Unter gleichem Winde

Gerade als die buntfarbigen Laternen in der nebeligen Dämmerung des

Novemberabends die ganze Tauentzienstraße hinunter unnatürlich

groß aufflammten, sprang eine Dame an der Haltestelle der

Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche von einem Wagen der =A=-Bahn, ehe er noch

vollständig stillstand. Ein großgewachsener, hagerer Herr, der anscheinend

mitfahren wollte, kam in ihren Weg und streckte höflich den Arm aus, um sie

zu stützen. In der Heftigkeit des Sprunges aber taumelte sie gegen ihn, und

eine aus dem Mantel herausfliegende Lorgnonkette hängte sich so fest an den

Knopf seines Überziehers, daß er sie nicht schnell genug losmachen konnte

und den Wagen, den er hatte benutzen wollen, vorüberfahren lassen mußte.

»Pardon -- wie ärgerlich!« sagte die Dame und zog an der Kette.

»Wollen gnädige Frau vielleicht bis zum Schaufenster dort treten, damit wir

in dem helleren Licht die Schnur, oder was es ist, lösen können, ohne sie

zu zerreißen?«

Die Dame fuhr zusammen und sah ihm ins Gesicht. Sie hatte eine kleine und

zierliche Gestalt, rasche, lebendige Bewegungen, und ihre Farben schienen

hinter dem Punktschleier jung und rosig, aber die Art ihrer eleganten

Straßenkleidung zeigte doch auf den ersten Blick, daß sie mehr auf Würde

als auf Jugendlichkeit Anspruch zu machen hatte.

Sie standen nun in der strahlend weißen Beleuchtung der Tapetenhandlung

und sahen einander an, ohne an die Kette zu denken, prüfend und voll

ängstlichen Staunens.

»Ist das möglich,« sagte die Dame leise und riß mit einem Ruck ihre Kette

los, »Doktor Ender?«

Er hob den Hut und fuhr sich über die kahle Stirn. »Ja, gewiß. Und Sie?

Wie ich Sie zu nennen habe, weiß ich nicht einmal. Man hat mir vor Jahren

erzählt, daß Sie sich nach dem Tod von Major Splettner wieder verheiratet

haben.«

An geöffneter Tür · 第 13 / 16 题