Herr und Frau Doktor Lohrer bildeten in dem locker zusammengefügten Teil
der Berliner Gesellschaft, der aus einem fließenden Durcheinander von
öffentlichen vornehmen Festen und Wohltätigkeitsvorstellungen besteht --
mit ein wenig militärischem Einschlag und, wenn das Glück günstig ist, auch
einmal unter hoher offizieller Protektion --, etwas wie einen festen Punkt.
Das elegante Paar mit seiner unbeirrten Sicherheit des Auftretens, vor
allem mit der überzarten, fremdartig dunklen Schönheit der Frau, gab jeder
geselligen Zusammenkunft Schmuck und Stil.
Die jungen, noch ungewandten Frauen und Jungfräulein studierten sogar
Haltung und Toilette an Frau Erika Lohrer. Sie achteten darauf, wen
sie begrüßte und mit welcher Abtönung sie das tat. Es war immer das
Vorgeschriebene und der augenblicklichen Lage genau Angemessene -- und das,
was daran fehlte, das Persönliche oder gar Herzliche, konnte ja immer und
nach Temperament oder Liebenswürdigkeit hinzugefügt werden.
Denn daß man etwas wie einen eigenen Ton in dem tadellosen und anmutigen
Gebaren der schönen Frau vermißte, war nicht zu leugnen.
Niemand konnte sie sich mit verschwiegen oder heiß strömenden Tränen oder
mit lautem, glücklichem Lachen vorstellen. Sie lächelte wohl, und bei
gebotener Gelegenheit sah man es auch in ihren schönen, braunen Augen
feucht aufschimmern, aber der Mangel an innerer Beteiligung fiel selbst
in einer Gesellschaft auf, deren betontes Ziel es ist, sich in schönem
Gleichmaß an der Oberfläche zu halten, Tiefen im eigenen Leben nicht ahnen
zu lassen und in dem anderer nicht zu bemerken.
Dabei wußte man durch Verbindungen mit der thüringischen Fabrikstadt, in
der die großen Farbwerke der Familie Lohrer lagen und die auch bis vor
kurzer Zeit ihr Wohnort gewesen war, daß diese Frau, die in schönen
Kleidern durch alle Fährlichkeiten des Lebens zu steuern, Gefühlen und
Irrungen still und freundlich auszuweichen schien, durchaus nicht ohne
Schicksalsschläge ihren äußerlich so glatten Weg hatte gehen dürfen.
Frau Erika stammte aus einer ostpreußischen Mittelstadt, in der ihr Vater,
ein bekannter und sehr beschäftigter Rechtsanwalt, ein für die dortigen
Verhältnisse herausfordernd großes Leben geführt hatte. Von der jungen, zu
holdseliger Schönheit erblühten Tochter wußte man zu erzählen, daß sie eine
voreilige Verlobung mit einem Ulanenoffizier eingegangen war, bei der es
aus Vermögensrücksichten zu keiner Heirat habe kommen können. Die Eltern
hatten sie, damit sie dieses Erlebnis leichter verwinden lerne, zu den
reichen Verwandten Lohrer nach Thüringen geschickt. Während sie dort war,
nahm die falsche Herrlichkeit des Vaterhauses ein Ende mit Schrecken.
Justizrat Lollin und seine Gattin waren eines schönen Tages tot, an
Kohlendunst erstickt, in ihren Betten gefunden worden. Niemand hatte
an einen unglücklichen Zufall geglaubt, berechtigte Gerüchte über die
Notwendigkeit, sich durch den Tod vor Not und Schande zu retten, waren
aufgetaucht, aber auch sofort wieder verstummt. Denn der junge Doktor
Lohrer war erschienen, hatte die Sichtung des Nachlasses in die Hand
genommen und alles so geordnet, daß niemand im geringsten geschädigt worden
war.
Die junge Erika hatte Eltern und Heimat nie wiedergesehen. Sie war im
Lohrerschen Hause geblieben und nicht lange nach dem schrecklichen Ereignis
die vielbeneidete Frau des Doktor Lovis Lohrer geworden.
Ein furchtbarer Schlag hatte sie einige Jahre später allerdings auch noch
getroffen. Ihr einziges Kind, ein schöner blondlockiger Junge, natürlich
Abgott der Eltern, war bei einer Autofahrt mit der Bonne zusammen
verunglückt.
Man hörte, daß Doktor Lohrer verhältnismäßig schwerer daran getragen
habe als Frau Erika, bei deren zarter Gesundheit auf keinen Ersatz des
Verlorenen zu rechnen war. Schließlich aber -- überwunden hatten es nun
wohl beide in ihrem ruhelosen Berliner Leben. Was Frau Erika vielleicht als
sichtbare Spur des Erlebten zurückbehalten hatte, eine weiße Strähne, die
seltsam in das schwarze Haar hineingewachsen war, diente noch dazu, den
Reiz ihrer Erscheinung zu erhöhen.
Ihr Gatte, der in Fragen der Ästhetik auch bei Übelwollenden als Autorität
galt, liebte und bewunderte diese Locke sehr und überwachte selbst die
Unordnung der Frisur, wenn er mit seiner Frau »Staat machen« wollte, wie er
lachend oder vielmehr lächelnd erzählte.
Laut war nämlich auch Doktor Lohrer selten oder nie in seinen Meinungs- und
Gefühlsäußerungen. Aber bei ihm fühlte man zuweilen den Zwang, den er sich
antat, um so unpersönlich und korrekt zu erscheinen, und wer ernsthaft
mit ihm zu tun hatte, wußte, daß diese übergroße, schmale, etwas schlappe
Gestalt sich plötzlich, wie von Federn gestrafft, aufrichten und daß der
gleichmütig verbindliche Ausdruck des glattrasierten Fuchsgesichts sich
je nach Veranlassung in einen beängstigend energischen oder abschreckend
zynischen verwandeln konnte.
Im allgemeinen stand er der Welt, in die er sich verpflanzt hatte, näher
als seine Frau, vielleicht gerade durch die hervorbrechenden kleinen
Schwächen, die man ihm nachweisen konnte, wenn man wollte. Einen
hervorragenden, wenn auch versteckten Platz darunter nahm die für das ewig
Weibliche ein. Man verargte sie ihm nicht, da er in der Öffentlichkeit
stets unzertrennlich von seiner schönen Frau erschien und sie vor aller
Augen mit zartester Aufmerksamkeit umgab.
In Herrengesellschaft und zu vorgerückter Stunde war er ein guter Kumpan,
der mit erfrischendem Gelächter über salonunfähige Witze quittierte und
gelegentlich selbst welche zum besten gab, die vielleicht an Pikanterie die
vorhererzählten noch übertrumpften.
Dann konnte er auch aufrichtig und harmlos von seinem zweiten Heim in der
Eichstädter Straße sprechen, das er sein »hemdärmeliges« zu nennen pflegte,
und von der »Kleinen«, die dort das Herdfeuer hütete.
Hier gab er auch zuweilen ein paar befreundeten Junggesellen hübsche Abende
in vorgeschrittenem Kabarettstil. Das geschah aber sehr diskret und in
einem engen Kreise zuverlässiger Gesinnungsgenossen, und wohl nie, ohne daß
Herr Doktor Lohrer in leuchtender Vaterfreude einen süßen, blondhaarigen
Buben präsentierte, »zu dem die Mutter nun doch einmal gehörte« ...
»Und was wollen Sie, ich bin nun einmal ein Kindernarr, und leider ...
leider ...«
Er zuckte dann bekümmert die Achseln, und man begriff die kleine
»Unregelmäßigkeit«, wo man von ihr erfuhr. Sie war schließlich zu
entschuldigen und vielleicht auch nur eine Art Ausruhen von all der
tadellosen, wohltemperierten Vornehmheit und Stille des eigentlichen
Hauswesens und dessen Herrscherin.
Frau Erika hatte natürlich keine Ahnung von dieser Abweichung ihres Gatten
über den geraden Weg der ehelichen Treue hinaus, -- wenn auch der Verkehr
zwischen der Eichstädter und der Bendlerstraße telephonisch ein ziemlich
reger war.
In der Abwesenheit des Hausherrn besorgte ihn die treue Lina, die Jungfer
der Frau Erika, -- eine Person, auf die man sich in jeder Hinsicht
unbedingt verlassen konnte, wie _Frau_ Lohrer gleichgültig und gläubig
annahm und wie _Herr_ Doktor Lohrer ausgiebig erprobt hatte.
... Es war ein Novembervormittag und ein launenhaft aufspringender Wind
peitschte große Regentropfen auf das Glasdach des Ganges, der in der
Lohrerschen Wohnung die hinteren mit den vorderen Räumen verband. Dieser
Gang enthielt auch die Telephonzelle, aus der eben die treue Lina auf die
Diele hinaustrat, auf der sie den Schritt des heimkehrenden Herrn gehört
hatte.
»Ob Herr Doktor um 7 Uhr in der Eichstädter Straße erwartet werden dürfte?«
fragte sie mit dem vorschriftsmäßig bewegungslosen Gesicht, dem nur
ein kleiner, schräg glitzernder Seitenblick die Andeutung vertraulichen
Einverständnisses gab.
»Wollen sehen -- glaube kaum, Lina.«