Ein nervöser Zug, der wie ein verzerrtes Lächeln aussah, zuckte um seinen
Mund.
»Jawohl ... Irmgard! ... Leben Sie denn hier?«
»Ja, seit langem. Mein Mann ist Beamter. Geheimrat -- im Verkehrsressort
... Und Sie?«
»Ich halte mich seit mehreren Jahren hier auf.«
Sie waren ein paar Schritte weitergegangen und blieben nun wieder stehen.
Fragende, verstehende, überquellende Blicke senkten sich ineinander.
Die Frau schüttelte zuerst den Bann des Schweigens ab, der sich auf sie
gelegt hatte.
»Da vermeidet man sich ein halbes Leben lang, und dann kommt solch ein
närrischer Zufall und kettet einen sozusagen wieder aneinander ... Wollen
wir eine Viertelstunde zusammenbleiben?«
»Gewiß,« sagte er. »Es wäre unnatürlich, wenn wir uns jetzt mit höflichem
Gruß trennen wollten. Wo befehlen Sie?«
»Möchten Sie ein Stück mit mir gehen? Ich wohne in der Leibnizstraße und
wollte ohnedies zu Fuß nach Hause.«
Er schwieg erst und deutete dann auf die Menge der Menschen, die beide
Seiten des Kurfürstendamms hinauf und hinunter strömte, schwatzend,
eilend oder schlendernd und gegeneinander drängend. »Können wir nicht eine
Viertelstunde irgendwo ungestört sitzen?« fragte er. »Ich weiß hier in
einer Nebenstraße ein kleines Restaurant, in dem man um diese Zeit sicher
niemand trifft.«
»Nein,« sagte sie, ein wenig lächelnd. »Es dürfte doch befremdend wirken,
wenn zufällig jemand von meinen Bekannten mich in so einem Lokal sähe.
Dagegen können wir hier in die Konditorei eintreten. Da kennt man mich --
wir sitzen in dem Erker da -- sehen Sie -- vor aller Augen und doch ganz
allein.«
Er musterte sie einen Augenblick verwundert, als ob er fragen wollte: Was
fürchtest du denn noch? Sie verstand und antwortete auf die stumme Frage:
Nein, nein. Sie mache durchaus Gebrauch von dem Recht ihrer weißen Haare
-- aber in dem Beamtenstaat, in dem sie lebe, wäre alles gewissermaßen
numeriert, die Leute, mit denen man umginge, die Orte, die man besuche.
Übrigens hätte sie auch aus den Erfahrungen ihrer früheren Jahre gelernt,
etwas wie Schutz in einer umzäunten Lebensenge zu finden ... Sie könne
gut mit einem Jugendbekannten in einer vornehmen, großen Konditorei
zusammensitzen -- in einer obskuren, kleinen Restauration, die sie sonst
nicht beträte, würde es aussehen, als ob sie mit ihm über wer weiß was zu
reden hätte ...
Sie sagte das lächelnd, im Eintreten; und sich geschickt durch die
enggestellten Tische windend, dirigierte sie ihn zugleich in den vorhin
bezeichneten Erker, der durch zwei Goldsäulen von dem großen Raum
geschieden war.
Und nun saßen sie einander gegenüber. Ein Paar Tassen zwischen sich, von
dem faden Geruch der süßen Backware, des Kaffees, des Grogs eingehüllt,
von dem leisen Rauschen der Zeitungsblätter in den Händen der ringsumher
Lesenden, von dem Kommen und Gehen der Gäste, von durcheinanderhallenden
Gesprächsbrocken umgeben.
Doktor Ender hatte sich aufgestützt und ließ den kahlen Kopf hängen. Frau
von Betzwold nestelte an dem Schleier, musterte zerstreut und unruhig das
Publikum und wandte sich dann, in den Schatten der Säule rückend, ganz dem
Schweigenden zu.
»Wir müssen aber die kurze Zeit, die wir uns schenken, ausnützen ...
Erzählen Sie zuerst von sich, lieber Freund! Was haben Sie in all den
langen Jahren angefangen?«
Der verbitterte und traurige Zug um seinen Mund vertiefte sich, und das
nervöse Zucken zitterte sekundenlang über eine Hälfte seines Gesichts.
»Ich habe nicht viel Tatsächliches zu erzählen ... Mein Onkel Farrstein --
wenn Sie sich noch erinnern,« Frau von Betzwold nickte -- »starb ein
paar Jahre nach -- nach unserer Trennung und hinterließ ein viel größeres
Vermögen, als ich erwartet hatte. -- Übrigens machte ich damals den letzten
Versuch, mich Ihnen zu nähern -- ich bekam aber meinen Brief, den ich
nach Sagan schickte, wohin Ihr Gatte doch gegangen war, als unbestellbar
zurück.«
»Das wird wohl in der Zeit gewesen sein, in der ich in Sanatorien
herumwanderte -- die Jungen im Korps waren -- mein Mann auf irgendeiner
der Probestellungen, die er nach seiner Pensionierung in allen möglichen
Branchen suchte ... Schließlich landeten wir ja dann doch wieder in Sagan,
wo er auch starb ... Aber zu Ihnen, lieber Freund -- was fingen Sie nun
an?«
»Meine Erbschaft ermöglichte es mir, die Last des traurigen Berufs
abzuwerfen.«
»Sie waren doch Lehrer aus Passion! ...«
»Nicht mehr nach unserem Erlebnis! ...«
»Und womit beschäftigten Sie sich denn? ... Sie hatten doch einen so
ungeheuren Tätigkeitsdrang....«
»Nicht mehr nach unserem Erlebnis,« wiederholte Doktor Ender. »Ich bin in
der Welt herumgewesen, habe gesehen und erlebt, was man als Reisender ohne
Anhang und ohne Ziel erlebt ... Und zuletzt, als mich das zu ermüden anfing
-- ich auch die eine Note begriffen hatte, auf die mein ganzes Wesen --
seit damals -- gestimmt war -- habe ich mich in eine Tätigkeit gestürzt,
die nun eine Art Lebenszweck geworden ist ... Ich versuche nämlich,
unschuldig Verurteilten zu helfen -- nach meiner Meinung ist ihr
Prozentsatz ein erschreckend hoher. -- Alle großen Mordprozesse, bei denen
die Täterschaft zweifelhaft ist, durcharbeite ich mit und suche sie mit
Aufwand all meiner Kräfte und Mittel aufzuhellen. Hier und da habe ich auch
schon einen kleinen Erfolg gehabt, -- die öffentliche Meinung beeinflußt
im Sinn der Gerechtigkeit. -- Ich betrachte meine Arbeit als eine Art Sühne
... Sie werden das begreifen, nicht? ...«
Die Geheimrätin sah sehr bestürzt vor sich nieder und erwiderte nichts.
»Und Sie?« fragte er, als sie schwieg.
»Ach, mit mir hat's das Leben schließlich noch gut gemeint. Wohl als
Revanche für die schrecklichen Erfahrungen ... Daß ich damals -- nachdem
ich Sie verließ, an der See schwerkrank war, und von da gleich nach Jena
in eine Nervenheilanstalt geschickt wurde, haben Sie wohl noch erfahren ...
Dann haben Sie ja aufgehört, nach mir zu fragen, wofür ich Ihnen übrigens
von Herzen dankbar gewesen bin -- denn ich hätte ein Zusammenkommen nicht
mehr ertragen, wie ich auch lieber gestorben wäre, als nach Kreuzstadt
zurückzugehen ... Nachdem dann die gräßliche Geschichte dort ihre --
Erledigung gefunden hatte und ich wieder fähig war, unter gesunden Menschen
zu existieren, bin ich nach Sagan gekommen. Daß der Tod meines Mannes, der
bald darauf erfolgte, mich nicht besonders tief traf, werden Sie begreifen
... Zwei Jahre danach lernte ich in Thüringen meinen jetzigen Gatten
kennen, und da ist dann alles Böse und Traurige versunken, und ich bin eine
recht glückliche Frau geworden ...«
»Und die Buben -- die Zwillinge?!« fragte Doktor Ender.
»Beide vor dem Oberleutnant -- prachtvoll geworden. Und meine beiden Mädel
aus _dieser_ Ehe auch liebe, schöne Geschöpfe ... Ich bin eine sehr stolze
Mutter -- und, wie gesagt, ich habe allen Grund, zufrieden zurück und wohl
auch in die Zukunft zu sehen.«
»Irmgard Splettner,« sagte Doktor Ender nach kurzem Schweigen, »ich
bewundere Sie. Ich bewundere Ihre Selbstbeherrschung und Ihre Lebenskraft
... Fast noch jugendlich und blühend an der Schwelle des Alters ... Ich
habe mich nicht so bemeistern können. Mir hat unser Erlebnis -- unsere
Schuld das Leben zerbrochen, jedes Streben vernichtet ... Dabei habe ich
mir noch Vorwürfe gemacht, daß ich dich, das Weib, die schwächere, nicht
stützen und trösten konnte -- und nun bist du ...«
Bei diesem »Du« zuckte Frau Irmgard zusammen und machte eine kleine,
abwehrende Bewegung.
Doktor Ender bemerkte es nicht. Er saß zusammengesunken da und sah mit den
ausgeblaßten, trüben Augen starr vor sich hin.
»Lieber Freund -- wir haben, seitdem das -- das Peinliche sich ereignete,
so viel erlebt und erfahren, Schlimmes und Gutes, jedenfalls Ausfüllendes
-- Sie doch auch -- daß jenes Erlebnis restlos, man kann wohl sagen --
verschlungen ist ... Warum jetzt noch einmal darauf zurückkommen? ...«
»Haben Sie denn wirklich und wahrhaftig vergessen -- und ohne
Gewissensqualen weiter leben können? ...«
Frau Irmgard seufzte ein wenig beklommen.
»Mein Gott, natürlich habe ich seinerzeit viel ausgestanden, tödliche Angst
vor allem -- aber es ist doch auch viel geopfert worden -- alle Wünsche
-- und -- das, ja -- Sie wissen es ja am besten -- wir haben uns doch nie
wiedergesehn seitdem.«
»Ich weiß, daß wir auseinandergegangen und aneinander vorübergeschlichen
sind wie zwei Feiglinge, wie zwei Verbrecher, die wir schließlich auch
waren ...«
Frau Irmgard wurde weiß bis in die Lippen.
»Ich bitte Sie -- leise! Was wollen Sie mit diesen pathetischen Worten --
mit diesem gewaltsamen Aufwecken längst verschollener Dinge? Das war ein
anderes Leben, so weit ab von dem jetzigen ...«
»Natürlich, natürlich.« Er nickte und lachte mit einem gequälten, höhnenden
Ton. »So weit ab, wie etwa das Lokal hier -- von der Wirtschaft -- dem
Heidekrug ...«
»Schweigen Sie!« befahl Frau von Betzwold. »Sonst gehe ich auf der Stelle
... Ich will das nicht -- ich bin fertig damit ... Wie können Sie nur,«
lenkte sie ein, als sie in sein graues, vergrämtes Gesicht mit den
trostlosen Augen sah. »Warum quälen Sie _sich_ und schließlich auch _mich_
so? ...«
»Sie haben recht, es ist ganz überflüssig. Aber ich bitte Sie -- bleiben
Sie. Sie mögen mich für einen sehr schwachen Menschen halten. Aber bedenken
Sie -- das lebenslange Schweigen, das Herumirren in der Welt unter Fremden,
immer in der Maske des Ehrenmanns, der man vor sich doch nicht ist -- und
nun plötzlich die einzige, die einen kennt, mit der man sprechen kann
über all diese verquälte Zeit, weil sie die gleiche Last durch das Leben
geschleppt hat ...«
»Nein, nein, ich sagte schon wiederholt, ich habe das längst abgetan ...
Mein Gott -- unsere gemeinsame Schuld -- gewiß, es war eine, -- in meiner
Welt von jetzt genau wie in der von damals -- ich war sicherlich eine
untreue Frau -- aber wenn man die mürrische, grausame Strenge meines Mannes
bedenkt -- -- und _wir_ zwei hatten uns lieb -- waren so jung und so froh!
... Was haben wir zusammen gelacht und geschwärmt ... Schöne Zeiten waren
es trotz alledem!« ...
Ja, jene Zeiten!
Durch den bläulichen Dunst, das leise Stimmengeschwirr, durch die hastende
Unruhe im Kommen und Gehen schlichen sie in den Erker und schütteten die
Erinnerungen an harmlose Freuden und Leiden, an verschwiegenes Wünschen und
erfülltes Sehnen über die beiden Menschen, die traumverloren da saßen ...
Frau Irmgard sah ein paar längst versunkene Lebensbilder zum Greifen
deutlich vor sich aufzucken.
Das kleine Haus der Bezirkskommandantur in der stillen Straße hinter dem
Ordenstor, ihr damaliges Heim ... Major Splettner, ihr damaliger Gatte,
grämlich und verbittert wegen der zu früh abgeschlossenen Karriere ...
Seine ewig scheltende Stimme mischt sich mit dem zwitschernden Jubel der
Zwillingspuppen, mit denen sie selbst kindlich froh herumtobt, wenn der
Hausherr nicht da ist ...
Wie ein Schatten huscht der lange Adjutant über die Straße, der vierte in
dem lustigen Bund, und in der Kaprifoliumlaube des verwilderten Hausgartens
kräht er zum Ergötzen seines dankbaren Publikums wie ein Hahn, gackert
wie ein Huhn, wenn es ein Ei gelegt hat, und läßt mit dem Mund
Champagnerpfropfen knallen ...
Aber das Tollen muß aufhören, die Jungen, noch nicht sechsjährig, sollen zu
lernen anfangen, bestimmt der Major. Und da bringt eines Tages der Adjutant
seinen Freund Doktor Ender ins Haus. Er ist Reserveoffizier bei dem
Infanterieregiment, von dem zwei Bataillone im Städtchen liegen; das
legitimiert den jungen Gymnasiallehrer bei dem Major, der ihn sonst
nicht ernsthaft genug und bedenklich jung findet ... Mutter und Lehrer
bemißtrauen sich im Anfang anscheinend, sind eifersüchtig aufeinander und
beklagen sich gegenseitig bei dem gemeinsamen Freunde. Aber auf dem
ersten Spaziergang mit ihm und den Kindern, an einem Märztag, längs den
abfallenden Ufern der raschfließenden Aller -- beim Kätzchenpflücken
-- stehen sie plötzlich voreinander -- tief erschrocken, einander stumm
anblickend: das bist du ... das hab' ich ja nicht gewußt ...
»Es ist sonderbar, daß man in einem Augenblick ganze Monate in der
Erinnerung durchleben kann,« sagte Frau Irmgard von Betzwold aufatmend ...
»Ja, ich habe eben auch vieles deutlich gesehn und empfunden, was über dem
grausigen Abschluß längst vergessen war ... Vieles Schöne und Liebe.«
»Und schließlich war es auch nicht einmal eine Schuld,« sagte Frau Irmgard
unbewußt. »Es hätte so aussehen können, wenn es je einer geahnt hätte ...
Was nahm ich ihm denn? ... Gar nichts! Ich versteckte unser kurzes Glück
vor ihm, wie ich vor seiner Gehässigkeit jede kleinste Lebensfreude
verbergen mußte ...«
»Freilich war diese Schuld eine geringfügige gegen das andere,« sagte er.
»Sonderbar übrigens, daß das, was uns zum erstenmal einander in die Arme
jagte, auch ein Mord war ... Denkst du daran? ...«
Ob sie daran dachte ... An den unvergeßlich grauenhaften und doch schönen
Tag ...
Die Nachbarkatze hatte das einzige, was der Major auf der Welt liebte --
seinen Kanarienvogel, gefressen -- und er, mit dem Burschen gemeinsam, sie
gefangen und mit einem alten Degen lebendig an die Wand gespießt.
Sie schauderte noch heute, wenn sie daran zu denken wagte. Halb
bewußtlos vor Grauen, war sie zitternd aus der Wohnung gelaufen. In der
Abenddämmerung durch den Garten über den Wiesenweg zu dem kleinen Haus
neben dem Tannenkrug, in dem Doktor Ender allein wohnte ...
Fassungslos war sie ihm um den Hals gefallen und hatte nicht mehr fortgehen
wollen -- und war dann doch selig -- als sein Weib -- unempfindlich gegen
das, was sie zu Hause erwarten konnte, heimgeschlichen ...
»Hätten wir damals -- nach jenem Maiabend, den Mut gehabt, uns zueinander
zu bekennen« -- sagte Doktor Ender nachdenklich.
»Um Gottes willen,« rief die Geheimrätin. »Ohne Existenzmittel -- die
Kinder in seinen Händen ... Sie selbst haben das doch damals für unmöglich
gehalten ... Ich hätte es ja auch gar nicht überlebt -- Splettner
hätte mich wie jene Katze, glaube ich -- doch warum diese überflüssigen
Erwägungen? ... Vier Jahre später war er tot ...«
»Und wieder ein paar Jahre später war ich ein wohlhabender Mann -- aber
was half uns beiden das? Uns hatte die Nacht vom 8. September
auseinandergefegt. Und doch hätte sie uns zusammenkitten müssen, wenn man's
recht bedenkt ...«
»Nein, nein, es war schon richtig so, daß wir uns nicht mehr sahen ...«
»Angst war es vor der Welt -- bei mir mißverstandenes Ehrgefühl dazu.
Darüber haben wir einen unschuldigen Menschen ins Verderben und in einen
frühzeitigen Tod gejagt. Haben Sie daran nie gedacht? ...«
»Dieser Kellner Hake war ohnedies ein verlorener Mensch. Er hatte allerlei
Schandtaten auf dem Gewissen. Ich habe mich später erkundigt ...«
»Aber die, wegen der er lebenslänglich verurteilt, wurde und dann auch im
Zuchthaus starb, hatte er nicht begangen. Und wir wußten es.«
»Wir konnten es nicht genau wissen -- es war immerhin möglich ...«
»Beschönige es nicht. Sieh noch einmal das Ganze, wie es war ...«
Frau von Betzwold stützte sich auf und sah mit überquellenden Augen in ihre
Schokoladentasse, aber sie schwieg. Sie ließ die Worte des Mannes über sich
hinstreichen wie einen Wind, dem man schutzlos preisgegeben ist.
»... Wir hatten uns drei Wochen nicht gesehen. Ihr wart an der See -- in
Cranz, und wolltet noch den ganzen September dort bleiben. Da warst du
auf die Idee gekommen, irgendeine Reparatur in deiner Wohnung vornehmen zu
lassen, und kamst für einen Tag herüber. Weißt du es?«