»Soll ich Auto besorgen?«
Sie nickte, achtete nicht darauf, wie lange sie wartete, und bemerkte auch
das verwunderte Kopfschütteln des Portiers nicht, als sie ihre Adresse
angab.
Die Augen fielen ihr zu, und sie fuhr aus dem Dämmerzustand erst auf, als
der Wagen vor dem Hause in der Bendlerstraße hielt.
Wie im Schlaf ging sie hinauf, vorbei an der treuen Lina, die ihr beim
Ablegen helfen wollte, und in ihr grünes Zimmer.
Eine beklemmende Angst nahm ihr den Atem. Sie wußte nicht mehr, wo sie war.
Sie konnte nicht mehr Traum und Wirklichkeit unterscheiden -- nicht mehr
Leben und Sterben ...
Ja ... das blühende Leben hatte die Tür vor ihr zugeschlagen und ihr Kind
im Arm davongetragen, und sie ... sie stand hier ganz allein, ganz fremd.
Sie brauchte etwas, um sich daran zu halten ... denn sie fiel um ...
irgendwohin in die Finsternis ... Aber da war nichts ... kein Mensch ...
kein Ton ... kein Bild ... Nur Schönheit, bunter Farbenzauber, fremdes
Gerät, an das sich kein Erleben knüpft ...
... Doch! ... Der Matrosenkopf stand noch von vorhin auf dem kleinen
Tischchen neben der Chaiselongue und grinste ...
Nach ihm streckte sich ihre Hand aus.
Da fiel er zur Erde, gegen ein bauchiges Bronzegefäß, und zerbrach in ein
paar große Stücke ... Frau Erika griff voll Entsetzen nach dem einen -- es
war ein Ohr, mit dem blanken Ohrring darin --, dann warf sie sich auf die
Chaiselongue und fing fassungslos zu weinen an.
Nicht, wie ein Mensch weint, dem ein großer Kummer das Herz getroffen hat.
Es war ein Winseln, wie das des müden Windes draußen, der die grauen Wolken
nicht verjagen konnte. Ein jammervolles, grauenhaftes Weinen.
Die treue Lina beugte sich verständnislos zu der Liegenden.
»Fehlt der gnädigen Frau etwas?«
»Mein einziges, ... mein letztes« ...
Nur eine matte Handbewegung nach den Scherben am Boden.
Achselzuckend sah die Jungfer darauf nieder.
»Beruhigen sich gnädige Frau doch ... gnädige Frau schaden sich. Herr
Doktor ist auch schon zu Hause und kann jeden Augenblick hereinkommen« ...
Das jammernde Weinen hörte nicht auf. Leise und eintönig klagte es weiter.
Die treue Lina stand ratlos daneben und ließ in Gedanken die im Hause
verkehrenden Herren an sich vorübergehen.
So irgendeine heimliche Geschichte mußte doch dahinter stecken! ... Was
konnte nur geschehen sein? ... Sie hatte schon immer gedacht ... diese
Stillen ... Ob sie nun nicht doch den Herrn rief?
Da schlug matt draußen das Telephon an.
Sie ging schnell hinaus und nahm mit überraschtem Aufschrei die Meldung
entgegen.
Dann klopfte sie, nachdem sie die Bluse zurechtgerückt und den Rock über
den Hüften heruntergestrichen hatte, an die Arbeitszimmertür des Herrn
=Dr.= Lohrer.
Diese Stunde nun war die, in der er durchaus ungestört zu sein wünschte, --
in der er die Geschäftsdispositionen für den übernächsten Tag ausarbeitete,
-- in der allein er auch vor sich selbst alle ästhetischen und
gesellschaftlichen Rücksichten wegwarf und seiner eigentlichen Natur die
Zügel schießen ließ.
Sogar die treue Lina hatte um diese Tageszeit doppelt tadellos zu sein,
wenn sie, im Notfall, ihn an seinem Schreibtisch aufsuchen mußte.
Heute trat sie etwas hastiger ein als sonst.
»Darf ich Herrn Doktor stören?«
»Zum Kuckuck ... nein! Was gibt's? ...«
»Gnädige Frau liegt auf der Chaiselongue und weint ganz furchtbar.«
Doktor Lohrer drehte sich auf seinem Stuhl um. »Und?« ... fragte er eisig.
»Sie sagt, weil sie den gräßlichen Puppenkopf zerschlagen hat ... Aber ...«
»Aber? Nun? ...«
Die treue Lina trat einen Schritt näher:
»Aus der Eichstädter Straße telephoniert man eben ... die gnädige Frau ist
in der Wohnung gewesen, -- und es scheint, -- sie hat den Bubi fortnehmen
wollen ...«
Doktor Lohrer sprang auf.
Seine hohe, schlaffe Gestalt streckte sich, und sein schmales Fuchsgesicht
bekam den gefürchteten Raubtierausdruck.
»Hallo!!«
Und er ging unverwandt in das Zimmer seiner Frau.
Der Anblick, der sich ihm bot, war nicht geeignet, seine Empörung über
die verbrecherische Geschmacklosigkeit, von der er eben erfahren hatte, zu
besänftigen.
Frau Erika lag mit verschobenen Kleidern, noch in Hut und Mantel,
mit niedergesunkenem Kopf über der Chaiselongue und winselte wie ein
gepeinigtes Tier.
»Erika,« ... rief Doktor Lohrer in fassungslosem Zorn.
Sie rührte sich nicht.
Er rüttelte sie an den Schultern. Der Körper gab nach, aber sie öffnete die
Augen nicht, aus denen unaufhörlich die Tränen hervorquollen.
Er griff nach der herabhängenden Hand. Sie war behandschuht, aber er fühlte
die Glut durch das Leder. --
Es war keine Frage, -- seine Frau fieberte. Sie war krank, kränker leider,
als sie es in Anbetracht der morgigen Sitzung im Unterrichtsministerium und
der gesellschaftlichen Aussichten, die sich für den Winter daran knüpften,
sein durfte. Und es war auch nicht an der Zeit, um Taktlosigkeiten, die in
solchem Zustande begangen worden waren, zu rechten.
Mit Hilfe der treuen Lina wurde Frau Erika der Straßenkleidung entledigt.
Eine sanfte Gewalt mußte angewandt werden, als die Hand, die den Scherben
des Matrosenkopfes fest umklammert hielt, von dem Handschuh befreit werden
sollte.
Dann erst durfte nach dem Arzt telephoniert werden.
»Wie konnten Sie die gnädige Frau in einem solchen Zustande ausgehen
lassen?« ... schrie Doktor Lohrer die treue Lina an.
Sie wollte aufbegehren. Aber ein Blick in das verbissen grübelnde Gesicht
und die zornigen Augen belehrten sie, daß dies im Augenblick unangebracht
war.
»Gnädige Frau ist doch nicht leicht zu beeinflussen ... bei aller Güte ...«
wagte sie zu bemerken. »Auch mit dem häßlichen Porzellankopf ...«
Er winkte abwehrend.
»Telephonieren Sie sofort nach der Eichstädter Straße, daß das, was Sie
vorhin sagten, unbedingt ein Irrtum sein müsse ... die gnädige Frau läge
mit hohem Fieber zu Bett ... Ich lasse das sagen ... verstehen Sie? ...«
Natürlich verstand die treue Lina und richtete die Bestellung aus, während
Doktor Lohrer, peinlich erregt, neben seiner zusammenhanglos murmelnden
Gattin den Arzt erwartete. -- -- -- -- --
Es war eine doppelseitige Lungenentzündung, bei dem schwachen Herzen
und der zarten Konstitution der Kranken von vornherein eine böse, fast
aussichtslose Sache.
Herr Doktor Lohrer stand anfangs ungeduldig und voller Erbitterung
und Staunen an dem Bette seiner Frau und spielte in Gedanken mit allen
Möglichkeiten -- aber er spielte.
Daß das Äußerste in Wirklichkeit eintreten könnte, fiel ihm noch nicht
ein zu glauben. Noch empfand er, was geschah, als eine ihm zugefügte
Beleidigung, sogar als die Lage schon fast hoffnungslos war.
Der harte Kampf dauerte länger, als man gedacht hatte. Der ganze Apparat,
der der Krankheit zu Leibe geht, wenn sie in ein reiches Haus eingebrochen
ist, war in Tätigkeit.
Der Wagen des berühmten Spezialisten hielt morgens, mittags und abends
vor der Tür. Der vornehme Hausarzt wich kaum von dem Krankenlager, und
ein jüngerer Kollege war zur Hand, wenn er seiner anderen Praxis nachgehen
mußte.
Im Krankenzimmer selbst waltete eine barmherzige Schwester mit trüben
Augen und fest zusammengezogenem Munde ihres Amtes. Was die Medizin an
Hilfsmitteln geben konnte, war in Anwendung, aber das Fieber, das an dem
zarten Körper fraß und schüttelte, übertrumpfte alle Sorgfalt, alle Bäder
und alle Medikamente. Atemnöte und Beklemmungen füllten die langen, bangen
Stunden ... und wenn die Temperatur nur ein weniges zurückging, wollte das
Herz seinen Dienst nicht mehr tun.
Nach mühseligem Kampf gegen die zunehmende Schwäche kam der Augenblick,
in dem die Ärzte andeuteten, daß man, wenn nicht ein Wunder geschähe, in
kurzem auf das Schlimmste gefaßt sein müßte ...
Herr Doktor Lohrer, der seinen vollen Anteil an der Pflege aufopfernd
Tag und Nacht getragen hatte, nahm die Botschaft stumm und mit gebotener
Fassung entgegen und achtete nach wie vor auf die peinlich genaue
Ausführung der ärztlichen Anordnungen.
Inzwischen lief er ruhelos zwischen dem Krankenzimmer und seinem
Schreibtisch hin und her.
Auf einer dieser Wanderungen, nachdem er minutenlang das arme zuckende und
gedunsene Gesicht der Sterbenden kummervoll betrachtet hatte, ging er zu
dem Marmorporträt in seinem Zimmer hinüber, das vor zwei Jahren in Brüssel
Lambert von ihr geschaffen hatte.
Aus dem, wie es die Mode betont, teilweise roh gebliebenen Marmor, hob sich
das feine Köpfchen Erikas mit dem überzarten Halsansatz. Ein träumerisch
scheues Lächeln, eine kleine melancholische Ironie belebten die
regelmäßigen Formen.
Ja, _das_ war die Gattin von Lovis Lohrer, das war das Bild der Frau, die
seinem schönen Hause den Stempel zartester Ästhetik aufgedrückt hatte,
das war das Bild, vor dem er erleichtert aufatmete. Von dem der armen
Leidenden, die schmerzentstellt, Vernichtung in den verzerrten Zügen, da
drüben kämpfte, wendete sich etwas ihm ab ...
* * * * *
Draußen kroch der Tag langsam und grau heran.
Da hörte auf dem Sterbelager das stoßweise Atmen und Röcheln plötzlich auf.
Die Schwester schreckte zusammen und beugte sich über ihre Kranke.
Die lag, plötzlich weiß und schmal geworden, mit großen, schimmernden Augen
da.
Die Schwester trocknete ihre feuchte Stirn und nahm ihre Hand.
»Muß ich sterben?« flüsterte Frau Erika heiser, an der Pflegerin
vorüberblickend.
Die sah sich mit scheuem Auge um, und als auch im Nebenzimmer alles still
blieb, sagte sie feierlich und laut:
»Ja! ... Wir wollen beten!« ...
Frau Erika antwortete nicht.
Sie richtete sich mühsam auf und flüsterte Unverständliches vor sich hin.
»Das ist ja alles nicht wahr,« sagte sie dann plötzlich ganz klar. »Wenn
ich leben bleibe, dann will ich wirklich ... wirklich ... nicht bloß zum
Schein ... nicht hindämmern« ...
»Nach der Dämmerung bricht der leuchtende Tag des Herrn an,« sagte die
Schwester, »der leuchtende Tag, der Tag der Erlösung. Der Friede ...«
»Finster ... Finster ...« ächzte Frau Erika und griff mit zuckenden Händen
um sich.
Dann taumelte sie in den Abgrund, in dem Schein und Sein versinken.
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In dem kleinen Wintergarten, der sich an das grüne Wohnzimmer schloß, unter
weißen Rosen und weißem Treibhausflieder ruhte nun die Herrin dieser Räume
noch eine kleine Stunde, ehe sie unter die verschneite Erde gebettet wurde.
In einer Stunde nämlich versammelte sich der Bekanntenkreis, und dann kam
auch der Geistliche, die Verstorbene für die letzte Fahrt einzusegnen,
die sie nach der thüringischen Heimatstadt antreten sollte, um neben ihrem
Kinde zu schlafen, wie sie es wohl gewünscht haben würde, wenn ihr in ihrem
geräuschvollen Leben der Gedanke an ewige Ruhe je gekommen wäre.
Herr Doktor Lohrer ging durch alle Räume, um mit dem Blick des Herrn
festzustellen, ob alles der Sachlage und seinen Anordnungen gemäß auf der
Höhe wäre.
Zuletzt kam er in den Wintergarten und warf einen prüfenden Blick auf die
Tote, deren leise Stimme noch in diesem Raum zu klingen schien.
Er hatte sich mit dem Ungeheuerlichen, das über ihn hergefallen war,
als Mann von Selbstbeherrschung äußerlich abzufinden gesucht. Aber seine
Gestalt sah sehr zusammengefallen und das Fuchsgesicht spitz und gelb aus.
Er schloß einen Augenblick die Augen, deren Lider rot und geschwollen
waren. Als er sie wieder öffnete, fiel ihm die rötliche Orchidee in den
starren Händen der Ruhenden auf, und er überlegte, ob dieser einzige
Farbfleck die Harmonie des weißgrünen Bildes herabsetzte oder erhöhte.
Er bemerkte auch, daß irgend etwas um das holde, friedvolle Gesicht nicht
stimmte, es leer scheinen ließ ... Natürlich! Wie hatte er es übersehen
können! Die weiße Locke, die viel bewunderte, fiel ja nicht in die Stirn
wie im Leben. Der Friseur hatte sie ungeschickterweise versteckt. Er fuhr
mit spitzen Fingern in das Haar und zog sie vor.
Aber sie hatte das Flockige verloren und lag rauh und ohne Glanz da.
Welch ein Glück, daß er im letzten Augenblick das noch ändern konnte!
Er rief nach der treuen Lina, die in angemessener Trauerhaltung nach kurzem
Schaudern mit der Brennschere die gewohnte Ordnung herstellte.
Den scheuen Blick, mit dem sie aus zitternden Lidern ihren Herrn streifte,
bemerkte er nicht.
Er winkte ihr, hinauszugehen, und dann nahm er doch die blaßrote Orchidee
fort, die »wie ein Tropfen Lebensblut das Bild des Todes in seiner
Absolutheit störte.« So dachte er.
Er legte sie auf den Kübel der Latanie, die sonst über die Chaiselongue im
Nebenzimmer ihre großen Blätter hängen ließ ...
Die Blume fiel auf einen Scherben, ein rotes Ohr mit einem blanken
Ring darin. Vor einigen Tagen hatte man ihn der fieberglühenden, jetzt
erstarrten Hand entrissen und ihn auf den Platz geworfen, auf dem er
achtlos liegen geblieben war.
... Und nun konnte die Trauerfeier vor sich gehen. Die Wachskerzen, die
Doktor Lohrer selbst anzündete, legten ihren klaren, gelblichen Schein auf
ein Bild von unbeschreiblicher, ruhevoller Schönheit und Poesie.
Er stand davor voller Bewunderung und Rührung. Mit einem Gefühl von
Dankbarkeit streichelte er die eisigen Hände und rechnete in Wehmut und
Güte mit der Toten ab.
»Sie hat ihren Zweck erfüllt ... sie war der Schmuck meines Lebens ...
Vielleicht durfte sie nicht hinwelken ... um mir ein unvergeßliches Bild
zu hinterlassen ... Aber auch ich hatte sie weich gebettet nach ihrem
traurigen Jugendschicksal ... in Glück und Glanz ... Nicht jeder ... aber
gleichviel ... es ist hart ... bitter hart ...«
Nach einem letzten trüben Blick auf die Ruhende richtete Doktor Lohrer sich
straff auf und dachte an seine Pflicht.
Aus den Nebenräumen drang Stimmengemurmel. Er schob den Vorhang zur Seite
-- -- und mit noch feuchten Augen, war das erste, was er leise befriedigt
wahrnahm --, der weiße Spitzbart des Unterrichtsministers ...