»Grauenhaftes Wetter ... Nichts passiert?« ...
»Gnädige Frau hat Besuch.«
»Besuch? ... Jetzt? ... Die gnädige Frau empfängt doch nur Dienstags ...
Und mit ihrer Erkältung! ... Wer ist's denn?« ...
»Eine ... Dame ... Sie trägt Reform ... Das ... das ist ihr Regenschirm.«
Sie wies auf einen nassen, nichts weniger als eleganten Schirm, der in der
Garderobe stand.
»Teufel auch ... also eine Bettelei ... Aber Lina! Besser aufpassen! Die
gnädige Frau ist viel zu unwohl, um sich Strapazen mit Fremden auszusetzen.
Das wissen Sie doch ...«
Die treue Lina schüttelte den Kopf.
»Gnädige Frau machte eben die Salontür auf, als ich öffnete, und nahm
das Fräulein selbst in Empfang. Es scheint gar keine Fremde. Ich hatte im
Nebenzimmer das Fenster zu schließen ... die Damen sprachen sehr laut von
Ostpreußen, und die gnädige Frau war auch sehr lebhaft ...«
Herr Doktor Lohrer sah nachdenklich vor sich hin und ging dann
achselzuckend fort sich umzukleiden, während die treue Tina im Nebenzimmer
_noch_ ein Fenster schloß.
In dem kleinen, grünen Salon, einem von berühmter Künstlerhand auf
die Erscheinung der Hausfrau gestimmten Raum, saßen in wahrer
Treibhaustemperatur und in einer von einer Fülle mattfarbiger Chrysanthemen
überhangenen Ecke -- Frau Erika blaß, fröstelnd und hustend, mit ihrem
Besuch, einem frischen, blondhaarigen Mädel in braungrauem Hängekleid.
Frau Erika hörte meist zu, sprach aber, wenn sie etwas sagte, mit mehr
innerem Anteil, als es sonst in ihrer Art lag.
Kein Wunder ... Das Mädchen war die jüngste Tochter eines Hauses, in dem
vor Jahren, als die Eltern noch lebten, die junge Erika in Jugendfrohsinn
und Glückstraum unvergeßliche Tage verlebt hatte.
Jene Beziehungen waren längst abgebrochen. Die befreundete Familie
auseinandergestoben, und die damals sechsjährige Kleine lebte allein hier
in Berlin und studierte Musik.
Die bittere Not einer erkrankten Studiengenossin hatte sie nach langem
Überlegen veranlaßt, das Lohrersche Haus aufzusuchen und die Hilfe der
Frau zu erbitten, deren Name unter keiner der glänzenden
Wohltätigkeitsveranstaltungen fehlte.
Die Angelegenheit war, nachdem Frau Erika sich von dem ersten Staunen
erholt hatte, rasch erledigt. Der lungenkranken Patientin sollte geholfen
werden. Nun waren in raschem Gespräch, dessen Kosten Fräulein Marta trug,
vergessene Namen, verschwundene Gestalten, an deren Wiederkehr sie nie
gedacht hatte, in Frau Erikas Erinnerung aufgetaucht, und ein Schimmer der
untergegangenen Jugendsonne begann hier und da aufzuglänzen.
Sie vergaß darüber die quälende Influenza, die sich steigernden Schmerzen
beim Atmen und hörte mit träumerischem Interesse zu.
»Ja und wissen Sie, gnädige Frau,« sagte das junge Mädchen mit ihrem stark
ostpreußischen Tonfall, »was ich auch nie vergessen habe? ... Wie Sie
damals, vor unserem Ball in die Kinderstube kamen ... noch nicht angezogen,
in einem weißen Spitzenunterrock und langem Frisiermantel ... Ganz
toll lustig waren Sie und sangen: »Da kam aus dem Wasser ein großes
Krokodil ...« Und wie es weiterging: »Galopp, Menuett und Walzer, wer weiß,
wie das geschah!« ... Da nahmen Sie mich auf den Arm, und wirbelten mich
durch die ganze Stube ... und da bekamen Sie so das Lachen, daß wir beide
hinfielen und gar nicht mehr aufstehen konnten!« ...
»Ich? ...« sagte Frau Erika verwundert ... »das war wirklich ... ich? ...«
»Na ja, freilich!« lachte Fräulein Marta, »der feine Schlußrefrain ist
mir ja dann auch Leitmotiv geworden: »Gelobet seist du allezeit, Frau
Musika! ...«
»Ja richtig ... Sind Sie denn schon weit? ... und wo studieren Sie
eigentlich?« ...
Da erzählte Fräulein Marta, und ihr glühendes Gesicht fing an zu strahlen.
Sie liebte ihre Kunst und ihre Arbeit ... Ach, wie heiß sie sie liebte! ...
»In all dem knappen Leben ... ostpreußische Gutsbesitzer ... Sie wissen ja
... und wir waren sechs Geschwister ... aber man freute sich doch auf jeden
neuen Tag ... Wenn man mal ein Mittagessen überschlug, hatte man eine Mark
für ein Busoni- oder d'Albertkonzert und konnte sich dann gar träumen, daß
man an ihrer Stelle steht ... Überhaupt, wie war das wundervoll! ... Von
einem Traum immer in den anderen geworfen ...«
Frau Erika lächelte beklommen und hustete.
Das junge Mädchen stand auf.
»Ich habe Ihre Güte zu lange in Anspruch genommen, gnädige Frau ... Sie
müssen sich pflegen, zu Bett gehen, Aspirin nehmen ... verzeihen Sie! ...«
»Nicht doch, liebes Fräulein. Ihr Besuch ist mir sehr lieb gewesen. Sie
haben mir einen so frischen Wind hereingebracht ... und dann all die
Erinnerungen ... Sie müssen wiederkommen ...«
»Gern, wenn ich darf,« sagte Fräulein Marta und drückte die Hand, die sich
ihr entgegenstreckte.
»Telephonieren Sie aber vorher,« bat Frau Lohrer, »ich bin so viel aus.«
Sie geleitete sie bis auf die Diele und küßte sie auf die pralle, frische
Backe, was die treue Lina, die die Außentür öffnete, staunend und mißfällig
bemerkte.
Frau Erika wurde rot und ging schnell in ihr grünes Zimmer zurück.
Eben steckte Doktor Lohrer den kurzgeschorenen, blonden Fuchskopf zur Tür
herein.
»Die Luft rein?« fragte er. »Was bedeutete denn das? ... Das war ja die
unverfälschteste Robert-Johannes-Vorstellung ... Und nach nassen Kleidern
und Schmierstiefeln hat dein Besuch auch gerochen ...«
»Oh ... ich bitte dich ... es war ...« Und nun erzählte Frau Erika ihrem
Mann, sehr heiser, aber mit einer Spur von Freude im Ton, von dem jungen
Mädchen aus der vergessenen Heimat. Herr Doktor Lohrer hörte schweigend zu
und sagte dann:
»Peinlich! ... hoffentlich kommt sie nicht wieder ... Sie soll jedenfalls
nicht angenommen werden ...«
»Ja, warum nicht? Ich will sie gerne wiedersehen, und ich habe sie
eingeladen! ...«
»Aber ... aber! Unbesonnen bis zum Übermaß,« tadelte Herr Doktor Lohrer
sanft. »Verzeih', liebes Kind ...«
»Ja, erkläre mir ...«
»Nun, findest du es angenehm ... wenn vergangene Geschichten ... ich möchte
nicht undelikat sein, aber ... verzeih' ... es läuft noch mancher in der
alten Gegend herum, der durch deines Vaters ... sagen wir ... Versehen ...
um Haus und Hof gekommen wäre -- wenn ...«
»O! ...«
Frau Erika seufzte schwer.
»Nun, nimm es nicht wieder tragisch, Liebe,« sagte er beruhigend. »Es
ist ja alles geordnet. Aber ich meine doch, gerade jetzt --, wo wir eine
Position zu erhalten -- eine noch höhere zu erwarten haben ... muß man
vorsichtig mit allem sein, was nicht ganz durchsichtig -- nicht ganz ...«
»Ich bitte dich ... laß das ... du hast recht ... sicher ... aber ...« ein
heftiger Hustenanfall unterbrach sie.
»Nun, siehst du ... ich weiß es ja, daß wir immer einer Meinung sind,
liebes Kind ... Übrigens siehst du schlecht aus ... und dein Husten ist
auch nicht besser. Ob wir nicht gut daran tun, auf die Philharmonie heute
zu verzichten?«
»Sicherlich,« sagte Frau Erika. »Ich fühle mich gar nicht frisch.«
»Und übermorgen, für die Sitzung im Unterrichtsministerium, mußt du es
ja unbedingt sein, liebes Herz. Das ist für den ganzen Winter von großer
Tragweite ... Die Erkundigungen wegen der verschämten Armen, die du
Exzellenz Berens abgenommen hast, sind erledigt, nicht? ... Du weißt, daß
du Exzellenz übermorgen triffst? ...«
Frau Erika nickte.
»Bis auf eine,« sagte sie tonlos ... »Du bist sehr gut, daran zu denken.«
Er strich leicht über ihr Haar und zog mit spitzen Fingern die weiße Locke
tiefer in die Stirn.
»Abends werde ich dann allein etwas unternehmen, wenn du einverstanden bist
... Die Philharmonie lasse ich auch ...«
Natürlich war Frau Erika einverstanden, und die treue Lina telephonierte
einen zusagenden Bescheid des Herrn Doktor nach der Eichstädter Straße.
... Als der Abend gekommen war und eine fast fühlbare Stille über den
Räumen lag, in denen eine feingestimmte Beleuchtung die Farbenzauber des
Tages geheimnisvoll vertiefte oder verschwimmen ließ, ging Frau Erika, das
ungewohnte abendliche Alleinsein unbewußt genießend, in der Zimmerflucht
hin und her.
Ihre Gedanken wanderten erst in den gewohnten Geleisen:
... Bazar für das Säuglingsheim ... Toilette dazu ... Anprobe ... Sie
sah in ihrem Notizbüchelchen nach, wann? ... zwei =five o'clocks= ... die
Erkundigung nach dem lahmen Mädchen für Exzellenz Berens ... Neue Franzosen
bei Cassirer ... Zwölf-Personen-Diner im Hause ... Das alles tauchte kraus
durcheinander in ihren Überlegungen auf.
Aber sie war dabei voller Unruhe, und wahrscheinlich fieberte sie, -- denn
mitten in diesen notwendigen und auch wichtigen Tageseinteilungen glaubte
sie beständig die Stimme ihres Vormittagsgastes zu hören, die sehr laut
geklungen haben mußte ... Daher wohl auch die Eindringlichkeit der Worte,
die schließlich doch nichts anderes gewesen waren, als der Ausdruck
erwartungsvoller Lebensfreude, -- wie sie selbst sie vor Jahren hätte
aussprechen können ...
Damals ... als sie das Studentenlied von dem lustigen Musikanten gesungen
hatte ... wenn sie das wirklich gewesen war ...
Sie versank in Grübeln und Brüten, und verscheuchte Erinnerungen rangen
sich zaghaft wieder hervor.
... Jetzt ein Bild ... ein Brief mit guten Worten aus längst vergangenen
Zeiten ... oder etwas von den kleinen Heiligtümern, die ihr als Reste von
dem jauchzenden Leben des Kindes übrig geblieben waren.
Ihr Mann nannte das Ballast, und alle Dinge, die nicht in den Stil
des neuen Lebens paßten, hatten wohlverpackt auf dem großen Boden des
Saalfelder Hauses zurückgelassen werden müssen.
Aber eine kleine Kiste fiel ihr ein, die irrtümlicherweise mit nach Berlin
gekommen war, und die sie nicht hatte öffnen lassen, weil sie wußte, daß
sie nur Wertloses enthalten konnte.
Heute hatte sie Sehnsucht, irgendeinen Gegenstand aus jenen vergangenen
Zeiten vor sich zu sehen.
Sie klingelte und gab den Befehl, die kleine Kiste herbeizuschaffen.
Die treue Lina zog die Augenbrauen in die Höhe. Das Kistchen stünde
wohl auf einer Bodenkammer, aber da wäre doch, soviel sie wüßte, nur ein
Porzellankopf drin ...
Ob sie es denn geöffnet hätte? ...
Jawohl, die gnädige Frau würde sich doch erinnern, daß sie es selbst
befohlen hätte ...
Nein, -- sie erinnerte sich nicht, wiederholte aber den Wunsch, die Kiste
bei sich zu haben.
Die treue Lina holte es also und setzte es mit einem leidenden Seufzer
auf den perlmuttereingelegten Hocker, wo es plump und frech in der zarten
Umgebung dastand.
Frau Erika konnte es kaum erwarten, den darin verpackten Gegenstand zu
enthüllen.
Nun sie ihn in der Hand hielt, gab es eine große Enttäuschung.
Es war ein häßlicher Matrosenkopf in grell bemaltem Porzellan, wie ihn vor
vielen Jahren, vielleicht zu Anfang des vorigen Jahrhunderts, die Seefahrer
aus England herübergebracht hatten. Die großen, hervortretenden Augen
starrten. Blanke Goldringe steckten in den Ohren und eine Pfeife hing aus
dem breiten, roten Mund. Den Schädel verdeckte ein schwarzer Lackhut,
den man abnehmen mußte, wenn man zu dem Tabak gelangen wollte, der in dem
hohlen Innern aufbewahrt wurde. Man spürte jetzt noch den schwachen Geruch,
-- -- und wie lange mochte wohl nichts mehr darin gewesen sein? ...
Frau Erika schloß die Augen, und dann riefen die Erlebnisse aus den
Kindheitstagen sie an, in die dieser Kopf von seiner Ecke her, oben auf dem
eintürigen Schrank, hineingeschaut hatte.
Und wie sie den verödeten Gedankenwegen nachging, tauchten von Neuem lang
vergessene Bilder in ihr auf. Einfache und bedeutungslose, -- aber sie
hauchten ein wunderlich starkes Leben aus ...
... Da war in dem kleinen Haus in der ostpreußischen Hafenstadt ein
Stübchen, wie eine Schiffskabine ausgestattet ... Auf dem schwarzen
Ledersofa sah sie den alten Großohm mit dem breiten, roten Gesicht und dem
schneeweißen Bartkranz drum herum. Neben ihm, zart und fein, die kleine
Großtante im schwarzen Kopftuch, lange, schmale Fidibusstreifen aus weißem
Papier faltend.
Sie selbst auf kleinem Schemel neben dem Tisch. Es wurde stark duftender
Tee aus hohen, goldenen Tassen getrunken, und kleine Gewürzkuchen gab es
dazu, die die Großtante aus einer Blechbüchse hervorholte.
Und dann erzählte der alte Mann Geschichten. Wunderliche Geschichten ...
von Seestürmen, ... von lachenden Küsten, wo die Menschen nackt gingen, --
von Meerungeheuern, die die langen Arme aus dem Wasser reckten und sich mit
tellergroßen Saugnäpfen am Schiffe festsogen, von den wilden Späßen, wenn
man die Linie passierte ... und auch von dem Schattenschiff, das in der
Meerenge Bab-el-Mandeb sein grausiges Wesen trieb.
Von den siebzehn Menschen, denen er dann hier in seiner Tätigkeit als
Oberlotse das Leben gerettet hatte, erzählte wieder seine alte Frau, --
und zuweilen kam auch ihre, Erikas eigene schöne, junge Mutter dazu und
streichelte mit ihren weißen Händen die knotigen Gichtfinger des Alten und
lachte so leise und lustig, wie nur sie lachen konnte, wenn er sie dran
erinnerte, daß sie oben im Sund auf einem Heringsschiff zur Welt gekommen
war. Und die Sonne funkelte in die Fenster des Puppenhäuschens, und abends
kam der Mond und schimmerte auf den weißen Tauen und Segeln des Schiffes,
das in der Mitte des Zimmers von der Decke hing -- oder er glitzerte auf
dem Matrosenkopf, der so lebendig zu werden schien, daß man sich ordentlich
vor ihm fürchte.
Wie fluteten diese Bilder aus goldenen Kinder- und Ferientagen, einfach und
doch so vielsagend, durch das Van-de-Velde-Zimmer!
Mit welch ergreifend rauher Stimme rief jenes Leben die weiche Existenz
von heute an. Aber nun nicht weiter ... Nichts von Elternhaus, nichts von
lustigen Ritten und tränenschwerem Abschied -- nichts von alledem, was dann
kam ... In Gedanken an der See bleiben -- -- bei den lieben, alten Leuten.
Frau Erika legte die heiße Stirn an den häßlichen Matrosenkopf -- man
konnte schon sagen »zärtlich«, meinte die treue Lina an ihrer Türspalte
-- dann setzte sie ihn behutsam auf die Schreibtischecke neben ein
spiegeltragendes Tanagrafigürchen, dessen ausgestreckter zarter Arm sich
gegen die gemeine Nachbarschaft zu wehren schien ...
Es war schon spät, und Frau Erika schlief unter dumpfem Brausen ein, das
von irgendwoher kam. Sie wußte nicht, rauschte das fiebernde Blut in ihr,
oder schlug die Ostsee mit langen, schäumenden Wellen an den Strand, den
sie damals von den kleinen Fenstern des Lotsenhäuschens in Pillau hatte
sehen können ...
Am nächsten Morgen wunderte sie sich über die Stimmungen des vergangenen
Tages und glaubte, sie geträumt zu haben. Das Aufstehen wurde ihr schwer,
die Glieder wollten ihr nicht gehorchen, und die Brust schmerzte sie beim
Atmen noch mehr als gestern. Aber es ließ sich überwinden, und so saß sie
beim Frühstück mit ihrem gewohnten Lächeln dem Gatten gegenüber, der, in
seine Zeitungen vertieft, nicht auf sie achtete.
Schwindlig ging sie dann in ihr grünes Zimmer und legte sich auf die
Chaiselongue unter die großen Latanie.
Der Matrosenkopf, den sie gestern mit so viel wehmütiger Zärtlichkeit auf
den Eckplatz gestellt hatte, war heute in seiner rohen Häßlichkeit geradezu
eine Verunstaltung des schönen Raumes. Und doch konnte sie die Augen nicht
von ihm lassen und glaubte sogar, den schwachen Tabakgeruch zu verspüren,
der doch nur in nächster Nähe zu merken war.
»Ich muß ihn fortsetzen, ehe Lovis kommt,« dachte sie, aber sie rührte sich
nicht.
Und da trat Doktor Lohrer schon ein. Gedämpft fröhlich und mit aufmerksamem
Lächeln um den spitzen Mund.
»Nun,« sagte er -- »dir geht's also besser? ...«
Sie mußte jetzt »ja« sagen. Sie wußte, das erwartete er. Aber plötzlich
regte sich der Wunsch in ihr, bedauert und gepflegt zu werden, und so sagte
sie statt dessen:
»Nein, ich möchte mich am liebsten wieder zu Bett legen.«
»Wegen einer kleinen Erkältung, mit der du sonst die anstrengendsten Dinge
unternimmst? Wenn du dich jetzt legst, bricht unfehlbar der Schnupfen los,
der dich für morgen unmöglich macht.«
Sie schwieg.
»Hast du etwa die fade Absicht, die Sitzung und den Tee im Ministerium
abzusagen?«
»Ich weiß nicht,« sagte sie ängstlich, »ob ich hinkann.«
Jetzt hatte er sich umgewendet und den Matrosenkopf gesehen.
»Erika« ... rief er ganz fassungslos vor Entsetzen ... »Bist du von Sinnen?
... Wie kannst du das Monstrum da vor dir dulden? ... Ist das etwa ein
Geschenk von deiner neuen Freundin?«
Frau Erika bemerkte, wie aufgebracht er war. Sie lenkte ein.
»Verzeih ... ich ließ mich vielleicht wirklich etwas gehen ... das Scheusal
da ist aus Versehen stehen geblieben ... Ein Überbleibsel aus meiner
Kinderzeit ... ich will mir's aufbewahren« ...
»Aber möglichst unsichtbar, wenn ich bitten darf ... Und, -- daß du dich
auf deine Verpflichtungen besinnst und dich nicht hängen läßt, liebes Kind,
freut mich, -- ist aber wohl selbstverständlich.«
»Und du bist überzeugt, daß es sehr wichtig ist?« fragte Frau Erika, ohne
Ton in der Stimme.
»Das ist doch keine Frage! ... Es hat Mühe genug gekostet, dich dahin zu
lanzieren ... Da wir leider keine Kinder haben, will ich wenigstens für
meine Person und für deine natürlich ... aber warum das immer
wiederholen. Wir sind ja einer Meinung und haben uns oft genug darüber
ausgesprochen ...«
Dieser in bösen Stunden immer wiederkehrende Hinweis auf ihre
Kinderlosigkeit, vereint mit dem Vorwurf über ihren Mangel an Vorsicht
bei jenem schrecklichen Unfall, der ihnen das Kind geraubt hatte, wirkte
jedesmal auf Frau Erika, als ob sie zu Boden geschlagen würde. Wenn sie
sich dann erhoben hatte, ging sie wieder gehorsam den gemeinsamen Weg.
Er war übrigens in ihren eigenen, wie den Augen der Welt weit entfernt
davon, ein Dornenweg zu sein ...
Nach dem Lunch, als Herr Doktor Lohrer längst fortgegangen war, hatte Frau
Erika noch ein paar Schwächeanfälle, Frost- und Hitzeschauer. Wenn sie
dann die Augen zumachte, wollte sie sich von neuem die beruhigenden Bilder
vergegenwärtigen, die sich gestern beim Anblick des alten Porzellankopfes
eingefunden hatten.
Sie holte ihn auch wieder aus dem Schränkchen hervor, in dem sie ihn
verborgen hatte, aber heute stand er einfach in seiner kulturlosen
Häßlichkeit da und wollte ihr nichts Schönes erzählen.
Im Gegenteil -- die Gedanken irrten von ihm ab zu verbotenen Wegen, auf
denen einstmals alle Schrecknisse des Menschenlebens, Unglück, Sorge,
Schande und Verlassenheit über sie hatten herfallen wollen ...
Und das waren Töne, die hier nicht anklingen durften ... Mit Gewalt mußten
sie vertrieben werden ... Ein ander Bild ... ein frohes ... Galopp, Menuett
und Walzer ... Nein, _das_ war ja nicht jenes Lied, das sie als Kind
mitgesungen hatte, wenn in den Sommerferien alt und jung vor der Tür des
Lotsenhäuschens zusammensaß ... Das hieß doch: »Morgen, da geht's in die
brausende See ... morgen, da geht's in die brau ... au ... sende See ...«
Sie fuhr auf ... Was war das? ... Sie phantasierte ja am hellen Tage ...
Sie wollte vielleicht doch den Arzt kommen lassen.
Sie stand auf, um zu ihrem Telephon an den Schreibtisch zu gehen.
Da trat die treue Lina ein.
»Herr Doktor telephonieren eben, gnädige Frau möchte nicht vergessen, die
Erkundigung Eichstädter Straße 9 einzuziehen ...«
»Eichstädter Straße 9?« fragte Frau Erika. Die treue Lina senkte bestürzt
die gefärbte Tolle. Sie hatte den Auftrag eben von der Eichstädter Straße
aus bekommen und, in Gedanken noch dort, diese vielgebrauchte Adresse
versehentlich ausgesprochen.
»Ach nein ... nicht Eichstädter -- Heilbronner Straße.«
»Ja gut, Heilbronner, ich hab's ja notiert,« sagte Frau Lohrer. »Bringen
Sie meine Sachen, ich will dann gleich hin ...«
Sie mußte sich zusammennehmen ... Der Doktor hatte bis morgen abend Zeit
... nach dem Tee bei der Ministerin.
Es war schwer, mit den stechenden Schmerzen in der Brust, gegen den Wind
anzukämpfen, und in den Gliedern lag's ihr wie Blei.
Alle melancholischen Schauer eines grauen Novembernachmittags gingen um
... Der erste Schnee war in losen Flocken gefallen und auf dem Pflaster
zu schmutzigem Wasser geworden. Schwere, bleifarbene Wolken drückten sich
immer tiefer in die Straße hinein, und ein leise winselnder, müder Wind
versuchte hier und da vergebens, sie aufzujagen.
Es war noch früh, aber trübe Dämmerung verwischte die Umrisse der Häuser
und Bäume. Menschen und Gefährte bewegten sich wie Schatten.
Von aufspringenden und wieder verschwindenden Gedanken gequält, ging Frau
Erika ihres Weges, und weiter, als sie beabsichtigt hatte. Mitten in der
Potsdamer Straße fiel ihr ein, daß sie mit ihren Brustschmerzen eigentlich
gar nicht gehen durfte, und sie stieg in ein Auto.
Die zuletzt gehörte Adresse klang noch in ihren Ohren, und sie nannte sie:
»Eichstädter Straße 9.«
Die Gegend, in die sie kam, war ihr fremd.
Phantastische Formen sprangen aus dem zitternden Nebel auf. Hier glitzerte
ein Goldbeschlag aus massigen Steinen heraus -- da grüßte eine fratzenhafte
Maske mit aufgerissenem Rachen von einem hohen Torpfeiler herunter ...
dort hob sich eine schwere schmiedeeiserne Einzäunung, hinter der Zypressen
wuchsen, und nun ein Goldgitter ...
Wo war sie? ... Das Auto hielt. Sie zahlte mechanisch.
Aus dem Eingangstor des Hauses, vor dem sie stand, fiel ein breiter,
blutroter Schein auf das nasse Pflaster und rang mit dem blendenden Lichte
einer großen elektrischen Kugellaterne, die eben aufflammte.
»Alles Neubauten,« sagte ein Gedanke in dem fiebernden Hirn der kranken
Frau. Und weiter:
»Wie bin ich hierher gekommen, so weit ab von meiner Wohnung ... und was
will ich hier? ... Ach, das steht in meinem Notizbuch.« ...
Und Frau Erika drückte auf die Glocke.
Die Tür öffnete sich. Sie stand in einem roterleuchteten Vorraum, an
dessen Wänden ein Gewirr von weißen Arabesken, Früchten, Masken und Putten
lebendig zu werden schien ...
Und dann, während Frau Erika in ihrer Handtasche nach dem Notizbuch kramte,
kam ein Wunder: Die weiße Tür links wurde aufgerissen -- ein paar tappende
Schritte ... und auf der obersten Stufe der Treppe die herunterführte,
stand ein Bübchen in weißem, zottigem Mantel, die weiße Kappe aus dem
blühenden Gesicht mit dem blonden Kraushaar geschoben, die dicken
Händchen gespreizt ... und mit Augen, die ganz weit vor Verwunderung
hinunterblickten ... mit Augen!!
Wie kam ihr toter Junge hierher?!?
»Mein Kind ... mein Bub' ... mein alles ... wo warst du so lange? ... wo
haben sie dich versteckt? ... liebes ... liebes ...«
Sie war oben und riß das Bürschchen an sich.
Das war einen Augenblick stumm vor Schreck. Dann fing es zu strampeln und
zu schreien an.
»Loslassen ... loslassen ... Mutti ... Mutti!«
»Was gibt's denn?«
In der offenen Tür stand eine schöne, lebenstrotzende Frau, im eng
anliegenden Schneiderkleid, zum Ausgehen fertig.
Das blühende, breite Gesicht unter dicken, rotbraunen Haarwellen leuchtete
vor Gesundheit. Jeder Muskel des starken Körpers schien von Kraft gespannt
und geschwellt.
»Setzen Sie mal sofort den Jungen hin,« rief sie laut und grell. »Was
bedeutet denn das? ... Ah ... Sie?!! ... Sie?!! ...«
Ihre Stimme überschlug sich. In den schmalen, glitzernden, grauen Augen
brannte eine vernichtende Feindseligkeit auf ... das ganze junge Weib wand
sich in Verlegenheit und giftigem Haß.
Frau Lohrer achtete nicht darauf.
Sie hatte den Buben zur Erde gleiten lassen und stand weiß und stumm da.
»Verzeihung,« sagte sie dann. »Er gleicht zum Verwechseln meinem
verstorbenen Kinde« ...
Die schöne, kraftvolle Person hob das Bürschchen hoch, drückte es an sich
und lachte laut und höhnisch auf.
Dann trat sie hastig in die Wohnung zurück und schloß die Tür hinter sich
zu.
Frau Erika stand noch einige Sekunden da und starrte den Verschwundenen
nach.
Der Portier öffnete sein Fenster und kam dann heraus.
»Zu wem wünschen gnädige Frau?« fragte er höflich.