen, um
dich zu holen.«
»Im Ernst, Vater?«
»Ja, dich und die Lene!«
»O Mutter, gelt, der Vater macht nur Spaß?«
»Diesmal ist's Ernst, liebes Kind,« sagte die Mutter bewegt. »Der Vater
zieht in die Residenz und wir ziehen mit ihm und nehmen alles mit, was
wir haben.«
»Auf lange Zeit? Über die ganze Vakanz?«
»Nicht nur über die Vakanz, sondern für immer.«
»Aber Mutter, das ist ja eigentlich ganz traurig, dann haben wir ja
unsern Garten nimmer und ich kann überhaupt nicht fort, ich muß in die
Schule!«
»Eine Schule gibt's in der Residenz auch und vielleicht noch eine
bessere als hier,« erwiderte der Vater.
»Und einen Garten?«
»Den bekommen wir freilich zunächst nicht, aber dafür gibt es dort
viele schöne Anlagen mit Springbrunnen und Seen und Schwänen darin.«
»O, das ist wie im Märchen, dann freue ich mich auch! Reisen wir auch
mit dem Vieruhrzug, heute nachmittag?«
»Nein, so schnell geht das nicht, da gibt's vorher noch viel zu
besorgen, aber in sechs Wochen etwa. Nun muß ich's aber auch der Lene
mitteilen,« sprach die Mutter und ging in die Küche, der Vater aber in
sein Studierzimmer.
Gretchen blieb allein und dachte darüber nach, wie sie die große
Neuigkeit ihren Schulkameraden erzählen wollte. Sie wurde aber bald in
ihren Gedanken unterbrochen durch den Vater, der wieder ins Wohnzimmer
kam und ganz ärgerlich aussah.
»Was hat man denn in meinem Zimmer gemacht?« fragte er, »gewiß wieder
so eine unnötige Putzerei, es liegt ja alles durcheinander!«
»Ja, Vater, das hat so sein _müssen_, weil es auf den Schreibtisch
geregnet hat,« antwortete Gretchen und erzählte dann ganz genau den
ganzen Hergang der Sache. Sie wußte wohl, daß der Vater gar nicht
leiden konnte, wenn man seine Papiere in Unordnung brachte, und als
sie mit ihrer Erzählung fertig war, sah sie besorgt zum Vater auf und
sagte: »Ist wirklich alles ganz durcheinander?« Der Vater antwortete
aber aus diese Frage gar nicht, er hob sein Töchterchen auf einmal
vom Boden auf, ließ sie in die Höhe fliegen und rief: »Du bist ein
Prachtkerl, dich kann man einmal brauchen in der Welt; nachts, bei
Donner und Blitz aufstehen und nach dem rechten sehen, statt ängstlich
unter die Decke zu kriechen, das lobe ich mir! Aber warte nur, ich will
dir's nicht vergessen!« Mit diesen verheißungsvollen Worten verließ der
Vater das Zimmer. Gretchen aber war sehr stolz und glücklich; ein Lob
vom Vater war etwas sehr Seltenes, und _so_ ein Lob war noch gar nie
dagewesen.
Fröhlich sprang sie hinaus in die Küche, wo auch die Mutter schon
von Lene gehört hatte, was in der Nacht vorgefallen war. Jetzt aber
sprachen sie über den Umzug in die Residenz und Gretchen bemerkte mit
Staunen, daß Lene in Tränen war.
»So, du kommst gerade recht, um die Lene zu trösten,« sagte die Mutter,
ließ die beiden allein in der Küche und ging hinüber zum Vater.
»Denke nur, Lene will gar nicht mit uns gehen,« sprach Frau Reinwald
lebhaft zu ihrem Manne.
»Wirklich? Das wäre mir leid, warum will sie denn nicht?«
»Sie sagt, sie möchte nicht so weit von ihren Eltern fort und sie
könnte sich auch nicht eingewöhnen in einer so großen Stadt. Mir wäre
es schrecklich, wenn sie ginge, so ein treues Mädchen fänden wir
vielleicht nie wieder!«
Während im Zimmer die Eltern so sprachen, hatte Gretchen zutraulich
ihre Arme um Lene geschlungen und freundlich zu ihr gesagt: »Lene,
weine nicht, es wird dir schon auch in der Residenz gefallen, es ist ja
schön dort!«
»Ich werde wohl nicht mitgehen,« sagte Lene. Da ließ Gretchen sie ganz
erschrocken los, sah ihr ungläubig ins Gesicht und rief: »Du machst
bloß Spaß!«
»Nein, mir ist's gar nicht spaßhaft zumut.«
»Du willst wirklich nicht mitgehen? Aber Lene, du _mußt_ doch mit, du
bist schon immer da gewesen, und ohne dich geht's gar nicht, nein,
wirklich ohne dich geht's nicht!« und als Lene sich aufs neue die
Tränen aus den Augen wischte, sagte Gretchen ganz entschieden: »Lene,
du mußt's doch selbst spüren, du _kannst_ nicht fort von uns!«
Und Lene spürte es, denn sie zog Gretchen gerührt an sich: »Ich glaube
du hast Recht, ich kann nicht fort, von _dir_ schon einmal gar nicht!
Nein, ich bleibe bei euch; Gretchen, sag's der Mutter, daß ich mit euch
gehe, und sag' auch, sie soll mir's nicht übel nehmen, daß ich vorhin
so eine dumme Gans war, natürlich gehe ich mit!«
Da fiel ihr Gretchen fröhlich um den Hals, rannte hinüber zum Vater
und verkündigte den Eltern jubelnd: »Die Lene geht mit, sie hat es
versprochen!«
Das war nun den Eltern sehr lieb und der Vater dachte vielleicht
wieder, sein Gretchen sei ein Prachtmädel, daß sie die Lene so schnell
herumgebracht hatte. Er ließ sich's aber nicht merken, sondern sagte
bloß: »Nun Gretchen, jetzt soll's dir gehen, wie's sonst nur den
Kindern in den Märchen geht. Weil du heute nacht meine Papiere vor dem
Verderben gerettet hast, sollst du dir irgend etwas wünschen, und den
Wunsch will ich dir erfüllen. Du wirst schon so vernünftig sein und dir
kein Königreich wünschen, kannst ja ein wenig mit der Mutter beraten.
Heute abend will ich deinen Wunschzettel auf meinem Schreibtisch
finden.« Mit diesen Worten verließ der Vater das Zimmer.
Gretchen klatschte in die Hände vor Vergnügen. »Mutter, wie herrlich,«
rief sie, »ich weiß schon, was ich mir wünsche, du wirst's auch wissen,
es ist ja schon lange mein Herzenswunsch!«
»Ich kann mir's wirklich nicht denken, was ist's denn?«
»Natürlich ein Kalb!« rief Gretchen. -- »Ein Kalb?«
»Ja, ein rechtes, lebendiges Kalb, so ein gutmütiges, dickköpfiges
Kalb!« Aber die Mutter schüttelte den Kopf.
»Liebes Kind, das geht nicht. Denke nur, was würde unser neuer Hausherr
in der Residenz sagen, wenn wir in seine elegante Wohnung ein Kalb
mitbrächten!«
»O das nehmen wir gar nicht mit hinauf, das führen wir gleich hinten in
den Hof, oder in irgend einen Stall nebenan.«
»Da gibt's keinen Hof und keinen Stall, mein Kind, das ist fast so
unmöglich wie das Königreich, das sich der Vater auch verbeten hat.
Aber es wird dir schon etwas anderes einfallen, das besser paßt,
besinne dich nur!«
Das tat nun Gretchen den ganzen Nachmittag, sie zog bald die Mutter,
bald Lene zu Rate, und kam doch zu keinem Entschlusse.
»Du hast eben schon alles, was ein kleines Mädchen sich nur wünschen
kann,« sprach die Mutter, »da wäre es wohl leichter, wenn sich z. B.
die arme Luise Seiz, der du damals die Tafel geschenkt hast, etwas
wünschen sollte.«
»Mutter, jetzt hab' ich's,« rief Gretchen ganz vergnügt, »ich wünsche
mir etwas für _sie_ und für die andern armen Schulkinder, für alle, die
ich lieb habe, geht das?«
Die Mutter überlegte ein wenig.
»Es ließe sich vielleicht schon machen, daß wir, ehe wir von hier
fortziehen, allen eine Freude bereiten.«
Mit der Mutter Hilfe wurde nun ein schöner Wunschzettel geschrieben.
Auf diesem stand: »Ich wünsche mir, daß ich allen Schulkameraden, die
ich lieb habe, zum Abschied eine Freude machen darf. Lieb habe ich
alle, die arm sind, und Apothekers Emilie und Felix Acosta, von dem ich
nicht weiß, ob er arm ist.«
Der Zettel kam auf des Vaters Schreibtisch und am nächsten Morgen
lag er auf Gretchens Frühstückstasse und der Vater hatte darunter
geschrieben: »Soll erfüllt werden.«
Zehntes Kapitel.
Der Abschied.
Die Vakanz war vorüber, zwei Wochen noch war Gretchen in die Schule
gegangen und jetzt stand der Umzug nahe bevor. Auf Dienstag war er
festgesetzt und heute war schon Samstag. Im ganzen Hause sah es schon
ungemütlich aus, die Vorhänge waren von den Fenstern weg, die Zimmer
lagen voll Heu und Stroh und Kisten standen überall im Weg.
»Es ist gar nicht mehr behaglich daheim,« sagte Gretchen, »ich bin
froh, daß ich in die Schule gehen darf.«
»Ja, heute zum letzten Mal,« sagte die Mutter, »am Montag ist auch dein
Schulranzen schon eingepackt.«
»Aber Mutter, ich will nur sehen, ob der Vater sein Versprechen hält
mit der Freude für die armen Schulkinder; gewiß vergißt er's und ich
mag ihn doch nicht so oft daran erinnern!«
»Er wird schon daran denken zur rechten Zeit. Aber jetzt gehe nur, du
kommst sonst zu spät in die Schule!«
»O, das macht nichts, du weißt gar nicht, Mutter, wie gut der Lehrer
gegen mich ist und alle Kinder. Darum möchte ich ihnen eben gar so gern
eine Freude -- --«
»Ich weiß schon, was du möchtest,« unterbrach die Mutter, »aber jetzt
mache doch nur, daß du einmal fortkommst, ich habe alle Hände voll zu
tun!«
Und Gretchen ging. Sie kam wohl ein wenig zu spät, aber der Lehrer
sagte nur: »Ich habe schon Angst gehabt, daß du gar nimmer kommst!« und
er und die anderen Kinder blickten gar freundlich auf sie. Ein halbes
Stündchen vielleicht hatten die Kinder gearbeitet und der Lehrer rief
eben: »Wieviel macht 9 und 5?« da klopfte es an der Türe und herein
trat -- Herr Reinwald.
Alle Kinder sahen zuerst auf ihn und dann drehten alle wie auf Kommando
die Köpfe nach Gretchen. Was bedeutete dieser Besuch? Gretchen wußte es
selbst nicht.
»Entschuldigen Sie, daß ich störe,« sprach Herr Reinwald zu dem Lehrer.
»Meine Kleine möchte zum Abschied ihren Schulkameraden eine Freude
machen und da möchte ich denn die ganze Klasse auf heute Nachmittag
in unsern Garten einladen. Die Birnen und Jakobiäpfel sind reif, die
Himbeerstöcke hängen voll Beeren und möchten gezupft sein. Wollt ihr
wohl kommen, Kinder?«
Sie wollten wohl alle, aber keines hatte recht den Mut, laut zu
antworten. Da erhob sich unser Felix, dem kam diese Art gar unhöflich
vor: »Wenn Sie erlauben, werden wir so frei sein und kommen.« Herr
Reinwald lächelte.
»Wer ist der kleine Sprecher?« fragte er.
»Das ist Felix Acosta.«
»Ach ja, das hätte ich mir denken können, von dem habe ich schon viel
gehört. Also ihr wollt kommen?«
Jetzt ertönte ein lautes, allgemeines, jubelndes »Ja« und Gretchen
lachte laut auf vor Glück.
»Um vier Uhr wird das Gartentor aufgemacht. Jedes von euch darf auch
noch ein Körbchen oder Säckchen mitbringen! Nun will ich aber nicht
länger stören, jetzt seid nur wieder fleißig!«
Herr Reinwald verließ das Zimmer, der Lehrer begleitete ihn, und
während sich draußen die beiden Herren voneinander verabschiedeten,
brach drinnen lauter Jubel los und Gretchen wurde von allen Seiten mit
Fragen bestürmt:
»Wer schüttelt die Birnen? Zieht man sein Sonntagskleid an? Macht's
nichts, wenn man einen Korb mitbringt, an dem ein Henkel abgerissen
ist?«
Während nun Gretchen so von Fragenden umringt war, kam unser Hans zu
seinem Felix und sagte: »Wir zwei können nicht, wir haben um vier Uhr
Stunde.«
»O, das hätte ich vergessen! Es schadet aber nichts, wir sagen Herrn
Baumann, daß wir nicht kommen können.«
»Vielleicht,« meinte Hans, »dürfen wir um zwei Uhr in die Stunde
kommen.«
»O, da ist's so heiß!«
»Oder um drei Uhr.«
»Geht nicht, wir kämen zu spät zu Herrn Reinwald.«
»Also um fünf Uhr.«
»Da sind wir noch nicht zurück!«
»Aber um sechs Uhr.«
»Da -- da will ich baden.«
»Um sieben Uhr?«
»Da ist's zu spät.«
Hans sah eine Weile mit seinen großen blauen Augen prüfend auf Felix,
dann sagte er mit vorwurfsvollem Ernst: »Felix, du _magst_ nicht!«