Endlich ging aber auch dieser glückliche Tag zu Ende. Als Gr

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Das erste Schuljahr.

Eine Erzählung für Kinder von 7--12 Jahren.

Von

Agnes Sapper.

Zweite Auflage.

[Illustration]

Stuttgart.

Verlag von D. Gundert.

Inhalt.

Seite

1. Was im Wochenblatt steht 3

2. Der erste Schultag 7

3. Der Hans 16

4. »Es ist immer so« 19

5. Felix Acosta 28

6. Wo ist das Rohr? 38

7. Gute Kameraden 49

8. Es geht geheimnisvoll zu 53

9. Eine wichtige Neuigkeit 58

10. Der Abschied 65

11. Aller Anfang ist schwer 76

12. Ein böser Verdacht 94

13. Fräulein Treppners Hund 110

14. Belohnter Fleiß 116

15. Die alte Heimat 121

Erstes Kapitel.

Was im Wochenblatt steht.

»Ei der tausend, da steht ja etwas im Wochenblatt, was mein Gretchen

angeht!« sprach Herr Reinwald zu seiner kleinen Tochter, die neben ihm

am Tisch saß und mit farbigen Würfeln spielte, während der Vater die

Zeitung las.

»O Vater, du machst nur Spaß,« antwortete Gretchen und sah ungläubig,

aber doch neugierig zum Vater auf.

»Nun hör einmal selbst, wenn du's nicht glaubst,« erwiderte der Vater,

und langsam und deutlich las er vor:

»Am 1. März vormittags 11 Uhr sind diejenigen Kinder, die bis dahin das

siebente Lebensjahr zurückgelegt haben, zur Schule anzumelden. Dies

wird allen Eltern und Vormündern, insbesondere auch den Eltern von

Gretchen Reinwald, zur Kenntnis gebracht.«

Mit größter Aufmerksamkeit hatte Gretchen zugehört und als ihr eigener

Name kam, war sie dunkelrot geworden. Als aber der Vater die Zeitung

weglegte, hatte er ein so eigentümliches Lächeln um den Mund, daß

Gretchen dachte, am Ende sei doch alles nur Spaß -- man wußte nämlich

nie recht, wie man in solchen Dingen mit dem Vater daran war. Da mußte

die Mutter zur Hilfe kommen.

Gretchen sprang hinaus in die Küche, wo die Mutter eben mit der Lene

Beratung hielt, denn morgen war Fastnacht und da sollten Küchlein

gebacken werden.

»Mutter, komm doch herein, aber schnell, bitte, es steht ja etwas im

Wochenblatt von _mir_!«

»Von _dir_?« riefen die Mutter und Lene gleich sehr erstaunt.

»Ja, der Vater sagt's, o sieh doch auch in die Zeitung!« und Gretchen

zog die Mutter ganz ungestüm ins Zimmer. Fragend sah die Mutter den

Vater an, dieser reichte ihr lächelnd das Blatt und wies auf eine

Stelle.

»Ja, ja, das geht freilich dich an,« sagte die Mutter, nachdem sie

gelesen hatte, »am 1. März müssen wir dich zur Schule anmelden!«

»Nun, glaubst du's jetzt?« fragte der Vater. »Nicht wahr, da steht's

deutlich: insbesondere auch den Eltern von Gretchen Reinwald.« Die

Mutter lachte. »Unsern _Namen_ kann ich gerade nicht sehen, aber

jedenfalls gehört Gretchen Reinwald zu den Kindern, die da gemeint

sind.«

»Gelt, Vater, _ganz_ wahr ist's doch nicht gewesen, das hab' ich dir

gleich angesehen!«

»Sieh, darum ist's gut, wenn du bald selbst lesen lernst, dann kann ich

dich gar nimmer anführen.«

»Wann ist der 1. März?« wollte nun Gretchen wissen.

»Wenn noch zwei Wochen vorüber sind.«

Ganz nachdenklich räumte Gretchen die Würfel weg, mit denen sie

gespielt hatte. Sie hatten auf einmal kein Interesse mehr für sie. Es

kamen ihr ganz neue Gedanken. Wie würde es wohl in der Schule sein?

Wenn nur die nächsten zwei Wochen schon vorbei wären. Sie erschienen

aber unserm Gretchen ganz ungewöhnlich lang, doch endlich kam der Tag,

an dem der Vater verkündigte: »Heute ist die Anmeldung!«

Es war ein ganz kleines Städtchen, in dem Herr Reinwald als Beamter mit

seiner Familie lebte; aber es war doch eine große Anzahl Schulkinder,

die an jenem 1. März den gleichen Gang mit Gretchen machten. Es gab

eben nur eine einzige Schule und in dieser waren Knaben und Mädchen

beisammen.

Das Schulhaus war ganz nahe bei Herrn Reinwalds Hause, und es kam

Gretchen ganz sonderbar vor, daß sie Hut und Mantel anziehen sollte für

die wenigen Schritte, die sie auf der Straße zu gehen hatte. Sprang

sie doch sonst durchs ganze Städtchen, ohne etwas anzuziehen; aber die

Mutter sagte: »Das ist ein wichtiger Gang, zu dem muß man sich auch

ordentlich herrichten.« Und so ließ es Gretchen geduldig geschehen,

daß Lene noch einmal mit der Bürste über den Mantel fuhr, der doch

schon vorher ganz rein war, und die Stiefel fester schnürte, die doch

nicht offen standen. Mit dem ersten Schlag 11 Uhr ging Gretchen mit der

Mutter zum Haus hinaus und blieb ganz sittsam an ihrer Hand, obwohl die

schönste Schleife neben der Straße herlief und fast unwiderstehlich

zum Schleifen einlud. Mit dem elften Schlag standen sie schon vor dem

Schulhaus.

»Sieh, Mutter, da kommt unsere Wäscherin mit ihrer Marie, die wird

heute auch angemeldet, und den Franz von unserm Holzhacker habe ich

schon vorhin hineingehen sehen. Das ist mir so recht, daß ich so viele

gute Bekannte treffe.«

Gretchen stieg nun mit der Mutter die Schultreppe hinauf, und als sie

oben ankamen, trat der Holzhacker mit seinem Franz schon wieder zur

Türe heraus. Im Vorbeigehen sagte der Franz leise zu Gretchen: »_Ich_

bin schon angemeldet, aber du noch nicht,« und Gretchen fand es ganz

natürlich, daß Franz jetzt stolz auf sie herabblicke.

In dem großen Schulzimmer, in das sie nun eintraten, stand am Katheder

ein älterer Mann. Gretchen wußte schon: das war Herr Baumann, der

Schullehrer. Neben ihm saß an einem Tischchen ein junger Mann und

schrieb. Herr Baumann grüßte Gretchens Mutter. Er kannte sie wohl.

»So, so, Ihre Kleine kommt auch schon an die Reihe,« sagte er und

streckte Gretchen freundlich seine große Hand hin, in der ihre kleine

Hand ganz verschwand.

»Wie heißt du denn?« fragte er.

»Gretchen,« antwortete sie.

Nun wandte er sich an den jungen Mann.

»Schreiben Sie: Margarete Reinwald.«

»Weißt du auch, wann du geboren bist?«

»An meinem Geburtstag,« antwortete Gretchen.

»Den weiß ich eben nicht, das ist der Fehler!« sagte der alte Herr

freundlich. Die Mutter aber, die bemerkte, daß schon mehrere Väter

und Mütter mit ihren Kindern warteten, beeilte sich nun, das Nötige

anzugeben. Als sie fertig waren, sagte der junge Mann zu Gretchen: »Am

10. April morgens um 9 Uhr hast du zum erstenmal zu mir zu kommen.«

Daran merkte Gretchen, daß dies der Lehrer für die Kleinen war. Herr

Stein war sein Name. Als sie eben weggingen, trat ein kleiner Bursche

vor in einem recht verflickten Jäckchen. Er kam ganz allein, während

doch alle andern Kinder von Vater oder Mutter begleitet waren.

»Sieh doch, Mutter, der kommt ganz allein,« flüsterte Gretchen. Die

Mutter bemerkte den Kleinen nun auch. Er war ärmlich gekleidet, sah

aber kräftig und rotbackig aus und blickte mit großen blauen Augen

treuherzig um sich.

»Wer bist du?« fragte ihn der Lehrer.

»Des Schäfers Hans,« war die Antwort.

»Warum ist niemand mit dir gekommen?«

Hans antwortete nicht, aber er zog ein zerknittertes Blättchen aus

seinem Wams und reichte es dem Lehrer. Dieser studierte eine Weile

daran und sagte dann:

»Ich will's gelten lassen. Daß du mir aber am 10. April in die Schule

kommst! Sonst geht's schlecht.«

»Ich komm' schon,« antwortete der Kleine zuversichtlich, und trabte

ganz wohlgemut wieder zur Türe hinaus.

Als Gretchen mit der Mutter die Treppe hinunterging, begegnete sie der

Frau Apotheker. Die führte eben ihre kleine Emilie herauf.

»Sieh, sieh,« sagte die Frau Apotheker erfreut, »da kommt ja Gretchen

schon herunter und sieht ganz vergnügt aus. Meine Emilie hat so Angst,«

sagte sie zu Frau Reinwald, »sie ist ein gar schüchternes Dinglein; ich

will nur sehen, wie es ihr in der Schule geht.«

»Es wird sich bald machen,« tröstete Frau Reinwald, und Gretchen

flüsterte der Kleinen zu:

»Darfst keine Angst haben, man darf gleich wieder fort.« Die Kleine

ging aber doch mit Herzklopfen hinauf, während Gretchen gar fröhlich

die Treppe heruntersprang, der Mutter Hand losließ und sich wieder

sorglos auf ihrer Schleife tummelte -- bis jetzt war ja alles so gut

gegangen!

Zweites Kapitel.

Der erste Schultag.

Gretchen lehnte an der Haustüre und sah der Lene zu, die eben die

messingene Türschnalle schön blank putzte.

»Morgen ist Ostern und wenn dann noch ein Sonntag vorbei ist, geht die

Schule an; weißt du das auch schon, Lene?« fragte Gretchen.

»Daß morgen Ostern ist, kann ich wohl merken, denn deswegen hab' ich

so viel zu putzen, und daß du dann in die Schule kommst, ist mir schon

recht, dann bist du doch aufgehoben und mir nicht immer im Weg.«

Gretchen merkte, daß Lene wieder in ihrer Samstagsstimmung war; da ließ

sich nie gut mit ihr plaudern. So ging sie vors Haus, um sich nach

besserer Unterhaltung umzuschauen. Da erblickte sie den Vater, der eben

heimkam, und sprang ihm vergnügt entgegen.

»Vater, hast du auch schon dran gedacht, daß morgen Ostern ist und ich

schon so bald in die Schule komme?«

»Ja, ja,« sagte der Vater freundlich, »ich habe es schon dem Osterhasen

gesagt, damit er auch passende Ostereier für mein Schulkind legt.«

»Passen denn die gewöhnlichen Ostereier nicht?«

»Natürlich nicht; den Kindern, die in die Schule kommen, legt er

viereckige Eier. Hast du das noch nicht gewußt?«

»Nein, und ich glaub's auch nicht,« sagte Gretchen. Vater und Tochter

waren inzwischen miteinander ins Haus gegangen und fanden die Mutter

im Wohnzimmer, wo sie eben die frischgewaschenen Vorhänge an den

Fenstern aufgemacht hatte. Alles sah dort schon rein und festtäglich

aus. Gretchen war nun sehr begierig auf ihre Ostereier und als am

Ostersonntag die Eltern aus der Kirche heimkamen, sprang sie ihnen voll

Erwartung entgegen.

»Wo legt der Has?« fragte sie, »im Garten?«

»Nein, da ist alles noch naß vom Regen.«

»Also im Zimmer. Soll ich gleich draußen bleiben?«

»Meinetwegen,« sagte der Vater und ging mit der Mutter hinein, während

sich Gretchen in der Küche umschaute. Lene schälte gerade Kartoffeln

zum Salat; sie sah heute auch festtäglich aus mit ihrer frischen weißen

Kochschürze, und daß sie guter Laune war, durfte Gretchen gleich

erfahren, denn sie bekam einen frischen Kartoffelschnitz. Sie hatte ihn

kaum verzehrt, als ihr auch die Mutter schon rief und nun fing Gretchen

an, nach ihrem Hasen zu suchen. Als sie den Deckel vom Holzkasten

aufschlug, der neben dem Ofen stand, sah sie etwas darin -- viereckig

und groß: ein wunderschöner Schulranzen war es, mit dunkelgrünem Plüsch

überzogen und silbern glänzten daraus hervor die zwei Anfangsbuchstaben

von Gretchens Namen. Ganz entzückt nahm Gretchen den Ranzen heraus,

lief jubelnd damit auf die Eltern zu und dankte ihnen. Unter dem Ranzen

war eine Tafel und ein Federkästchen gelegen.

»Die will ich gleich in den Ranzen packen,« sagte Gretchen und machte

ihn auf; er war aber ganz angefüllt mit Moos und in diesem steckten

allerhand Häschen und Eier.

Das war nun ein glücklicher Ostertag für Gretchen und als nach Tisch

die Sonne so schön schien, huckelte sie ihren Ranzen auf und ging ganz

stolz mit ihm im Garten hin und her spazieren.

Durch den Zaun bemerkte sie bald einen kleinen Buben, der neugierig

hereinsah, und als sie näher trat, merkte sie, daß es ein künftiger

Schulkamerad von ihr war, nämlich des Schäfers Hans, der bei der

Anmeldung ganz allein gekommen war.

»Hast du auch schon einen Ranzen?« fragte ihn Gretchen.

»Den alten von meinem Bruder,« antwortete der Hans.

»Und einen Federkasten?« Der Hans schüttelte den Kopf.

»Ich hab' heut einen bekommen und auch Eier und Hasen. Du auch?«

Der Hans schüttelte wieder nur den Kopf.

»Legt bei dir der Has so spät?«

»Er legt gar nicht.«

»Gar nicht?« wiederholte Gretchen erstaunt und sah den Hans ganz

mitleidig an.

»O dann bekommst du von _meinen_ Eiern! Wart nur, ich komme gleich

wieder!« Und hinauf sprang sie so eilig, wie wenn zu fürchten wäre,

daß der Hans ihr durchginge, und der dachte doch gar nicht daran. Er

hätte wohl noch eine Stunde gewartet. Droben in einem Körbchen lagen

Gretchens Eier und Hasen. Sie nahm davon in ihr Schürzchen, ohne lang

zu wählen, und sprang wieder hinunter in den Garten. Durch den Zaun

reichte sie nun dem Hans ein Stück nach dem andern und der Hans schob

alles ein, bis die Taschen in seinem Wams und in seinen Hosen ganz

eckig herausstanden. Sein ganzes Gesicht strahlte vor Vergnügen, als

er mit seinen Schätzen heimging. So ein reiches Ostern hatte er wohl

noch nie erlebt! Gretchen aber sprang wieder lustig im Garten herum, wo

schon die ersten Veilchen blühten, und jubelte vor sich hin: »In die

Schul', in die Schul', ich hab' ja schon den Ranzen!«

Am Abend bemerkte die Mutter die große Lücke in Gretchens Hasenkorb und

erfuhr auf ihre Fragen, wohin alles gekommen war.

»Du hättest mich vorher fragen sollen,« sagte sie zu Gretchen.

»Ist dir's denn nicht recht, daß ich dem Schäferhans etwas gegeben

habe?«

»O ja, ich gönne es ihm, er ist gewiß ein armer Tropf; aber du sollst

mich immer vorher fragen, ehe du etwas hergibst.«

»Ja, das will ich,« sagte Gretchen und nun nahm sie ihren schönen

Ranzen und ordnete ihn wieder; er wurde aber noch so manchesmal aus-

und eingepackt, bis endlich der große Tag gekommen war, der erste

Schultag.

Gretchen saß mit den Eltern beim Frühstück.

»Nun bin ich nur begierig, was du uns heute Mittag alles erzählen

kannst,« sagte die Mutter, »wie es dir gefallen hat und neben wem du

sitzst.«

»Neben wem ich sitze, das habe ich mir schon ausgedacht,« antwortete

Gretchen, »ich setze mich ganz vornhin auf die erste Bank und neben

mich muß auf die eine Seite Apothekers Emilie und auf die andere Seite

der Schäfer-Hans.«

»Ja,« sagte der Vater, »so wird's; sowie du in die Schule kommst, sagt

der Lehrer: ›Bitte, Fräulein Gretchen, suchen Sie sich den besten Platz

aus und befehlen Sie, wer neben Ihnen sitzen soll.‹« Gretchen verstand

gleich, was der Vater meinte.

»Darf man sich denn nicht hinsetzen, wo man will?« fragte sie.

»Nein, mein Kind,« sagte der Vater, und er sah nun ganz ernst aus: »In

der Schule darf man weder sitzen noch stehen, weder kommen noch gehen,

wie man will, sondern man muß sich immerfort und in allem nach dem

Lehrer richten. Merke du dir das recht, dann wirst du eine glückliche

Schulzeit haben; und nun muß ich fort; leb' wohl, mein Schulkind.«

Der Vater ging und auch die Mutter verließ das Zimmer. Gretchen war

ganz ernst geworden; die Worte des Vaters gefielen ihr nur halb.

Schon eine gute Weile stand sie nachdenklich am Fenster, dann ertönte

Glockengeläute von der Kirche und Lene kam herein.

»Gretchen, bist du fertig? es läutet schon.«

In dem Städtchen Föhrenheim, in dem die Familie Reinwald lebte, ist es

Sitte, daß die Kinder, ehe sie zum erstenmal in die Schule gehen, von

ihren Eltern in die Kirche geführt werden, und so machte sich nun auch

Frau Reinwald mit Gretchen auf den Weg. Lene sah ihnen vom Fenster aus

nach und sagte vor sich hin: »Es ist ein großes Kind, unser Gretchen,

und ein schönes Kind und ein gescheites Kind; es werden nicht viele

solche in die Schule kommen. Gewiß wird sie die Erste.« Mit diesem

stolzen Gefühl verließ Lene das Fenster.

In der Kirche sammelten sich nach und nach die kleinen Knaben und

Mädchen mit ihren Vätern oder Müttern. Auch der Schäfer-Hans war

diesmal nicht allein, ein altes Großmütterchen begleitete ihn.

Nun sprach der Pfarrer gar freundlich und herzlich zu den Kindern.

Gretchen horchte aufmerksam zu und verstand alles, was er sagte.

Zum Schluß wurde noch ein Lied gesungen, ein Gebet gesprochen, dann

verließen die Kinder das Gotteshaus und wurden wieder von Vater oder

Mutter geleitet, aber nur noch bis zur _Türe_ des Schulhauses. Dort

trennten sich die Eltern von den Kindern und die Treppe hinauf ging's

nun schon allein.

Gretchen hatte keine Angst: sie sprang lustig hinauf mit der ganzen

Schar der neuen Schulkameraden und bald wuselte alles unruhig

durcheinander in dem großen Schulzimmer. Der alte Lehrer war auch da

und sprach noch ein paar Worte mit dem jungen Lehrer. Dann verließ er

das Zimmer. Herr Stein nahm nun ein Lineal und klopfte mit diesem so

stark auf den Katheder, daß alle Kinder erschraken und es plötzlich

ganz stille wurde im Zimmer.

»Nun wird eines nach dem andern beim Namen gerufen und wer gerufen

wird, kommt zu mir her; die andern aber sind ganz stille,« befahl Herr

Stein und rief sofort den ersten Namen: »Franz Abenheim«.

Des Holzhackers Franz trat vor.

»Sieh, du wirst der Erste, weil dein Name mit A anfängt; wir wollen

sehen, wie lange du auf dem ersten Platz bleibst!« Jetzt kam der Berger

und so ging's fort, bis alle Knaben ihren Platz hatten und nur der

Schäfer-Hans noch dastand. Nun rief der Lehrer: »Johannes Zaiserling«.

Da trat der Schäfer-Hans vor und setzte sich an den letzten leeren

Platz. Das konnte Gretchen nicht mitansehen.

»Der heißt ja gar nicht so,« sagte sie, »der heißt Schäfer-Hans.« Sie

wußte nicht, daß der Vater des Hans ein Schäfer war, aber Zaiserling

hieß. Der Lehrer lachte, aber er drohte dabei mit dem Finger und

mahnte: »Warte du, bis du gefragt wirst,« und der Schäfer-Hans kam auf

den letzten Platz. Nun kam die Reihe an die Mädchen. Eine Bank nach

der andern füllte sich und immer stand unser Gretchen noch außen. Ihr

Gesichtchen wurde immer länger und trübseliger, denn sie fand es gar

nicht nett, daß sie so weit hinten sitzen sollte. Nun war nur noch die

letzte Bank frei. Da ertönte endlich der Ruf: »Margarete Reinwald«.

Der Lehrer führte sie selbst an ihren Platz und sagte freundlich zu

ihr: »Nur munter, du wirst bald weiter hinaufkommen.«

Neben sie kam Luise Seiz zu sitzen, ein ärmlich gekleidetes Mädchen,

und nachdem noch drei weitere Mädchen ihren Platz in der letzten Bank

gefunden hatten, waren alle Bänke voll und alle Kinder aufgehoben.

»Wißt ihr jetzt alle eure Plätze?« fragte der Lehrer und alle Kinder

riefen zumal: »Ja«; aber es klang bei vielen nicht wie »Ja«, sondern

wie »Jo«.

»In der Schule sagt man nicht ›Jo‹, da sagt man ›Ja‹; ruft alle: ›Ja‹.«

Nun klang das »Ja« schon besser, aber dem Lehrer noch nicht schön genug.

»Noch einmal ›Ja‹,« und nun riefen alle, so hell sie nur konnten: »Ja«.

»So, jetzt habt ihr schon etwas gelernt,« sagte der Lehrer, »und nun

schlägt's auch schon 10 Uhr, jetzt dürft ihr alle eine Viertelstunde

hinunterspringen und euer Brot essen, und wenn es Viertel schlägt,

kommt ihr wieder herauf und jedes setzt sich an seinen Platz.«

Lustig stürmte die Schar der Kleinen hinaus und hinunter auf den freien

Platz vor dem Schulhaus. Die meisten Kinder hatten ein Stück Brot bei

sich. Gretchen aber, die keines mitgebracht hatte, wußte sich schon zu

helfen: sie wohnte ja so nahe. Sie sprang nur nach Hause.

»Schon wieder da?« fragte Lene ganz verwundert, als Gretchen

heraufstürmte und »Ja, kommst du schon wieder?« rief ebenso erstaunt

die Mutter, denn sie hatte schon Gretchens Schritte auf der Treppe

erkannt.

»Ja, ich möchte mir nur schnell ein Stück Brot holen, ich muß gleich

wieder fort,« rief Gretchen, die von dem raschen Lauf noch ganz atemlos

war. Lene brachte schnell den Brotlaib herbei, die Mutter schnitt ein

Stück herunter, Gretchen nahm es, rannte wieder davon und rief noch von

der Treppe herauf: »Heut Mittag erzähl' ich alles, es ist wunderschön

in der Schule!« und fort war sie wie der Sausewind. Die Mutter aber

lachte und sagte zu Lene:

»Nun, der Anfang ist wenigstens nicht zu streng, wenn jetzt schon

Freiviertelstunde ist!« und sie ging ins Zimmer, setzte sich an den

Nähtisch und dachte: »Wie still ist's doch, wenn das Kind nicht da ist«

und Lene, die eben »Flädle« zur Suppe backte, legte eines beiseite und

sagte sich: »Das muß ich doch unserm Schulkind aufheben.«

Mit dem Schlag Viertel fanden sich die kleinen Abc-Schützen wieder

in ihrem Schulzimmer ein. Die meisten Kinder fanden gar schnell ihr

Plätzchen wieder, nur einzelne kannten sich nicht gleich aus und unter

diesen war auch Apothekers kleine, ängstliche Emilie. Als Gretchen

schon am Platz saß, stand das schüchterne Kind noch zweifelnd da, seine

Augen füllten sich mit Tränen und es sah ratlos umher. Schnell begriff

Gretchen Emiliens Verlegenheit. Sie sprang noch einmal auf und wollte

auf Emilie zugehen. Der Lehrer aber sah dies, klopfte mit dem Lineal

auf den Pult und rief laut: »Jedes bleibt an seinem Platz.«

»Ich gehe gleich wieder hinein,« antwortete Gretchen ungeniert, huschte

schnell zu Emilie hin und führte sie an ihre Bank. Der Lehrer hatte

begriffen, warum Gretchen nicht augenblicklich folgte, und ließ sie

gewähren; die kleine Emilie faßte aber von diesem Tag an ein großes

Zutrauen zu Gretchen und wandte sich in allen Nöten an sie.

Die Kinder mußten nun ihre Tafeln nehmen und gerade Striche machen

lernen; dies war schon eine ernste Arbeit und sie hatte vielleicht eine

Viertelstunde gedauert, als mitten unter den Knaben sich einer erhob,

seine Tafel in den Ranzen schob und sich anschickte, die Schule zu

verlassen.

»Wohin, wohin?« fragte der Lehrer erstaunt und alle Kinder sahen auf

den Kleinen. Es war Artur, der Sohn des Doktors.

»Ich gehe jetzt heim,« erklärte der Kleine.

»Halt,« sprach der Lehrer, »so geht das nicht, jetzt ist die Schule

noch nicht aus.«

Aber Artur ließ sich nicht so schnelle irre machen.

»Meine Mama hat gesagt, ich soll mich nicht so lang aufhalten,«

erwiderte er und ging fest auf die Türe zu. Ehe er sich's aber versah,

war der Lehrer neben ihm, hob ihn mitsamt seinem Ranzen hoch in die

Luft und über die Köpfe der andern hinweg wieder an seinen Platz.

»So,« sagte der Lehrer, »da bleibst du jetzt, bis _alle_ gehen. Deine

Mama hat wohl nur gemeint, du sollst dich auf dem Heimweg nicht lange

aufhalten. Frage sie nur, ob man aus der Schule laufen darf, wann's

einem beliebt.«

So mußte denn der kleine Artur noch einmal seine Tafel auspacken

und standhalten, bis nach einer weiteren halben Stunde der Lehrer

verkündigte: »Jetzt ist die Schule aus und heute nachmittag machen wir

einen Spaziergang miteinander und suchen Schlüsselblumen auf der Wiese!«

Unter lautem Jubel verließ nun die ganze Schar das Schulhaus und in die

verschiedensten Häuser des Städtchens wurde nun die fröhliche Kunde

von dem versprochenen Spaziergang gebracht. Am Abend aber standen in

allen Häusern der kleinen Schulkinder größere oder kleinere Sträuße von

Schlüsselblumen; nur unser Gretchen war mit leeren Händen heimgekommen.

»Hast du denn keine Blumen gefunden?« fragte die Mutter.

»O ja, doch, aber ich habe die meinigen den andern Kindern geschenkt.«

»Aber warum denn, sie haben doch gewiß selbst welche gefunden?«

»O freilich, manche haben ganze große Büsche, aber ich habe ihnen die

meinigen noch dazugegeben. Ich möchte nur immer alles verschenken!«

»Hör, Gretchen, du bist eine kleine Verschwenderin. Wenn die andern

selbst haben, was sie brauchen, so mußt du deine Sachen nicht an sie

verschleudern.«

»O Mama, du schenkst doch auch so oft etwas den Armen, warum darf ich's

denn nicht tun?«

»Weil du noch nicht weißt, wo es nottut zu geben und was die Armen

brauchen. Sei du nur sonst immer recht gut gegen die armen Kinder, und

wenn du siehst, an was es ihnen fehlt, dann erzähle mir's nur immer;

soweit wir können, wollen wir ihnen helfen.«

»Und darf ich ihnen dann etwas schenken?«

»Gewiß; aber nie ungefragt; nicht wahr? Merke dir das.«

Gretchen versprach es. Aber im nächsten Augenblick hatte sie es wieder

vergessen über dem vielen, was sie heute erlebt und zu erzählen hatte.

Die Mutter mußte natürlich alles wissen und dann kam die Lene an die

Reihe. Die hatte in der Küche eine kleine Wäsche zu waschen, das war

gar geschickt, da mußte sie so fest an ihrem Waschzuber bleiben und

alles geduldig anhören. Sie tat's aber auch heute ganz gerne. Dann,

als der Vater zum Abendessen kam, fand Gretchen noch einmal einen

freundlichen Zuhörer. Ja, als es ½8 Uhr war und die Mutter, wie jeden

Abend, mahnte: »Kind, es ist Zeit ins Bett zu gehen,« sagte der Vater

ganz leise zu Gretchen:

»Frag' einmal die Mutter, ob sie nicht weiß, daß Schulkinder immer bis

acht Uhr aufbleiben dürfen?« Gretchen fragte gar nicht lange, sondern

jubelte gleich darüber, daß sie künftig eine halbe Stunde länger

aufbleiben sollte. Sie wußte schon, wenn der Vater etwas erlaubte,

sagte die Mutter niemals nein.

Endlich ging aber auch dieser glückliche Tag zu Ende. Als Gretchen

im Bett lag und ihr Gebetchen gesprochen hatte, sagte die Mutter

freundlich: »Gute Nacht, mein Schulkind«; »Gute Nacht, Mutter,« rief

Gretchen, »ich freue mich schon wieder auf die Schule morgen.«

Auch die Eltern freuten sich mit ihrem Kind und es war nur _eine_

Person im Hause, die nicht zufrieden war, und das war Lene. Als die

Mutter spät noch in die Küche kam, um den Kaffee für den nächsten Tag

herauszugeben, hielt Lene mit dem Stiefelwichsen inne und sagte:

»Das hätt' ich aber doch nicht für möglich gehalten, daß man unser

Gretchen auf die _letzte_ Bank setzen würde; das muß ein ganz

verkehrter Lehrer sein, der so etwas tun kann, wenn der was Rechtes

wäre, so hätte er auf den ersten Blick gesehen, daß unser Gretchen

_vorn_ hingehört.«

»Aber Lene,« sagte Frau Reinwald, ganz erstaunt über den Sturm, der da

losbrach, »die Kinder sind ja nach dem ABC gesetzt worden und da kommt

eben das ›R‹ weit hinten.«

»Das hat mir Gretchen wohl gesagt, aber es geht doch nicht mit rechten

Dingen zu; es kommen doch noch acht Buchstaben nach dem ›R‹ und sitzen

nur noch vier Kinder hinter ihr.«

»Nun ja, es gibt eben gerade keine Kinder mit diesen Anfangsbuchstaben;

du wirst auch nicht viel Namen wissen, die mit ›X‹ oder ›Y‹ anfangen.«

»Aber der Bürstenmacher Zahn hat doch acht Kinder und beim Kaufmann

Ulrich gibt's ein ganzes Rudel Mädchen, aber natürlich in diesem Jahr

kommt gerade keins in die Schule!« Bei diesen Worten nahm Lene ihre

Schuhbürste wieder und ließ ihren ganzen Zorn an Gretchens Stiefelchen

aus, daß dieses über und über glänzte.

»Nun, Lene,« beruhigte Frau Reinwald, »bald wird Gretchen einmal

heimkommen und verkündigen, daß sie nimmer auf der letzten Bank sitzt,

und das ist dann schon angenehmer, als wenn sie jetzt die erste wäre

und hinunterrücken müßte.«

Mit diesem Trost gab sich endlich auch Lene zufrieden.

Drittes Kapitel.

Der Hans.

Der Hans war am Nachmittag zuallererst mit seinen Schlüsselblumen

heimgekommen, denn der Spaziergang führte an seinem Haus vorbei. Er

wohnte ganz am Ende des Städtchens, in einem einzelstehenden Häuschen,

das seinem Vater, dem Schäfer Zaiserling, gehörte. Das Häuschen sah

elend genug aus und war sehr klein, aber doch groß genug, denn es

wohnte nur der Schäfer darin mit seiner alten Mutter und dem Hans. Der

Hans hatte seine Mutter nie gekannt, sie war schon lange tot, einen

älteren Bruder hatte der Hans, der war aber in Amerika; der Vater war

jedes Jahr vom April bis Oktober mit den Schafen auf der Weide. Auch im

Winter war er oft die ganze Woche auswärts. Die Großmutter war taub und

weil sie schon so lange nicht mehr hörte, was sie sprach, so hatte sie

sich das Sprechen fast ganz abgewöhnt. Auch der Hans sprach fast nie;

mit wem hätte er auch reden sollen? aber durch allerlei Zeichen konnte

er sich schon mit seiner Großmutter verständigen.

Als der Hans heute heimkam, saß die Großmutter am Fenster und flickte.

Der Hans legte seinen Strauß Schlüsselblumen vor die Großmutter hin;

dann ging er eifrig auf die Bank zu, die am Ofen stand; dort lag sein

Schulranzen, neben den setzte er sich und fing an mit dem Zipfel seiner

Jacke daran zu reiben und zu putzen, bis das alte Leder wieder glänzte.

Dann nahm er die Tafel heraus und machte sich daran, Striche darauf zu

zeichnen, wie er es am Morgen in der Schule gelernt hatte. Als er die

Seite ganz voll hatte, sah er sie prüfend an, dann löschte er alles

wieder aus und fing langsam und sorgfältig noch einmal von vorn an.

Erst als es dunkel wurde, legte er die Tafel weg, wetzte draußen am

Brunnentrog seinen Griffel, bis er spitzig war wie ein Spieß und dann

setzte er sich wieder neben seinen Ranzen und dachte an die Schule.

Auf einmal sagte er laut vor sich hin: »Ja« und wieder »ja« und immer

wieder »ja!« Wer ihn gehört hätte, der hätte wohl gedacht, er sei nicht

recht bei Sinnen, aber das war er doch; ihm war wieder eingefallen, daß

der Lehrer heute morgen gesagt hatte, man müsse »ja« sagen und nicht

»jo«, das war dem Hans etwas ganz Neues gewesen und so sagte er denn

»ja« und immer heller »ja« und freute sich daran, wie andere Kinder,

wenn sie ein schönes Lied singen lernen. Inzwischen war es dunkel

geworden im Zimmer, denn ein Licht zündete die Großmutter nur im Winter

an. Von Georgi an wurde es gespart. Wenn man nichts mehr sah, so legte

man sich ins Bett. So war's Sitte im Schäferhaus. Bis jetzt hatte der

Hans noch nichts von einem Abendgebet gewußt; heute aber, als er in

seinem Bettlein lag, kam die Großmutter noch einmal her zu ihm, legte

ihre alten, zitternden Hände zusammen und sagte mit ihrer leisen,

eintönigen Stimme: »So hat dein Vater gebetet als Kind:

Herr, hilf, daß ich als treuer Knecht

Dir dienen möge fromm und recht

Mit heil'gem Ernst und Streben.

Laß nützen mich die flücht'ge Zeit,

Bald kommt die ernste Ewigkeit,

Hilf mir zum ew'gen Leben.«

Der Hans horchte begierig. Es kam ihm gar selten vor, daß er etwas

Neues zu hören bekam. Nie hatte ihn jemand einen Spruch oder ein

Lied gelehrt. Heute aber hatte die Großmutter bemerkt, wie der Hans

von seiner Schule erfüllt war und da war ihr wohl aus ihrer eigenen,

längst vergangenen Schulzeit das Gebet wieder eingefallen. Als sie es

hergesagt hatte und wieder weg wollte, hielt der Hans sie fest.

»Willst du's noch einmal hören?« fragte die Großmutter, und als der

Hans nickte, fing sie den Vers wieder an und der Hans sprach ihn mit.

Als sie fertig waren, griff er gleich wieder nach den Händen der

Großmutter und sie merkte, daß er das Gebet auswendig lernen wollte. Da

setzte sie sich auf den Rand seines Bettes und sagte es ihm geduldig

vor, bis der Hans endlich seinen Finger auf ihren Mund legte -- er

wollte es allein probieren. Die Großmutter hörte nichts und sah im

Dunkeln kaum mehr, wie sich seine Lippen bewegten, aber sie sollte bald

merken, daß er das Lied konnte, denn in seiner Freude zog er ihren

Kopf herunter zu sich und gab seiner alten Großmutter einen Kuß, was

ihm früher noch nie eingefallen war, dann schob er sie sanft weg, zum

Zeichen, daß er sie nimmer brauche. Von diesem Tag an betete Hans jeden

Abend seinen Vers und je länger er in die Schule ging, um so besser

verstand er die schönen Worte.

Viertes Kapitel.

»Es ist immer so!«

»Kaum acht Tage bist du in der Schule und schon ist deine Tafel

zersprungen! Auf einer solchen Tafel kann man nicht schreiben lernen,

morgen bringst du eine neue Tafel mit, sonst geht's dir schlecht;

verstehst du?«

So sprach der Lehrer eines Morgens zu der kleinen Luise Seiz, die neben

Gretchen saß. Am nächsten Tag aber, als die Kinder ihre Tafeln vor sich

hinlegten, damit der Lehrer ihre Aufgabe ansehen konnte, hatte Luise

noch dieselbe zersprungene Tafel. Gretchen bemerkte dies sogleich,

deutete mit dem Finger auf die Sprünge und sah Luise ganz besorgt und

fragend an. Diese sagte kein Wort. Der Lehrer ging von einer Bank zur

andern und kam endlich an die letzte.

»Muß ich wieder die zerbrochene Tafel sehen?« rief er die Kleine

ärgerlich an; »hab' ich dir nicht gesagt, du sollst eine neue

mitbringen?« Dabei nahm er ihre Tafel, brach die losen Stücke vollends

auseinander, so daß sie klirrend auf den Boden fielen und nur noch ein

kleines Stück im Rahmen stecken blieb.

»Nun wirst du wohl bis heute nachmittag eine neue bringen, denk'

ich.« Der Lehrer ging weiter, die Kleine aber hob die Trümmer der

zerbrochenen Tafel auf und weinte so schmerzlich, daß es jedermann

erbarmen mußte, nicht nur unser warmherziges Gretchen, das neben ihr

saß. Aber der Lehrer beachtete es nicht, er war an die Wandtafel

getreten und schrieb dort schön und deutlich, daß es alle lesen

konnten, ein »i« vor.

»Heute sollt ihr den ersten Buchstaben schreiben lernen,« sprach er,

»ihr habt lange genug Striche gemacht, jetzt kommt das »i« an die

Reihe.«

Hurtig fuhr Gretchens Griffel über ihre Tafel, für sie war das »i«

nichts Neues mehr, sie hatte schon bei der Mutter alle Buchstaben

schreiben gelernt. Als sie sah, daß Luise vor Weinen gar nicht

schreiben konnte, sagte sie leise zu ihr:

»Komm', ich schreib dir's,« und bedeckte nun sorgfältig das kleine

dreieckige Stück Schiefer, das noch im Rahmen geblieben war, mit

möglichst schönen »i«. Daß aber Luise trotzdem noch weinte, konnte sie

nicht recht begreifen, und als die Freiviertelstunde kam und die Kinder

vor's Schulhaus hinuntersprangen, nahm sie Luise beiseite und fragte

sie, warum sie denn keine neue Tafel mitgebracht habe.

»Ich bekomme keine, auch morgen nicht,« sagte Luise ganz verzweifelt;

»mein Vater hat gesagt, er könne mir jetzt keine kaufen.«

»Aber wenn's der Lehrer will, _muß_ dir dein Vater doch eine neue

kaufen,« meinte Gretchen.

Aber Luise schüttelte den Kopf. »Es ist kein Geld mehr da. Erst am

Samstag bekommt der Vater seinen Lohn. O, der Lehrer wird mich alle

Tage schlagen,« klagte Luise schluchzend.

Diesen Jammer konnte Gretchen nicht mitanhören. Sie besann sich nicht

lange, lief schnell hinauf ins Schulzimmer, holte ihre eigene Tafel,

gab sie der kleinen Unglücklichen und sagte:

»Da, ich schenke dir meine, wir haben Geld, wir können eine neue

kaufen.«

Nun hättet ihr aber sehen sollen, wie es plötzlich auf dem kleinen,

tränenüberströmten Gesicht aufleuchtete, wie wenn die Sonne unter

dichtem Gewölk hervorbricht, so verbreitete sich ein Schimmer von

Glückseligkeit auf diesem Kindergesicht.

»Ist's auch dein Ernst?« fragte Luise noch zweifelnd, und als Gretchen

dies fröhlich bejahte, drückte sie die neue Tafel fest an sich und trug

sie sorgfältig, damit sie ihr gewiß nicht hinunterfalle und zerbreche,

wie die erste.

Als die Freiviertelstunde aus war, erzählte der Lehrer eine biblische

Geschichte. Da war unter allen Kindern keines, das so gespannt auf

jedes Wort hörte, wie der Schäfer-Hans. Ihm war das alles ganz neu.

Überhaupt hatte ihm noch nie im Leben jemand eine Geschichte erzählt.

Der Lehrer bemerkte wohl, daß dieser Schüler keinen Blick von ihm

verwandte, wenn er ihn aber etwas fragte, so brachte der Kleine doch

keine Antwort heraus, so daß sich der Lehrer wunderte, denn er wußte

nicht, wie wenig der Hans im Reden geübt war und wie stumm es bei ihm

zu Hause zuging. Da war Gretchen schon anders. Die war immer flink mit

Red und Antwort bei der Hand. Nur heute schien sie nicht recht bei der

Sache. Mit Schrecken war ihr eingefallen, daß die Mutter ihr verboten

hatte, ungefragt etwas zu verschenken und nun hatte sie's doch getan!

Was würde die Mutter sagen! Wenn ihr nur Luise die Tafel noch einmal

zurückgäbe, bis sie um Erlaubnis gefragt hätte.

Als die Schule vorüber war, ging Gretchen mit Luise die Treppe hinunter

und sagte zu ihr: »Gibst du mir nicht meine Tafel noch einmal? du

bekommst sie schon heute Nachmittag wieder, aber weißt du, es ist mir

eingefallen, daß ich vorher die Mutter fragen muß.«

Luise nahm augenblicklich die Tafel wieder aus ihrem Ranzen, sah zu,

wie Gretchen diese in den ihrigen schob und sagte ganz ergeben: »Ich

hab' mir's schon gedacht.«

»Was hast du dir gedacht?«

»Daß es nicht dein Ernst ist.«

»Freilich ist's mein Ernst, ich frage gleich die Mutter, ich weiß ganz

gewiß, daß sie's erlaubt.«

Luise schüttelte ungläubig den Kopf.

»Es ist immer so,« sagte sie und ging fort. Gretchen aber konnte es

nicht ertragen, daß sie so traurig war und lief ihr nach.

»_Was_ ist immer so?« fragte sie.

»Daß man einem etwas verspricht, und daß es dann nicht wahr ist.«

»Aber bei mir ist's nicht so.«

»Gerade so hat neulich des Müllers Mariechen gesagt, wie ich ihren Ball

aus dem Brunnenloch geholt habe. Sie hat mir einen Apfel versprochen

und hat mir doch keinen gegeben; und am Sonntag da habe ich unserer

Nachbarin ihre kleinen Buben gehütet und einer hat mir die Schürze

zerrissen. Sie hat gesagt, ich soll nicht weinen; sie gehe selbst zum

Vater und sage ihm, daß ich nichts dafür könne und eine neue Schürze

wolle sie mir auch geben. Aber sie ist nicht zum Vater gekommen, sie

hat keine Zeit gehabt und den Stoff hat sie nicht gefunden, aus dem sie

mir eine Schürze hat machen wollen. Es ist immer so.«

»Aber bei uns ist's _nicht_ so!« rief Gretchen, »du wirst's schon

sehen,« und nun lief sie eiligst heim, denn sie hatte sich schon zu

lange bei Luise aufgehalten.

»Mach schnell, daß du hineinkommst,« sagte Lene, »die Suppe steht schon

auf dem Tisch, du kommst zu spät.«

Das Tischgebet war wirklich schon gesprochen und der Vater sah

ärgerlich auf Gretchen, die vom raschen Lauf ganz erhitzt aussah und

die sich nun, ganz erfüllt von ihrer Angelegenheit, ohne Entschuldigung

an den Tisch setzte und sofort begann:

»Mutter, nicht wahr, ich darf meine Tafel der Luise Seiz schenken, sie

hat die ihrige zerbrochen.«

»Da dürfen wir viele Tafeln kaufen,« sagte die Mutter, »wenn du immer

deine hergeben willst, so oft eines von den fünfzig Schulkindern die

seinige zerbricht.«

»O Mutter, laß mich's doch,« sagte Gretchen gleich so stürmisch und

dringend, daß der Vater ärgerlich rief: »Was soll denn das wieder für

eine Torheit sein! Seine Schultafel, die man selbst braucht, verschenkt

man nicht. Davon kann keine Rede sein.«

Gretchen war so bestürzt, daß sie in Tränen ausbrach, was ihr nur sehr

selten passierte, denn schon als ganz kleines Mädchen war sie immer

hinausgeschickt worden, wenn sie weinte, und so sagte der Vater auch

jetzt: »Geweint wird _draußen_, das weißt du. Willst du also im Zimmer

bleiben, so sei still.« Mit Mühe gelang es Gretchen, ihre Tränen zu

unterdrücken, und es war ihr fast unmöglich, etwas zu essen, und als

die Mutter mitleidig sie auf andere Gedanken bringen wollte und sagte:

»Denke nur, unsere Katze hat Junge bekommen,« konnte Gretchen keinen

Laut von sich geben; es wären sonst wieder Tränen gekommen.

Das Essen war kaum vorbei, als Gretchen auch schon das Zimmer verließ

und hinunterrannte in den Garten, wo sie sich ganz verzweifelt auf

die Bank im Gartenhäuschen warf und, den Kopf auf den Tisch gelegt,

bitterlich weinte. Immer hörte sie in Gedanken wieder Luisens

trübselige Worte: »Es ist immer so,« und sie mochte gar nicht daran

denken, daß das arme Kind nun Recht behalten sollte.

»Nun, nun, was gibt's denn eigentlich?« fragte plötzlich die Mutter,

die ihr Kind im Garten aufgesucht hatte.

»Ach, Mutter, Mutter,« rief Gretchen und warf sich ganz außer sich in

der Mutter Arme.

»Nur still und lieb,« beruhigte die Mutter, »sage mir nur vernünftig,

was du eigentlich hast.«

Gretchen nahm sich zusammen und erzählte nun der Mutter ausführlich,

wie es Luise mit der Tafel gegangen sei, wie sie ihr dann die eigene

geschenkt und nachher wieder weggenommen habe, weil sie erst um

Erlaubnis fragen wollte. »Ach Mutter,« schloß Gretchen, »wenn der

Vater gehört hätte, wie traurig Luise war, als sie zu mir sagte: ›Es

ist immer so,‹ dann hätte er mir ganz gewiß erlaubt, daß ich ihr meine

Tafel schenke.«

»Das glaub' ich selbst,« sagte die Mutter, »aber der Vater konnte

es ja gar nicht wissen, er sah und hörte nur, wie sein Gretchen zu

spät zu Tische kam und wie es hastig und ungestüm verlangte, seine

Tafel herschenken zu dürfen. Da sagte er natürlich ›nein‹. Anstatt

ihm dann verständig deine Geschichte zu erzählen, bist du in Tränen

ausgebrochen, obwohl du weißt, daß er das nicht leiden kann.«

Gretchen senkte beschämt das Köpfchen und widersprach nicht; sie fühlte

wohl, daß die Mutter recht hatte.

»Der kleinen Luise muß aber geholfen werden,« setzte die Mutter jetzt

freundlich hinzu, »ich möchte selbst, daß du dein Versprechen mit der

Tafel erfüllst.«

»O Mutter, du erlaubst es also?« rief Gretchen und sah voll Hoffnung in

der Mutter freundliches Gesicht.

»Ich kann's nicht erlauben, weil's der Vater verboten hat; aber er

wird's selbst erlauben, wenn er alles erfährt.«

»O bitte, Mutter, sag' du's ihm und überrede ihn.«

»Nein, Kind, das ist nicht _meine_ Sache, das mußt _du_ tun, denn du

hast die Sache ungeschickt gemacht und mußt sie nun wieder zurecht

bringen.«

Gretchen wurde nachdenklich.

»Wo ist der Vater?« fragte sie.

»Er ist in seinem Zimmer und liest die Zeitung.«

»Da mag er gar nicht gern von mir gestört werden, Mutter.«

»Wenn du recht bescheiden zu ihm gehst und fragst, ob du ihm etwas

erzählen dürfest, wird er dich schon anhören.«

Aber Gretchen konnte sich nicht entschließen. Sie mochte den Vater, der

sie eben erst so streng abgewiesen hatte, nicht bitten.

Die Mutter sah, daß Gretchen einen schweren Kampf mit ihrem kleinen

hochmütigen Herzen kämpfte.

»Ei, Gretchen,« sagte sie, »ist das deine ganze Liebe für die Armen?

Du verschenkst wohl alles mit leichtem Herzen, weil du weißt, daß

du doch noch genug hast. Wenn du aber so einem armen Mädchen zulieb

deinem Vater gute Worte geben sollst, so ist dir dies Opfer schon zu

groß. Willst du lieber die kleine Luise ohne Tafel jeden Tag wieder

den sauren Gang zum Lehrer tun lassen, als daß du _einmal_ für sie zu

deinem Vater gehst? Dann hat freilich die arme Luise recht, wenn sie

sagt: ›Es ist immer so‹.«

Diese letzten Worte trugen bei Gretchen den Sieg davon.

»Ich gehe, ja, ich gehe,« sagte sie, und ohne sich noch einmal zu

besinnen, verließ sie den Garten, ging hinauf und öffnete des Vaters

Türe, so leise und bescheiden, wie man es von ihr gar nicht gewöhnt

war. Der Vater saß in seinem Lehnstuhl und las. Er blickte auf.

»Vater,« sagte Gretchen und trat zaghaft näher, »darf ich dir etwas

erzählen?«

»Ja, wenn's ohne Tränen geht und wenn nichts von einer Tafel drin

vorkommt.«

»Es geht ohne Tränen, aber von einer Tafel _muß_ etwas vorkommen, sonst

kann man's gar nicht erzählen.«

»So, nun laß eben hören,« sagte der Vater, und nun erzählte Gretchen so

rührend von Luisens Not mit der Tafel, von ihren schlimmen Erfahrungen

mit dem Apfel und mit der Schürze und wie sie so schmerzlich wiederholt

habe: »Es ist immer so,« daß der Vater endlich rief: »Jetzt ist's aber

so traurig, daß mir selbst fast die Tränen kommen.«

Ungläubig sah Gretchen zum Vater auf und lächelte: »Dir kommen sie nie,

Vater.«

»Doch, doch, wenn du nicht heute nachmittag noch dem kleinen

Unglückskind eine Tafel bringst.«

»Also _darf_ ich?!« rief Gretchen und fiel dem Vater in hellem

Entzücken um den Hals.

»Freilich,« sprach der Vater; »ist denn aber noch eine Tafel da?«

»Ich will gleich die Mutter fragen; sie ist im Garten,« sagte Gretchen

und ging mit dem Vater hinaus.

Aber die Mutter war längst nimmer im Garten, sie hatte sich gedacht,

daß man sie bald brauchen würde, und war schon bereit.

»Mutter, ich darf! aber haben wir denn noch eine Tafel?«

»Nein; aber es ist noch nicht Zeit zur Schule, du kannst wohl noch zum

Kaufmann gehen und eine holen. Hier ist das Geld.«

Gretchen rannte davon.

»Was meinst du dazu,« sagte der Vater, »wenn wir dem Kind auch noch

einen Apfel schicken würden und vielleicht fände sich auch noch ein

Schürzchen, das man entbehren könnte; es wäre ein gutes Werk, wenn man

dem kleinen Geschöpf wieder ein besseres Vertrauen in die Menschheit

einflößen könnte.«

Die Mutter war ganz mit einverstanden und als Gretchen mit der neuen

Tafel zurückkam, hatte die Mutter schon einen Apfel und eine Schürze

zurechtgelegt.

»Willst du das deiner Luise mitbringen und ihr sagen, die Menschen

seien doch nicht so schlimm, wie sie meint?« fragte der Vater.

Gretchen war's, als habe sie ihren Vater noch gar nie so lieb gehabt,

wie eben jetzt. Als sie dankte, wären ihr fast Freudentränen gekommen

und das durfte doch nicht sein, wenn der Vater da war.

Gretchen ging am Schulhaus vorbei der kleinen Luise entgegen, ihre drei

Schätze: Tafel, Schürze und Apfel hatte sie in ihrem Ranzen. Jetzt

trafen die zwei Kinder zusammen; unser glückliches, fröhliches Gretchen

und die ängstliche, trübselige Luise.

»Ich hab' dir eine Tafel mitgebracht, noch eine schönere als die

meinige, sieh nur her!« und Gretchen packte ihren Ranzen auf und zog

die neue Tafel heraus. Luise sah begierig darauf, aber sie traute sich

nicht, die Tafel zu nehmen.

»Hat's deine Mutter erlaubt?« fragte sie zögernd.

»Jawohl, die Mutter hat's erlaubt und der Vater auch, und er hat

gesagt, die Menschen seien nicht so schlimm, wie du meinst, und da ist

auch noch ein Apfel für dich und auch eine Schürze.«

Nun war aber Luisens Gesicht auch nimmer trübselig, nein, es strahlte

ebenso, wie das von Gretchen.

»O, ihr seid gute Leute!« rief sie, nahm die Tafel, besah sie von allen

Seiten und drückte sie zärtlich an sich. Auch das Schürzchen kam ihr

wunderschön vor. Sie hätte es am liebsten gleich angezogen und hätte

wohl auch gerne gleich den Apfel verzehrt, aber dazu war nun keine

Zeit mehr. Jeden Augenblick konnte es zwei Uhr schlagen und die beiden

Mädchen liefen eilig der Schule zu.

»O wie hab' ich so Angst gehabt vor dem Lehrer, ehe du gekommen bist,«

sagte Luise.

»Aber ich habe dir doch gewiß versprochen, daß ich dir eine Tafel

mitbringe.«

»Ich habe dir's gar nicht geglaubt,« antwortete Luise offenherzig.

An diesem Nachmittag wurde in der Schule nur gesungen und gelesen.

»Nun hätte es gar nicht so geeilt mit der Tafel,« dachte Gretchen halb

ärgerlich.

Da, ganz unverhofft, als Luise am Lesen war, rief der Lehrer von seinem

Pult aus: »Du, komm einmal heraus zu mir und bring' deine Tafel mit,«

dabei nahm er schon sein Rohr in die Hand.

Ach, was wäre das für Luise für ein schrecklicher Augenblick gewesen!

Alle Kinder wandten neugierig die Köpfe nach ihr um, Gretchen aber sah

ihr ganz beglückt nach, als sie tapfer auf den Lehrer zuging und ihm

die neue Tafel vorhielt.

»So,« sagte dieser, »das ist dein Glück, daß du eine andere Tafel hast

und dazu noch eine so schöne; so ist's recht, geh nur wieder an deinen

Platz.«

Gretchen und Luise waren nicht die einzigen, die an diesem Nachmittag

vergnügt aus der Schule kamen. Auch des Schäfers Hans war in

glücklicher Stimmung. Ihm war heute ein großes Licht aufgegangen: in

der Schule lernte man _schreiben_, das hatte er bisher noch nicht

gewußt; wenn er aber schreiben konnte, so dachte er weiter, dann konnte

er ja seiner tauben Großmutter alles mitteilen, was er wollte, wie

er das schon manchmal vom Vater gesehen hatte. Wie oft hatte er sich

das schon gewünscht! Er konnte nur noch nicht recht glauben, daß die

Großmutter auch _seine_ Buchstaben lesen konnte. Sobald er nach Hause

kam, nahm er seine Tafel, die noch ganz voll »i« war und zeigte sie der

Großmutter. Ob sie wohl wußte, daß das »i« waren? Die Großmutter sah

die Tafel an und nickte. Damit war der Hans aber nicht zufrieden. Er

hielt ihr noch einmal die Tafel hin und blickte so fragend auf, daß die

Großmutter wohl merkte, er wolle etwas von ihr wissen.

»Es ist schön,« sagte sie jetzt.

Aber das war immer noch nicht das rechte. Die Großmutter ging in die

Küche, dort hatte sie zu tun. Da kam der Hans hinaus, hielt ihr zum

drittenmal seine Tafel hin, zugleich aber brachte er ihr auch ihre

Brille, denn das hatte er schon bemerkt, wenn die Großmutter etwas

lesen wollte, nahm sie immer ihre Brille. Und richtig, jetzt verstand

die Großmutter was er wollte. Sie deutete auf den ersten Buchstaben und

las »i«. Triumphierend sah der Hans, daß die Großmutter wirklich lesen

konnte, was er geschrieben hatte. Als die gute alte Frau seine Freude

sah, deutete sie mit ihrem zitternden Finger von einem Buchstaben zum

andern und las immer wieder »i«. Der Hans aber war sehr glücklich. Den

ganzen Abend schrieb er, löschte es wieder aus und schrieb aufs neue

und machte so fort, bis es Nacht wurde. Die letzten Buchstaben aber,

die auf der Tafel blieben, waren gar schön und gleichmäßig und standen

in Reih und Glied unter einander wie Soldaten.

Fünftes Kapitel.

Felix Acosta.

»Wer hat das geschrieben?« fragte am nächsten Tag der Lehrer, als er

an die letzte Bank kam und Hans ihm seine Tafel hinreichte. -- »Ich,«

antwortete dieser.

»Das hast du nicht selbst geschrieben. Wer hat dir geholfen?«

Der Hans sah den Lehrer groß an und antwortete nicht.

»Sag's nur!« drängte der Lehrer; aber der Hans wußte nichts zu sagen.

»Ich will schon herausbringen, ob du das selbst geschrieben hast. Wisch

einmal deine Tafel ab. So -- nun schreib noch einmal eine Seite »i«.«

Der Hans nahm sogleich seinen Griffel, der war wieder fein wie ein

Spieß.

»Wer hat den Griffel gespitzt?« wollte jetzt der Lehrer wissen.

»Ich.«

»Auch du?« fragte der Lehrer ungläubig; »mit was hast du ihn denn so

fein gespitzt?«

»Mit einem Brunnentrog.«

Das erste Schuljahr: Eine Erzählung für Kinder von 7-12 Jahren · 第 1 / 9 段