Es hatte allen Anschein, daß das wohl der Fall sein könne. Um diese

Zeit nämlich war an dem Havelübergang, von Genthin her, ein Reiter mit

großem Gefolge von, wie es sich anließ, hohen Offizieren, die alle ihre

Pistolen auf den Sattelknopf gestützt hatten, -- mit einem mächtigen

Gefolge von Wachen, Trompeten und Standarten erschienen und hielt, nach

der Stadt hinüberhorchend. Dort hörte das Feuer allmählich auf, und

einzelne Reiter sprengten von ihr wieder zurück: die zweite Zugbrücke

mußte demnach auch genommen sein. Und einer dieser Kavaliere näherte

sich dem hohen Befehlshaber, riß den Hut ab und neigte sich bis auf die

Mähne seines Gauls:

„Kurfürstliche Durchlaucht, wir haben Rathenow, wir haben den Wangelin

und den Weg zum Rhin!“

„Der Brandenburger! der Brandenburger auch!“ ächzte der schwedische

Mann an der Brüstung zwischen dem Pfahlwerk der Brücke, und ohne die

Antwort Kurfürstlicher Durchlaucht abzuwarten, kroch er über den Rand,

rutschte die Böschung hinab, glitt in das Weidengebüsch der Havelinsel

und fand daselbst trotz Nebel, Betäubung, Aufregung und Blutverlust

noch zwei von den Dragonerpferden der Wacht-Abteilung des Korporals

Gockele, angstvoll an ihren Strängen zerrend. Im nächsten Moment schon

saß der brave Alte im Sattel des einen Tieres und jagte über den Werder

hin, links ab. Da die Passage auf Rathenow von dem Generalfeldmarschall

Derfflinger jetzt vollständig frei gemacht war, so ging der Marsch der

sechstausend, vom Rhein her zu Hause anlangenden brandenburgischen

Reiter über die Brücken. Der Werder, über welchen die Obersten Kanne

und Kannowsky zuerst an die Stadt gelangten, war wieder leer; der Nebel

hatte sich allmählich in einen feinen Regendunst verwandelt, und der

sumpfige Boden dröhnte nur wieder von dem Stampfen einiger verwundeter

Pferde, die wie Geistererscheinungen durch den grauen Dunst taumelten,

strauchelten und schossen.

Die Furt, welche die Dragoner des Derfflingers erst mit einiger

Mühe gefunden hatten, kannte der Korporal Sven, von mehreren

Rekognoszierungen aus, gut genug. Er befand sich mitten im Strom und

erreichte den Steindamm am linken Ufer, ohne sich umzusehen.

„Es ist aus, Rolf Kok! Sie haben dich mit dem Obristen tot oder

lebendig!“ rief er jammernd und jagte weiter. Unschlüssig, ob er sich

gegen Havelberg zum Feldmarschall Karl Gustav oder gegen Pritzerbe zu

dessen Stiefbruder, dem Grafen Waldemar, wenden solle, jagte er fürs

erste gradaus in die lieblichen Sümpfe und Heiden der wackern Mark

Brandenburg hinein, im Sinn und Ohr verfolgt von einem ganz andern

Klingen, als dem melodischen Läuten der Kuhglocken im Lande vor dem

Arlberg und dem ermutigenden Wort der Taubenwirtin zu Alberschwende:

„He, Korporal, sing’!“

Das waren eilige Tage, und nimmer ist in der Welt so scharf geritten

worden, wie in diesem Juni des Jahres 1675 in der Mark, sowohl vom

Kurhut Brandenburg als auch von der Krone Schweden!

Neun Tage schon hatte die kurfürstliche Kavallerie nicht abgesattelt,

und nun sprangen auf die Kunde von der Einnahme von Rathenow, im jähen

Schreck und aller Verstörung, auch die schwedischen Herren in die

Sättel. Von Havelberg brach eilends der Feldmarschall Wrangel auf;

von Brandenburg und Pritzerbe sein Stiefbruder. In aller Hast ging

der Marsch der beiden so unvorsichtig geteilten Heeresflügel, ein

spitzwinkelig Dreieck durch Bruch, Moor, Heide und Kieferwald ziehend,

auf den durch alte Schlachten berühmten Kremmerdamm zu, um eine

Vereinigung daselbst herzustellen und, was noch zu retten war, vor dem

zornigen Hausherrn zu retten, ehe Kurfürstliche Durchlaucht, die in

der Mitte der beiden Schenkel dieses Dreiecks gradaus ebenfalls einen

Strich auf Fehrbellin zogen, den ungebetenen Gästen auch da an der Tür

aufwarteten.

Drei Tage ritten sie noch, da trafen sie zusammen, und geschah die

wundervolle Schlacht, die wir leider hier nicht zu beschreiben haben:

unsere Aufgabe ist es, uns nach dem tapfern Korporal Rolf Rolfson Kok

umzutun und zu erkunden, wie es ihm zu Hause weiter erging.

Wir haben gesehen, wie auch er sich eilends aufmachte, als er die

Ankunft der Brandenburger in Erfahrung gebracht hatte. Obgleich ihn

mehr als sechzigjährige Beine trugen, so beflügelte die Vorstellung,

daß der Generalfeldmarschall Derfflinger mit seinen neunundsechzig

Jahren hinter ihm sei, seine Schritte auf den Havelbrücken nicht wenig,

und er kam richtig noch vor dem alten Herrn in der Stadt Rathenow an.

„Alarm! Alarm! Feindio! Feindio!“

Ach, der Korporal Rolf Rolfson Kok hatte leider bei seinem Ruf zu

den Waffen nicht auf den Herrn Landrat von Briest gerechnet. Der

hatte nämlich in Erwartung der Dinge, welche von Südwesten her kommen

sollten, seinen schwedischen Gästen eine große Bewillkommungsfestivität

zurecht gemacht, den Offizieren selber und mit Beihilfe eines löblichen

Magistrates zugetrunken und auch der gemeinen Soldateska durch

gemeine Bürgerschaft auf seine Kosten wacker zutrinken lassen. Die

Folge davon war, daß die Brandenburger, als sie unter dem Derfflinger

und dem Prinzen mit dem silbernen Bein, dem Prinzen von Hamburg,

eindrangen, die meisten der Helden aus Mitternacht im tiefsten Rausch

und süßesten Schlummer vorfanden und sie somit ohne viele Mühe

totschlagen konnten. Die, welche etwas bei Besinnung waren, wehrten

sich freilich tapfer genug in den Gassen und auf und an den alten,

morschen, mittelalterlichen Mauern und Toren; allein auch sie wurden

mit verhältnismäßig geringer Mühe niedergemacht oder gefangen. Von

den sechs Kompagnieen, die mit dem Obristen von Wangelin in Rathenow

eingerückt waren, rettete höchstens ein Dutzend Leute das Leben und

die Freiheit, und unter diesen vom Glück Begünstigten befand sich

gottlob auch unser guter Freund, der Korporal Rolf. Wie der Korporal

Sven an der Böschung des Haveldammes, so glitt er an Wall und Mauer

der Stadt Rathenow hinunter, fiel, von Fortuna noch einmal in Schutz

genommen, auf ein ledig Reiterpferd des Herrn Obristleutnants Kanne und

galloppierte nunmehr gleichfalls, und ebenso betäubt und schwindelnd

wie der Kamerad, in den Morgen und in die Mark Brandenburg hinein.

12.

Am siebenzehnten Juni alten und siebenundzwanzigsten neuen Stils,

nachdem am Tage vorher der Schwed’ im Zug auf Nauen gesehen worden war,

regnete es schlimm, obgleich es am folgenden glorreichen Tage, solange

die Schlacht dauerte, noch viel schlimmer regnete. Was aber die Sümpfe

zwischen der Havel und dem Rhin bei anhaltendem Regen zu bedeuten

haben, das erprobe ein jeglicher, der Lust dazu hat, selber und lobe

nachher seine Erfahrungen, wann er wieder im Trockenen sitzt!

Und von der Havel bis zum Rhin ritten bereits seit dem sechzehnten

die Streifparteien der beiden schwedischen Heeresteile und der

vorwärts drängenden Brandenburger gegeneinander und umeinander herum,

während überall das aufgeregte, wütende Landvolk mit allerhand Gewehr

und Gewaffen der Not auf den Beinen war: kurz, es war ein schwer

Durchkommen selbst für zwei alte Korporale des Königs Gustav Adolf, die

dem Überfall von Rathenow entwischten und nun die ihrigen suchten, ein

jeglicher bis jetzt noch für sich allein.

„Wenn mir heute einer sagte, daß ich einmal Hafenvogt zu Lindau im

Bodensee gewesen sei, so schlüge ich ihm die Zähne in den Hals hinein,

so wenig glaube ich dran“, brummte der Korporal Rolf Rolfson Kok,

indem er am 17. Juni am Spätnachmittag zum dritten Mal seit der letzten

Viertelstunde vor einem neuen Sumpfe vom Pferd stieg, um das Terrain

als vorsichtiger Mann zu untersuchen, bevor er sich ihm mit seinem

ermüdeten Gaul anvertraute, nachdem er wieder einmal mit Mühe einer

nachsetzenden Patrouille des Herrn Generalmajors Lüdecke entgangen

war. Ritterlich hatte er einen seiner Verfolger erlegt und dadurch

den Jagdeifer der übrigen ungemein erhöht; allein einen einzelnen

Mann zu jagen, lohnte sich heute eigentlich unter keinen Umständen,

und so hatten die kurfürstlichen Kürassiere zuletzt doch in einem

Kieferngehölze die Verfolgung aufgegeben, und der Korporal Rolf stak

naß, triefend, hungrig und durstig zwischen Sumpf und Moor und suchte

vorsichtig, wie wir gesagt haben, einen Übergang gen Nordost. Das war

keine geringe Aufgabe, und mit steigendem Verdruß tastete und platschte

er und rettete sich von neuem auf festeren Grund, bis er endlich eine

Art von Fußpfad durch das tröpfelnde Gebüsch fand und ihn behutsam

beschritt, seinen abgehetzten Gaul am Zügel hinter sich drein ziehend.

Immerfort mit sich selber redend, oder vielmehr in den Bart brummend,

tappte er zu; aber schon nach zehn Minuten hielt er horchend von neuem

an; denn plötzlich vernahm er vor sich aus dem Dickicht ein Schnauben

und Stampfen, vermischt mit lauten und halblauten Schimpfworten und

Verwünschungen, die sämtlich nicht auf dem märkischen Boden gewachsen

waren. Der Korporal Rolf stand und horchte atemlos. Derjenige,

welcher dort hinter den Rüstern, wie es schien, gleichfalls im Sumpfe

feststeckte, verwünschte sein Schicksal in schwedischer Zunge, und

nachdem der vormalige Hafenwärtel der freien Reichsstadt Lindau

nochmals die Hand hinter das Ohr gehalten hatte, schrie er:

„Vivat Schweden! Ich komme, Kamerad!“ und drang mutvoll tiefer in das

Moor ein, den kläglichen und verdrießlichen Kundgebungen nach.

Aus dem Gebüsche hatte ihm ein Gegenruf geantwortet und der erboste

Wunsch: wenn der Kamerad wirklich ein gutes schwedisches Herz habe, so

möge er eiligst kommen, es sei Not vorhanden. Der Korporal Rolf hatte

geantwortet: „Hier auch!“ war aber doch drauf losmarschiert, und wieder

nach einigem beschwerlichen Durchwinden drang er aus dem Gebüsch hervor

und hatte das Schauspiel, das er erwartete, vor sich, wie er es sich

vorgestellt hatte.

Ein großes Gestampf und Geplatsch im Moor und Röhricht, -- zerstampfte

Binsen und Gesträuche, -- ein halb versunken Roß, und darauf ein

rotlockiger, schwedischer Reitersmann, mohrenfarbig vom Sumpfwasser, --

triefend wie alles umher vom Regen, -- und dem gänzlichen Versinken in

die schlammige Tiefe nahe!

„Wenn es mein leiblicher Vater wär’, so würde ich ihn nicht in dem Kerl

erkennen!“ murrte der Korporal Rolf; dagegen erkannte der Mensch im

Röhricht den Korporal Rolf und schrie:

„Alle guten und bösen Geister -- bist du es, Rolf Rolfson Kok? O, du

himmlische Güte, kommen wir wirklich noch einmal zusammen auf dieser

niederträchtigen Welt? Ich bin es, Wachtkommandant! Kennt ihr mich

nicht? Ja, Herzbruder, meine eigene Mutter möcht’ mich wohl nach einem

solchen Ritt und in solcher Farb’ und Zerzausung nicht erkennen!“

„Sven Knäckabröd?! Sven, Sven?“ schrie der andere. „Hat dich der

Derfflinger nicht ganz und vollständig geholt? Das ist freilich bei

allem Elend das beste Abenteuer, was mir noch zu Teil werden konnte.

So schickt sich alles, und darum bin ich vorgestern von der Rathenower

Stadtmauer auf einen brandenburgischen Profossengaul gefallen, um dir

heute hier aus dem Malheur helfen zu können! Halt’ gut, noch einen

Augenblick halt’ den Kopf über dem Wasser, Sven! gleich hab’ ich dich

auf dem Trockenen, soweit es bei diesem Regen von oben und diesem

Morast von unten zu machen ist.“

Er hatte sofort nach dem Bündel Hanfstricke, welches von dem

Sattelknopf seines Vorgängers in eben diesem Sattel herabhing, und

für die Hälse der Marodeurs, Spione und sonstigen soldatischen

Übeltäter beider Heere bestimmt war, gegriffen, es heruntergerissen und

auseinandergewickelt. Mit vielem Geschick verknüpfte er die einzelnen

Stricke miteinander und hatte bereits im nächsten Augenblick dem

armen Korporal Sven Knudson Knäckabröd ein tüchtig und haltbar Seil

zugeworfen; -- nicht um ihn damit in die Ewigkeit hineinzubefördern,

sondern um ihn so sanft als möglich aus dem Sumpfe der Mark Brandenburg

hervorzuziehen. Nach einem ängstlichen und schweißtriefenden Abzappeln

von einer Viertelstunde waren beide gerettet -- der Korporal Sven wie

sein Roß -- und standen beide keuchend und schnaufend am Rande des

verräterischen, grün überwachsenen Schlammes. Selbst der Frau Fortunata

Madlener hatte Sven Knudson Knäckabröd, als er nach der Schlacht am

roten Egg unter ihrer Pflege erwachte, nicht so zärtlich die Hand

geschüttelt, wie er sie jetzt dem guten Kameraden aus der Krone zu

Lindau schüttelte.

„Und nun, Bruder Sven, wie ist dir außerdem, daß du aussiehst wie ein

Mohrenpauker bei einer Leibtrabantengarde?“ fragte der Korporal Rolf.

„Danke für die Nachfrage! Dumm, leer im Magen und jammerhaft im Sinn,

Rolf Kok. Ach, Rolf Rolfson Kok, schauderhaft verbiestert!“

„In Lindau in der Krone haben sie eine Art Würste, an welche ich jetzo

schon anderthalb Tage lang habe denken müssen. Und was den Wein vom

vorigen Herbst betreffen möchte --“ der Korporal Sven ließ ein dumpfes

Geheul vernehmen, gleich einem angeketteten Hofhund, welchem man ein

Stück Schinken von Ferne zeigt; glücklicherweise geriet der Korporal

Rolf schnell auf etwas anderes.

„Und Rathenow haben sie; und wer weiß, was sie noch alles haben. Zu

Hunderten liegen die Unsrigen vom Regiment Wangelin in den Gassen und

in den Häusern. O Sven, ich gäb’ heut’ noch mehr darum, als damals

auf der Bastion zu Lindau, wenn ich den Weg zum Wrangel fände. Bei

solchem Hunger und Durst solche Wehmütigkeit und solchen Grimm erdulden

zu müssen, das hält nicht einmal ein Mensch aus, der mit dem großen

Gustavus Adolfus auf Usedom landete und nachher alles mit durchmachte.“

„Das nächste Mal reiß’ ich nicht wieder aus, wenn die Brandenburger

mich zu Gesicht kriegen; -- ich halte Stand und lasse dem Trübsal ein

Ende machen“, ächzte Sven.

„Das beste ists; ich bin mit von der Partie, Bruder“, sprach Rolf

ebenso verzweifelt-grimmig. Im nächsten Moment horchte er wieder und

rief sodann:

„Sieh, da ist die angenehme Gelegenheit schon. Horch, da sind sie

wieder aneinander! Zu Pferde, zu Pferde und darauf los. Die Mähren

brauchen eben doch nicht länger bei Atem zu bleiben als wir. Heraus

mit den Plempen, und: Vivat ein ehrlicher schwedischer Reitertod! Was

aber das übrige anbetrifft, so wäre es mir allmählich einerlei, wer

den Weltball hinnähme, ob die Kron Schweden, oder dieser Kurfürst von

Brandenburg mit seiner verwetterten Kavallerie!“

Sie stiegen mühselig von neuem auf ihre Gäule, die auch wieder und zwar

fast menschlich seufzten. Um den verräterischen Sumpf herum ritten sie

abermals in den Kiefern- und Rüsternwald hinein, dem vernommenen Schall

des fernen Kanonendonners und der nahen Büchsenschüsse, Trompetenstöße

und Menschenstimmen nach.

„Das ist Nauen, um welches die Konstabler spielen; und jetzo weiß man

wenigstens wieder, nach welcher Richtung man die Nase zu drehen hat.

Das ist auch ein Trost; aber der andere Lärm beweist mir, daß Schweden

noch immer auf dem Rückzuge ist. Vorwärts, Bruderherz; einmal müssen

wir unsere Löffel noch in den Brei tunken!“

„Sprich mir nicht von Brei, Rolf Rolfson Kok!“ bat Sven Knäckabröd

kläglich. „Du könntest eben so gut von einem gebratenen Ochsen reden.

Das Herz wendet sich mir jedesmal, wenn ich dich von Löffel, Messer

und Gabel diskurrieren hör’, im Leibe um. Ja, vorwärts, Kamerad, und

wollt’, es würde endlich einmal wieder licht vor uns; was wir auch auf

der Landstraße finden möchten!“

Der Wunsch, welchen der Korporal Gockele vollkommen teilte, sollte

ihnen noch vor Sonnenuntergang, -- wenn man an einem solchen Regentage

von Sonnenuntergang reden konnte, -- gewährt werden. Nachdem sie noch

manche Fährlichkeit des Weges überwunden hatten, kamen sie endlich

wirklich aus dem Walde heraus, und zwar mit immer heftiger pochenden

Herzen, und das war wahrhaftig kein Wunder.

Es war ein Brausen, Schwirren, Brüllen, Rufen und Kreischen in den

Lüften, als ob sich auf der Erde Tausende und aber Tausende auf einem

engen Pfade in höchster Not drängten -- ein Brausen und Geschrei wie

von Tausenden auf dem Marsche, und zwar auf einem Rückzugsmarsche! Das

hallte von ferne unter den schweren, grauen Regenwolken her, als ob der

Himmel es nicht hören wolle und das Gewölk wie eine Wand zwischen sich

und den irdischen Jammer gelegt habe.

Näher und näher erscholl’s, je weiter die beiden Korporale vorwärts

drangen, und als sie endlich den Wald sich lichten sahen, da erblickten

sie schon zwischen den letzten Kiefernstämmen den Grund des Getöses,

und als sie hervorritten aus der Dämmerung des Gehölzes, da spielte das

große, aber schreckliche Schauspiel auf Entfernung von einigen hundert

Schritten vor ihren Augen sich ab!

In der graufahlen Beleuchtung des abendlichen Regenhimmels dehnten

sich die großen Sümpfe, das Havelland-Luch -- und durch das Luch zog

sich der schmale Damm, und auf demselben, so weit das Auge reichte,

von einem Horizont zum andern, wälzte sich der schwedische Rückzug.

Reiterei und Fußvolk, Geschütz, Bagage, Weiber und Schlachtvieh

durcheinander, im wirren grausigen Getümmel vorüber; fern im Süd’ aber

klang und donnerte das Gefecht der Nachhut. Die Brandenburger taten

dort ihr Möglichstes, den Schrecken und die Verwirrung in den Gliedern

des Feindes zu erhalten und den Kehraus nach besten Kräften vorzunehmen.

Wie zwei Bildsäulen saßen die zwei alten Kriegsgenossen des großen

Königs Gustav Adolf auf ihren Pferden und starrten auf das erstaunliche

Spektakel. Hunger, Durst und Ermüdung waren vollständig vergessen.

Für sich und an sich selber fühlten sie nichts mehr. Sie starrten --

stierten -- und dann nickten sie beide zu gleicher Zeit mit den Köpfen,

und dann -- rollten wirklich ihnen die Tränen hell aus den Augen und

verloren sich mit den ihnen ins Gesicht schlagenden Regentropfen in den

weißen Bärten -- --

„O Sven“, stöhnte endlich Rolf Kok, „sind wir darum so weit

hergekommen? Sind wir darum aus dem Schlaf auferwecket, um das zu

erleben? O Sven, o Sven, es ist aus mit uns, und ich wollte, der

Herrgott hätte uns in unserer Versprengung belassen und uns nicht das

Herz erregt durcheinander und durch den welschen Signor Tito Titinio

Raffa, oder wie er hieß, der Ruffian!“

„Ich wollt’ es auch, Rolf“, seufzte der Korporal Sven Knudson

Knäckabröd. „Auf mich und dich kommt es wohl nicht an, und was wir

darüber denken, ist auch gleichgültig: aber daß dieses dem Karl Gustav,

dem gewaltigen Konnetable Wrangel passieren muß, das ist das Elend!

Sieh, und da sind die Kürassiers von Wachtmeisters Regiment. Da sieh

nur, wie die Schufte in den Sätteln hängen und wie reitende Feldhasen

über die Schultern gucken. Und das trägt Harnisch und Schwert! Da,

da -- sieh -- da drängen sie sich gar gegenseitig von der Straße, um

nur ja die eigene Schande unversehrt in Sicherheit zu bringen! Ach

Schweden, Schweden, an manchem Sommerabende hab’ ich dich über die

Berge und den See weg gesehen, sitzend wie eine Königin in Purpur. Da

hab’ ich mein Heimweh stillen müssen, und nun sehe ich dich als ein

Bettelweib, wie mit dem Knüttel aus einem fremden Hause gejagt! Was

sagst du, Bruder? Ich sage, wir reiten nun eben mit bis zum Ende.“

„Wir reiten mit bis zum Ende!“ rief der Korporal Rolf Kok, und blind

trieben die beiden tapferen Grauköpfe unter den letzten Bäumen und aus

dem letzten Gestrüpp des Waldes ihre Rosse mit wilden Sporenstößen

hervor und hinab in den Sumpf, der sie von dem berühmten Damme trennte.

Ihr Fatum aber schien sie wirklich bis zum Schlusse der Tragödia

mitspielen lassen zu wollen. Der Sumpf verschlang sie nicht, sie

erreichten den betrüblichen Strom von Menschen und Vieh, der in dem

dunkelnden Abend durch die verregnete Mark heranwogte, und so wurden

sie fortgerissen und fortgewirbelt -- zwei Tropfen in der kläglichen

Flut der schwedischen Retraite, -- fortgewirbelt, dem Rhin entgegen.

13.

Der Herbst des Jahres 1675 war gekommen, lachend wie ein rechter Bruder

des Frühlings. Im weichverschleierten Sonnenlicht lag die Rheintalebene

zwischen den Bergen des Bregenzerwaldes und den Bergen von St. Gallen

und Appenzell. Lachend tanzte der junge Fluß dem Bodensee zu, als ob er

nie Felsentrümmer und Hochwaldsbäume vor sich hergeschleudert, als ob

er nie die Felder und Wiesen schwerarbeitender Menschen mit haushohem

Schlamm und wüstem Steingeröll bedeckt habe; oder als ob er doch

wenigstens die Absicht habe, von jetzt an es nicht wieder zu tun.

Es war ein Sonntag in den letzten Tagen des Septembers. In jeder

Schenke am Wege klang die Fiedel. Von der Höhe des Steusberges glänzten

hell und weiß die Türme von Maria-Bildstein herab; es war auch ein

Wallfahrtstag zu Maria-Bildstein, und alle Wege weit umher waren mit

den bunten Gruppen der frommen Christen und Christinnen bedeckt, die

entweder noch zum Gebet auf der Höhe emporstiegen, oder bereits wieder

herunter und hinab in das irdische Jubelgetümmel.

Zu Schwarzach im Löwen herrschte vor allem ein lustiges Leben; aber

da das muntere Treiben, hier wie in jeder andern Schenke, sich wenig

von dem zu Anfang dieser ziemlich historischen Geschichte beim

Geburtstagsfeste des heiligen Gebhard geschilderten unterschied,

so haben wir nicht nötig, uns an dieser Stelle auf eine abermalige

Beschreibung einzulassen. Wir haben Sonderbareres zu berichten.

Den ganzen Morgen hindurch hatte unter den Kastanienbäumen vor dem

Wirtshause zum Engel an der Achbrücke bei Oberrieden ein Mann gesessen,

der, ein wenig scheu, einen gewaltigen Durst zu löschen hatte, und der

jetzo langsamen und müden Schrittes durch das Dorf Schwarzach zog und,

dem Anschein nach, auch auf dem Wege am liebsten niemandem ins Gesicht

gesehen haben würde.

Es war ein alter, weißköpfiger, gebückter Mensch, der schwerfällig

auftrat und seinen Stab nicht als eine überflüssige Zierde trug und

handhabte. Er war bekleidet mit einem abgeblichenen roten Tuchkoller,

über dem ein rostig-gelblicher Schimmer lag, als ob sich lange Zeit ein

Eisenküraß dran gerieben habe. Er trug ein gelbledern Wehrgehäng, doch

fehlte das Schwert; er trug desolate hohe Reiterstiefel, an welchen

die Sporen fehlten, und er trug einen breitkrämpigen, an der Seite

aufgeschlagenen Filzhut, welchem jedoch Feder und Kokarde ermangelten,

der dafür aber mit einigen Rissen und Schrammen, die nur von naher

Berührung mit blanken Waffen herrühren konnten, geziert war.

Die Wirtsleute und die Gäste vom Engel an der Ach hatten ihn mit

ziemlicher Verwunderung beobachtet, wie er geduckt vor seinem Schoppen

saß. Sie hatten natürlicherweise auch mehr als einmal versucht, ein

Gespräch mit ihm anzuknüpfen; allein er hatte selbst auf die höflichste

Frage nicht Rede und Antwort stehen wollen, sondern nur grimmig in

seinen Krug gesehen, oder denselben stumm zu neuer Füllung hingereicht.

Kopfschüttelnd hatte das gutmütige Volk ihm nachgeblickt, als er sich

endlich, schwer ächzend, erhob, ohne Gruß aus dem Schatten der Bäume

fortschritt und weiter marschierte auf dem Wege durch die Felder,

Schwarzach zu; und alle, die ihm begegneten, blieben gleichfalls stehen

und sahen ihm verwundert und kopfschüttelnd nach. Einige Male sagte

auch wohl jemand: „Den sollte ich ja doch kennen!“ aber wohin er ihn

tun solle, das wußte er dann doch nicht, und erst, als der Alte auf

seinem Marsche durch das große Dorf Schwarzach vor der Tür des Löwen

angelangt war, fand sich einer, der es wußte.

Auch hier wollte der Rotrock verstohlen an der entgegengesetzten Seite

der Straße vorüberschleichen; allein es sollte ihm nicht gelingen.

„Halt ihn, halt ihn! Bigott, da, da! Er ist es! Halt ihn!“ schrie eine

quäkige Stimme aus dem offenen Fenster herab, und rückwärts sich in die

Stube wendend, schien der Schreier eine seltsame Neuigkeit dem gedrückt

vollen Raume zu verkünden. Es entstand ein gewaltiges Gepolter und

Aufstehen, ein lachendes, verwundertes Durcheinander von Stimmen in

der Zechstube des Löwen, und hervor aus dem Hause quollen die Gäste,

und die Treppe hinunter hüpfte hinkend Meister Macedon Trafojer, ein

armselig, halblahm, dürr Schneiderlein, welches von Zeit zu Zeit auch

nach Alberschwende auf die Flickarbeit kam und die Frau Fortunata

Madlener, sowie ihren Haushalt und ihre Wirtschaft zum Genauesten

kannte.

Deutsche Humoristen, 1. Band (von 8) · 第 5 / 11 段