Sie nickte. »Leider ...«

»Am Tage zeigtest du dich im Städtchen. Die Nacht gehörte uns. Du kamst

über den Wiesenweg -- ganz feucht von den Abendnebeln kamst du ... Am

Morgen schlichen wir hinaus. Auf der schiefen Bank im Ellernbusch, oben am

Ufer, dicht neben der Gartenpforte hinter dem Tannenkrug, setzten wir uns

nieder. Wir drückten uns schweigend aneinander und sahen glückssatt in die

fahle, stumme Welt um uns, und ich weiß noch, wie eine große Eule vor

dir aufflog, ohne daß man sie hörte ... Und da schlurrte das Schicksal

heran ...«

»O Gott,« seufzte Frau Irmgard.

»Da, es war der Gastwirt Passinner. Er kam über seinen Hof geschlichen,

und wir sahen ihn erst, als er mit der Last, die er schleppte, dicht neben

unserm Busch stand, so dicht, daß wir durch das Blattwerk auch die wilden

Augen sehen konnten, mit denen er um sich spähte, bevor er den blutigen

Sack das steile Ufer hinab in das Wasser warf ... Er keuchte und stöhnte --

es war wohl keine leichte Last gewesen, und der schwarze Zopf ...«

»Ich sterbe, wenn du nicht schweigst,« unterbrach Frau Irmgard mit

vergehenden Blicken.

»Das war ja alles ... Weiter gab's ja nichts ... Wir rührten uns ja nicht

... Wir sahen einen Mörder davontaumeln und blieben muckstill ...«

»Ja, natürlich ... vor Entsetzen ... Wie gelähmt waren wir, konnten nicht

sprechen und saßen wie versteinert da.«

»Aber du mußtest doch nach Hause. Heimbringen durfte ich dich nicht.

Ich blieb im Ellernbusch und sah dich wie einen Schatten durch den Nebel

gleiten ...«

»Ach, ich in meiner schauerlichen Angst rannte und rannte. Ich riß zu Hause

meine paar Sachen zusammen und lief auf den Bahnhof und saß zwei Stunden im

Wartesaal und klammerte mich an unseren Kohlenlieferanten, der auch mit dem

Morgenzug fahren wollte, und der sich meiner dann später auch angenommen

hat. An dich habe ich gar nicht gedacht ... Es war in mir alles wie

ausgelöscht, Liebe und alles. Mit einem Mal und für immer ...«

»Also bei dir auch?« sagte Doktor Ender. »Ich wollte es mir anfangs gar

nicht zugeben. Auch war ja die Sehnsucht nach dir oft groß ... Keine

Liebessehnsucht -- nein --. Aber du hattest ja das Wundermittel der

Erlösung in Händen -- ein mutiges Wort von dir, und der unglückliche

Kellner -- den sie schuldig sprachen, als der Mord, trotz der

unzugänglichen Stelle am Fluß, bekannt wurde -- während der wirkliche

Mörder als Hauptbelastungszeuge auftrat -- -- und er ist ja dann auch bis

an sein seliges Ende frei herumgelaufen ...«

»Ach, es war ja alles verlorenes Volk, lieber Freund. Selbst die

unglückliche, ermordete Hausiererin mußte ihr Leben wegen einer Diebsbeute

lassen ... Wir dagegen hatten alles zu verlieren, Kinder, Stellung ...

Sagen Sie selbst: wie hätten wir weiter leben sollen, wenn wir öffentlich

bekannt hätten? ... O Gott, nein -- so furchtbar das alles war, käme es

heute noch einmal -- ich würde genau so handeln wie vor zwanzig Jahren --

oder, besser gesagt, mich gerade so treiben lassen ...«

»Das ist doch aber das Schrecklichste von allem gewesen -- dies sich gegen

seinen Willen Treibenlassenmüssen,« sagte Doktor Ender. »Da stehen die

Gerechtigkeit und die Wahrheit. Man ist ein anständiger Kerl, kann sich

eine Weltordnung ohne die nicht vorstellen -- und man schleicht an ihnen

vorbei. So ins Nichts, ins Dunkle ... Ich kann Ihnen sagen, Irmgard

Splettner, keine Stunde hab' ich meinen Jungen in der Klasse mehr geben

können -- mittendrin kam's über mich -- so einer wie du, der Mitwisser

einer scheußlichen Tat -- der ganz ruhig zusieht, wie ein armer,

unschuldiger Mensch seiner Ehre, seiner Freiheit beraubt wird -- mit

welchem Recht will der Jugend belehren und erziehen? Ich hatte ja keinen

Grund mehr unter den Füßen -- ich hab' ihn nie wieder erobern können ...«

»Leiser ... man wird sonst aufmerksam auf uns,« sagte die Geheimrätin

ängstlich ... »Ich begreife es ja nicht, daß Sie innerlich nicht ruhiger

wurden, als es bei den Verhandlungen herauskam, was für ein Verbrecher

dieser Kellner Hake auch ohne diesen Raubmord war -- aber sagen Sie mir

eins. Wenn Sie mich schonen wollten, und das mußten Sie natürlich -- warum

meldeten Sie sich nicht allein zur Zeugenschaft? Niemand wußte von mir --

kein Mensch hatte mich gesehen ...«

Doktor Ender beugte sich zu ihr hinüber.

»Das ist's ja eben, was Sie nicht wußten, und was ich Ihnen auf keine Weise

mitteilen konnte ... Er hat Sie gesehen, und er hat auch mich gesehen, wenn

ich auch den Kopf gleich wieder in den Busch zurückzog und er ganz ruhig

blieb ...«

»Wer -- um Himmels willen, wer? ...«

Starr und leichenblaß saß Frau von Betzwold da.

»Der Passinner, der Mörder,« flüsterte Ender. »Als du davonliefst und ich

dir wenigstens schutzbereit nachsah, raschelte es am Zaun, und ich sah ihn,

schwer auf den Querpfahl gelehnt und mit seinen Glotzaugen dir folgend und

auch mich streifend, als ich tödlich erschreckt vortrat, um dir zu Hilfe zu

eilen ...«

»Und?«

»Nichts weiter. Er ließ den Kopf hängen, ich zog mich in unüberlegtem,

feigem Abwarten zurück und sah ihn dann sich nach dem Haus schleppen.«

»Und hast ihn nie gesprochen?«

»Nie ... Es war ja alles wie ein quälender Traum, und ich konnte mir

manchmal auch denken, daß meine vernichteten Nerven mir das vorgespiegelt

hätten -- nur ...«

»Mein Gott, wir wollen jetzt nicht mehr alle Möglichkeiten erwägen ... er

ist ja lange tot ... Gott sei Dank, lange tot ... Und welch ein Glück, daß

ich dies letztere nie erfuhr ... Ach, alle längst vergessene Bangigkeit und

herzbeklemmende Sorge war in einem Moment wieder aufgewacht ... Lassen Sie

uns anderes reden ... Wissen Sie, daß mein Interesse für ähnliche Vorgänge

mich eigentlich mit meinem Gatten zusammengeführt hat? ...«

»So, weiß er also? ...« fragte Doktor Ender freudig interessiert.

»Um Gottes willen! ... Aber ich habe doch über alles, auch das Juristische

Bescheid bekommen -- und ich bin ganz, ganz ruhig geworden ...«

Doktor Ender sank wieder zusammen.

»Aber es steht doch alles für Sie auf einem schwankenden Boden. Haben Sie

das nie bedacht? Das Wirkliche an sich, das ganz einfach Wahre haben wir

doch verschleiern geholfen. Damit haben wir unseren Anteil an der einzig

allgemeinen Kulturaufgabe, die zugleich das einzige Bindeglied zwischen

Mensch und Mensch ist, fortgeworfen -- das einzige Steuer, mit dem man an

der Bosheit und Dummheit der Welt vorüberkommen kann, zerbrochen. Im Licht

wandeln ... Haben Sie nie daran gedacht, welch ein Glück es sein muß,

nichts zu verbergen zu haben? ... Im Licht wandeln ...«

»Sind Sie ein Frommer?« fragte Frau Irmgard ängstlich mit der unbestimmten

Erinnerung an ein Bibelwort und drückte seine gestikulierende Hand auf den

Tisch.

»Was ich bin? Weiß ich das? Jedenfalls ein Lügner, einer, der das

Weltgefüge zerstören helfen wollte, und dabei, wie alle seinesgleichen,

sich selbst zerstört hat.«

»Das werden Sie tun, wenn Sie mit solchen Grübeleien fortfahren, die Sie ja

unglücklich machen müssen ... Ich verstehe Sie ja nicht und bin froh, daß

ich all das so anders auffasse ... Mein und der Meinen Leben hab' ich dabei

nicht verdunkelt, im Gegenteil ...«

»Und das wieder ist mir ein unlösbares Rätsel,« sagte Doktor Ender müde.

»Das gleiche Schicksal, der gleiche Sturm faßt uns, und Sie treibt er in

ein stilles friedliches Leben -- mich in eine wüste Einsamkeit, in die

keine warme Menschenstimme mehr dringt -- nichts als die Schreie der

unschuldig Verurteilten aller Zeiten.«

»Lieber Freund, Sie haben sich in böse Phantasien eingesponnen, und ich

bin nicht stark genug, um Ihnen diese gefährlichen Entstellungen der klaren

Wirklichkeit zu zerstören.«

»Entstellungen der klaren Wirklichkeit? ... Mir? ... Und das sagen Sie

-- Irmgard Splettner, deren ganzes Leben sich wie hinter einer getrübten

Scheibe abspielt?«

Die Geheimrätin lächelte halb nachsichtig, aber doch mit einem kleinen,

ungeduldigen Blick in den noch immer schönen, ruhigen Augen.

Doktor Ender zuckte darunter zusammen. Er stand auf. Sein eben noch in

Bewegung zuckendes Gesicht nahm einen starr höflichen Ausdruck an.

»Meine gnädige Frau, unser Zusammentreffen hat mir die allerletzte Illusion

genommen, daß es einen Menschen auf dieser Welt gibt, mit dem gemeinsam ich

eine gleich schwere Last trage. Im Grunde müßte ich in Ihrem Interesse

wohl froh darüber sein ... Leben Sie wohl. Hoffentlich tauche ich mit der

Vergangenheit in die Verdunklung zurück, die Ihnen das Leben so leicht

gemacht hat.«

Frau von Betzwold streckte ihm die Hand entgegen. »Das sicherlich nicht.

Ich will an das Liebe und Schöne denken, das unsere Jugend uns beschert hat

und ...!«

Doktor Ender beugte sich fremd über die gebotene Hand, und mit bitterem

Lächeln um den zusammengekniffenen Mund ging er hinaus, ohne noch einmal in

das Gesicht zu sehen, das ihm doch einst das liebste gewesen war.

Die Geheimrätin blieb noch einen Augenblick in ihrem Erker. Anfangs als

sie sich wieder allein sah, hatte sie das Gefühl, die letzte Viertelstunde

geträumt zu haben.

Dann schäumte ein wildes Durcheinander von Stimmen, Bildern, Ängsten, --

ein beklemmendes Entsetzen in ihr auf, peitschte ihr Blut und ließ ihr Herz

jagen ... Was war das? Wie hatte sie das erleben können? ... Wie durfte sie

das erleben? ... Dieser arme Phantast, -- was war aus dem lachenden Jungen

geworden? Jetzt waren ihre Zwillinge so alt wie er damals.

Dieser Gedanke riß sie wieder in die gewohnte Bahn.

Nicht mehr diesen verschollenen Geschichten nachhängen, nicht mehr daran

denken -- nie mehr. Das war man sich und dem Leben mit seinen großen und

kleinen Anforderungen als pflichttreue Gattin, Mutter und Frau von Welt

schuldig ...

Heute abend machte man Kammermusik bei ihr. Brahms H-Moll. Ihr Gatte war

ein vorzüglicher Cellist -- ihre Tochter Eva fast Meisterin auf der Geige.

O, es tat gut, in diese Welt der Harmonie zurückzukehren, die vor

schreienden und klagenden Stimmen, vor schuldvollen Erinnerungen, vor

begrabenen Jugendsehnsüchten und Ängsten ihre klingenden Tore schloß.

An geöffneter Tür · 第 15 / 16 题