Todesbotschaft

Der alte Sandsteinheilige stand auf dem Hügel und breitete über das

lachende, sonnengebadete Tal segnend seine Armstümpfe. Die Hände waren ihm

nämlich in Wirklichkeit vor Jahrhunderten gerade an diesem Fleck abgehauen

worden, ehe man ihn erschlug. Daß er nun schon lange in steinernem Bilde

seinen Segen gerade von dem Ort her spendete, der sein Blut getrunken

hatte, schien dem blühenden Lande, wie es da vor und unter ihm lag, wohl

zugute zu kommen.

Es war, als ob es alle Sonne auffinge. Die gelben Ährenfelder leuchteten,

die harzigen Spitzen der jungen Fichtenpflanzungen funkelten wie kostbare

Steine, das Wässerchen, das sich durch die saftgrünen Wiesen wand,

glitzerte und sprühte mit blausilbernen Funken -- kurz, es war ein Lachen

und Leuchten in dem ganzen Gesichtsfeld des heiligen Mannes, das ihm wohl

gefallen konnte. Dafür sah es hinter seinem Rücken ganz anders aus. Da

führte ein schmaler Weg in einen mächtigen, düsteren Wald. An dem schien

die Sonne abzuprallen. Seine uralten Buchen wehrten sich gegen die heiße

Flut, die draußen das Tal überströmte, und nur ärmliche, grüngoldene

Wellchen zitterten über den Weg, der, langsam ansteigend, sich in grüner

Dämmerung verlor.

Am Eingang dieses Weges stand eben eine einsame Frau, die aus einem der

großen Sanatorien des Badeortes drüben hierhergekommen und im Vorübergehen

mit dem alten Steinbild und all der goldenen Lebendigkeit ringsherum gut

Freund geworden war.

Sie stand auch noch ein Weilchen da und sah mit den stillen Augen, aus

denen das Leben Lachen und Weinen herausgeholt hatte, voller Verwunderung

über so viel Glanz und Fülle um sich. Zu ihren Füßen standen Blumen in

unbeschreiblicher Mannigfaltigkeit.

Als ob sie einen Teil der Sommerschönheit für sich bergen wolle, bückte

sie sich trotz ihres kranken Herzens, dem, wie sie wohl wußte, hastige

Bewegungen verderblich werden konnten, und fing an, eifrig davon zu

pflücken ... Rote Kuckucksnelken und tiefblaue Glockenblumen, weißglänzende

Schafgarben, Wicken, Windengeranke, den gelben Steinbrech, der so stark und

schwül duftet, und mancherlei anderes buntes und liebliches Sommergewächs.

Ehe sie sich dessen versah, hatte sie einen ganzen Armvoll. Und den Kopf

mit dem schon silbern schimmernden Haar hineingedrückt, schlug sie nun in

Gedanken den düsteren Waldweg ein.

Kühle und Dämmerung unter den hohen Bäumen strichen wie liebkosende Hände

über ihren heißen Leib. Ein paar blasse, huschende Lichter tauchten in dem

dunkeln Laub auf oder kletterten zitternd an den Stämmen empor. Ein Specht

pochte in der Ferne, sonst war alles still ... Die Wirklichkeit schien in

dem Sonnental geblieben. Hier im Schatten standen die Träume auf ...

Zuerst ging die Frau mit dem Arm voller Blumen weiter und weiter, unbewußt

sich ihres Alleinseins freuend, ohne um sich zu hören und zu sehen.

Allmählich aber sprangen aus dem Walddunkel Töne und Worte über sie her,

ohne Zusammenhang -- hier eines und dort eines, und plötzlich war es ein

altes Studentenlied, das ihr in den Sinn kam.

Vor vielen Jahren hatte sie es von einem gehört, der schon lange tot war

und der ihr auch eine Geschichte dazu erzählt hatte, die sie nicht mehr

wußte. Aber die Worte waren nun da, und sie summte sie vor sich hin, im

Takt danach schreitend:

Wo seid ihr

Zur Zeit mir

Ihr Lieben

Geblieben,

Die einen --

Sie weinen --

Die andern --

Sie wandern,

Die dritten --

Noch mitten

Im Strome der Zeit.

Gestorben --

Verdorben --

Zu den Toten

Entboten --

Ach alle, wie weit ...

Im Gehen dämmerte ihr auch der Sinn der gedankenlos hingemurmelten Verse

auf, und damit kam eine flüchtige Erinnerung angeschlichen. Dahinter eine

andere und dann mehr und immer mehr, bis zuletzt nichts als ein großes

Fragen in ihrer Seele war: »Ja, wo seid ihr alle, mit denen ich einmal

wanderte, ich, die ich jetzt so allein bin?« Sie setzte sich auf eine Bank,

die sich in ein Erlengebüsch schmiegte und von der aus man endlos weit in

den grün dämmerigen Weg sehen konnte, lehnte den Kopf an den Stamm hinter

sich und machte die Augen zu.

Aus den Fragen wurde eine große Sehnsucht und aus der Sehnsucht ein Rufen:

»Ach, wenn ihr doch wiederkämt -- wenn ihr doch wiederkämt -- du -- und du

-- und du!« Und wie sie dann aus halbgeöffneten, traumverschleierten Augen

aufsah, schien es ihr, als ob Schatten um sie her aufstiegen und langsam

vorüberglitten. Sie fürchtete sich nicht.

»Ja, kommt nur,« sagte sie und suchte, ob sie nicht liebe entschwundene

Gestalten unter den gleitenden zu erkennen vermöchte.

Fast war es ihr auch, als ob sie einen und den andern von ihren

Heimgegangenen den dunkeln Weg heraufziehen sähe. Hier und da tauchte ein

wohlbekanntes Gesicht hinter einem Baumstamm auf, aber es zerfloß, und ein

anderes erschien, das irgend eines Weggenossen kurzer Stunden.

Und niemand von ihnen machte vor ihr Halt. Niemand hauchte ihr im

Vorüberstreifen ein gutes Wort zu, auch die Liebsten glitten mit weit

offenen und doch blicklosen Augen an ihr vorbei und zerflatterten in dem

grünen Dämmer.

»Ich habe nicht Kraft genug, euch zu rufen oder zu halten,« dachte sie

traurig, »sonst sprächt ihr wohl mit mir.«

Sie senkte die Blicke und drückte das Gesicht in die lebendigen Blumen ...

»Was machst du mit all dem blühenden Unsinn?« fragte da aus dem

Schattenzuge her eine spöttische Stimme.

Ja, was macht man mit blühendem Unsinn? -- Man freut sich daran -- man hebt

ihn auf -- man wirft ihn weg.

»Doch -- wer fragte mich denn? -- wer war das?«

Sie schaute auf, und da sah sie dicht vor sich den, der sie vor langer,

langer Zeit jenes Lied gelehrt hatte, mit dessen Versen sie diesen Weg

gegangen war.

»Wie kommst denn _du_ her zu mir? An dich hab' ich kaum gedacht -- und

gerade _du_ bist da?«

Ein leises Lachen. Und wie der Schatten immer körperlicher wurde! Zum

Erstaunen lebendig, gar kein Traum mehr ... die große, gedrungene Gestalt

mit der nachlässigen Haltung ... die breiten, festen Hände -- das Gesicht,

häßlich mit seinen hervortretenden Backenknochen, dem grausamen Munde,

um den Zärtlichkeit und Hohn spielten ... Und die Augen. Ja auch diese

merkwürdigen grauen Augen mit dem rasch wechselnden Blick ...

»Es ist kaum zu glauben, wie deutlich ich dich sehe,« sagte die Frau. »Dich

... dich? ... Ja, hab' ich dich denn noch »du« genannt, als wir uns zuletzt

sahen?«

»Ja, sage nur >du.< Dein Mann ist ja nicht da. Auch keine beste Freundin

... Und vergißt du ganz, daß ich schon lange gestorben bin?«

»Du lebst ja -- du lebst vor mir in diesem Augenblick wie in jenen Jahren,

als ich, kaum erwachsen, zu meiner alten Pate Stephany kam und wir in eurem

Haus über eurer Schlosserwerkstatt wohnten ... Und du Student auf Ferien,

zum Examenarbeiten ... Und wenn ich konnte, lief ich hinunter in den Garten

über dem Moor ... in dem der Kibitz schrie ... und die Wasserhühner pfiffen

... Und wir saßen zusammen und sahen zu, wie die Sternschnuppen fielen, und

wünschten uns tausenderlei ... so lebst du ... jetzt mit einem Male, und

warst doch so lange tot ...«

»Ich lebe von _deinen_ Gnaden. Ich feiere meine Auferstehung auf _deinen_

Ruf.«

»Ich rief dich nicht; du warst gar nicht in meinen Gedanken.«

»Dein Sehnen rief mich, du weißt's nur nicht.«

»Wie sollte das wohl zugehen?« fragte sie. »Ich weiß, daß ich träume. Ich

bin im Walde eingeschlafen. Du hast dich in meinen Traum geschlichen.«

»Soll ich wieder fortgehen?« fragte er, und es war, als ob er in das

Gebüsch hinüberflösse.

»Nein, nein, bleibe. Und sprich. Es ist ein so merkwürdiger Ton in deiner

Stimme. Keine hat je wieder so geklungen. Und dabei hast du mir nicht

einmal viel Gutes gesagt damals.«

»Es war aber alles wahr. Und darum hast du es in deinem Herzen aufbewahrt.

Darum ist anderes, was deinem Sinn schmeichelt, was du gerne hörst und doch

innerlich nicht anerkennst, verklungen. Heute sind die Lebendigen tot, und

ich, der Tote, lebe ...«

»Du mußt nicht sagen, daß du tot bist. Wenn wir hier nebeneinander sitzen,

sollst du diese Stunde ganz leben und mit mir reden ...«

»Wie einst im Mai ...« höhnte er.

»Geradeso war es immer mit dir,« sagte sie. »Wenn man ernst oder

eindringlich mit dir sprechen wollte, fingst du an zu spotten.«

»Ich konnte Sentimentalität nie vertragen,« sagte er. »Du hattest immer

Anlage dazu. Sonst hättest du auch später den langen Erwin, genannt

>Latte<, nicht genommen, als er nach seiner auseinandergegangenen Verlobung

Trost bei dir suchte.«

»Laß doch meinen Mann aus dem Spiel. Hat er nicht das Leben gezwungen?«

»Jawohl ... Leiter so einer großen Bank ist eine schöne Sache ... Ich wäre

jetzt höchstens Justizrat irgendwo in Posemuckel -- wenn ich nicht zugrunde

gegangen wäre.«

»An den Weibern ...«

»Sag: am Weibe, das ist präziser ... Aber freilich Präzision und du! -- Du

mit den huschenden Gedanken und den phantastischen Reden ... Wie hat mein

vielgeliebter Korpsbruder Erwin, die präzise Klarheit in Wort und Wandel,

da wohl gestaunt! Kennen tat er dich ja kaum, als ihr heiratetet ...«

»Das ist auch nicht nötig. Dazu ist das gemeinsame Leben lang genug ... Und

dann -- schließlich -- nach allen Versuchen, sich kennen lernen zu wollen,

ist doch jedes Menschen Los die Einsamkeit ...«

»Ja -- wenn der Lebensweg des sogenannten Gefährten in der Börse mündet,

während die Frau Traumwege sucht und mit Toten geht ...«

»Hätte ich Kinder, wäre das anders. Aber -- es ist auch so gut. Ich bin

jetzt längst jenseits aller Wünsche -- ich gräme mich nicht mehr -- ich

freue mich nicht mehr -- aber ich bin zufrieden.«

»Ist das deine Endweisheit, Sonntagskind? Als deine Haare noch dunkel

waren, verlangtest du andres.«

»Sonntagskind?« sagte sie. »Das hab' ich vergessen in meinem langen Leben.

Es hat auch keiner mehr danach gefragt, seit damals -- seit wir unter

der großen Birke -- dein Vater hatte sie an deinem Geburtstag gepflanzt,

erzähltest du« -- er nickte und sah sie an wie damals, schien es ihr --

»als wir unter jener Birke saßen an einem schönen Sonntagvormittag, an dem

ich die Kirche geschwänzt hatte. Meine Pate und ihre Tochter waren fromm

hingegangen. Da kamst du den langen Gang hinter eurer Schlosserwerkstatt

her und wolltest mir Gedichte vorlesen. Aber die Sonne brannte, und darum

gingen wir in eure Kaprifoliumlaube, in die du mir jeden Morgen ein paar

schöne Verse legtest. Schade, daß ich sie nie zu nehmen wagte.«

»Ja ... ich, ich, ich, den das Weib schon damals in den Fängen hielt, ich

dichtete ein unreifes Mädel an ...«

»An diesem Sonntag aber sagtest du eins aus dem Kopf, das ich schon kannte:

>Es war ein Kind in Avelun.< Und da erzählte ich dir, daß ich auch ein

Sonntagskind wäre, und du sagtest, das hättest du längst gewußt.«

»Und jetzt müßte ich armer heraufbeschworener Schatten wohl den hübschen

Schlußvers sagen: >Wer Liebe singt, der singet Leid -- o Sonntagskind -- o

Sommerzeit! ...< Übrigens sprachen wir damals von Liebe noch wenig ... wir

sprachen von Wagner und Raabes Abu Telfan, von Genie und Charakter, von

Ruhm und Zukunft ...«

»Ja, ja, und von einem Roman, den du schreiben wolltest, haben wir viel

geredet ... Wahrhaftig, ich besinne mich ... =Vitium cordis= sollte

er heißen ... Ach, wie war ich stolz auf ihn! ... Wenn ich's mir recht

überlege, war er naturalistisch vorempfunden ...«

»Erlaube, das ist eine Bemerkung, die in das Reich der Lebendigen gehört.

Vergiß nicht, daß ich da nicht mehr zu Hause bin.«

»Denk doch nicht an die Lebendigen,« sagte sie eifrig; »ich bin ja so froh,

da nun all diese Bilder und Gedanken kommen, die ganz verschüttet in mir

waren. Sprich weiter, sprich! ...«

»Ich spreche ja eigentlich nicht ... _du_ bist es ...«

»Ja, und weißt du, ich vergesse ganz, daß ich eine alte Frau bin und ein

krankes Herz habe. In diesem schönen Traume schlägt es so stark wie in der

Jugend.«

»Schlug es stark? Ja,« sagte er in dem halb nachdenklichen, halb

spöttischen Ton, den sie so gut an ihm gekannt hatte, »ja, für allerhand

Kinkerlitzchen -- für den Sultan Abdul Hamid -- für du-Bois-Reymonds

Grenzen des Naturerkennens.«

Sie lachte hell und froh.

»Geradeso sagtest du damals und wolltest, ich sollte mich mit meinen

Gefühlen auf meine Umgebung konzentrieren ... Es lag wohl nahe, auf wen!«

»Glaubst du, daß dir das Schaden an deiner Seele getan hätte? Glaubst du,

daß deine Lebenden von heute zu kurz gekommen wären, wenn? ...«

»Nichts von den Lebenden. Das Leben liegt in diesem Augenblick so farblos

hinter mir. Dieser Traum wird so schnell vergehen, und das Leben ist noch

so lang ...«

»Glaubst du?« fragte er.

»Glaubst du?« klang es wie ein leiser Widerhall in allen Büschen, von allen

Seiten.

Sie drehte sich um.

»Aus dieser Frage kommt es wie ein kalter Hauch,« sagte sie erschauernd.

»Was willst du damit sagen? Sollte mir der Abschied von der Erde so nahe

sein? Willst du _das_ damit sagen?«

»Hast du nicht schon Abschied genommen, als du sagtest, das Leben läge

farblos hinter dir? Schlägt dein Herz, sonst so kraftlos und müde, nicht

stark und jung, wenn du den alten Garten, wenn du mich siehst, und wenn du

alles mit dem vergleichst, was dir da vorn in Tag und Sonne lebt?«

»Wenn ich Kinder hätte,« seufzte sie, »dann ginge ich mit in die Zukunft

und brauchte meine Seele nicht an die Vergangenheit zu haken.«

»Du wolltest ja keine. Was überhaupt wolltest du je mit dem starken Willen,

der schon Tat ist?«

»Bist du wiedergekommen, um mich zu quälen? Glaubst du, ich weiß nicht, daß

ich mich verirrt habe? Zu den Höhen wollte ich ...«

»Und bist in die fruchtbaren Niederungen der guten Diners gekommen, aus

denen Rangordnung die Kraft des Empfindens und Handelns verjagt hat.«

»Ich höre dich sprechen wie einst, ich sehe dich blicken ... ach, wie habe

ich diesen Blick vergessen können? Wie sich die wehtuende Kälte darin löste

-- zu Weichheit, zu Liebe, zu bedingungslosem Aufgehen ...«

»Wunder auch!« sagte er. »Du machtest mir ja damals meine Seele gesund.

Und zweimal gab es in unserm fernen gemeinsamen Leben dieses heiße,

geheimnisvolle Überströmen von Zusammengehörigkeit, das noch keine Weisheit

erklärt hat ... Weißt du? Ruf es dir ins Gedächtnis das erste Mal. Frau

von Stephany hatte Gäste geladen und bewirtete sie in dem Garten. Für

den Hauswirtssohn, dem sie sonst wohlwollte, war diesmal unter den vielen

adligen Verwandten und Freunden kein Platz gewesen. In Erbitterung darüber

hatte ich mich in die Laube, _unsre_ Laube, gesetzt, von wo aus ich

ungesehen alles beobachten konnte. Und ich sah dich mit einem Gefolge von

dreien herumschwirren, sah, wie der alte Wüstling, der Landrat, in falscher

Väterlichkeit deinen Arm drückte und dich um die Taille faßte ... Und ich

hörte dein Lachen, und ich fühlte einen großen Haß gegen dich. Aber da --

wie ich wieder aufsah, standest du ganz allein, mit herabhängenden Armen

und suchenden Augen, und dann kamst du langsam auf mein Versteck zu ... und

wußtest doch nicht, daß ich drin war.«

»Ach, ich hab's dir ja später gesagt -- ich wußte es -- ich weiß nicht,

woher ... Und als ich vor dir in der Laube stand, gaben wir uns die beiden

Hände und sahen uns an.«

»Und da war es -- das selige, glückselige Fühlen -- du und ich -- eins sind

wir -- _eine_ unendliche Welt wir beide -- _ein_ starkes, heißes Gefühl --

über den Worten stehend -- weißt du?«

»Ich weiß, wie ich stumm und erschüttert fortging zu den Gästen, und mich

bewegte und sprach und wußte nicht, wie und was ... Und dann die Nacht

durch saß ich auf meinem Fensterbrett, bis der Morgen zu dämmern anfing,

und fragte mich immerzu: Was war das in der Laube? Was hatte mich da

gepackt? Was ist über mich gekommen? Ich kann doch diesen Mann nicht

lieben, der Jagd auf die Dienstmädchen der Nachbarschaft macht, der über

Ehre und Recht lacht, der keine Gnade hat mit der Schwäche und keine

Achtung vor der Kraft.«

»Von allem war etwas in mir, gerade wie du es dir dachtest. Und heute

weißt du aus Erfahrung: das Leben ist eine Mischung von unendlich Rohem,

Brutalem, Gemeinem und zierlichen Gebilden, die in unschuldiger und

unbegreiflich zarter Schönheit dazwischen aufblühen. Solch ein schillerndes

Ding war jene Minute.«

»Selig, wem sie beschieden war! ... Leben, wo bist du? ... Weiter -- sprich

weiter ...«

»Ich wiederhole es dir -- _du_ bist es, die alle Worte aus mir quellen

läßt. Dem Tode die Hand hinstreckend, empfängst du die Macht, die Toten in

dir zu erwecken und sie zu dir zu rufen -- zum Selbsterkennen -- und zum

Gericht ...«

»Gericht?«

»Welcher Lebende, an den dich schmerzende Fäden binden, könnte richten über

ein Wesen seiner Art, das noch mit ihm im Drang des Wollens, des Kämpfens

und Unterliegens steht?«

»Wir wollen nicht von Kämpfen und Unterliegen sprechen. Nur noch einen

Blick in das Versunkene und Vergessene, ehe ich aufwache. Laß uns davon

reden, wie wir uns wiedertrafen.«

»Drei Jahre später. Über die scheuen und reinen Tändeleien der alten Zeit

hatten sich Erfahrungen aller Art gehäuft ... Auch bei dir ... Weißt du,

wie wir uns am Tage meiner Ankunft zufällig in der kleinen Buchhandlung am

Markte trafen? Wie wir uns mit kühlen Blicken maßen und uns dann doch mit

einem Frohgefühl die Hände drückten?«

»Ja, ja -- und doch störtest du mich und beunruhigtest mich, wo wir

zusammenkamen auch später. Und dazu gab es viel Gelegenheit. Man feierte so

viele Feste bei uns.«

»Niemand wußte, daß wir uns mehr als flüchtig kannten. Und es kümmerte

sich auch eigentlich einer um den andern nicht, aber das Geheimnis unserer

Geißblattlaube koppelte uns aneinander. Und manchmal ohne irgendeine

Veranlassung gab's ein plötzliches Zucken hinüber und herüber, und ein

Wort, ein Blick tauchte in die versteckten Seelen ... War's nicht so? Und

dann kam ja auch wieder ein Sommertag ...«

»Ja, es war wieder Sommer. Du solltest nun bald fort. Oft stand mir das

Herz still, wenn ich daran dachte, aber dann schien es mir auch wieder,

als ob ich mich freuen würde, wenn ich dich nicht mehr zu sehen brauchte --

damit ich endlich zur Ruhe käme.«

»Als eine Art Abschiedsfest für mich war ein Ausflug in den Stadtwald, den

»Wolfswinkel«, verabredet worden ... Man ging zu zweien und dreien durch

reifende Felder, über Wiesen, auf denen Heu ausgebreitet lag. Wir beide

schlenderten zusammen dahin, von diesem und jenem sprechend, dann wurden

wir stiller und stiller, gaben zerstreute Antworten, und zuletzt schwiegen

wir ganz, benommen von Sonne und Sommerduft und hin und her schwirrenden

Gedanken.«

»Mir war ganz verstört und seltsam zumute, und ich wachte aus meiner

Versunkenheit erst auf, als du weit weg von mir warst. Jeder lachte und

sprach nun doppelt so viel mit den andern, und unsere Blicke, die sich

zuweilen streiften, sagten sich: Siehst du, wie wohl ich's mir hier sein

lasse ohne dich.«

»Du trugst eine weiße Rose an deinem blauen Sommerkleid und spieltest

damit. Sie fiel zur Erde.«

»Du sprangst hinzu und hobst sie auf, und unsere Hände kamen zusammen

... Und da war's wieder wie vor Jahren ... Aber jetzt wußte ich, was es

bedeutete ... Ein sekundenlanger heißer Traum voller Sehnsucht, voller

Wonne, voller Glut und Erfüllung ... Du warst ganz blaß, und deine Augen

brannten ... Keiner merkte etwas -- die jungen schwatzten und liefen

durcheinander, und die alten saßen auf den langen Holzbänken und waren mit

sich beschäftigt.«

»Und wir standen mitten darunter und doch auf einer außerweltlichen Insel,

an der berghohe Wellen heißesten Sehnens brandeten. Unter all dem zahmen

Hausgetier zwei wilde Vögel, denen die Natur ein brausendes Lied von der

höchsten Lebensvollendung in die Herzen schrie ...«

»Still -- still -- ich hab's nie wieder gehört.«

»Dann liefen wir auseinander und machten die kindlichen Scherze und Spiele

der anderen mit und sorgten dafür, daß wir uns nicht trafen.«

»Bis der Abend kam und ein glücklicher Zufall uns für den Heimweg

zusammenführte. Erst sagtest du viel Böses und Höhnisches über den Zwang

der öden Stunden -- dann --«

»Deine Hand in meiner, jede mit Zucken sich wehrend, so gingen wir über das

Waldmoos, den anderen weit voran ... der Mond stand groß und rötlich hinter

der alten heiligen Eiche ... ein feuchtschwerer Nachtwind raschelte durch

ihre Blätter ... die alten Heidengötter sprachen.«

»_Du_ sprachst ... _du_ ... deine Worte brannten. Ein Glück so voller

Glut, daß seine Seligkeit in den göttlichsten Schmerzen ersterben muß.

Vernichtung des Menschen und Aufwachen des Gottes. Wo hast du die Töne

hergenommen, woher quollen diese Worte, die mich mit Entsetzen und Wonne

durchschüttelten?«

»Ich glaubte, du wärest eine Feuerseele, aber du warst nur ein zahmes

Hausfrauenseelchen. Du ersticktest den kleinen Widerhall, den meine Glut

in dir löste, du warfst dich nicht dem verschuldeten Referendar in die Arme

und sagtest: Sturm, nimm uns und trag uns fort, gleichviel wohin ... Du

starrtest zitternd in die raschelnden Bäume am Wege und horchtest schon

halb auf die näherkommenden Schritte des biedermeiernden Justizrats und des

langen Erwin ... die Schritte deines Schicksals ...«

»Ja ... ist es denn ein so schlimmes geworden? Habe ich Erwin nicht

liebgehabt? Bin ich nicht glücklich gewesen? Hab' ich nicht lachen und

weinen können, als ich noch nicht müde war? Hab' ich an dich und all die

tollen Sehnsüchte und Träume gedacht, die du in mir erwecktest und die doch

sterben mußten?«

»Sie sind nicht gestorben. Sie schliefen nur in dir, wie ich. Solange das

Leben fließt und die Alltagswellen darüberströmen, so lange schläft das

Unterdrückte, das Innerste. Aber es kommt der Tag, an dem der Strom einen

anderen Lauf nimmt und den Lebenswillen nicht mehr trifft, es kommt die

Stunde, die euch in den Schattenweg führt, wie eben dich. Dann wacht das

auf, was widerrechtlich zum Schweigen gebracht war, und es ruft stärker

und stärker, bis es uns Tote in euch auferweckt ... dann stehn wir mit

der vergewaltigten Natur zusammen richtend vor euch und heulen euch in die

Ohren: »Was habt ihr aus euerm Leben gemacht? -- -- --«

Mit einem hellen Schrei sprang die Frau auf.

Es war niemand da -- alles leer, nur die Sommerblumen lagen verstreut um

sie herum.

Das Blut jagte mit tausend Stichen durch ihren Körper, das kranke Herz

flatterte, ein eisiges Grauen kroch über sie hin und verzehrte ihre

Gedanken. Sekundenlang stand sie da und starrte um sich. Aber es blieb

alles totenstill in der grünen Dämmerung. Nur der Specht hämmerte in der

Ferne ... Da stürzte sie den dunkeln Weg zurück, über Wurzeln stolpernd,

mit versagendem Atem, bis zu dem Waldeingang, wo in der leuchtenden Sonne

der Heilige das Tal bewachte.

»Sonne, Leben ... haltet mich, behaltet mich!« stöhnte die Erschöpfte und

sank bei dem Bildnis in die Knie ...

»Welche Wirrnis, welches Grauen!« dachte sie, sich allmählich beruhigend.

Diese verschollene kleine Liebesgeschichte! Wie ein Todesgruß!

Und doch -- erhob sich in allem Fürchten und Verwundern nicht schon wieder

eine schwache Stimme, die sie in das Versunkene zurücklocken wollte, dem

sie eben in Todesangst entflohen war?

»Is Ihna net recht?« fragte da ein altes Weibchen, das mit seinem

Rückenkorb den Weg heraufkam. »Se schaun aber schlimm us!«

Die Frau nickte ihr mit mühsamem Lächeln zu. »Es geht schon, ich habe mich

übermüdet und war im Wald da eingeschlafen.«

Das Weibchen schüttelte den Kopf.

»Oh, oh, das is aba nimma gut in den sprindigen, kalten Wald. Wenn ma kann,

soll ma schon in de Sonn bleibe.«

Und sie ging langsam weiter.

»Ja, solange man kann, soll man in der Sonne bleiben,« dachte die Frau, von

heißen und kalten Schauern überrieselt.

Und dann schlich sie mit stechend schlagendem Herzen den lieblichen Weg

hinab zu ihresgleichen -- Menschen, die lebten und atmeten. Wie heute auch

sie noch.... Heute noch! ...

G. Pätz'sche Buchdr. Lippert & Co. G. m. b. H., Naumburg a. d. S.

[ Hinweise zur Transkription

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Da Absatzeinzüge fehlen,

ist die Absatzbegrenzung teilweise nicht eindeutig.

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_gesperrt_ : =Antiqua= .

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich

uneinheitlicher Schreibweisen, mit folgenden Ausnahmen,

Seite 14:

"nächttigen" geändert in "nächtigen"

(über seiner machtvollen nächtigen Schönheit)

Seite 14:

".." geändert in "..."

(Schwester Marie ist nicht da ...)

Seite 17:

"Re-,gierungsrat" geändert in "Regierungsrat"

(der aber damals noch Regierungsrat war)

Seite 34:

"«" hinter "unterwarf." entfernt

(daß etwas in mir sich ihm unterwarf.)

Seite 43:

"«" eingefügt

(Gestern mit Ihrem Vater, und ...«)

Seite 64:

"«," geändert in ",«"

(»Ich wollte doch in die Prangsche Apotheke,« stammelte er)

Seite 73:

"«" eingefügt

(wir erkennen uns nicht mehr ...«)

Seite 86:

"«" an das Satzende verschoben

(wenn Herr Hauptmann mich noch beurlauben könnten ...«)

Seite 89:

"«" eingefügt

(jedermann weiß, wess' Geistes Kind sie ist ...«)

Seite 90:

"." eingefügt

(edle Hunde gnadenlos niederknallte.)

Seite 91:

"näherlageu" geändert in "näherlagen"

(obgleich ihm doch andere Gedanken näherlagen.)

Seite 92:

"Einqartierungsgäste" geändert in "Einquartierungsgäste"

(Adalisa von Terkuhn erwartete die Einquartierungsgäste)

Seite 111:

"«," geändert in ",«"

(»Jungfräuliche Königin,« entfuhr es dem Hauptmann)

Seite 114:

"«?" geändert in "?«"

(und seiner Eiche?« fragte sie)

Seite 123:

" ...«" eingefügt, die Textzeile endet im Original unvermittelt

(Dein Sklave will ich ...«)

Seite 138:

"«" eingefügt

(Käthe ist nun also ganz bei dir, schreibst du? ...«)

Seite 147:

"," eingefügt

(Ein dunkles Bild, von laufenden Abendschatten überhuscht)

Seite 165:

"«" eingefügt

(»das war wirklich ... ich? ...«)

Seite 169:

"Exzellens" geändert in "Exzellenz"

(dem lahmen Mädchen für Exzellenz Berens)

Seite 185:

"»" eingefügt

(»Aber? Nun? ...«)

Seite 197:

"Haltestellte" geändert in "Haltestelle"

(an der Haltestelle der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche)

Seite 204:

"," eingefügt

(so viel erlebt und erfahren, Schlimmes und Gutes)

Seite 205:

"«" eingefügt

(und schließlich auch _mich_ so? ...«)

Seite 208:

"«" eingefügt

(Denkst du daran? ...«)

Seite 211:

"«," geändert in ",«"

(»Ich sterbe, wenn du nicht schweigst,« unterbrach)

Seite 217:

"«" eingefügt

(das unsere Jugend uns beschert hat und ...!«)

Seite 223:

"unb" geändert in "und"

(sprach und wußte nicht, wie und was)

Seite 235:

"«" hinter "warst." entfernt

(als du weit weg von mir warst.)

Seite 235:

"«" eingefügt

(wie wohl ich's mir hier sein lasse ohne dich.«) ]

An geöffneter Tür · 第 16 / 16 题