stimmte gar nicht mehr recht zusammen, denn Herr Stein achtete nicht
darauf, er ging bald hierhin, bald dorthin, die Kinder wurden dadurch
zerstreut, und immer mehr verstummte der Gesang. Nur der Schäfer-Hans
sang noch fest drauf los; der merkte nichts von dem was vorging, denn
wenn gesungen wurde, dann war er mit Leib und Seele dabei. Endlich aber
konnte auch der Hans nimmer weiter singen, denn das Lied vom Kuckuck
hat nur drei Verse.
»Wo ist denn mein Rohr?« fragte jetzt der Lehrer.
»Wie Herr Baumann herein gekommen ist, haben Sie es auf den Pult
gelegt,« rief Gretchen.
»Freilich, aber da ist's ja nicht mehr, wer kann's weggenommen haben?«
»Vielleicht Herr Baumann,« meinte eines der Kinder.
»Ja, ja, der hat's mitgenommen,« rief nun eines der Mädchen und nun
glaubten auf einmal viele der Kinder bemerkt zu haben, daß Herr Baumann
ein Rohr in der Hand hatte als er hinausging.
»Gretchen, geh du hinüber und frage Herrn Baumann danach,« sprach Herr
Stein.
Das tat nun Gretchen gar nicht gerne; sie hatte schon ihre stille
Freude darüber gehabt, daß das Rohr verschwunden sei. Langsam erhob sie
sich und ging zur Türe.
»Halt, laß es nur sein und setze dich wieder,« rief Herr Stein. Er
hatte sich so seine Gedanken gemacht: Wenn Herr Baumann das Rohr nur
aus Versehen mitgenommen hat, so schickt er's wohl wieder herüber. Hat
er's aber mit Absicht getan, so will er's mir auch nicht gleich wieder
zurückgeben.
So mußte sich denn Herr Stein die nächste Stunde ohne Rohr behelfen.
Felix aber atmete erleichtert auf, als er sah, daß die Sache so gut
ausging. Nach der Schule schlich er sich in den Hof, um nach dem Rohr
zu sehen. Es mußte wohl zu oberst auf dem Holzstoß liegen und dort
konnte man es vom Schulfenster aus entdecken, das durfte nicht sein.
Vorsichtig sah sich Felix im Hof um, ob ihn niemand beobachte; dann
kletterte er gewandt wie eine Katze auf die Holzstöße. Richtig, da oben
lag das Rohr. Er nahm es und schob es zwischen die Holzscheiter, dort
konnte es liegen bleiben, da bemerkte man es gewiß nicht. Schnell war
er wieder vom Holzstoß herunter und zum Hof hinaus.
Wenn er aber gedacht hatte, es habe ihn kein Mensch beobachtet, so
hatte er sich getäuscht!
Hoch oben im Dachstock, gerade über dem Holzstoß und über Herrn Steins
Schulzimmer wohnte Frau Semmelmeier, die Schuldienerin. Die wollte
einen Teppich zum Fenster hinausschütteln, sah sich aber vorsichtig
um, ob nicht etwa Herr Stein gerade den Kopf aus seinem Fenster
herausstrecke. Da bemerkte sie, wie Felix in den Hof kam und auf den
Holzstoß kletterte. Nun sah sie auch das Rohr dort liegen. Dann dachte
sie, er sei wohl geschickt worden, um das Rohr zu holen. Zu ihrem
größten Erstaunen gewahrte sie aber, daß er es nur noch tiefer zwischen
das Holz versenkte und sich dann wieder davon machte.
»Schaut mir nur den spanischen Schlingel an!« sprach sie vor sich
hin, »so etwas tut doch bei uns zu Lande kein Kind, es ist noch nicht
dagewesen, solange ich Schuldienerin bin!«
Die wackere Alte stieg die Treppe hinunter. Alle Schulzimmer waren
nun leer. Sie trat in das der Kleinen und sah sich auf dem Pult um.
»Richtig, richtig, das Rohr ist fort! Der kleine Spitzbub hat's wohl
zum Fenster hinausfliegen lassen!« Dann überlegte sie, was sie bei
diesem unerhörten Falle wohl zu tun habe.
»Dem _jungen_ Lehrer, dem sag ich's nicht, der könnte mir den kleinen
Kerl gar zu scharf hernehmen; man muß bedenken -- es ist doch ein
armes, fremdes Waisenkind und dazu -- so oft mich's sieht, das kleine
Bürschlein, zieht's so manierlich sein Samtkäpplein und sagt: ›Guten
Morgen, Madame Semmelmeier,‹ oder: ›Guten Abend, Madame Semmelmeier,‹
keines von den andern ist so artig. Nein, seinem Lehrer verrat ich's
nicht, aber der alte Herr Baumann soll's wissen, der hat ein Herz für
das Kind, er läßt's ja alle Tage zu sich kommen.«
Und Frau Semmelmeier klopfte an Herrn Baumanns Türe. Bald wußte der
alte Lehrer alles, was Frau Semmelmeier entdeckt hatte. »Die Welt wird
alle Tage schlechter,« schloß die alte Schuldienerin ihren Bericht;
»wer hätte in unserer Jugendzeit so etwas gewagt?«
»Ja, es ist schlimm,« bestätigte Herr Baumann; »aber Semmelmeierin, sag
Sie zu niemandem etwas von der Geschichte, man darf das fremde Kind
nicht gleich einschüchtern. Ich will ihm selbst ins Gewissen reden und
will sehen, ob ich ihn dazu bringe, daß er mir's eingesteht, das hätte
mehr Nutzen als alle Strafen.«
»Mit Verlaub, Herr Baumann, wer so schwarze Spitzbubenaugen hat,
gesteht nichts ein.«
»Das versteht Sie nicht, Semmelmeierin. Das Schwarze, das kommt vom
südlichen Land und wären wir dort geboren, so wären wir auch nicht
blond. Das Herz ist deswegen noch lange nicht schwarz.«
»Ich glaub's wohl und Sie verstehen es ja am besten, und ich schweige,
darauf können Sie sich verlassen.« Und die alte Schuldienerin hielt
Wort.
An diesem Mittag teilte Gretchen ihren Eltern voll Vergnügen das
Ereignis von dem verschwundenen Rohr mit.
»Wenn ihr Kinder klug wäret,« sprach Herr Reinwald, »so würdet ihr für
morgen euren Spruch viel besser lernen als sonst und euch überhaupt
so musterhaft verhalten, daß euer Lehrer sich sagen müßte: Es geht ja
alles viel besser, seitdem ich kein Rohr mehr habe, da schaffe ich mir
kein neues mehr an!«
»O wie herrlich das wäre, das muß ich gleich heute Nachmittag mit allen
Kindern ausmachen,« rief Gretchen eifrig, und schon auf dem Schulweg
und auf der Treppe redete sie alle ihre kleinen Kameraden an und sagte,
sie habe etwas ganz Wichtiges mit ihnen auszumachen. Endlich als im
Schulzimmer alle sie neugierig umringten, wiederholte ihnen Gretchen
ganz genau ihres Vaters Worte und fügte dann hinzu: »Den Spruch, der
an die Reihe kommt, weiß ich und den sag ich euch vor und ihr sagt ihn
alle nach, bis ihr ihn alle könnt!«
»Wenn ich aber nicht mag?« fragte des Holzhackers Franz und stellte
sich dabei recht breit und patzig vor Gretchen hin.
An diese Möglichkeit hatte unser Gretchen gar nicht gedacht und sie war
ganz bestürzt; denn der Holzhackers-Franz war gerade einer von denen,
die ihre Sache nie konnten, der mußte also mittun.
»O mög doch auch,« bat sie treuherzig, »sonst kauft sich Herr Stein
gewiß wieder ein neues Rohr!«
»Das macht doch _dir_ nichts? _Dich_ schlägt er nicht, das weiß jedes!«
»Aber ich kann's doch nicht leiden; o gelt du tust mit?«
Aber der Franz wollte nicht ja sagen. Da trat Felix herzu.
»Wenn du tust, wie sie will, werde ich dir machen ein Kunststück.«
»Was für eines?«
»Ich werde auf den Katheder steigen und springen hier herunter, bis
hier in den Gang zwischen den Bänken!« Der Katheder stand hoch, Franz
konnte es kaum glauben.
»Also, so springe!«
»Nicht so; du wirst zuerst lernen und ich werde hernach springen. Hier
meine Hand darauf!«
Er bot dem Franz sein schmales Händchen hin, dieser wußte nicht recht,
was das heißen solle, aber er erklärte sich nun bereit zu lernen.
Nun fing Gretchen an, die Worte vorzusagen und alle anderen sagten sie
nach. Als sie im besten Eifer waren, trat Herr Stein ein. Er hatte
schon vor der Türe den Spruch gehört und sich über diesen ungewohnten
Fleiß seiner Schüler nicht genug wundern können. »Was tut ihr denn, ich
glaube gar ihr lernt?« fragte er.
»Ja, unsern Spruch; Gretchen Reinwald sagt ihn vor, Gretchen Reinwald
ist der Lehrer,« tönte es von allen Seiten als Antwort.
Freundlich sah Herr Stein in das von Eifer glühende Angesicht seiner
Lieblingsschülerin.
»Du bist halt doch meine Beste, du mußt die Erste werden,« sagte er,
nahm sie an der Hand und führte sie an den ersten Platz.
Aber Gretchen sah bedenklich auf die Kleine, die bisher den ersten
Platz eingenommen hatte.
»Der wird's nicht recht sein,« sagte sie.
»O die wäre doch nicht lange die Erste geblieben, gelt du weißt schon,
daß Gretchen Reinwald über dich hinauf gehört?« Die Kleine, die
allerdings nicht zu den besten Schülerinnen gehörte, nickte und räumte
ihren Platz.
So saß denn Gretchen richtig auf dem ersten Platz, wie sie sich's schon
ausgedacht hatte, ehe sie in die Schule gekommen war.
Der Unterricht begann nun und Felix konnte das verheißene Kunststück
nicht machen. Der Franz war sehr ärgerlich und wurde es noch mehr, als
er sah, daß nach Schluß der Schule der Lehrer das Zimmer nicht verließ,
sondern, wie er's manchmal tat, die Zeitung nahm, sich an den Katheder
setzte und anfing zu lesen.
Schon bereute der Franz seine Nachgiebigkeit, als plötzlich Felix
vortrat, und sehr höflich zum Lehrer sprach: »Pardon, Herr Lehrer, ich
muß hier hinaufsteigen, weil ich habe versprochen zu hupfen herunter!«
und ehe Herr Stein wußte, was der kleine Spanier eigentlich wollte, war
dieser auf den Katheder hinaufgeklettert und mit einem schönen Schwung
so leicht auf die Fußspitzen heruntergehüpft, daß man's kaum hörte.
Herr Stein war ganz verblüfft und da er selbst ein guter Turner war,
hatte er solche Bewunderung für den kleinen Künstler, daß er gar nicht
gleich daran dachte, ihm vorzuhalten, der Katheder sei nicht dazu da,
daß die Schulbuben daran turnen. Felix wartete auch nicht, bis ihm dies
einfiel, er verließ rasch das Schulzimmer. Die andern Kinder folgten
ihm, auch der Franz war nun vollständig befriedigt.
Felix durfte noch nicht heimgehen, er hatte jetzt Stunde bei Herrn
Baumann. Er ging immer gern zu dem alten Herrn, war dieser doch der
Lehrer seines lieben Mütterleins gewesen. Das Lernen selbst war unserem
Felix zwar keine besondere Freude, aber Herr Baumann machte es ihm so
angenehm wie möglich.
Heute empfing er seinen kleinen Schüler noch freundlicher als sonst.
»Wie ist's heute nachmittag in der Schule gegangen?« fragte er ihn.
»Sehr gut!«
»Wie oft hat Herr Stein das Rohr gebraucht?«
Ein schelmisches Lächeln zuckte um Felix' Mund.
»Nicht ein einzig Mal!«
»Wie kommt das?«
»Das Rohr ist weg.«
»So, und wo ist's denn?«
Felix besann sich einen Augenblick, dann sagte er: »Viele sagen: Herr
Baumann hat es genommen.«
»Und was sagst denn _du_?«
»Ich sage gar nichts.«
»Nun, dann gehen wir jetzt ans Lernen.«
Diesmal war Felix gleich dabei und nahm rasch seine Tafel.
»Wir wollen heute nicht schreiben, sondern einen Spruch durchgehen,«
sprach Herr Baumann, »ich will dir ihn vorsagen: ›Ich bin der
allmächtige Gott, wandle vor mir und sei fromm.‹« Felix mußte ihn ein
paarmal nachsagen und konnte ihn bald.
»Der Spruch ist recht für _dich_ gemacht, Felix, weil du keine Eltern
mehr hast. Andere Kinder wandeln vor den Augen ihrer Eltern, die sind
Gottes Stellvertreter bei ihnen und sagen ihnen, was gut und böse ist.
Du aber mußt dich an Gott selbst halten, mußt immer daran denken,
daß er dich sieht und mußt nur tun, was Er sehen darf; dann wandelst
du vor ihm und wirst fromm und das war ja auch deiner lieben Mutter
Herzenswunsch.«
Felix war immer gleich bewegt, wenn der Lehrer von seiner Mutter
sprach, auch jetzt traten ihm Tränen in die Augen.
»Du mußt nie denken,« fuhr der Lehrer fort, »daß du etwas heimlich tun
könntest; der liebe Gott hört und sieht alles, er weiß auch alles, was
du _heute_ getan hast.«
Dem kleinen Felix schlug das Gewissen, ängstlich blickte er zum Lehrer
auf. Dieser zog ihn freundlich zu sich.
»Sieh mich nicht so ängstlich an,« sprach er gütig, »wenn man etwas
Ungeschicktes oder Böses getan hat und es ist einem nachher leid, dann
muß man's nur frischweg eingestehen und um Verzeihung bitten. O dann
vergibt der liebe Gott so gerne und die Menschen auch, und denke nur,
es steht sogar in der Bibel, daß sich dann die Engel im Himmel darüber
freuen.«
»Mein Mütterlein ist auch ein Engel im Himmel.«
»Dann freut sie sich auch mit, wenn ihr Felix etwas eingesteht und um
Verzeihung bittet.«
Herr Baumann schwieg. Er sah, wie des Knaben Herz bewegt war, wie es
mit sich selbst kämpfte -- aber das schwere Wort, das Geständnis, die
Bitte um Verzeihung wollte nicht über seine Lippen kommen.
»Ist es nicht so spät, daß ich muß nach Hause gehen?« fragte Felix.
Herr Baumann stand auf.
»Ja, du kannst gehen, aber im Heimweg sage dir den Spruch noch vor:
›Ich bin der allmächtige Gott, wandle vor mir und sei fromm.‹«
Felix ging. »Er bringt's nicht über sich,« sprach Herr Baumann betrübt
zu sich, »es ist ihm zu schwer!«
Am späten Abend, als die Sonne untergegangen war, ging der alte Lehrer
nach seiner Gewohnheit vors Städtchen spazieren, an dem Haus vorbei,
in dem der Schäfer-Hans wohnte, und weiter hinaus auf dem schmalen
Wiesenweg, der am Bach hinführte. Die Vögel sangen ihr Abendlied, die
Wiesen dufteten, der alte Herr freute sich heute wieder daran, wie
schon so manchmal seit fünfundzwanzig Jahren. In stillen Gedanken
ging er vor sich hin und ahnte nicht, daß eine kleine Gestalt in
schwarzem Samtanzüglein ihm schon lange folgte. Es war Felix. Seine
leisen Tritte waren auf dem Rasen kaum zu hören. Plötzlich griff er
mit seinem kleinen Händchen nach der Hand des Lehrers und sagte mit
ängstlicher Stimme: »Das Rohr von Herrn Stein, das habe ich zum Fenster
hinausgeworft!« und als nun Herr Baumann sich lebhaft zu ihm wandte, da
fügte er bittend hinzu: »Um Verzeihung bitte ich auch, und bitte, daß
Sie sich jetzt freuen, wie die Engel im Himmel!«
Und wirklich des alten Herrn Angesicht erglänzte vor Freude und eine
Träne schimmerte in seinem Auge.
»Ja, Felix, ich freue mich und der liebe Gott und die Engel im Himmel
freuen sich und wenn du's immer so machst, so kommst du in den Himmel,
und sieh nur dort hinauf, wie schön die goldenen Abendwolken glänzen
und wie schön mag's erst im Himmel selbst sein!«
Eine kleine Weile ging der Lehrer mit dem Knaben an der Hand still
vorwärts. Man hätte meinen können, er habe das Kind ganz vergessen,
denn er sprach kein Wort zu ihm. Aber von Zeit zu Zeit drückte er ihm
die Hand, und Felix verstand die stille Sprache; er fühlte, der Lehrer
war zufrieden mit ihm und das machte ihn glücklich, so glücklich, daß
er nimmer länger so stumm dahin gehen konnte. Er ließ plötzlich des
Lehrers Hand los, warf sein Mützchen hoch in die Luft und fing es
wieder, sprang über den Graben hinüber und herüber und machte ganz
erstaunliche Sprünge. Schließlich faßte er wieder ganz zutraulich des
Lehrers Hand, sang ein spanisches Liedchen vor sich hin und ging mit
ihm zurück ins Städtchen.
»Felix,« sagte nun Herr Baumann, »eingestanden hast du nun deinen
Streich und um Verzeihung gebeten hast du auch, nun mußt du aber noch
etwas tun, kannst du dir denken, was ich meine?«
»Ja, ich kann mir's denken, ich muß das Rohr wieder werfen hinein zum
Fenster.«
»Muß denn das Rohr durchaus durchs Fenster?« fragte lächelnd Herr
Baumann; »du könntest es wohl auch zur Türe hereinbringen.«
»Daran dachte ich nicht, ich werde es sogleich holen.«
»Ja, aber euer Schulzimmer ist geschlossen und Herr Stein ist nicht da,
du kannst es in mein Zimmer bringen.«
Damit war Felix einverstanden. Er huschte in den Hof, wo es schon
ziemlich dunkel war und kletterte wieder auf den Holzstoß. Das Rohr
war nicht bequem zu erlangen und es ging nicht so still ab, wie das
erstemal. Frau Semmelmeier, die alles sah und hörte, was vor sich
ging, streckte ihren Kopf in Herrn Baumanns Zimmer und flüsterte
geheimnisvoll:
»Er ist wieder drunten am Holz, der kleine Spanier, am Ende will er
auch _Ihr_ Rohr noch verstecken!«
»Nein, nein, Semmelmeierin, _holen_ will er das Rohr und mir _bringen_,
eingestanden hat er's und um Verzeihung gebeten!«
»Wahrhaftig, er bringt's schon die Treppe herauf!« rief die
Schuldienerin und verschwand.
»So, Felix,« sagte Herr Baumann, »jetzt ist's recht! Eingestehen, um
Verzeihung bitten und wieder gut machen, diese drei Stücke gehören
zusammen und machen das Unrecht wieder gut. Jetzt merke dir aber eines:
Künftig, wenn du irgend etwas _heimlich_ tun willst, wenn's dir auch
gar nicht schlimm vorkommt, so denke immer: ›Es wird wohl nicht recht
sein, sonst müßte ich's ja nicht _heimlich_ tun,‹ und dann laß es sein,
gelt mein Kind? Und nun gehe du heim, es ist schon spät!«
Felix ging. Draußen aber hörte er eine Stimme, die rief von der oberen
Treppe herunter: »Du, Kleiner, warte ein wenig!«
Felix konnte kaum mehr erkennen, daß es Frau Semmelmeier war, aber
er fühlte bald in seiner Hand eine gebackene Nudel, und mit einem
fröhlichen: »Schönen Dank, Madame Semmelmeier!« verließ er das
Schulhaus.
Siebentes Kapitel.
Gute Kameraden.
Am nächsten Morgen ließ Herr Baumann den jungen Lehrer während der
Freiviertelstunde zu sich in sein Zimmer kommen.
»Wie ist's mit dem kleinen Spanier?« fragte er ihn, »hat er sich schon
ein wenig mit den andern Kindern befreundet?«
»Sie haben alle ihren Spaß an ihm und bewundern seine Kunststücke, aber
außerdem ist ihnen seine Art doch zu fremd.«
»Ich möchte ihm einen recht guten Kameraden wünschen, ein aufrichtiges,
unverdorbenes Kind. Am besten wäre es, wenn einer mit ihm in die
Stunden zu mir käme; aber die besseren Schüler brauchen keine Stunden
und die schlechteren wollen keine, sind auch meistens sonst nicht viel
wert.«
Herr Stein dachte nach.
»_Einen_ wüßte ich, ein sonderbares Bürschlein. Er sieht mich die ganze
Zeit so aufmerksam an, als wollt' er mir jedes Wort vom Mund lesen und
schreibt seine Aufgaben so schön wie sonst keines; wenn ich ihn aber
etwas frage, so bringt er keinen ordentlichen Satz heraus, es ist der
Johann Zaiserling.«
»Ach so, der Schäfer-Hans, ja, der kleine Kerl sieht gutartig aus,
schicken Sie mir ihn doch nachher einmal herüber, ich will einmal mit
ihm reden. Und nun noch etwas, Herr Stein: hier ist Ihr Rohr, schonen
Sie es auch, daß Sie nicht so oft ein neues kaufen müssen, es sieht
schon recht abgeklopft aus!«
Der junge Lehrer nahm sein Rohr und ging. Er hat nie erfahren, daß das
Rohr den Weg von einem Schulzimmer ins andere durchs Fenster und über
den Holzstoß im Hof genommen hat.
»Komm heraus, Zaiserling, du sollst zu Herrn Baumann gehen,« rief Herr
Stein, als Hans nach der Pause sich eben wieder an seinen Platz gesetzt
hatte.
Hans trat vor, blieb aber an der ersten Bank, gerade neben Gretchen,
stehen und sah Herrn Stein fragend an.
»Nun, hast du's nicht verstanden? Du sollst zu Herrn Baumann gehen.«
»Wo?« fragte Hans.
Gretchen mußte lachen, als dies einzige Wörtlein so langsam und
ausgedehnt herauskam.
»Darf ich ihm zeigen, wo man zu Herrn Baumann geht?«
»Ja, es wird gut sein, wenn du ihn begleitest,« meinte Herr Stein.
So gingen die beiden miteinander bis an Herrn Baumanns Tür.
Hans wollte aufmachen.
»Halt, zuerst mußt du doch anklopfen,« mahnte Gretchen.
Von solchen Feinheiten hatte Hans noch nichts gewußt, er war aber
überzeugt, daß Gretchen alles viel besser verstand als er, und wollte
sogleich mit seinem kleinen Fäustchen an die Türe pumpern, als ihn
Gretchen gerade noch am Ärmel erwischte.
»So nicht,« rief sie ganz erschrocken, »bloß so mit dem Finger.«
Gretchen klopfte und als Herr Baumann »herein« gerufen hatte, schob sie
den Hans hinein und machte noch hinter ihm die Türe zu, denn er hätte
es doch nicht getan, dachte sie.
Nun stand Hans vor Herrn Baumann. Der fragte in seiner freundlichen
Weise nach der Großmutter, nach dem Vater und gab sich alle Mühe, etwas
aus dem schweigsamen Kind herauszubringen. Es war aber so wenig, daß er
bald merkte, auf diese Weise konnte man den Hans nicht kennen lernen.
Deshalb machte er's kurz und sagte: »Hans, du kannst alle Tage eine
Stunde mit dem Felix Acosta zu mir herauf kommen und bei mir lernen,
willst du?«
Das erschien dem Hans als eine unerhörte Ehre und Freude, er wurde
dunkelrot vor Erregung und sagte sehr deutlich: »Ich will.«
»Gut,« sprach Herr Baumann, »wenn ich an eurem Haus vorbeikomme, will
ich's deiner Großmutter sagen. Jetzt kannst du wieder gehen.«
Unter der Türe wandte sich der Hans nocheinmal um, sah mit leuchtenden
Augen den alten Lehrer an und sprach so recht von Herzen: »Vergelt's
Gott.«
Herr Baumann verstand, was für Glück und Dankbarkeit in diesen Worten
lag, die Hans wohl manchmal von seiner Großmutter hörte, und zufrieden
lächelnd sagte er bei sich: Es ist der rechte für den Felix.
Nach der Schule sagte Herr Baumann zu Felix: »Kennst du den Johannes
Zaiserling?«
»Ja, er ist der Kleinste und ist der Letzte, er hat den schlechtesten
Wams an und spricht kein einzig Wort.«
»Das lautet nicht, als ob er dem Felix sehr gefiele,« dachte Herr
Baumann bei sich, dann aber sprach er: »Ist er auch klein, so kann er
doch noch wachsen, ist er jetzt der Letzte, so kann er später der Erste
werden. Für den schlechten Wams kann er nichts, sein Vater ist gar arm
und woher sollte er sprechen lernen, er hat nur eine taube Großmutter,
seine Mutter ist lange schon tot.«
»O, hat er auch kein Mütterlein mehr?« fragte Felix voll Teilnahme.
»Nein, und ich habe gedacht, er könnte alle Tage mit dir in die Stunde
zu mir kommen, dann lernt er auch besser sprechen.«
»Ja, ja, er soll nur kommen, hat er kein Mütterlein mehr, so habe ich
ihn schon lieb, wir werden passen zusammen sehr gut.«
Am Abend, als Herr Baumann am Häuslein des Schäfers vorbei kam, trat er
in das kleine Stübchen. Die alte Frau erschrak, als er auf sie zu kam.
Schon einmal war er in diesem Haus gewesen, vor vielen Jahren war's,
aber die Großmutter wußte es noch gut. Damals war er gekommen, um sich
über den großen Bruder von Hans zu beklagen, der schlimme Streiche
gemacht hatte, und nun dachte sie nicht anders, als daß ihn wieder so
ein Grund herführe. Ängstlich blickte sie nach dem Hans. Der aber sah
gar nicht aus wie einer, der ein böses Gewissen hat, mit leuchtenden
Augen ging er auf den Lehrer zu und gab ihm die Hand.
»Hört die Großmutter gar nichts mehr?« fragte Herr Baumann.
»Nein.«
»So gib mir deine Tafel.«
Hans hatte sie schnell bei der Hand und ganz von selbst reichte er auch
der Großmutter die Brille.
Der Lehrer schrieb nun auf die Tafel, daß der Hans alle Tage mit einem
seiner Kameraden zu ihm in die Stunde kommen solle.
Die alte Frau war noch nicht ganz beruhigt. »Hält er sich gut in der
Schule?« fragte sie und sah ihn gespannt an.
Als aber der Lehrer nickte und dem Kleinen freundlich auf die Backen
klopfte, ging ein Freudenschimmer über das abgehärmte Gesicht und ganz
bewegt sagte die alte Frau: »Gott Lob und Dank, daß mein Sohn auch an
_einem_ Kind Freude erleben darf, er hat's noch nicht verschmerzt, daß
der Große schlecht geworden ist, und meint immer, der Kleine müsse auch
schlecht werden, noch keine Stunde hat er sich freuen können an ihm.«
Herr Baumann zog den Hans freundlich zu sich, sah in das offene,
treuherzige Kindergesicht, das jetzt bei der Großmutter Worten so ernst
drein blickte, und sagte: »Gelt, du wirst nicht schlecht?«
»Nein, ich nicht,« antwortete der Hans ganz bestimmt, obwohl er gar
nicht recht wußte, was er sich unter dem Schlechtwerden vorzustellen
hatte. Der Lehrer aber schrieb auf die Tafel: »Der wird nicht
schlecht!« und die Großmutter las es, glaubte es und war getrost.
Vom nächsten Tag an wanderten Haus und Felix täglich miteinander in
die Stunde. Bald wurden der lebhafte schwarze Spanier und der stille
blonde Deutsche unzertrennliche Freunde. Hans bewunderte seinen großen
Kameraden, der so munter und aufgeweckt war und ihm gar merkwürdige
Dinge von seinem früheren Leben erzählen konnte, und Felix liebte
seinen herzensguten kleinen Freund, der es gar treu mit ihm meinte und
ihn manchmal von einem übermütigen Streich zurückhielt.
So gewann einer durch den andern und niemand freute sich mehr darüber
als der alte treue Lehrer, dem seine zwei kleinen Schüler so am Herzen
lagen.
Achtes Kapitel.
Es geht geheimnisvoll zu.
Gretchen rannte von der Schule heim und stürmte so rasch die Treppe
hinauf, daß Lene, die eben den Vorplatz putzte, nur schnell ihren Kübel
beiseite schob, damit Gretchen nicht hineinpflumpfe, wie ihr das schon
einmal begegnet war.
»Was kann's wieder für eine Freude in der Schule gegeben haben?« dachte
sie bei sich. »Die Erste ist sie ja schon, höher hinauf kann man doch
nicht kommen!«
»Vakanz! Wir haben vier Wochen Vakanz und gar keine Aufgaben,« jubelte
ihr Gretchen nun zu und eilte dann mit der frohen Botschaft zur Mutter
ins Zimmer.
»Nun das ist freilich eine lange Ferienzeit,« meinte die Mutter, »ich
hätte aber nicht gedacht, daß du dich so darüber freust, du gehst doch
so gerne in die Schule!«
»Freilich, Mutter, aber du hättest nur hören sollen, wie alle Kinder
gejubelt haben, da _muß_ man sich freuen. Die Schule ist schön, aber
die Vakanz ist auch schön, _alles_ ist schön,« rief Gretchen in ihrer
glücklichen Stimmung.