Während der Hans schrieb, ging der Lehrer weiter zu den Mädchen. Bald

ertönte seine Stimme wieder.

»Was ist denn das für eine erbärmliche Schreiberei? Das sind ja gar

keine »i«; keins hat einen Punkt und die meisten haben nur zwei Striche

statt drei! Da seht einmal her,« und er hob die Tafel hoch in die Höhe,

daß alle Kinder die sonderbare Schreiberei sehen konnten. Das Mädchen,

das die schlechte Schrift geliefert hatte, saß neben des Apothekers

Emilie.

»Du hast gestern auch deine Sache so liederlich gemacht, du verdienst

nicht so weit vorn zu sitzen. Nimm deinen Ranzen und setz dich auf die

letzte Bank; Gretchen Reinwald, komm her und tausche mit ihr den Platz.«

»Ich?« rief Gretchen Reinwald ganz überrascht.

»Ja du, du paßt besser hieher.«

Da nahm Gretchen ihre Sachen zusammen und setzte sich neben Emilie,

die sehr vergnügt darüber schien. Auch die andern, die in der Nähe

saßen, freuten sich über diesen Tausch, denn sie wußten alle schon,

daß die kleine Reinwald eine immer lustige Kamerädin war und dabei so

gutherzig, daß keine neidisch war über ihr Vorrücken. Auch Gretchen

hätte sich gefreut, aber das Mädchen, das nun in die hinterste Bank

mußte, weinte gar bitterlich und das verdarb Gretchen die ganze Freude.

Jetzt kam der Hans heraus und hielt dem Lehrer seine Tafel hin.

»Wahrhaftig, du kannst!« rief der Lehrer, klopfte ihm freundlich auf

die Schulter und rief: »Seht, so müßt ihr's alle lernen, wie der

Zaiserling. Der kann's am besten.« Der Hans setzte sich ruhig wieder

hinten an seinen Platz. »Fibeln heraus!« befahl nun der Lehrer, und

jetzt ging's ans Lesen: im -- am -- mi -- ma; bei manchen ging es recht

langsam und es war den Kindern nicht übel zu nehmen, daß es ihnen

etwas langweilig vorkam und war auch kein Wunder, daß die sämtlichen

Köpfe sich neugierig erhoben und alle sich der Unterbrechung freuten,

als unverhofft die Türe aufging. Der alte Lehrer, Herr Baumann, trat

herein. Er kam aber nicht allein, er führte einen Knaben an der Hand,

der ganz anders aussah, als die Kinder des Städtchens. Er trug ein

schwarzes, mit Spitzen besetztes Samtanzüglein, das aus der Ferne sehr

schön aussah, in der Nähe konnte man freilich bemerken, daß es nimmer

ganz neu war. Als er ins Zimmer trat, nahm er sein Samtmützchen vom

Kopf, und unter diesem kam ein kohlschwarzes Haar zum Vorschein. Auch

die Augen, die aus dem schmalen, blassen Gesicht hervorglänzten, waren

ganz schwarz.

»Hier bring ich Ihnen einen neuen Schüler,« sprach Herr Baumann zu dem

jungen Lehrer; »es ist ein kleiner Spanier. Er heißt Felix Acosta.

Sein Vater war bei einem Zirkus angestellt und ist verunglückt. Seine

Mutter ist auch gestorben. Sie war aber von hier und man hat das Kind

nach ihrem Tod hierhergeschickt zu ihren Verwandten. Der Knabe ist zwar

schon neun Jahre alt, aber da er noch nicht in der Schule war, wird er

doch in der untersten Klasse anfangen müssen. Siehst du, Felix,« fügte

er hinzu, »das ist dein Lehrer, gib ihm die Hand.«

Der kleine Bursche reichte dem Lehrer die Rechte. Alle Kinder sahen

es und alle konnten bemerken, daß an dieser kleinen Hand der Daumen

fehlte. Herr Stein betrachtete aufmerksam die verstümmelte Hand.

»Da wird das Schreiben schwer gehen,« sagte er; »wie ist er wohl um

seinen Daumen gekommen?«

Herr Baumann wollte eben antworten, da trat der Junge einen Schritt

vor, so daß er frei dastand und ihn alle sehen konnten, dann sprach

er mit lauter Stimme und fremdartiger Aussprache: »Sie sehen, meine

verehrten Herrschaften, daß meine Hand hat verloren ihren Daumen. Vor

zwei Jahren bekam unsre afrikanische Löwin ein Junges. Gleich nach der

Geburt brachte mein Vater das junge Tier in einen besonderen Käfig und

führte mich zu demselben hinein. Ich war damals sieben Jahre alt. Man

legte das junge Tier, das ungefähr die Größe einer Katze hatte, in

meine Arme, man brachte mir Milch in einer Saugflasche, wie man sie

reicht den kleinen Kindern. Ich gab dem kleinen Löwen zu trinken, ich

streichelte ihn, ich liebkoste ihn, und er ließ sich's gefallen. Den

ganzen Tag waren wir beisammen, bloß nachts kam der kleine Löwe zu

seiner Alten. Es wurde nun in der Stadt bekannt gemacht, daß zu sehen

wäre ein siebenjähriger Knabe, der einen jungen Löwen füttert und mit

ihm spielt. Da kamen die Leute in solchen Haufen, daß jeden Tag alle

Plätze waren überfüllt und die Leute jubelten vor Vergnügen, wenn

ich gab dem kleinen Tier zu trinken, wenn ich mit ihm auf dem Boden

herumkugelte oder einen Ball rollen ließ, nach dem der kleine Löwe

sprang wie eine Katze. Wir waren damals in New-York, der größten Stadt

Amerikas, und wir nahmen ein soviel Geld wie nie vorher. So ging es

einige Wochen lang, dann trat ich wieder in den Käfig und viele hundert

Menschen klatschten mir Beifall. Ich nahm meinen Löwen, der nun schon

groß und stark wurde, und reichte ihm die Milch. Da plötzlich ließ er

sie los, schnappte nach meiner Hand, ein Biß, ein Riß -- und weg war

mein Daumen. Ich warf das Tier auf den Boden und tat einen Schrei.

Die Leute hörten es und sahen das Blut, das mir über die Hand strömte.

Sie entsetzten sich und die meisten eilten fort. Mein Vater aber trat

zu mir in den Käfig. Mit einer Lederpeitsche schlug er auf das kleine

Tier, daß es brüllte und die alte Löwin, die nebenan im Käfig war,

brüllte mit, daß alles erzitterte, und schlug gegen die Wand, die uns

trennte. Mein Vater aber trug mich hinaus und ich wurde verbunden. Als

nach drei Tagen das Wundfieber vorbei war, fragte man mich, ob ich

würde wagen, wieder zu dem kleinen Löwen zu gehen. Ich sagte »Ja«,

denn ich liebte meinen jungen Löwen und hatte ihm seine Grobheit schon

verziehen. Man ließ mir nun dicke lederne Fausthandschuhe bringen und

umwand mir beide Arme und beide Beine mit Seilen. Mit einer Peitsche

bewaffnet, trat ich morgens, ehe die Zuschauer kamen, zum erstenmal

wieder in den Käfig. Das kleine Tier schnappte gleich wieder nach mir

und wollte mich ins Bein beißen, doch da es auf die Stricke biß, ließ

es nach. Ich kugelte nun den Ball, wie ich sonst getan hatte, aber der

kleine Löwe sah nicht mehr auf den Ball, sondern biß auf meine Arme und

Hände.

»Peitsch ihn, peitsch ihn,« rief mir mein Vater zu. Ich schlug nach

dem Tier, da verkroch es sich in die Ecke. Ich bückte mich nun, um den

Ball wieder zu holen. Da fuhr es auf mich los und hielt mich mit seinen

Klauen fest, daß ich mich kaum losmachen konnte. Ich war bald erschöpft

und verließ den Käfig. Noch dreimal versuchte ich in den nächsten

Tagen das Tier zu bändigen, aber seine Zähne und Klauen wurden täglich

stärker, sie drangen zwischen den Seilen hindurch, mit denen ich

umwickelt war, und verwundeten mich. So mußte ich es aufgeben und ist

dies ein Beweis, daß ein wildes Tier sich nicht zähmen läßt von einem

Kinde. Es gehört dazu ein erwachsener Mensch, der durch seine hohe

Gestalt und durch seinen durchdringenden Blick das Tier in der Furcht

erhält.

Auf diese Weise, meine verehrten Herrschaften, bin ich um meinen Daumen

gekommen. Doch habe ich um so besser gelernt, meine andern Finger zu

gebrauchen, und wenn Sie mir wollen Geldstücke zuwerfen, so werden Sie

sehen, daß ich sie werde auffangen sehr geschickt mit vier Fingern und

wird nicht eines zu Boden fallen.«

In sprachlosem Erstaunen hatten Lehrer und Kinder dieser langen Rede

gelauscht. Nun hielt der kleine Mann inne, streckte sein verstümmeltes

Händchen aus und schien erstaunt, daß ihm niemand ein Geldstück zuwarf;

hatte er doch seit zwei Jahren fast täglich diesen Vortrag vor den

Besuchern des Zirkus gehalten, und eine hohe Geldsumme eingebracht

durch die kleinen Gaben, die ihm am Schluß zugeworfen wurden.

»Ja, mein kleiner Felix Acosta,« sagte Herr Baumann, »hier streckst

du deine Hand vergeblich aus; wir sind jetzt nicht im Zirkus, sondern

in der Schule; weil du uns aber alles so schön erzählt hast, so will

ich heute nach der Nachmittagsschule wieder herüberkommen und einige

Geldmünzen mitbringen, damit du uns deine Kunst zeigen kannst. Jetzt

aber setze dich ruhig zu den Kindern und Sie, Herr Stein, müssen eben

sehen, was Sie dem Kleinen beibringen können.«

»Er scheint ja ganz aufgeweckt,« sprach der Lehrer, »und ist ja auch

schon älter als die andern Kinder; aber mit dem Schreiben wird es

schwer gehen.«

»O, Sie werden sehen, daß es wird gehen sehr gut, ich kann mit meinen

vier Fingern mehr als andere mit fünf.«

Der Lehrer lachte.

»Er hat eine gute Meinung von sich selbst; nun, wir werden schon sehen.«

Herr Baumann verließ nun das Zimmer.

»Macht Platz in der ersten Bank!« rief Herr Stein.

Die Knaben rückten schnell zusammen. Wer hätte nicht gerne einen

kleinen Löwenbändiger neben sich sitzen lassen!

»Kannst du schon lesen?« fragte Herr Stein.

»Ich kann spanisch lesen und ein wenig englisch, aber kein deutsch.«

»Nun, so sieh einstweilen deinem Nachbar ins Buch, du wirst's bald

lernen.«

Bald war alles wieder in der Schule in gewohntem Gang und der

schwarzhaarige Spanier verhielt sich ganz ruhig zwischen seinen blonden

deutschen Kameraden. Nach der Schule aber drängte sich alles wieder um

den interessanten Fremdling, besonders der Hans ging halb bewundernd

halb scheu um ihn herum. Wie man so eine lange Rede halten konnte, war

ihm ganz unfaßlich. Im ganzen Jahre hatte er wohl noch nicht so viel

Worte gesprochen, als dieser kleine Fremde heute morgen.

Auch Gretchen war voll Bewunderung und während des Mittagessens

wiederholte sie den Eltern die ganze Erzählung des kleinen Spaniers.

Fast hätte sie darüber vergessen, daß sie noch etwas Wichtiges zu

berichten hatte. Sie war ja in die zweite Bank vorgerückt! Sie selbst

hatte sich nicht besonders darüber gefreut und so schien es auch den

Eltern zu gehen.

»Wenn du einmal wegen deines _Fleißes_ vorrückst, dann will ich mich

herzlich darüber freuen,« sagte der Vater, »so aber sehe ich gar nicht

ein, warum gerade du den Vorteil davon haben mußt, daß eine andere ihre

Sache schlecht macht.«

»Ich seh' es auch nicht ein,« sagte Gretchen gutmütig, »überhaupt, wenn

das so ist, daß man nur vorwärts kommt, wenn eine andere rückwärts

kommt, dann kann man sich eigentlich nicht darüber freuen. Aber

der Lene muß ich's erzählen, das ist etwas für die.« -- Gretchen

sprang hinaus in die Küche und dort wurde ihre Neuigkeit ganz anders

aufgenommen.

»So, jetzt glaub' ich's erst, daß euer Lehrer etwas Rechtes ist. Am

Sonntag, wenn ich zu meinen Leuten heim gehe, bringe ich dir einen

Busch Maiblumen und Waldmeister mit, den darfst du deinem Lehrer

schenken.«

»Dem Lehrer? Lieber der, die jetzt auf der letzten Bank an meinem Platz

sitzen muß!« meinte Gretchen.

»Die wird's nicht verdienen, aber ich bringe dir genug für beide.«

Inzwischen sagte der Vater zur Mutter: »Das Kind wird uns in der Schule

verwöhnt, sie kommt vorwärts, ohne daß sie sich Mühe gibt.«

»Ja,« sagte die Mutter, »ich hätte ihr nicht so viel voraus lehren

sollen, es wird ihr nun gar zu leicht und der Lehrer ist zu nachsichtig

gegen sie. Macht sie etwas flüchtig oder vergißt sie es ganz, so droht

er ihr nur und straft sie nie.«

»Ja, ja, es geht ihr zu gut; früher oder später wird sie's büßen

müssen!«

Mit ein paar Pfennigen in der Tasche, die ihr die Eltern gegeben

hatten, um den kleinen Künstler damit zu erfreuen, sprang Gretchen

fröhlich in die Nachmittagsschule. Auf der Treppe traf sie den Hans.

»Du,« sagte sie zu ihm, »spitz mir meinen Griffel auch einmal so fein

mit deinem Brunnentrog.«

»Gib her!«

Gretchen hatte mehrere im Vorrat, die waren alle stumpf, denn Gretchen

spitzte sie nicht gerne und vergaß es auch meistens. So übergab sie

Hans gleich drei auf einmal und von da an sorgte Hans getreulich dafür,

daß Gretchens Griffel im Stande waren.

Der Lehrer und alle Kinder waren versammelt, der Unterricht hatte

begonnen, aber der Held des Tages, Felix Acosta, fehlte noch. Ein

unzufriedenes Gemurmel ging durch die Reihen der Schulkinder: »Der

kommt gar nicht.« Aber er kam doch.

»Warum so spät?« fragte der Lehrer.

»Ich wußte nicht, daß Ihre Vorstellung beginnt so bald,« sprach der

Kleine. Der Lehrer lachte.

»Ja,« sagte er, »bei mir beginnt die Vorstellung Punkt zwei Uhr, nur

heißt man das gewöhnlich nicht Vorstellung, sondern Schule.«

Felix hatte sich inzwischen an seinen Platz gesetzt und seine Tafel

vor sich gelegt, wie er es von den andern sah. Der Lehrer machte ihm

Striche vor.

»Nun probier einmal, auch solche Striche zu machen,« sagte er.

Felix faßte den Griffel ganz geschickt mit dem zweiten und dritten

Finger und die Striche wurden nicht schlechter, als bei den andern

Kindern.

»Es wird gehen,« sagte der Lehrer befriedigt.

Pünktlich um vier Uhr trat Herr Baumann ins Zimmer und rief den Kindern

freundlich zu: »So, nun packt eure Sachen zusammen, dann wollen wir

sehen, was unser kleiner Künstler kann!«

Nun gab es ein großes Gepolter und merkwürdig schnell verschwanden

diesmal die Tafeln und Federkästchen in den Ranzen; dann ward alles

still -- erwartungsvoll blickte die Schuljugend auf Felix Acosta.

Dieser stellte sich nun an die Türe, während Herr Baumann ihm gegenüber

ans Fenster trat.

»Nun zeige, was du kannst,« rief er und warf dem Kleinen eine

Kupfermünze zu. Herr Baumann hatte nicht weit genug geworfen, die

Entfernung war groß und die Münze flog bloß über die Hälfte des

Zimmers. Aber blitzschnell war ihr Felix entgegengesprungen und fing

sie glücklich in seiner kleinen, verstümmelten Hand auf.

»Bravo, bravo,« riefen die beiden Lehrer, und Felix stellte sich wieder

an die Türe.

»Nun will ich stärker werfen,« rief Herr Baumann und warf nocheinmal in

einem weiten Bogen. Diesmal flog das Geldstück bis an die Türe, schlug

an dieser an und prallte wieder ab, aber niemand hörte es fallen.

»Wo ist das Geldstück?« fragte der Lehrer.

»Hier,« antwortete Felix ganz ruhig und zeigte die Münze in seiner

Hand. Er hatte sich so wenig bewegt, daß man gar nicht bemerkt hatte,

wie er sie, von der Türe weg, aufgefaßt hatte.

»Nun probieren Sie's einmal,« sagte Herr Baumann zu dem jungen Lehrer.

Dieser stellte sich an den Katheder, um von dort aus zu werfen. Er hob

den Arm hoch und tat, als ob er sein Geldstück in alle Weite werfen

wollte, warf es aber dann nur ganz leicht vor sich in die Höhe. Aber

Felix Acosta hatte seine List gleich durchschaut, denn all dies war ihm

schon gar oft vorgekommen. Mit einem Satz war er am Katheder und kam

gerade noch recht, um die Münze aufzufangen. Nun war allgemeiner lauter

Jubel bei den Kindern und ohne lange zu fragen, warf Gretchen aufs

geratewohl ihre beiden Pfennige auf ein Mal dem Künstler zu. Dieser

war aber auch an _solche_ Überraschungen gewöhnt; er hatte sogleich mit

jeder Hand einen der Pfennige gefaßt und reichte nun einen der beiden

Gretchen wieder hin: »Dies gilt nicht, weil ich es habe gefangen mit

der _linken_ Hand. Wenn aber das kleine Fräulein so gütig sein will und

noch einmal werfen, ich werde es fangen mit der Rechten.«

Gretchen lachte laut, es war doch auch zu komisch, von einem

Schulkameraden als »kleines Fräulein« angeredet zu werden. Sie nahm

das Geldstück noch einmal und dachte, voll Mutwillen, es hinter sich

zu werfen, mitten unter die Schulbänke, dann konnte es Felix doch

sicher nicht fangen; aber sie brachte es doch nicht über sich, ihm

den Spaß zu verderben, und warf nun den Pfennig so gut wie möglich,

so daß es wirklich keine Kunst für Felix war, ihn zu fangen. Er hatte

auch offenbar ihre freundliche Absicht bemerkt, denn nachdem er die

Münze ergriffen hatte, stellte er sich vor Gretchen hin, spielte mit

dem Geldstück wie mit einem Ball, indem er es in die Höhe warf und so

oft es herunterkam, gleich wieder hinaufschlug, so daß alle Kinder ihm

staunend zujubelten.

Nun aber machte Herr Baumann der Lust ein Ende.

»Jetzt ist's genug,« sprach er. »Wir haben nun schon gesehen, wie nett

du deine Sache kannst, das verstehst du besser als wir alle. Es gibt

aber noch andere nützliche Dinge zu lernen und ich will sehen, ob du

dich zu diesen auch so geschickt anstellst! Du kannst nach der Schule

alle Tage zu mir kommen, bis du soviel kannst, wie die andern Kinder.«

Zum großen Bedauern aller Kinder wurde ihnen nun Felix Acosta entführt,

Herr Baumann nahm ihn mit sich hinauf in sein Zimmer. Dort rückte er

einen Stuhl an den Tisch und sagte: »So, nun setze dich her, kleiner

Mann, und nimm deine Fibel.«

Während Felix sein Buch herrichtete, sprach der alte Lehrer: »Weißt du,

daß auch deine Mutter schon zu mir in die Schule gegangen ist?«

Bei diesen Worten hob der Kleine lebhaft den Kopf: »Zu Ihnen? gerade so

wie ich?« rief er verwundert.

»Jawohl, acht Jahre lang ist sie in dieses Schulhaus gekommen, ich kann

mich ihrer wohl noch erinnern, sie war ein liebes, schönes Mädchen.«

»O mein Mütterlein, mein lieb, lieb Mütterlein, nur für ein einziges

kleines Stündlein möchte ich sie wieder haben!« rief in plötzlich

erwachender Sehnsucht das arme Kind und brach in bittere Tränen

aus. Der Lehrer war ganz bestürzt; er hatte nicht gewußt, daß dies

Kinderherz noch ganz von der Trauer um die kürzlich verstorbene Mutter

erfüllt war. Er ließ den Kleinen weinen und suchte ihn nicht zu trösten.

»Es ist vielleicht gut, wenn er sein Heimweh einmal recht ausweint,«

dachte er und ging im Zimmer auf und ab; so oft er aber an dem Knaben

vorbeikam, strich er ihm freundlich über das dunkle Lockenhaar.

Endlich, als er merkte, daß das Schluchzen nachließ, sagte er: »Deine

Mutter hat vor ihrem Tode selbst noch gebeten, daß man dich hieher

schickt, nicht wahr?«

»Ja, ja; sie selbst wollte schon kommen nach Deutschland, als mein

Vater gestorben war, aber der Herr hat sie nicht gehen lassen; er

wollte auch _mich_ behalten, aber er hat meiner Mutter auf ihrem

Totenbett versprechen müssen, daß er mich hieher schickt.«

»Und weißt du auch, warum sie es so gewünscht hat?«

»O ja, sie hat es mir oft gesagt: Du sollst nicht so ein Leben führen,

wie diese Leute im Zirkus, du sollst in meine Heimat, dort werden sie

dich zu einem frommen, rechtschaffenen Mann erziehen.«

»Ja, das werden sie, liebes Kind! Wenn du nur selbst willst und der

liebe Gott seinen Segen dazu gibt, so soll deiner Mutter Wunsch in

Erfüllung gehen!«

Von diesem Tag an nahm sich der alte Lehrer treulich des kleinen

Fremdlings an und suchte das Herz des armen Waisenknaben seinem

himmlischen Vater zuzuführen.

Sechstes Kapitel.

Wo ist das Rohr?

»Heute könnt ihr euren Spruch schlecht,« rief der Lehrer, »nun sagt

ihn noch einmal alle zusammen her, und wer ihn dann nicht _allein_

kann, der soll's fühlen!« Bei diesen Worten schwang Herr Stein ganz

unheimlich sein Rohr. Alle Kinder sagten nun im Chor den Spruch her:

»Bittet, so wird euch gegeben, suchet, so werdet ihr finden, klopfet

an, so wird euch aufgetan.«

»So, nun jedes allein, und daß sich keines einfallen läßt, dem andern

einzusagen!« Jetzt wurde es ganz stille im Zimmer. Mit Herrn Stein war

heute nicht zu spaßen, das merkten alle; dazu war's ohnedies heute so

schwül im Schulzimmer, die Junisonne stach zwischen den Wolken hindurch.

Die Mädchen mußten mit dem Hersagen anfangen. Gleich auf der ersten

Bank blieb eine in ihrem Spruch stecken. Gretchen bemerkte ihre Not,

vergaß des Lehrers Verbot und flüsterte der kleinen Kamerädin ein Wort

zu, da wußte diese wieder weiter.

»Eine hat eingesagt,« sprach Herr Stein, »wer war's?«

Niemand antwortete. Die neben Gretchen saßen, wußten es wohl, wollten

sie aber nicht verraten.

»Ich will wissen, wer's war!« wiederholte der Lehrer und hob drohend

sein Rohr. Nun stand Gretchen selbst auf und sagte tief errötend: »Ich

war's.«

Alle Kinder sahen gespannt auf den Lehrer. Dieser aber ließ langsam

sein Rohr sinken und sprach: »Diesmal will ich dir's noch hingehen

lassen, weil du's selbst eingestanden hast, das nächste Mal aber kann

ich dir's nimmer nachsehen! Jetzt, weiter!«

Nun kam die kleine Emilie von Apothekers an die Reihe. Sie hatte daheim

ihren Spruch gut gekonnt, jetzt aber war sie ängstlich und verwirrt

und blieb stecken. Der Lehrer behielt Gretchen scharf im Auge. Er sah

ihr wohl an, wie gerne sie eingesagt hätte. Als nun aber Gretchen auf

der einen Seite des Lehrers strengen, drohenden Blick sah und auf der

andern Seite die arme kleine Emilie, mit Tränen in den Augen, die sie

mit einem einzigen Wort aus ihrer Not hätte befreien können, hielt sie

sich nimmer, sondern rief laut: »Aber da _muß_ man doch einsagen, da

_kann_ man doch gar nicht anders!«

»So? Meinst du?« sagte Herr Stein, »nun dann will ich's so einrichten,

daß man anders kann: Wer jetzt stecken bleibt, bekommt bloß _eines_

auf die Hand, wer sich aber einsagen läßt, der bekommt _zwei_. So, nun

kannst du einsagen soviel du willst!«

Emilie hatte inzwischen Zeit gehabt, sich zu besinnen und sagte ihren

Spruch fehlerlos her. Bald aber kam wieder eine an die Reihe, die die

drei Teile des Spruches durcheinander brachte. Gretchen war nun still,

auch von den andern hatte keine Lust einzuflüstern und so gab's eben

Strafe und der nächsten ging es auch nicht besser, eine wurde durch die

andere verwirrt, der Lehrer wurde immer zorniger, das Rohr fiel immer

öfter nieder und lautes Weinen wurde immer allgemeiner. So ungemütlich

wie heute war es noch gar nie in der Schule gewesen.

Aber nun ging die Türe auf und der alte Lehrer trat ein.

»Was singt denn ihr heute für Klagelieder, ihr Kleinen?« fragte er.

»Man hört euch ja bis hinüber in mein Schulzimmer!«

Herr Stein legte sein Rohr ab und ging auf Herrn Baumann zu.

»So dumm und so faul wie heute sind sie noch gar nie gewesen,« sagte

Herr Stein, »da ist kaum eine, die ihren Spruch kann!«

»Ei, ei, was ist's denn für ein Spruch?«

Herr Stein nannte ihn und fügte hinzu: »Bald fangen sie mit ›Suchet‹

an, bald mit ›Klopfet an‹, alles bringen sie durcheinander, es ist zum

Verzweifeln!«

»Was, den schönen Spruch könnt ihr nicht lernen? Das glaube ich gar

nicht! Den haben schon viele hundert Kinder bei mir gelernt und ihr

bringt's auch zustande. Aber zuerst laßt nur ein wenig Luft herein, du,

Felix, zieh den Rouleau hinauf und mache das Fenster auf und nun hört

mir einmal zu!«

Felix war an das Fenster getreten und wollte den Rouleau hinaufziehen.

Dieser blieb aber am obern Fensterflügel stecken. Da nahm Felix, wie

er's schon oft von Herrn Stein gesehen hatte, das Rohr vom Pult weg

und half mit diesem nach. Dann öffnete er das Fenster. Als er das

unglückselige Rohr, das heute schon so viele Tränen verursacht hatte,

in seinen Händen hielt, fuhr ihm wie ein Blitz ein Gedanke durch den

Sinn. Er sah sich um -- aller Blicke waren auf Herrn Baumann gerichtet,

niemand achtete auf ihn -- da ließ er ganz sachte das Rohr zum Fenster

hinausgleiten. Er hörte es drunten im Schulhof auf den Holzstoß

auffallen, der dort an der Mauer aufgeschichtet war.

»So, du tust uns heute nimmer weh,« dachte er bei sich und setzte sich

an seinen Platz.

Die Kinder hatten sich durch des alten Lehrers Zuspruch wieder beruhigt.

»Nun merkt euch recht: Zuerst kommt das _Bitten_, dann das _Suchen_ und

zuletzt das _Anklopfen_. Könnt ihr's wohl jetzt, wer will's probieren

und allein hersagen?« fragte er. Eine ganze Anzahl Händchen fuhr in die

Höhe und einmal um das andere wurde der Spruch ohne Fehler hergesagt;

dadurch lernten ihn auch die ungeschickteren und zuletzt konnten ihn

alle.

»So ist's recht,« sagte Herr Baumann »und weil ich euch nun geholfen

habe, singt ihr mir gewiß auch noch gerne ein schönes Lied. Fangt

einmal an ›Kuckuck, Kuckuck, ruft's aus dem Wald‹.«

Herr Stein nahm seine Violine zur Hand, der Gesang begann und

unvermerkt hatte Herr Baumann wieder das Zimmer verlassen.

Beim zweiten Vers legte Herr Stein seine Violine weg, die Kinder

sollten ohne Begleitung weiter singen. Während sie aber sangen, ging

Herr Stein um sein Pult herum, sah bald da, bald dorthin, es war

deutlich zu sehen, daß er etwas vermißte. Keines von den Kindern

bemerkte das so schnell wie Felix, der wußte gleich: Der Lehrer sucht

sein Rohr. Sein Herz klopfte gewaltig. Es konnte doch eines der vielen

Kinder gesehen haben, wie er das Rohr genommen und zum Fenster hinaus

geworfen hatte.

Das erste Schuljahr: Eine Erzählung für Kinder von 7-12 Jahren · 第 2 / 9 段